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Fernes Gewittergrollen verliert sich im lauten Treiben des Menschenstroms, der die schwülen Stra?en füllt.
über dem ganzen überspannten, überbürdeten Menschentum lastet die gro?e Sonnenhitze und die Enge der Gassen, die H?he der H?user.
All diese Menschen sind so eingezw?ngt, wenn sie's auch nicht klar wissen.
Die Enge der Herzen, die Enge der K?pfe und Gesinnungen, der H?fe und G?nge, die Enge der Stuben, der ganze Brodel in dem sie leben, alles lastet und drückt und macht sie st?hnen und stimmt sie unbewu?t sehnsuchtsvoll, unbewu?t unzufrieden.
Da kam der erste gro?e, freie Donnerschlag.
Oho!
Darauf ein verd?chtiges Schauerlüftchen, das den fettigen, feuchten Stra?engesichtern den Staub entgegenbl?st.
Alles wirbelt.
Das, was einst lebte und nun als ekler Staub geduldig liegt, beginnt zu tanzen - tanzt und f?hrt den Lebenden widrig in die Augen und bedr?ngt sie. Es kommt ein Hasten in die stumpfsinnige Menge, so ein gesundes natürliches Hasten, das der Herdentiere.
Wie sie laufen, als ob sie aus Zucker w?ren und die schweren frischen Regentropfen an ihnen lecken und sie aufl?sen würden.
Und wie wohl thun diese schweren Tropfen! Auf den gluthei?en Steinen geben sie dunkle, thalergro?e Flecken und von dem aufgeh?uften Staub lassen sie lebendigen Erdgeruch aufsteigen.
Blitz und Donner und die schweren gesegneten Tropfen! Wenn die in den St?dtequalm hineinfahren, das ist etwas! Ein Hochgefühl zum aufjauchzen!
Nur immer ?rger! immer toller!
Die braunen Güsse, die durch die Rinnen jagen, die braunen Teiche und Tümpel auf Schritt und Tritt, in denen die Tropfen aufspringen und hüpfen und spritzen!
Das ist lustig.
Und die staubkrustigen B?ume mit dem früh hinsterbenden Laub, wenn in sie die Regenflut rauscht, wenn die nicht wissen, wohin mit dem überschwall von Frische - da lacht einem das Herz.
Nur immer ?rger - immer toller, wenn auch ein paar ?ste daran glauben müssen!
Und die Stra?en so rein gefegt vom Gesindel!
Das thut wohl!
Da sind sie einmal verscheucht, die Alltagsgesichter!
Hei - wie das sch?n ist! So sauber, so morgenfrisch!
Wenn sie sich doch so bald nicht wieder herauswagen wollten!
Aber die kommen wieder; ganz gewi?, - das wei? man schon.
*
Auf einem alten merkwürdigen Platz, hinter der griechischen Kirche, haben sie eine Fleischbank abgetragen, um eine gro?e Markthalle zu bauen und sind dabei auf menschliche Gebeine gesto?en, - auf eine so gro?e Anzahl von Gebeinen, da? es den Leuten angst und bange wurde.
Auf so etwas waren sie jahraus, jahrein getreten, bei ihren Eink?ufen, ihren Spazierg?ngen und bei manchem Stelldichein.
Gerade an der Stra?enecke, in dem dunkeln Winkel, der abends so ungest?rt, so einladend war, auf dem so viel Generationen heimliche Küsse getauscht haben, hat so ein Gro?er, Langer gelegen, kaum einen halben Meter unter den Pflastersteinen, so gut noch beisammen, so langgestreckt, und die hohlen Augen gen Himmel gerichtet.
Auf solch einem Grausen hatten die P?rchen also immer gestanden.
Hunderte hatten tagsüber den Platz umlagert und auf das Schauerhandwerk der Arbeiter geschaut.
Die Knochen wurden aus dem dunkelbraunen Sand herausgewühlt und in gro?e Kisten gelegt.
Ein fideler Kapuziner, der zur Beaufsichtigung der Angelegenheit beigegeben war, hatte hin und wieder den Deckel einer Kiste gehoben und schmunzelnd Umschau über seine Schutzbefohlenen gehalten.
Es waren halt auch Kapuziner gewesen, diese braunen Knochen. Der Kapuziner hatte daher etwas ganz Kollegialisches im Verkehr mit ihnen.
?Wir sind vom selben Orden. Ich kenne eure Schliche, Fratres."
Er wog einen Sch?del in der Hand - und schmunzelte. Er wog einen Schenkelknochen und schmunzelte, nahm es, Gott Lob, von der leichten Seite.
Und das alte Bahrtuch, das über jede der gro?en Kisten gebreitet war, deckte er allemal vorsorglich darüber, wenn wieder ein Schupp Knochen eingeschüttet war.
Ehre, wem Ehre gebührt.
Dabei schmunzelte er nicht, das nahm er ernst.
Die Schulbuben waren wie versessen auf das seltene Schauspiel, und auch die alten Weiber hatten gestanden und gestanden ohne Aufh?ren. Was thut nicht so ein altes Weib, wenns was zu sehen giebt. Da haben sie Kr?fte wie D?monen.
Die Schulbuben hatten sich um die uralten Sarghenkel gerauft, die hin und wieder zu Tage gef?rdert wurden, verrostet und wie in eine Schicht von Kies eingebacken.
Es waren Altertümer - wirkliche Altertümer, die Jahrhunderte bei den Toten gelegen - also ganz echt, wahre Sch?tze.
über diesen Haufen neugieriger Lebewesen, die sich um die armen Knochen dr?ngten, war das Hochgewitter hereingebrochen.
Der erste, gro?e, freie Donnerschlag hatte auch sie überrumpelt, und der m?chtige Regengu? sprühte die Menge an und vertrieb sie.
Sie waren wie weggewaschen, - auch der Kapuziner und der pflichtgetreue Schutzmann; nur die Knochen unter den zerrissenen triefenden Bahrtüchern blieben über der aufgewühlten Erde, die im Nu zu einem braunen Tümpel umgestaltet war.
*
Ein Sch?del war vom Regenstrom aus dem Sande frei gespült.
Er lag mitten im Wassertümpel. Seine Glatze schaute ein wenig darüber hinaus. Die Wellchen spülten um die kleine beinerne Insel.
Aus dem Fenster eines gro?en Zinshauses schaute ein M?dchen auf den eirunden gelblich br?unlichen Fleck.
?Ein Stein' dachte sie - ?oder?'
Schon lange hatte sie sich am Fenster aufgehalten und hinausgesehen, bald halb knieend, auf dem Stuhl, bald im Stuhl lehnend, die jungen H?nde um das Knie gefaltet; bald hatte sie mit den Fingern am Fensterglas leise geklimpert oder eine Lockenspitze zwischen die Z?hne genommen und daran geknabbert.
Der kleine feste Kopf mit dem dunkeln Geschau, pr?chtig frei auf dem schlanken Hals sitzend, war unverwandt auf das gesch?ftige Wühlen der Arbeiter gerichtet.
Wenn sie da unten wieder einen Fund gethan, ist sie immer mit ganzer Seele dabei gewesen. ?So etwas! - so ein Glück, die grausliche Geschichte vor dem Fenster zu haben! Wie gut, da? sie hier gemietet hatten!'
Sie sah so befriedigt aus. über ihr, am wei?en, verwaschenen Fenstervorhang, h?ngt ein fünffaches Ki?chen, eins über dem andern, aus gelbem Atlas, ein Riechki?chen mit Irispulver gefüllt, und dieser trockene Duft berührt mit jedem Atemzug ihre Geruchsnerven.
Das Zimmer, in dem sie sich aufh?lt, pa?t nicht gerade gut zu der verw?hnten hingerekelten Gestalt des jungen Gesch?pfes.
Es hat etwas Spie?bürgerliches, etwas Verbrauchtes, etwas, aus dem sie herausgewachsen ist.
Es sind da auch zwei Seelen in dem einen Raum zu spüren. Zwei grundverschiedene Seelen, mit grundverschiedenen Angewohnheiten.
Das eine schmale Bett mit einem roten, altertümlichen Stück Damastseide zugedeckt, das nach einer Altarverkleidung aussieht; das andere Bett ganz unbedeckt und uns?glich sorgf?ltig hergerichtet, kein F?ltchen, keine Unebenheit. über diesem Bett h?ngen Photographien von Familiengliedern, Freundinnen.
Ganze Regimenter Kotillonstr?u?chen sind zu Sternen und Rosetten geordnet, japanische Papierf?cher und allerhand Krimskrams, alles wohl abgest?ubt.
An der Wand des Bettes mit der geflickten Purpurdecke ist nichts dergleichen zu sehen; nur ein paar unaufgezogene Originalphotographien nach alten Meistern sind hier mit gelben Zeichenstiften fest gemacht.
Die tiefen, vornehmen T?ne unterbrechen das Banale der Wand.
*
Die Thür zum Nebenzimmer wird ge?ffnet und eine weinerliche Stimme sagt:
?Hast du denn garnichts weiter zu thun?"
Die Stimme geh?rt einer langen schlanken Frau mit kleinem Kopf und feiner Gestalt.
?Ach - das ist doch zu arg!"
Jetzt wendete sich das M?dchen um. Sie schien zuerst nicht geh?rt zu haben.
?Mama?" antwortete sie.
?Thust du denn auch gar nichts?" - dieselbe weinerliche Stimme.
?Was soll ich denn thun?"
?Siehst du denn nicht, wie ich mich plage?"
?Ach Mama."
Es lag so etwas in dieser gedehnten müden Antwort, als wollte sie sagen: La? doch! Ich wei? wirklich nicht, was ich thun soll. Du plagst dich doch auf alle F?lle!
?Nun, und Marie, wei? die es etwa nicht?"
?Ja wohl, gescheidter w?r's aber, ihr lie?t das M?del mehr arbeiten, ihr verderbt jedes M?dchen."
?Werden etwa alle Tage Kapuziner hier ausgegraben?"
?Das fehlte auch noch! Wie kannst du da nur immer zusehn? Ich bin froh, wenn ich nichts davon gewahr werde."
?La? mich doch!"
?Frau Doktor!" rief dreimal hinter einander die ungebildete überlaute Stimme des Dienstm?dchens vor der Thür.
Und, als h?tte ihr Vorgesetzter gerufen, war Frau Doktor Frey hastig zum Zimmer hinausgeschlüpft.
Die junge Isolde seufzte, dehnte sich und hockte sich wieder am Fenster zurecht.
Der Regen hatte nachgelassen. Der Tümpel auf dem Totenfeld war fast eingekrochen. Schimmernde Wasserblasen sa?en im Sande und platzten und lie?en einen feinen schwarzen Ring zurück, aus winzigen Kohlen- und Holzteilchen gebildet.
Auch der ganze Tümpel hatte die verschiedenen Stadien seines Einkriechens mit schwarzen Linien bezeichnet - tripp, trapp, troll.
Hier hatte er ein wenig gez?gert, hier wieder, hier wieder. Es war wie eine feine Linienarbeit.
Die kleine beinerne Insel, um die die Wellchen des Tümpels gespült hatten, der Sch?del, lag jetzt ganz frei; auch um die Stirn sa? das schwarze Linienwerk in perlmutterschimmernden Bl?schen und leichtem Wasserschaum.
Das alles sah das junge M?dchen. Sie hatte aus einem Schubfach ein Opernglas genommen und hielt es auf den Sch?del gerichtet.
Dann ging sie im Zimmer auf und nieder, ganz nachdenklich und nahm dann wieder das Opernglas.
Die D?mmerung brach herein und am Himmel drohten schwarzblaue Wolken zu neuem Regengu?.
Es kam ein Nachtrab.
Vielleicht erst jetzt das Wahre! Auch der Wind hatte sich wieder erhoben. Die Leute rannten schon mit aufgespannten Regenschirmen.
Des M?dchens ganzes Benehmen wurde ein unruhiges; etwas Unschlüssiges lag in ihren Bewegungen.
Sie wanderte weiter im Zimmer auf und ab.
Jetzt ?ffnete sie den Schrank, griff nach dem Hut, band ein Schleierchen vor, vorsichtig huschte sie aus dem Zimmer; drau?en nahm sie ihren Regenmantel um, ging dann zur Korridorthür hinaus, und unter dem Regenschirm gerad über das aufgewühlte nasse Erdreich. Mit einem leichten blitzschnellen Niedertauchen hatte sie etwas ergriffen und schüttelte sich vor innerem Ekel.
Sie schaute sich ?ngstlich um und vor der Hausthür blieb sie wieder aufatmend stehn.
Wie ihr das Herz schlug!
Aber, was sie wollte, hatte sie. Und etwas sp?ter w?re sie von den Arbeitern überrascht worden.
Sie h?rte sie kommen, auch der Kapuziner war unter ihnen.
Sie murmelten und lachten; der Kapuziner hatte etwas Drolliges gesagt, wie es schien. Sie waren alle sehr guter Laune, denn sie hatten w?hrend des Regens im n?chsten Gasthaus eins getrunken.
Durch die enge Jungfernturmgasse, die auf den Platz mündet, kam ein Leichenwagen gefahren, und stand bald vor dem kleinen Totenfeld.
Isolde hielt den Sch?del unter dem Regenmantel verborgen.
Unausgesetzt dieses Ekelgefühl und das Grausen - auch ein Gefühl der Schuld, so geheimnisvoll anziehend, wie aus einer andern Welt.
Die Kisten wurden von den Arbeitern gelupft und in den Wagen geschoben.
?Fahrt hin, ihr nassen Deiwel," sagt einer.
?Herrschaft, seid's ihr schwer!" ein anderer. ?Die haben sich zu guter Letzt noch tüchtig eins angedudelt."
Isolde drückte sich voller Grauen eng an die Hausthür an und erst als der gefüllte Leichenwagen dumpf davon rollte, trat sie ein.
?Du bleibst eben bei mir", sagte sie warm und trug ihren sonderbaren Schatz die Treppe hinauf.
Oben angekommen, warf sie Hut und Mantel ab und ging mit dem Sch?del in der Hand in die Küche.
Die Magd kreischte auf. Sie kreischte, ohne aufzuh?ren. Isolde kehrte sich nicht daran und hielt den Sch?del unter den Strahl der Wasserleitung.
?Das erfrischt," sagte sie gutmütig.
Frau Doktor Frey bügelte mit ihrer ?ltesten Tochter im Nebenraum.
Auf das Geschrei des Dienstm?dchens kamen sie herbei.
?Isolde!" schrie auch Frau Doktor Frey au?er sich.
Isoldes Schwester verbarg das Gesicht in der Schürze, und wagte gar nicht aufzusehen.
?Sch?n ist er doch!" meinte Isolde gemütsruhig. Sie hob den Sch?del mit beiden H?nden hoch.
?Da? du mir jetzt mit dem Ekel gehst! In der Küche so 'ne Schmutzerei! - Pfui Tausend!"
?Wir haben ja doch alle so einen unter dem Gesicht - was ist da weiter?"
Sie lie? sich nicht irre machen, besprühte den Sch?del von neuem unter dem Wasserstrahl.
?Ide g?h doch - ich bitt' dich - mir wird ganz schlecht."
Das war so eine weiche, weiche Stimme und diese Stimme kam aus einem Gesch?pf, das wie von Sammetschimmer umgeben war - dazu r?tlich blonde Haare, eine ganze Symphonie von Weichheit.
?Sammtaff'" hatte Isolde ihre Schwester Marie getauft und titulierte sie jetzt so.
Jetzt ging sie und nahm den Sch?del mit sich.
?So was!" sagte die K?chin und schüttete einen Eimer voll Schmutzwasser in den Ausgu?.
?Mi beutelts ganz, der soll doch net etwa im Hause bleiben? Saftig. - D?s m?cht feierlich werden." -
*
Isolde hatte ihre Thüre geschlossen und war eifrig dabei, ein kleines h?lzernes Postamentchen, ihrem Bett zu Fü?en, an die Wand zu nageln.
Sie schlug den Nagel mit dem Absatz ihres Hausschuhs ein, so fest wie es mit diesem Werkzeug gehen mochte. Zuerst hatte sie den Rücken ihrer Hausbürste benutzt, als sie aber die N?gelmale in dem polierten Holz merkwürdiger Weise wahrnahm, war sie bed?chtig genug gewesen, nach etwas Anderem Umschau zu halten.
Auf das Postamentchen wurde der Sch?del gesetzt.
Und wie er seinen Platz eingenommen hatte und mit seinen hohlen Augen geheimnisvoll grinsend über das purpurne Bett hinwegsah, geschah etwas ganz Wunderliches: des Schriftstellers Heinrich Ewald Frey's Tochter, Isolde, im glücklichen, zu allen überschwenglichkeiten geneigten Alter von siebzehn Jahren, fiel auf die Kniee, reckte die H?nde zum Sch?del auf und sagte mit hei?en Thr?nen in den Augen: ?Du Mensch aller Menschen!"
über ihr zartes Gesicht mit den tiefen dunkeln Augen ging etwas Verzücktes, etwas überirdisches, etwas Br?utliches, eine wundervolle Verliebtheit, wie sie in manchen siebzehnj?hrigen Naturen zu Tage tritt, die nicht wissen, wo ein und aus mit der Fülle ihres Wesens.
Und diese sü?e Liebeswonne schüttete sie über das braune, grinsende Knochengeh?use aus, wie eine Nonne über eine heilige Reliquie.
Sie sah aber einen eleganten jungen Mann vor sich, mit franz?sisch zugestutztem Spitzbart, einer sch?nen Stirn, in die das kurzgeschorne Haar in scharfem Winkel hineingewachsen war; einen jungen Mann, der sich im Hochsommer in wei?en Flanell zu kleiden liebte.
Ja, es war da etwas, eine ?hnlichkeit in der Kopfform, die ihr verliebter Blick vom Fenster aus entdeckt hatte.
Wie sie das gro?e Geheimnis bewegte!
Und dieser Sch?del war so neutral. Sie vergab sich nichts. Ihm gegenüber gingen die Dinge in einer andern Sph?re vor sich, in einer Sph?re, in der alles Eins geworden, alles zusammengeflossen ist.
Sie empfand etwas so Beruhigendes und konnte sich gehen lassen.
*
Die verriegelte Thür wurde kr?ftig zu ?ffnen versucht.
?Déesse!" rief eine heftige Stimme. ?Sapperlot!"
Wie aus tiefem Schlaf erwacht sagte sie ?Papa?"
?Seid ihr denn alle des Kuckucks! Ihr wi?t doch, da? ich in einer Stunde ......"
Da war schon die Thür aufgeriegelt und ein gro?er blonder Mann mit r?tlichem Gesicht, vollem lockigen Haar, das aber auf dem Wirbel einem Gl?tzchen gewichen war, trat ein.
Eine markige Pers?nlichkeit.
?Weibergegacker! - Drau?en laufen sie wie die Hühner umeinand'! Und was machst du denn hier, Déesse? Mein Handkofferl sollt doch gepackt sein?
Ich werd euch mal Beine machen! Fertig sollt's sein und die Mutter bügelt noch an den St?rkhemden. Zum Teufel, - ich will gar keine St?rkhemden! - Touristenhemden will ich."
Das kam alles herausgepoltert. Das ganze Zimmer war voller L?rm und Spektakel, als w?re ein Bergstrom hereingebrochen.
Das war Doktor Heinrich Ewald Frey, Schriftsteller und Allerweltsmann, Vereinsmann, Redner, voraussichtlicher Reichstagsabgeordneter und so weiter.
?Na also, packen wir," sagte das sch?ne rassige Gesch?pf in aller Ruhe.
?Na also? - Gro?artig! Was soll denn das ?Na also'? Fertig h?tt's sein sollen. Thu net so gro?artig, Déesse!" Dabei kniff er sie in die zarte Wange ?G?tterk?pfchen verdammtes!"
?Wo hast du denn dein Kofferl, Pa?"
?Hab's denn ich?"
Frau Doktor Frey trat herein und trug das Kofferchen in der Hand.
Auf ihrer Stirn gl?nzten feine Schwei?tropfen.
?H?ttest du mir's nur gesagt, Heinrich! Gestern abend sollte doch nichts daraus werden bei schlechtem Wetter?"
?Schlechtem Wetter? Ist denn das schlechtes Wetter, wann das Barometer gestiegen ist wie noch nie? Schau doch erst nach, eh du denkst.
Meine Stiefel!"
?Na, ich meine, wenn es gie?t," sagte Frau Doktor Frey zaghaft.
?Ja, wenn du anf?ngst zu denken!" donnerte er. ?Meine Stiefel und die beiden rohseidenen Hemden."
?Heut machst du dich ja fein," sagte Isolde.
?Paar Berliner Schriftsteller! Solchen Gockeln mu? man ...... den Kofferschlüssel! Herr Gott noch einmal!
Wo ist denn die Marie?"
?Du hast ja dein' Schlüssel an die Uhrkett' geh?ngt für alle F?ll'," sagte Isolde.
?Vorlauter Schnabel!" Der Vater blinzelte ihr zu. ?Wo ist Marie?"
?Marie bügelt die St?rkw?sch," sagte die Mutter.
?Wenn der Vater abreist, hat sie dabei zu sein; w?r' net übel! Wenn wir die Idee der Familie nicht aufrecht erhalten, wer soll's denn thun? Eins da, das andre dort, der Vater reist ab - kein Hahn kr?ht danach - das ist ja - wei? Gott - gro?st?dtisch!
Meinen Rucksack! Marie!" donnerte er abermals.
Frau Doktor Frey war schon vordem aus dem Zimmer gegangen, um Marie zu holen.
Jetzt traten sie miteinander ein.
?Marie, dein Vater reist ab," sagte er m?chtig.
?Ja Papa. Auf wie lang denn?"
?Drei bis acht T?g' denk ich; wenn wir das Kaisergebirg mitnehmen, acht T?g."
?Du Glücklicher!" sagte Marie aufatmend.
?Hat sich was ?Glücklicher'! Wenn ich mich net zeig - Teufel auch - die tanzten mir bald auf der Nasen. -
Was ist denn das?" rief er ganz perplex.
Seine Blicke hatten den Sch?del gestreift.
Frau Doktor Frey und Marie bemerkten ihn auch erst jetzt.
?Jesses! über das M?dchen!" rief die Mutter.
?'nen Kapuziner, Déesse, dumme Gans, was bedeutet denn das?"
Das M?dchen war err?tet bis in die Stirnhaare.
?Zu allererst kommt es bei dem Weib darauf an, da? die Lebensfreudigkeit gewahrt wird," predigte Doktor Heinrich Ewald Frey wieder m?chtig. ?Das ist notwendig, da? das Weib lebensfreudig bleibt."
Ein strafender Blick streifte Frau Doktor Frey.
?Das Weib soll auch religi?s sein. Ein Sch?del hat immer etwas mit Religion zu thun. - Wenn du dir den Sch?del nicht aus Verschrobenheit, aus unverstandenem Pessimismus heraufgeholt hast, mag er bleiben."
Marie war erbla?t.
?Ide!" sagte sie zu ihrer Schwester leise, ?der soll doch net bleiben?"
?Papachen," begann Frau Doktor Frey sanft und freundlich. ?Eh' du gehst, - - Karl kann sich nicht auf der Schule halten, - ich glaub' mal nicht. Ich war auch heut beim Direktor. Er kommt auch dies Jahr nicht fort."
?Es mu? sich eben ein Hilfslehrer finden, um ihn wieder flott zu machen. Emil hat's auch geleistet. Verpimple ihn nur recht! - Was nutzt es denn, wenn du bis in die Nacht hinein mit ihm über seinen Arbeiten hockst? Dazu geh?rt 'was mehr als so ein Hennenhirn."
In das verarbeitete Gesicht mit den sch?nen Formen stieg eine flüchtige R?te auf.
?Darum eben müssen wir sorgen, da? sich jemand findet."
?Ich werde am Kegelabend mal mit dem Direktor reden. - Weiber sollen die H?nde aus dem Spiel lassen! M?cht' wissen, ob hinter mir immer ein Unterrock gestanden hat. Du mit deinen paar lateinischen Brocken - da? i net lach! La? den Jungen in Ruh!"
?H?ttest du mich gew?hren lassen," sagte die Frau klagend, ?w?r Isolde jetzt wenigstens eine Person, die etwas leisten k?nnte. Sie würde sich ihr Brot bald selbst verdienen," - Frau Doktor Frey sprach weinerlich - ?w?r' jetzt schon bald staatlich angestellte Lehrerin."
?G?tterk?pfchen, - verdammtes," lachte Doktor Frey - ?Déesse! Lehrerin! da? i net lach! Die soll heiraten, Weib sein! Gar noch, da? ich meine Bamsen zu so 'was auf die Welt gesetzt h?tt'.
Ja wohl, Lehrerin oder Gott wei? was noch!
Das Weib ist eben Weib. Wenns net Weib genug ist, um nur Weib zu sein, soll man's tot schlagen!"
?Aber was soll ich denn mit Karl machen?" fragte Frau Doktor Frey wieder.
?Siehst du net, da? augenblicklich die unpassendste Zeit für dein Gegraunz ist? Willst du mir alle Bamsen gerad jetzt auf den Buckel h?ngen? Sapperlot, h?chste Eisenbahn!"
Er fuhr mit den Armen in die Tr?ger des Rucksackes, griff nach dem K?fferchen - und war mit viel Ger?usch und Gepolter zur Thür hinaus.
Tiefe Stille, als h?tte sich ein Sturm gelegt.
?Wei?t du, wie wir vor drei Jahren in Kramsach waren?"
Marie schaute sehnsüchtig zum Fenster hinaus, dem Vater nach.
?Alle von unsern Bekannten gehen aufs Land."
?Ja, mein Gott," sagte die Mutter, ?da? tr?gts uns heuer nicht. Da? die Buben auch gar so viel kosten."
?Ja, wenns nur ein grünes Fleckchen w?r, auf das man schaute!"
Das war wieder die weiche, weiche Stimme.
?Gehen wir heut wenigstens durch den englischen Garten?"
?Ja, wenn ich nicht auf Karl warten mü?t. Wo bleibt der denn nur? der hat ja noch die schwere Menge zu thun!"
*
Karl kam erst sp?t heim. Sie hatten lange mit dem Abendessen auf ihn gewartet.
Er war bei Emil gewesen, der ausw?rts wohnte und Emil hatte gerade einige Kameraden auf der Bude gehabt.
Die Mutter seufzte, sie dachte sich ihr Teil.
?Das solltest du doch nicht, bevor du deine Arbeiten gemacht hast, zu Emil gehen. Die setzen dir Gott wei? was in den Kopf, Karl. Studenten sind kein Verkehr für dich."
?Mama," sagte der Bub, ?red' doch net."
Er sprach nachl?ssig, schl?frig. Seine Backen sind au?erordentlich ausgebildet und engen ihm die Mundwinkel ein, so da? der Mund etwas sonderbar S?uglinghaftes an sich hat, trotz einer gewissen br?unlichen F?rbung, die ihn umgiebt und die mit einigen H?rchen bepflanzt ist.
?Mulier taceat in ecclesia," sagt der Bursche und schiebt ein gro?es Stück Butterbrot mit Wurst zwischen die Lippen.
?Was hat er gesagt?" fragt Isolde.
?Das Weib schweige ...... und so weiter," übersetzt der liebenswürdige Bruder patzig.
?Zur Mutter hast du das gesagt?" fragt Isolde ganz bleich.
?B?h!" macht der Bruder. Und im Nu hat er von Isoldes Hand eine so derbe Ohrfeige, da? seine etwas gelbe Wange stark ger?tet ist.
?Mama, wie kannst du dir das von dem Flegel gefallen lassen?"
Karl stürzt wutbleich auf Isolde, die wei? sich aber zu wehren.
?La? ihn doch," ruft Frau Doktor Frey, ?erbittere ihn nicht. Du wei?t, er mu? heut abend noch arbeiten."
?Ja wohl, ich soll mich schlie?lich von dem Bengel wiederhauen lassen! Jetzt mü?te noch Emil kommen, der Gro?hirnmensch, der vor lauter Intelligenz n?chstens durch das Examen purzeln wird."
?Bst - bst!" machte die Mutter, ?Friede - Friede - Bedenke, da? du ein M?dchen bist."
?Was soll man da bedenken? Da? i net lach!" sagte sie ganz wie ihr Vater.
*
Am Abend, beim Ausziehen, als sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hatten und die Mutter noch neben Karl in der Wohnstube sa?, um den schl?frigen Burschen beim Arbeiten zu überwachen, gab es eine sonderbare Szene zwischen den Schwestern.
?Ide g?h", sagte Marie, ?thu' mir die gro?e Lieb - schaff' den da fort. Ich kann net schlafen, glaub mir. Ich mein, er lebt und wenn wir die Augen zumachen fliegt er im Zimmer 'rum und poltert an die Wand."
Sie hatte ihren Kopf an Isoldes Wange gelehnt.
Da gewahrte sie, da? Isolde hei?e Thr?nen weinte.
?Na, was denn?"
?Sammtaff, lieber," bat Isolde, ?la? ihn mir! Es geschieht dir ja nichts. Er thut ja nichts - und mich freut's so."
?Wie kann denn dich das freuen," fragte Marie ganz betreten.
Isolde aber weinte so wild und schluchzend. ?Ich m?cht nur wissen, was man vom Leben hat - so was Fad's! Bei uns is man so wie so geschlenkt. Es k?nnte ganz anders sein. - Wei?t du was ich glaub? - Mama is dumm!"
Isolde schluchzte herzzerrei?end. ?Ide, Mama ist ein Engel! - thu keine Sünd."
?Ja, eben ein Engel. Wer sagt dir denn, da? ein Engel net dumm ist! Wei?t du, es ist komisch, aber manchmal kommt es so: da m?cht ich den Leuten ins Gesicht schlagen.
Alle kriechen sie - alle - wenn man's auch gar nicht merkt. Keins sagt und thut was es will!
Wir bilden uns nur ein, da? die Leut' auf zwei Beinen gehn. Auf vieren gehen sie, - sie kriechen alle.
Mama liegt glatt auf dem Leib - überhaupt fast alle Frauenzimmer - du auch - du erst recht! Und die M?nner erst! O Gott! - und wie!
Und was sie im Grund genommen für philistr?se, heuchlerische Institutsvorsteher sind, wenigstens uns gegenüber.
Dann m?cht ich noch auf jeden blank gewichsten Cylinder spucken, mitten darauf, wenn unter den Fenstern so einer vorübergeht - mitten auf die kleine, blankgebürstete Sonne, die oben spiegelt. So eine dumme, steife, kleinliche Sonne.
Ach, wie mich das alles aufbringt.
Und das H??liche, mit dem man sich umgiebt!
Und das nennt man Leben!
Schau her, so ein Gelump wie da herumsteht!
Alles zum Fenster naus! Zum K?mmen ein widerlich riechender Kautschukkamm. - Ah! - die riechen alle und machen elektrische Funken! Pfui! - Gold mu? es sein oder Elfenbein - dann!
Aber was ist das hier - von allem das Geringste, das Sch?bigste. Talmi und unechte Spitzen!
So gemein! - so gemein! so gemein!"
Sie schluchzte.
?Was ich anfasse, soll sch?n sein, eine Freude - ein Glück!
Ich will Hemden mit echten Spitzen - echte Spitzen - reines Gold! Elfenbein! - auch Perlmutter!
Das ist's! Das sind Dinge, die man in die Hand nehmen darf - nichts Andres!
Ach, wie man lebt, wie ein Schwein!"
Sie schluchzt und schluchzt.
?Nackt mü?te man gehen dürfen und es mü?te keine Schande sein.
Nackte, sch?ne Menschen. Gold, Elfenbein und Perlmutter! - das w?r' eine Welt! - Und dann - immer Seelenr?usche.
So, wie meine Seelenr?usche! So herrlich! - und eine Liebe dazu.
Seelenr?usche und ganz wenig Sachen; aber alles sch?n zum anfassen, edel bis in den Kern.
Etwa keine japanische Holzpuderbüchse!
Aber wir leben im Schmutz.
Unter ekelhaften Lumpen kriecht das alles wie Gewürm, wie Mehlwürmer in der Kleie -
Und alle riechen mufflich - und sind mufflich durch und durch!
Oder, wenn man all das Herrliche, das, was sein mü?te, nicht haben kann - dann gar nichts - aber auch gar nichts!
Die Haare mit den Fingern k?mmen, ein Strohsack - eine wollene Decke - ein grobes Hemd - einen Strick um den Leib - das ist auch eine Welt! -
Aber nicht so wie wir!
Pfui der Plunder!
So ein N?htischchen, so ein Ferkel von einem N?htischchen!
So ein Tier von einer Bettvorlage!
Pfui! Pfui! Pfui! Pfui!"
Sie war vollkommen au?er sich.
Marie hatte die gr??te Not die heftige jüngere Schwester zu beruhigen.
Sie kroch zu ihr ins Bett und hielt Isolde an sich gedrückt und verga? ganz, da? der Sch?del grinsend auf sie beide herab blickte.
Isolde schlief in den weichen, sü?en Armen ein, ohne in ihr Nachtkleid geschlüpft zu sein, Hals und Arme entbl??t. -
Und Marie schlich leise und scheu mit klopfendem Herzen und einem Grausen über den ganzen Leib nach ihrem schneewei?en Bettchen.
Sie fühlte wie der Sch?del ihr sp?ttisch nachsah und sie wagte nicht sich umzuschauen.
Lange konnte sie keinen Schlaf finden und als sie endlich schlief, tr?umten ihr h??liche Dinge.
Der Sch?del lebte wirklich und hatte es immer auf sie abgesehn, so schauerlich zudringlich.
Sie wachte ein paar Mal vor lauter Angst und Schrecken auf, hielt atemlos die Arme auf die Brust gepre?t, lag wie eine Statue so still und lie? alles Grauen über sich hingehen, ohne sich zu wehren.
Für sie war mit dem Sch?del ein nie gekannter b?ser, banger Geist ins Haus gekommen.