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Chapter 10 No.10

Als Isolde sp?t abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus Ludwigsh?he nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer wunderlichen Stimmung.

Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes geh?rt.

Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus Silesius gearbeitet haben.

Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins w?chst, ein ganzes Leben der Erkenntnis.

Wie sch?n war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!

Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust gedrückt.

Wie konnte diese Frau sch?n sein, wenn es ihr in ihrer gro?en Liebe wohl auf Erden wurde.

Jede Bewegung von einer sü?en, tiefen Z?rtlichkeit; in jeder Silbe Wonne und lebendiger Frieden.

Isolde hatte daran gedacht, da? Mrs. Wendland einmal sagte: ?Wenn ich die Lu mir vorstelle, seh ich, da? sie genagelt ist an ein Kreuz, mit tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen."

Isolden erschien es immer, als würde der Haushalt da oben in Ludwigsh?he von einem gro?en Kinde geführt.

Nachdem sie so weltentrückt bei einander gesessen und eine Stunde erlebt hatten, wie sie sch?ner und reiner auf Erden nicht zu denken ist - Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer geleuchtet - da war Frau Lu mit einer Schüssel voll Schlagsahne aufgetaucht und einer Kanne holl?ndischen Kakao. Schlagsahne und Kakao gab es da oben immer in der gr??ten Seligkeit und auch wenn sie Kummer hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging. Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mütterlich; jedenfalls für sie die bequemste Form, ihre strahlende W?rme auf ihn zu richten.

Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.

Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und fragte: ?Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles gut?"

?Es ist alles gut," sagte er dann.

?Verzeih," sie durfte nicht fragen. ?Ist dir auch ein bisserl wohl? Und das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fühlst du dich doch etwa wie nach einem Spaziergang? - so wie neu? Was?

Wei?t du, du mu?t mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel froher."

Sie lebte immer in der gro?en Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.

Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurück, so erfüllt von allem Guten.

Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel, Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.

Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.

Mama schlief schon, der Vater war ausw?rts.

Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es nicht leicht mit ihr.

Mama war eine so unbewegliche müde Seele geworden, die sich wie ein Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.

Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und geno? den Umschwung der Verm?gensverh?ltnisse seiner Frau auf das Energischste.

Der Frau selbst waren die F?higkeiten, zu genie?en, abgestorben, so gar der gute Appetit. Mama war meist leidend und mu?te knappe Di?t halten.

Die Kr?fte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal gegenüber, wie der Mann ohne L?ffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn auch unbewu?t, der Grund eines tief innerlichen Mi?mutes.

Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer. Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken frischen Laubatems. Sie legte die H?nde übers Haupt. Wie empfand sie heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe, nach z?rtlichen H?nden, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!

Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie l?chelte. Nein, sie wollte das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.

Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, da? sie sch?n war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde - den sie lieben würde. Sie war bereit.

Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdr?ngte sie nichts mehr.

Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer an all dem trug, was sie besa?, wie eine beladene Biene, die aus Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen - und ihr K?nnen! - und die g?ttlichen selbst?ndigen Stunden! Diese Seelenr?usche, die einsamen, in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig und stark entstieg.

Ein Jubel in ihr!

Sie hielt immer noch die H?nde über dem Haupt gefaltet.

Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, - jetzt!

Ihr Leben sollte reich und sch?n werden.

Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom gro?en Geheimnis der Liebe rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den Schulm?dchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! - sich opfern!

?Ja, ja," sagte sie leise, ?nur anders. Noch gr??er mu? das Opfer sein. Menschlicher, sch?ner, bewu?ter."

Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.

Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit stieg ihr wie von diesem Briefe auf - etwas sie überschauerndes, Sonderbares.

So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!

Eine Frauenschrift - eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit bla?brauner, gew?sserter Tinte geschrieben.

?Ein Bettelbrief," sagte sie sich und ?ffnete ihn:

?Liebes, hochgeehrtes Fr?ulein!" las sie.

?Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, da? sie sich an Sie wendet. Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird sich sehr verwundern. Mi?achten Sie mich nicht, ich bitt' Sie recht herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fr?ulein, ich bitt Sie noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht schlecht von mir. Ich bin ein armes M?dchen. Es ist mir immer schlecht und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin bisher gewesen und kenne Sie auch, gn?diges Fr?ulein. Sie haben manchmal unser Gesch?ft besucht.

Ich bin in Hoffnung, damit ich's nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten. Glauben Sie mir, nur in der gr??ten Not und Angst wend ich mich an Sie. Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten, weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der Sonnenstra?e schaffen.

Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!

Ich wei? nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fr?ulein, da? mir das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine Andre.

Ach da? er's zul??t, da? ich dort niederkommen soll! so nackt und blo? vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! - Es ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.

Liebes, gutes, barmherziges Fr?ulein, thun Sie was für mich! Ich bitt Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen H?nden. Gott lohns Ihnen, liebes Fr?ulein."

Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: ?Fragen Sie nur nach dem blonden M?dchen aus Aussee."

Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme, zitternde H?nde sie fa?ten und zur Thüre dr?ngten, so empfand sie's:

?Geh - geh - ach geh doch!"

Sie fühlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem Briefe aufgestiegen, erfüllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so weh, so hilflos, hilfesuchend.

Und sie ging.

Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen ihren leichten Abendmantel um. Ihr K?ppchen stülpte sie auf.

Unter den hohen, flüsternden Pappeln der Leopoldstra?e schaute sie noch einmal zum Hause zurück und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht. Der war merkwürdiger Weise schon um diese Zeit zurückgekehrt. Die Fensterflügel standen offen.

Er hatte die Hausthür wohl gehen h?ren, war ans Fenster getreten und mu?te sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach, rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie l?cheln machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie fürchtete, er k?nnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.

Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen, n?chtlichen Stra?en; im langsamen Trab ging es vorw?rts. Ihr Herz klopfte der fremden Not entgegen.

Vor einem Hause in der Buttermelcherstra?e lie? sie halten. Die rote Laterne einer Hebamme leuchtete dort.

Auf Isoldens L?uten ?ffnete sich die Hausthür und eine starke Person in einem verschabten Prinze?morgenkleid, das sie mit einer ordin?ren Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Stra?e hinaus.

Isolde fragte nach dem M?dchen.

Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge M?dchen mit der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?

?Wohnt nicht mehr hier?" fragte Isolde entt?uscht.

?Ich habe sie heut in die Sonnenstra?e gebracht, gn?diges Fr?ulein. Da ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins mu? oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen M?dchen, - wie das so ist, - sparen thuns net, mit ei'mal stehns vor der Bescherung. Da soll die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten gedrückt. Wissens Fr?ulein - verzeihens; wir sind doch auch net da, um alles auszubaden. Für solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstra?e. M?cht wissen für wen sonsten, wenn net für die!"

Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das unglückliche M?dchen loszuwerden und anzubringen.

?Ich zahl für sie," sagte Isolde. ?Holen Sie sie wieder zu sich. Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort."

Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme H?nde sich an sie legten und sie rührend dr?ngten.

?Ein paar Stunden, wanns früher gekommen w?ren. Jetzt glaub i net. - I mein mal net."

?Ich zahl für sie," wiederholte Isolde noch einmal. ?Mein Name ist Isolde Frey."

Da stutzte die Frau eigentümlich.

?Erlaubens, Frey? wenn ich recht geh?rt habe?"

?Ja, Frey, Leopoldstra?e."

Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schlo? die Hausthür, die noch ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fu?boden neben sich hin und sagte: ?Also vom Herrn Bruder geschickt?"

?Von meinem Bruder?" fragte Isolde verst?ndnislos.

?Herr Studiosus Karl Frey?" fragte die Frau noch einmal.

?Das ist mein Bruder."

?No also! Und der ist auch der Vater von dem M?dchen seinem Kind. So weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was auf sich h?lt. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz jungen Herren die sind a Kreuz für'n M?del."

Isolde war in der gr??ten Verwirrung. ?Ich fahr zu ihr, ich bring sie!" sagte sie heftig. ?Kommen Sie nach." Sie drückte der Hebamme zehn Mark in die Hand. ?Alles wird gezahlt."

*

Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstra?e suchte, schlug ihr das Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.

?Unm?glich!" sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. - ?Unm?glich - unm?glich!"

Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.

Dies blonde, joviale Gesicht - das breite L?cheln, die Wohlbeh?bigkeit, die überhebung in jedem Wort, die herablassende H?flichkeit gegen die Mutter und sie selbst!

Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn, dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.

Und seine plumpen F?uste hatten sich von solch' einem armen, unseligen Herzen losgemacht und seine plumpen Fü?e waren über ein Menschenwesen hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!

Als die Thüre ge?ffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte kommen. Dann erfuhr sie das ?zu sp?t".

?Die müssens schon jetzt hierlassen."

Isolde stand ratlos.

Die Thüre wurde geschlossen.

Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mu?te gehen, ihre eigenen Fü?e gebrauchen, um weiter zu kommen.

Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Gesch?pf. Weil sie arm war, mu?te sie alles über sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mu?te sie mit dem Einzigen, was sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele überzahlen.

Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden kühl beobachtet, notiert, vielleicht bel?chelt. Welche Einsamkeit!

Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein Kind gebar.

In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schl?fen h?mmerte es vor Emp?rung. Sie ging, als berührte sie den Boden nicht.

Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen ?Leben" nennen: Ekel!

Eine Welt für Bestien, für Raubtiere, die einander würgen und die dann fragen: ?Wie ist das B?se nur auf unsre gute Welt gekommen!"

Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu ?ffnen, dadurch da? er das Wunder und Geheimnis enthüllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!

*

Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter gerufen, die sich nicht wohl befand.

Es gab da zu tr?sten und zu ermutigen.

Die Mutter litt oft an einer pl?tzlichen nerv?sen Herzschw?che und war dann in tausend ?ngsten um ihr Leben.

?Fühl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fühl!"

?Garnicht so übel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?"

?Meinst du?" fragte Mama aufatmend, ?mir war, als wenn er ganz aussetzen th?t. Geh bitt', reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber ?l an die Finger. - Und dann die H?nde - auch reiben - da zuckts und druckts bis in die Fingerspitzen. Ah - ah." Mama st?hnte.

Isolde rieb und tr?stete.

?Die Angst! die Angst! - ach Isolde! So was kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist! Geh, gieb mir mein Brompulverl."

?'s ist ja keins mehr da, du wei?t ja."

?Dann la? es in der Apotheke schnell machen; aber schnell ein bissel."

Isolde ging, um es einem der M?dchen zu übergeben. Auf dem Vorsaal h?rte sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.

Das Zimmerm?dchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der Thür.

?Der Lachsschinken für den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt," sagte sie.

Da that sich die Thür auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte Isolde geh?rt. ?M?chte wissen," rief er, ?wie oft ichs noch wiederholen mu?, da? ich keinen andern Schinken mag. Ich d?chte Isolde, du th?test dir auch kein Bein ausrei?en, wenn du den Dienstboten ein bissel besser auf die Finger passen th?t'st!"

Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung an. Er wollte eben die Thüre wieder schlie?en. ?übrigens wo warst du gestern Abend?" fragte er barsch.

Isolde wendete ihm den Rücken. Karl schlo? die Thüre heftig. Als Isolde endlich von allem, was diesen Morgen sie bedr?ngt und aufgehalten hatte, frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit H?nden zog, h?rte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.

Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gew?hnlich im Frühstückszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor der vollen m?nnlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel Wohlbefinden lag.

Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Stra?e und trieb sie wie mit einer Peitsche an.

*

Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drückte wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.

Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut wie einen Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.

Sie hatten das M?dchen auf die Anatomie gebracht.

?Wie?" fragte Isolde verwirrt. ?Ich will hin," sagte sie.

?Heut k?nnens auch hin," meinte die Person, die ge?ffnet hatte. ?Aber ich m?chts Ihna net raten."

*

In einem ?den, breiten Gang, wie sie offiziellen Geb?uden eigen sind, stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.

Ein kahler Raum, die untere H?lfte der Fensterscheiben mit wei?er ?lfarbe verstrichen.

Die W?nde grauwei?, lange graue Tische, grauer Steinboden - dort um den Tisch, da standen sie dicht gedr?ngt.

Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter, ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff. Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger M?nner in wei?en R?cken und auf den langgestreckten, nackten, zermarterten Leib.

Ein wei?es, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von blonden L?ckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen, eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.

Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch in ihrer Tasche. Sie fa?te danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie ein wichtiges Dokument.

Da fuhr ein furchtbarer Schnitt über Brust und Leib des toten Weibes. Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag teilnahmlos, voll rührender Hoheit über all dem Entsetzen, dem blutigen Gr??lichen, was da geschah.

Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte sich in ihre Seele ein und haftet da, ein Witz, so voller Weib-Verachtung.

Das jammervoll zerrissene, zermarterte Gesch?pf hatte dazu herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte K?rper predigte vom Leiden des Weibes, von seinem Opfer.

Die Wei?beschürzten fühlten sich im Besitz strotzender Kr?fte, strammer Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und den Schmerz überwunden, was wollte das? Was sagte das?

?Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!' dachte Isolde, ?wie stehst du doch über allem, bist gr??er als alles!'

Sie h?tte sterben m?gen vor Ekel und Entsetzen, w?re dies stille Gesicht nicht gewesen.

Der zerrissene, unverhüllte K?rper, der hier vor frechen kalten Blicken lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, das Weib, das nie zur Menschenwürde noch gelangt war.

Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den Niederen, den Erniedrigten geh?rte.

Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib dort!

Aber das stille, unberührte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen Gesichtern.

Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde überstrahlt wie von einer Sonne.

Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte fühlte sie in sich selbst.

Sie pre?te die H?nde an ihre Brust.

Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz entrückt.

Es war ihr, als h?rte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit Entrüstung aussprechen. ?Es wird mich einer oder der andre wohl kennen', dachte sie kühl.

Ja, da ist etwas gro? geworden im Weibe, - unüberwindlich, gro? durch Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Versto?ung w?chst.

Hellsehend überschaut Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrückte, geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.

Das lallende, unbewu?te, demütige, dumme, niedere, das alles hinnimmt ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.

Aber das heilige Weibantlitz, das unerschütterliche in diesem Antlitz, das war das Begeisternde - das Lebendige, die gro?e Hoffnung.

Als vier F?uste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht h?tte verlangen dürfen, in eine Kiste warfen, wie etwas v?llig Abgethanes und das Kind auf den K?rper der Mutter fallen lie?en, und der flache Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Aller?rmsten geh?rt und den sie den ?Nasentetscher" nennen, darüber gelegt wurde, da war die Trag?die zu Ende.

In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, da? sie einen menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte. - - Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller Weltliebe, bereit sich zu opfern, - bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.

Und drau?en war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen, sonnendurchstr?mten Luft.

Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt lebendig und wach, sich ihrer selbst bewu?t, ihr Wille so m?chtig. Alle Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das dumpfe Befangensein in diesen K?pfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.

Sie aber lebte!

*

Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unm?glich h?tte sie heut ihrem Bruder gegenübersitzen k?nnen.

In dem gro?en, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchma? breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufh?rlichen Sich-hin-und-her-bewegen.

über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen T?nen F?den über den blauen Himmelsraum.

Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!

Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendig-sein! Dieser gro?e Wille, dies Sich-opfern-wollen!

*

Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.

Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine stattliche Pers?nlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt, ein zufriedener Prophet.

Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.

?Déesse! Extravaganzen! Du bist - da - heut gesehen worden, bestes Kind!"

Isolde blickte ihren Vater mit gro?en Augen an.

?Karln ist es mitgeteilt worden. Déesse! - Kind!"

Eine Würde sondergleichen ging von der m?chtigen Pers?nlichkeit aus.

Isolde erwiderte mit keinem Wort.

Der Vater schwieg auch.

Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.

?Sag mal, Kind," begann er wieder, ?was ging das dich eigentlich an? Wie kommst du darauf? Wei?t du, Déesse, das ist im vollen Sinn eine Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverst?ndlich, wie du darauf gekommen bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch ......" Doktor Frey sprach nicht aus.

?Wei?t du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann - kein Pensionsm?del, braucht keine Governe?.

Hat der arme Junge Unglück gehabt - la? deine Finger davon. La? ihn! Karl ist wild über dein Betragen. Meinst du denn, da? es ihm angenehm war von deiner Anwesenheit - dort - zu h?ren? Junge Leute untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. - Was für ein Gesicht soll er denn machen, wenn das von dir erz?hlt wird?"

?Ja, - wei?t du, Isolde, das ist denn doch zu toll!" das war Karl, der das sagte. Er stand in der Thür, voll, breit, schwerf?llig, emp?rt. Die Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark ger?tet. ?Fahr du nur so fort mit deinen überspanntheiten, du verrücktes Huhn, das wird noch gut werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat!" Er trat in das Zimmer zurück, aus dem er gekommen war und warf die Thür mit voller Gewalt ins Schlo?.

?Ein ander Mal la? ihn ungeschoren," sagte Doktor Frey. ?Kein Mensch h?tte von der Affaire geh?rt. Nicht eine Stunde w?r der Frieden gest?rt, - und nun! Du wei?t, da? ich ?rger im Haus nicht ertragen kann."

Mama machte die Thür vorsichtig auf. ?Ach Gott - was ist denn?"

Isolde steht bleich, in sich zusammengefa?t, wie eine Weltdame, die in einer leichten Unterhaltung gest?rt wird.

?Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert - etwas ganz Allt?gliches."

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