Isolde erfuhr die Verlobung ihrer Schwester unvorbereitet.
Sie kam von Berlin zurück, eingehüllt in ihre gro?e, tiefe Liebe wie in eine Wolke von Sehnsucht.
Die Mutter empfing Vater und Tochter freudestrahlend, wie es die Tradition will, und verkündete ihnen die Nachricht schon auf der Treppe.
Mit einer plumpen, die Kniee zusammenbrechenden Wucht, wie ein gro?es Raubtier auf sein Opfer, sprang die Verzweiflung auf Isolde.
Nicht Zeit zu einem Schrei!
Da war's geschehn.
Da hatte sie ihr Teil.
Sie wollte sich an ihren Vater halten um nicht zu fallen.
Ihr kam es aber vor, als griff sie in die Luft.
Und die Mutter war auch nichts als ein Gespenst - ein Nichts.
Da war kein K?rper, der irgend etwas galt.
Ihre H?nde hielten sich zwar, - aber sie fiel doch. Ihre Seele fiel und h?rte gar nicht auf zu fallen in Dunkelheit hinein - endlos - endlos.
Und zu derselben Zeit, in der sie so tief und endlos fiel, fühlte sie, wie sie in das Zimmer trat und h?rte sprechen und sah dies und das.
Ein dumpfes Rauschen umgab sie. Wie aus weiter Ferne h?rte sie den Vater ungeduldig schelten.
?Was zum Teufel ist denn das?"
Doktor Frey stand mitten in dem wei? und goldenen Salon mit den frisch gewaschenen mit neuen Spitzen besetzten Vorh?ngen.
?Das ist die reinste Verrücktheit!"
Er sperrte ganz verblüfft Augen und Mund auf.
?Stellst du dir vor, Alte, ich la? mein gutes Geld von dir zum Fenster hinauswerfen? L??t die gekündigte Wohnung neu herrichten! Da? i net lach!"
Er war in gro?er Wut.
?Gekündigt hast du?" - fragte Mama ganz betreten und zittrig. ?I du meine Güte, davon wei? ich ja garnichts!"
Doktor Frey ri? die Thür zum andern Zimmer auf, um zu sehn, wie es dort stand.
?So - na! - Merkwürdig!"
Er war einigerma?en beruhigt.
?Freilich ist gekündigt. Glaubst du etwa, ich bleib' in dem Loch? Und was ist denn noch geschehn, wenn ich bitten darf?"
Nun kam ein Sündenregister.
Doktor Frey ging erregt im Zimmer auf und nieder.
?Da? i net lach! Da? i net lach! Das war auch besonders n?tig, da? eine von den Bamsen sofort an den Esel, den Mengersen ... Nun, ich werd' euch auf die Finger passen, ihr! Das ist ja ein reizendes Willkommen!"
*
Als Isolde endlich allein in ihrem Zimmer war, schlo? sie die Thür und warf sich auf den Fu?boden.
Drau?en schalt der Vater weiter und die Mutter weinte einmal laut auf.
Langgestreckt lag Isolde; - ein Schwindel erfa?te sie.
So tief, so tief, so dunkel und sie mitten darin!
Heute sollte sie ihn noch sehen und auch die Schwester - da griff sie mit den Armen in die Luft, da wollte sie wieder etwas fassen.
Auf den Boden warf sie sich vor ihr Bett und bi? in den Fu? des Bettes, und verbi? sich darin, wie ein wundes Tier, das mit dem Tode k?mpft.
Ihre Augen fielen auf das Konsol mit dem Sch?del darauf. Da hockte sie sich zurecht, die Arme um die Kniee, und starrte dem Sch?del in Verzweiflung in die leeren Augenh?hlen und starrte und verga? die Zeit.
Sie wollte denken - aber es ging nicht. Es war ja auch alles ganz gleich. Sie fing an zu singen, einen leierigen Gassenhauer.
Wie mit einem Messer schnitt sie dies Singen; - dann sang sie weiter übermütig lustig.
Wie that das?
*
Am Abend kamen sie wirklich beide. Er hatte seine Braut nach München begleitet. Isolde trat ihm ruhig entgegen; es gelang ihr ohne Mühe, weil doch alles eins war. Das eine that so weh, wie das andere.
Marie war hingebend weich und selig.
Henry Mengersen schien der Situation v?llig gewachsen zu sein. Er hatte allerdings erwartet, da? Isolde sich mit ?Kopfschmerzen" entschuldigt haben würde.
Nun war sie doch da, eine freche, kleine Bestie - und hatte einen ruhigen, undurchdringlichen Gesichtsausdruck.
Er aber war gerüstet auf alle F?lle; umsonst hatte er sich nicht einen Giftzahn wachsen lassen. Von einem M?dchen, das sich erniedrigt hatte wie Isolde - und vergeblich erniedrigt, stand alles zu erwarten. Er hatte sie in der Hand, da war ihm andres schon geglückt. Die Ruhe war nur Maske. O, er lie? sich nicht t?uschen; er kannte diese Sorte.
Ein unpassendes Wort seiner Braut gegenüber, und Isolde würde ihn kennen lernen.
*
Durch einen Zufall standen sie beide in des Vaters Arbeitszimmer allein am Fenster.
Die H?ngelampe warf ihren Schein grell in die Mitte des Zimmers und um diesen Lichtkern war eine weiche D?mmerung.
Isolde sah ihm ruhig in die Augen.
?Eine Bitte, Fr?ulein Isolde," sagte er eisig; ?über das, was zwischen uns vorgegangen ist, kein Wort - nicht wahr? Es gilt das Lebensglück Ihrer Schwester. Sie verstehen mich doch? Und was mich betrifft, seien Sie meiner ganz sicher - ich bin Gentleman. Ich darf mich ja Ihnen gegenüber aussprechen."
Aber wie er mit sicherem, vornehmem Blick den ihren streifen wollte, fuhr er leise zurück. Nicht mehr Isolde, das rührende, liebende M?dchen, - ein vornehmes, ruhiges Weib stand ihm da gegenüber. Und aus ihrem Mund t?nten ruhige Worte:
?Ich empfand Ihre Kunst - ich liebte sie - ich that es. Ich will es auf offenem Markt sagen.
Sehen Sie darin etwas Schlechtes? Ich habe mir nicht denken k?nnen, da? ein gro?er Künstler schmutzig ist. - Ist es so - so geh?ren Sie zum Haufen."
Isolde wendete ihm den Rücken.
Henry Mengersen war zum ersten Mal in seinem Leben verblüfft.
*
Doktor Frey hatte Champagner auffahren lassen und es wurde eine Verlobung nach allen Regeln der Kunst gefeiert.
Doktor Frey war schlie?lich beim Sekt mit Mengersen ganz einverstanden.
Mein Gott, ist es der eine nicht, ist es der andere, im Grund gleichgültig, wen so ein M?del kriegt. Dem Weib gegenüber ist so ziemlich einer wie der andere.
Eine Gans, so ein M?del! - k?nnte jetzt das sch?nste Leben haben und giebt ihr gutes Geld und ihre Sch?nheit einem Esel in die Hand, der sie doch nur auslacht.
Doktor Frey war ganz gerührt. Auf seine ?Bamsen" hielt er etwas. Er reichte Mengersen die Hand über den Tisch, hob sein Glas und sagte weinselig:
?Da? du sie mir gut in Obacht nimmst, mein herrliches Kind!"
Mengersen schüttelte würdig die Rechte seines künftigen Schwiegervaters und kü?te seiner Braut ritterlich und zart die Hand.
*
Diese Nacht lag Isolde still wie eine Tote in ihrem Bett.
Maries ruhige, sanfte Atemzüge berührten hin und wieder ihr Bewu?tsein.
Marie war so selig müde gewesen am Abend und wie ein Kind entschlummert. Das gro?e Glücksgefühl ermattete sie. Sie trug wahrhaft daran wie an einer Last. Nun war ihr Schlaf tief und ruhig.
Isolde lag auch in ihrem tiefen Weh wie in einem schweren Schlaf, in einer gro?en Bet?ubung.
Der Mond schien ins Zimmer, der Sch?del schimmerte. Die Augenh?hlen glichen zwei dunkeln, runden, tiefen Flecken.
Und in diese leeren Augenh?hlen mu?te Isolde unverwandt sehen. Das war ganz was sie brauchte.
Dieser leere Blick ohne Trost! Wohl that er ihr!
Es war ihr als w?re etwas Reines, Gutes in dieser Leerheit.
So t?dlich war sie verwundet worden! Seele und K?rper zugleich.
Auch ihre Seele lag ganz still und unbeweglich.
Und von einem beschimpfenden Schlag war sie so verwundet -
Der, den sie über alles liebte, den sie wie einen Gott in Anbetung liebte, hatte ihr den Schlag ins Gesicht versetzt.
Des feinen, klugen, gro?en Henry Mengersens Roheit hatte die allerzartesten F?den ihres Daseins unheilbar verletzt und zerrissen.
Das war Isolde nicht mehr, das hei?empfindende Kind, das Glück und Leid mit übersprudelnder Lebenskraft fa?te und das Leben wie einen gro?en, blühenden Rosenstrauch an die Brust drücken wollte, ganz in Blüten versinkend.
Auf alles, was sie sah und was sie fühlte, starrte sie mit einem grenzenlosen Ekel. Gab es denn gar keine M?glichkeit zu zeigen, da? man rein ist!
Konnte sie denn nicht einfach sagen: ?Da bin ich - da!" -
Ihr junges Menschentum war noch so ganz in sich zusammengefa?t, so einfach, so rein aus Gottes Hand hervorgegangen.
Das dumme, dumpfe, ins Ekelhafte gesteigerte Weibgefühl haftete an ihr noch nicht, das Gefühl, ein Wesen zweiter Ordnung zu sein - ein Wesen, das nicht Mensch, sondern Weib ist, ein Wesen, das nicht wie ein Mensch fühlen und handeln kann, das nur geschlechtlich ist.
Welcher Ekel fa?te sie, welche Scham!
Welchen Blick that sie da!
Ja, sie hatte ihn geliebt! ja! ja! ja! Sie hatte ihm das Sch?nste gegeben, das Einzige, ihre Sch?nheit, die sie selbst liebte, die sie kannte und die sie selig und froh gemacht hatte. Seiner heiligen, gro?en Kunst hatte sie sich geben wollen, als Mensch - und als Weib.
Wahrhaftig nicht nur als Weib - und auch als Weib; - ja, sie hatte sich gesehnt, da? er sie küssen sollte, - hei?, hinsterbend gesehnt.
Er hatte ihr ja gesagt, da? er sie liebte, - oder hatte er nicht?
Gleichgültig, jetzt ganz gleichgültig!
Und doch und doch - welche Leere!
Alles erloschen! - einsam - verlassen - versto?en - getreten - mi?kannt - mi?achtet - das ?rmste auf Erden!
Und beschmutzt - ihre reine, frohe Seele! Sie wu?te, da? ihre Seele den K?rper umhüllt hatte. Ihre Seele hatte nichts mit Schmutz zu thun.
Wie ein Sturm ging es durch ihren K?rper. Glaubte er, da? sie mit einem Wort erinnern würde? Glaubte er - das?
Wie konnte er so schmutzig sein - - so dumm?
Ach, ein Ekel, eine uns?glich Qual packte sie, wie sie mit einem Blick überschaute. Das Weib ist nicht Mensch, nur Weib für ihn - etwas Geistloses - ohne Feinheit - ohne Freiheit - etwas so Brutales - das nur K?rper ist! -
Zum Sterben! - ein Ekel zum Sterben!
Als sie ihm von seiner Kunst gesprochen, wie sie ihn in ihr Herz hatte sehen lassen - und die gro?e Liebe gestand zu dem, was er schuf - da hatte er so sonderbar gel?chelt.
Pfui! pfui! pfui! es war ihm gewesen, als h?tte ein Tier ihm das gesagt - ein freches, dummes Tier.
Grad so komisch und l?cherlich war's ihm gewesen. Sie durchschaute jetzt alles - alles mit einem Male, wie hellsehend.
Das, was sie ihm gab, hatte er auf seine Weise gesch?tzt.
- Und da dachte sie in fieberhafter Angst über ?das Weib" nach.
Eine so hei?e, hei?e, brennende Angst stieg in ihr auf.
Was war denn das?
Alles, was je gedacht, war vom Manne gedacht worden; alles, was je gethan, war vom Manne gethan worden.
Nie war ihr das noch klar geworden, - ganz neu starrte sie das an.
Das Weib und das Tier haben nichts gethan und nichts gedacht, von dem man wei?.
Bis in den innersten Grund ihrer Seele erschrak sie.
Da lag sie wie gebrandmarkt.
Hatte er nicht recht?
L?cherlich war es, wenn sie von Kunst zu ihm sprach; was hatte sie damit zu thun? Was ging sie die Kunst an?
Freilich mu?te er lachen!
Ihr war, als sollte sie ersticken.
Und da fühlte sie die ganze Verachtung, die auf dem Weibe liegt. Wie einen schweren, bleiernen Druck empfand sie diese gro?e Verachtung, die Stolz und Freudigkeit nimmt.
Was war sie? - Zu wem geh?rte sie? Sie hatte wahrhaftig kein Recht, stolz und froh zu sein.
Ein dumpfes St?hnen entrang sich ihr, ein erstickter Schrei, als w?re sie geschlagen.
Und sie hatte geglaubt wie ein Mensch zum Menschen sein zu dürfen.
Was hatte denn Mrs. Wendland gesagt? - Da fiel ihr allerhand ein, was sie damals garnicht verstanden.
Die also auch, die kannte all' die Gedanken, die so neu, so schm?hlich über sie jetzt herfielen. Nach dem, was die gesagt hatte, mü?te die ja auch leiden.
Fühlten alle Weiber, wie sie jetzt fühlt? Und war denn das m?glich, da? sie noch nie etwas derartiges empfunden hatte?
Und ihre Mutter? - und - ihre Freundinnen?
Ja, was war denn das?
Wu?ten denn die Weiber garnichts davon, wie verachtet sie sind?
Ihr zarter K?rper wurde von einer t?dlichen Erregung gemartert.
Da lag sie, getreten, beschimpft, beschmutzt, vereinsamt und geh?rte zu der verachteten, dumpfen, gedankenlosen H?lfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.
Da l?sten sich Thr?nen aus ihren Augen, brennende, schmerzhafte Thr?nen, die wie Blutstropfen aus einer Wunde flossen.