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Chapter 3 No.3

Die beiden M?dchen sitzen ihrem Vater gegenüber in Mrs. Wendlands Landauer, Kutscher und Diener in vornehmer Livree.

Das leichte Gef?hrt rollt die Landstra?e am Starnbergersee entlang.

?Bamsen, ich sag' euch, da? ihr mir keine Schande macht. Schaut net so, als w?r euch die Butter vom Brot gefallen."

Der Dichter tr?gt einen hellgrauen Sommeranzug, graue Kniehosen und schwarze Strümpfe mit Halbschuhen.

Er ist vollkommen der elegante Tourist. Seine m?chtige blonde Pers?nlichkeit nimmt sich vortrefflich aus.

Die Kinder konnten sich nicht erinnern, jemals mit ihrem Vater einen Ausflug gemacht zu haben, und wu?ten sich jetzt nicht recht in ihre Lage zu schicken.

Er liebte Familiensimpelei nicht und war als Ehemann Junggeselle geblieben. Als Schriftsteller brauchte er unendlich viel Anregung, auf die die Seinigen keinen Anspruch machen konnten. So war es gekommen, da? er in gewisser Weise ein Leben für sich führte und zwar ein Leben, das sich um eine Kaste h?her abspielte.

Die beiden M?dchen sitzen wortlos. Aus der dumpfen Stadt in die sch?ne, reiche Sommernatur gekommen zu sein, thut ihnen weh und wohl, der weiche Seewind, die m?chtigen Massen tiefdunkeln Laubes, das die Luft einzuengen scheint und der Duft nach blühendem Gras - wie bedr?ngt sie das alles! Das sollte man immer haben k?nnen! Arme junge Menschen, denen die Natur fremd bleiben mu?.

Sie biegen jetzt in einen vortrefflich gehaltenen Kiesweg ein, der durch dichten Buchenwald eine Anh?he hinanführt und kommen bald an ein sch?nes weitge?ffnetes Gitterthor aus kunstvoll geschmiedetem Eisen.

Da f?hrt der Wagen ein, im gro?en Bogen um einen k?stlichen Rasenplatz, auf dessen saftigem Grün Centifolienrosenbüsche wuchern. Sie stehen jetzt in voller Blüte. Tausende von Rosenblüten, alle dasselbe zarte Rosa, und ein so sü?er Duft, da? einem Stadtkinde die Thr?nen in die Augen kommen konnten. So etwas heimlich L?ndliches; paradisisch Zartes liegt in den kunstlos, kunstvoll zerstreuten rosenbedeckten Büschen.

Ein Springbrunnen pl?tschert in einer stillen grünen Ecke, keine Paradefontaine im Centrum des Cirkels - nein, abseits wie ein vertr?umter Geigenspieler, der sich selbst zu eigner Lust in einer verlorenen Ecke ein St?ndchen bringt.

Den beiden M?dchen schl?gt das Herz. Wie eine breite laue Welle sü? duftender Vornehmheit geht es über sie hin.

Der Wagen h?lt vor der Villa, der Diener ?ffnete den Schlag. Alles, worauf ihr Auge auch f?llt, ist wie in einer andern Welt, alles sagt ihnen etwas von einem geheimnisvollen Leben, das sie nicht kennen.

Ihr Vater hilft ihnen aus dem Wagen - ja, war denn das ihr Vater? Er hat einen Ausdruck, den sie an ihm nicht für m?glich gehalten h?tten, so gentlemanlike, eine so ritterliche Bewegung des Arms, die ihnen gilt! Sie wurden unbeschreiblich verlegen.

Der Diener führte sie eine breite, steinerne Treppe hinan. Vorsaal und Treppenhaus ganz in Wei? und Gold gehalten.

Eine gro?e Schale vor einem hohen Spiegel mit Centifolien und Reseda, die den Raum mit ihrem Sommerduft erfüllen.

Marie und Isolde wünschten sich weit fort.

Es war ihnen die Atmosph?re so kühl, als schlüge im Hause kein Herz!

Der Diener ?ffnete die Thürflügel. Isolden ist dieser Diener merkwürdiger als alles. Er war, kam es ihr vor, da und zugleich nicht da. So wesenlos ist ihr noch nie ein Mensch erschienen. Alles Menschliche hatte er, Gott wei? wo, gelassen.

Auf seinem Gesicht lag die Vornehmheit des Hauses versteinert.

Sie gingen durch ein hohes helles Vorzimmer und schauten nicht recht um sich. Die Thür nach einem andern Raum stand ge?ffnet. Sie traten ein und befanden sich einer Gesellschaft von verschiedenen Personen gegenüber.

Der Theetisch war gedeckt, G?ste waren um ihn versammelt. Ein leichtes Aroma von Cigaretten und Rosen. Es schienen den beiden M?dchen auf den ersten Blick viel mehr Personen gegenw?rtig zu sein, als es in Wirklichkeit waren.

Eine Dame hob sich ein wenig aus ihrem Lehnsessel, beugte sich vor, streckte den Arm aus. Gelblich indische Seide flo? faltig schlank an ihr herab. Ein liebenswürdiges L?cheln ging über das schmale, von glatt anliegendem schwarzen Haar eingerahmte Gesicht.

?Wie gut, da? Sie sind gekommen, lieber Dichter," sagte die Dame. ?Nun, und Ihre jungen M?dchen - wir wollen sehn."

Sie gab jedem der M?dchen die Hand.

Tiefe schwarze, feuchte Sammtaugen fühlten sie auf sich gerichtet, kühl, vornehm, freundlich.

?Kommen Sie, nehmen Sie Platz, lieber Dichter."

Isolde sah weltenweit von sich entfernt Henry Mengersen im wei?en Flanellanzug.

Sie empfand, wie er hier heimisch war.

Ein t?dlicher Schreck, ein banges Schamgefühl überw?ltigte sie, als sie an den Sch?del daheim dachte. Die sü?e mystische Liebeswonne, die br?utlich nonnenhafte Seligkeit, wie erschien ihr das alles jetzt! Den Sch?del hatte sie geliebkost ja! Die beiden Stirnen hatten dieselbe Form - gewi?. Sie hatte vor ihm wie im Gebet versunken gelegen. Es war ihr so natürlich erschienen. So ein th?richtes Gesch?pf wie sie war! -

Henry Mengersen wurde den beiden M?dchen vorgestellt. Er erinnerte sich Isoldens. Sie hatten sich in einer Gesellschaft bei Freyschen Freunden getroffen. Er reichte ihr die Hand und begrü?te sie als alte Bekannte.

Au?erdem war ein ?ltlicher, norddeutscher Baron da, ein jovialer Herr und eine noch junge schlanke Frau mit kleinem Kopf und kr?ftig voller Gestalt, einem etwas ernsten Kindergesicht, gro?en Augen, kleiner Nase, hübsch geformtem Mund. Sie schien eine angenehme Person zu sein. Ihr weiches, braunes Haar trug sie in einem nicht geschickt arrangierten Knoten.

Zuguterletzt rekelte sich ein, zweifelsohne, hochmoderner Schriftsteller in seinem Stuhl. Er rekelte sich, weil das seiner Lebensanschauung wahrscheinlich entsprach.

?Grü? Gott, übermensch!" sagte er und schüttelte Doktor Frey kollegialisch, aber auf eine etwas schlottrige Weise die Hand.

Ein tadelloser, aber ein wenig zu weiter Salonanzug bedeckte seine gelenke, feingliederige, mit zartem Fett ausgepolsterte Gestalt. Die breite, gest?rkte Hemdenbrust stand in weitem Bogen aus der tief ausgeschnittenen Weste heraus. Es war alles nicht so recht niet- und nagelfest an ihm.

Doktor Frey aber schien mit allen, die am Tisch sa?en, bekannt und vertraut. Er hatte etwas so leicht-beweglich M?chtiges, wie eine gut geschmierte gro?e Maschine.

Als er sich niedersetzte, sagte er, jovial und wie im Prophetenton, eine seiner Sentenzen: ?Wir müssen alle wahr sein, wahr bis zum ?u?ersten - wahr und lebensfreudig - dann wird die Welt bald ein anderes Gesicht bekommen."

Jede seiner Bewegungen zeugte davon, da? er sich hier sicher und wohl fühlte, da? er sich seines Werts bewu?t, da? er ein berühmter Mann war.

Als Marie und Isolde in den eigentümlichen englischen Stühlen Platz nahmen, empfanden sie ein lebendiges Behagen, wie sich das glatte zarte Holz an den K?rper schmiegte. Unwillkürlich strich Isolde wie liebkosend über die Armlehne auf der ihre Hand ruhte. Sie fühlte sich so geborgen.

Wie robust lebte es sich daheim, wie h??lich und grob.

Ihren Vater lie? sie nicht aus den Augen. Er war hier wie ein anderer Mensch. Wie zu einem Heiligen neigte sich die sch?ne Frau zu ihm und fragte ihn, ob er Rum oder Citrone in den Thee wünsche. Eigenh?ndig reichte sie ihm das Gewünschte und er schaute wie ein Halbgott um sich.

Isolden war etwas wie Weinen und Lachen nah. Ein erschrecklich verquicktes Ding von einem Gefühl. Sie dachte an die Mutter daheim. Der Thee war so duftend, die Tassen so zart, alles Ger?t auf dem Tisch als stammte es aus einer vollkommeneren Welt.

Die M?dchen sa?en ganz still in ihren hellgrauen Lodenkostümen, wie zwei graugefiederte Tauben.

Sie dachten beide an ihre Kleider, die sie im K?fferchen mitgebracht hatten und fühlten eine wahre Sehnsucht danach.

Mrs. Wendland fuhr im leichten Plaudern fort, in dem sie, durch das Eintreten der neuen G?ste, unterbrochen worden war. ?Lu," wendete sie sich an die junge Frau, ?man hat mich gefragt, was ich habe an dir? Was hast du an ihr? Ich habe gesagt: das, was du hast an mir, hab' ich an ihr. Ich bin w?rmer als du, sie ist w?rmer als ich. Es ist immer die W?rme.

Und wei?t du, wer hat gefragt?

Dieser ?fling!" Mrs. Wendland blickte auf den kleinen dicken Baron.

Die junge Frau sah gro? auf und lachte.

?Ja," sagte sie, ?ich stehe nicht in Gnaden bei dem Baron."

?Verehrteste!" der kleine dicke Baron machte eine wahrhaft entsetzte Bewegung und steckte seinen goldnen Kneifer auf die Nase. ?Verzeihung, gn?digste Frau, da mu? ich allerdings einen absolut anderen Zusammenhang ......"

?Mu?t dich nicht bemühen, lieber Freund."

Mrs. Wendland stand vor dem Kamin, ihre hohe schlanke Gestalt nachl?ssig hingelehnt.

Sie schaute mit unergründlichen Augen auf die Gesellschaft. über ihr lag eine eigentümliche Ruhe, wie sie gew?hnlichen Menschen nicht eigen ist. ?Merkwürdigerweise," fuhr sie fort, ?sagte Lu dasselbe von dir, lieber Baron: Wie kannst du verkehren mit diesen dummen Baron?"

?Mary!" rief die junge Frau ganz entsetzt.

Mrs. Wendland aber erz?hlte ruhig weiter: ?Ich habe gesagt: Es ist ein alter Liebhaber von mich und ich frag' ihn: Wo kaufst du das beste Kaiser?l und ob er seine Leute auch Werktags Wein giebt - solche Dinge - aber das ist das Gemütliche nicht wahr, Baron?"

?Du bist heut ja wieder von fabelhafter Freimütigkeit!"

Die junge Frau war tief err?tet und etwas nerv?s geworden.

?Und schlie?lich, ist denn diese Freimütigkeit so notwendig?"

?Meine liebe Lu, Freimütigkeit ist nie unn?tig. Denke, was für ein sch?nes Wort: Frei! - Mutig! - Zum Beispiel: Ich habe das Unglück, unter deutschen Frauen zu leben. Ich wei? nicht, womit ich das verdient habe. Die, mit denen ich mu? leben, die werd' ich nicht in ihrem Dunkel sitzen lassen. Alle deutsche Frauen sind Kühen," sagte sie aufseufzend.

?Das geh?rt eigentlich wieder unter vier Augen," meinte Frau Lu.

?Mit deinen, ?unter vier Augen'!" Mrs. Wendland l?chelte.

?Was man unter vier Augen sagt, ist so gut, als ob man gar nichts sagt - au?er in Liebesdingen - ja dann - natürlich. Aber alles andre ist gut, wenn man aller Welt es sagt. Es wird bekannt. Ich sage alles, was ich denke."

Der moderne Schriftsteller hatte eine zarte Applaudierbewegung mit den Spitzen seiner Finger gemacht, als Mrs. Wendland die eigentümliche Bemerkung über die deutschen Frauen vorbrachte. Mrs. Wendland hatte dies bemerkt.

?Und was soll ich von den deutschen M?nnern sagen, wenn ich mu? sehen so etwas?"

Sie umgab den Schriftsteller wahrhaft mit der ruhigen Macht ihres Blickes. ?Wenn ich sage, die deutschen Frauen sind Kühen, so ist das etwas Trauriges und ein schlechtes Zeichen für den deutschen Mann.

Wenn ich bin freimütig und sage, was Frau Lu von meinem guten Baron gesagt hat, so will ich, da? sie nicht soll erschrecken. Sie soll ganz ihr selbst bleiben - ganz ruhig in ihre Seele, nicht aus der Contenance kommen. Eine Frau, die gethan und gelebt hat, wie Frau Lu, die so gehandelt hat, mu? souverain sein. Lu hat nie zu die Kühen geh?rt - nie. Lu nie."

Das sagte Mrs. Wendland sehr bestimmt.

?Sie ist Ausnahme, first class.

Wenn ich denke an Lu, denke ich, da? sie genagelt ist an ein Kreuz mit tausend Rosen überdeckt, so ganz überdeckt von Rosen - ein Golgatha, ganz in Rosen.

Niemand sieht, da? sie genagelt ist - aber sie ist's, mit H?nden und Fü?en, weil sie eine so glückliche Ehe hat, so ein Wunder von einer Ehe. Eine wirklich glückliche Ehe! - Nicht, was man so nennt glückliche Ehe, das ist eine Futterehe, was man im allgemeinen nennt ?glücklich".

Aber Lus Ehe ist in Wahrheit glücklich - und das ist ein gro?es Unglück."

Mrs. Wendland ging auf ihre Freundin zu, strich ihr über das Haar. ?Arme Lu!"

Frau Lu schlang die Arme um sie und sagte: ?Aber wie viel besser es ihm jetzt geht! - Und er arbeitet! Wenn Gott nur einmal ein bissel neutral bleibt."

?übrigens, mir f?llt ein," sagte Mrs. Wendland - ?etwas ganz anders: Gestern geh' ich meinen Spaziergang au?erhalb meinem Park und begegne einer deutschen Familie - zwei M?nnern, Kindern und eine Frau.

Die Kinder liefen voraus und die Frau war zurückgeblieben. Sie hatte 'was an die Fü?e und war so eine dicke Bürgerin.

?Schau,' sagt die eine Mann zu seinem Begleiter, ?wie deine Alte nachhatscht.' -

?Na, alter Kachelofen,' ruft ihr der Ehemann zu, ?mach voran!'

Und die Frau schaut auf mich und lacht so gutmütig und sagt:

?So san die Mannersleut!'

So sind sie alle, da liegt das ganze ?Deutsch" darin.

Lieber will ich ein Pferd sein, als eine deutsche Frau!"

?Nun, ich d?chte, eine sch?ne Frau darf doch auch in Deutschland reden, wie es ihr gef?llt," sagt der moderne Schriftsteller, und um seine Lippen spielte ein L?cheln, wie er es in der Gewohnheit hatte, wenn er eine Frau über irgend einen Gegenstand sprechen h?rte, auch wenn dieser Gegenstand ihre eigene Pers?nlichkeit und ihr eigenes Geschlecht gewesen w?re, - ein so nachsichtiges, gn?diges L?cheln.

?O ja, eine sch?ne Frau kann auch in Deutschland manches thun; aber das liegt auf einem ganz anderen Gebiet.

Ich bewundere die deutsche Frau, da? ihr nicht die Geduld ausging.

Ich würde eine Bombe nehmen und auf die Schlafrock von meinem Mann werfen und auf die Schlafrock von alle M?nner, die schreiben und philosophieren und sprechen von die Frau.

Mitten in ihr Dunkel würde ich werfen."

?Oho! Hochverehrte," rief Doktor Frey m?chtig. ?Deutsche Liebe! Deutsches Weib! Minnesang! Sie thun uns bitter unrecht!"

?Da kommen Sie mit die Mittelalter! - Natürlich, das thun alle deutschen M?nner, wenn sie von die Frau reden. Ein deutscher Mann sieht die Frau immer im Mittelalter, auch in solch einem Kostüm. Ich glaube, wenn er von die deutsche Frau spricht, denkt er an eine aus Holz geschnitzte, nie an die lebendige, so wie auf den Titeln von allen deutschen Familienzeitungen zu sehn ist, so kinderlich. Das Naivste, was es in dieser Beziehung giebt, ist der deutsche Mann.

Deutsche Liebe! Ich mache zwei Kreuze davor, damit man sich in acht nimmt.

Ich will eine lange Geschichte erz?hlen: ich liebe sehr Geschichten zu erz?hlen," sagte sie tr?umerisch.

?Es hat sich eine Ausl?nderin verheiratet. Sie hat einen deutschen Baron geheiratet."

Mrs. Wendland sah mit ihren tiefen ruhigen Augen, geradaus über die Gesellschaft hinweg.

Wie vornehm kühl stand sie da als wenn alles auf der Welt sie nichts anginge; auch das Alter nichts. Denn sie war nicht mehr jung.

Wie flo? aber die gelbe indische Seide an ihrer schlanken Gestalt herab.

Diese Frau hatte sich in Nichts nachgegeben, das sah man.

Sie hatte ihr Leben mit sich selbst durchdrungen.

?Und dieser Baron ist so ein deutscher Lebemann," fuhr sie fort. ?Er hatte gelebt und geliebt, wie man sagt.

Er war ein sch?ner Mann und hatte ein Schlo? und Wald und Jagd und war ein gro?e J?ger. Er hatte genug von die Frauen und deshalb heiratete er.

Und wie ich sagte: Er heiratete eine junge Ausl?nderin - sch?n - klug und sie hatte nicht gelebt und geliebt, wie man sagt, und liebte ihren Mann mit solch einer sch?nen jungen Liebe und solch einem Verlangen nach Liebe. Und er hatte nicht ein Verlangen nach Liebe und kümmerte sich wenig um sie.

Sie aber war traurig darüber und er ging alle Morgen auf die Jagd.

Im Winter, vor Sonnenaufgang stand er leise auf und lie? sie in Thr?nen verliebt allein. Da sann sie, wie sie ihn halten k?nne.

Und einmal war es auch, da wu?te sie schon, da? er wieder gehen würde. Drau?en lag leichter Schnee über der Welt und der Mond schien helle.

Da war sie es, die aufstand, viel, viel leiser als er, so zart, wie eine Hauch und sie legte ihre Nachtkleider ab und schlüpfte nur in eine weiche Pelz - dann schlich sie fort - und zum Schlo? hinaus.

Und unter einer einsamen Linde warf sie ihre Pelz ab und stand in ihre gro?e Sch?nheit im Mondschein.

Da legte sie sich in den wei?en, unberührten Schnee und der Schnee trug die Linien von ihre zarte Gestalt. Dann hob sie sich wieder und schlüpfte in ihr Pelz und eilte schnell in das Schlo? zurück, in ihr Schlafzimmer - leise - wie ein Hauch.

Und als der Baron erwachte und sie wollte verlassen, um zur Jagd zu gehen - da sagte sie: ?O denke, es ist ein edles Wild bis nah vors Schlo? gewesen, ich habe seine Spur gesehen unter der Linde.'

Da lachte er und glaubte nicht.

?O geh, sagte sie, du wirst es sehn, da? ich wahr sagte.'

Und er ging.

Und als er wiederkam? Da verlie? er ihr, denke ich, nicht mehr.

Und meine Geschichte hei?t: Die Wildspur.

Das ist was ich nenn ?Frau' und ?Liebe', so sü? und klug. O, es geh?rt mehr Weisheit und Seele - und Geist dazu, als zu eine Eisenbahn baun."

?Eine Geschichte für junge Damen," sagte der moderne Schriftsteller l?chelnd und verbeugte sich leicht, zu Marie und Isolde gewendet.

?Gewi? für junge Damen," sagte die sch?ne Frau. ?Oder meinen Sie für alte?"

Die kleine Geschichte hatte sie mit solch einer freimütigen Sch?nheit erz?hlt, da? es über alle wie ein Hauch von Poesie ging.

Doktor Frey erhob sich, go? ein zierliches Kristallglas voll Wein, lie? sich vor Mrs. Wendland auf ein Knie nieder und sagte indem er das Glas an die Lippen führte: ?Dem wundervollsten Weib!"

?O, Sie sind ein deutscher Dichter! Sie sind ein Freiheitsmensch, ich wei?.

Es ist sehr n?tig hier."

Die beiden jungen M?nner, der Schriftsteller und Henry Mengersen verhielten sich bisher passiv. Der Schriftsteller hatte den Blick selten von Mrs. Wendland gekehrt.

?Kann so bleiben," murmelte er ein paarmal vor sich hin, ?kann so bleiben."

Henry Mengersen war, wie es schien, ein wenig verstimmt.

Mrs. Wendland hatte Doktor Frey und seine beiden M?dchen veranla?t, mit ihr auf den Balkon hinauszutreten.

?Alles angeweiblicht - für Weiber!" - sagte Henry Mengersen zum Baron gewendet. ?Jawohl, Eisenbahnen bauen! O teure Mistre?, versuchen Sie's mal."

?Na," meinte der Baron, ?Sie Tiger, das sagt man doch blo?. Und übrigens, ich habe nichts gegen das Ewig-Weibliche hier um diesen Tisch. Reizende Kerlchen - was?"

Er zwinkerte und deutete mit diesem Zwinkern auf die verlassenen Pl?tze der beiden M?dchen.

?Nicht übel, die eine ist mir schon bekannt, ein sonderbares Huhn."

*

Zum Souper kleideten sich die beiden M?dchen in ihre duftigen langen Gew?nder und es fiel ihnen wie ein Stein vom Herzen, als sie sich so sch?n sahen. Die Vornehmheit bedrückte sie nun nicht mehr.

*

Sp?t am Abend sprach Mrs. Wendland den Wunsch aus, da? Henry Mengersen sie alle miteinander in sein Atelier führen m?chte.

Auf eine kühle Art zeigte er sich bereit dazu.

Isolden schlug das Herz.

Und w?hrend die anderen im Salon noch eifrig plauderten, stand sie allein drau?en auf der Terrasse und sah in die Sommernacht hinaus.

*

Zwei Jahre mochten es her sein, da hatte sie in einer Münchener Kunstausstellung, kaum fünfzehnj?hrig, vor einer Reihe Radierungen gestanden - und das Kind hatte geschaut und geschaut, die Zeit war ihr vergangen, ohne da? sie es empfand.

Die Leute hatten über das kleine weltvergessene M?dchen gel?chelt.

Sie aber hatte eine neue Welt gesehen und gefühlt.

Da war eine Landstra?e gewesen, eine langgestreckte Landstra?e, links und rechts mit jungen Obstb?umen besetzt und diese Stra?e führte geraden Wegs hinein in einen dunkeln, drohenden schweren Gewitterhimmel.

Niemand ging diese Stra?e. Sie aber ging sie. Sie ging im Geist auf dieser Stra?e.

Eine gro?e tote Stille - kein Blatt rührt sich - kein Laut - und auch die ungeheure Wolkenmasse stand unbeweglich, ein gro?es, düstres Geheimnis.

Und diesem drohenden, düsteren Unbekannten lief sie entgegen. Sie ging nicht, sie lief.

Sie war ganz entrückt.

Und dann ein andres Blatt:

Auf hohen Gebirgsgipfeln mitten in der Gletscherwelt, im ewigen Schnee, k?mpften zwei Titanen unter schwerem Himmel. Der ewige Schnee stiebt um sie her. Eiskl?tze fliegen. Der Grund ist zerwühlt, zerstampft, zerklüftet und zerrissen von der Gewalt der Hufe.

Um was k?mpfen sie? Um ein armes H?schen, das tot und winzig im Schnee liegt, das der eine erbeutet hat und der andere ihm nicht g?nnt.

Da mu?te das Kind lachen.

Und weiter:

Auf einem Bild sah sie ein Liebespaar. Rosen und Nacht. Es war alles so verstohlen.

Sie begriff.

Es war da ein Duft von Jasmin in der Luft - und das Geheimnis, das gro?e Geheimnis.

In der Schule steckten sie die K?pfe immer zusammen, das Eine, nur das Eine lie? ihnen keine Ruh; es sprühte ihnen im Blute, es stieg ihnen zu Kopfe, es nahm ihnen den Atem. Und dann war es so widerw?rtig - die anderen konnte man darum hassen, da? sie davon tuschelten. Und im Umsehen waren sie wieder dabei - sie mit.

Eine zeigte eine Stelle im Religionsbuche, ohne ein Wort zu sagen.

Eine err?tete. Und alle schauten und machten lange H?lse und wollten es sehen - lesen - genie?en - davor erschauern - sie mit.

Wie unanst?ndige Kobolde, ganz elementar, ganz naiv. -

Ja, und dieses Bild! da war das Geheimnis.

Sie war aber wie reingespült davon.

Eine sü?e, ungeheure Melodie h?rte sie. Sie fühlte etwas so Gro?es, so Einziges, etwas zum Hinsterben. Von dem Tuscheln, Schauern, dem naiv frechen Treiben der unanst?ndigen Kobolde, die die Leute Backfische nennen, war sie von jener Stunde an getrennt.

Auf dem n?chsten Bild dasselbe Liebespaar.

Ja, sie erkannte sie beide wieder. Ein Kind war geboren. Das Weib lag langgestreckt und tot. Es stand da eine Wasserschale und Tücher lagen da. Sie sah das Weib mit Schauern. Es war eben geschehen.

Der Mann kniete und hielt den Kopf des toten Weibes in seinen H?nden und seinen Kopf hatte er ganz vergraben.

Hinter beiden aber stand der Tod, riesig wie eine m?chtige Wand, wie ein Fels und auf seinem Arm lag das eben geborene tote Kind, gleich einer welken Blüte, die zuf?llig ein Sturmsto? auf den Arm des Todes geweht hat, so hing es formlos zusammengefallen.

Das junge Ding vor dem Bild war erschüttert, wie vor nichts noch auf der Welt.

Ganz verschüchtert stand sie vor etwas Schrecklichem. Und dazu das Geheimnisvolle, das Unenthüllte - das auch sie selbst anging.

Sie fühlte sich vor diesem Bilde bang d?mmernd als Weib und fühlte dies mit tiefem leidenschaftlichen Erschauern.

Sie geh?rte zu denen - zu denen, die so namenlos, geheimnisvoll leiden müssen, zu denen, neben deren Liebe der Tod steht, so, wie sie es eben gesehen: der riesige, ernste, feierliche Tod.

O, so lieben! Welches Geheimnis!

Liebe und Tod! O, so in den Untergang hinein lieben!

Sie fühlte sich stolz, m?chtig - und freute sich, da? sie ein Weib war.

Es war als ob ihre Fü?e den Erdboden nicht berührten.

Ja, das ist das Gr??te auf Erden: Weib sein! Sich opfern!

Mit solchen Gefühlen ging sie damals nach Hause.

Von da an liebte sie Henry Mengersen, noch ehe sie ihn gesehen. Sie liebte ihn, wie sie seine Kunst liebte.

Und als sie ihn gesehen von Angesicht zu Angesicht, liebte sie ihn kaum mehr als vordem. Nein, durchaus nicht mehr.

Der Sch?del, dessen Stirn die wunderliche ?hnlichkeit zeigte, war ihr vom Schicksal gegeben worden als ein Symbol, das sie anbeten durfte, leidenschaftlich, ahnungsvoll, wie eine Nonne eine Reliquie anbetet.

*

Und nun sollte sie in das Heiligtum treten und seine Werke in dem Raum sehen, in dem sie geschaffen wurden.

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