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Chapter 6 No.6

Ein uraltes M?rchen giebt es:

Eine reine Jungfrau wollte sich für ihren Herrn opfern, auf da? er von der Miselsucht genesen sollte.

Lebend wollte sie sich für ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.

Und als er durch die Thürspalte blickte, da ersah er sie blo?, wie sie zur Welt geboren war, nackt in ihrer gro?en Sch?nheit, wie sie geduldig dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn retten.

Da erbarmte sich seine Seele.

*

In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten M?rchen, die ihren Herrn retten und sich für ihn das Herz lebend aus der Brust schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren war, in ihrer gro?en Sch?nheit.

Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Henry Mengersen sa? ganz versunken und entrückt über seiner Zeichnung.

Gro?e Stille im Raum.

Drau?en Juliw?rme, Julisonne, ungeheure Laubmassen, schneewei?leuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.

Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdüfte, Sommerblumen, der Glanz von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel - heiliger, warmer Sommerzauber.

Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann, arbeitend wie an einer Offenbarung.

Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.

Keine Minute, keine Sekunde verlieren!

Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.

Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.

Er will sie aus ihrer Stellung erl?sen - aber er wagt es nicht.

Was denn? - Was kann die n?chste Minute bringen?

War er seiner sicher?

War er ihrer sicher?

Er arbeitet ohne Zeitma? - heftig, widerstandslos.

Ungespaltenen Willen für seine Arbeit!

Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrücke!

Er stellt sich kühl vor, da? sie ein bezahltes Modell sei - und es gelingt ihm.

Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.

Wie einfach ist alles zugegangen!

Ihr leises Kommen, - ein so rührendes Anschmiegen.

Er hat sie auf die Stirn gekü?t.

Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.

Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.

Ja, und da war ihm das aus dem M?rchen vom armen Heinrich gekommen.

M?rchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief tr?umend und der gro?e reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.

Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr ausschütten wollen.

Er wagte es aber nicht.

Den Kopf nicht verlieren!

Von vollendeter, junger Sch?nheit war ihr K?rper. Ein Geschenk, eine herrliche Erfahrung.

?Dem Sch?pfer Dank, da? das M?dchen so leichtsinnig war, da? sie ihrer gro?en Sch?nheit froh werden wollte, und da? sie ihn gewinnen wollte - alles beiseite werfend.

Unerh?rt raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.

Diese rührende Gestalt, dieser Ausdruck des v?llig bleichen Gesichts!'

Als Künstler nahm er das Eigentümliche ihres Wesens bereitwillig auf, als Mensch fühlte er sich davon fast abgesto?en. Er sah als Mensch tiefer.

Er empfand das M?rchenhafte.

Aber welchen Wert hatte das?

Kann ein Weib, das so rücksichtslos wirbt und auf sein Ziel losgeht, wahr sein?

Wie steht das in Einklang mit solcher Reinheit der Bewegung, solcher Unantastbarkeit? ...

L?cherlich!

Nicht verblüffen lassen!

Du kluges, schlaues Weibchen.

Er blickte über alles ?u?ere hinweg, in die eitle, beutegierige Weibesseele hinein.

*

Im alten M?rchen hei?t es:

?Da erbarmte sich seine Seele."

*

Henry Mengersen war ein kluger Mensch. Was die Natur etwa vers?umt hatte in seinem Charakter praktisch einzurichten, dem hatte er nachgeholfen.

Sein Empfinden als Mensch ist vortrefflich geschieden von seinem Künstlerempfinden. Seine gro?e Kühle und Vorsicht ist ganz etwas für sich. Als Künstler kann er leidenschaftlich, warm, gro? sein. Er ist sich dessen auch vollkommen bewu?t. Er hat sehr viel über sich selbst nachgedacht, beurteilt und behandelt sich gewisserma?en wie ein Kunstwerk.

Er hat sich zur Kunst trainiert, wie andere es zu irgend einem Sport thun, genau so kühl und berechnend. Er will sich seine Kunst intakt halten, seine Person, seine Toilette. Alle diese Dinge behandelt er auf das Sorgf?ltigste. -

Und wer im geringsten auf eins dieser Dinge st?rend einwirkt, den belehrt er.

Er hat gefunden, da? die kühle Belehrung eine ganz au?erordentliche Waffe sei - eine verblüffende Waffe. - Kühl, ganz kühl belehren.

Es giebt für den andern in gewissen Momenten nichts Besch?menderes.

Ja und w?hrend der Arbeit, als er nicht wu?te, wie jetzt enden, wie ein ruhiges Ausklingen des sonderbaren Abenteuers m?glich sei, so da? er sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen h?tte, sonderte sich in ihm schon der Belehrungsstoff ab - wie das Gift in einem Giftzahn.

Der t?dliche Bi? aber erfolgte nicht.

Es war nicht n?tig.

Unauff?llig, still, ernst, wie sie gekommen, ging sie wieder.

Er wollte sprechen, war verwirrt, etwas verlegen, ja, er war dabei, aus Verlegenheit z?rtlich zu werden.

Er sprach etwas ungeschickt von Dank. Da sah er, wie sie den Finger flehend auf ihren Mund legte und ihn dabei anblickte.

Dann sah er die Gestalt in dem wei?en Kleid durch den Garten gehen, ruhig und langsam, nicht scheu und eilig.

Nicht ein Wort hatte sie bei ihm gesprochen, stumm war sie gekommen, stumm gegangen.

*

Als er an diesem Abend zu Mrs. Wendland kam, war Isolde nach München abgereist.

*

Mama hielt sich noch bei dem schwer erkrankten Bruder in Berlin auf und Isolde fand die Schwester ganz allein daheim. Der Vater hatte seinen Kegelabend.

?Wo kommst denn du her?" sagte Marie ganz erstaunt, als sie ihrer Schwester ?ffnete.

In dem dunkeln Korridor war es ganz beklommen.

Nach der herrlichen, weichen Seeluft dr?ngt es sich hier wie erstickend in die Lungen.

?Ist was geschehn?" fragte Marie, ?was f?llt dir denn ein? Jesus, statt froh zu sein, kommt die Suse hier an! Willst du was?"

?Ich will heim," sagte Isolde.

?Bist du triste?" fragte Marie weich.

Da schlang Isolde ihre Arme um die blonde Schwester und gab sich wie ein krankes, abgemattetes Kind.

Marie war so lieb zu ihr, go? ihr Thee auf, deckte den Tisch zum Abendessen.

Isolde ging bei allem, was Marie that, ihr nach wie ein Kind seiner Mutter.

?Ist dir doch was?" wiederholte Marie hin und wieder ihre Frage.

Zu ihrer Schwester sammtner Weichheit war Isolde von Kindheit an geflüchtet, wenn sie seelisch fror, wie in einen Sonnenstrahl hinein.

Marie war es so gew?hnt, Isoldens unruhiges, flackerndes Gemüt in ihre stille Natur aufzunehmen.

Sie machten beide nicht viel Worte, aber das Zueinanderschlüpfen der jungen Gesch?pfe, die gegenseitige W?rme das war so gut.

Marie wollte ihr Bettzeug holen, um bei Isolde zu schlafen. Sie hatte ihr Lager in einem andern Zimmer aufgeschlagen, des Sch?dels wegen. Von seinem Postament hatte sie ihn nicht nehmen wollen und h?tte auch nicht gewu?t, wohin damit. Und allein mit ihm im selben Zimmer - nicht um die Welt!

?Geh, bleib nur wo du bist," sagte Isolde, dann ging sie schlafen.

Sie legte sich mit gro?en Augen nieder, lie? das Licht brennen und starrte vor sich hin.

Was für ein Weh stieg in ihrer Brust auf - so fremd, so nagend.

Sie verstand es nicht.

War das Reue?

War das entsetzlich, was sie gethan?

Es nagte - nagte - nagte.

Aber weshalb sie so fremd, so geheimnisvoll litt, verstand sie doch nicht.

Ein Erstarren ging durch ihre Glieder und durch ihre Seele - ein schreckliches, t?tliches Erstarren.

War das Zweifel?

War das ......

Sie fand keine Worte, keine Gedanken - aber sie litt.

Sie fühlt, als grübe ein Messer in ihrer Brust und suchte nach ihrem Herzen.

?Du Mensch aller Menschen hast es verlangt!" und wie damals legte sie die H?nde wie im Gebet zusammen und blickte auf den Sch?del. ?Du hast es verlangt, weil ich dein bin, weil du mein bist und weil ich dir helfen soll."

Sie flüsterte wie in gro?er Schmerzensnot.

?Du wirst kommen - und du wirst mich nicht wieder verlassen!"

?Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan, sehr - sehr schlau,' würde der Sch?del denken, h?tte er das Glück, Henry Mengersens Hirn in seiner H?hle zu haben.

Eine ungeheure Sehnsucht erfüllte sie.

?H?tte er mich doch gekü?t - gekü?t!" ein tiefer Seufzer wie ein Schrei. Sie erzitterte durch alle Nerven. Dann ein Aufschluchzen.

?Nun wei? ich, wie ich bin! Er ist besser. Alles hat er - alles kann er. Was für ein Mensch ist er! - und auch besser als ich!"

Ein zorniges emp?rtes Gefühl.

Stundenlang tobte es in ihr auf und nieder. Ruhelos, friedlos - und so unsagbar weh!

Dann kam ein dumpfer Schlaf, und dumpfe, tiefe Tr?ume.

Sie stand auf einer Bühne und sollte singen und wu?te nichts von dem, was sie singen sollte und hatte nie ein Wort davon geh?rt.

Im Hemd stand sie vor allen Leuten, als mü?te es so sein - und doch war etwas versteckt, dumpf Schmachvolles dabei - als mü?te es doch wieder nicht so sein. Und Heinrich Mengersen ging an ihr vorüber in seinem wei?en Flanellanzug, so unantastbar vollendet gekleidet - und l?chelte nachsichtig - da wachte sie auf.

Ihr Herz schlug - und es war ihr, als h?tte das L?cheln sie gebrandmarkt, ja, als h?tte er in Wirklichkeit so gel?chelt.

Sie hob die H?nde zum Sch?del auf. ?Du liebst mich - ich bin dir das Liebste auf der Welt - wie du mir. Dann ist alles gut. Du h?ttest ja sonst auch nicht bitten k?nnen."

Das fremde, geheimnisvolle Weh lag dennoch auf ihrer Seele und über ihrem K?rper, wie etwas, was sie ersticken wollte.

*

Am Morgen trat Marie ein mit einem Korb voll der herrlichsten Rosen.

Das war genau so ein Korb, wie er bei ihm gestanden hatte.

?Du, das ist für dich gekommen," sagte Marie. ?Von wem wohl?"

Isolde sa? auf ihrem Bettrand, bleich, mit selig gespannten Zügen. Und ihr war, als fl?ge ein m?chtiger, grauer, weicher Vogel, der sich mit ausgebreiteten Flügeln an sie angedr?ngt hatte, von ihr ab. Sie konnte nicht sprechen. Sie blickte nur mit gro?en, weitge?ffneten Augen.

?Ein Briefel ist nicht dabei, garnichts; - ich hab schon geschaut. Der Dienstmann hat's für Fr?ulein ?Isolde Frey' gebracht. ?Isolde' hat er gesagt. - Für dich. - Von wem nur?"

Jetzt hatte Isolde den Korb auf dem Scho?, ihre beiden H?nde lagen wie zitternd liebkosend über den Rosen. Sie sa? regungslos.

?Rosen," sagte sie langsam. ?Rosen!"

?Das sind mindestens für fünfzig Mark welche," meinte Marie, ?so ein Haufen! Herr Gott, Isolde, von wem nur? Du wei?t's!"

Isolde schüttelte wie geistesabwesend den Kopf.

Wie ein weicher, warmer Wind zog Frieden über sie hin.

?Nun ist alles gut."

Aus den taufrischen Rosen stieg Seligkeit auf und Hoffnung und ihr eigenes Selbst ganz reingebadet, sch?n, und ohne jede Schmach - - und gut.

Den ganzen Vormittag machte Isolde sich mit den Rosen zu thun. Gl?ser und Vasen füllte sie damit und stellte sie so und so, und schaute sie an und nahm diese und steckte sie zu jener und sagte: ?Wenn sie doch nicht welken würden. Wei?t du, Marie, wenn die immer blieben, Winter und Sommer, dann s?h' unser Zimmer wie ein Garten aus."

Die Rosen hatten alle Qual von ihr genommen.

*

Dieser Morgen, der Isolden die Rosen gab, brachte der Familie Frey einen h?chst merkwürdigen Tag. Kein Familienglied verga? ihn je.

Um halb zwei Uhr sa?en Doktor Frey, Karl, Marie und Isolde bei Tisch.

Das M?dchen brachte die Zweiuhrpost: Die Probenummer einer neuen Zeitschrift, einen Gesch?ftsbrief, eine Rechnung, die Ankündigung eines neuen Tabakladens in der Nachbarschaft und einen Brief von Frau Doktor Frey.

Dieser Brief war es, den der Doktor vor allem zuerst ergriff.

Marie hatte in diesen Tagen im stillen die Bemerkung gemacht, da? kein Br?utigam auf die Briefe seiner Braut so erpicht sein konnte, wie der Vater auf Mamas Briefe.

Zu jeder Tageszeit, wenn er heim kam, das erste: ?Ist Nachricht von Mama da?" -

?Das, wenn die Mutter wü?t',' dachte Marie manchmal.

Und wenn er einen solchen Brief ?ffnete, mit welcher Hast!

Und heute? Was war denn das?

Kaum, da? er in den Brief gesehn, lief Doktor Frey ganz blaurot an. Ein St?hnen folgte.

Isolde bemerkte es zuerst und fuhr entsetzt auf.

?Vater!"

Die Augen waren ihm aus den H?hlen getreten. Er sah mit einem mal erdrückend gro? und schwer aus.

Die drei Kinder hatten mit den Suppenl?ffeln innegehalten und starrten auf ihn.

Er st?hnte wieder und wieder, als k?nne er keine Luft bekommen. Seine Farbe wurde be?ngstigend.

Mit einemmal erhob er sich und ging schwerf?llig im Zimmer auf und nieder, griff nach seinem Taschentuch und fuhr sich über die Stirn.

?Vater?" fragte Marie ?ngstlich.

Da stellte er sich vor sie hin. Sein Blick war immer noch starr.

?Schw?r reich!" kam es undeutlich, fremd, heiser heraus.

Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt.

So sieht das Glück aus!

Die Kinder starrten.

Sie wu?ten nicht mehr, was sie sagen und denken sollten. Seine Seele und sein K?rper waren wie von einem Krampf gepackt.

Er war wie ein Tier, das in ein Riesenfa? Wein oder Syrup gestürzt ist. Es mu? im überflu? mit dem Erstickungstod k?mpfen.

?Ist denn der Onkel tot?" fragte Isolde.

?Mausetot," sagte Doktor Frey.

Da kam es wie ein Luftstrom über ihn und er konnte wieder atmen.

Er wurde wieder er selbst.

Der t?dliche Geldblutdurst, der wie ein h??licher Krampf ihn überfallen hatte, lie? einen freien Augenblick jetzt wieder in ihm aufkommen.

?Ja, da bin ich nun ein schwerreicher Mann!" sagte er mit der bekannten und berühmten Doktor Frey'schen Prophetenstimme. ?Mama hat geerbt."

*

?Na, Alte, nun hast du einen reichen Mann!"

So empfing Doktor Frey scherzend seine Gattin, als sie nach dem Begr?bnis ihres Bruders nach München zurückkehrte. Er trug eine Trauerbinde.

Die M?dchen hatte er ins allererste Konfektionsgesch?ft geschickt und ihnen Trauerkleider machen lassen, aus dem ?ff" wie er sagte.

Und wie die beiden im Zimmer gesch?ftig hin- und wiedergingen, um für Mama den Kaffeetisch zu richten, war in dem einfachen Raum mit seinen altmodischen, verbrauchten M?beln ein zartes Rauschen und Knistern, so eine intime flüsternde Harmonie zu spüren, die die Bewegungen der beiden jungen Gesch?pfe umgab.

Doktor Frey wanderte im Zimmer auf und ab und lauschte and?chtig auf das sü?e, seidige, zarte Schürfen, das von den beiden Bamsen ausging.

?Frou-Frou," sagte er.

Wie geschmeidig sahen die jungen K?rper in den stumpfen seidenunterfütterten schwarzen Kleidern aus.

Donnerstag! das war 'was andres, als was die Alte mit der ?St?rminna" fertig bekam! Er fühlte sich gehoben und war stolz auf seine Vaterschaft.

Zwei gute Partien im Haus!

?Ja, Bamsen," sagte er, ?heute seid ihr eigentlich erst geboren. Ein guter Schneider ist halt doch mehr wert als die beste Mutter."

Er sprach im Prophetenton und schien gro?artiger Laune zu sein, dampfte und schnob Lebensfreudigkeit von sich, wie eine Lokomotive. Etwas M?chtiges war in ihm; der Raum, in dem er sich befand, schien unbedingt zu eng für ihn und seine kraftvolle Freudigkeit zu sein.

?Na, Alte, nun hat die Sache ein andres Gesicht bekommen!"

Triumphierend, wie ein Eroberer, schaute er auf seine Frau, die, ermüdet von der Reise, still auf ihrem gewohnten Platz sa?.

Ihr Trauerkleid war in keinem ersten Gesch?ft gemacht. Es war ihr etwas hergerichtetes, altes schwarzes Sonntagskleid, und ein geschmackloser Trauerhut, mit steifem, grauschwarzem Schleier, der sicher aus einem Ausverkauf stammte, lag neben ihr auf dem Sofa.

?Hennenhirn!" sagte Doktor Frey und befühlte den starkgeleimten schwarzen Krepp.

?Da? i net lach!" sagte er.

Zum Begr?bnis seines Schwagers war der Dichter nicht nach Berlin gereist. Darin hatte er etwas Goethisches. Durch und durch Optimist, lie? er, wenn es irgend anging, nichts, was diesen Optimismus unangenehm berühren oder in Frage stellen konnte, an ihn heran, denn nichts auf der Welt mu? so vorsichtig behandelt werden wie ein guter Optimismus. Mama sprach im wehleidigen Ton vom Hinscheiden ihres Bruders.

?Die Sterbesakramente hat er empfangen, Gott sei gelobt, mehrmals sogar."

Sie sprach in dem leierigen Ton, den manche Weiber annehmen, sobald von einem Sterbefall die Rede ist.

?Sonst ist er recht ergeben hingegangen. Ganz dem seligen Vater glich er im Tod - du mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und ausgestanden hat er ganz erschrecklich."

?Verschon' uns, Alte," sagte Doktor Frey und klopfte sie auf die Schulter. Er war sehr gn?diger Stimmung und schenkte seiner Frau eigenh?ndig, zum gr??ten Erstaunen der Kinder, die zweite Tasse Kaffee ein, stellte sich aber so ungeschickt an, da? er den meisten Kaffee auf das Tischtuch brachte.

Marie wollte etwas des gro?en Fleckes halber thun.

Die Mutter wehrte ihr aber.

Es war, als ob ihr dieser Fleck wohlth?te, als ob sie ihn gern s?he, als sollte alles so bleiben, wie es war, wie er es zu thun für gut befunden hatte.

In Mamas Benehmen lag etwas versch?mt Verlegnes. Tausendmal getreten und einmal dann in die Wangen gekniffen - ihr war das Weinen nah.

?Ja, - so viel Geld!" sagte sie gedankenlos ?- so viel Geld! - Und was in den H?usern steckt!" da kam sie wieder zu sich.

Sp?ter, als sie mit ihrem Mann allein im Zimmer war, nahm sie ihn beiseite und fa?te ihn zaghaft am ?rmel seines Flausrocks, um ihm etwas zu sagen.

Es wurde ihr, so schien es, nicht leicht sich zusammenzufassen.

?Ein komischer Mensch," sagte sie.

?Wer denn?"

?Der selige Bruder. - Wei?t du, was er sagte, da? er Marie und Isolde extra bedacht hat? ?Deine M?del sollen gute Partien werden, die sind viel zu sch?n, um arm zu sein.' Na ja, das ist ja zu verstehen. Dann aber sagte er, was ich sehr sonderbar fand bei einem so ordentlichen Menschen, wie mein seliger Bruder war.

Ich hab das Weib so oft in seiner Erniedrigung gesehn, da? mir's wohl thut, wenn ich zwei sch?ne M?del sicher auf die Fü?e stellen kann."

?Na, da wird er wohl so arg ordentlich net gewesen sein," sagte Doktor Frey ungeduldig.

?So ein Ausdruck von einem ordentlichen Menschen!" meinte Mama. ?Wieso denn erniedrigt? Was wird er denn gethan haben, anderes als andre M?nner? - Da mü?ten ja alle ......" Mama hatte sich unbedingt in ihrem Gedankengang verwirrt. ?Ich meine," sagte sie, ?es ist doch alles ganz gesetzlich und in Ordnung, wie es ist. Gott verzeih mir, - ein Verbrecher wird er doch nicht gewesen sein?"

?I bewahre, mach dir deshalb keine Sorge."

?Ich hab's eben nicht verstanden. Ich wei? schon, es giebt etwas wie liederliche M?dchen," sie err?tete; ?aber das ist gesetzlich, nicht wahr, das mu? doch so sein?

Wei?t du, dir kann ich's ja sagen, da? ich davon überhaupt etwas wei?."

?Ungeniert," sagte Doktor Frey lachend.

?Meint er denn die?" fragte Mama.

?Wie gesagt, mach dir deshalb keine Gedanken. In seinen alten Tagen wird er etwas bedenklicher Natur geworden sein - ein Schw?rmer, so etwas.

Sancta Simplicitas.

So eine Henne lebt doch wie mit ausgeschnittenem Hirn. Da? i net lach!

Sucht das Weib in seiner Erniedrigung und kann's net finden!

Na, hochentwickelte deutsche Hausfrau, mach' dir halt keine Sorgen."

?Der selige Bruder wird sich eben reichlich seine Gedanken gemacht haben, als es zu Ende ging. Ein reputierlicher Mensch ist er ja sicher gewesen, wie sie es von jeher in der Familie waren und was soll er denn gro? anderes gethan haben als andre anst?ndige M?nner? Wenn es auf den Tod hinausgeht, werden die Leut' halt ?ngstlich!"

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