Genre Ranking
Get the APP HOT

Chapter 7 No.7

Doktor Frey reiste Tags darauf mit Isolden, seinem Liebling, nach Berlin ab, um in Mamas Namen manches zu erledigen.

Isolde war schweren Herzens gegangen. Ihre Rosen blühten noch in den Gl?sern.

Mittlerweile geschahen Wunder und Zeichen in der Frey'schen Wohnung.

Mama hatte im Koupé wahrhaft kühne Pl?ne geschmiedet; auch Mama waren die Flügel gewachsen. Mama, die in ihrer langen Ehe nie aus der Bedr?ngnis gekommen war, aus Bedr?ngnissen, die von Kind zu Kind, von Jahr zu Jahr gewachsen waren, Mama wollte jetzt ihres Glückes froh werden.

Es war ihr Geld - ja - das war es doch? Der Bruder hatte es ihr vermacht - doch ihr?

Nun konnte sie einmal alles nach eigenem Gutdünken thun. Wie gut, da? er jetzt nicht daheim war.

In ihrem Hirn hatten sich, so lang sie dachte, die schwierigsten Probleme gew?lzt: ?Fett oder Schmalz? Was giebt mehr aus? Wie dehn' ich's am besten? Heut nehm' ich um ein Br?ckel weniger, dann reicht der Rest morgen noch halbwegs - und übermorgen - da sch?pf' ich's von der Suppe.'

Und die unheimlichen Kunststücke mit Fleisch und Butter, da? alles ausreiche. - Und das Hangen und Bangen in den letzten Tagen des Monats, wenn das Geld trotz alles Qu?lens und Marterns nirgends mehr langte; - und die ewige Unzufriedenheit, da? nichts gut genug war - und das Schuldbewu?tsein, die Angst, wenn sie antreten mu?te, um das Wirtschaftsgeld zu erbitten - auch wenn es pünktlich um die vorgesetzte Stunde war - er war doch immer entrüstet. Wie eine Verbrecherin, eine Geldfortschlepperin hatte sie vor ihm stehen müssen - ein Mal wie das andre Mal.

Da konnte sie sich bis aufs Blut gepeinigt haben und wie ein Raubtier hinter allem drein gewesen sein. Das war alles gleich - immer dieselbe Operation.

Ach, wie sie alles dessen müde geworden war - schon l?ngst - l?ngst müde, wie ausgesogen.

Als junges M?dchen hatte sie recht gern gelesen, hatte sich Gedichte abgeschrieben und sch?ne Aussprüche. Davon war nie mehr die Rede gewesen.

Nach jeder W?sche Gebirge morschen Leinenzeugs und von früh morgens an das Sinnen und K?mpfen, da? es zum Mittagessen lange, und da? mit den l?cherlichsten Mitteln etwas Anst?ndiges auf den Tisch komme.

Kaum war gegessen, hie? es: ?Und was zum Abendessen für all' die Leut?"

Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! - Immer derselbe Schreck - immer dieselbe Aufregung. Pl?tzlich waren von allen Seiten die Rechnungen wie losgelassen.

Das M?dchen brachte sie kühl mit heim, vom B?cker, vom Metzger, von Gott wei? wem!

Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Sto? in die Nerven. Woher nehmen? - Wie kann denn das wieder zusammenkommen!

Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.

Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.

Welche Sorgen!

Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit getriebenes Tier.

Das ohne Kraft und Mut sein. Das überbürdete!

Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichm??ig von Anfang bis zu Ende.

Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanh?ufung, der sie widerstandslos matt in gr??ter Schw?che gegenüberstand!

Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher übermüdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor Ratlosigkeit geweint! - Und das alles Tag für Tag - nie ein Aufatmen, nie, da? die Seele sich ihrer selbst einmal bewu?t geworden w?re - nie eine Erholung - nie eine Anerkennung.

Geistig wie tot und k?rperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre lang ......

Ein Tier! ein armes, armes Tier!

Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual umsonst. Für den Tod hatte sie sie geboren.

Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit über sie gelegt hatte - wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!

Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedürstet wie verschmachtet; dann war es ihr gleichgültig geworden. Um aber diese Gleichgültigkeit zu kaufen, hatte sie alles hergeben müssen was Leben hei?t, was Denken hei?t, was Menschsein hei?t.

*

Jetzt aber gedachte sie es sich wohl sein zu lassen.

Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit b?sem Gewissen versetzt war, dieses Sich-wohl-sein-lassen zu genie?en.

?Und ich thu es eben! - Ich thu es!"

Sie that es.

Ihre Speisekammer lie? sie wei?en und ging in den Konsumverein mit ihrem alten, etwas fettigen Büchlein, um sich Vorr?te zu kaufen. - Vorr?te!

Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.

Sie w?hlte und w?hlte, von diesem und jenem - vom Besten - und sann wie ein Kind:

?Was noch? Was noch?"

Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus er?ffnen.

Ganz allein sa? sie lange Zeit mitten unter ihren Sch?tzen und ein Friede kam über sie, wie aus einer andern Welt; oder als w?re sie nach schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz ersch?pft so im Gefühl der Sicherheit sitzt sie und h?rt den schweren, stechenden, klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie h?rt ihn - und h?rt ihn - und denkt wie es gewesen und fühlt ihre schwere Mattigkeit und da? sie nun ......

Und jetzt nimmt das müde, arme kindliche Weib ihr Büchel vom Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr an Zinsen - Steuern nennt sie's - geben wird.

Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.

?Das hat einmal ausgegeben!" Da l?chelt sie - l?chelt - l?chelt.

Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als die ganze Erbschaft und das ganze Ertr?gnis der fabelhaften Berliner H?user.

Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glück ihr begreiflich geworden.

Und sie sitzt und tr?umt sich in ihre eignen Gefühle hinein und wundert sich.

Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglücklich gelebt - recht unglücklich! War ihr denn das nie recht ins Bewu?tsein gekommen?

Sehr deutlich nie.

Alles dumpf, ganz dumpf.

Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.

So einsam wie in ihrer seelenert?tenden langen Ehe, so ohne jedes Verst?ndnis, ohne jeden mitempfindenden Blick auf ihre gro?e Weibesqual und Arbeit und Mühseligkeit - so einsam war sie auch jetzt in ihrer Befriedigung.

Einsam, ganz für sich - in sich selbst verkrochen - eine kleine, bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt für sich.

Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gespürt, das Nachttier, dessen Dasein allen ein R?tsel ist, dessen Dasein niemand kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.

*

Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was sie thun wollte.

Es mu?te durchaus geschehen sein, ehe er zurückkam.

Die alten abgenutzten Küchenm?bel lie? sie himmelblau streichen, die ganze Küche rosig tünchen.

All' ihre innersten, tiefsten Herzenswünsche erhoben froh ihre H?upter.

Die Flickw?sche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stück mit der Flickerin auf Tod und Leben.

Den Salon lie? sie mit einer wei? und goldigen Tapete neu herrichten. Die Thüren wurden auch in Wei? und Gold gestrichen.

Die Leute sollten Augen machen!

An die alten Vorh?nge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz au?er sich.

Am andern Morgen wurden die Vorh?nge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie selbst stand auf der Leiter.

Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, w?re das an Plage gew?hnte Weib nie gekommen.

Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama seit Jahren sich ersehnt hatte.

Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.

Er brachte erst den Reichtum mit heim.

Ob Mama sich vorstellte, da? dieser Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen vor der Thüre abgeladen werden würde?

Jedenfalls dachte sie: ?Um Gottes Willen, wohin damit?'

Sie wu?te schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all dergleichen ging, wie gesagt, b?s bei ihr durcheinander.

Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte er, - und von h?heren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.

*

Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Bürsten und Bürstchen, allerlei ganz au?erordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den verschiedensten Gegenst?nden, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei geheimnisvolles Küchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer gewünscht und nie war sie zum Besitz gekommen.

In der Küche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Küche hatte sie so namenlos gelitten!

Hier konzentrierte sich alles.

Die Schneiderin sa? auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag für Tag. Mamas und der M?dchen alte Kleider wurden hergerichtet.

Wertvolle Bes?tze und Gott wei? was kaufte sie, um den alten schlecht sitzenden Plunder wieder aufzustutzen ......

Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der th?t, wenn er K?nig würde.

Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem Konditor ein, und Mama verdarb sich regelm??ig den Magen und hatte an Migr?ne greulich zu leiden.

Die beiden S?hne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven Art, Eink?ufe ohne Geld zu machen.

*

Tief in der Nacht erscholl ein L?uten durch das stille Haus. ?Der Vater!' dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren au?erordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.

Inzwischen l?utete es auf eine unaufh?rliche, nervenerregende Weise.

?Um Gotteswillen, was ist geschehen!" Das sagte die Mama wohl zwanzig Mal, w?hrend sie im Dunkeln tappte und suchte und die L?uterei kein Ende nahm.

?Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!

So kann es nur l?uten, wenn ein Unglück geschehen ist, so l?utet kein vernünftiger Mensch!"

Sie tappten und tappten.

Endlich!

Wie im Fieber, z?hneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama in Nachtjacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.

Bebend, mit zitternden Gliedern, schlo? sie auf, ?ffnete die Thür, - da fiel ihr Lateinschüler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf voran, total bezecht.

?Herr des Himmels!"

Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich st?rrisch und l?rmend wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich h?tte von ihm vorstellen k?nnen.

Mama mu?te ihn unten an der Hausthür lehnen lassen.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürzte sie hinauf, um Marie zu holen.

?Da? nur derweilen niemand kommt!"

Dann versuchten sie es mit vereinten Kr?ften.

?Na, Alte," brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen versuchte, ?vorsichtig, vorsichtig!"

Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen. Sie hatte einen grenzenlosen Ekel vor ihm. Sie weinte.

?So nimm ihn doch," sagte Mama.

?Hennenhirn!" brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig - hatte keine Ecken und Auswüchse.

?Weibsvolk, albernes!"

Marie weinte bitterlich.

?D?s, wenn der Vater wü?t', wie ihr euch anstellt!"

?Karl!" wimmerte Mama weinerlich.

Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund spitzte sich. Darauf t?schelte er seiner Schwester ins Gesicht.

Die schrie schluchzend auf.

Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.

Marie war ganz auseinander.

Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.

?Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat!" wimmerte Mama.

?Recht gesch?h's ihm!" meinte Marie; ?das, wenn der Vater erf?hrt!"

Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so nach Hause gekommen.

Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen und bebte in Todesangst, da? Karl noch nicht daheim war.

Da kam er, das hei?t, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen müssen.

Sie hatte gefürchtet, der würde ihn kurz und klein hauen.

Merkwürdigerweise nichts davon.

Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem h?chsten Erstaunen, eine gewisse Rührung konstatieren müssen.

Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei keiner der vielen Krankheiten im Haus war er so hülfreich gewesen, so sachverst?ndig.

Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.

So viel Gemüt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis entfaltet.

Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.

Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.

Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin ausgebildet werden solle.

Den Familienrat pflogen Papa, der ?lteste Sohn und Karl, der kurz vordem die erste Weihe als vollwichtiger m?nnlicher Mann empfangen hatte.

Alle drei beschlossen einmütig, da? Isolde kein Blaustrumpf werden dürfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Verm?gen besa? und jeder nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.

All' dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie ihren dicken Spr??ling die Treppe hinaufbugsierte.

Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu kochen.

Inzwischen be?ngstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf ihn Acht haben sollte, da? er mit der Lampe nichts anrichte.

Und wie ein heiliges Verm?chtnis seiner Ahnen und Vorg?nger, war diesem angehenden Jüngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die Weibverachtung als das N?chstliegende erschienen. Die Schwester hatte in dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das pa?te ihm nicht. Er fühlte den dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas wehrte, - und machte Anstalt dazu.

Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, pre?te ihren Kopf in das Polster und schluchzte angstvoll.

?Dumme Gans," sagte Karl. ?Ich, wenn jetzt ein Madel hab, - beim ersten Mucks - raus damit! - Giebt ihrer genug, - Gott Lob!"

Marie fürchtete sich vor ihm. Sie fürchtete, da? er sie anrühren k?nnte. Ihr war zu Mute, als w?re sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.

?Mutter! Mutter!" schrie sie jetzt laut.

Da kam Mama hereingestürzt.

?Was ist denn?"

Karl lachte auf.

?So 'ne affektierte Gans!"

Die Mutter trat auf ihn zu mit der v?llig gleichgültigen, abgestorbenen Miene, die sie zum gro?en ?rger ihres Gatten so unübertrefflich anzunehmen wu?te.

Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wu?te er nichts zu machen, die verstand er nicht.

Da war sie auch ihm über.

?Vorsichtig, Alte, vorsichtig!" lallte er und lie? sich auf Vaters breiten Arbeitsstuhl niederdrücken.

Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz au?er sich.

Das mu?te man Mama lassen, ihre beiden M?dels hatte sie zu behüten verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere h?here T?chter auch.

Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie die gro?e drau?en.

Vor der kleinen, wie vor der gro?en Welt, hatte Mama sich wie mit ausgebreiteten R?cken gestellt.

Ob sie dachte, da? sie einmal recht überrascht werden sollten? Oder was sie dachte?

Kurzum, es war ihr einziges: ?Da? die M?dels nur nichts erfahren!"

Vor ihren T?chtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz abdrückte, keine Offenheit den T?chtern gegenüber.

Wie gern h?tte sie manchmal den müden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter gelegt, um da Verst?ndnis und Trost zu finden.

Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurückgeschreckt.

Nein, das Kunststück wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mütter, ihre M?dels sollten ?von nichts" etwas wissen; darein setzte sie gewisserma?en ihren Stolz.

Sie hatte auch ?von nichts" etwas gewu?t.

Dann waren die überraschungen gekommen!

Weshalb das so sein mu?te, wu?te Mama nicht. Es war hübsch so - und anst?ndig. Alle M?dchen aus gutem Haus mu?ten so ins Leben hinausgehen.

Und dafür hatte sie das gro?e Opfer gebracht, da? sie den Kindern fremd geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennoch etwas wu?ten - sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem Gewissen sagen.

Ihre M?dchen hatte sie gut erzogen!

So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama klopfte ihr den Rücken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. ?No - no - no - no - no!"

*

Mrs. Wendland hatte von dem gro?en Umschwung der Verh?ltnisse ihres Freundes Doktor Frey geh?rt. Sie wu?te auch von dem Glück der beiden M?dchen, da? sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon sehen lassen. Die M?dchen würden jetzt die Auswahl haben.

Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude über diese Nachricht gehabt.

Sie hatte sich im stillen immer gedacht: ?Was sollen diese beiden Kinder mit ihrer gro?en Sch?nheit? Dummheiten - Dinge werden geschehen.

Für arme M?dchen ist es viel besser, wenn sie nicht sind sch?n.'

Sie hatte über Freys Glückswechsel auch zu Henry Mengersen gesprochen, der ihr wenige Tage darauf mitteilte, da? er eins dieser M?dchen zu heiraten beabsichtige.

Mrs. Wendland war nicht ohne Erstaunen.

?Sehr einfach," sagte Mengersen, ?ich habe mir alles überlegt: Meine künftige Frau mu? wohlhabend sein, jung, sch?n, anspruchslos. Diese Dinge trifft man selten beisammen. Hier ist dies der Fall. Bitte, dich zu überzeugen."

?Ich halte Isolde durchaus nicht für anspruchslos, lieber Henry," sagte Mistre? Wendland. ?Isolde ist ein Rassegesch?pf, die sind an und für sich ......"

?Die andere aber halte ich für vollkommen anspruchslos," unterbrach Henry Mengersen. ?Die ist ganz, was ich suche."

?Die andre?" fragte Mrs. Wendland verwundert.

?Und weshalb nicht?" meinte er scharf und dachte: ?Hat Isolde geplaudert?'

Mrs. Wendland blickte gedankenvoll vor sich hin.

?Isolde ist bei weitem interessanter."

?Mag sein. Beste Mary, - eine interessante Frau? Dazu kunstsinnig, mitempfindend, nachempfindend - Gott wei?, was noch! Alle Achtung! Nein - nicht um die Welt! Und au?erdem ist Fr?ulein Isolde auch in anderer Beziehung nicht mein Geschmack. So etwas heiratet man nicht. Sie ist herb, wie eine junge Quelle? Nicht wahr?" Er l?chelte fein und kühl. ?Und ich behaupte, sie ist ein kleiner, frecher Dachs, dem es recht gut thun wird, wenn sie sieht, da? man ihre Schwester ihr vorzieht. Ich glaube, diese Erfahrung ist au?erordentlich wichtig für das M?dchen."

Mrs. Wendland l?chelte: ?Also aus erzieherischen Gründen wollen Sie Marie die Resten von Ihr Dessert geben und nicht Isolden? Sie werden ein ganz reizender Ehemann werden. Cold as charity - kalt wie die Barmherzigkeit, man sagt. O, ich m?chte mich nicht mit Ihnen heiraten, lieber Henry. Mich friert, holen Sie mir, meinen kleinen Shawl, bitte.

Ach und nun werden Sie also philistr?s; ein Mann, was hat gelebt, wie du, ist so komisch als tugendhafte Ehemann zu denken!

Nun, also heiraten Sie sich die kleine Frey.

Sie machen immerhin ein ganz gutes Gesch?ft."

Henry Mengersen dachte: ?O, meine gute Mistre?, - also doch nicht ganz angenehm überrascht?'

?Und Sie sind der erste, der sich von dem neuen Geld der Freys kaufen l??t?" fragte sie und beugte sich in ihrem Lehnsessel vor mit einem amüsierten Ausdruck. ?Und Sie wollen die kleine Mary wieder eingeladen sehn bei mir? Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich wei? schon."

Henry Mengersen kü?te ihre Hand.

?Du bist schon ganz in der philistr?sen Maske eines keuschen, würdigen, deutschen Br?utigams, mit seinem gut bürgerlich schlechten Gewissen. - Du bist mir nun langweilig!

Nicht deshalb, wie du denkst. O, nein, gar nicht deshalb! Sie brauchen nicht zu l?cheln, Henry.

Nein, weil nun eine gro?e, langweilige Lügengeschichte angeht, wie bei allen M?nnern. Bei dich l?chelt es mich noch mehr, als bei den andern, weil ich dich kenne, wie mein Taschentuch!

Für Sie, Henry, wünschte ich, Sie h?tten Isolde gew?hlt. Vor ihr h?tten Sie müssen doch ein wenig gêne haben. Sie k?nnten mit ihr nicht so ganz sans fa?on sein.

Doch deshalb nehmen Sie sie ja nicht. Nun, ich wünsche Glück zu dieser Dudelsackehe.

Kommen Sie heut abend zum Thee, Henry, wir trinken auf der Veranda."

*

Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.

Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brüdern ihrer Freundinnen verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas andres.

Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich vor.

Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu überzeugen, trotzdem ihm eigentlich solch' eine weltfremde, h?here Tochter ein sehr unheimliches Ding war.

Er überschüttete sie mit Zartheit.

Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mu?te das solch' einem Gesch?pf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles!

Henry Mengersen konnte sich viel Müh und Geist sparen.

Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr für ihn, als er je für sich h?tte thun k?nnen; dazu seine tadellose W?sche, die vornehme Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.

Er mu?te auf so ein Ding wirken, ohne da? er sich im geringsten anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm begegnete.

Nie hatte das blonde M?dchen einen vertrauenerweckenderen Menschen gesehn.

Die instinktive Sorge, da? der Mann brutal, roh in seiner übermacht ihr gegenübertreten k?nnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren noch so kindlich, so ganz vom ?u?eren hingenommen. Wie Blasphemie w?re ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke, da sch?mte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre Ungewandtheit nannte, ihrer H?nde. Man sah ihnen das flei?ige Schaffen im Hause an. Es waren reine, junge, kr?ftige M?dchenh?nde, aber nicht blütenwei? und die N?gel waren kurz gehalten.

Sie konnte ihre Hand garnicht neben der seinigen sehn. Wie hoch stand dieser Mann über ihr!

Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von Glück, Stolz, überraschung und Verwirrung.

Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort über Henry Mengersen geschrieben, auch Isolden nicht, - und nun war sie Braut, die Braut eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben h?tte.

Previous
            
Next
            
Download Book

COPYRIGHT(©) 2022