Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war uns?glich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.
Blaue, weite Schatten, breite Lichtfl?chen, kühle Nebel, über dem Wasser schimmerndes Aufleuchten.
Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kindergesicht, den sch?nen Augen, dem kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen Tagen nicht viel n?her getreten zu sein.
Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine blühende Reseda im Zimmer empfindet.
Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:
?Eine berühmte Frau und ist wie nicht da! Wenn du dich nicht selbst in Szene setzt, - Lu, wer wird dich in Szene setzen?"
Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig über sie.
?Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute."
Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.
?Sie ist wenigstens nicht aufdringlich," sagte er. ?Mir sind schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen Gottlob nicht, und ihre Leistungen - ausnahmsweise alle Achtung!"
Mrs. Wendland ?u?erte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin: ?Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schl?gt eine wehe selige Stimme, so wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die H?nde auf seine Brust und sagt: O du gro?es Leid! Alle tragen dich und wissen nicht - leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden - und dieser unscheinbare Vogel wei?.
Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die l??t es nicht so nah zu ihm.
Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.
Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann: Wie ist das B?se in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz anders."
Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr verstanden würde.
Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wünschen konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel mi?verstanden wurden. Nachdem mit gro?en Schwierigkeiten Helwig Gebers erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.
In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte Kr?fte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem ungezügelten Charakter des M?dchens dafür eingetauscht, hatte einen Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.
Ihre ganze Jugend war eine gro?e Herzenserregung gewesen. Jahrelang hatte es gew?hrt, bis sie wu?te, da? sie ihn liebte.
Und wie ein Todesurteil war dies Bewu?tsein über sie gekommen. Sie waren einander unentbehrlich geworden - und mu?ten sich trennen - und wollten sich trennen.
Da, - wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.
Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Aufl?sung hinein das Wort vom Einanderangeh?ren sprach.
Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an - und Verbindung mit der, die er liebte.
Eine Wunderm?hr in all die Todestraurigkeit hinein.
Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen - und eine Stimme kommt und spricht: ?Bleibt beieinander. - Ihr - ihr dürft es und ihr k?nnt es. Ich wirke das Wunder."
Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.
Wozu die Qual des Aufschubs?
Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, überzeugend, bis sie glaubten - und mit einer gro?en Lebenswonne glaubten.
- Alles, was niedergehalten war, erwachte - alle Sinne thaten die Augen auf.
Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte, jauchzte in beider Herzen - und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der Sklaven die Herren wurden.
Und die Stimme kam wieder und wieder, festigte den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.
Und es verging eine gute Zeit.
Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.
Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses bekommen.
Ja - ja - und: Ja - ja - ja - und dabei blieb es.
Es geschah nichts.
Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme sp?ttisch, so von oben herab, spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer - und gellte von hartem Spott.
Ein Lachen kam in die Stimme, in der Machtbewu?tsein und b?ses Gewissen wie mit scharfen, mi?gestimmten, schrillen Gl?ckchen klangen - eine Stimme, die aus einem heiligen Gelübde einen tollen Scherz machen wollte.
Und so ri? sie Jahr und Jahre zwei unglückliche Menschen an tausend gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Fü?en über mattes, müdgearbeitetes Hirn.
Dann kam eine Zeit, in der die Stimme t?dlich wurde, wie eine Peitsche sausend und zischend, auf das H?chste peinigend.
Da fand sich ein Ausweg. - Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.
Rettung! Rettung für alle, auch für die arme, peinigende, selbstgepeinigte Stimme.
*
über die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die Menschen her.
Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht; langweilt, entt?uscht und emp?rt.
Und die Zuschauer r?chen sich, fallen selbst über die Geretteten her, um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerrei?en. Eine Sturmflut b?ser Nachrede, Verl?umdung, Ha?, Vernichtung ging über die Geretteten hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.
Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.
M?chtiger als alles waren sie gewesen.
Gebrochen an Leib und Seele - - aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen unsagbar glücklich! Jubelnd vor Wonne, da? sie beieinander geblieben waren.
Lachen konnten sie über das was die Welt ?Liebe" nennt, diese kleine civilisierte Liebe! Dies Hündchen mit der Steuermarke um den Hals.
Sie hatten die l?wenstarke Liebe kennen gelernt, die k?nigliche, über die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch immer entkam. -
Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer gro?en Stadt, dem Tode nahe.
Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen. Und wer etwa von ihnen wu?te, verachtete sie.
Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der seinen. - Beide totkrank.
?Was sind wir doch für glückliche Menschen!" sagte er.
Das war die feierliche Stunde der Erl?sung, die Stunde des Triumphes.
Von da an gesundeten sie.
Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf der Folter gewesen. Die zertretnen Herzen mu?ten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft schien es, da? es nicht zur Heilung k?me - aber sie heilten.
Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben, wiedergekehrt sind.
Sie hatten sich immer an den H?nden gehalten, und das hatte sie gerettet.
Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese, das etwas K?nigliches in beiden lebte.
Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.
Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus für sich, das in einem wundersch?nen Garten stand.
Viele lebten auch wie sie und sch?ner und reicher. Aber die beiden kamen doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr Verstehen ein andres Verstehen.
Sie waren die Wiedergekehrten und sie hatten aus dem Jenseits etwas mit herübergebracht.
Sie waren die schon einmal Gestorbenen.
Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit ihren G?sten, Frau Lu.
Eine k?stliche Fahrt über den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll sommerlicher Gang durch stille Buchenw?lder.
In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.
Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach den Wechsel der Umgebung. Unnahbar für alles, nur für die Würde des Hauses nicht, man?verierte er mit der l?ndlichen Suppenschüssel auf eine gro?artige Weise.
Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort Münchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.
Das ferne München lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch mit sich führend.
So nah einer Gro?stadt war kein frischeres, ursprünglicheres Fleckchen Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu gründen.
Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre Eigentümer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrün ein rotes Dach.
Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der Eigenartigkeit der Landschaft ganz überrascht.
?Jetzt werden wir dem guten Philosophen über den Hals kommen," sagte Mrs. Wendland. ?Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem."
?Nein - nein, er wei? schon," sagte Frau Lu.
?Natürlich diese beide sind immer unter einander einverstanden. Wir wollten ihn doch überraschen."
Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes Bürschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.
?Brüderchen!" rief Frau Lu.
Da waren sie beieinander.
In Frau Lus Kleid wühlte sich der runde, blonde Kopf des festen Bürschchens ein.
Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstm?dchen gelaufen. Das Bürschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und wühlte mit dem K?pfchen und hing an seiner glücklichen Mutter.
?Brüderchen!" in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so etwas urkr?ftig Warmes, - Frohes.
?Wie gehts dem Herrn?" fragte sie das M?dchen.
?Ganz wohl, gn?dige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere Herrschaften da."
?Natürlich," sagte Mrs. Wendland, ?man kann nie zu euch kommen, ohne so und so viele Zeugen.
Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governe??
Ist die Komtesse gekommen?"
?Ja, und das andere Fr?ulein ist auch dabei."
?Dann ist der biologische Mensch auch nicht weit." Mrs. Wendland war ?rgerlich.
?Ist Herr Meyer auch gekommen?" fragte Frau Lu lachend.
?Ja, auch," das M?dchen l?chelte bescheiden, wie es sich ein bessrer Dienstbote erlauben darf.
?Dann," sagte Mrs. Wendland, ?sind auch die Adepten da!"
Ja, die Adepten waren auch da: ein Professor mit Frau und Kindern, eben die Adepten.
?Lu," sagte Mrs. Wendland, ?ihr solltet nicht mit allen diesen Leuten verkehren! Ich habe immer gesagt, ihr solltet nicht."
Mrs. Wendland ging mit Isolde und Frau Lu, die ihr Bübchen trug, voraus.
?Das sind Leute, die es nicht zu euch wohl meinen k?nnen. Dein guter Mann sagt ihnen alles Beste und H?chste, was er wei?. Sie verstehen nicht - und dann kommen die Geschichten."
?Die Adepten sind ganz harmlose Leute," meinte Frau Lu. ?Ja, aber was thut das, ich wei?, es ist nicht gut."
?Ich sage dir, die Oriflamme wird so lang mit deinem guten Mann kokettieren, bis sie finden wird, da? sie sich kompromittiert hat, dann werden die beiden Vestalinnen, die Flamme und die Governe?, L?rm schlagen. Du und dein Mann seid viel zu harmlos für solche Menschen.
So eine Jungfrau ist jeden Augenblick bei ihr ?j'y pense'. Spricht er von ein Stuhlbein - - sie versteht von ihr Bein und ist emp?rt -
O, diese ?lteren Jungfrauen mit ihr ?j'y pense'!"
Jetzt traten sie durch eine grüne Gartenthür mit grünüberwachsenem Bogen.
Frau Lu begrü?te hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry Mengersen, auch Isolde, die w?hrend des ganzen Wegs sehr stille war und gern zurückgeblieben w?re, wenn sie es h?tte m?glich machen k?nnen.
Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.
?Wie sch?n!" sagte Isolde. ?Wie entzückend!"
Es war das erste Mal, da? sie heute lebendig wurde.
Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stück Wald, kr?ftige kleine Tannen und hin und wieder ein sch?ner hoher Baum. Der Waldboden: Heide, die sich schon zum Blühen anschickte. Und mitten in diesem Heideboden Rosenst?cke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer kleinen dichten runden Tanne ein blühender Mohnbusch, von dem gro?blumigen, m?chtigen.
Um die hohen Tannenst?mme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen und gro?en violetten Blüten, Kresse, Reseda, Verbenen - es war ein entzückendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und würzig.
Aus der Thür des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und seinem Blick.
Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie h?lt noch immer das Bübchen im Arm.
Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bübchen auf die Wange.
Sie haben kein Wort miteinander geredet - aber sie haben sich wieder. Sie sind beruhigt. - Es ist nun gut. - Sie ist wieder da. Das liegt in seinen Augen, noch als er die Fremden begrü?t.
Und sie, sie ist eine ganz andere Person geworden. Die Augen strahlen. Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht viel jünger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan h?tte. Da ist sie wieder in der Atmosph?re, in der es sich so tief, so rein atmen l??t.
?... Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu bemühen, Lu," sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der schlie?t sich dem M?dchen an.
?Ja," sagt Frau Lu, ?wie lieb von dir."
*
Unter einer gro?en Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter, Reichstagsabgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren Zielen vollkommen fremd waren.
Mit Helwig Geber war für sie ein Verst?ndnis m?glich, trotzdem er im Gespr?ch weder auf Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so ganz und gar, da? es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.
Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verst?ndnis zu erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermüdlich darin, zu überzeugen und grundehrlich wie ein Kind.
?Sehen Sie, wie wunderbar das ist," sagte er dann und wollte, der andre sollte auch empfinden, was er empfand.
Er arbeitete an einem Werk, für das gewisserma?en dies kleine Haus, in dem die beiden lebten, der Tempel war.
Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre Lebensfreude, wie es die seine wohl sein mochte.
An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten, etwas Neues, Einfaches, Gro?es, und mochten noch Jahre hingehen, mit forschen, vergleichen, prüfen.
Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so mu?ten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die Arbeit gehen konnte.
Frau Lu w?re es lieber gewesen, er h?tte nie mit einem Menschen über das gesprochen, was ihn unabl?ssig besch?ftigte; trotzdem er Anh?nger gefunden hatte, pr?chtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig hingebenden, sch?nen Mannes, erregt wurde, die, Verst?ndnis heuchelnd, eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles gründlich mi?verstanden und mi?deutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.
Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.
Frau Lu war es müde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.
Die Komtesse kam abends hin und wieder allein, ohne ihre Begleiterin, dann l?ste ein Zufall ihr das m?chtige Haar, sie h?rte knieend zu, was ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war hingebend, fast demütig.
Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentümliche Mischung.
Jetzt, als sie alle um den gro?en Theetisch unter der Buche sa?en, h?rte sie überhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.
Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische K?uze. Sie sprachen mit Vorliebe über das, was man essen sollte, um seine geistigen F?higkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.
Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und geschwollene H?nde, weil sie die Mücken nicht hatte verscheuchen wollen, in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.
Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag viel Ernst und Aufrichtigkeit.
Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Früchte a?en und lobten diese Art sich zu ern?hren ganz au?erordentlich. Der Frau jedoch schien sie miserabel zu bekommen. Die gr??te Marter aber, die sie sich auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer, sicherer Voraussicht schon jetzt künftige Adepten ahnten.
Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, da? diese zwei allerliebsten, dicken Bürschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstm?dchens dem ?Brüderchen" Gesellschaft leisteten, so au?erordentliche F?higkeiten in sich verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.
Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, da? diese beiden Knaben wiedergeboren waren als Adepten, da? sie schon keimende Adepten seien.
Auch in ?Brüderchen" ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau Lu zu: das wunderbar schauende Kind, ?weihevoller" zu erziehen. Das hei?t, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.
Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und w?ren entsetzt gewesen, h?tten sie gesehen, da? das nette Dienstm?dchen beiden ein paar Tüchtige auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf bestanden, dem Brüderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.
Die Eltern h?rten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so hei?en beide, betroffen haben mochte.
Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumssch?ndung zurück und sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein paar wohlgemeinte Kl?pse schadeten selbst Adepten nichts.
Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berührt.
?Na, h?ren Sie mal," sagte Doktor Frey, ?Ihre Bamsen thun sich aber leicht!"
Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und k?stlichen englischen Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, da? er wiederum nicht wu?te, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte für ihn nicht das geringste zu bedeuten. Er blieb überall der, der er war.
Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus sch?nsten Clematis zu vergreifen.
Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.
?Lassen Sie! lassen Sie!" bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit dem tiefen, treuherzigen Blick, ?erschrecken Sie sie nicht."
?Ja, um Himmels Willen!" Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.
?Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau notiert sich ihre Versehen," begann der Professor, ?und dann teilen wir Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen."
?Na, dann vergessen Sie's nur auch mit den Clematis nicht und versuchen Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen, da? sie die Blumen in Ruh lassen sollen."
Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.
?Ja, das werde ich," sagte der Professor ruhig.
?Lassen Sie mich, liebster Herr Professor," bat die Komtesse flehend, ?ich bitte Sie."
?Nun, versuchen Sie's, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie müssen sich ein ?Blank" schaffen, eine absolut stille Fl?che in der Seele. Sie wissen ja."
Die Komtesse sa? schon und konzentrierte sich.
?Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin," sagte der Professor.
Die Komtesse versank buchst?blich in sich selbst, erhob sich dann in ihrer ganzen imposanten L?nge, schritt mit starren Augen auf die Adepten zu, die sich um die abgerissenen Blüten und Ranken rauften, und wollte sie stumm beeinflussen.
Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rückgrat vor Atman und Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht. Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die merkwürdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.
Da machte sich ungehei?en noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der ?biologische Mensch", wie er hier genannt wurde, und ging eben so konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf die Adepten zu, um sie mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.
Das begab sich alles gewisserma?en ganz unauff?llig, hatte auch ganz wenig Erfolg.
Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar übten sich immer in solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz allt?glich.
Sie sprachen untereinander von schwarzer und wei?er Magie, wie andre Leute von Konzert und Gott wei? von was und waren sich absolut nicht mehr bewu?t, da? ihre Gespr?che doch nicht ganz unauff?llig waren. Sie dilettierten in allen m?glichen occulten Dingen und befanden sich sehr wohl dabei.
Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafür, die ihrerseits sehr kühl war und sagte: ?Weshalb? Man kocht Gemüse sehr schlecht in Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?"
Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit damit besch?ftigt, ein Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und streifte es ihm über. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewisserma?en mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwürdig lang in der ihrigen.
?Was für eine eigentümliche Hand; ich mu? ihre Linien einmal prüfen."
Er entzog ihr die Hand und führte das Armband im Scherz an seine Lippen.
?Unversch?mt," dachte die Governe?. ?Natürlich, jede Gelegenheit nimmt so ein Mann, so ein ?brute' wahr." Alle M?nner erschienen ihr gleichm??ig sehr verd?chtig. Das Weib hielt sie für uns?glich rein. Aber jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr wohl verstanden, - o, sie durchschaute!
*
Die Theosophen verabschiedeten sich heute früher als sonst. Sie wollten etwas miteinander bei der Komtesse lesen.
Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas derartiges.
Ihr Mann verwies es ihr leicht.
?Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und l?cherlich aus, wenn man nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles andre."
?Sie wollen ja gar nichts," sagte Frau Lu, ?sie spielen."
?M?gen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut, das ?Sichselbstaufgeben", das ?Tat wam asi" der alten Inder, das ?das bist du"! Der kleine Zug ist rührend in unserer Welt, dies gut sein wollen."
Mrs. Wendland reichte ihrem Freund über den Tisch hinüber die Hand. ?Danke Ihnen," sagte sie, ?Sie haben recht."
In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-, Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz eigentümliche Stimmung über die G?ste gekommen. Frau Lus guter Philosoph hatte diese Stimmung gebracht.
Sie sprachen über Dinge, über die moderne Menschen selten nachdenken, und h?rten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer, einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er hatte den Mut, sich zu geben wie er war.
Henry Mengersen lie? diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr Künstler, als da? er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen Pers?nlichkeit nicht empfunden h?tte, trotzdem er, seiner Natur nach, weder Frau Lu, noch deren Mann je n?her treten konnte.
Er sah auf Isolde. Isolde h?rte mit gro?en Augen zu. Sie war bleich. In der Abendd?mmerung hatte die wei?e, zarte Gestalt, etwas so Unbestimmtes, Weiches.
Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewu?tes in ihr.
Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes L?cheln um seine Lippen, ein ver?chtliches L?cheln.
Ihm ist's, als fühlte und s?he er die Gedanken unter der jungen Stirn; ihm ist's, als fühlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren Gliedern.
Sie mu? wie im Fieber sein! Ihre Nerven müssen zittern und beben - ein Schauer nach dem andern mu? sie durchfahren.
Er hat als Künstler und Mensch über das Problem ?Weib" nachgesonnen, als Künstler hat er es auf seine Weise gel?st.
Er ist müde und gelangweilt vom Weib.
?Entsetzlich,' denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, ?das Weibliche in der Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-stürzen-wollen, dies Gedankenlose, Nie-die-Folgen-überschauende. Egoistisch wie der Mann, aber so uns?glich dumpf, unbewu?t, so instinktiv, so elementar.
Wie unangenehm gro?gezogen ist es in ihnen dies langweilige, aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfüllen wollen.
Wie sie sich hindr?ngen, wie eine dumpfe Herde - ekelhaft!
Das Weib hat die Natur überboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat es dem Unfreien, dem Dulden n?her gestellt als den Mann - und es hat seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das was es leiden mu?, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden! Widerlich!
Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wüchse irgend etwas, ein Horn, ein Giftzahn - dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!
W?re Fr?ulein Isolde Ladenm?del, würde ich sie zu meiner Geliebten machen. Weshalb nicht? - und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem würde - vielleicht zu kunstsinnig - kunstsinnige Weiber! - gr??lich! -
Wie selten hat ein Künstler die Freude am sch?nen Weib.
Hier w?r sie, die Freude.
Schade!'
Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen W?lkchen seiner Cigarette von sich.
Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.
Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefühl ihm anzugeh?ren. Sie war ganz in sich verstummt.
Das gro?e Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag über ihr.
Ja, das ist das Gr??te auf Erden, ein Weib sein - sich opfern.
Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.
Das aber wu?te er nicht, da? unter den Frauen auch freie Gesch?pfe leben, freier als je ein Mann frei ist, m?chtige Seelen, Seelen, die dem gro?en Zug der Natur, die in ihre Gesch?pfe nur den Trieb zum Fressen legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind, lieben, wie sie lieben - und sich grenzenlos opfern, als stammten sie aus einer Welt mit anderen Gesetzen.