Genre Ranking
Get the APP HOT

Chapter 8 No.8

Die Wochen vergingen in scharfem Dienstbetriebe, der Oberstleutnant Harbrecht hielt sein Regiment in Atem. Ob die politische Spannung sch?rfer wurde oder schw?cher, kümmerte ihn blutwenig. Er tat seinen Dienst an der Grenze, wie ein Soldat, der mit offenen Augen auf verantwortungsvollem Posten stand.

Die Aufgabe, die er mit dem Kommandeur des in Ordensburg liegenden Infanterieregiments zu erfüllen hatte, war einfach, aber anstrengend. Nachts pa?ten die Grenadiere an den von Osten kommenden Einfallstra?en, am Tage die Dragoner. Und dahinter hielten die beiden Regimenter in einer Art von Bereitschaftsstellung. Felddienst und Exerzieren gingen ihren Gang wie sonst, nur man war dabei fortw?hrend auf der Lauer. Um sich dem Sto?, wenn er endlich von drüben kam, rechtzeitig entgegenzuwerfen, ihn mit Einsetzen des letzten Mannes so lange aufzuhalten, bis weiter rückw?rts der Aufmarsch vollzogen war. Dieses dauernde Warten aber auf ein Ereignis, das jede Stunde kommen konnte oder vielleicht auch ganz ausbleiben, machte mürbe, kostete Nerven. Und noch etwas anderes kam hinzu, was dem Oberstleutnant Harbrecht Sorgen, Aerger und schlaflose N?chte bereitete, eine ekle Spionengeschichte.

Von der Division war ihm mitgeteilt worden, die gro?e Berliner Zentrale für diesen wohl notwendigen, aber wenig dekorativen Dienst h?tte bestimmte Gründe für die Annahme, da? im Ordensburger Kreise eine Pers?nlichkeit dem feindlichen Informationsbureau Nachrichten lieferte, die im Ernstfalle für die deutsche Armee geradezu verh?ngnisvolle Folgen haben mü?ten. Der schimpfliche Verr?ter verfügte über Kenntnisse, die auf eine genaue Vertrautheit mit den diesseitigen Mobilmachungspl?nen und der Lage der Sperrforts schlie?en lie?en, und er, der Oberstleutnant Harbrecht, wurde aufgefordert, sich dazu zu ?u?ern. Ob ihm dienstlich oder au?erdienstlich etwas aufgefallen w?re, was den Verdacht auf eine bestimmte Pers?nlichkeit lenken k?nnte. Da ging er in Sorge und Aufregung umher, bis ihm eine Art von Erleuchtung kam.

In der Waldschenke, in der N?he der Schie?st?nde in der gro?en Beldahner Forst, hauste der Wirt Burdeyko, von dem er wu?te, da? er alle paar Monate einmal eine geheimnisvolle Fahrt über die Grenze unternahm. Es w?re ja nicht das erste Mal gewesen, da? solche Kerle zweisp?nnig fuhren, heute für diese Seite ihr dunkles Handwerk trieben, morgen für die andere ... Und es gab einen im Regiment, der diesen Burdeyko ein wenig genauer kannte, weil er schon seit Wochen bei ihm russischen Sprachunterricht nahm, den Rittmeister von Foucar!

Er schickte eine Ordonnanz ins Revier der fünften Schwadron und lie? ihn bitten, für ein paar Minuten ins Regimentsbureau zu kommen. Aber auch diese Unterredung brachte nicht die erwünschte Klarheit. Herr von Foucar konnte nichts anführen, was den Verdacht des Kommandeurs best?tigt h?tte. Im Gegenteil, er hielt den Wirt Burdeyko für einen durch und durch patriotisch gesinnten Mann, der seinen gef?hrlichen Beruf gegen verh?ltnism??ig geringe Entlohnung ausübte. Aus einer Art von Passion, aber er h?tte erst unl?ngst einmal ge?u?ert, er ged?chte demn?chst Schlu? zu machen. Einmal erwischte man ihn doch da drüben, und er h?tte keine Lust, sein Leben in den Bleibergwerken Sibiriens zu beschlie?en.

Da sagte der Oberstleutnant ?rgerlich:

?Na sch?n, dann sollen die Herrschaften aus Berlin so einen Sherlock Holmes herschicken, vielleicht kriegt der es 'raus! Mir sind solche Gesch?fte ekelhaft. Aber Sie, lieber Rittmeister, – gut, da? ich Sie einmal unter vier Augen habe! Sie gefallen mir ganz und gar nicht. Sie muten sich zu viel zu.?

?Verbindlichsten Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich befinde mich ausgezeichnet.?

?Nee, mein Lieber, so kommen Sie mir nicht weg! Ihr Diensteifer in Ehren! Sie haben das Kunststück fertig gebracht, aus einer Schwadron, die – na sagen wir mal – zu wünschen übrig lie?, in kurzen Wochen eine Truppe zu machen, die sich sehen lassen kann. Das soll Ihnen nicht vergessen und dick angekreidet werden. Aber nun k?nnen Sie sich auf diesen Lorbeeren auch ein bi?chen verpusten. Wir haben ja so schon Dienst zum Ueberlaufen, da ist es – wei? Gott – nicht n?tig, da? Sie sich noch 'ne Extraportion einschwenken. Russische und polnische Sprachstudien, ausgedehnte Ritte ins Gel?nde – es ist ja manchmal verblüffend, wie gut Sie Bescheid wissen in unserem verzwickten Terrain mit den vielen Einschnitten und Gew?ssern – und neulich wurde mir erz?hlt, wenn man sp?tnachts an Ihrem H?uschen vorbeik?me, da drau?en vor dem Tore, k?nnte man Sie egalweg am Schreibtisch sitzen sehen vor Ihrer Studierlampe.?

?Nochmals hei?en Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich fühle mich bei dieser angestrengten T?tigkeit sehr wohl! Nur von jetzt an werde ich abends meine Fensterl?den schlie?en.?

?Na, wie Sie wollen! Aber einen Rat m?chte ich Ihnen noch geben, ganz freundschaftlich. Aller Welt f?llt es auf, wie Sie sich in diesen Wochen ver?ndert haben. Sogar meiner Frau f?llt es auf, wie spitz Sie im Gesicht geworden sind. Gestern erst stellte sie mich darauf. Und gab mir zugleich als sorgsame Regimentsmutter ein kleines Avis: Sie halten sich zu sehr von dem gesellschaftlichen Verkehr fern in unseren Familien. Vorige Woche gab unser Etatsm??iger ein Gartenfestchen – Sie gl?nzten durch Abwesenheit! Herr und Frau von Lüttritz feierten ihren zehnj?hrigen Ehekontrakt, die ganze Gentry aus Stadt und Umgegend war da, blo? Sie nicht! Und ?hnliche Klagen sind mir von unseren Herren zu Ohren gekommen. Mittags essen Sie schweigsam im Kasino Ihr k?rgliches Menü und fertig, Mahlzeit! Abends sind Sie nie zu sehen. Auch nicht in den bürgerlichen Exkneipen, wo unsere Herren sich mit denen von der Infanterie treffen und etlichen aus dem Zivil. Das wird Ihnen verdacht, als Hochmut ausgelegt. Und gerade auf Sie hatte man nach Ihrem Aussehen und ersten Auftreten hier besondere Hoffnungen gesetzt in gesellschaftlicher Beziehung! Also – wenn sich's machen l??t – nehmen Sie sich die freundschaftliche Aussprache eben zu Herzen! Guten Morgen, lieber Herr von Foucar.?

?Empfehle mich gehorsamst, Herr Oberstleutnant.?

Einen Augenblick hatte Gaston gez?gert, ehe er mit einer Verneigung das Regimentsbureau verlie?, um in sein Schwadronsrevier zu der unterbrochenen Besichtigung der Pferde zurückzukehren. Das Wort, das dem so wohlwollenden Vorgesetzten für sein Verhalten die Erkl?rung gegeben h?tte, hatte ihm schon auf den Lippen gelegen: ?Herr Oberstleutnant, ich habe innerlich mit etwas fertig zu werden, was mich arg bedrückt. Eine Angelegenheit, über die ich aus naheliegenden Gründen nicht sprechen kann. Hoffentlich kriege ich sie unter, und dann will ich den mir so gütig gegebenen Ratschlag gerne befolgen.? Die Scheu, sein Allerinnerstes selbst vor noch so teilnehmendem Auge zu entbl??en, band ihm die Zunge.

Als er nach dem Mittagessen in das kleine H?uschen vor dem Tore kam, das er sich so recht behaglich eingerichtet hatte, ging er geradenwegs in das Schlafzimmer und musterte sein Gesicht aufmerksam in dem gro?en Spiegel. Aehnlich wie vor jenen langen Wochen in Berlin. Nur diesmal blickte ihm ein anderer entgegen. Ein hohl?ugiger Kerl mit hagerem Gesicht, aus dem eine spitze Nase sprang, zwei tiefe Falten rechts und links. Kein Wunder, denn der Kerl war krank. Zwei Geier fra?en zugleich an seiner Leber, die Reue und die Sehnsucht. Da ?bearbeitete? er sich nach dem Wort, das er von dem dicken Freiherrn von Lindemann geh?rt hatte. Aber das Mittel half nicht immer. Zuweilen fiel ihn die Sehnsucht nach dem lieben blonden M?del an wie ein k?rperlicher Schmerz ... Dann sah er sie vor sich, die Annemarie von Gorski, wie sie ihm im Coupé gegenübersa? auf der viel zu kurzen Fahrt damals, oder wie sie mit den schmalen Fü?en durch die spritzenden Regentropfen schritt, ohne sich umzublicken. Kaum eine Stunde brauchte er zu reiten, und er konnte sie wiedersehen, aber vor diesem Wege türmte sich ein grobes Hindernis. Das Wort, das er einer anderen verpf?ndet, und von dem diese ihn noch immer nicht gel?st hatte.

Jedesmal, wenn er nach Hause kam, schlug ihm das Herz, heute endlich mu?te doch die Antwort da sein! Aber der Platz auf dem Schreibtische war leer. Nur zuweilen, alle Woche einmal, lag ein Brief da mit zweisprachiger Adresse, russisch und deutsch, und dem Poststempel Warschau. Wenn er ihn ausschnitt, fielen Papierschnitzel heraus, Stücke einer polnischen Zeitung. Er versuchte, sie zusammenzusetzen, aber sie ergaben keinen Sinn. Auch sein Lehrer Burdeyko vermochte sie nicht zu erkl?ren. Da warf er die r?tselhaften Briefe ungelesen in den Papierkorb. Nur ein unheimliches Gefühl beschlich ihn jedesmal dabei.

Als zwei Wochen vergangen waren, ohne da? er von Josepha eine Antwort hatte, wandte er sich an ein Berliner Detektivbureau, dessen Adresse er in einer Zeitungsannonce gelesen hatte. Ersuchte mit der Bitte, die Spesen durch Nachnahme zu erheben, um Auskunft, ob Frau Rheinthaler, Kolonie Grunewald bei Berlin, Prinz-Handjery-Stra?e, verreist w?re. Nach drei Tagen kam die Antwort unter gleichzeitiger Nachnahme von drei?ig Mark: ?Angefragte lebt h?chst zurückgezogen in ihrer Villa, ganz der Trauer um ihren, in der Blüte der Jahre verstorbenen Gemahl hingegeben. Verschiedene Anzeichen lassen darauf schlie?en, da? sie in n?chster Zeit eine l?ngere Reise anzutreten gedenkt, vermutlich ins Ausland.?

Da schrieb er einen neuen Brief in zwei Ausfertigungen. Einen an Josepha, den zweiten an diese unheimliche alte Hexe, die ihm den Bericht über die Ereignisse am Tage seiner Abreise geschickt hatte. Und diesmal wurde er deutlicher in seinem gerechten Zorn, schrieb sich alles herunter, was er auf der Seele hatte. Auf dem Papier sah es schroffer aus, als er es sich zurechtgelegt hatte, aber er mochte nichts ?ndern. Er schlo? damit, da? er sein Wort unter falscher Voraussetzung abgegeben h?tte. Einer geschiedenen Frau h?tte er es wohl halten k?nnen, aber niemals einer, die schon vorher nicht die Anforderungen erfüllte, die ein anst?ndiger Mann an seine zukünftige Gattin zu stellen berechtigt w?re. Und an einer flüchtigen Sinnesregung lie? er sich nicht festhalten. Er wollte endlich wieder reinen Tisch haben in seinem Leben, innerlich und ?u?erlich.

Die beiden Briefe trug er pers?nlich zur Post, lie? sie ?eingeschrieben? an ihre Adressen bef?rdern. Die Tage vergingen, es kam keine Antwort. Nur ein merkwürdiger Kerl stellte sich ein in der N?he seiner kleinen Villa, der ihn anscheinend beobachtete. Ein Kerl mit einem konfiszierten Galgengesicht, der ihm auf die Dauer unheimlich wurde.

Drüben, auf der anderen Seite der Stra?e, war freies Feld. Da hatte der Mann ein Stück von der Gr??e eines m??igen Gartens gekauft, grub den Acker um und lie? von einigen Arbeitern ein kleines H?uschen aufführen. Jedesmal, wenn Gaston ausritt oder heimkehrte, fühlte er, da? der Mann ihm forschend nachsah. Auch mit seinem Burschen hatte er sich bekannt gemacht, stand zuweilen plaudernd am Gartenzaun. Nach n?herer Erkundigung aber stellte sich heraus, der unheimliche Fremde w?re ein pensionierter Kanzleibeamter aus K?nigsberg, der sich hier einen Ruhesitz einrichtete, auf dem er als bescheidener Rentner zu leben ged?chte. Die vermeintliche Beobachtung war nichts weiter als spie?bürgerliche Neugierde.

Da fing Gaston an, allm?hlich ruhiger zu werden, und zugleich stellte sich ihm eine Erkl?rung ein, da? er auf seine beiden Briefe keine Antwort erhalten hatte. Den zweiten h?tte er sich eigentlich sparen k?nnen, der erste war ja schon deutlich genug gewesen. So deutlich, da? eine Frau wie Josepha darauf nichts mehr zu erwidern brauchte. Und er zerfleischte sich mit bitteren Selbstvorwürfen, er h?tte die notwendige Befreiung vielleicht mit zarteren Mitteln durchsetzen k?nnen. Die Aermste konnte doch nichts dafür, da? sie aus einem Gefühl unerkl?rlicher Sympathie ihre Hoffnung auf einen setzte, der sie bitterlich entt?uscht und – weshalb, war gleichgültig – die beschworene Treue brach ...

Am eigenen Leibe verspürte er's jetzt, wie es einem zumute war, der sich in hoffnungsloser Sehnsucht verzehrte. Wie eine Krankheit war das, die den Befallenen ganz schwach und elend machte. Stundenlang ging man herum wie ein Gesunder, dann kam pl?tzlich das bittere Weh über einen, da? man h?tte aufschreien m?gen vor Schmerzen und Bangen und Qual.

Einmal vor ein paar Tagen hatte er das Fr?ulein von Gorski wiedergesehen. Sie hielt in einem Selbstfahrer mit einem schnittigen Trakehner Halbblut auf dem Marktplatz, sprach eifrig mit ihrer Freundin Lüttritz, der Gattin des Rittmeisters der zweiten Schwadron. Er grü?te respektvoll, sie dankte kurz, blickte kaum nach ihm hin. Wenn sie nicht gar so kühl zurückgegrü?t h?tte, w?re er an den Wagen getreten, h?tte sich entschuldigt, da? er wegen vielen Dienstes leider noch immer nicht dazu gekommen w?re, in Kalinzinnen seinen pflichtschuldigen Besuch abzustatten. So ging er weiter und schalt sich einen Narren, weil er sich im innersten Winkel seiner Seele immer noch mit t?richten Hoffnungen und Wünschen getragen hatte. Die Einladung damals auf der Reise war nichts weiter als eine belanglose Liebenswürdigkeit gewesen, stammte aus irgend einer gehobenen Stimmung, die vielleicht mit der Heimkehr nach langer Abwesenheit zusammenhing oder mit der glücklichen Genesung ihres Vaters. Da h?tte sie jeden anderen an seiner Stelle wohl ebenso eingeladen. Und das vermeintlich absichtliche Vergessen der kostbaren Zigarettentasche? Wenn es wirklich Absicht war, war es die Laune einer verw?hnten jungen Dame, die sich in kindischem Trotz gegen den Vater auflehnte einen Augenblick lang ...

Ein paar Stunden sp?ter war die ganze Angelegenheit wieder vergessen. Und von seinem russischen Lehrer, der ihm nach beendigter Lektion bei einer Zigarette zuweilen Neuigkeiten aus dem Kreise erz?hlte, erfuhr er, die Verlobung im Herrenhause von Kalinzinnen st?nde kurz bevor. In der letzten Augustwoche würde Fr?ulein von Gorski einundzwanzig Jahre alt, und dann würde die Verlobung mit dem Besitzer des Nachbargutes Orlowen ver?ffentlicht. Schon jetzt tr?fe man die Vorbereitungen zu dem Fest.

An dem Abend litt es ihn nicht in der Einsamkeit seines kleinen H?uschens, er mu?te sich irgendwie Gewi?heit schaffen.

Er machte sich auf und ging ins Kasino. Es waren zehn oder zw?lf Herren da im Spielzimmer, aber er stie? auf frostigen Empfang. Alle gingen sie nach kurzer Zeit fort, weil sie heim wollten nach anstrengendem Dienst oder irgendeine Verabredung hatten. Nur sein ?Schwadronskücken? blieb bei ihm sitzen, der jüngere Leutnant von Gorski. Er lud ihn auf eine Flasche Mosel ein, der Kleine akzeptierte dankend, sa? aber dann verfroren auf seinem Stuhl und blinzelte den Schwadronschef von Zeit zu Zeit verwundert an, als wenn er fragen wollte, weshalb er gerade zu dieser pl?tzlich über sein ahnungsloses Haupt sich ergie?enden Ehrung k?me. Zudem war der Mosel sauer wie Essig. Eine jener Sorten, denen, seiner Ansicht nach, vornehmlich die Zunahme der Temperenzlerbewegung zu verdanken war.

Erst allm?hlich wurde der kleine Gorski w?rmer, als sein Rittmeister ihm bei der zweiten H?lfte der Flasche die unerwartete Er?ffnung machte, ihm w?re es leider nicht gegeben, mit leichtem Sinn Anschlu? zu finden. Dazu brauchte er immer erst eine gewisse Zeit, aber von jetzt an würde er sich ?fter zum abendlichen Schoppen im Kasino einfinden. Darauf erkl?rte Karl von Gorski, die Ausführung dieser liebenswürdigen Absicht würde im Kreise der Kameraden allseitige Freude erregen. Als jedoch danach das Gespr?ch wieder ins Stocken geriet, begann er, seinem Vorgesetzten die neuesten jüdischen Witze zu erz?hlen. Aber es war ein undankbares Beginnen. Bei Pointen, die jedem an der polnischen Grenze Aufgewachsenen das Zwerchfell erschütterten, verzog der kaum den Mund. Da beschlo? er, auf einen baldigen Rückzug zu sinnen, gleich den übrigen, die sich vor dem steifleinenen Gesellen da rechtzeitig gedrückt hatten, in der gemütlichen kleinen Kneipe am Gerichtsplatze sa?en und würziges Bier tranken statt sauren Mosels.

Unbegreiflich erschien es jetzt auch ihm, wie er an diesem zugekn?pften und hochmütigen Generalst?bler in den ersten Tagen hatte Gefallen finden k?nnen. Die andern hatten schon recht, dem waren die paar Jahre hier nichts als eine belanglose Durchgangsstation. Sie aber waren mit dem Regiment schon seit Generationen verwachsen. Alles, was an 'Cadets' heranwuchs auf den Gütern um Ordensburg, diente bei den Dragonern. Pl?tzlich aber hob der Kleine den Kopf mit den l?cherlich gro?en Ohren. Und mit einem Male fing es ihm an zu d?mmern, weshalb der da drüben seine Gesellschaft gesucht hatte.

?Was ich schon immer fragen wollte,? sagte der Rittmeister, ?wie geht es eigentlich Ihrem Herrn Onkel in Kalinzinnen? Ich fuhr am Tage meiner Ankunft mit ihm in der Bahn zusammen, und wenn ich mich recht entsinne, war damals von einer Operation die Rede, die er glücklich überstanden hatte. Der alte Herr, glaube ich, war mit dem Pferde gestürzt??

?Ganz recht,? versetzte Karl von Gorski, ?aber es geht ihm ausgezeichnet. Im Herbst hofft er schon wieder unsere Jagden mitreiten zu k?nnen.?

?Freut mich sehr! Ihr spezielles Wohlsein, lieber Herr von Gorski.?

?L?ffle mich gehorsamst, Herr Rittmeister.? Der Kleine leerte tapfer sein Glas, hüllte sich danach aber in Schweigen. Der andere konnte ja anfangen, wenn er mehr aus Kalinzinnen zu erfahren wünschte.

?Ich finde, dieser Mosel schmeckt ein wenig s?uerlich,? sagte Herr von Foucar nach einer Pause. Und er erwiderte:

?Mit allem schuldigen Dank für die gütige Einladung, aber ich bin der Ansicht, man mü?te den Kasinovorstand wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen belangen, weil er dieses Getr?nk mit 'Josephsh?fer' bezeichnet. Vielleicht aber hat blo? eine Verwechslung stattgefunden. Wir haben n?mlich auch ein Fa? Essig im Keller liegen, da machen wir wahrscheinlich mit Mosel den Salat an, w?hrend diese Flüssigkeit hier sich sehr viel besser eignen würde zur Vermischung mit Oel und Mostrich.?

Gaston lachte auf.

?Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Wollen wir ein Glas Sekt trinken??

Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen.

?Mein angeborenes Disziplingefühl gestattet mir nicht, eine solche Anfrage aus dem Munde eines Vorgesetzten zu verneinen. Und da ich pers?nlich zudem auf dem Standpunkte stehe, der Sekt mü?te das Nationalgetr?nk des preu?ischen Leutnants werden, namentlich, wenn er eingeladen wird ...? Und er beschlo? in seinem milder gestimmten Herzen, sich zu revanchieren. Dem anderen da die Frage zu ersparen, zu der er sich anscheinend nur schwer entschlie?en konnte.

Die Ordonnanz hatte den Eiskühler mit der silberbehalsten Flasche gebracht, der Kleine schenkte nach eingeholter Erlaubnis die Gl?ser voll.

?Uebrigens meine Cousine Annemarie hat sich riesig gefreut, als sie ihre verloren geglaubte Zigarettentasche wiederbekam.?

Der Rittmeister rückte n?her: ?Wirklich??

?Kolossal hat sie sich gefreut. Nur sie hat sich – aber ich bitte um die Erlaubnis, ganz offen sein zu dürfen ...?

?Aber selbstverst?ndlich ...?

?Also, sie hat sich erheblich gewundert, da? Herr Rittmeister das Fundstück nicht pers?nlich überbrachten. Namentlich, da sie sich doch das Vergnügen gemacht hatte, Herrn Rittmeister aufzufordern, in Kalinzinnen recht bald Besuch zu machen.?

Gaston fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Zu dumm war das! Und er nahm sich gewaltsam zusammen.

?Es tut mir selbst am meisten leid, da? ich dieser freundlichen Einladung wegen zu vielen Dienstes nicht folgen konnte. Und jetzt m?chte ich meinen Besuch in Kalinzinnen verschieben, bis das Fest vorüber ist. Es w?re mir doch peinlich. Das würde aussehen, als wollte ich dazu eingeladen sein.?

Karl von Gorski blickte auf. Er hatte wohl bemerkt, da? sein Vorgesetzter pl?tzlich Farbe in die Wangen gekriegt hatte, aber noch tappte er im dunkeln, konnte sich keinen rechten Vers auf die ganze Geschichte machen.

?Welches Fest meinen Herr Rittmeister??

?Nun, die ... die Verlobung von Fr?ulein Annemarie. Erst heute h?rte ich zuf?llig, sie würde sich demn?chst ?ffentlich verloben. Mit dem Herrn von Brinckenwurff, den ich am ersten Abend hier kennen lernte, als ich ankam.?

Der Kleine schwieg darauf, und Gaston mu?te weitersprechen. Er fühlte deutlich, da? der Wein auf ihn zu wirken begann – seit Wochen hatte er keinen mehr getrunken. Zu Mittag ein Glas Wasser und abends bei der Arbeit einen leichten Tee. Er h?tte den Kleinen anschreien m?gen: 'Gib mir Gewi?heit! Du hast sie doch in diesen Tagen ?fter gesehen, wei?t vielleicht, was sie fühlt und denkt.' Statt dessen mu?te er h?flich weitersprechen: ?Eine sehr passende Verbindung, soweit ich's beurteilen kann. Nachbarskinder, die Besitz zu Besitz bringen, und dann ... sie kennen sich von Jugend auf.?

Karl von Gorski nickte. Er wu?te Bescheid. Die Worte klangen gleichgültig, nur das Drum und Dran war verr?terisch. W?re ja auch merkwürdig gewesen, wenn der da drüben sich in das sch?ne Cousinchen nicht verliebt h?tte. Alle verliebten sich ja in das herrliche M?del, die es kennen lernten. Er selbst fühlte bei allem philosophischen Gleichmut einen Stachel im Herzen, wenn er daran dachte, da? sie einen anderen heiraten sollte. Aber er war – Gott sei Dank – immer noch in der Lage, sich mit einem guten Witz darüber hinwegzusetzen. Jetzt hatte es den da auch gefa?t, ganz wie er's vorausgesagt hatte. Nur es war zu sp?t, er hatte seinen günstigen Augenblick verpa?t. In vierzehn Tagen gab es in Kalinzinnen Verlobung. Und er sann darüber, wie er's ihm am schonendsten beibringen sollte, da? da nichts mehr zu hoffen war.

?Ja, Herr Rittmeister,? begann er tiefsinnig, ?zu dieser Verlobung w?re manches zu bemerken. Wie zum Beispiel zu der Preu?ischen Klassenlotterie ... Nicht immer gewinnt der Würdigste das Gro?e Los. Manchmal f?llt es an einen Kommerzienrat, der sich nicht sonderlich viel daraus macht. Und die anderen stehen 'rum, beneiden ihn – wie der ergebenst Unterfertigte. Einer kann es ja nur gewinnen, aber weshalb mu? es immer der andere sein? Das fri?t einem am Herzen, namentlich wenn man sich schmeicheln darf, ein au?ergew?hnlich begabter junger Mann zu sein ...

Sehen der Herr Rittmeister mich mal an! Haben Sie eben bemerkt, wie brillant ich mit den Ohren wackeln kann? Zwei Zentimeter Ausschlag nach oben und nach unten. Im Panoptikum k?nnte ich damit auftreten unter riesigem Zulauf, w?re auch in der Lage, das Publikum in den Pausen zu unterhalten! Durch Humor ... Auf diese gl?nzenden Eigenschaften legt mein Cousinchen keinen Wert. Als ich sie unl?ngst fragte: 'Annemieze, na wie w?r's? Wenn Du mich nehmen wolltest, würdest Du aus dem Lachen nicht 'rauskommen,' zuckte sie mit den Achseln: 'Mein Jungchen, Du hast Deine Chance verpa?t. Mir ist nicht mehr l?cherlich zumute – in vierzehn Tagen ist Verlobung und in sechs Wochen Hochzeit. Die Kochfrau ist schon bestellt aus K?nigsberg, denn es soll natürlich 'was Feines zu essen geben.' Da tr?stete ich mich ein bi?chen, weil ich n?mlich eminent feinschmeckerisch veranlagt bin ...?

Er hob sein Glas: ?Gestatte mir gehorsamst zum Wohle, Herr Rittmeister!?

Gaston trank schweigend. Er wu?te genug. Und der andere da drüben hatte anscheinend nicht das geringste gemerkt. Da? er nur deshalb mit ihm hier zusammensa?, um ihn auszuhorchen. Und jetzt h?tte er mit der empfangenen Auskunft wieder heimgehen k?nnen, aber ihm graute vor dem Alleinsein mit den Gedanken, die aus allen dunklen Ecken gekrochen kamen in seinem stillen H?uschen da drau?en ...

Die Flasche war leer, er griff nach dem Klingelzuge, der von der Lampe herabhing: ?Ordonnanz, noch so eine ... Das hei?t, wenn Sie freundlichst gestatten, Herr von Gorski??

Der Kleine klappte die Hacken zusammen, verneigte sich l?chelnd. Er selbst vertrug einen Stalleimer voll Sekt, brauchte am anderen Morgen den Kopf nur fünf Minuten unter die kalte Brause zu stecken, um vollkommen frisch zu sein. Sein Schwadronschef aber hatte schon die ?Fahne? aufgezogen, glühte im Gesicht wie ein Fieberkranker. Da gelang es vielleicht, ihm listig noch allerhand abzufragen, was ihn selbst – nicht blo? aus Neugierde – interessierte.

Vor jenen Wochen, gleich nach der Rückkehr aus K?nigsberg, war sein Cousinchen arg verstimmt gewesen. Schon damals glaubte er zu wissen, weshalb, und heute war er seiner Sache sicherer denn je. Nur ein R?tsel gab es noch zu l?sen: warum hatte der dumme Kerl da sich am Tage nach der gemeinschaftlichen Reise nicht auf seinen Gaul geschwungen, war nach Kalinzinnen geritten? Da w?re manches vielleicht anders gekommen. Und – ein gewisses Positionsgefühl sagte ihm das wie beim Schachspiel – die L?sung war vielleicht in jener Zeitungsnachricht zu suchen, über die sie damals auf dem Heimwege vom Kasino gesprochen hatten.

Die Ordonnanz hatte sich nach dem Einschenken wieder zurückgezogen, Gaston hob sein Glas: ?Na prosit, Herr von Gorski! Es ist nett von Ihnen, da? Sie mir Gesellschaft leisten. Die anderen Herren werden über meine Absentierung vielleicht auch milder urteilen in einigen Tagen. Ich hatte mir selbst eine Aufgabe gestellt, die mich au?erordentlich besch?ftigte. Sie werden natürlich nicht darüber sprechen.?

?Selbstverst?ndlich nicht, Herr Rittmeister.?

?Nun denn: es ist eine M?glichkeit vorhanden, die Herrschaften von drüben, wenn sie uns ohne Ankündigung überfallen, in eine gro?e Mausefalle reiten zu lassen. Die Vorbereitungen dazu sind verh?ltnism??ig einfach und, wenn ich dem Kommandeur Vortrag gehalten habe, werden die Herren Kameraden mir hoffentlich Absolution erteilen. Die Arbeit hat mich in der letzten Zeit ganz und gar in Anspruch genommen.?

?Vielleicht auch noch etwas anderes,? dachte der Kleine, laut aber sagte er: ?Diese Mitteilung wird alle Mi?verst?ndnisse natürlich mit einem Schlage beseitigen! Aber da auch ich keine Gelegenheit hatte, mit Herrn Rittmeister au?erdienstlich zusammenzukommen: wie hat sich eigentlich der Fall des Oberleutnants Wodersen aufgekl?rt, von dem wir damals sprachen? In der Zeitung standen allerhand dunkle Andeutungen, er h?tte sich infolge eines amerikanischen Duells das Leben genommen. Vor dem Hause der Dame, die gewisserma?en den Einsatz bildete. Haben Herr Rittmeister das nicht gelesen? Ich glaube, die Nummer des obskuren Wochenbl?ttchens, die einer unserer Herren auf dem Bahnhof gekauft hat, mu? noch irgendwo zu finden sein.?

Gaston sah sein Gegenüber unsicher an.

?Weshalb kommen Sie auf die Idee, da? ich gerade in diesem traurigen Fall Bescheid wei???

?Weil Herr Rittmeister damals sagten, Sie w?ren mit Herrn von Wodersen noch kurz vor der Katastrophe zusammen gewesen.?

?So ... habe ich das gesagt? Na ja, es ist ja auch die Wahrheit.?

Gaston spürte, da? er sich nicht mehr so in der Hand hatte wie sonst. Nur er fühlte unklar, das war vielleicht die Gelegenheit, die junge Dame in Kalinzinnen wissen zu lassen, da? er sich nicht aus Feigheit zurückgehalten hatte. Zehn solche Kerle wie dieser Herr von Brinckenwurff h?tten dastehen k?nnen, das w?re ihm herzlich gleichgültig gewesen, wenn er mit reinen H?nden gegen sie h?tte anreiten k?nnen. Er nahm einen hastigen Schluck.

?Wovon sprachen wir doch eben??

?Davon, da? Herr Rittmeister mit diesem Herrn von Wodersen noch kurz vor der Katastrophe ...?

?Ach so! Was in den Zeitungen steht, ist natürlich Unsinn. Ich habe allen Grund zu der Annahme, er hat sich infolge eines Mi?verst?ndnisses totgeschossen. Freilich nicht mit ganz klaren Sinnen. Ich habe früher immer darüber gelacht, da? ein Mann sich so 'was in dieser Weise zu Herzen nehmen k?nnte – der Fall da hat mich eines Besseren belehrt. Der arme Kerl war mit Haut und Haaren in eine vielumworbene Frau verliebt. Und die machte sich nichts aus ihm. Er aber hoffte immer noch ...

Als er's mir zum ersten Mal erz?hlte, in einer jener seltenen Stunden, wo man das Visier hochschl?gt, l?chelte ich darüber. Er sagte: 'Um die Frau schie? ich mich noch einmal tot.' Ich aber zuckte mit den Achseln: 'Verstiegene Redensarten!' Sonst vielleicht ... na sch?n, an dem verh?ngnisvollen Tage traf ich ihn. Er war sehr aufgeregt, erz?hlte mir, er h?tte allen Grund zu der Annahme, da? die sch?ne Frau sich einem anderen hinzugeben beabsichtigte. Und da unterlie? ich es leider, ihn trotz besseren Wissens aufzukl?ren, trotzdem ich diesen anderen und seine eigentlichen Pl?ne ziemlich gut kannte. Ich wu?te, dieser andere war – nicht ohne eigene Schuld natürlich – in eine Verstrickung geraten, die ihm bei klaren Sinnen eine Fessel war, nur er besa? nicht die Rücksichtslosigkeit, sich sofort davon zu befreien.

Zum allergr??ten Teil war es Mitleid, denn die Frau lebte in einer unglücklichen Ehe, klammerte sich an ihn wie an den Heiland. Und jetzt ist er bei dem ganzen traurigen Handel eigentlich am meisten zu bemitleiden. Er hatte das Pech, sich hinterher in eine junge Dame zu verlieben, der er anscheinend auch recht gut gefiel. Aber die alte Schuld band ihm die Zunge ... Und jetzt –?

Gaston fühlte deutlich, da? er Worte wiederholte, die vor einigen Wochen ein anderer gesprochen hatte, aber er konnte sich nicht helfen, er mu?te sie aussprechen.

?Jetzt kommt es ihm nicht mehr so l?cherlich vor, wenn einer sagt, er will sich aus unglücklicher Liebe totschie?en. Der arme Kerl, der Wodersen, hat alles aus dem Kopf. Ihm aber fri?t ein Geier an der Leber, da? er manchmal ...? Er brach pl?tzlich ab, starrte mit weit aufgerissenen Augen in eine der dunklen Zimmerecken.

Der Kleine erschrak heftig, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Den Zustand kannte er, in dem man allerhand Spuk sah mit wachen Augen. Er hatte ihn einmal durchgemacht, als er mit Urlaub acht Tage in K?nigsberg verlumpt hatte, um auch so 'was unterzukriegen, was ihn schwer bedrückte. Als er sich daheim aus notwendiger Enthaltsamkeit wieder ausnüchterte, sa? in den ersten N?chten immer ein kleines M?nnchen mit einem runden Kürbiskopfe auf dem Fu?ende seines Bettes. Der da drüben sah jetzt wohl etwas anderes ... ein blasses Gesicht mit durchschossener Schl?fe ... Und aus anderer Ursache. Weil er sich vor Kummer die Nerven zuschanden gearbeitet hatte, die der ungewohnte Alkohol jetzt noch mehr auspeitschte. Da gab es nur ein Mittel: den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Den armen Kerl so vollzugie?en, da? er bewu?tlos wie eine Tümpelkr?he ins Bett fiel, keine Dummheiten mehr anrichten konnte. Und das war eine Aufgabe nach seinem Herzen. Er schenkte den Rest der Flasche in die Gl?ser.

?Hoch zu verehrendes Wohlsein, Herr Rittmeister! Hat mich au?erordentlich interessiert, was Sie da von dem Herrn von Wodersen erz?hlten – überflüssig, zu versichern, da? ich's für mich behalte! Aber ich meine, er mu? wirklich verrückt gewesen sein. Oder er hatte keine Spur von Pflichtgefühl im Leibe. Wer schie?t sich denn tot, wenn er vom Vaterlande gebraucht wird? Da kann man sich doch in entscheidender Stunde vielleicht noch ein wenig nützlich machen. Indem man seinem Zuge bei 'Lanzen gef?llt, Marsch, Marsch, Hurra!' mit Gebrüll voranreitet ...?

?Oder seiner Schwadron,? warf Gaston mit schwerer Zunge ein.

?Ganz recht,? sagte der Kleine, ?je nach der Stellung, die man auf der milit?rischen Stufenleiter einnimmt. Das Totschie?en besorgt dann nachher die mit Recht so beliebte feindliche Bleikugel. Aber da der Deutsche schon seit Tacitus' Zeiten einen Lokalwechsel braucht, um immer noch einen zu trinken, m?chte ich gehorsamst vorschlagen, wir tun desgleichen. Hier in der N?he gibt es ein vorzügliches Glas Bier. Und da sitzen noch einige Kameraden, die sich m?chtig freuen werden, den Herrn Rittmeister zu begrü?en.?

?Meinen Sie, lieber Gorski??

?Aber selbstverst?ndlich! Herr Rittmeister hatten sich – wenn mir's gestattet ist, das zu bemerken – ganz vorzüglich bei uns eingeführt im Regiment. Blo? Sie mü?ten sich ?fter sehen lassen.?

?Na, dann vorw?rts!?

Im Hinausgehen flüsterte Karl von Gorski der Ordonnanz zu: ?Marsch, ins Revier der fünften Schwadron! Der Kutscher vom Krümperwagen soll anspannen, an der kleinen Kneipe vorfahren, gegenüber vom Landgericht!?

Die Ordonnanz nahm schweigend die Hacken zusammen. Solche Auftr?ge waren nichts Au?ergew?hnliches. Nach einem Liebesmahl fuhren die meisten der Herren mit dem Krümperwagen nach Hause, um unliebsamen Begegnungen auszuweichen. Und der Rittmeister von der Fünften wohnte ein ganzes Ende weit vor der Stadt ...

Auf der Stra?e hielt Karl von Gorski sich dicht neben seinem Vorgesetzten, um erforderlichen Falles zur Hand zu sein, wenn dem der Fu? in unsicherem Tritte stocken sollte. Aber die Fürsorge war unn?tig, der Rittmeister ging ohne Schwanken die Stra?e entlang. Da stieg seine Hochachtung gewaltig: der Mann mu?te eine fabelhafte Energie besitzen, um sich so zusammenrei?en zu k?nnen! Und nach einigen Minuten blieb Herr von Foucar pl?tzlich stehen, sagte mit ganz klarer Stimme: ?So, das hat wohlgetan. Aber noch eins, Herr von Gorski ...?

?Herr Rittmeister??

?Ich bin vorhin ein bi?chen zusammengesackt. Ich lege keinen Wert darauf, da? das in weiteren Kreisen bekannt wird. Ich hatte meinen Nerven in den letzten Wochen zu viel zugemutet, und vorher die Zeit im Generalstabe – ja, das war auch alles andere, nur keine Sommerfrische.?

Der Kleine blickte auf.

?Sehr wohl, Herr Rittmeister! Aber die Mahnung zur Diskretion war etwas kr?nkend, nachdem Sie die Güte gehabt hatten, mir ein wenig Vertrauen zu schenken. Ich mache nicht immer schlechte Witze, ich kann auch manchmal leidlich ernst sein.?

Gaston legte in einer impulsiven Regung seinem Leutnant den Arm um die Schulter, zog ihn n?her an sich.

?Wei? ich, kleiner Gorski, wei? ich! Und zuverl?ssig. Sonst w?re ich wohl nicht so aus mir herausgegangen. Die, denen das sogenannte Herz immer gleich auf der Zunge liegt, haben es leichter.?

Er lie? seinen Arm wieder sinken und fuhr l?chelnd fort: ?Aber diese neue Freundschaft wird mich natürlich nicht hindern, Sie im Bedarfsfalle unter vier Augen wieder einmal gründlich anzulappen! Falls Sie morgen n?mlich, wie neulich, zehn Minuten zu sp?t zum Dienst kommen sollten.?

?Es wird mir ein Hochgenu? sein,? sagte der Kleine. ?Und noch eine Frage: die junge Dame, in die sich 'der andere' verliebt hat, von der Herr Rittmeister vorhin sprachen ...??

?Die ist mit ihm zusammen in der Eisenbahn gefahren, da lernte er sie kennen. Leider zu sp?t. Für ihn selbst. Ein Skrupelloser h?tte sich vielleicht darüber hinweggesetzt, da? er noch an eine andere gebunden war. Ihm ist es nicht gegeben, das einer Frau verpf?ndete Wort wie eine Seifenblase zu behandeln. Aber das ist ja auch egal ... in vierzehn Tagen verlobt sich die mehrfach genannte junge Dame ...?

Karl von Gorski blickte tiefsinnig vor sich hin.

?Selten ist wohl von einem Weisen ein wahreres Wort gesprochen worden als der Satz: 'Verlobt ist nicht verheiratet.' Und von allen Sagen, die ich kenne, erschien mir immer die vom Tannh?user am vernünftigsten: es kann alles verziehen werden. Namentlich wenn der Tannh?user gewisserma?en nur aus Versehen in den Venusberg geraten war.?

Gaston atmete tief auf, eine verrückte Hoffnung regte sich ihm im Herzen. Aber das war natürlich Unsinn. Der Kleine da neben ihm hatte eine Flasche Sekt im Leibe. Da sprach er mehr, als er verantworten konnte. Genau wie er selbst. Nur der ungewohnte Trunk hatte ihn doch verleitet, ein sorgf?ltig gehütetes Geheimnis zu verraten. Dem er's anvertraut hatte, war ein Edelmann, behielt es bei sich. Wenn nicht, war es auch egal. Von morgen fing ein neues Leben an, trinken war besser als arbeiten. Beim Arbeiten sa? man allein, beim Trinken in lustiger Gesellschaft. Und man geriet nicht in den Verdacht, da? man sich hochmütig und streberisch von den Kameraden absonderte ...

In der von Tabaksqualm erfüllten kleinen Kneipe gab es nach anf?nglichem Stutzen gro?es Halloh. Der dicke Herr von Schnakenburg, der unverheiratete Major vom Stabe, erhob seine dr?hnende Stimme: ?Zeichen und Wunder! Der Gerechte verirrt sich unter die Gottlosen? Was verschafft uns denn die Ehre, Herr von Foucar??

?Die bessere Einsicht, Herr Major,? versetzte Gaston. ?Die Einsicht, da? es verdienstvoller ist, zu trinken, als leeres Stroh zu dreschen. Ist es gestattet, meine Herren??

?Aber mit Vergnügen!?

Major von Schnakenburg, der mit dem Rücken zur Wand sa?, tippte seinem Nachbar, dem einzigen Zivilisten in der Tafelrunde, auf die Schulter: ?Sie, junger Brinckenwurff, rücken Sie mal 'ne Rotte weiter nach unten. Ich m?chte den unerwarteten Rittmeister gern an meiner grünen Seite haben. Vorausgesetzt, da? er noch über den Tisch klettern kann.?

?Wird sofort gemacht!?

Dem Kleinen stand der Atem still, das gab sicherlich ein Unglück. Er nahm eine Art von Bereitschaftsstellung ein, um bei einem Sturze zur Hand zu sein, aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Foucar stieg sicher hinüber, nahm auf dem Stuhle Platz, den der lange Brinckenwurff soeben freigemacht hatte. Und ein paar Minuten sp?ter hatte er die Führung des Gespr?ches übernommen an dem runden Tische. Plauderte mit gl?nzender Laune über alles m?gliche, erz?hlte kleine Anekdoten aus dem internen Betriebe des Generalstabes, bezauberte die ganze Gesellschaft. Der allgemeine Aufbruch fand sp?ter als sonst statt. Hermann von Brinckenwurff ging mit den beiden Brüdern Gorski nach dem Bahnhofe zu, im Hotel zum Kronprinzen hatte er sein Fuhrwerk eingestellt.

?Ich kann mir nicht helfen,? sagte er, ?der Mensch ist mir unsympathisch mit seinem sprunghaften Wesen. Schlie?lich ist er doch keine Primadonna im Regiment, die sich den Luxus gestatten darf, Launen zu haben! Wochenlang hat er uns geschnitten, mit einem Male taucht er auf, spielt den Liebenswürdigen und Geistreichen ...?

?Entschuldige,? fragte Karl von Gorski, scheinbar harmlos, ?wen meinst Du eigentlich??

?Na, Euren neuen Rittmeister, diesen Baron von Foucar!?

?So, so! Dazu lie?e sich bemerken, geistvolle Leute haben ein gewisses Recht, launenhaft zu sein, denn der Geist l??t sich nicht kommandieren. Etwas anderes ist es mit dem Stumpfsinn. Der ist bei seinem Besitzer immer gleichm??ig vorhanden. Man sagt nur ab und zu einmal 'Prost' – was keine besondere Anstrengung kostet – trinkt acht halbe Liter und f?hrt mit der Befriedigung, sich gl?nzend unterhalten zu haben, nach Hause.?

Herr von Brinckenwurff begehrte auf.

?Karlchen, wahr' Deine Zunge! Schon neulich hatte ich die Empfindung, Du legst es darauf an, Dich an mir zu scheuern.?

Der Kleine stie? einen komischen Seufzer aus.

?Da wunderst Du Dich darüber? Wo ich in Deine zukünftige Braut so unglücklich als nur irgend m?glich verliebt bin? Mich tr?stet nur eins: da? Du in B?lde n?mlich den geliebten Topp Echtes am Abend entbehren wirst! Samt den Mikoschwitzen Deines Freundes Tonnchen, die Dir so viel Vergnügen machen. Dann mu?t Du als ein geb?ndigter Herkules bei Deiner Omphale sitzen, die Spindel drehen und Heines Buch der Lieder deklamieren. Ich denke es mir wonnig!?

Herr von Brinckenwurff lachte.

?Entschuldige, Karlchen, da? ich Dich einen Augenblick ernst genommen habe. Aber das mit dem Herkules am Spinnrocken ist Phantasie. Oder vielmehr ganz richtig für die ersten paar Wochen. Nachher zieht man langsam die Kandaren an, lebt wieder, wie es einem pa?t. Im ersten Jahre mault sie. Im zweiten hat sie so einen kleinen Quarrsack in der Wiege, da begibt sie sich.?

?Sehr richtig! Und – was ich schon immer fragen wollte – gibt's Krebse bei Eurem Verlobungsdiner??

?Selbstverst?ndlich! Schon seit acht Tagen lasse ich in der ganzen Umgegend sammeln. Kerle wie Hummern – pro Nase gibt es mindestens ein ausgewachsenes Dutzend.?

?Dann komme ich bestimmt. Für Krebse lasse ich mein Leben. Au?erdem aber? – seine Stimme klang pl?tzlich scharf – ?interessiert es mich immerhin, zu sehen, wie einer geborenen Gorski die Kandaren angezogen werden. Das überlegst Du Dir vielleicht noch! Na, gute Nacht, Hermann, ich mu? jetzt nach rechts ab.?

Er bog in eine Seitenstra?e, die zu der dunklen Bahnhofsallee im rechten Winkel stand. Der Lange rief ihm nach: ?Manchmal wei? man wirklich nicht, was man von Dir halten soll!?

?Beruhige Dich,? rief er zurück, ?manchmal wei? ich's auch nicht.?

Die beiden Brüder Gorski schritten der gemeinschaftlichen Wohnung zu, der ?ltere sagte mi?billigend: ?Du wirst den Hermann Brinckenwurff so lange anulken, bis er Dir eines Tages an den Hals f?hrt. Diese Anzapfung eben war doch zum mindesten h?chst überflüssig!?

?Vielleicht nicht so ganz! Im Gegenteil! Wenn ich so sagen darf, für mich eine Gewissensberuhigung. Neulich sagte ich, ich würde mich als Pythia frisieren. Mit 'nem Dreifu?. Morgen kaufe ich mir eine gro?e Schere, reite nach Kalinzinnen, um – m?glicherweise – einen Verlobungsfaden abzuschneiden!?

?Karlchen, Du bist verrückt!?

?Ah nein, mein Jungchen, sondern der einzig Vernünftige in der ganzen Pastete. Zwei Leutchen sind da drin, die aneinander vorbeigehen. Aus Mi?verst?ndnis. Die sollen sich aussprechen dürfen. Was sie nachher tun, ist ihre Sache. Das bin ich beiden schuldig. Ihr, weil ich mal bl?d in sie verliebt war, dem anderen, weil ich vor einer Stunde ungef?hr eine gewaltige Hochachtung vor ihm gekriegt habe. Fast schon Zuneigung. Und nicht zuletzt handle ich aus Familiengefühl. Es war schon einmal so ein Skandal in der Familie Gorski, vor jenen zwanzig oder mehr Jahren. Ich kenne ihn aus mangelnder Anciennit?t nur vom H?rensagen, aber ich kann ihn mir nachtr?glich vorstellen. Hinterher wird geschossen, die Leidtragende ist das arme Wurm von Frau, das sich ein paar Jahre zu früh verheiratet hat. Ehe sie den kennen lernte, der vielleicht besser zu ihr gepa?t h?tte. Der nachher Hausfreund wird, weil der Herr Gemahl seine Zerstreuung in der Kneipe sucht.?

?Und Hermann von Brinckenwurff? Der uns doch als Jugendfreund nahesteht??

Der Kleine hob die Achseln.

?Der andere steht mir n?her, seit einer Stunde. Einer mit Irrtümern und Fehlern vielleicht, aber ein Edelmann! Ich habe beschlossen, mir h?here Stiefelabs?tze zuzulegen, weil er mich seiner Freundschaft würdigte. Um schon ?u?erlich diese neue Würde zu dokumentieren. Ich werde auch neue Visitenkarten drucken lassen, wie jener, dadurch berühmt gewordene Herr Müller: 'Ami de Beethoven!' Das gibt immerhin ein gewisses Relief.?

?Karlchen, ich glaube, Du bist betrunken!?

?M?glich, Herr Majoratserbe, m?glich. Aber was beweist das? Ich bin immer der Meinung, die genialsten Einf?lle sind im Rausch zustande gekommen. Im Rausch, wo man mit beschwingter Phantasie aufs Ganze geht, statt sich an allerhand Kleinkram zu sto?en. Und jetzt lese ich auf Deinen Lippen das Wort 'Philosoph'. Da irrst Du Dich. Ich bin wirklich nur betrunken. Und morgen nachmittag reite ich nach Kalinzinnen, erz?hl' der Annemieze, da? sie sich f?lschlicherweise ge?rgert hat wegen einer ausgeschlagenen Einladung. Dann kann sie hinterher immer noch tun, wozu sie Lust hat. Den einen nehmen oder den anderen.?

?Karlchen, misch Dich nicht in Dinge, die Dich nichts angehen! Neulich gabst Du mir doch selbst den Rat, den Daumen nicht in eine Türangel zu stecken!?

?Das war neulich! Inzwischen aber bin ich zu der Erkenntnis gekommen, da? es unm?glich das Ideal einer Ehe sein kann, wenn der Gatte allabendlich in die Stadt f?hrt, um dickes Bier zu trinken. Stumpfsinnig dasitzt, bis der Leutnant Uhlenburg einen Witz erz?hlt, und dann sagt: 'Na prost! Sollst leben, Tonnchen!' Dazu ist mir unser Cousinchen zu schade!?

Previous
            
Next
            
Download Book

COPYRIGHT(©) 2022