Der nachmittags von K?nigsberg abgegangene Personenzug bummelte gem?chlich nach Südosten, der russischen Grenze zu. Eint?nig klang das L?utewerk der Lokomotive, die mit Aechzen und St?hnen etwa vier Meilen in der Stunde zurücklegen mochte. Ein schnelleres Tempo h?tte zu viel Kohlen gekostet bei dem wenig lohnenden Betrieb.
Die brütende Julihitze lie? den sechs oder sieben Reisenden, die am Südbahnhofe eingestiegen waren, die Fahrt noch langsamer erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Der leichte Sommerwind, der ein wenig Kühlung gebracht hatte, war drückender Gewitterschwüle gewichen. Die Schwalben flogen dicht über dem Boden beim Nahrungsfang für die ewig hungrige Brut, und flimmernd, gleich durcheinanderschwingenden Silberf?den, zitterte die sonnendurchglühte Luft über der erntebereiten Erde.
Gaston von Foucar hatte die am Bahnhofe gekauften Berliner Zeitungen gelesen, es stand nichts Neues darin. Eine Er?rterung darüber, ob auch Deutschland fechten mü?te, wenn sein ?sterreichischer Bundesgenosse von Ru?land angegriffen würde. Das war doch selbstverst?ndlich. Alles übrige, wie weit in diesem Falle die Bündnisklausel zutr?fe, leeres Geschw?tz. Es ging dabei ums eigene Leben. Und t?richt w?re es doch gewesen, die ?u?ersten Bastionen aufzugeben, wenn sie mit verh?ltnism??ig geringen Opfern zu halten waren. Viel wichtiger erschien ihm, da? man auch hier, im Osten des Vaterlandes, auf Posten war. An jeder kleinen Brücke standen Wachen. Das war sehr verst?ndig. Bei dem mangelhaften, noch aus der Zeit der ?ewigen russischen Freundschaft? stammenden Ausbau der zur Grenze führenden Bahnen h?tten ein paar Sprengpatronen genügt, um den strategischen Aufmarsch um Tage zu verz?gern ...
Der Vormittag in der alten Handelsstadt hatte Gaston wohlgetan. Es gab vieles zu sehen, was ihm neu war. Das Leben am Hafen, in dem neben leichten Segelschiffen auch stattliche Dampfer lagen. Krane schwenkten sich mit schwerer Last vom steinernen Kai zu den Schiffen, Ketten rasselten, und Maschinen st?hnten. Dazwischen ein emsiges Getriebe von Menschen, die in allerhand Sprachen durcheinanderschrien, Deutsch, Russisch, Englisch. Ueber dem allen ein undefinierbarer Duft von Wasser und Teer, der unwillkürlich in die Ferne lockte.
Lange hatte er gestanden und dem Treiben zugesehen. Die Menschen hasteten an ihm vorüber, keiner kannte ihn, keiner gab auf ihn acht, alle rannten sie emsig hinter ihrer Arbeit her, die einem einzigen Ganzen diente. Einen Unfall sah er mit an. Ein Arbeiter mit dem schweren Getreidesack auf der Schulter glitt auf schmaler Planke aus, stürzte rücklings ins Wasser. Es gab eine kurze Stockung, bis der Mann, der mit einem Notizbuch in der Hand die Zahl der in den Schiffsbauch wandernden S?cke z?hlte, sich durch einen flüchtigen Blick überzeugt hatte, da? man dem ins Wasser Gestürzten von Bord aus ein Tau zuwarf. Danach schlo? sich wieder die Kette der lasttragenden Arbeiter, zog in st?ndiger Reihe von dem hohen Speicher ins Schiff, von dem Schiff auf schmaler Planke zurück in den Speicher.
Etwas von der Unbetr?chtlichkeit eines Einzelschicksals verspürte er. So w?re es auch ihm gegangen, wenn er in diesen letzten Tagen gestrauchelt w?re. Das Leben ringsum ging seinen Gang, nur wenige h?tten den Kopf nach ihm gewandt, wenn er in Gewissensbedr?ngnis den kurzen Schritt ins Dunkle getan h?tte. Ein Mann über Bord ... Geschah ihm recht, das Schiff ging weiter.
Und merkwürdig, wie anders die Dinge aussahen, wenn man sie aus einiger Entfernung betrachtete. Wie geringfügig da die ungeheuren Wichtigkeiten erschienen, mit denen man sich geplagt hatte.
Eine kurze Episode war das, die hinter ihm lag. Er hatte jetzt an anderes zu denken, an Pflichten, die einen ganzen Mann erforderten.
Eine Melodie summte ihm im Kopfe, die er am frühen Morgen geh?rt hatte, als er zum Hotelfenster hinausblickte. Die K?nigsberger Kürassiere kamen in langer Schlangenlinie zu vieren nebeneinander die krumme Stra?e entlanggeritten. Grell schien die Sonne auf die schwarz-wei?en F?hnlein und die blanken Helme. Die Trompeten bliesen die Melodie, und ein paar halbwüchsige Jungen, die mitmarschierten, sangen mit heller Stimme den Text:
?An der Grenze fern im Osten
H?lt ein Reiter still auf Posten,
Sp?ht hinaus ins weite Feld.
Drüben fahren auf Kanonen,
Sammeln sich Schwadronen,
In dem weiten, weiten Feld.?
Ein Zwischenspiel kam danach, Musik und Gesang zogen weiter, aber die Worte waren ihm haften geblieben: ?An der Grenze fern im Osten h?lt ein Reiter still auf Posten.? Zu dem Dienst war er berufen neben vielen anderen, und hoffentlich blieb es nicht nur bei dem Postenstehen. Hier, n?her an der Grenze, war auch die Erregung gr??er als in dem gleichgültigen Berlin. Ueberall auf der Stra?e, wenn er still hinh?rte, klangen zwei Worte an sein Ohr: Ru?land und Krieg. Aber eine gewisse Entschlossenheit lag in diesen Menschen, die einen seltsam breiten Dialekt sprachen. Es sollte endlich einmal losgehen! Das ewige ?Hin- und Hergezodder? hatte man satt.
Gaston blickte zum Fenster hinaus. Zwischen goldgelb leuchtenden Roggen- und Weizenfeldern führte der Zug dahin, an schier endlosen Kartoffelschl?gen vorüber, auf denen das Kraut noch üppig im Safte stand, und nur in weiten Zwischenr?umen lugten die roten Ziegeld?cher der Gutsh?fe hinter grünen Baumgruppen hervor. Das typische Landschaftsbild des Gro?grundbesitzes. Wenig Menschen auf den Feldern, dafür um so mehr Vieh aller Art. Wimmelnde Schafherden auf vorj?hrigem Brachland, weidende Edelfohlen in eingez?unten Koppeln und gewaltige Scharen wei?bunter Kühe, die auf grünen Triften in tr?ger Verdauungsruhe lagerten. Und dann wieder, so weit das Auge reichte, ein in starrer Ruhe stehendes Heer von gelben Halmen, die auf die Sense des Schnitters warteten. In ein paar Wochen vielleicht schon schwang hier ein anderer die Sense, aber nicht Halme lagen auf seinem Schwad ...
Der alte Herr in grauem Spitzbart, der Gaston am Fenster gegenüber sa?, schien die Gegend sehr genau zu kennen. Aufmerksamen Auges musterte er Felder und Herden und ?u?erte von Zeit zu Zeit eine wohlgef?llige oder kritische Bemerkung, aus der hervorging, da? er sogar mit den Namen der an der Bahnstrecke liegenden Güter und ihrer Besitzer vertraut war.
Die neben ihm sitzende Tochter, ein schlankes junges M?dchen in geschmackvollem Reisekleid aus hellblauem Leinen, gab nur einsilbige Antworten. Sie las in einem durch sein gro?es Format recht unhandlichen Buche und schien so vereifert, da? sich ihre Stirn über dem geraden N?schen in krause Falten legte. Da flog um die b?rtigen Lippen des alten Herrn ein schalkhaftes L?cheln.
?Annemarie,? rief er pl?tzlich, ?da in der Wiesenschlenke am Haferschlag steht ein kapitaler Rehbock!?
Das Buch fiel zu Boden, das junge M?dchen sprang auf und beugte sich hastig zum offenen Fenster hinaus.
?Wo, wo??
?Ja, jetzt ist er wieder weg. Bist eben zu sp?t gekommen!?
?Ach, Unsinn! Hast mich blo? angeführt, Papa!?
Sie setzte sich mit entt?uschtem Gesicht auf ihren Platz zurück. Der alte Herr aber lachte herzlich auf. Ein seltsam innerliches Lachen war es, das seinen ganzen gewaltigen K?rper und mit ihm die Polster des Wagens erschütterte.
?Na ja, mein Kind! Wenn Dein Vater Worte der Weisheit spricht und Du ihm nur mit halbem Ohr zuh?rst!?
Gaston hatte das zu Boden geglittene Buch aufgehoben und überreichte es Annemarie mit leichter Verneigung. W?hrend des Niederbeugens hatte er unwillkürlich den Titel gelesen. Ueber sein Gesicht huschte ein verwundertes L?cheln.
?Bismarcks 'Gedanken und Erinnerungen'? Für eine junge Dame eine etwas ungew?hnliche Lektüre.?
Annemarie nahm mit leichtem Err?ten das Buch, sperrte es in die neben ihr auf dem Sitze stehende Handtasche und dankte mit kurzem Kopfnicken. Ihre Antwort klang feindseliger, als sie beabsichtigt hatte.
?Jeder liest, was ihn am meisten interessiert.?
Ihr Vater hob begütigend die Hand.
?Na, na, Annemiechen, der Herr hat's doch nicht b?se gemeint! Und gewi? ist es für ein junges M?dchen heutzutage ungew?hnlich, wenn es so ernste Bücher liest!? Zur Erkl?rung aber für den Mitreisenden fügte er hinzu: ?N?mlich sie schw?rmt für unseren Bismarck wie für einen Heiligen. Ihr ganzes Zimmer hat sie mit Bildern von ihm austapeziert, und das Buch da nebst seinen Briefen an Johanna führt sie auf allen Reisen bei sich. Wie fromme Leute das Gesangbuch oder die Bibel.?
Gaston verneigte sich h?flich.
?Es ist wohl überflüssig zu versichern, da? mir eine Respektlosigkeit vollkommen ferngelegen hat. Im übrigen stimme ich Ihnen aufrichtig bei. Das sind für jeden guten Deutschen ein paar wahre Erbauungsbücher. Sie mü?ten nur noch mehr gelesen werden.?
Das kaum begonnene Gespr?ch geriet wieder ins Stocken, Annemarie hatte dabei aber Gelegenheit gefunden, den dem Vater gegenübersitzenden Herrn unauff?llig ein wenig genauer anzusehen. Da? er über ihre beiden Lieblingsbücher so vernünftig urteilte, war ihr sympathisch. Und auch sonst gefiel er ihr wohl. Ueber breiten Schultern sa? ein kluger Kopf, unter scharf gezeichneten Brauen sprang eine kr?ftige Nase hervor, die in ihrer Mitte einen ganz kleinen lustigen Knick nach links hatte. Darüber ein paar kluge blaue Augen ... Augen, die klar und lauter schienen und Vertrauen einfl??ten auf den ersten Blick. Nach der blassen Gesichtsfarbe zu schlie?en, war er vielleicht ein Gelehrter, aber dazu stimmte nicht sein sonstiges Auftreten. Kurze, fast milit?rische Bewegungen, und seinen eleganten Reiseanzug hatte sicherlich auch kein Zivilschneider gefertigt. Dafür hatte sie ein untrügliches Auge.
Die Hitze in dem sonnenbestrahlten Wagen fing an, unertr?glich zu werden. Der alte Herr fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und Hemdkragen und st?hnte auf.
?Herrgott, himmlischer Vater, dieses Blindschleichentempo ist ja kaum noch auszuhalten! Wenn ich ein paar Ackerg?ule vorspanne und hau' sie ordentlich über den Zagel, geht's rascher vorw?rts. Und dieses ewige Angehalte an den kleinen Nestern – steigt ja doch kein Mensch ein oder aus!?
Annemarie ?ffnete eilig ihre Reisetasche, netzte ein frisches Tuch mit K?lnischem Wasser und kühlte ihrem Vater die Stirn. Und, w?hrend er ihr mit z?rtlichem H?ndedruck dankte, flog ein schelmisches L?cheln um ihren hübsch geschnittenen Mund. ?Wie würdest Du aber erst schimpfen, Papa, wenn er an unserer Station vorüberfahren wollte??
Gaston nahm die Gelegenheit wahr, sich die junge Reisegef?hrtin unauff?llig ein wenig genauer anzusehen. Herrgott, war das M?del sch?n gewachsen! Eine gertenschlanke Figur voll unbewu?ter Anmut in jeder Bewegung, ein zierliches K?pfchen auf biegsamem Halse. Fast zu wuchtig erschien dazu der dicke, in einem straffen Neste zusammengesteckte blonde Zopf. Zwei Reihen gesunder wei?er Z?hne zeigte sie beim Lachen und in der linken Wange ein Grübchen, das dem vorhin so abweisend strengen Gesicht einen Zug hinrei?ender Liebenswürdigkeit verlieh. Ueber allem aber ein Hauch unberührter Reinheit wie der leichte Schimmer auf der Haut einer reifenden Frucht, die noch niemand in begehrlicher Hand gehalten hatte. Wer das liebe M?del mal heimführte, trug etwas Sauberes in sein Haus ... Ein schmerzhafter Stich flog ihm durchs Herz. Auf sonnenbeschienener Stra?e gingen zwei dahin, und der eine sprach in pl?tzlich ausbrechendem Irrsinn h??liche Worte, und diese Worte krochen wie ekelhafte Kr?ten über das Bild einer bemitleidenswerten Frau.
Die Wagenbremsen zogen kreischend an, es gab einen Ruck, und der Zug hielt wieder einmal an einer der zahlreichen kleinen Stationen. Neben dem rotbemützten Stationsvorsteher stand ein dicker kleiner Herr in wei?em Staubmantel, das volle Gesicht schier rostrot verbrannt, und mit bl?ulich schimmernder Nase unter weinfrohen Aeugelein.
Der alte Herr ?ffnete die Coupétür und winkte lebhaft mit der Hand.
?Tag, Lindemann! Erwarten Sie wen??
Der Dicke blickte überrascht auf und setzte sich in der Richtung des Wagens erster Klasse in Bewegung.
?Tag, Herr von Gorski! Das ist ja 'ne Riesenfreude, da? Sie wieder zuwege sind! Und ob ich wen erwarte? Dieses nu weniger, ich wollt' blo? mal ein bi?chen Gro?stadtluft schnappen. Da bin ich nach der Station gefahren, in dem Aberglauben, der Zug bringt 'was davon aus K?nigsberg mit. In meinem Dachsbau ist's jetzt, kurz vor der Ernte, zum Auswachsen langweilig!?
?Sie sollten heiraten,? sagte Annemarie und zeigte lachend die wei?en Z?hne. ?Ich wü?te Ihnen eine, da würden Sie sich in Ihrem Ritterschlo? keine Minute mehr langweilen!?
Der Dicke kniff listig das linke Aeuglein ein.
?Nachtigall, ich h?r' Dir trapsen! Na dann grü?en Sie man das gn?dige Fr?ulein in Marczinowen recht sch?n, und ich h?tt' noch nich genug gesündigt, um so hart gestraft zu werden!? Er schüttelte sich in komischem Entsetzen und wandte sich zu Annemaries Vater.
?Aber es ist mir lieb, da? ich Sie treffe, mein verehrter Herr von Gorski. Ich wollte als Ihr Stellvertreter schon eine Sitzung des Parteivorstandes einberufen. Dazu müssen wir unbedingt Stellung nehmen.?
?Was' denn passiert??
?Der Heidereuter in Sucholasken will verkaufen. An einen Polen.?
Dem alten Herrn stieg die Zornr?te ins Gesicht.
?Schwerenot noch mal! Sch?mt der Mensch sich nicht in den Grund seiner Seele hinein??
Herr von Lindemann zuckte mit den Achseln.
?Ich habe ihm zugeredet wie 'nem kranken Schimmel – alles umsonst! Er sitzt in Schulden bis an den Hals. Der Besitzer der letzten Hypothek schnürt ihm die Gurgel zu – auch natürlich auf Betreiben der Polen! Das Hemd ist ihm n?her als der Rock, sagt er, und das polnische Angebot gibt ihm wenigstens die M?glichkeit, irgendwo mit einer kleinen Pachtung wieder von vorn anzufangen. Bei 'ner Subhastation mü?te er mit 'nem Prachersack 'rausgehen und einem wei?en Stock in der Hand. Ich wollte ihm zum Abschied 'ne rechte Niedertr?chtigkeit sagen, aber ich kriegte sie nicht über die Lippen. Der Mann hat 'ne kranke Frau und sechs Kinder.?
Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
?Das ist in zwei Jahren hier in unserem engeren Kreise schon das zehnte Gut, das aus deutschen H?nden in polnische übergeht. Soviel Geld haben wir nicht, um dieser andringenden Flut standzuhalten!?
Der Stationsvorsteher hob die Hand, das Zeichen zur Abfahrt zu geben, aber Herr von Lindemann winkte ihm energisch ab. Er hatte den dritten Mitreisenden im Wagen ersp?ht, der zu Beginn der Unterhaltung diskret auf die andere Seite getreten war. Dem Stationsvorsteher rief er zu: ?Lassen Sie die alte Lokomotive man ruhig sich noch ein Weilchen verpusten! Wird ihr nichts schaden bei der Hitze, und ich bin hier noch nicht fertig!? Und, wieder zu dem Wagen gewandt, fuhr er lebhaft fort: ?Herr von Foucar! Wie in drei Deuwels Namen kommen Sie hierher? Nach unserem geliebten Ostpreu?en, wo es am tiefsten ist??
Der Angeredete machte ein befremdetes Gesicht.
?Verzeihung, ich erinnere mich im Augenblick wirklich nicht ...?
?Aber, Mannchen! Bl?ttern Sie mal ein bi?chen in dem Buch Ihrer Erinnerungen an den Stellen, die junge M?dchen aus guter Familie nicht lesen dürfen – entschuldigen Sie gütigst, Fr?ulein Annemarie –, ja, besinnen Sie sich da nicht auf einen gewissen dicken Lindemann? Freiherr von Lindemann auf Borzymmen? Mein Vetter Sternheimb hat uns bekannt gemacht, der lange Kersien von den K?nigsberger Kürassieren war der dritte im Bunde. Und wissen Sie nicht, wie ich damals in der J?gerstra?e den ganzen Bums unter Sekt gesetzt habe? Drei Morgen Weizen hat der Spa? gekostet, aber war doch fidel, was??
Gaston lachte auf. Jetzt entsann er sich wirklich der lustigen Nacht, und wie sehr er sich damals über den dicken Agrarier amüsiert hatte, der in absichtlich vergr?bertem ostpreu?ischen Dialekt allerhand komische Schnurren erz?hlt hatte.
?Wahrhaftig, Herr von Lindemann, jetzt f?llt's mir wieder ein! Und ich bitte recht sehr um Entschuldigung ...?
?Nitschewo – ich bin nicht so übelnehmerisch! Aber der lange Kersien prophezeite Ihnen damals eine Springerkarriere, wie sie seit Erschaffung der Welt noch nicht dagewesen. Also was sind Sie inzwischen geworden? Generalfeldmarschall??
?Vorl?ufig mal erst Rittmeister bei den Ordensburger Dragonern!?
?Na, für den Anfang auch ganz sch?n! Jedenfalls begrü?e ich Sie als sch?tzenswerte Akquisition unseres Kreises, und man wird sich doch jetzt ?fter sehen.?
Der Stationsvorsteher hatte zu seinem lebhaften Bedauern auf den Wunsch seines prominentesten Nachbarn nicht l?nger Rücksicht nehmen k?nnen. Der Aufenthalt auf der kleinen Station hatte schon fünf Minuten über die vorgeschriebene Zeit gedauert. Er gab hinter dem Rücken des Herrn von Lindemann heimlich das Abfahrtszeichen. Der Zug setzte sich ?chzend und st?hnend in Bewegung, die Lokomotive stie? pfauchend ein paar wei?e Dampfwolken aus. Der Dicke aber war noch nicht fertig. Erst warf er dem Beamten in der roten Mütze einen zornigen Blick zu, dann setzte er sich mit den kurzen Beinen ebenfalls in Bewegung und lief neben dem Wagen her.
?Entschuldigen Sie nur, da? ich vergessen habe, die Herrschaften miteinander bekannt zu machen! Herr Landschaftsdirektor und Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen nebst Fr?ulein Tochter – Herr Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac! Und noch eins, mein verehrter Herr von Gorski? – er erhob seine Stimme – ?in der Klinik alles gut abgelaufen? Keine Beschwerden mehr in dem kaputten Fu???
Herr von Gorski winkte mit der Hand.
?Danke, lieber Lindemann, alles im Lot! Ich laufe, Gott sei Dank, wieder wie 'n alter Fasanenhahn!?
Der Zug fuhr rascher, der Dicke im wei?en Staubmantel mu?te zurückbleiben. Dem Stationsvorsteher aber hielt er eine ?rgerliche Standpauke. Was es wohl gro? geschadet h?tte, wenn der Zug sich noch ein paar Minuten l?nger verschnauft h?tte? Und wieso er ihn nicht auf die gute Idee gebracht h?tte, ein Billett zu l?sen und in angenehmer Gesellschaft nach Ordensburg mitzufahren? Jetzt k?nnte er den ganzen langen Abend allein sitzen mit seinen sp?rlichen Gedanken und sich zum Sterben langweilen.
Der Stationsvorsteher legte die Hand an den Mützenschirm.
?Nich immer gleich schimpfen, trautester Herr Baron! Ich hab' n?mlich 'ne Idee. Wenn Sie Ihren hochbeinigen Trakehner Kraggen man ein bi?chen den Kopp freigeben, holen Sie den Zug zehnmal ein, sind noch vor ihm in Ordensburg! Und da is heute m?chtig 'was los ... eine Damenkapelle fiddelt im Hotel zum Kronprinzen! Wenn ich nich Dienst h?tt', w?r' ich, warraftigen Gott, heute abend auch 'rübergefahren. Man versauert ja sonst ganz hier in der Einsamkeit, und e bi?che 'was H?heres mu? der Mensch doch von Zeit zu Zeit haben, so was Ideales von Kunst und so! Nich wahr, Herr Baron??
Der dicke Herr von Lindemann klopfte ihm die Schulter.
?Kunst ist gut, Vorsteherchen, namentlich wenn sie wie in diesem Falle von holder Weiblichkeit ausgeübt wird. Na, die Idee ist wirklich gl?nzend – lassen Sie sich dafür morgen bei meinem Oberinspektor einen Sack Kartoffeln abholen als Erfinderpr?mie! Guten Abend, Herr Stationsvorsteher.?
Er hob grü?end die Hand und ging nach der Rückseite des Stationsgeb?udes, wo sein Jagdwagen im Schatten von ein paar breit?stigen Linden hielt.
?Ludwig, wir fahren zur Abwechslung mal nach Ordensburg. Aber sanftes Reisetempo bitt' ich mir aus, damit die G?ule nicht zu warm werden!?
?Befehl, Herr Baron!?
Ein leises Zungenschnalzen, und die beiden hochgezogenen Trakehner Halbblüter trabten an, da? hinter dem davonrollenden leichten Gef?hrt der Stra?enkies spritzte ...
Herr von Lindemann wandte sich um, rief dem dienernden Stationsvorsteher zu: ?Telephonieren Sie, bitte, nach dem Schlo? hinüber, die Mamsell m?cht' nicht mit dem Abendbrot auf mich warten ... verstanden?? Und w?hrend er sich zu der raschen Fahrt die Mütze fester ins Gesicht zog, zankte er schon mit sich selber: eigentlich war diese pl?tzliche Eskapade für einen ausgewachsenen Menschen reichlich t?richt! Die Nachbarn mokierten sich auch über den l?sterlichen Lebenswandel ... Aber die hatten gut reden! Waren alle verheiratet und wu?ten nichts von der Einsamkeit, die einen in dem gro?en Haus an den langen Abenden wie ein Alp überfiel. Mit seiner Nachbarin wollte sie ihn verheiraten, die blonde Annemarie von Gorski! Mit dem abstinenzlerischen Fr?ulein von Streit auf Marczinowen ... Hopfenstange war noch ein Euphemismus für ihre mangelnden Reize! Sie selbst aber? Was sie wohl für ein Gesicht machen würde, wenn er mit einem Male in Frack und Claque in Kalinzinnen antreten wollte: ?Also, wie w?r's nu mit uns beiden, Fr?ulein Annemarie? K?nnten Sie sich entschlie?en, mit Ihren weichen Patschh?ndchen über einen blanken Kahlkopp zu streicheln und 'lieber Gottfried' zu mir zu sagen? Sie k?nnen's nicht? Na sch?n, dann brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn der Freiherr von Lindemann lustige Gesellschaft sucht und sich einen Ordentlichen einschwenkt. Und na, überhaupt ...?
Er richtete sich auf seinem Sitze auf: ?Kerl, zieh den beiden faulen Kraggen eins ordentlich über den Puckel! Bei dem Tempo kommen wir nach Ordensburg, wenn der Kunstgenu? im Hotel Kronprinz l?ngst schon zu Ende ist.?
Das kurze Intermezzo auf der Station Borzymmen hatte den drei Reisenden die Müdigkeit verscheucht. Etwas von der lustigen Laune des dicken Herrn von Lindemann war h?ngen geblieben, die Hitze erschien nicht mehr so drückend wie noch kurz zuvor. Sogar Herr von Gorski schien für den Augenblick seine politischen Sorgen vergessen zu haben. Er sah sein Gegenüber mit lebhaftem Interesse an: ?Sie kommen in unser Regiment, Herr Rittmeister??
?Zu dienen! Und wenn mich mein Ged?chtnis nicht trügt, habe ich Ihnen Grü?e zu bestellen. Ich hatte doch vorhin recht verstanden: Herr Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen??
?Allerdings.?
?Dann stimmt es! Ich soll Sie von meinem verehrten Abteilungschef grü?en. Von Herrn Oberst Wegener im Gro?en Generalstab.?
Annemarie schlug vor Ueberraschung die H?nde zusammen.
?Von Onkel Franz? Ist das eine Freude! Und wie geht's ihm denn??
?Soweit ich's beurteilen kann, sehr gut. Ein bi?chen abgearbeitet natürlich, denn wir haben saure Wochen hinter uns, kamen aus unseren Schreibstuben kaum noch heraus.?
Annemarie lachte herzlich auf und rückte vertraulich ein wenig n?her.
?Daher Ihre blasse Gesichtsfarbe! Wissen Sie, wofür ich Sie zuerst gehalten habe??
?Na??
?Für einen Professor oder Oberlehrer. Unsere Offiziere in Ordensburg sehen jetzt, Ende Juli, wie die Neger aus! Na, und hat Onkel Franz nicht auch von mir gesprochen? Ihnen für mich keine Grü?e aufgetragen??
?Dazu war wohl die Zeit zu knapp, als ich mich vorgestern von ihm verabschiedete. Er mu?te zum Vortrag. Aber gesprochen hat er von Ihnen, mein gn?diges Fr?ulein.?
?Was denn??
?Dazu mü?te ich wohl erst seine Erlaubnis einholen, um Ihnen das wiederzusagen.? Und kecker, als es Damen gegenüber sonst seine Art war, fügte er hinzu: ?Aber er hatte recht! Jetzt, nachdem ich Sie pers?nlich kennen gelernt habe, unterschreibe ich's Wort für Wort!?
Annemarie err?tete ein wenig und verzog schmollend den Mund.
?Das ist nun eklig von Ihnen! Erst einen neugierig machen und dann nichts sagen!?
Herr von Gorski hatte schmunzelnd zugeh?rt.
?Ich kann's mir denken! Haben Sie auch seine Frau kennen gelernt??
?Nur flüchtig bei einem Essen, das der Herr Oberst den Herren seiner Abteilung gab. Auch mit ihm bin ich sonst blo? dienstlich zusammengekommen. Da hat's mich eigentlich gewundert, da? er sich für mich so ins Zeug gelegt hat. Die Auszeichnung, da? ich vor dem Man?ver schon in die Front hinauskam, verdanke ich nur ihm.?
Der alte Herr sah sein Gegenüber prüfend an. War das nun falsche oder echte Bescheidenheit? Aber die Musterung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, er nickte.
?Mein Vetter Wegener wei?, was er tut! Und Sie kommen gern zu uns nach Ostpreu?en??
?Jetzt noch lieber als früher.?
?Na, das ist recht! Welche Schwadron kriegen Sie denn??
?Herr Oberst Wegener sprach von der fünften ...?
?So, so ... ich bin durch die sechs Wochen Stilliegen ein bi?chen 'raus ... Na, und hat mein Vetter Wegener mir nicht noch irgend etwas Besonderes sagen lassen? Wie's so im allgemeinen aussieht??
?Nein, Herr von Gorski. Unsere Unterredung dauerte ja auch blo? ein paar Minuten.?
?Na, mir gegenüber k?nnen Sie ruhig und ganz offen sprechen. Ich bin alter Herr des Regiments, das Offizierkorps geht in meinem Hause aus und ein, namentlich das unverheiratete,? – ein l?chelnder Seitenblick streifte die neben ihm sitzende Tochter – ?ja, also da brauchen Sie sich nicht zu genieren. Auch nicht vor Annemarie. Sie ist der heimliche Beichtvater und Vertrauensmann von allen jungen D?chsen im Regiment. Etliche hab' ich sogar im Verdacht, da? sie bei ihr ein bi?chen in der Kreide sitzen!?
Annemarie wurde rot bis unter die blonden Stirnhaare und protestierte entrüstet.
Gaston aber spürte eine seltsame Regung, als mü?te er ihr über das blonde K?pfchen streicheln und irgend etwas Liebes sagen. So stark war diese vermessene Regung, da? er sich ordentlich zusammennehmen mu?te. ?Himmlischer Kerl von M?del?, hatte sie der Oberst von Wegener genannt. Das stimmte, und zu beneiden war der Mann, der sich das mal zum guten Kameraden gewann. Unwillkürlich flogen seine Gedanken weit fort zu einer anderen, stellten allerhand Vergleiche an ...
Gaston schreckte zusammen. Der alte Herr da drüben hatte eine Frage an ihn gerichtet.
?Wie befehlen? Ach so, ja, ganz recht. Es sieht wieder einmal bedrohlicher aus als sonst. Ich pers?nlich habe natürlich kein Urteil, aber mein verehrter Chef gab mir ein privates Avis an meinen neuen Kommandeur mit. Daraus schlie?e ich, da? jeder Tag vielleicht die Katastrophe bringen kann. Oder – wie man's nehmen will – die Erl?sung aus einer immer unertr?glicher werdenden Spannung.?
Herr von Gorski schüttelte den grauen Kopf. ?Ich glaube nicht daran. Die Verantwortung ist zu ungeheuerlich! Da überlegen sich's die, in deren Hand die Entscheidung liegt, eher zehnmal als einmal. Namentlich bei unseren Nachbarn im Osten. Da spielen für die Dynastie im Falle eines unglücklichen Krieges noch ganz besondere Interessen mit. Ich habe livl?ndische Verwandte in hohen Hofchargen. Einer von ihnen schrieb mir erst unl?ngst, die Truppenansammlungen an unserer Grenze sind nur befohlen worden, pour montrer la bonne volonté. Um den Bundesgenossen mit dem gro?en Sparstrumpf bei guter Laune zu halten.?
?Mag sein, Herr von Gorski. Dafür sieht's an unserer Westgrenze um so bedrohlicher aus. Dort geht's leider nach Stimmungen, nicht nach Erw?gungen. Das ganze Volk schreit nach dem Revanchekrieg. Wie ein langsam angestautes Wasser ist es, das jeden Augenblick den Damm zerrei?en kann. Mir pers?nlich w?re es recht. Nichts sehnlicher wünsche ich mir, als meine Schwadron gleich an den Feind zu führen!?
?Bravo!? sagte Annemarie, und Herr von Gorski l?chelte.
?Sie ist n?mlich mit ihren jungen Freunden vom Regiment unbedingt fürs Einhauen. Sie geht dann als Rote-Kreuz-Schwester mit! Aber was ich schon vorhin fragen wollte, lieber Rittmeister, wo standen Sie eigentlich früher??
?Bei den Karlsburger Ulanen. Von dort kam ich auf Akademie und nachher in den Generalstab.?
?Ein gl?nzendes Regiment und eine angenehme Garnison,? sagte der alte Herr. ?Und da sind Sie nicht wieder hingegangen?? Die Frage klang ein wenig argw?hnisch.
?Ich hatte meine besonderen Gründe!? sagte Gaston. Damit sollte es genug sein, aber er fühlte, da? Annemaries Augen an ihm hingen. Wie ihm scheinen wollte, mit ganz besonders gespanntem Interesse, und da sprach er offen und ohne Rückhalt. Als wenn das liebe M?del ein Anrecht h?tte, genau zu erfahren, was er fühlte und dachte.
?Also einmal, weil ich gerade Ostpreu?en kennen lernen wollte, und dann ... in meiner Heimat nicht nur geht eine Legende, die mir jedesmal, wenn ich auf sie sto?e, die Zornr?te ins Gesicht treibt. Eine sehr hohe Dame soll angeblich mit besonderer Fürsorge über meine Karriere wachen. Ich habe auch sonst genug gelitten unter diesem t?richten Gerede. Mein Vater war Kammerherr dieser hohen Dame an einem der süddeutschen Duodezh?fe. Er starb, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht gekannt. Als ich Offizier wurde, gab mir mein Vormund einen Brief von ihm und kl?rte mich auf. Mein Vater war im Duell gefallen für die von einem Unwürdigen angegriffene Ehre dieser hohen Dame, war gestorben wie ein Kavalier und Held. Aber meine liebe Mutter fa?te das anders auf. Glaubte an eine Schuld, wo nichts weiter gewesen war als die Pflicht eines seiner Herrin dienenden Kavaliers. Sie ging nach ihrer schw?bischen Heimat zurück und erzog mich dort auf ihre Art. Es steht einem Sohne nicht zu, mit der geliebten Mutter zu rechten, aber es w?re vielleicht manches in meinem Leben anders gekommen, wenn ich eine Jugend h?tte haben dürfen wie andere. Wie ein junges M?dchen verpimpelte sie mich. Aber da gab es einen Umschwung. Eines Tages hatte ich mal wieder was ausgefressen, aber kam gerade noch mit blauem Auge davon. Wie und wieso wei? ich nicht mehr, aber einer meiner Co?tanen meinte: 'Na ja, wenn man eine Schutzheilige hat – eine richtige, lebendige Gro?fürstinwitwe, die ihre Gefühle vom Vater auf den Sohn übertr?gt.' Ich fuhr ihm an den Hals, wir schlugen uns auf schwere S?bel, und in der Festungshaft danach wurde ich ein ernsthafter Mensch. Ein Streber schlimmster Sorte ... Kommandierender General zum mindesten wollte ich werden! Aber ohne weibliche Protektion!?
Annemarie hatte mit aufgeregten Augen zugeh?rt. Ehe ihr Vater etwas sagen konnte, streckte sie impulsiv dem Rittmeister von Foucar die Hand entgegen.
?Furchtbar interessant ist das! Und überhaupt, wo Onkel Franz so gro?e Stücke auf Sie h?lt. Sind Sie J?ger??
Gaston blickte ein wenig verwundert auf.
?Sogar mit Passion. Aber bisher hatte ich, zu meinem Bedauern, nur wenige Male Gelegenheit.?
?Na ja, in Berlin!? sagte sie geringsch?tzig. ?Aber das wird hier anders werden. Sie sollen bei mir in Kalinzinnen den besten Bock schie?en, den es im Kreise je gegeben hat. Mindestens drei?ig Zentimeter Stangenh?he und geperlt bis in die Enden hinein ... ein ganz alter Bursche, schlau wie ein Fuchs, aber in der Brunst werden wir ihn schon kriegen!?
Der alte Herr hatte zum Fenster hinausgesehen. Hallo, was war das? Hatte sein sonst so zurückhaltender Blondkopf an diesem Rittmeister Feuer gefangen? Und da? das M?del mit den Kalinzinner Rehb?cken so freigebig umging, war allein schon ein bedenkliches Zeichen. Sonst war sie damit sehr knauserig.
?Annemarie,? sagte er, ?freust Du Dich, da? wir endlich wieder nach Hause kommen??
?Aber natürlich, Papa, riesig!?
?Und was Hermann wohl sagen wird, wenn wir endlich wieder da sind? Wahrscheinlich wird er an der Bahn sein.?
Annemarie runzelte die Stirn.
?Natürlich wird er da sein. Du hast ihm doch sicherlich geschrieben, wann wir ankommen. Er ist überhaupt immer da.?
?Bitte sehr, diesmal habe ihm nicht geschrieben!?
?Er wird doch da sein!? sagte sie hartn?ckig und legte sich abweisend in die Wagenpolster zurück. Gaston aber merkte die Absicht des alten Herrn und griff nach einer der schon l?ngst gelesenen Zeitungen. Eigentlich war es ja schon deutlich genug gewesen, da? Herr von Gorski die Jagdeinladung der Tochter nicht best?tigt hatte. Und dieser Hermann, der auf der Station warten würde, war ein Wink für ihn: ?Gib Dich nicht unnützen Hoffnungen hin.? Der Wink war überflüssig. Wer sich selbst eine Kette um den Fu? gelegt hatte, durfte seine Augen nicht aufheben zu einem stolzen und freien Herrenkind.
Annemarie hatte ein paar Minuten schweigend gesessen, jetzt schob sie in leichtem Trotz die Unterlippe vor.
?Ach, entschuldigen Sie, Herr Rittmeister ...?
?Bitte sehr, mein gn?diges Fr?ulein.?
?Sie müssen so freundlich sein, mir noch einmal recht deutlich Ihren Namen zu sagen. Vorhin, als Herr von Lindemann vorstellte ...?
?Aber mit Vergnügen! Gaston Baron Foucar von Kerdesac!?
Annemarie blickte überrascht auf: ?Aber das ist ja ein rein franz?sischer Name!?
?Zu dienen! Mein – einen Augenblick, ich mu? nur nachrechnen – ja, also, mein Ururgro?vater kam als achtj?hriger Knabe nach Deutschland. Seine Eltern waren auf die Guillotine geschleppt worden, ihm gelang es, als die Schergen des Konvents das Schlo? durchsuchten, sich zu verstecken. In einer Regentonne. Dann wanderte er nach Osten, bis er an andere Flüchtlinge Anschlu? fand. Mit zweiundzwanzig Jahren focht er unter Blücher gegen Napoleon.?
?Merkwürdig,? sagte Herr von Gorski, und aus dem Tone seiner Bemerkung war starke Mi?billigung herauszuh?ren, ?ja, also merkwürdig, wie eine Familie mit Traditionen in so kurzer Zeit ihren vaterl?ndischen Standpunkt ver?ndern kann! Das Vaterland ist doch immer das Prim?re! Und ich frage mich manchmal ... Die Abk?mmlinge der franz?sischen Refugiéfamilien ... ja, mit welchen Gefühlen werden die wohl einmal satteln, wenn es gegen ihr altes Vaterland Frankreich geht??
Gaston verneigte sich leicht, Kampflust in den blauen Augen.
?Das haben sie schon einmal bewiesen, jetzt vor mehr als vierzig Jahren! Und ich darf wohl dagegen fragen, mit welchen Empfindungen werden Sie sich tragen, Herr von Gorski, wenn es morgen nach der anderen Seite losgehen sollte? Gegen Ru?land??
Der alte Herr steckte sich in einer gewissen Erregung eine Zigarette an.
?Sie verstehen zu fechten, Herr von Foucar! Aber es ist ein Irrtum dabei. Mein Geschlecht ist von Anbeginn an rein deutsch gewesen – trotz seines polnischen Namens. Darüber existieren unanfechtbare Urkunden. Mein erster nachweislicher Vorfahr ist als Gefolgsmann des Gro?meisters Heinrich von Plauen urkundlich aufgeführt, Berger hie? er. Als nach dem Niedergange des Ordens die slawische Welle wiederkam, wurde sein guter deutscher Name ins Polnische übersetzt. Gorski hei?t n?mlich auf deutsch Berger, und das Schicksal, das ihn ereilte, traf auch all die anderen, ursprünglich deutschen Familien. Nicht nur aus dem Stande der Ritterbürtigen. Auch unter der b?uerlichen Bev?lkerung k?nnen Sie noch heute herauskennen mit einiger Sicherheit, was ursprünglich mal deutsch war. Schon an der K?rperl?nge. Der slawische Masur ist klein, kaum da? mal einer über Mittelgr??e hinausw?chst.?
?Aehnlich wie in meiner Heimat,? versetzte Gaston. ?Nur da? man da zwischen Normannen mit Wikingerblut unterscheidet und den kleineren Abk?mmlingen der R?mer. Aber ich meine, der ganze Streit ist unfruchtbar. Jeder h?lt zu dem Lande, dem er sich verbunden fühlt. Der alte Name ist nur eine Erinnerung. Das Nationalgefühl entscheiden die Mütter.?
?Haben Sie Ihre alte Heimat einmal besucht?? warf Annemarie ein.
Gaston wiederholte die Frage.
?Meine alte Heimat? Nein, aber im vorigen Jahre machte ich eine Reise durch Nordfrankreich. Ich sage das absichtlich, um von vornherein meine Empfindungen bei dieser Reise zu kennzeichnen. Nichts sprach zu mir, was irgendeinen sentimentalen Widerhall in mir geweckt h?tte ... oder vielmehr einmal mu?te ich an mich halten, um als preu?ischer Offizier nicht eine Unbesonnenheit zu begehen. Am zweiten September war es, in Havre. Zu Hause bei uns feierte man den Gedenktag von Sedan, hier schleifte ein Haufe halbtrunkener Gassenjungen eine Strohpuppe im Stra?enkot, die wie ein deutscher Soldat ausstaffiert war mit ein paar bunten Fetzen. An der Spitze schritt ein Bengel, der ein freches Spottlied auf die 'sales Prussiens' sang. Die andern gr?lten den Refrain. Da mu?te ich mich mit Gewalt zusammenrei?en, um dem Lümmel an der Spitze das Maul nicht mit einer Ohrfeige zu stopfen ... Und ein paar Tage sp?ter war ich in dem St?dtchen Kerdesac. Auf einem Hügel in der N?he lag eine verfallene Ruine ... ein Rest des alten Gem?uers war wohnlich eingerichtet, ein wei?b?rtiges M?nnchen hauste darin ... Der Letzte der Foucar der franz?sischen Linie. Ich machte ihm meine Aufwartung, ohne meinen Namen zu nennen, und fragte so nebenher, ob nicht ein Zweig des Geschlechts in Deutschland lebte. Da richtete der alte Herr sich auf und spie aus. 'Verflucht sei er und verdorren m?ge er! Meine Arme sind vertrocknet, aber wenn wir morgen marschieren sollten, marschiere ich mit. Und Gott wird mir helfen, die zu züchtigen, die ihr Vaterland vergessen konnten ...' Ich empfahl mich und ging. War nicht im geringsten betroffen, hatte nur das Gefühl einer Seltsamkeit ... einen fast schnurrigen Gedanken: da? n?mlich anscheinend in jedem Lande der liebe Gott eine andere Nationalit?t hat. Und da? er jedesmal helfen soll, die Leute jenseits der Grenze totzuschlagen ...?
Das Gespr?ch verstummte. Annemarie holte mit einem leichten Seufzer die ?Gedanken und Erinnerungen? hervor, die sie vorhin beiseite gelegt hatte, Herr von Foucar griff nach einer Zeitung, und nach einer Weile schien es so, als w?ren die drei, die der Zufall für eine kurze Reise zusammengeführt hatte, einander so fremd wie zu der Zeit, als der lustige Herr von Lindemann sie noch nicht vorgestellt hatte. Nur ein kleiner Unterschied war dabei. Nach kurzer Pause hob Annemarie den Kopf von der Lektüre, Herr von Foucar tat desgleichen, ihre Blicke begegneten sich und hielten stumme Zwiesprache miteinander. Der eine sagte: ?Ist das nicht ?rgerlich, da? unser erstes Beisammensein mit solch einem Mi?klang enden soll?? Und der andere meinte: ?Es w?re doch jammerschade, wenn nun aus der so freundlich gebotenen Jagdeinladung nichts werden sollte!? Da huschte über das feingeschnittene Gesichtchen ein schalkhaftes L?cheln. Sie legte das dicke Buch wieder beiseite und wandte sich besorgt zu dem neben ihr sitzenden Vater.
?Willst Du es Dir nicht lieber ein bi?chen bequemer machen, Papa? Ich kann mich ja ganz in die andere Ecke setzen, Du aber streckst das Bein auf das Polster.? Und wie zur Erkl?rung für Herrn von Foucar fügte sie hinzu: ?N?mlich mein Papa hat vor sechs Wochen einen schweren Sturz mit dem Pferde getan, weil er noch immer so verwegen drauflos reitet, als sprengte er an der Spitze seiner alten Schwadron. Das ganze Schienbein war gesplittert, und ich fürchte beinahe, bei aller Kunst des K?nigsberger Professors, ganz so wie früher wird es wohl nicht mehr werden.?
?Unsinn,? brummte Herr von Gorski in seinen kurzgeschnittenen grauen Spitzbart, ?der Mann hat sein Handwerk verstanden! Ist alles wieder in Ordnung, und, wenn ich ehrlich sein soll, ich mu? mich immer erst besinnen, welcher Fu? eigentlich kaput war, der rechte oder linke!?
Sein Gegenüber pflichtete ihm bei, um ihn bei guter Laune zu erhalten.
?Ja, es ist erstaunlich, was heutzutage die Herren Chirurgen alles leisten! Einer meiner Kameraden beim alten Regiment hatte von einem schweren Sturze eine Gehirnerschütterung gekriegt, Schlüsselbein kaput und das ganze rechte Bein ein einziger schlotternder Lappen ... vier Wochen Klinik in Tübingen, und er konnte wieder in den Sattel steigen! Zwei Monate danach aber gewann er sein erstes Rennen.? Die Geschichte war frei erfunden, aber was tat man nicht einem Paar blauer M?dchenaugen zuliebe, die einen lustig anlachten?
Der alte Herr sprang prompt auf die kleine Kriegslist ein und nahm die abgebrochene Unterhaltung wieder auf.
?Siehst Du, da hast Du's! Morgen la? ich mir meinen alten 'Perkuhn' an die Rampe führen, probier' mal, ob's nicht schon wieder geht!? Und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: ?Was aber unseren vorhin angeschnittenen Hammel anlangt, Herr von Foucar – also ich m?chte da kein Mi?verst?ndnis aufkommen lassen. Ich habe inzwischen nachgedacht. Ich verstehe zwar immer noch nicht, wie geborene Franzosen in ein paar Menschenaltern reine Deutsche werden k?nnen, aber da ich ein überzeugendes Beispiel vor mir sehe, mu? ich die Tatsache anerkennen. Und sie interessiert mich sehr, denn vielleicht liegt in ihr irgendein Fingerzeig verborgen für unsere Arbeit in den Grenzprovinzen, den Kampf gegen das Polentum. Wenn Sie unsere Parlamentsverhandlungen der letzten Jahre ein wenig verfolgt haben, werden Sie wissen, da? ich bisher immer einer der Hauptvertreter der gem??igten Richtung gewesen bin in der Behandlung unserer polnischen Mitbürger. W?hrend meiner unfreiwilligen Mu?e aber, jetzt in der Klinik, habe ich eine Art von Inventur gemacht über die Ergebnisse meiner T?tigkeit. Und, wenn man so losgel?st daliegt von allen verwirrenden Eindrücken der kleinen Tagesk?mpfe, sieht man wohl sch?rfer als sonst. Ja also, da hat sich mir die niederschmetternde Erkenntnis aufgedr?ngt, da? all unsere Arbeit bis zur Stunde vergeblich war. Statt vorw?rts zu kommen, haben wir Boden verloren, und da fragt man sich unwillkürlich, ob die bisherige Methode die richtige war.?
?Verzeihen Sie, Herr von Gorski,? sagte der Rittmeister, ?ich habe mich bisher mit diesen Dingen zu wenig besch?ftigt, um ein eigenes Urteil zu haben. Aber was ich von Ihnen, einem berufenen Sachverst?ndigen, h?re, macht mich stutzig.?
Der alte Herr l?chelte trübe.
?In unseren Industriegebieten finden Sie ganze Stadtteile und Niederlassungen, in denen kaum noch ein Wort Deutsch gesprochen wird. Und gehen Sie in die Mark, nach Sachsen, Pommern oder Mecklenburg – die Leute, die dort auf den Feldern arbeiten, sprechen Polnisch! Das h?ngt ja nun mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte zusammen, aber mu? doch mit in Rechnung gebracht werden, wenn man sich das Gesamtbild vergegenw?rtigen will. Und das übrige ... das Ende ...? Er brach ab und sah sinnend vor sich hin.
Herr von Foucar hatte gespannt und achtungsvoll zugeh?rt. Als der alte Herr pl?tzlich schwieg, erlaubte er sich in bescheidenem Tone die Frage: ?Nun und? Wenn all diese Polen den deutschen Gesetzen gehorchen, ihre Steuern bezahlen und als Soldaten ihre Pflicht und Schuldigkeit tun? Unsere Armee ist doch noch intakt. Und gerade unsere polnischen Regimenter haben sich im letzten Feldzuge doch mit Auszeichnung geschlagen. Geben wir den Polen vollkommene politische Freiheit und wirtschaftliche Vorteile, die ihnen die Ueberzeugung wachrufen müssen, unter keiner Herrschaft der Welt k?nnte es ihnen besser gehen als unter der preu?ischen oder deutschen, und sie werden – unter dem Zwange dieser Einsicht – treue und gute Staatsbürger werden.?
Um den b?rtigen Mund des alten Herrn flog ein nachsichtiges L?cheln.
?Sehr sch?n und sehr nobel gedacht, aber das Mittel ist schon l?ngst versucht worden – bisher ohne Erfolg! Zu keiner Zeit wurde wohl in polnischen Kreisen mehr komplottiert, das alte K?nigreich wieder auszurichten, als in jenen Jahren, in denen die Polen verh?tschelt und mit Zuckerbrot gefüttert wurden. Das ermutigte die Herrschaften nur, die bisher im stillen betriebene gro?polnische Agitation auf die Gasse zu tragen! Wie Pilze schossen allenthalben die nationalen Hetzbl?tter empor, und ganz unversehens war ein neues Moment in die Bewegung gekommen: Der bisher indifferente kleine Mann in den St?dten und auf dem Lande war zum Bewu?tsein seiner polnischen – wie hei?t doch das neugepr?gte Wort? – ja richtig, zum Bewu?tsein seiner polnischen 'Volkheit' gelangt! ... Aus solchen geschichtlichen Prozessen mu? man lernen, solange es noch Zeit ist. Alles auf dieser Welt verl?uft in Wellenlinien, nicht einmal der Strahl des Lichts f?hrt in schnurstracks gerader Bahn dahin, also mu? es auch wohl in der politischen Bewegung der V?lker ein Auf und Nieder geben. Es mu? nur die gewaltige Pers?nlichkeit kommen, die stark genug ist, die Hand zu heben: Halt!?
Der alte Herr schwieg ersch?pft, wischte sich den Schwei? von der Stirn. Herr von Foucar wollte etwas erwidern, aber Annemarie gab ihm ein heimliches Zeichen, das Gespr?ch abzubrechen. In dem Coupé war es pl?tzlich so finster geworden, da? man Mühe hatte, das Gesicht des Gegenübersitzenden zu erkennen, eine j?h aufgestiegene dunkle Wolkenwand hatte sich vor die Sonne geschoben. Die drückende Schwüle wurde schier unertr?glich, da, mit einem Male glei?ende Helle, vor der sich unwillkürlich die Augen schlossen ... in derselben Sekunde ein schmetternder, kurzer Schlag, ein Rei?en und Krachen, da? die Wagenfenster klirrten. Einen zuckenden leichten Schmerz gab es in den Gelenken, ein schwefliger Geruch drang zu den Fenstern herein, Annemarie hob die Hand und deutete nach au?en: ?Da ... sieh nur, Papa, sieh.? Eine rank aufgeschossene Kiefer, die mitten in einer abgeholzten Lichtung etwa hundert Schritt vom Bahndamme stand, leuchtete rot auf, züngelnde Flammen leckten an dem Stamme in die H?he, und um die grüne Krone breitete sich eine wei?liche Wolke. Ueber das Gesicht des alten Herrn aber flog ein heller Schein, seine Augen blitzten auf.
?Das sei ein Zeichen,? sagte er laut, ?und so m?ge sich erfüllen, was ich eben vorausgesagt habe.?
Die Bremsen an den R?dern zogen kreischend an, der Zug hielt vor einer Art von ziegelgedecktem Schuppen, neben dem ein W?rterh?uschen aus Wellblech stand. Und pl?tzlich kam mit Rauschen und Brausen der Regen gezogen wie eine graue Wand. Hagelschlossen prasselten dazwischen, der gelbe Sand des Bahnsteiges spritzte auf, und unabl?ssig schmetterte und krachte der Donner. Ein triefend nasser Schaffner kam gelaufen, ri? die Tür auf: ?Kalinzinnen, eine Minute!?
?Um Gottes willen, schon??
Annemarie sprang auf, stopfte Buch und Zeitungen eilig in die krokodillederne Handtasche, der Rittmeister half dem alten Herrn in einen Gummimantel, ohne für seinen Dienst mehr als ein kurzes ?Danke!? zu ernten. Aus der grauen Regenwand trat ein Diener, einen gro?en, aufgespannten Leinenschirm in der Hand: ?Willkomm zu Hause, gn?d'ger Herr,? sagte er respektvoll. ?Und der gn?'ge Herr müssen schon so gut sein, ein paar Minutchen unter die Wartehalle zu treten. Die beiden alten Kobbeln vor dem Kutschwagen sind von dem gro?en Blitz rein wie verrückt geworden. Der Gottlieb mu?t sie laufen lassen, aber er is wohl gleich wieder 'ran.?
Der alte Herr verabschiedete sich von dem Reisegef?hrten mit kurzem Gru?e, kletterte ein wenig schwerf?llig den Wagentritt hinab. Annemarie rief ihm nach: ?Papa, Du hast wohl nur vergessen ...?? Er h?rte nicht, oder vielleicht tat er auch nur so, denn der Zuruf war laut genug gewesen, und in dem Rollen des Donners hatte es gerade eine kurze Pause gegeben. Da flog über ihr Gesicht ein trotziger Zug, sie streckte dem Rittmeister die Hand entgegen: ?Entschuldigen Sie, mein Papa ist nur durch die pl?tzliche Ankunft ein bi?chen durcheinander, sonst h?tte er sicherlich ... jedenfalls sind Sie uns in Kalinzinnen herzlich willkommen!? Und mit einem L?cheln fügte sie hinzu: ?Seien Sie ein bi?chen nett mit meinen beiden Vettern, sie stehen bei Ihrer Schwadron!?
Der Schaffner an der offenen Tür, dem das Wasser vom Mützenschirm über die Nase rann, hob mahnend die Hand.
?Trautstes Freileinchen, beeilen Sie sich, der Zug hat sowieso all Versp?tung.?
Da gab es noch einen kurzen H?ndedruck. ?Also gut, und auf bald.? Hastig sprang sie von dem Tritte, der Diener, der den alten Herrn schon nach der Wartehalle geleitet hatte, eilte mit dem gro?en Regendache herbei. Eine Pfeife schrillte, der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Gaston trat ans Fenster, um vielleicht noch einen Blick oder Gru? zu erhaschen, aber Annemarie stapfte eilig dahin, zwischen den vom Boden schnellenden Spritzern. Der über die Kn?chel gehobene Rock zeigte ein paar schlanke Fesseln über schmalen Fü?en. Der alte Herr unter der Wartehalle schien ungeduldig geworden zu sein, sprach lebhaft auf die Tochter ein, nach dem abfahrenden Zuge sah er nicht mehr hinüber. Die graue Wand schob sich dazwischen, der ziegelgedeckte, offene Schuppen und ein heranfahrender Wagen waren noch wie durch einen Schleier zu erkennen. Dann nichts als unabl?ssig str?mender Regen, nach jedem der rollenden Donnerschl?ge schien er nur noch st?rker zu fallen, als wenn da oben an irgendeiner himmlischen Talsperre ein Staudamm gebrochen w?re, so schüttete es hinab.
Gaston hatte das Fenster hochgezogen und setzte sich auf seinen Platz zurück. Trocknete sich Gesicht und H?nde von den durch die offene Tür gespritzten Regentropfen, und ihm war seltsam lustig und aufger?umt zumute. Mit dem alten Herrn schien er's ja gründlich verdorben zu haben, nach anf?nglichem Wohlgefallen hatte es ein ziemlich unverhohlenes Mi?vergnügen gegeben. Aber was lag daran – dafür hatte die Tochter einen um so freundlicheren Abschied genommen. Wie hatte sie gesagt? ?Auf Wiedersehen, recht bald.? Na, das konnte ja besorgt werden! Und ein Vorwand war gar leicht gefunden. Da drüben, zwischen Rückwand und Wagenpolster blitzte etwas auf, als h?tte es spitzbübisch blo? auf den rechten Augenblick gewartet, sich bemerkbar zu machen. Eine kleine goldene Zigarettendose, mit einem Saphir als Druckknopf und einem, aus funkelnden Brillanten gefügten ?A? auf dem Deckel. Eine siebenzinkige Krone darüber, deren Zacken in hellem Rubinrot leuchteten. Und allerhand Widmungen daneben, in Schrift oder figürlicher Darstellung. Ein blau-wei?-roter Emailschild mit der Umschrift: ?Masovia sei's Panier! Der holden Korpsschwester die Füchse des Sommersemesters 1911.? Viele, sauber ausgeführte Wappen mit Jahreszahl und Datum, und endlich auf der Rückseite ein Emailbild der beiden ?b?sen Buben?, Max und Moritz. Eine Inschrift besagte, da? unter dieser allegorischen Darstellung die beiden Vettern Hans und Karl von Gorski zu verstehen w?ren. Nur eine Ecke auf dem goldenen Untergrunde war noch frei. Gaston schob mit einem L?cheln die Dose in die Brusttasche: da war er ja, der gute Vorwand! In ein paar Tagen überbrachte man das kostbare Fundstück pers?nlich, und inzwischen war auf der letzten freien Ecke von einem geschickten Goldschmied ein Kleinod ganz besonderer Art eingefügt worden zur Erinnerung an die Stunde der ersten Begegnung. Ein tiefblauer kleiner Saphir von altertümlich flachem Schliff, der ein winziges Zeichen trug. Man mu?te eine Lupe zu Hilfe nehmen, um es zu erkennen: der gefiederte Sarazenenpfeil war es aus dem Wappenbilde der Foucar, mit dem sie zeichneten, was ihnen geh?rte. Nach einer alten Familiensage stammte der Stein von einem Ringe, den ein Ahnherr am heiligen Grabe geweiht h?tte, und sollte seinem Besitzer Glück bringen, ihn vor jeder Art von Gefahr bewahren. Wem aber wünschte er wohl von Herzen mehr Glück als dem blonden M?del, das ihm ein gütiges Geschick hier in den Weg geführt hatte.
Er brauchte nur die Augen zu schlie?en, und er sah es wieder vor sich auf dem Platze da drüben ... die biegsame, schlanke Gestalt, das feine Gesichtchen mit dem lustigen Grübchen in der Wange und den klaren, blauen Augen. Ganz dunkel schienen sie in der Abwehr und leuchteten hell auf, wenn sie lachte. Allm?hlich aber verwischte sich das Bild. Es hing eine an seinem Halse, dr?ngte sich ganz nahe an ihn und bi? ihn in bitterem Trennungsweh, da? er sie nie mehr vergessen sollte und immer an ein Wort denken, das er selbst gesprochen hatte. Sie w?re für ihn die Herrlichste und Reinste auf der ganzen Welt. In einer Art von Trunkenheit hatte er es gesprochen, aber es stand da. Wahnsinn war es doch, zu denken, mit seiner raschen Flucht w?re alles zu Ende. Die Wirrsal fing jetzt erst an ... die Wirrsal für einen, den die Natur mit mancherlei Gaben ausgestattet hatte, nur nicht mit einem robusten Gewissen ...
Das Gewitter war vorübergezogen, kaum eine Viertelstunde hatte es gedauert. Nur im Westen stand noch eine dunkle Wolkenwand, von der untergehenden Sonne wie mit Blut und Feuer übergossen. Der Zug hielt im freien Felde. In der Ferne blaute ein See mit sp?rlich bewaldeten Ufern, ein schlanker Kirchturm, dessen Kreuz im Sonnenlicht blitzte, ragte zwischen roten Ziegeld?chern in die H?he.
Auf dem anderen Gleise rollte ein langer Zug vorüber. Mehr als fünfzig Wagen z?hlte Gaston, alle mit Menschen dicht besetzt. An den Oeffnungen der Türen und Fenster dr?ngten sie sich Kopf an Kopf, schauten mit einer Art stumpfer Neugierde heraus. Gesichter von fremdartigem Schnitt ... kleine blaue Augen über breiten Backenknochen, stumpfe Nasen und blondes Haar. Die Frauen in bunten Tüchern, die M?nner in grauen R?cken, breitschirmige Mützen tief in die Stirn gezogen.
Der aus seinem Bremserh?uschen gestiegene Schaffner gab unaufgefordert die Erkl?rung: ?Polnische Auswanderer. Jeden Tag kommen vier solcher Züge von der Grenz'. Alles wegen dem Krieg. Da drüben haben se, scheint's, noch mehr Angst wie bei uns. M?cht's man endlich losgehen, sonst rei?en se uns noch alle aus.?
Gaston nickte.
Ja, wenn's nur endlich losgehen wollte!
Dann w?re er mit einem Schlage aus aller Wirrsal heraus gewesen – – –