Im Lesezimmer des Kasinos der Ordensburger Dragoner sa?en nur drei Herren. Zwei in Uniform, der dritte in Zivil. Ein junger Mann mit langen Gliedern und breiten Schultern, ein paar tiefe Schmisse auf der linken Wange. Das schlichte blonde Haar trug er in der Mitte gescheitelt, unter einer narbenbedeckten hohen Stirn standen ein paar fast immer schl?frig blickende, blaue Augen.
Die beiden Herren in Uniform sahen einander zum Verwechseln ?hnlich. Zwei K?pfe von gleicher, kugelrunder Form, die wei?blonden Haare bis auf die Haut kurz geschnitten. Hellgraue Augen unter farblosen Brauen, jeder einen breiten Streif Sommersprossen über der scharf vorspringenden, gebogenen Nase, und l?cherlich wirkende gro?e Ohren. Kaum zu unterscheiden waren sie, wie Zwillinge sahen sie einander ?hnlich, trotzdem sie im Alter zwei Jahre auseinander waren. Nur einen Unterschied gab es. Der Aeltere war reich, der Jüngere arm. Der Aeltere erbte einmal das gro?e Majorat im Johannisburger Kreise, der Jüngere mu?te mit knappem Zuschu? bei der Truppe weiterdienen. Noch ein halbes Dutzend Schwestern wuchs zu Hause heran. Die mu?ten von dem Oberhaupt der Familie standesgem?? ern?hrt werden, denn auf Versorgung durch Heirat war wegen H??lichkeit leider nicht zu rechnen. Auch ihnen standen die Ohren vom Kopfe ab, sprang unter reichlichen Sommersprossen eine gebogene starke Nase aus dem Gesicht. ?Zeichen eines reingezogenen adeligen Geschlechts? nannte das der jüngere, zur Spottlust neigende der beiden Gebrüder Gorski, ?aber leider legten die heiratslustigen Jünglinge im Kreise mehr auf Sch?nheit Wert als auf die Merkmale echter Gorskischer Rasse.?
Das Gespr?ch zwischen den dreien flo? zu Anfang nur sp?rlich dahin.
?Herrschaft,? sagte der Lange, ?wenn ich 'ne Ahnung gehabt h?tte, da? bei Euch heute abend so wenig los ist, w?re ich lieber nach Hause gefahren.?
?Wieso?? versetzte der jüngere Gorski, der den linken Arm in einer schwarzen Binde trug, ?ist da mehr los? K?nnen Deine Mastochsen vielleicht Skat spielen??
?Das gerade nicht! Aber wenn man sich auf die Reise macht und findet das ganze Offizierkorps ausgeflogen??
?N?chstens werde ich einen Regimentsbefehl veranlassen, da? den Herren der Reserve vom Bureau aus das Stattfinden einer Nachtfelddienstübung telephonisch mitgeteilt wird. Aber kannst Dich darauf verlassen, drei Tage in der Woche wird überhaupt immer Nachtfelddienst geübt! 'n sch?nes Wort, was? Meine Erfindung! Unser Alter dressiert uns überhaupt nur japanisch, seit er damals als Attaché da drüben gewesen ist. Also, wenn ich hier als Leutnant ausgelernt hab', trete ich als Akrobat im Wintergarten auf. Klettere über die verschmitztesten Drahthindernisse, verhaspel mich mit den Sporen und k?mpfe mit dem in der Dunkelheit egalweg vorbeischie?enden Gegner Jiujitsu. Falls er mir nicht vorher, zur Vereinfachung der Angelegenheit, mit dem Kolben über den Kopp haut!?
Der Lange mu?te unwillkürlich auflachen.
?Wie Du das darstellst!?
?Von dem einzig richtigen Standpunkt aus! Wer ist wohl mehr zu sachlicher Kritik berufen als der mi?vergnügte Leutnant? Wenn die hohen Vorgesetzten einen Dienstbetrieb einführen, der den Offizier n?tigt, eine Drahtschere zu tragen statt des S?bels? Das ist was für die Fu?latscher! Dem Kavalleristen geh?rt der Tag und das freie Blachfeld. Abends aber soll er in Ruhe seinen Schoppen trinken dürfen, auf den Dienst schimpfen und alles besser k?nnen. Na prost, Hermann!? Und der jüngere Gorski griff nach seinem Bierglase.
?Prost, Karlchen.?
Der ?ltere der beiden Brüder lie? die Zeitung sinken, in der er eifrig gelesen hatte, und nahm ebenfalls einen tiefen Schluck.
?Prost, Kinder! Da ist doch in Berlin wieder mal was Dolles passiert, was für den ganzen Stand nicht gerade dekorativ wirkt ... ein Leutnant hat sich dotgeschossen!?
?Ach ne! Wieso denn??
?Das steht nich drin. Nur eine ganz kurze Notiz.? Er zeigte sie den anderen: ?In unserer Nachbarkolonie Grunewald erregte gestern abend ein Selbstmord betr?chtliches Aufsehen. Vor dem Tor der Villa des bekannten Sportmannes R. erscho? sich ein elegant gekleideter junger Mann. Augenzeugen hatten beobachtet, wie er in gebrochener Haltung von einem Diener über den Vorplatz zum Ausgange geführt wurde. Gleich danach erhob er die todbringende Waffe. Aus Papieren, die man bei ihm fand, wurde seine Identit?t mit dem Oberleutnant v. W. von den Landsberger Husaren festgestellt. Seine Leiche wurde nach dem Schauhause gebracht.?
?Scheu?lich,? sagte der Lange in Zivil und griff sich in den Halskragen.
?Nicht wahr?? versetzte der ?ltere Gorski. ?Ach, Karl, sieh doch mal in der Rangliste nach bei den Landsberger Husaren.?
Der Jüngere holte das Buch aus dem Schrank und bl?tterte nach.
?Da stehen drei Oberleutnants mit ?W? drin: von Witten, von Wilding, von Wodersen.?
?Der letzte ist der berühmte Rennreiter. Und wenn man dazu h?lt: 'Villa des bekannten Sportmanns R ...'?
?Wird's schon stimmen. Die Leutchen engagieren sich leider zu oft über ihre Verh?ltnisse. Und dann die verfluchten Karten! Na, wie ist es, wollen wir uns nicht auch gegenseitig das Geld abnehmen? In einem soliden Halbenpfennigskat? So solid, da? jeder der Teilnehmenden zum Schlu? eine Kleinigkeit gewinnt??
Der ?ltere Gorski legte unwillig die in einen Rahmen gespannte Zeitung auf den Tisch.
?Mensch, gew?hn' es Dir blo? ab, an alles einen Witz 'ranzuh?ngen! Das da hier geht einem doch nah! Da werden die Zeitungen einer gewissen Sorte wieder drauf rumtrampeln und kr?nkende Schlu?folgerungen für den ganzen Stand ziehen! Scheu?lich ist das ...?
?Sehr richtig, Herr Majoratserbe,? sagte der Jüngere mit ernsthaftem Gesicht, w?hrend er zugleich dabei in komischer Weise die gro?en Ohren bewegte. ?Sie werden trampeln! Aber bin ich daran schuld? Soll ich meines Bruders Hüter sein?? Und zu dem Langen gewandt, fuhr er fort: ?Uebrigens was ist das mit Dir, Herr von und zu Brinckenwurff? Heute ist doch das J?hr f?llig, die Annemarie mit ihrem Vater? Da bist Du nicht zum Empfang an die Eisenbahn gefahren??
Der Lange err?tete heftig. ?Erstens wu?te ich's nicht genau, und zweitens, ich mu?te in die Stadt. Den Ingenieur sprechen, der meine Torflager verwerten will.?
?Mensch, sei ehrlich, wenn es Dir auch schwer f?llt! Ihr habt Euch brieflich verknaxt! Oder hat sie vielleicht das Geheimnis der jungen Mamsell spitz gekriegt? Die auf Befehl Deiner Frau Mama pl?tzlich ihr K?fferchen packen mu?te? Angeblich wegen eines ungeh?rigen Techtelmechtels mit Eurem zweiten Inspektor??
?Das ist ein t?richtes Gerede ... absolut nichts dran! Der Inspektor übernimmt zum Herbst da irgendwo weit hinten im Litauischen eine kleine Pachtung. Dann heiratet er die Mamsell.?
Karl von Gorski steckte sich l?chelnd eine Zigarette an.
?Weit hinten im Litauischen? Mein Kompliment an Deine verehrte Frau Mama – sie ist eine sehr kluge Dame! Und wenn Du mir nun noch erkl?ren wolltest, weshalb Du bei meiner harmlosen Frage vorhin rot geworden bist wie ein beim Mogeln erwischter Sextaner??
?Das hat blo? so ausgesehen! Aber ich m?chte bemerken: Was geht's Dich an, wie ich mit Annemarie stehe? Bist Du vielleicht ihr Vormund??
?Nee, aber ihr hei?geliebter Cousin – wenn wir uns auch manchmal kabbeln. Und da sage ich Dir, mein Jungchen, wer so ein sauberes M?del kriegen will, hat gewisse Verpflichtungen! In bezug auf seinen Lebenswandel. Wenn er schon nicht die gleiche Sauberkeit pr?stieren kann, soll er wenigstens vorsichtiger sein. Sonst f?ngt die kleine Annemieze an, über Dich auch im allgemeinen nachzudenken, und eines sch?nen Tags geht die ganze Sache aus dem Leim!?
Der lange Herr von Brinckenwurff fuhr auf: ?Also, Karlchen, ich mu? doch sehr bitten!?
?Na, was denn? Was ich Dir sagen wollte, hast Du weg – damit ist der Fall für mich erledigt! Im übrigen aber k?nnten wir schon l?ngst Skat spielen. Ausgang hat mir der Stabsarzt mit meiner verknaxten Hand gestattet, aber um zehn Uhr mu? ich in der Klappe liegen. Und die Zeit geht hin wie Geld und Wind, mein sch?nes Kind.?
Hans von Gorski, der Aeltere, reckte die Arme.
?Und ich mu? meinen Gefechtsesel besteigen, um elf Uhr zum erstenmal die Brückenposten am Bahndamm revidieren. Es ist kein Vergnügen. Neulich h?tt' einer von den Kerls beinahe auf mich geschossen. Ein Masurenjüngling von der Infanterie, der die deutsche Parole natürlich vergessen und in der Dunkelheit meine Uniform nicht erkannt hatte. Er hatte den Sicherungsflügel umgedreht und die Knarre schon an der Backe. Erst als ich ihn gr?blich auf polnisch anschrie, beruhigte er sich. Die Kerls fangen auch schon an nerv?s zu werden.?
?Kein Wunder! Wir schlafen doch wenigstens ab und zu in der Nacht, aber diese armen Fu?fantristen müssen von dem ewigen Nachtpostenstehen allm?hlich bl?dsinnig werden. Und eine Wut sammelt sich in ihnen an. Da erz?hlte doch neulich der Kollege Reuter von der Infanterie beim Frühschoppen, er h?tte zugeh?rt, wie sich ein paar seiner Kerls auf dem Schie?stand unterhielten. Der eine sagte: 'Der erste Ru?', wo ich gefangen nehm', dem st?ch ich das Seitengewehr in die Kaldaunen!' Und der andere meinte: 'M?nsch, das is nich genuch! Erst würd' ich das Beest eine ganze Weile lang piesacken und verdreschen, eh' ich ihm im Jenseits bef?rder': Da, das is fier die s?chs Wochen, wo ich wegen Dir jede zweite Nacht hab' auf Posten stehen müssen!' Also der Leutnant Reuter sagte, er w?re jedesmal froh, wenn eine Felddienstübung an der Grenze ohne Zwischenfall vorüber w?re. Wenn drüben die Russen reiten, kriegen unsere Kerls immer dunkle Augen vor Zorn. Es braucht blo? eine Flinte loszugehen, und der Salat ist fertig!?
Hans von Gorski atmete tief aus.
?Gott g?b' es! Die Schamr?te steigt einem ja ins Gesicht, wie provokant sich die Burschen da drüben benehmen. Probemobilmachung nennen sie's, wenn sie sich fertig machen, um jeden Augenblick losbrechen zu k?nnen. Wir aber getrauen uns nicht mal, ein paar Regimenter mehr unter irgend einem Vorwand an die Grenze zu legen. Damit k?nnten wir ja irgendwo ansto?en! Pfui Deuwel noch mal!?
?Ja,? sagte Herr von Brinckenwurff. ?Die Herren in Berlin haben gut reden! Ihre Saaten werden nicht zerstampft, und ihre Scheunen brennen nicht, wenn unsere Handvoll Soldaten hier an der Grenze im ersten Ansturm über den Haufen gerannt wird. Und den Kerl im Generalstab, der das erfunden hat, da? Ostpreu?en im Kriegsfall bis zum Seendefilee preisgegeben werden soll, den m?cht' ich mal unter vier Augen sprechen!?
Hans von Gorski protestierte entrüstet. ?Bet'st Du auch das t?richte Gerede nach? Kein Mensch hat die Absicht, auch nur einen Zollbreit aufzugeben, und am zweiten Mobilmachungstag haben wir hier so viel Flinten an der Grenze, da? an ein Ueberschwemmen mit Reitergeschwadern nicht mehr zu denken ist!?
Der jüngere Bruder stie? einen komischen Seufzer aus.
?Na, Kinder, dann w?ren wir ja wieder mal bei dem alleinseligmachenden Gespr?chsstoff! Ich bin auch sehr für den Krieg. Ihr beide bleibt auf dem Felde der Ehre, ich kehre als lorbeergeschmückter Sieger nach Hause zurück. Erb' das Majorat und heirate die Annemarie.?
?Fatzke,? sagte der Aeltere lachend. ?Aber wollen wirklich noch 'ne Weile Skat spielen, was wir hier reden, ist für die Katz. Wir ?ndern doch nichts an der Sache!?
Karl von Gorski griff nach der von der Lampe herabh?ngenden Klingelschnur, die Ordonnanz erschien in der Tür.
?Ein noch leidlich erhaltenes Spiel Karten, einen Skatblock und einen frisch gespitzten Bleistift!?
?Sehr wohl, Herr Leutnant. Aber es ist ein fremder Herr in Zivil drau?en, der eben ablegt. Den Namen hab' ich nich verstanden ... er klang so franz?s'sch.?
?Etwa Baron Foucar von Kerdesac??
?So ?hnlich, Herr Leutnant!?
?Ei weh,? sagte Hans, ?unser neuer Schwadronschef. Ich lasse natürlich bitten.?
?Einen Augenblick noch,? rief Karl von Gorski, ?beeilen Sie sich nicht so sehr mit dem Reinführen!? Er sprang an den Bücherschrank, kehrte mit einer Generalstabskarte zurück und breitete sie auf dem Tische aus. ?Du willst mal Feldherr werden, Hans, und ermangelst der bei Ueberraschungen so notwendigen Geistesgegenwart? Welcher Moment w?re wohl geeigneter als der erste, um sich bei einem neuen Vorgesetzten ins rechte Licht zu setzen??
So sprach er mit übertriebenem Pathos, wartete ab, bis der Rittmeister von Foucar in der offenen Tür erschien und deutete dann mit dem Zeigefinger auf irgend eine Stelle der Karte: ?Also das, mein lieber Brinckenwurff, sind die Mondezer Berge! Ein Infanterieregiment, das sich auf ihnen einbuddelt, ist einfach unangreifbar. Und wenn wir dann, mit zwei Schwadronen blo?, den b?sen Feind in der Flanke fassen – – –?
Hans von Gorski empfing den Eintretenden und besorgte die Vorstellung. Herr von Foucar schüttelte den dreien die Hand und deutete l?chelnd auf die ausgebreitete Karte.
?So flei?ig, meine Herren??
Karl von Gorski machte ein m?glichst treuherziges Gesicht.
?Gott, Herr Rittmeister, was soll man anfangen, wenn man notgedrungen dem Dienst fernbleiben mu?? Man strebt und bildet sich.?
?Sie haben eine Verletzung am Arm? Doch hoffentlich nichts Ernstliches??
?Nur eine leichte Verstauchung des Handgelenks. Als ich vor einigen N?chten ein Drahthindernis überklettern mu?te, sauste ich kopfüber in einen Graben. Sp?testens übermorgen hoffe ich schon wieder Dienst tun zu k?nnen.?
?Charmant! Im Hotel schon hatte ich geh?rt, da? ich nur wenige Herren im Kasino treffen würde, weil das Regiment auf Nachtfelddienstübung w?re. Ich freue mich, da? es gerade zwei Herren von meiner zukünftigen Schwadron sind.?
?Ganz auf unserer Seite natürlich, Herr Rittmeister.?
Gaston fuhr l?chelnd fort: ?Und da? Sie so strebsam sind! Ich entsinne mich aus meiner jüngsten Leutnantszeit: Wenn wir in Karlsburg auf der Hauptwache den Würfelbecher schwangen, hatten wir auch stets eine Generalstabskarte unter dem Tableau der lustigen Sieben. Wenn der hohe Vorgesetzte kam, verschwand das Tableau, und wir übten mit Eifer Kriegsspiel.?
Der jüngere Gorski blinzelte seinen neuen Schwadronschef dreist und gottesfürchtig an.
?Merkwürdig, Herr Rittmeister, wie gewisse Unsitten im Leutnantsstande durch das ganze Vaterland verbreitet sind. Ich fürchte aber, sie werden sich nicht ausrotten lassen. Solange es n?mlich Vorgesetzte gibt, die den Schwindel noch nicht kennen.?
Gaston mu?te unwillkürlich auflachen. Der kleine Frechdachs da mit den gro?en Ohren gefiel ihm. Das war einer von den preu?ischen Leutnants, die sich eine Zigarette ansteckten und ihre Kerls mit einem Witz anfeuerten, wenn es galt, gegen eine feindliche Batterie anzureiten.
?Na dann?, sagte er, ?wollen wir diesen kleinen Reinfall mit einer Flasche Sekt begrü?en! Darf ich mir gestatten, meine Herren??
?Gehorsamst abgelehnt, Herr Rittmeister! Heute sind Sie unser Gast. Morgen aber, nach offizieller Uebernahme des Kommandos, haben wir nichts dagegen, wenn Herr Rittmeister sich ?fter mal in dem eben erw?hnten Sinne ?u?ern wollten.?
?Na, meinetwegen.?
Die Ordonnanz schenkte ein, Gaston hob sein Glas.
?Also prosit, meine Herren! Auf gute Kameradschaft!?
Er war von seltsam guter Laune. In der neuen Umgebung hatte er seine Sorgen und Kümmernisse vergessen. Eine nerv?se Spannung lebte in ihm, als k?nnte jeder Augenblick den hei?ersehnten Umschwung bringen. Hier an der Grenze roch es f?rmlich nach Krieg.
Hinter dem Hotel, in dem er abgestiegen war, dehnte sich freies Feld. Da kampierte in schmalen, mit Leinenplanen überspannten Korbwagen eine seltsame Gesellschaft, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die M?nner in langen, bis auf die Schaftstiefel reichenden Kaftanen, Ringell?ckchen zu beiden Seiten der scharfgeschnittenen Gesichter. Die Frauen in grellfarbigen Gew?ndern, falsche Scheitel auf dem Kopf. Auf seine Frage hatte ihm der gespr?chige Oberkellner die Auskunft gegeben: ?Russische Juden, Herr Rittmeister. Und wie die in Scharen gekommen sind, hab' ich auch angefangen, an den Krieg zu glauben. Die Ratzen verlassen das Schiff. Sie haben n?mlich eine scharfe Witterung, irgendwas is da drüben los. Da rei?en sie aus, stehlen sich heimlich über die Grenz' und versammeln sich hier zum Auswandern nach Amerika. N?mlich, wenn in Ru?land was passiert, werden hinterher immer ein paar tausend arme Juden totgeschlagen. Attentat auf einen Minister: Pogrom! Mobilmachung: Pogrom! Sie k?nnen nichts dafür, aber es wird Pogrom gemacht!?
?Was ist das, 'Pogrom'?? hatte er gefragt.
?Na, so 'ne Art von russischem Volksfest. Seit einigen Jahren haben sie's schon eingeführt. Man plündert die L?den, sch?ndet die M?dchen und schie?t die m?nnlichen Juden tot. Hinterher kommt eine lahme Untersuchung. Keiner von den Zeugen hat 'was gesehen, und die paar Juden, die noch am Leben geblieben sind, denen wird nicht geglaubt. Schreckliche Sachen erz?hlen diese armen Menschen! Und jetzt wissen sie ganz genau, was los ist, denn sie haben ihre Verbindungen. Da hab' ich meine paar Kr?ten auch locker gemacht auf der Sparkass'. Wenn die Russen uns hier überfluten, wie es neulich in der Zeitung gestanden hat, rutsch ich ab – dritter Klass' nach K?nigsberg!?
Da hatte Gaston unwillkürlich auflachen müssen: ?Sehr richtig, Herr Oberkellner, das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht!? Zugleich aber war ihm selbst leichter ums Herz geworden, in kurzer Frist hatte wohl alle Not ein Ende. Er sprengte mit seiner Schwadron vorw?rts an den Feind, die Kugeln schwirrten und pfiffen. Eine davon traf, man scho? kopfüber aus dem Sattel. Vorbei war alles. Die Reue um das verpfuschte Leben und das neue Gefühl, das heute in ihm aufgestiegen war. Ein schmerzlich-sü?es Gefühl. Wie herrlich vielleicht alles h?tte werden k?nnen, wenn ... ja, wenn diese letzten Tage nicht gewesen w?ren!
Die drei Herren im Kasino hatten ihm Bescheid getan, nach der ersten lustigen Begrü?ung rann das Gespr?ch nur sp?rlich dahin. Gaston beantwortete die üblichen Fragen, wie ihm das St?dtchen gefallen h?tte, und ob er sich hier nicht wie in der Verbannung vorkommen würde. Wobei der jüngere Gorski die verblüffende Behauptung aufstellte, es w?re gar nicht so schlimm. Das kleine Nest Ordensburg bes??e n?mlich eine gro?e Aehnlichkeit mit Nizza. Und als die anderen verwundert aufblickten, gab er l?chelnd die Erkl?rung: ?Na ja, sehr einfach. Wenn man sich in der Stadt langweilt, f?hrt man in die sch?ne Umgebung. Dort nach Monte Carlo, hier bei uns auf eins der Güter in der Nachbarschaft. Da ist es dann amüsanter.?
Die Herren lachten, Gaston entsann sich infolge einer naheliegenden Ideenverbindung, da? er ein Fundstück bei sich trug, das er nicht pers?nlich abzugeben gedachte. Für ihn und die Verliererin war es besser, wenn sie sich nach der ersten Begegnung nicht wiedersahen.
Er griff in die Tasche.
?Kommt einer von Ihnen, meine Herren, vielleicht in den n?chsten Tagen nach dem Gute Kalinzinnen??
?Ich,? sagte der lange Herr von Brinckenwurff. ?Ich reite schon morgen früh hinüber. Heute abend konnte ich zu meinem Bedauern nicht an der Bahn sein.?
Gaston blickte auf. Das also war der ?Hermann?, von dem am Nachmittag zwischen Vater und Tochter die Rede gewesen war. Wie eine Warnung hatte der alte Herr den Namen ausgesprochen. Eine Warnung für sie beide, die gleich in der ersten Stunde vertraut geworden waren ... Der alte Herr hatte ganz recht, das mu?te ein Ende haben, noch ehe es eigentlich einen Anfang genommen hatte. Er atmete auf und legte die goldene Zigarettendose auf den Tisch.
?Das da hat Fr?ulein von Gorski im Coupé liegen lassen. Wenn Sie also die Liebenswürdigkeit haben wollten, es ihr morgen wieder zuzustellen, Herr ... pardon, aber vorhin bei der Vorstellung habe ich Ihren Namen ...?
?Brinckenwurff,? fiel der Lange ein, klappte die Hacken zusammen, ?Leutnant der Reserve im Regiment.? Und Hans von Gorski fügte erkl?rend hinzu: ?Hermann von Brinckenwurff! Zum Unterschied von seinem jüngeren, aber noch l?ngeren Bruder Adolf. Der ist bei uns im Regiment aktiv, bei der zweiten Schwadron.?
Karl von Gorski aber machte gro?e Augen und sah seinen neuen Vorgesetzten mi?trauisch an. Wie ein Füchslein, das eine F?hrte witterte, über deren Bedeutung es sich nicht recht klar war.
?Herr Rittmeister sind mit meinem Kalinzinner Onkel und seiner Tochter zusammen von K?nigsberg gekommen??
?Ja! Wir haben uns unterwegs recht nett unterhalten.?
?Und meine Cousine Annemarie hat die Tasche da, die sie sonst wie ein Kleinod hütet, aus Versehen liegen lassen??
?Es scheint wohl so. Nach ihrem Aussteigen hab' ich sie gefunden. Und da ich annehme, der Verlust wird ihr recht unangenehm sein, m?chte ich nicht, da? sie sich l?nger als n?tig ...?
Er brach ab, er hatte den geheimen Sinn der Frage verstanden. Vom Herzen stieg es ihm hei? in die Wangen empor. Absichtlich hatte das liebe M?del die kostbare Tasche liegen lassen, um ihm den triftigen Vorwand zu baldigem Besuche zu geben. Er schlug die Gelegenheit aus, und sie mu?te sich natürlich gekr?nkt fühlen. Aber es war recht so ... Ein Pfl?nzlein, das eben erst im Aufkeimen war, ri? man leichter aus, als wenn es schon seine Wurzeln tief ins Erdreich gesenkt hatte.
Karl von Gorski sah den Langen mit einem ironischen L?cheln an: ?Mensch, Hermann, hast Du einen Dusel! Was wird die Annemieze sich freuen, da? Du gerade ihr das kostbare Doschen zurückbringst! Wo sie wahrscheinlich schon gemeint hat, es w?r' für immer perdüh gewesen.?
Die Flasche war getrunken, die Herren rüsteten sich zum Aufbruch. Hermann von Brinckenwurff bestieg sein Fuhrwerk, der ?ltere Gorski lie? den Gaul vorführen zum Inspizierungsritt den Bahndamm entlang, wo an jeder kleinen Brücke die wachsamen Posten standen. Der jüngere geleitete den neuen Rittmeister nach seinem Hotel. Er hatte zu seiner Wohnung in der N?he des Bahnhofs den gleichen Weg. Und w?hrend sie im Halbdunkel dahingingen unter den dichtbelaubten Linden der sogenannten Bahnhofspromenade, die nur in Abst?nden von hundert Schritten von einer kümmerlichen Gaslaterne erhellt wurde, fühlte er das Bedürfnis, seinen neuen Vorgesetzten angenehm zu unterhalten. Des guten Eindrucks halber.
?Haben Herr Rittmeister die Berliner Morgenbl?tter gelesen??
?Gewi? doch. Schon heute mittag in K?nigsberg.?
?Da fa?t man sich doch an den Kopf: h?tte der Mensch nicht so viel Contenance haben müssen, sich anders aus der Welt zu schaffen, als mit so einem Klimbim und Trara??
?Entschuldigen Sie, ich wei? nicht, wovon Sie sprechen!?
?Na, von dem Landsberger Husaren, der sich da vor einer Villa im Grunewald erschossen hat. In der Zeitung standen nur die Anfangsbuchstaben der Namen.?
Gaston blieb stehen. Eine eiskalte Hand griff ihm ums Herz.
?von Wodersen?? sagte er heiser.
Karl von Gorski blickte auf.
?Herr Rittmeister kennen den armen Kerl??
?Er war mit mir noch vorgestern ...? und er verbesserte sich schnell: ?Das hei?t, da? es gerade Herr von Wodersen sein soll, ist nur eine Vermutung natürlich. Weil es der einzige Landsberger Husar ist, den ich kenne. Damit ist durchaus nicht gesagt ...?
?Aber es wird schon stimmen. In der Zeitung stand, er w?re in total gebrochenem Zustande von einem Diener aus der Villa des bekannten Sportmanns R. geführt worden. Das sieht doch aus, als h?tte sich da vorher irgend eine Trag?die abgespielt.?
Gaston hatte seine Haltung wiedergewonnen. Er zuckte mit den Achseln.
?Vielleicht! Vielleicht war es aber auch eine ganz prosaische Veranlassung. Die Herren, die alle Woche ein paarmal in den Sattel steigen, lassen sich zuweilen auf Gesch?fte ein, die ihnen über den Kopf wachsen. Wenn es keine L?sung im guten gibt, greifen sie zu dem letzten, verzweifelten Mittel.?
?Hab' ich vorhin im Kasino auch gesagt. Na, gute Nacht, Herr Rittmeister, ich mu? um die Erlaubnis bitten, mich jetzt empfehlen zu dürfen. Hier, rechts ab geht's in mein kümmerliches Junggesellenheim.?
?Gute Nacht, Herr von Gorski, und auf Wiedersehen morgen.?
Gaston ging allein weiter. Nur ein paar hundert Schritte trennten ihn von seinem Hotel, aber die Fü?e versagten ihm den Dienst, er mu?te stehen bleiben und sich auf das Gel?nder eines Vorgartens stützen. Die Fenster im untersten Stockwerk des Hotels waren hell erleuchtet, Musik klang herüber. Richtig, er hatte ja vorhin die grellen Plakate gelesen. Eine Damenkapelle konzertierte im gro?en Saal auf der Durchreise nach Ru?land ...
Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein dumpfes Gefühl war in seiner Brust, sein Schicksal ging weiter. Auch ohne da? er selbst dabei war ... seine Schuld nur war dort zurückgeblieben, trieb einen Unglückseligen in den Tod. Wie er's auch drehen und wenden mochte, er war daran schuld. Weil er im entscheidenden Augenblicke nicht den Mut zur Wahrheit gefunden hatte, als er mit der Frau allein gewesen war. Und aus der ersten Lüge sprang die zweite. Der arme Teufel da mit dem Loch in der Schl?fe konnte jetzt noch leben, wenn er ihm einen anderen Bescheid h?tte geben k?nnen. ?Lieber Wodersen, ich denke ja nicht daran! Heute reise ich noch ab, die Frau, die sich in einem gewissen Ueberschwang an mich geklammert hat, wird sich zu tr?sten wissen. Sie haben sowieso ja nicht die Bedenken, mit denen ich mich trage, also bitte, der Weg ist frei. Vielleicht zieht es sich zwischen Euch beiden zurecht.? Statt dessen hatte er dem Aermsten die letzte Hoffnung genommen, und als sich dem das bi?chen Rest von Vernunft verwirrte, die Hand gegen ihn gehoben. Und warum nur in aller Welt, warum? Um ein Nichts, um die Laune eines überspannten Frauenzimmers, das sich just an ihn geh?ngt hatte. Grauenhaft war das. Und ein Gefühl des Abscheus ballte sich in ihm, erfüllte ihn ganz und gar.
In dem Vestibül des Hotels stie? er auf den dicken Herrn von Lindemann, der sich gerade seinen wei?en Staubmantel anzog.
?Eben wollte ich Sie im Kasino aufsuchen,? sagte der, ?weil ich von dem Oberkellner geh?rt hatte, Sie w?ren dorthin gegangen. Hier n?mlich der Kunstgenu? ist nur m??ig. Vom musikalischen Standpunkt aus und vom patriotischen. Sie spielen wie Dorfmusikanten, die kleinen Frauenzimmer, und morgen fahren sie über die Grenze. Zu den Russen nach Grajewo, den Herren Offizieren das Lagerleben zu versü?en. Da mu? man es doch mit dem Zorn kriegen, da? deutsche M?dels sich so weit erniedrigen.? Er unterbrach sich und sah den andern besorgt an: ?Aber was ist das mit Ihnen, Herr von Foucar? Ist Ihnen nicht gut? Sie sehen ja aus im Gesicht wie eine wandelnde Leiche.?
Gaston nahm sich mühsam zusammen.
?Mir ist in der Tat nicht ganz extra, und ich m?chte am liebsten zu Bett gehen.?
Herr von Lindemann fa?te ihn unter den Arm.
?Unsinn, Sie haben sich auf der Reise eine kleine Erk?ltung geholt – das mu? man 'runterspülen! Mit einem alten guten Burgunder. Und den gibt's hier in der N?he, also los!?
Da ging er mit, war eigentlich froh, da? er für ein paar Stunden Anschlu? fand. Und eine Ablenkung von seinen zehrenden Gedanken.
Sie gingen die dunkle Bahnhofspromenade entlang, dem Marktplatze zu. Der dicke Herr von Lindemann erz?hlte, er h?tte das Konzertlokal noch aus einem anderen Grunde verlassen. Weil dort der Gutsbesitzer Heidereuter gesessen h?tte mit dem polnischen K?ufer von Sucholasken. Um den Verrat an der vaterl?ndischen Sache mit einer Flasche Sekt zu begie?en. Ganz schamlos in aller Oeffentlichkeit. Da w?re ihm die Galle übergelaufen.
Gaston h?rte zerstreut zu, seine Gedanken waren ganz wo anders ... bei einem, der mit durchschossener Schl?fe irgendwo auf einem Schragen lag, in einem Schauhause.
Sie standen vor einem niedrigen Hause am Marktplatze. Die Fensterl?den waren geschlossen. Herr von Lindemann hieb kr?ftig mit der Krücke seines derben Eichenstockes dagegen: ?Holla, Zapietznick, aufgemacht.?
Schlürfende Schritte n?herten sich der Tür, ein Schlüssel kreischte in eingerostetem Schlosse. Ein Kerl mit lang herabh?ngendem Schnurrbart streckte das breitknochige Gesicht durch den Spalt: ?Ach Sie sind es, Cherr Baron? Dann, biete einzutretten!?
Herr von Lindemann ging voran, führte seinen Begleiter in ein verr?uchertes Kneipzimmer, das mit einem gewissen ordin?ren Luxus ausgestattet war. Imitierte Holzt?felung an den W?nden, ?Makartbuketts? in den Ecken und Krüge aller Art und Gr??e auf dem langen Paneel. Darüber Lithographien von Kosziusko und dem Krakauer Hügel, eine allegorische Darstellung der Warschauer Legion, die einstmals geschworen hatte, nur mit Bajonetten anzugreifen. Darüber der wei?e Adler Polens.
Sie nahmen in einer Ecke Platz, am entgegengesetzten Ende des Lokals sa?en mehrere Polnisch sprechende junge Leute und tranken Sekt mit den beiden Kellnerinnen.
Eine von ihnen stand auf, kam l?ssig n?her.
?Co pan sobie zyczy??
Herr von Lindemann lachte.
?Sprich Deutsch, mein geliebter Goldfasan, Du kannst es ebenso gut wie ich. Eine Flasche Fünfundneunziger Chambertin m?chte ich, von der Sorte, die ich immer trinke.?
?Tak, tak?, sagte das junge M?dchen und gab die Bestellung dem Wirte weiter. Gaston von Foucar sah sich befremdet um, der Dicke aber schmunzelte.
?Da kriegen Sie einen Begriff, mein Verehrtester, was wir uns in unserer uns?glichen Gutmütigkeit gefallen lassen. Das hier ist n?mlich das Hauptquartier der Polen diesseits und jenseits der Grenze. Wie oft, glauben Sie, ist hier wohl das Deutsche Reich zertrümmert und das gro?polnische Vaterland errichtet worden? Für jedes Mal einen Taler, und ich w?re ein reicher Mann! Aber ich gehe sehr gerne hierher, denn es hat den Anschein, als wenn das Gesch?ft des Verschw?rens nur bei besonders guten Weinen gedeiht. Blaubeersaft und saurer Mosel t?ten die Begeisterung. Ein feuriger Burgunder aber ... ah, Bruderherz! ...?
Herr von Lindemann hob das blinkende Glas gegen das Licht: ?Na prost, Rittmeister, und jetzt reden Sie endlich auch einen Ton! Wie hat Ihnen das reizende Fr?ulein von Gorski gefallen? Ist das nicht ein ganz herrlicher Mensch??
Gaston fühlte einen schmerzhaften Stich im Herzen. Die Lobpreisung hier erinnerte ihn an einen Tag, da ein anderer ?hnlich geschw?rmt hatte. Einer, der jetzt mit durchschossener Schl?fe irgendwo hinter einer Glasscheibe liegen mochte, bis seine Angeh?rigen ihn abholten.
?Fr?ulein von Gorski?? wiederholte er. ?Sehr nett hat sie mir gefallen! Soweit ich mir aus den paar Worten, die wir miteinander gesprochen haben, ein Urteil erlauben darf. Ein bi?chen zu einfach vielleicht für verw?hnte Ansprüche, aber sie macht, was man so einen sympathischen Eindruck nennt.? So sprach er mit wohlerwogener Zurückhaltung, der Dicke aber sah ihn ganz erstaunt an.
?Mehr nich? Mannchen, dann haben Sie sich das M?del nicht richtig angesehen! Also ich sage Ihnen, das ist ... also kein Wort ist gut genug, um auszudrücken, was für ein herrliches M?del das ist! Innerlich und ?u?erlich! Ich kann das beurteilen, denn sie ist unter meinen Augen aufgewachsen, ich bin so eine Art von Onkel in Kalinzinnen. Also ich sage Ihnen, Herr, der Mann ist selig zu preisen, in dessen Arm sie einmal, gew?hrend, das liebe Gesichtchen nach hinten neigt.?
Gaston lachte heiser auf.
?Sie sprechen ja wie ein Verliebter, Herr von Lindemann!?
?Bin ich auch! Rettungslos und hoffnungslos. Das letztere wegen übergro?er Dicke und mangelnder K?rperl?nge. Sonst n?mlich – ah, Bruderchen – ja sonst würde ich doch nicht ruhig zusehen, wie dieses herrliche Gesch?pfe an einen f?llt, der die Himmelsgabe anscheinend nicht nach ihrem vollen Werte einsch?tzt.?
?Fr?ulein von Gorski scheint demnach verlobt zu sein?? warf Gaston ein. Er mu?te sich zusammennehmen, um seiner Stimme einen m?glichst harmlosen Klang zu verleihen.
?Verlobt? Na, noch nicht ganz, aber immerhin so gut wie! An Kalinzinnen grenzt Orlowen, im Besitz der Familie von Brinckenwurff ... schon seit ein paar hundert Jahren. Mit das Aelteste, was wir hier haben, rein gezüchteter ostpreu?ischer Schlag. Aber mehr nach der K?rperl?nge hin, oben weniger. Dem alten Herrn von Gorski war ein m?nnlicher Erbe versagt, also was lag n?her, als die beiden Kinder diesseits und jenseits der Gutsgrenze zu einer Vereinigung zu erziehen? Kalinzinnen und Orlowen zusammen, das war ein Wort, das landwirtschaftlich empfindende Herzen in heller Begeisterung aufflammen lassen mu?te. Zw?lftausend Morgen, zum Teil prima Weizenboden. Ich g?nn' sie dem Hermann Brinckenwurff. Er ist in seiner Art ja auch ein ganz braver Kerl, nur ein bi?chen zu pomadig. Und er soll sich beeilen, die kleine Annemarie Gorski endgültig festzulegen. Ehe sie klare Augen kriegt und sieht, da? ihr Zukünftiger nur so eine Durchschnittsangelegenheit ist. Oder ehe ihr ein anderer besser gef?llt. In dem M?del steckt n?mlich ein kleiner romantischer Zug, von ihrer Mutter her ... Na prost, Herr von Foucar! Der Burgunder scheint Ihnen gut zu tun. Sie haben ordentlich wieder Farbe gekriegt.?
Gaston leerte das Glas, aber es war nicht so sehr das feurige Getr?nk, das sein Blut rascher durch die Adern trieb. Er bestellte eine neue Flasche, denn ihm bangte davor, der Dicke da drüben k?nnte vorzeitig aufbrechen, oder mit seinen Mitteilungen aufh?ren. Aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Lindemann beugte sich vertraulich über den Tisch und d?mpfte seine laute Stimme.
?N?mlich, da m?chte ich Ihnen einen Tip geben, wenn Sie n?chstens in Kalinzinnen Besuch machen.?
?Ich wei? heute noch nicht, ob ich überhaupt dazu kommen werde, Verkehr in der Nachbarschaft zu suchen.?
?Aber, Mannchen, Sie müssen einfach! Sie k?nnen sich doch nicht allein im ganzen Regiment ausschlie?en. Und passen Sie mal auf, wie gemütlich wir's hier im Herbst haben, wenn die Jagden anfangen. Und nachher im Winter – da müssen Sie die Tanzstiebel jede Woche dreimal anziehen! Ja also, wenn Sie nach Kalinzinnen kommen, erkundigen Sie sich nicht nach Fr?ulein von Gorskis Mutter!?
?Wieso nicht? Ist sie gestorben??
?Nee, aber geschieden. Die Sache ist schon fast zwanzig Jahre her, im Ged?chtnis der Zeitgenossen halb vergessen. Nur einer denkt noch daran, der arme Kerl von Gorski. Daher stammt sein wei?er Kopf. Sonst ... er ist nicht viel ?lter als ich, so um die Mitte der Fünfzig. Er hat die Frau wahnsinnig geliebt. Sie aber ... Da verkehrte in der hiesigen Gesellschaft ein russischer Dragoneroffizier. Ein Baron Totberg. Wegen übler Streiche von der Petersburger Garde an die Grenze versetzt. Im übrigen aber einer jener Kerle, auf die die Frauenzimmer fliegen. Ein Blender. Aber danach geht's ja nicht in solchen F?llen. Elegant, hübsch, ein gl?nzender Erz?hler, dazu von einem gewissen romantischen Nimbus umwittert. Man munkelte von einer sehr hochstehenden jungen Dame in Petersburg, sie h?tte seinetwegen den Schleier genommen. In dem kleinen Drecknest Grajewo drüben langweilte er sich natürlich zum Sterben, da suchte er hier Anschlu?. Das war damals nichts Ungew?hnliches, da bildete die Grenze kein Hindernis für den gesellschaftlichen Verkehr.
Na also, um die Sache kurz zu machen, eines Tages hatte der damalige Premierlieutenant von Gorski den unumst??lichen Beweis, da? der Baron Totberg – na sagen wir mal – nicht blo? wegen der guten Weine in seinem Hause verkehrte. Am n?chsten Morgen schossen sie sich. Mein Nachbar Uhlenburg, der als Unparteiischer fungierte, erz?hlte nachher, es w?re die tollste Sache gewesen, die er je mitgemacht h?tte. Dreimal baute sich der Baron seinem Gegner als Scheibe auf, lie? ihm den ersten Schu?. Und dann schickte er ihm jedesmal die Kugel haarscharf am Kopf vorbei. Herr von Gorski aber stand mit seiner massiven Gestalt da wie ein wütender Stier, vor Zorn flatterte ihm die sonst sichere Hand. Beim vierten Mal traf er. Blattschu? ...
Der Baron Totberg ging koppheister, Herr von Gorski aber schmi? die abgeschossene Pistole ins Gras und sich selbst dazu. Schlug die H?nde vors Gesicht und weinte wie ein kleines Kind. Die dabei herumstanden, sagten nachher, es w?re schrecklich gewesen. Aber sie fühlten mit dem am Leben Gebliebenen mehr Mitleid als mit dem Toten. Der hatte alles aus dem Kopf, aber der andere hatte einen Geier, der ihm t?glich an der Leber fra?. Er hatte seine Frau übermenschlich geliebt. Man konnte es begreifen, denn sie war über die Ma?en sch?n. So eine schwüle Sch?nheit, wissen Sie. Man spürte in ihrer Gegenwart unwillkürlich ein verrücktes Verlangen ... ich war auch verliebt wie ein Stint, als der Herr von Gorski sie hier anbrachte. Er hatte sie in Berlin kennen gelernt, wie er als junger Offizier dorthin ein Kommando hatte. Ich glaube, auf einem Ball in der ?sterreichischen Botschaft hat er sie kennen gelernt. Sie stammte n?mlich da irgendwoher aus einem der ?sterreichischen Kronl?nder, aus Ungarn oder B?hmen. Wie ein ausl?ndischer bunter Vogel wirkte sie hier auf unsere, ein bi?chen spie?ige Gesellschaft. Na, sie ist ja auch rasch genug wieder fortgeflogen, und der liebe kleine Kerl, die Annemarie, hat anscheinend nicht allzu viel von ihr übergeerbt.?
Gaston hatte in atemloser Spannung zugeh?rt. Ein verrückter Gedanke bohrte sich ihm ins Gehirn.
?Wo ist nachher die geschiedene Frau von Gorski geblieben??
Herr von Lindemann nahm einen bed?chtigen Schluck.
?In ihre Heimat zurückgegangen. Mit reichlicher Unterstützung ihres gewesenen Mannes – er soll mehr als anst?ndig für sie gesorgt haben. Ob sie aber gestorben ist oder noch lebt, wei? er blo? allein. Ich kann's mir wenigstens vorstellen, da? er ihr Schicksal verfolgt hat. Er kann's ja noch heute nicht verwinden, überladet sich mit Arbeit. Wissen Sie, andere in so einem Falle kriegen es mit dem Besaufen. Er 'bearbeitet' sich ... vielleicht wirkt das auch wie ein Narkotikum. Jedenfalls – und damit kehre ich zu dem Ausgangspunkt meiner l?nglichen Erz?hlung zurück – Annemarie wei? es nicht anders, als da? ihre Mutter gestorben ist. Deshalb erlaubte ich mir vorhin den kleinen Ratschlag. Um Ihnen und dem alten Herrn eine peinliche Minute zu ersparen.?
?Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann, und wenn ich fragen darf, wie alt ist Fr?ulein von Gorski??
Der Dicke lachte behaglich auf.
?Na, das ist eigentlich eine recht ungalante Frage. Aber, da Sie ja nicht beabsichtigen, dem guten Hermann Brinckenwurff Konkurrenz zu machen ... also, sie sieht jünger aus, als sie ist. Im August wird sie einundzwanzig. Die Hellblonden, wenn sie gesund sind, sehen in dem Alter immer noch aus wie achtzehn. Jedenfalls hat sie sich vorbehalten, die Entscheidung über die Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen erst an dem Tage ihrer Mündigkeit zu treffen, und der pr?sumtive Br?utigam mu?te sich fügen. Ich an seiner Stelle h?tte es nicht getan, aber ihm scheint es nicht allzu schwer gefallen zu sein. Das hei?t, auf seine Art liebt er das Fr?ulein von Gorski recht herzlich. Aber er sieht keine besondere Gnade darin, da? sie sich zu ihm neigt. Inzwischen aber lebt er ein bi?chen unvorsichtig, stiebelt der jeweiligen Gutsmamsell nach. Sobald seine kluge alte Dame es merkt, schafft sie die Person fort mit angemessener Versorgung – Geld spielt ja keine Rolle. Aber er soll sich in acht nehmen, da? Annemarie nicht dahinterkommt. Wie ich sie kenne, versteht sie in diesen Dingen keinen Spa? ... na prost, lieber Rittmeister!?
?Prost, Herr von Lindemann.?
Gaston tat reichlich Bescheid. Vorhin, als der Dicke da drüben Annemaries Alter nannte, hatte er sich mit einem Erleichterungsseufzer den Schwei? von der Stirn gewischt, den ein j?h aufgesprungener Gedanke ihm aus allen Poren getrieben hatte. Gott sei Dank, es stimmte nicht. Die andere in Berlin war um sechs, sieben Jahre ?lter. Sonst, wahrhaftig, es w?re zum Verrücktwerden gewesen. Und in dem Gefühl der Erleichterung lachte er auf.
?Wenn Herrn von Brinckenwurffs Mutter so gescheit ist, weshalb engagiert sie da für ihr Gut nicht zur Abwechslung mal eine alte Mamsell??
Herr von Lindemann steckte sich eine neue Zigarre an.
?Das k?nnen Sie als Nichteingeborner nicht beurteilen, Herr von Foucar. Das Institut unserer Mamsells ist von besonderer Art. Alte gibt's keine, sie heiraten meistenteils recht früh. Nach einem romantischen Liebesfrühling mit dem jungen Herrn von Stande steuern sie in einen bürgerlichen Sommer mit reichlicher Versorgung. Aber, um von diesen Frauenzimmergeschichten endlich auf Wichtigeres zu kommen: Was bringen Sie, mein lieber Rittmeister, aus Berlin nun mit in den Falten Ihrer Toga? Krieg oder Frieden??
Gaston hob sein Glas.
?Wenn es nach mir ginge, Krieg. Ich begehe keinen Vertrauensbruch, wenn ich im vertrauten Kreise wiedererz?hle, was mir mein Abteilungschef zum Abschied gesagt hat, wir sollten hier an der Grenze noch sch?rfer aufpassen als bisher. Aber das kann sich in kurzer Zeit wieder ?ndern. Heute sieht der politische Horizont schwarz aus vor drohenden Wolken, morgen lacht wieder die liebe Sonne.?
Der dicke Herr von Lindemann nahm einen bed?chtigen Schluck, in sein rundes Gesicht trat ein fast feierlicher Ernst.
?Mein lieber Herr von Foucar – soweit ich mir auf Grund pers?nlicher Beobachtungen und nach einigem Denken mit leidlich gesundem Menschenverstand einen Vers mache, liegt die Sache so: die diesj?hrige Ernte werden wir noch in Frieden hereinbringen. Die Wintersaat fürs n?chste Jahr lohnt sich nicht mehr, da brennen hier die H?user, und auf den Feldern reiten die Kosakenhorden. Dann sind sie fertig rechts und links. Im n?chsten Frühjahr, hoffen sie, sind sie st?rker als wir. Dann geht's los ohne Erbarmen. Die letzte gro?e Abrechnung vielleicht, die auf europ?ischem Boden stattfindet. Für zwei von den Komparenten geht's dabei um die Wurst. Der dritte im Osten bleibt unberührt, wie es auch ausgeht. Nachlaufen in seine Steppen k?nnen wir ihm nicht ... er ist wie ein Tier niederer Ordnung, das vergnügt weiterlebt, wenn h?her organisierte unter gleichen Bedingungen l?ngst schon verendet w?ren.
Und wir t?uschen uns, wenn wir glauben, da? der Kolo? mit den sogenannten t?nernen Fü?en sich nur langsam in Bewegung setzt. Ich habe ziemlich genaue Nachrichten, dicht hinter unserer Ostgrenze steht eine schlagfertige Armee. Der Wirt der sogenannten Waldschenke an den Schie?st?nden im Beldahner Walde – Sie werden ihn ja auch kennen lernen – ist meine Quelle. Er sieht aus, als k?nnte er nicht bis drei z?hlen, aber das ist 'Falle', wie die Berliner sagen. In Wirklichkeit ist er einer unserer intelligentesten Spione und, weil er mit mir mal hier in Ordensburg auf der Quinta die gleiche Schulbank gedrückt hat, h?lt er mit seinen Wissenschaften vor mir nicht hinterm Berge, wenn ich manchmal bei ihm ein Glas Bier trinke. Vielleicht auch, weil er wei?, da? ich luftdicht bin natürlich ... Also er ist ein Sprachengenie, spricht s?mtliche polnischen und russischen Dialekte mit allen Nuancen. Da reist er denn als Hausierer, Viehh?ndler oder Weinverk?ufer, je nachdem wie es ihm pa?t. Ich wollte ihm einmal nicht glauben, da? er sich da drüben frei bewegen k?nnte nach Belieben, ohne erkannt zu werden. Da entschuldigte er sich mit einer h?uslichen Besorgung. Nach einer halben Stunde bel?stigte mich ein alter jüdischer Hausierer. Wollte mir durchaus eine Taschenbürste anh?ngen und Kragenkn?pfe, bei denen der Schlips nicht in die H?he rutscht. Ich wurde grob, und da lachte der Hausierer auf, es war mein alter Schulkamerad Burdeyko. Da glaubte ich ihm auch, was er von drüben erz?hlte ... Da? die Russen nicht erst mobil zu machen brauchen, wenn die Franzosen Fanfare blasen. Sie sind es schon, soweit es n?tig ist, um einen gro?en Teil unserer Sto?kraft festzulegen.?
Der dicke Herr von Lindemann legte die grobe Faust auf den Tisch, da? die Gl?ser klirrten.
?Die letzten paar Haare k?nnte man sich ausrei?en, da? wir die Gesellschaft im Westen nicht überrannten vor jenen vier oder fünf Jahren, wie sie noch nicht fertig war. Oder noch früher, als ihre vielgeliebten Bundesgenossen im Osten festlagen mit den kleinen gelben Halbaffen, die uns die Menschheit ablernen in unseren Hochschulen und Fabriken. Damals h?tten wir zuschlagen sollen, ohne die verdammte zimperliche Humanit?t. Das haben wir vers?umt, und jetzt zieht sich unaufhaltsam das von langer Hand her gesponnene Netz um unsere Glieder. So gehen wir in den unausbleiblichen Entscheidungskampf, ob die Schicksale der Welt im n?chsten Jahrhundert deutsch gerichtet werden sollen oder franz?sisch. Der Welt, soweit sie noch zu haben ist! Ueber dem Rest liegt der Dritte aus gemischtem Blut, lacht sich eins in die Z?hne. Er kann nur dabei gewinnen, wenn die Konkurrenz auf dem Festlande sich gegenseitig zerfleischt. Aber vielleicht, wenn die Gelegenheit ihm günstig erscheint, f?llt er uns auch in den Rücken. Trotz aller Freundschaftsversicherungen ...?
Der Dicke stürzte sein halbvolles Glas hinunter: ?Na, kommen Sie, Herr von Foucar! Die Jünglinge da in der anderen Ecke sehen schon frech herüber, und ich m?chte in Ihrer Gegenwart keinen Krach anfangen. Mir pers?nlich w?re es egal, ich bin nicht Reserveoffizier. Ich habe schon einmal hier der deutschen Sache zum Siege verholfen in m?nnermordendem Kampfe gegen fremdl?ndische Ueberzahl. Es gab einige blutende Nasen, wohingegen es mir gelang, mein edles Haupt durch eine geschickte Wendung vor einer geschleuderten Sektflasche in Sicherheit zu bringen. Seither genie?e ich in diesem Lokal mehr Furcht als Liebe ... Fr?ulein, zahlen!?
Die Kellnerin, ein hübsches schlankes M?del mit dunklen Augen, kam an den Tisch, klimperte in der an der Seite h?ngenden Geldtasche.
?Tak rano do domu, Panie??
Herr von Lindemann bekam einen roten Kopf. Zu Gaston bemerkte er: ?Das hei?t n?mlich, sie wundert sich, da? ich schon so früh aufbreche!? Und zu dem jungen M?dchen fuhr er fort: ?Mein T?chterchen, es ist ja eine unbetr?chtliche Kleinigkeit, aber heute bin ich nicht in der Stimmung, mich mit Dir in Deinem schlechten Polnisch zu unterhalten! Also sprich Deutsch, mein Kind, sonst erz?hl' ich, da? Du keine Polenmaid bist, sondern die Tochter des deutschen Tischlermeisters Matinat hier aus der Seestra?e.?
Das junge M?dchen wurde rot, warf einen scheuen Blick hinter sich und sprach halblaut: ?Also zwei Flaschen Burgunder macht sechzehn Mark.?
Herr von Lindemann warf ein Goldstück auf den Tisch.
?Da, mein sch?nes Kind ... Kommen Sie, Herr von Foucar, wir k?nnen nachher abrechnen.?
Sie gingen in der lauen Sommernacht dahin. Die Luft war weich, nur das blanke Sternengefunkel an dem tiefdunklen Himmel kündete den nicht mehr weiten Herbst. Herr von Lindemann schwieg eine ganze Weile lang, dann fing er wieder an zu sprechen.
?Also zum Frühjahr geht es los, daran gibt es kaum wohl einen Zweifel. Die Sturmzeichen mehren sich, man mu? sie nur zu deuten wissen. Und es ist gut so, da? das Wetter endlich einmal losbricht, die schwüle Spannung vorher ist auf die Dauer unertr?glich. Wir gehen hier sonst zugrunde. Unsere Sparkassen sind blank, jedes Gesch?ft stockt. Wer jetzt Geld braucht, mu? umschmei?en, Bankerott ansagen. Da ballt sich jede M?nnerfaust in kaltem Zorn: wenn es nur endlich losgehen wollte! Damit ein- für allemal reiner Tisch gemacht wird zwischen uns und unsern Nachbarn. Und ich glaube, die t?uschen sich, wenn sie auf ihre Ueberzahl vertrauen. Wir wissen, um was wir fechten. Na, und nun Schlu?! Es hat wohlgetan, sich mal alles gründlich von der Seele zu sprechen, allen Aerger und Ingrimm. Und besuchen Sie mich recht bald in Borzymmen. Wenn es Ihnen Spa? macht, k?nnen Sie bei mir einen guten Rehbock schie?en. Für meinen Vetter Sternheimb bleiben immer noch genug übrig.?
?Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann. Nur ich wei? nicht, ob mich der Dienst in der n?chsten Zeit loslassen wird.?
?Mein lieber Herr von Foucar, rei?en Sie sich kein Bein aus! Ihre Schwadron werden Sie erst in die H?he kriegen, wenn Sie zum Herbst den neuen Rekrutenersatz haben. Aber telephonieren Sie mir tags vorher, wenn Sie kommen, damit ich Ihnen Fuhrwerk herschicke und mich selbst zu Hause halte. Manchmal n?mlich überf?llt mich die Einsamkeit, und dann rücke ich aus. Irgendwohin unter Menschen.?
?Also gut, ich werde versuchen, mich recht bald einmal für einen Nachmittag frei zu machen.?
Sie standen schon eine Weile vor dem Hoteleingange. Drinnen in dem gro?en Saale fiedelte noch immer die Damenkapelle. Der Borzymmer Wagen fuhr vor, Herr von Lindemann stieg ein.
?Also, Ludwig, nach Hause, sanftes Reisetempo!? Und als die G?ule anzogen, rief er zurück: ?Sehen Sie, Herr von Foucar, so wird man durch die Politik auf den Pfad der Tugend geführt. Ich war eigentlich mit der Absicht hergekommen, hier eine wilde Nacht zu machen. Na, so ist's vielleicht besser.?
Gaston ging langsam die Treppe zu seinem Zimmer empor. Er war abgespannt und müde. Für den Brief, den er zu schreiben gedachte, war es auch noch morgen Zeit. Heute hatte er an Wichtigeres zu denken. Morgen übernahm er seine Schwadron, stand seit langen Jahren zum ersten Male wieder vor der Front, unter hundert kritischen Augen. Das war nicht viel anders als bei einem Schauspieler, der nach langer Pause wieder in einer alten Rolle aufzutreten hatte. Ehe er vor das Publikum ging, mu?te er die Rolle noch einmal durchsehen.
Er war ein ausnehmend tüchtiger Frontoffizier gewesen, das Zeugnis hatten ihm alle seine Vorgesetzten ausgestellt. Und die Führung einer Schwadron war ihm nichts Neues, in Karlsburg hatte er in Vertretung seines erkrankten Rittmeisters die erste Ulanenschwadron fast ein halbes Jahr kommandiert. Aber es gab dabei mancherlei Handwerksm??iges, bei dem man in der Routine bleiben mu?te. Wenn man aus der Uebung kam, verlor man die Sicherheit. Da war es also notwendig, die Nase eine halbe Stunde lang in das Exerzierreglement zu stecken, ehe man wieder vor die Front ritt. Und nach langer Pause zum ersten Mal wieder ruft: ?Stillgesessen! Trompeter, Signal Trab ...?
Als er das Licht ansteckte, lag vor dem Leuchterfu?e ein dicker Brief, dessen Handschrift er nicht kannte. Eine seltsam unbeholfene Handschrift war es.
?Herrn Rittmeister Baron von Foucar im Ordensburger Dragonerregiment, Ordensburg, Offizierskasino. Durch Eilboten zu bestellen.?
Unwillkürlich sprang ihn ein beklommenes Gefühl an, er klingelte nach dem Kellner.
?Wann ist der Brief da gekommen??
?Wahrscheinlich mit dem Nachtzug, Herr Rittmeister. Der Postbote hat ihn vor einer Viertelstunde gebracht. Er war erst gar nicht im Kasino, wo n?mlich die Herrschaften, die ein bi?chen was sind, doch immer bei uns absteigen.?
?Es ist gut, ich danke.?
Gaston hielt den von einem Wappensiegel verschlossenen Brief erst eine Weile in der Hand, ehe er ihn ?ffnete. Und zuerst sah er nach der Unterschrift, dann begann er zu lesen. Das Herz schlug ihm bis in den Hals.
?Gn?diger Herr Baron!
Im Auftrage meiner Herrin, die krank zu Bett liegt, teile ich Ihnen die Bitte mit, Sie müssen sofort Urlaub nehmen und herkommen. Sie ist vor Aufregung krank und ganz hilflos, weint immerfort, l??t sich nicht beruhigen. Da k?nnen nur Sie allein helfen. Hier ist Schreckliches passiert. Der gn?dige Herr ist heute früh gestorben, jetzt vor einer Stunde. Weil er gestern einen Blutsturz bekommen hat nach all der Aufregung.
Dieser entsetzliche Mensch, der Herr von Wodersen, war gestern hier eingedrungen, nicht lange nachdem Sie fortgegangen sind. Und da hat er dem gn?digen Herrn ins Gesicht geschrien, er würde betrogen von Ihnen und Josepha. Heiraten würden Sie, wenn er tot w?r', und Sie selbst h?tten es ihm gesagt. Der Herr ist aufgesprungen, auf Josepha zu, aber sie ist aus dem Zimmer geflohen, in den Park hinaus. Der Herr ihr nach, er hatte sich aus dem Gewehrschrank eine Flinte geholt, schrie immerfort: 'Du mu?t mit, Du mu?t mit!' Ich hinter ihm her, in Todesangst um meine geliebte Josepha, es war eine fürchterliche Aufregung. Da fiel drau?en auf der Stra?e der Schu?, weil sich der Herr von Wodersen totgeschossen hatte. Der englische Kammerdiener hatte ihn 'rausgebracht. Das war unsere Rettung. Der gn?dige Herr blieb einen Augenblick stehen, sah sich um, da holte ich ihn ein. Und ich fing an mit ihm zu ringen um das Gewehr. Da stürzte ihm das Blut aus dem Munde, über mich hin. Noch in meiner letzten Stunde werde ich daran denken.
Die ganze Nacht hat er sich gequ?lt, aber ohne Bewu?tsein. Die Herren Doktoren haben ihm Morphium gegeben, weil doch nichts mehr zu retten war. So ist es rascher mit ihm zu Ende gegangen, als wir gedacht hatten. Meine liebe Josepha hat zwei Stunden in Ohnmacht gelegen, ich hatte schon Angst, sie kommt nicht wieder zu sich. Aber Gott hat geholfen und die heilige Mutter Maria. Jetzt jammert sie immer nach Ihnen, Sie sollen kommen. Ich bitte Sie auch darum. Und denken Sie an das, was wir beide in Ihrer Wohnung gesprochen haben!
Von mir aus allein sage ich Ihnen noch, der gn?dige Herr ist gestorben, ohne da? er sein Testament hat ?ndern k?nnen. Josepha erbt sein ganzes Verm?gen, nur ein Viertel geht ab an die Verwandten von dem gn?digen Herrn selig. Telegraphieren Sie, wenn Sie kommen. An mich, damit ich vorsorgen kann, wo Sie sich treffen sollen mit Ihrer lieben zukünftigen Frau, ohne da? es auff?llt. Es grü?t hochachtungsvoll
Ursula.?
Gaston lie? die Hand sinken und starrte in das flackernde und zuckende Licht, bis ihn die Augen schmerzten.
Fürchterlich war das alles. Aber er mu?te zu einem Entschlusse kommen. Das hier war jetzt die Stelle, wo der Weg sich gabelte.
Er erhob sich von dem Bettrande, auf dem er sich zum Lesen niedergelassen hatte, nahm das Licht und ging zu dem Tische hinüber. Einen Augenblick der Schw?che hatte er noch, dann bi? er die Z?hne zusammen und schrieb ohne Besinnen:
?Liebe gn?dige Frau!
Es ist ganz ausgeschlossen, da? ich jetzt Urlaub nehmen kann, um zu Ihnen zu kommen. Ich k?nnte es auch nicht, selbst wenn ich ganz frei w?re. Ich mu? Ihnen ein Gest?ndnis machen, das Sie betrüben wird und mir die Schamr?te ins Gesicht treibt. Ich habe Sie zweimal belogen, und zum Teil mich dazu. Jetzt, wo ich nicht mehr in Ihrer N?he bin, erscheint mir mein Gefühl nicht stark genug, um darauf unsere Zukunft zu gründen. Ich mü?te um Sie meine milit?rische Karriere aufgeben, und das kann ich nicht.
Es tut mir in der Seele weh, da? ich eine liebenswerte Frau so kr?nken mu?, aber es geht nicht anders, wenn ich wahrhaftig bleiben will. Gegen Sie und mich. Also bitte ich Sie, mir mein Wort zurückzugeben und mich zu vergessen.
Gaston Baron Foucar von Kerdesac.?
Die Hand bebte ihm, er schrieb seinen Namen nicht so sicher wie sonst. Und als er den fertigen Brief durchlas, h?tte er ihn am liebsten wieder zerrissen. Erschrecklich banal war das alles, aber was sollte er viel anders schreiben? Etwa, da? er schon nach der Nacht in dem Ballokal zur Besinnung gekommen w?re? Oder da? er am Tage darauf aus Mitleid und mit erregten Sinnen einen Meineid geschworen h?tte? Oder gar schlie?lich, da? in ihrer Vergangenheit etwas w?re, über das kein Mann hinweg k?nnte? Das ging nicht an. Das einzige w?re gewesen, mit der Absendung dieses brutalen Briefes noch ein paar Tage zu warten, bis sie sich nach den entsetzlichen Geschehnissen ein wenig beruhigt h?tte. Dann aber schickte er den Brief da vielleicht überhaupt nicht mehr fort, ergab sich mit einer Art von Fatalismus in sein selbstverschuldetes Schicksal.
Sein Blick fiel auf eine Stelle in dem anderen Schreiben, das vor ihm lag. ?Der gn?dige Herr ist gestorben, ohne da? er sein Testament hat ?ndern k?nnen. Josepha erbt sein ganzes Verm?gen.? Der Ekel würgte ihn am Halse.
Er schlo? seinen Brief in ein Kuvert, schrieb die Adresse und trug ihn selbst nach dem nahen Bahnhof hinüber, steckte ihn in den blauen Postkasten.
Als er wieder oben in seinem Zimmer sa?, war ihm ein wenig leichter zumut. Nur h?tte er viel darum gegeben, wenn er den Brief da eben h?tte schreiben k?nnen, ohne an eine andere zu denken, die er seit ein paar Stunden erst kannte. Immerfort mu?te er an sie denken mit zehrender Sehnsucht im Herzen ...
Unten die Musik spielte einen Walzer, den er vor einigen N?chten getanzt hatte. Mit einer verführerisch sch?nen Frau, der er in pl?tzlicher Laune den wei?en Hals kü?te.
Er verstopfte sich mit den Fingern die Ohren und stierte in das aufgeschlagene Buch. Seite 24 stand da:
?Unter allen Umst?nden und in jedem Gel?nde mu? die Eskadron, auch unrangiert, alle reglementarischen Bewegungen sicher und schnell ausführen k?nnen und stets – auch in aufgel?ster Ordnung – fest in der Hand des Führers sein.?
Nur seine Augen lasen den Satz, den er ja l?ngst schon auswendig kannte, seine Gedanken waren ganz wo anders – – –