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Chapter 4 No.4

Als Gaston nach Hause kam, lag auf dem Tische die offizielle Best?tigung der privaten Nachricht, die er in der gestrigen Nacht erhalten hatte.

Er überlegte. Wenn er eine Depesche an seinen neuen Kommandeur schickte, h?tte der ihm die paar Tage Urlaub wohl nicht abgeschlagen. Eigentlich brauchte er nicht viel mehr als sechsunddrei?ig Stunden, um zu seinem alten Mütterchen hin und zurück zu fahren. Und da h?tte er sich in einer Aussprache wohl Klarheit und Trost holen k?nnen. Aber wie sollte er es anfangen, der schlichten alten Frau all das zu schildern, was in seinem besonderen Falle mitspielte? Sie h?tte ihn vielleicht gar nicht verstanden, nach dem altüberkommenen Schema Schwarz oder Wei? geurteilt. Da? modern empfindende Menschen da allerhand Schattierungen und Zwischenstufen einschoben und danach ihr verst?ndnisvolles Urteil einrichteten, h?tte sie wohl nicht begriffen. Und danach w?re sie, wie immer, auf den eigenen Kummer gekommen, der ihr ganzes Leben zerst?rt hatte. Auf den allzufrühen Verlust des Gatten, der nach kaum zweij?hriger Ehe in den sicheren Tod gegangen war. Als Kammerherr und Hofmarschall der Gro?fürstin Anna Feodorowna, die sich als Witwe an den heimatlichen kleinen Hof zurückgezogen hatte. Für den Ruf seiner Herrin hatte er sich geschlagen, den ein frecher H?fling in den Staub gezerrt. Aus glatter, blanker Vasallentreue hatte er sich geschlagen, wie ein Kavalier des Ancien régime, aber seine Frau witterte etwas anderes dahinter, ein Verh?ltnis mit der leichtlebigen Gro?fürstin. Und davon war sie nicht abzubringen, auch nicht, nachdem sie den Brief gelesen hatte, der ihrem Sohne von dem Vormunde eingeh?ndigt wurde an dem Tage, als er Offizier wurde.

?Mein Junge, es wird etwas lange dauern, bis Du nach meiner Bestimmung diesen Brief zu lesen bekommst. Du sollst erst reif genug sein, Dir selbst ein Urteil über Deinen Vater zu bilden. Ich werde morgen früh im Zweikampfe erschossen werden, denn mein Gegner hat in der Handhabung der Pistole eine gr??ere Fertigkeit. Ich weine bei dem Gedanken, Dich und Deine Mutter allein zurückzulassen, aber ich sterbe im Dienst. Im Dienst der Herrin, der ich mich gelobt habe. Sie ist ein Racker, ich wei? es, aber ihr Ruf wurde ?ffentlich beschimpft, und ich mu? als der Cavaliere servente dafür eintreten. Getreu dem Wahlspruch unseres alten Geschlechts: mon ame à Dieu, mon épée au roi, mon coeur aux dames! Deine Mutter als reine Deutsche versteht das nicht. Sie glaubt, ich h?tte ein str?fliches Verh?ltnis mit meiner Herrin. Dir gebe ich mein Wort, es war nicht der Fall, trotz ?fterer Gelegenheit. Dazu hatte ich Deine Mutter viel zu lieb.

In den hundert Jahren, die unser Geschlecht jetzt in dem schwerf?lligen Deutschland lebt, ist uns jene frohe und leichtblütige Galanterie abhanden gekommen, die an unverbindliche Z?rtlichkeiten in schwüler Stunde nicht den Ma?stab eines Wüstenpredigers legt. Da langweilte sich meine hohe Herrin mit mir, w?hlte für ihr loisir einen Burschen, der nicht luftdicht war, der im Trunk mit der genossenen Gnade gro?sprecherisch prahlte. Es tut mir leid, da? ich wegen mangelnder Fertigkeit diesen Lumpen nicht gebührend züchtigen kann. Der Schlag ins Gesicht war nicht genug.

Und nun leb' wohl, mein Junge. Es tut mir leid, da? ich Dich der Erziehung Deiner Mutter überlassen mu?. Sie wird einen deutschen Pedanten aus Dir machen, der mal eine wohlerzogene Geheimratstochter heiratet. Das letzte Tr?pfchen gallischen Abenteurersinnes wird verloren sein. Aber vielleicht ist es gut so – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich habe in dem Brief eine Pause gemacht, eine ganze Weile sa? ich an Deinem Bettchen. Du schliefst ruhig, die kleinen, runden F?uste gegen das N?schen gestemmt. Deutlich erkannte ich das Zeichen der Foucar, den leichtsinnigen kleinen Knick nach links, aber man wird ihn Dir schon austreiben. Danach bettelte ich noch einmal an einer verschlossenen Tür – sie tat sich mir nicht auf. Vielleicht w?re dann noch alles anders gekommen.

Also adieu, mein Junge! Einen Rat gebe ich Dir auf den Weg: bleibe ledig! Dann bleibst Du auch frei. Die Nation mit den langen Haaren ist von kurzem Sinn. Eine Beleidigung, die Du ihrer Eitelkeit angetan hast, verzeihen sie selbst auf dem Totenbette nicht. Du kannst sie schlagen, sie werden Dir verzeihen. Aber haben sie Dich im Verdacht, eine andere h?tte mal Deine Sinne gereizt, bist Du ein Verbrecher, der am Allerheiligsten gefrevelt hat!

Unten f?hrt der Wagen vor, man holt mich zu meinem letzten Gange. Grü? Deine Mutter, denk von dieser Stunde über Deinen Vater anders, als man Dich bisher gelehrt hat!

Gaston Baron Foucar de Kerdesac.?

Den Brief hatte er damals so oft gelesen, da? er ihn auswendig konnte. Aber die Mutter war selbst durch dieses im Angesicht des Todes geschriebene Bekenntnis nicht umzustimmen gewesen, hatte daraus nur eine neue Kr?nkung gelesen. Und er konnte es begreifen, denn als ein verw?hntes reiches M?dchen hatte sie unter zahlreichen Bewerbern dem Einen den Vorzug gegeben, der sich – ihrer Meinung nach – nachher als ein Wortbrüchiger und Treuloser erwies. Und im Laufe der Jahre hatte sie sich immer mehr in ihrem Urteil verstockt, suchte bei allen ?hnlichen Konflikten, von denen sie vernahm, die Schuld nur auf seiten des Mannes. Da h?tte sie vielleicht auch in seinem Fall ohne Ansehung der besonderen Umst?nde entschieden, und damit war ihm nicht gedient. Er brauchte einen glatten Freispruch, sonst h?tte sich die weite Reise nicht gelohnt.

Der Tag ging herum unter vielf?ltigen Besorgungen wie eine kurze Stunde. Die Uhr zeigte auf fünf, und da konnte er sich immer noch entschlie?en, ob er den kurzen Abschied mündlich besorgte oder durch ein paar Zeilen, die sein getreuer Bursche H?berle überbrachte. Aber das h?tte vielleicht wie eine Art von Feigheit ausgesehen, als sch?mte er sich seines Rückzuges.

Das Auto hielt vor dem hohen schmiedeeisernen Gitter, das die prunkvolle Rheinthalersche Villa von der Stra?e schied.

Der Diener, den er mit seiner Karte hineingeschickt hatte, kam zurück: ?Herr und Frau Rheinthaler lassen bitten.? Gaston folgte ihm durch die weite Halle in ein halbdunkles Zimmer, in dem sich das ans helle Tageslicht gew?hnte Auge erst allm?hlich zurechtfand. Eine Art von Boudoir schien es zu sein mit einem Stutzflügel in der Mitte ... Bilder in Goldrahmen an den W?nden.

Hinter einem mit Patiencekarten bedeckten Tische erhob sich mühsam eine hagere Gestalt, ein paar unruhige Augen flackerten in einem verfallenen Gesicht.

?Ei sieh da, Herr Baron, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, da? Sie sich nach uns umsehen!? Herr Rheinthaler streckte dem Eintretenden die Hand entgegen: ?Sie bleiben selbstverst?ndlich zum Abend da. Wir telephonieren rasch ein paar nette Leutchen zusammen.?

Gaston tat, als h?tte er die Bewegung nicht gesehen. Erb?rmlich w?re er sich vorgekommen, wenn er dem Manne da die Hand gereicht h?tte. Er verneigte sich, den Helm in der Rechten.

?Ich bedauere lebhaft, Herr Rheinthaler, meine Zeit ist leider sehr knapp. Ich komme nur, um mich zu verabschieden. Gestern nacht, als ich nach Hause kam fand ich ein Telegramm vor, das mir meine Versetzung ankündigte. Nach Ordensburg in Ostpreu?en, zu dem Dragonerregiment Graf von Schmettau.?

Frau Josepha, die mit einem Buche am Fenster gesessen hatte, kam n?her. Sie sah bla? und übern?chtig aus, um ihre Augen lagen tiefe Schatten. Als Gaston ihre von blitzenden Ringen bedeckte Hand an die Lippen zog, spürte er einen leisen, z?rtlichen Druck, der ihm das Blut in die Wangen trieb. Sie machte eine zum Platznehmen einladende Bewegung, setzte sich selbst auf einen niedrigen Hocker ganz in seiner N?he.

?Die Versetzung ist Ihnen wohl sehr überraschend gekommen??

Er sah sie ein wenig unsicher an. In der anscheinend so harmlosen Frage hatte ein geheimer Unterton angeklungen, fast wie ein Vorwurf: ?Weshalb hast Du mir das gestern verschwiegen??

?Ueberraschend? Doch nicht so ganz, gn?dige Frau! Mein Abteilungschef, der mir sehr gewogen ist, hatte sie mir schon vor Wochen angekündigt. Es ist eine gro?e Auszeichnung, und ich freue mich sehr darüber.?

Herr Rheinthaler, der seine Patience wieder aufgenommen hatte, warf ein: ?Da? Sie nach Ordensburg kommen? Ich kenne das Nest! Vor ein paar Jahren war mir da in der N?he ein Jagdgut angeboten. Wenn ich im Hotel nicht einen Weinreisenden getroffen h?tte, der mit mir um die halben Pfennige Piquet spielte – ich w?re umgekommen vor Langerweile. In zwei Tagen! Wie vernünftige Menschen es dort ein Leben lang aushalten, ist mir ein R?tsel!?

?Nun,? sagte Frau Josepha mit einer gewissen Sch?rfe, ?dafür gibt es eine sehr einfache L?sung: sie arbeiten! Haben irgend eine T?tigkeit, die sie ganz ausfüllt. Nur die Leute, die dem lieben Gott den Tag abstehlen, langweilen sich.? Und zu Gaston gewandt, fuhr sie fort: ?Ich kann es mir sehr gut vorstellen, das Leben in so einer kleinen Stadt. Auch für eine Frau ... Kein Theater, keine B?lle, keine rauschenden Vergnügungen, nur Ruhe und Stille. Einen Mann, den man von ganzem Herzen liebt, dem man genug ist. Man richtet ihm das Haus so behaglich, als es nur m?glich ist, streicht ihm die Falten aus der Stirn, wenn er müde und ver?rgert vom ... von der Arbeit kommt ... und abends plauscht man, macht ein bisserl Musik oder liest ein gutes Buch. Wundervoll denk' ich mir das! Keine l?stigen Menschen ringsum, nur zwei für sich ganz allein.?

Sie brach ab und sah mit sehnsüchtigen Augen durch das von dichtem Grün umrankte Fenster ins Weite, als erblickte sie dort ein fernes Glück.

Gaston spürte deutlich, all das war für ihn gesagt. Die Antwort war es auf die Frage, die er ihr durch die Alte am Vormittag gestellt hatte. Da dauerte es ihn fast, da? er diesen Glückstraum mit rauher Hand zerst?ren mu?te.

Herr Rheinthaler lachte kurz auf und zwinkerte ihm vertraulich zu.

?Das sind so Stimmungen, mein verehrter Herr Hauptmann! Oder mu? man schon Rittmeister sagen, weil Sie jetzt doch bei der Kavallerie sind? Ich kenne mich als g?nzlicher Nichtsoldat da nicht aus.?

?Es ist ziemlich egal, Herr Rheinthaler.?

?Na dann, von dieser Schw?rmerei eben für die kleine Stadt müssen Sie ein bi?chen Jammer in Abrechnung bringen! Ehe wir in dem Ballokal landeten, hatten wir schon eine recht ausgiebige Sitzung hinter uns. Und meine teure Gattin hatte sich ge?rgert. Da trinkt sie noch mehr Sekt als gew?hnlich.?

?Ist nicht wahr,? fuhr Frau Josepha auf. Die Zornr?te f?rbte ihr die Wangen.

?Aber Peperl, ich hab' Dir doch zugesehen! Du kannst ja einen ganz geh?rigen Posten vertragen, aus langj?hriger Uebung, aber gestern ... Und wie Du gegen das arme Wurm, die Sandori, losgingst, wu?te ich Bescheid.?

Gaston fühlte einen Kn?uel im Halse aufsteigen. Zwei Trunkene hatten gestern leichtfertige Liebesschwüre ausgetauscht. Und da hatte der Narr sich darum eine schlaflose Nacht gemacht, eine Nacht voll peinigender Selbstvorwürfe ... Er griff nach seinem Helm und erhob sich.

?Verzeihen Sie gütigst, gn?dige Frau, ich m?chte um die Erlaubnis bitten ...?

Frau Josepha sah ihn erschreckt an. ?Um Gottes willen,? sagte sie unwillkürlich. Und Herr Rheinthaler legte seine Patiencekarten hin und trat auf ihn zu.

?Aber, mein bester Herr Baron, weshalb denn? Weil meine Frau sich mit mir ein bi?chen gekabbelt hat? Das kommt in den besten Ehen vor! Und wir sind schon auf dem Wege, uns wieder zu vertragen – sie schmollt nur noch ein wenig!?

?Herr Rheinthaler, ich m?chte wirklich nicht l?nger ...?

?Ne, ne,? sagte der Hausherr und drückte ihn auf den Stuhl zurück. ?Es w?re mir sehr unangenehm, wenn Sie in Ihr kleines Nest da oben eine schlechte Erinnerung an uns mitnehmen würden. Au?erordentlich peinlich w?re mir das! Und wo der Zufall Sie dazugeführt hat, wie wir uns gestern verzankten, müssen Sie jetzt auch h?ren ... Also, das sah alles schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war! Ich hatte auch ein bi?chen mehr Sekt im Leibe, als mir der Doktor erlaubt hat, und dann – sehen Sie – das kommt ja vor, da? man sich mal in eine andere vergafft. Nur ?u?erlich! Das sind so tempor?re Verrücktheiten ... man besinnt sich wieder. Kehrt zu dem allein seligmachenden Hausaltar zurück, vor dem man in überirdischem Glück geopfert hat. Das Bild, das darauf thront, wird ja nicht immer unerbittlich bleiben, sich dem reumütigen Sünder wieder in Gnade neigen.?

Er sprach an seinem Gaste vorbei, seine Augen hingen bettelnd an der Frau, die sich zum Fenster gewandt hatte.

Ein glattrasierter Kammerdiener mit der Vornehmheit eines englischen Lords kam aus der zum Nebenzimmer führenden Tür, r?usperte sich leicht und blieb schweigend stehen. Herr Rheinthaler wandte ?rgerlich den Kopf.

?What is the matter??

?Excuse Sir, the Professor Abner is waiting for you!?

Herr Rheinthaler sah seine Gattin mit einem gewissen Mi?trauen an: ?Wer hat denn den um diese Zeit bestellt? Mitten aus seiner Sprechstunde??

Frau Josepha zuckte die Achseln: ?Vielleicht Du selbst? Ich kümmere mich doch nicht um Deine Kuren.?

Gaston blickte zu Boden. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. In wenigen Augenblicken war er allein mit der Frau da drüben, und dann mu?te er allerhand unbarmherzige Worte sprechen.

Herr Rheinthaler hatte dem Diener Bescheid gesagt, jetzt wandte er sich zu seinem Besucher.

?Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Baron, aber ich kann den Professor nicht warten lassen. Jede Minute bei so einer Kapazit?t kostet ein kleines Verm?gen, und ich m?chte meiner Frau doch nach meinem Tode noch einiges hinterlassen. Der Abner wird mich ein bi?chen tr?sten, ein bi?chen massieren und wieder tr?sten. Was wirklich mit mir los ist, wei? ich doch blo? allein. In sp?testens vier Wochen schwimm' ich ab.? Wieder richteten seine Augen sich bettelnd zum Fenster, ein leichter Hustenanfall erschütterte seine Brust. Er unterdrückte ihn mühsam, um seine schmalen Lippen flog ein verzerrtes L?cheln. ?Eins ist jedenfalls vorl?ufig noch sicher: in einer Viertelstunde bin ich wieder hier! Ich hoffe Sie dann zu sehen.?

?Ich mu? lebhaft bedauern, Herr Rheinthaler ...?

?Sie sind ein komischer Mensch. Immer, wenn man Sie einladet, bedauern Sie! Na sch?n, dann glückliche Reise und – auf Wiedersehen kann ich armer Hund leider nicht mehr sagen! Aber wenn Sie mal auf Urlaub nach Berlin kommen, besuchen Sie meine 'lustige Witwe'. Sehen mal nach, mit wem sie sich getr?stet hat.? Er streckte seine Hand aus, und diesmal konnte Gaston nicht ausweichen. Die Hand war kalt und feucht, umspannte seine Rechte mit kraftlosem Druck. Ein fr?stelndes Gefühl flog ihm über den Rücken. Der Mann konnte nichts dafür. Das lag wohl an seiner Krankheit, aber er konnte sich nicht überwinden, den H?ndedruck zu erwidern.

In der Tür wandte sich Herr Rheinthaler noch einmal um.

?Du, Peperl, wirf mir um Himmels willen die Karten nicht durcheinander! Die Patience da habe ich auf einen ganz besonderen Herzenswunsch gelegt, und es scheint fast, als sollte sie diesmal aufgehen.?

Die Portiere schlo? sich hinter ihm, die beiden waren allein. So still wurde es in dem halbdunklen Zimmer, da? man das leise Ticken der kleinen Uhr h?rte, die in der Ecke auf einem zierlichen Schreibtische stand.

Frau Josepha blieb am Fenster und sah in die grünen Ranken hinaus, die es von au?en fast ganz überspannten. Sie neigte den Kopf mit den schweren Flechten nach vorn, ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren K?rper. Nur an dem Zucken der Schultern war es zu merken. Gaston stand regungslos. Das Mitleid ri? ihn am Herzen, aber er konnte sich nicht überwinden, n?her zu treten. Nichts anderes konnte er denken, als da? die Frau da, deren schlanke und doch üppige Gestalt in dem lang herabflie?enden Kleid sich prachtvoll von dem hellen Hintergrunde hob, in diesen ekeln H?nden gewesen war, deren feuchten Druck er noch zu spüren glaubte. Er richtete sich auf, es mu?te ein Ende gemacht werden! Seine Stimme klang heiser vor Erregung.

?Gn?dige Frau, es ist wohl am besten, wenn ich mich jetzt entferne??

Sie flog herum und auf ihn zu, warf ihm die Arme um den Hals. Ganz nahe hob sie ihr tr?nenüberstr?mtes Gesicht zu dem seinigen.

?Was denn? Jetzt willst fort, wo wir endlich ein paar kostbare Minuten für uns allein haben??

Er st?hnte auf, versuchte, sich sanft loszumachen.

?Also das hier ... das alles ist so fürchterlich.?

Sie umklammerte ihn fester, schmiegte sich ganz an ihn, so da? er ihren bebenden K?rper spürte.

?Um Jesu Barmherzigkeit willen, la? mich jetzt nicht allein. Geh nicht so von mir! Ich kann das begreifen, aber Du mu?t darüber hinwegsehen. Ich konnte es ja unm?glich wissen, da? Du ihm noch einmal begegnen würdest! Wie eine Klette h?ngt er sich an mich, bettelt und bettelt. Weil er sah, da? ich Ernst gemacht hatte mit dem Davongehen, hat er pl?tzlich seinen Sinn gewandelt. Vielleicht erschien ich ihm dadurch wieder begehrenswert, aber ich schw?re Dir, er wird mich nicht mit einer Fingerspitze berühren. Und übermorgen lauft er doch wieder der anderen nach, ich kenn' ihn ja. Also da darfst kein Mitleid mit ihm haben! Und, geh', sag', da? Du so kalt dastehst, das ist doch nur, weil wir hier in seinem Haus sind, gelt? Mu?t nicht so arg verfroren sein, lieber Bub' ... ich h?tt' halt dran denken sollen, wie Du bist, Dich gar nicht erst herkommen lassen! Aber, schau, seit sechs Uhr in der Früh, wie er heimgekommen ist, geht das schon so. Da war ich halt ein bisserl verwirrt! Und der Doktor sagte mir: 'Wenn Sie jetzt von ihm gehen, ist es sein Tod! Sein Zustand ist schlimmer, als er ahnt. Das viele Morphium h?lt ihn nur noch aufrecht. Jede Minute kann es den Zusammenbruch geben, wieso wollen Sie sich da erst scheiden lassen?' Da bin ich geblieben. Und jetzt sag mir ein liebes Wort! Nur ein einziges kleines Wort, aus dem ich wieder Hoffnung sch?pfen kann. Die Zweifel zerrei?en mir das Herz. Die Ursel hat mir zwar erz?hlt, wie glücklich Du gewesen w?rst über meinen Brief, aber jetzt sprich das einzige kleine W?rtel: Willst mein sein und mir treu bleiben?? Sie umklammerte ihn fester, starrte ihm angstvoll in die Augen.

Da atmete er auf. Das ging über Menschenkraft, jetzt auszusprechen, was er sich vorgenommen hatte. Er beugte sich hinab, kü?te ihre Stirn, und dann fanden sich ihre Lippen.

?Du bleibst mir treu?? stammelte sie zwischen zwei Küssen.

?Ich werde mein Wort halten!?

?Ah na, ob mich lieb hast, will ich wissen??

Von ihrem warmen K?rper, der eng an den seinen geschmiegt war, zog ein hei?er Strom durch seine Adern.

?Ja, ich habe Dich lieb!?

?So arg, da? Du nie an eine andere denken wirst? Und w?r' sie noch tausendmal sch?ner als ich??

Da flüsterte er trunken: ?Sch?ner als Du? Du bist für mich die Sch?nste, Herrlichste und Reinste auf der Welt.?

Sie hob sich auf den Zehenspitzen, bi? ihn in die Wange, da? er einen j?hen Schmerz verspürte: ?Da, da? Du dieses letzte Wort nimmer vergi?t! Und jetzt geh', da? ich mich ein wenig beruhigen kann, bis er wiederkommt.? – – –

Er stand drau?en im grellen Sonnenlicht des hei?en Sommernachmittags und ging langsam die Stra?e zurück, die zur Stadt führte. Ein gro?es Gefühl weitete ihm die Brust, wie ein Sieger kam er sich vor, wie ein Sieger über kleinliche Fürchte und Bedenken. Mochte sie nun aus den entzündeten Sinnen stammen oder aus dem übergewaltigen Mitleid – die Liebe war gekommen, erfüllte ihn ganz und gar! Und war er nicht etwa Manns genug, sich über alles h?mische Gezischel und Geraune hinwegzusetzen, das sich vielleicht erheben konnte? Er brauchte sich nur herauszurecken mit allem, was er war, und die b?sen Zungen verstummten! ...

Vor ihm auf der Stra?e ging einer dahin, der es ebensowenig eilig zu haben schien, nach der Stadt zurückzukommen, wie er. Ein untersetzter kleiner Herr in modischem Jackett und Strohhütchen, der ihm bekannt vorkam. Gaston verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt und gedachte, die andere Seite zu gewinnen. Es w?re ihm unangenehm gewesen, jetzt, in dieser Stimmung irgend einem Schw?tzer Rede und Antwort stehen zu müssen.

Da blieb der Voranschreitende pl?tzlich stehen, wandte sich um: ?Guten Tag, Herr von Foucar!? In einem aschfahlen Gesicht flackerten ein paar Augen in irrem Glanz.

?Wodersen!? sagte er überrascht. ?Wie kommen Sie hierher??

?Ich hatte vor Ihnen in der Villa Rheinthaler einen Besuch machen wollen, wurde aber nicht angenommen. Da sah ich Sie stolz im Auto anfahren und, weil ich mir dachte, Sie werden doch nicht ewig drinbleiben, hab' ich auf Sie gewartet.?

?Na, das ist nett von Ihnen. Da kann ich Ihnen gleich Adieu sagen.?

?Sie verreisen??

?Nee, ich bin versetzt worden. Zu den Ordensburger Dragonern.?

?Donnerwetter, so mitten aus der Tour? Wem haben Sie denn das zu verdanken??

Gaston lachte bitter auf. So dachten sie alle, die mal mit ihm Schulter an Schulter ihren Dienst getan hatten. Und seine Antwort klang sch?rfer, als es der im Grunde unbetr?chtliche Anla? erfordert h?tte.

?Natürlich allem anderen, nur nicht mir selbst. Der unbekannten hohen Dame, die angeblich meine Schicksale überwacht, oder meiner F?higkeit, mich bei meinen Vorgesetzten zu schustern und in den Vordergrund zu dr?ngen ... na dann Adieu, Herr von Wodersen! Ich habe es ein bi?chen eilig.?

Der andere achtete gar nicht darauf und ging rasch neben ihm her in gleichem Schritt.

?Meinen Sie vielleicht, ich h?tte deshalb hier drei Stunden auf Sie im Sonnenbrand gelauert, um mich so abspeisen zu lassen??

?Wie? Sie haben ...?

?Auf Sie gewartet! Schon heute vormittag hatte ich natürlich telephonisch ausführlichen Bericht, was gestern passiert war. In dem Ballokal, und da? Sie nachher Frau Josepha im Auto allein nach Hause gebracht haben. Nachmittags war ich dienstfrei, da bin ich ohne Urlaub fortgefahren. Das übrige konnte ich mir ungef?hr denken. Sie hatte mich in diesen Wochen ja fast ein dutzendmal gequ?lt, ich sollte Sie endlich heranschleifen. Da? ich es nicht tat, werden Sie nach dem, was wir neulich mal gesprochen hatten, begreiflich finden.?

?Allerdings! Und was steht jetzt zu Diensten??

Der kleine Husar blickte zornig zu ihm auf.

?Erst klopfen Sie sich mal den Puder von Brust und Kragen! Sonst sieht es wom?glich noch einer von den bezahlten Aufpassern, da? Sie eben Abschied genommen haben. Von einer sch?nen Frau, die die Gepflogenheit hat, sich Gesicht und Arme zu pudern.?

Gaston schielte auf seinen Ueberrock hinab und wurde unwillkürlich rot. Wahrhaftig, man sah es ganz deutlich! Und jetzt wu?te er pl?tzlich, weshalb der glattrasierte Kerl, der ihm in der Rheinthalerschen Villa beim Hinausgehen die Tür ?ffnete, so süffisant gel?chelt hatte. Er zog das Taschentuch und wischte heftig über das dunkle Tuch, aber der feine wei?e Staub drang nur um so tiefer ein, war nicht fortzubringen. Da gab er's ?rgerlich auf.

?Nun also, was wünschen Sie von mir, Herr von Wodersen??

?Nur eine kurze Auskunft. Wie Sie sich von jetzt an zu Frau Josepha verhalten werden.?

?Und wenn ich das zurückweisen mü?te? Als einen unangemessenen Eingriff in meine ganz pers?nlichen Angelegenheiten??

Der Landsberger Husar schüttelte den Kopf.

?Das werden Sie nicht tun! Wenn einer den Anspruch hat, es zu erfahren, bin ich es. Das wissen Sie!?

?Also, wo wir mal schon so weit sind, meinetwegen! Es wird auch dazu beitragen, diese Unterredung, die uns beiden ja nur peinlich sein kann, abzukürzen. Ich habe – also ich bin mit Frau Josepha übereingekommen ... wenn sie die Trennung von ihrem Manne vollzogen hat, werde ich sie heiraten.?

?Dann ist's gut ... und danken Sie Gott!?

?Herr von Wodersen, ich mu? doch sehr bitten ...?

?Danken Sie Gott,? wiederholte der andere hartn?ckig. ?Im anderen Falle, wenn's Ihnen nur ein Spiel gewesen w?re, h?tte ich Sie provoziert und abgeschossen. Es geht nicht an, da? einer umkommt vor Durst und Hunger, w?hrend der andere in frivolem Spiel ... also es ist gut! Adieu, Herr von Foucar.? Er sah starr geradeaus mit schwimmenden Augen, und pl?tzlich kam ein lautes Aufschluchzen aus seiner Brust, er wandte sich ab. Gaston aber stand ratlos dabei und wu?te nicht, wie er sich in dieser seltsamen Situation zu benehmen hatte. Tr?sten ging nicht an, das beste war, sich still zu entfernen.

?Adieu, Wodersen,? sagte er leise und schritt langsam weiter.

Der arme Kerl tat ihm leid, schrecklich war es, wie es den zusammengerissen hatte, da? er von jetzt an nichts mehr zu hoffen hatte. Zugleich aber schwellte ihm selbst ein gewisses Stolzgefühl die Brust. Da? er die Liebe dieser herrlichen Frau errungen hatte, für die ein anderer ohne Zaudern sein Leben eingesetzt h?tte. Fast eine Steigerung des eigenen Glückes war es ihm.

Eine heisere Stimme erklang neben ihm.

?Entschuldigen Sie, Foucar, wenn Sie mich eben als altes Weib gesehen haben ...?

?Ach Sie noch mal, Wodersen? W?re es nicht besser, wir h?tten eben Schlu? gemacht??

?Vielleicht! Nur, Sie werden begreifen, man steht da neben einem frisch zugeschütteten Grab, kann nicht sogleich weggehen. Eigentlich aber h?tte ich's voraussehen müssen, die Frau war ja krank nach Ihnen! Gab mir hundert Auftr?ge für Sie. Immer sollte ich Ihnen bestellen, wo Sie sie abends treffen würden. Ich hab's natürlich nie ausgerichtet. Sie werden das begreifen.?

?Selbstverst?ndlich! Und nun wollen wir wirklich Schlu? machen! ... Sie werden einsehen, da? es mir einigerma?en peinlich ist.?

Herr von Wodersen lachte pl?tzlich schrill auf.

?Ihnen? Wo Sie im Glück sitzen!?

?Na ja, aber peinlich natürlich auch für Sie.?

?Das braucht Sie nicht zu bekümmern! Und ich mü?te ersticken oder verrückt werden, wenn ich jetzt nicht – ich wei? überhaupt noch nicht, ob ich drüber wegkomme. Also, Foucar, Sie schw?ren mir, Sie werden sie gut behandeln!?

?Aber das ist doch selbstverst?ndlich!?

?Na ja! Und ich werde natürlich weiter aufpassen.?

Gaston blieb stehen.

?Herr von Wodersen, alles hat seine Grenzen.?

?Ach Gott, wollen doch jetzt nicht zimperlich sein wie kleine Pensionsm?dchen! Ich bin ja halb verrückt, ich hatte doch immer noch gehofft, sie würde mich kleinen unansehnlichen Kerl ...? Er brach ab und sah in angestrengtem Nachdenken vor sich hin. ?Also, was wollte ich doch gleich ... ja richtig! Noch vor etwas anderem müssen Sie sich in acht nehmen, vor Josepha selbst! Wissen Sie, was sie ihrem Mann antun wollte, jetzt wegen dieser Geschichte mit der Sandori? Kein Teufel kann sich Aergeres ausdenken, denn das ist so auf die ganze Art dieses Menschen zugeschnitten, mu?te ihn gerade aufs t?dlichste verwunden. Sie hat sich eine Szene schreiben lassen, einen Sketch, wie man das im Theaterjargon nennt. Mit einem Dutzend raffinierter Tricks ... ich war bei einer Probe dabei im Apollotheater – es war doll! Hinrei?end ... zum Wahnsinnigwerden. Eine gro?e Menschendarstellerin, die ihre ganze Kunst in eine einzige Szene pre?t ... Alles, was sie kann, zeigt sie da ... und dann war da ein Tanz, wo sie sich aus einem Schleier nach dem andern l?st, bis sie mit ihrem herrlichen K?rper dasteht in einem ganz leichten Gewand ... also ich sage Ihnen, ganz Berlin w?re verrückt geworden bei dieser Darstellung. Ich ging wie ein Betrunkener aus der Probe.?

Der Kleine schwieg und sah mit verzückten Augen geradeaus. Gaston spürte ein widerw?rtiges Gefühl, zugleich aber stachelte ihn die Neugierde. ?Weiter,? sagte er heiser.

Herr von Wodersen blickte verwirrt auf, als mü?te er sich erst besinnen, wovon er eben gesprochen hatte.

?Ach so ... ja! Wer das nicht gesehen hat, kann nicht begreifen, da? ich von der Stunde an noch verrückter war als vorher ... total verrückt! Ich schlafe seit dem Tag nicht mehr ... und ja, verstehen Sie denn nicht, was das alles bedeutete? Josepha h?tte an dem Abend doch nur für einen gespielt und getanzt, für ihren Mann! Dann aber, wenn seine aufgestachelte Begierde wieder lichterloh brannte, h?tt' sie ihn verdursten lassen. H?tte ihn vor aller Welt l?cherlich gemacht mit irgend einem h??lichen, hirnlosen Halbaffen – so einem vielleicht wie ich ...?

?Wodersen, h?ren Sie auf!?

Der andere lachte h?hnisch.

?Das ist Ihnen peinlich, was? Ja, meinen Sie vielleicht, ich habe vor Freude getanzt, als ich heute früh die Nachricht bekam, für mich ist es aus? Nichts mehr zu hoffen, rein gar nichts ...? Er d?mpfte pl?tzlich seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern: ?Das dürfen Sie aber niemandem weiter sagen, ich kam mit einer ganz andern Absicht hierher ... Da? Sie noch leben, verdanken Sie ihr! Der Josepha! Sie h?tte sich ja die sch?nen Augen blind geweint um Sie ...?

?Herr von Wodersen, ich nehme Rücksicht, da? Sie sich offenbar in einer Gemütsverfassung befinden ...?

Der Kleine nickte.

?Ja, nehmen Sie nur ... ist auch ganz recht! Heute früh hat sich mir da oben im Kopf was 'rumgedreht, ich hab's ganz deutlich gespürt. Von dem Augenblick an habe ich Mühe, meine Gedanken zu sammeln. Und das wei? kein Mensch, was das hei?t, sich vor Qualen winden und schreien, w?hrend andere mit sattem Bauch ruhig schlafen. Aber ich hab' etwas für Sie, da werden Sie auch nicht schlafen. Ich h?tte mich darüber hinweggesetzt, denn ich bin ja l?ngst schon ein kleiner Lump geworden, innerlich. Von au?en, wenn ich meine Uniform anhabe, merkt man es nicht so. Ja, also, Ihre zukünftige Frau Gemahlin, wie sie noch in Brünn am Stadttheater war, zusammen mit so einem nichtswürdigen Kerl von Schauspieler, da hat sie einen Selbstmordversuch gemacht.?

Gaston schritt schneller aus, um sich von der Gesellschaft des offenbar pl?tzlich Irrgewordenen zu befreien. Aber weit und breit war keine Fahrgelegenheit zu erblicken auf der sonnenbeschienenen Stra?e, und der andere neben ihm hielt gleichen Schritt.

?Rennen Sie doch nicht so, Foucar! Das mu? Sie doch auch interessieren, da? Josepha damals sich umzubringen versuchte, weil der Kerl sie nicht wieder ehrlich machen wollte ... so ein gemeiner Hund! Sie kennen ihn auch ... er war gestern auch in der Loge, der glattrasierte Schuft ... er hat mir auch die Zeitungen gegeben, wo alles drinstand ... Sie müssen natürlich jetzt Ihren Abschied nehmen ... ich h?tte ihn ja auch genommen.?

Gaston fühlte, wie es ihm rot vor den Augen wurde. Ob der da neben ihm nun klar im Kopfe war oder nicht – dafür gab es nur eins: niederschlagen! Er hob den Arm, aber der Kleine sprang wie eine Katze zur Seite, rannte ein paar Dutzend Schritte zurück und lachte gellend auf.

?Ach, Sie haben sich wohl eingebildet, ich w?r' so leicht zu kriegen? Und die Zeitungen schick ich Ihnen zu – nach Ordensburg.?

Gaston wandte sich ab. Grauenhaft war das. Wie in einer Bet?ubung ging er weiter, zur Stadt zurück. Was sollte er jetzt tun? Einen Irrsinnigen zur Rechenschaft ziehen? Das erledigte sich von selbst, da war kein Wort darüber zu verlieren. Aber das, was dieser Irre zuletzt gesprochen hatte, das blieb h?ngen, wie ein Pfeil, der mit dem Widerhaken in die Weichen gedrungen war. Das alles war Lüge, eine Ausgeburt krankhafter Phantasie, sicherlich, aber woher sollte er sich Gewi?heit holen? Noch einmal in die Rheinthalersche Villa zurückkehren, den Mann beiseite schieben: ?Erlauben Sie mal, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen?? Oder einen Brief schreiben, den man zu H?nden der alten Hexe sicher an die eigentliche Adresse bef?rderte? Vielleicht h?tte Josepha in ihrem stolzen, jede Lüge verabscheuenden Sinn die Wahrheit geantwortet!

Aber darauf kam es ja nicht an. Es war schon genug, da? gegen die Frau, die er heimzuführen gedachte, sich überhaupt ein so schm?hlicher Verdacht erheben konnte. Da? es einen Menschen geben konnte auf der Welt, der sich brüsten durfte, mit Recht oder Unrecht, sie w?re sein gewesen. Da konnte er nicht drüber hinweg, dafür konnte er seinen Namen nicht einsetzen, das ging nicht an! Es war schon genug, da? er sich damit abgefunden hatte, da? er sie aus den eklen H?nden ihres Gatten nehmen mu?te ... Nur, wenn man weiter dachte, wo war da ein Unterschied? Weshalb sollte er ihr gerade den ersten verübeln? Dem hatte sie sich vielleicht in hei?er Leidenschaft geschenkt, oder sie war in t?richter Unerfahrenheit seinen ruchlosen Künsten erlegen, den zweiten aber ... er konnte nicht weiter. Da verwirrten sich auch ihm die Gedanken. Schlu? mu?te es sein, oder er verlor sich selbst! Und keine Auseinandersetzung mehr. Wie die enden würde, wu?te er. Vor ein paar Wochen hatte er über den angeblichen Zauber gelacht. Heute hatten ein paar Augenblicke, in denen diese Frau an seinem Halse hing, hingereicht, damit er sich selbst und sein Schicksal verschwor.

Er hatte vormittags im Fahrplan nachgesehen, gegen neun Uhr ging ein Zug nach dem Osten. Den konnte er noch erreichen, einen Tag in K?nigsberg verbringen, ehe er weiter nach Ordensburg fuhr. Nur fort und hinaus ...

Nur das Notwendigste wurde eingepackt, alles übrige besorgte der Spediteur. Jedesmal, wenn die Klingel ging, fuhr Gaston zusammen. Als k?nnte sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, der ihn an der Abreise hinderte. Oder es k?nnte noch eine Auseinandersetzung geben. Davon hatte er genug. Nur fort und hinaus ...

Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete er auf. Ein bl?des Wort, das er einmal an der Biertafel geh?rt hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. ?Ein Kavalier rei?t nicht aus. Nur, wenn er in Gefahr befindlich ist. Dann aber schnell.? Das pa?te auf ihn. Auch er ri? aus. Vor einer, der seine Sinne erlagen, wenn sie in seiner N?he war. Je weiter er eilte, desto weniger konnte sie ihn erreichen. Nur eins beunruhigte ihn ... dort, weit hinten, von wo er kam, blieb sein Wort. Immer l?nger und dünner wurde der Faden, an dem es hing, aber er ri? nicht ab. Noch tausend Meilen konnte er fahren, er ri? nicht ab. Freiheit konnte es nur geben, wenn die, die den Faden am anderen Ende hielt, in gutem Willen ihre Hand ?ffnete. Wort war Wort.

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