Ueber der weiten Bahn im Grunewald schien die helle Sommersonne, zauberte schimmernde Reflexe auf den grünen Rasen und die bunten Toiletten, die den weiten Platz vor den Tribünen füllten. Ab und zu brachte ein leichter Wind den würzigen Duft der hohen Kiefern herüber, die die riesige Bahn ums?umten, überall in der Runde mit ihren dunklen, gezackten Kronen den Ausblick schlossen.
Als Gaston von Foucar sein Billett am Eingange vorzeigte, kam von den Tribünen her ein wirres Durcheinander von Schreien und lauten Zurufen: ?Mohnblüte macht's ... Mohnblüte ... feste, Bullock ... feste ...,? und schlie?lich ein einziges, wüstes Ger?usch, in dem nichts mehr zu unterscheiden war. J?h danach eine kurze Pause, dann wieder wie ein übers Feld rollender Donner: ?Mohnblüte ... Bullock ... Mohnblüte ...?
Er schlenderte langsam der Tribüne zu. Anscheinend hatte er den Anfang vers?umt, die ersten Rennen waren schon geritten. Im Grunde interessierte ihn nur das vorletzte. So stumpf wurde man im t?glichen Dienst, da? man kaum noch teilnahm an den K?mpfen auf dem grünen Rasen, die jedes Reiterherz doch h?her schlagen lassen mu?ten. Aus der aufgezogenen Nummer an dem hohen, wei?en Gestell und aus dem Programm ersah er, da? die Graditzerin ?Mohnblüte? ein Lot von vierzehn, zum Teil in England gezogenen Pferden geschlagen hatte. Das war ja ganz erfreulich, gewi?, aber er sah doch mit einem leisen Kopfschütteln zu, wie das elegante Tribünenpublikum dem in schwarz-wei?em Dre? zur Wage zurückreitenden Jockei eine Huldigung bereitete wie einem aus siegreicher Schlacht heimkehrenden Feldherrn. Wenn die Damen aus so unbetr?chtlichem Anla? schon mit begeisterten Schreien Blumen warfen, Schirme schwenkten und dem blasiert l?chelnden Jockei im Sattel die Hand schüttelten, welche Steigerung gab es da noch, wenn irgend eine gro?e Tat zu kr?nen war im Dienste des Vaterlandes? Rissen sie sich da die Kleider herunter und warfen sie die nackten Leiber vor die Rossehufe? Ungesund war das alles, hysterische Uebertriebenheit, die sich kein Ma? zu finden wu?te.
Er ging durch die Gruppen, die sich um die Erfrischungsstellen dr?ngten, die Kassen des Totalisators stürmten. Ueberall fieberte es von Erregung. Die Kapelle der Gardedragoner im Musikpavillon intonierte ein milit?risches Potpourri, das mit dem alten Schlachtgesang anfing: ?Ich bin ein Preu?e, kennt ihr meine Farben ... die Fahne schwebt mir schwarz und wei? voran.? Ein Teil des Publikums sang mit ... wie eine Entweihung kam es ihm vor.
Die Hauptrennen waren gelaufen, der Himmel verfinsterte sich pl?tzlich, ein leichter Sommerregen strich über die Flur. Da nahm die geputzte Menge Rei?aus. Nur die Wenigen blieben zurück, die an dem Ausgange der letzten Ereignisse interessiert waren. Er mitten darunter – er hatte dem Malchower Dragoner ja versprochen, ein Goldstück auf – wie hie? der Gaul doch gleich? – ja, richtig, auf Marghilan zu setzen.
Das Pfund ging verloren, der hochbeinige Schinder zeigte schon am Start das Gelüst, seitw?rts auszubrechen. Vor dem Wassergraben streikte er, war weder mit Peitsche noch Sporn hinüberzubringen. Da machte sich der Hauptmann von Foucar auf den Weg. Und er l?chelte. Das Selbstvertrauen des kleinen Dragoners war ein wenig gr??er als sein reiterisches K?nnen gewesen. Auf solch einen Riesengaul geh?rte einer, der st?rker war, der diesem Verbrecher den Herrn und Meister zeigte, mit Faust und Schenkeln. An den Tribünen ging er vorbei, über den zweiten und dritten Platz, wo Gentlemen ohne Hemdkragen, laut streitend, den Gewinn der Wettgenossenschaft verrechneten. Die Treppe hinauf zu dem Restaurant. Laute Musik – in dem weiten, von einen Glasdache überdeckten Raume kein Platz mehr frei.
An einem langen, dichtbesetzten Tische in der N?he des Einganges reckte sich ein blauer Aermel in die H?he, besetzt von Silberlitzen. Ein Landsberger Husar, der mit ihm zusammen die Akademie besucht hatte. Leider mit mangelhaftem Erfolge, nicht mal zur h?heren Adjutantur hatte es gereicht. Er diente in der Front weiter als ein mi?vergnügter alter Oberleutnant.
?Holla, Foucar, suchen Sie jemanden??
?Nur einen Platz, um ein Kotelett zu essen! Ich komme fast um vor Hunger.?
?Na, denn hierher, ran! Wenn wir ein bi?chen zusammenrücken, geht's schon!?
Er zw?ngte sich durch die engen Stuhlreihen. Der Landsberger Husar sagte laut mit einer vorstellenden Handbewegung: ?Herr Hauptmann Baron von Foucar vom Gro?en Generalstab ... Frau Rheinthaler – noch vor kurzem eine unserer gefeiertsten Bühnenkünstlerinnen – Herr Rheinthaler. Die anderen Herrschaften m?gen sich gef?lligst selbst ...?
Die in der N?he sitzenden Herren murmelten mit leichter Verneigung einen Namen, die übrige Gesellschaft nahm kaum Notiz von dem neuen Tischgenossen. Ein Kellner brachte einen Stuhl herbei, Hauptmann von Foucar schob sich neben den Landsberger Husar. Ihm gegenüber sa? Frau Rheinthaler, eine junge Dame von etwa sechs- oder siebenundzwanzig Jahren in einem raffiniert einfachen hellen Kleide, das alle Vorzüge ihrer ein wenig üppigen Figur zur Geltung brachte. Aus einem schmalen, mit Venetianerspitzen besetzten Ausschnitte hob sich ein prachtvoller Hals, darüber ein klassisch sch?nes Gesicht ... gro?e, dunkle Augen, deren Iris leicht bl?ulich schimmerte, eine gerade, feine Nase mit beweglichen Flügeln und unter einer wahren Flut dunkelblonden Haares ein paar rosige kleine Ohren. Alles ein wenig zurechtgemacht. Unter den gro?en Augen ein leichter Strich, die Lippen und Ohrl?ppchen ein bi?chen zu rot, aber das Ganze von frappierender Wirkung. Eins jener Gesichter, nach denen man sich unwillkürlich umsah, wenn man ihnen in der Menge der gleichgültigen begegnete.
Frau Rheinthaler hob in komischem Zorn die Hummergabel gegen den Landsberger Husar: ?Sie B?sewicht! Müssen Sie denn immer gleich verraten, da? ich früher einmal beim Theater war?? Der neben ihr sitzende Gatte, ein hagerer Herr mit starker Hakennase und eingefallener Brust, führte hüstelnd die knochige Hand zum Munde: ?Sei friedlich, liebe Josepha, in fünf Minuten h?ttest Du es dem Herrn Hauptmann da drüben ganz von selbst erz?hlt.? Und zu Herrn von Foucar gewendet, fragte er: ?Sind Sie Theaterhabitué? Nicht ... na, dann mu? ich noch einmal vorstellen ...? Er wies leicht auf die Gattin: ?Pepi Hohenthal, vor einigen Jahren die entzückendste Dame de chez Maxim, die es je gegeben hat. Als ich ihr mit Selbstmord drohte, wenn sie ihre himmlischen Fu?gelenke noch fernerhin jedem Laffen zur Bewunderung preisg?be, der vier Mark fünfzig Entree bezahlte, hatte sie Mitleid und heiratete mich. Ihr Interesse am Theater beschr?nkt sich jetzt nur noch auf einige Gastspiele in der Proszeniumsloge bei den Premieren. Da wartet sie, bis die frühere Kollegin auftritt, sich nach dem Herzen greift und vor Aerger gelb und grün wird.? Er hob sein Glas mit eisgekühlter Erdbeerbowle und trank der Gattin l?chelnd zu.
Die Umsitzenden brachen in Lachen aus, Herrn von Foucar wurde es ein wenig unbehaglich zumute, an eine solche Unterhaltung war er nicht gew?hnt. Sein Nachbar aber stie? ihn unter dem Tisch mit dem Fu? an und raunte ihm zu: ?Blo? keine verwunderten Augen machen, sind in ihrer Art ganz famose Leutchen und führen das gastfreieste Haus im ganzen Westen ...? Er nickte dazu. Was ging es ihn an? Heute hatte er diese Menschen kennen gelernt, morgen sah er sie nicht mehr.
Die Unterhaltung am Tische wurde allgemein, man er?rterte die Ereignisse des Renntages, und Gaston von Foucar erfuhr, da? Herr Rheinthaler dem Sport nicht nur als Zuschauer huldigte, sondern Besitzer eines namhaften Stalles war. Zwei seiner Pferde hatten an der Hauptkonkurrenz des Tages teilgenommen, das eine als Schrittmacher, das andere als erkl?rter Sieger, beide aber h?tten durch die Schuld der Jockeis unter den Unplacierten geendet. Der Landsberger Husar erkl?rte seinem Gegenüber eifrig, welche Fehler zu dem Verluste des Rennens geführt h?tten, Frau Rheinthaler schob ihren Teller zur Seite und legte die sch?nen Arme auf den Tisch.
?Sie sind wohl fremd in Berlin, Herr Hauptmann??
Gaston verneigte sich leicht. ?Wie man's nehmen will, gn?dige Frau. Ich bin schon einige Jahre hier. Zuerst auf Akademie, jetzt im Generalstab. Aber ich habe mich nicht viel um Anschlu? bemüht. Ich hatte n?mlich immer reichlich zu arbeiten.?
?Interessieren Sie sich für den Sport??
?Natürlich! Jeder Kavallerist mu? sich dafür interessieren. Die Hindernisrennen sind gewisserma?en die letzte hohe Schule für unsere Reiteroffiziere. Aus den auf dem grünen Rasen gewonnenen Erfahrungen ...?
Frau Rheinthaler schnitt ihm mit einer geringsch?tzigen Handbewegung die Rede ab.
?Ah was! Wegen der Wetten reiten doch blo? die meisten von Ihnen, und nachher wird gespielt. Manchmal, wenn ich schon wieder aufsteh', sitzen sie noch mit meinem Mann zusammen im Herrenzimmer. Schrecklich – er ruiniert sich dabei. Nicht mit dem Geld. Da kann er verspielen, so viel er will, aber mit der Gesundheit h?lt er's nicht aus. Er hat einen schlimmen Herzfehler, und seine Lungen sind angegriffen. Der Doktor meint, jeden Tag k?nnt's eine Katastrophe geben, wenn er's so weiter treibt, er aber lacht blo? dazu. Er allein mü?t doch am besten wissen, was ihm gut w?r ... Und wenn er mal zusammengeklappt ist, eine halbe Wochen zu Bett liegen mu?, geht's hinterher um so ?rger los. Auf alle Rennpl?tze schleppt er mich, nicht nur in Deutschland, und die N?chte sitzt er mit den Karten in der Hand. Ich aber ... für mich ist das alles entsetzlich. Bei den Rennen langweil ich mich zum Sterben, versteh partout nicht, wie man sich drum aufregen kann, ob eins von die R?sser schneller lauft als das andere.?
Frau Josepha machte eine kleine Pause, tippte ihren Gatten auf den Arm: ?Du Fritzerl, bitt sch?n, a Zigaretten.?
Herr Rheinthaler hielt ihr die Dose hin, ohne sich umzusehen oder sein Gespr?ch mit dem Landsberger Husaren zu unterbrechen. Gaston von Foucar aber fragte sich verwundert: Weshalb erz?hlt mir die Frau blo? das alles? Vor kaum einer Viertelstunde hab ich sie kennen gelernt, und sie breitet vor mir Intimit?ten aus, die man sonst doch für sich beh?lt.
Frau Josepha hatte sich die Zigarette angesteckt und sprach weiter. Mit einer leicht verschleierten, aber angenehm klingenden Stimme, der die leise wienerische F?rbung einen eigentümlichen Reiz verlieh. Und sie nahm das Gespr?ch genau an dem Punkte wieder auf, an dem sie es abgebrochen hatte.
?Ja, also ... stumpfsinnig kann man bei diesem Leben werden. Und man sehnt sich nach den Zeiten zurück, wo man noch Interessen hatte. Nicht eine bl?de Rolle zweihundertmal nacheinander zu spielen, Abend für Abend, sondern neue Aufgaben zu gestalten. Ich war n?mlich nicht nur in Berlin am Theater, sondern früher in Wien, und da spielten wir mit wechselndem Repertoire, Ibsen, Strindberg, Shaw, und man fand doch einen Widerhall, wenn man was geleistet hatte. Die ganze Stadt sprach von so einer neuen Rolle. Wie ich z. B. die Hedda Gabler kreiert hatte ...?
Herr Rheinthaler wandte sich halb um, das letzte schien er geh?rt zu haben.
?Entschuldige, liebe Josepha, ich m?chte nur meine Zigaretten wieder haben.? Und mit einem leicht sp?ttischen L?cheln fügte er hinzu: ?Sie k?nnen nachher zu Hause die Kritiken lesen, Herr Hauptmann. Es war ph?nomenal, ganz Wien war begeistert, hingerissen, verrückt. Ein Jüngling erscho? sich an der Theaterkasse, weil er zu der zweiten Vorstellung keinen Platz mehr kriegen konnte, und im Gemeinderat stellte ein Abgeordneter den Antrag, der g?ttlichen Darstellerin der Hedda Gabler schon jetzt ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in sichere Aussicht zu stellen, natürlich gratis und franko.?
Frau Josepha blies gleichmütig einen kunstvollen Ring aus ihrer Zigarette, hob ein wenig die vollen Schultern und machte zu ihrem Gegenüber eine bezeichnende Geste: ?Da, sehen Sie? Wenn wir uns nur gegenseitig frozzeln k?nnen! Aber im Ernst: Ich m?cht nicht, da? Sie glauben, ich schwatz Ihnen da was vor! Wollen Sie heute abend unser Gast sein? Es sind nur ein paar Leute da. Es gibt auch blo? eine Tasse Kaffee, eine Zigarette und vielleicht, wenn die Stimmung danach ist, ein bisserl Musik.?
Gaston verneigte sich leicht: ?Sehr liebenswürdig, gn?dige Frau, aber ich habe zu Hause eine Arbeit liegen, die ich unbedingt bis morgen früh ...?
Herr Rheinthaler fiel ihm ins Wort: ?Keine Ausflüchte, Herr Baron! Das Vaterland wird nicht in Gefahr geraten, wenn Sie sich zur Abwechslung mal keine Schlachtpl?ne ausdenken! Und jetzt auch nicht mehr lang gefackelt! Die Autos stehen unten. Kellner, zahlen!?
Es folgte ein allgemeiner Aufbruch. Herr von Foucar gedachte, sich auf dem Wege zum Ausgange unauff?llig zu entfernen. Da traf ihn ein bittender Blick aus Frau Josephas Augen, und er ging mit.
An der Garderobe fand er Gelegenheit, den Landsberger Husar für ein paar kurze Minuten beiseite zu nehmen.
?Sie, Wodersen, sagen Sie mal ...?
Der Kleine hob die Hand: ?Wei? schon! Sie wollen mich anp?beln, da? ich Sie in diese Gesellschaft da verschleppt habe! Glauben Sie mir, es ist nicht die schlechteste. Der Mann f?llt einem mit seinen ein bi?chen saloppen Manieren ja auf die Nerven. Aber er macht von seinem immensen Reichtum den denkbar vernünftigsten Gebrauch. Zwei Jahre hat er h?chstens noch zu leben – da lebt er eben, wie's ihm Vergnügen macht. Rennen, Jagd, Kartenspielen. Namentlich das letzte. Wenn er zehn Stunden beim Poker gesessen hat, und sein Arzt macht ihm Vorwürfe, zuckt er mit den Achseln. Er sollte lieber seinen Scharfsinn anstrengen, einen neuen Spieltisch zu erfinden, für Leute, die nicht mehr viel Zeit haben. Mit dem Mischen und Kartengeben gingen jedesmal drei kostbare Minuten verloren.?
?Nun, und die Frau??
?Ach, weil sie Ihnen gleich in der ersten Viertelstunde anvertraut hat, was man sich manchmal erst nach l?ngerer Bekanntschaft erz?hlt? Ich hab mit halbem Ohr hingeh?rt – da brauchen Sie sich nichts drauf einzubilden! Das ist ihr gerade so durch den Kopf geschossen, und da mu?te sie es aussprechen. Wenn sie zum Beispiel gefunden h?tte, da? Ihre Frisur Sie nicht kleidet, h?tte sie's vielleicht ebenso gesagt.?
?Aber das ist doch ...?
?Ein bi?chen unerzogen, wollen Sie sagen? Ich wei? nicht! Ich werd' aus der Frau nicht klug. Manchmal glaube ich, es ist bei ihr eine Art von Koketterie, manchmal, sie ist so unbedingt wahrheitsliebend, da? sie es verschm?ht, anders zu sprechen, als sie im Augenblick gerade denkt. In einer Art von souver?ner Unbekümmertheit wie eine Naturkraft, m?chte ich sagen, die nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Na, Sie werden sich ja selbst ein Urteil bilden k?nnen, wenn Sie von jetzt an ?fter in dem Rheinthalerschen Hause verkehren.?
?Ich denke nicht daran,? sagte er lachend. Der kleine Husar aber zuckte mit einem leichten Seufzer die Achseln.
?Ich kenne manche, die so ?hnlich gesprochen haben wie Sie ... aber so ziemlich alle bisher sind wiedergekommen.?
Ein Diener in dunkler Livree hatte Frau Josephas Hütchen in einer Lederschachtel verwahrt, sie trat in Automantel und Kapuze auf Gaston zu.
?Sie fahren neben mir, Herr Hauptmann! Ich steuere meinen Wagen selbst, aber Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich hab' mich selbst viel zu lieb, als da? ich eine Unvorsichtigkeit begehen k?nnte.? Und, als sie nebeneinander die Treppe hinuntergingen, sah sie ihn l?chelnd an.
?Na, wie war nun der Steckbrief, den Herr von Wodersen Ihnen über mich gegeben hat??
?Fishing?? fragte er zurück.
In ihrer wei?en Stirn erschienen ein paar senkrechte F?ltchen.
?Ich wünsche nie, Komplimente zu h?ren. Merken Sie sich das, bitte, wenn wir gute Freunde werden wollen!? Und da trieb ihn eine seltsame Lust, genau so aufrichtig zu sprechen, wie sie.
?Gn?dige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, sagen zu dürfen, da? ich dazu keine Zeit haben werde. Ich habe viel zu viel zu arbeiten, um daneben irgend welche Freundschaften pflegen zu k?nnen. Wenn ich jetzt mit Ihnen fahre, weil ich zu h?flich war, die Einladung Ihres Herrn Gemahls abzulehnen, so kostet das mich meinen wohlverdienten Schlaf. Die Arbeit, von der ich vorhin sprach, mu? morgen früh fertig sein.?
Frau Josepha blickte, ein wenig verwundert, auf.
?Und deswegen entschuldigen Sie sich? Herr von Wodersen hat mir schon erz?hlt, wie viel Sie zu arbeiten haben, vorhin, wie Sie mir auf dem Rennplatz auffielen ...?
?Ich? Und wodurch, wenn ich fragen darf??
Sie err?tete ein wenig.
?Das sag' ich Ihnen ein andermal! Na, und nun der Steckbrief.?
?Ja, gn?dige Frau, ich wei? nicht ... also gut, ich hatte mich gewundert, da? Sie so rückhaltlos zu mir sprachen. Ueber Dinge, die man sonst ... na, und da versuchte Herr von Wodersen, mir das zu erkl?ren. Ich h?tte mir darauf nichts einzubilden, weil Sie immer aussprechen würden, was Sie gerade denken. Aus unbedingter Wahrheitsliebe oder – ich wei? nicht recht mehr – aus Bequemlichkeit ...?
Frau Josepha sah sinnend geradeaus.
?Ich wei? es selbst nicht. Als Kind hab' ich vielleicht zu wenig Schl?g' gekriegt. Ich war ein arg verzogener Fratz ... Aber in einem hat er unrecht, der Herr von Wodersen n?mlich: Sie dürfen sich doch was drauf einbilden! Ich war furchtbar ?rgerlich und verstimmt. Jeder andere h?tte Grobheiten zu h?ren gekriegt, aber bei Ihnen war mir's halt so, als mü?t' ich Ihnen erkl?ren, weshalb ich so verstimmt war ...?
?Komisch,? mu?te er unwillkürlich denken, ?das eitle kleine Frauenzimmer da bildet sich wahrhaftig ein, es w?re so etwas wie der Mittelpunkt der Welt.?
Frau Josepha setzte sich hinter das Steuer, er nahm zu ihrer Linken Platz, der Chauffeur drehte die Kurbel an und sprang auf den langen Seitentritt.
?Wir haben nur ein paar Minuten zu fahren,? sagte sie, lenkte den schweren Wagen durch eine Lücke der die breite Heerstra?e entlangziehenden Fuhrwerke in freie Bahn. ?Und auf das, was Sie eben gedacht haben, antwort' ich Ihnen zu Hause. Jetzt mu? ich aufpassen ...?
Sie brach ab. Eine Droschke kam angejagt, deren Lenker anscheinend die Gewalt über sein R??lein verloren hatte. Haarscharf bog das Auto an den schleudernden R?dern vorbei. Da verfiel sie zornig in ihren heimatlichen Dialekt: ?Kruzitürk'n, h?tt grad no g'fehlt! A Schlamperei is das, und, Karl,? rief sie dem Chauffeur zu, ?merken S' sich die Nummer von der Droschken! So a Kerl, dem a lahme Zieg'n durchgehn tut, mu? den Fahrschein verlieren.?
Die Villa Rheinthaler lag in einer Seitenstra?e der K?nigsallee, inmitten eines gro?en Parkes, den dichtes Buschwerk und ein hohes Eisengitter gegen zudringlichen Einblick der Vorübergehenden verschlossen. Schlanke Kiefern hoben sich aus weiten Rasenpl?tzen, seltene Zierb?ume vereinigten sich zu Gruppen, aus einem Teppich bunter Blumenbeete sprang der m?chtige Strahl einer Font?ne. Als die Autos in die Auffahrtsrampe lenkten, eilte ein halb Dutzend Diener herbei, die Ankommenden in Empfang zu nehmen.
?So,? sagte Frau Josepha, ?jetzt entschuldigen Sie mich ein paar Minuten. Ich bin gleich wieder da, will mich nur ein bi?chen hübsch machen. Für Sie!?
?Noch hübscher?? fragte er kecker, als es sonst in seiner ein wenig schwerf?lligen Art lag.
?M?glichst hübsch,? erwiderte sie l?chelnd, ?um einen Spartaner seinen strengen Grunds?tzen abwendig zu machen.?
Da folgte er ihr in das Haus, ganz unsicher, was er von alledem halten sollte. Glaubte diese, anscheinend über die Ma?en verw?hnte junge Frau vielleicht, er w?re mit ein paar liebenswürdigen Redensarten einzufangen? Um nachher in ihrem Hofstaat einherzutraben, wie etwa der kleine Landsberger Husar ...
Die weite Halle füllte sich mit G?sten. In den beiden Automobilen von dem Grunewaldrestaurant mochte etwa ein Dutzend mitgekommen sein, die übrigen, mehr als zwanzig, hatten anscheinend schon auf die Heimkehr der Wirte gewartet. Auf dem in der Mitte stehenden Billard war eine Boulepartie im Gange. Die vier Spieler protestierten, teils scherzhaft, teils im Ernst gegen die St?rung. In einer Ecke bearbeitete ein Jüngling in wei?em Tennisdre? das Klavier, zwei, drei Paare tanzten Tango. Alles schwatzte durcheinander, ein dicker Herr fuchtelte mit dem Arm in der Luft und rief laut: ?Heda, Wirtschaft! Whisky und Soda! Ich komm' fast um vor Durst ...?
?Doller Betrieb, was??
Gaston blickte auf, der Hausherr stand neben ihm.
Er verneigte sich h?flich.
?Wohl dem, der ein so gastfreies Haus zu führen vermag.?
?Haus? Schon mehr ein Restaurant! Sehen Sie den Dicken da, der so nach Whisky brüllt? Das ist der gewerbsm??ige Spieler Leopold David! Wenn ich ihn ansehe, fehlen mir ungef?hr dreimalhunderttausend Mark. Ich bin seiner eisernen Ruhe nicht gewachsen, aber gerade das reizt mich ... und, was wollte ich doch sagen? Ja richtig – so geht das hier jeden Sonntag zu. In der Woche weniger. Da ladet meine Frau mir nur meine st?ndige Pokerpartie ein, weil ich keinen Klub besuchen kann. Hier drin n?mlich ist alles kaput? – er schlug sich mit der Faust gegen die Brust, ein kurzer, trockener Husten folgte danach, er sprach nur mit Mühe weiter: ?Ja, also, was spielen Sie? Gar nichts? Das ist sehr bedauerlich! Was wollen Sie da mal als pensionierte Exzellenz machen? Ich lebe nur, wenn ich Karten in der Hand habe. Im Sarge gedenk' ich die 'Teufelspatience' zu legen, die geht erst am Jüngsten Tag auf. Na denn, auf Wiedersehen. Herr David winkt mir, die Partie kommt in Gang. Sie entschuldigen mich wohl ... jeder amüsiert sich hier auf seine eigene Fasson. Wenn Sie flirten wollen, es ist alles da! Nicht wie bei armen Leuten ... Wenden Sie sich nur an meine Frau, die wird's Ihnen aussuchen. Erst vorige Woche hat sie eine Verlobung gestiftet, und der Br?utigam konnte lachen. Die einzige Tochter von Martin Neudecker ... zwei Millionen bar auf den Tisch des Hauses, nach dem Ableben des hochverehrten Papas und Erblassers das Vierfache. Und so was Aehnliches l?uft hier noch in mehreren Exemplaren herum, zum Beispiel die reichere, dafür jedoch h??lichere Cousine der eben genannten, christlichen Jungfrau und Braut – aber jetzt entschuldigen Sie mich wohl wirklich. Wenn Sie Durst oder Hunger haben, brauchen Sie nur zu klingeln.?
Gaston fühlte einen feuchtkalten H?ndedruck und stand allein. Allein in einem Haufen von Menschen, die ihn nichts angingen, und deren Gebaren ihm fremdartig vorkam, wie aus einer anderen Welt. Es war ja ganz interessant, da mal hineinzublicken, aber damit auch holla ... Und jetzt h?tte er sich still entfernen k?nnen, niemand achtete auf ihn. Nur es reizte ihn, zu erfahren, ob Frau Josepha wirklich erraten haben mochte, was er vor dem Besteigen des Autos gedacht hatte.
Der Jüngling am Klavier intonierte pl?tzlich den Einzugsmarsch aus dem ?Tannh?user?, oben auf der Treppe, die von der Halle zu einer Galerie führte, erschien Frau Josepha. In einem Kleid aus duftigem, wei?em Stoff, das Hals und Schultern frei lie?, eine gro?e, purpurdunkle Rose vor der Brust. In dem hoch aufgesteckten Haar blitzte ein Diadem aus Brillanten und Rubinen ... wie eine K?nigin stand sie da, lie? ihre Blicke gleichgültig über die Menge da unten schweifen. Er sah hinauf, da winkte sie mit dem F?cher, lachte und rief etwas hinab, was er bei der dr?hnenden Musik nicht verstand. Nur ein gewisser Stolz erfüllte ihn, als die in der N?he Stehenden ihn verwundert anblickten. Irgendwoher aus der Menge kam eine fettige Stimme in unverf?lschtem Dialekt: ?Da schau her, a neuches Schweinderl in Frau Circes Hofstaat! Noch schaut's aus wie a Mensch, aber gib Obacht – in a paar T?g wird's zu grunzen anfangen ...?
Brüllendes Gel?chter ringsum, die Zornr?te stieg ihm ins Gesicht. Aber t?richt w?re es gewesen, zu zeigen, da? er sich getroffen fühlte, oder gar den Rückzug anzutreten. Nur eins war natürlich klar: heute war er zum ersten- und letztenmal in der Villa Rheinthaler gewesen ...
Frau Josepha kam langsam die Treppe hinab und ging durch die Menge wie eine Fürstin, die Cercle hielt. Hie und da sprach sie eine Dame oder einen Herrn an, endlich stand sie vor Gaston.
?Das ist nett von Ihnen, da? Sie geblieben sind. Und bin ich jetzt sch?n genug, da? Sie ab und zu mal wiederkommen werden? Wenn Ihr strenger Dienst es erlaubt??
Er bi? sich auf die Lippen und verneigte sich stumm. Wollte sie ihn l?cherlich machen vor den anderen, oder warf sie sich ihm an den Hals?
Frau Josepha wartete einen Augenblick auf die Antwort, dann sprach sie l?chelnd weiter.
?In einer Stunde wird das Auto vor der Tür stehen – es ist nicht viel anders, als h?tten Sie ein wenig l?nger beim Nachtmahl gesessen. Inzwischen gestatten Sie, da? ich Sie ein bisserl bekannt mache.? Sie sah sich um, winkte einer jungen Dame, die von einem Kreise von Courmachern umringt war: ?Ach, liebe Magda ...?
Die junge Dame, eine Rotblondine mit mageren Schultern, blickte auf.
?Was denn, liebe Josepha??
?Gestatte, da? ich Dir Herrn Hauptmann von ... pardon, wie war doch gleich der Name??
?Von Foucar ...?
?Herr Hauptmann von Foucar – Fr?ulein Magda Neudecker! Sie werden viele Berührungspunkte haben, meine Herrschaften, in der beiderseitigen ernsten Lebensauffassung ...?
Frau Josepha neigte l?chelnd den Kopf mit den schweren Flechten und dem funkelnden Diadem und schritt zu der n?chsten Gruppe. Die junge Dame trat einen Schritt n?her und kniff die kurzsichtigen Augen zusammen.
?Wie ich sehe, Herr Hauptmann, geh?ren Sie zum Generalstab, nach Ihrer Uniform zu schlie?en. Ja, da wird gearbeitet, das wei? ich von einem Vetter, einem Grafen Krottenburg – er hat eine Cousine von mir geheiratet. Wissen Sie, von der 'anderen' Linie der Neudecker ... wenn Sie in der Berliner Gesellschaft ein bi?chen Bescheid wissen, werden Sie sich auskennen.?
?Keine Ahnung, mein gn?diges Fr?ulein ...?
?So, nicht? Na, mir widerstrebt es ... lassen Sie sich das von unserer Wirtin erkl?ren, gelegentlich ... nur so viel, mein Vetter Krottenburg hatte eine kleine Entt?uschung zu verzeichnen infolge einer falschen Auskunft – es war wieder einmal eine Verwechslung passiert mit der anderen Neudeckerschen Linie ... aber ja, was die ernsthafte Lebensauffassung anbetrifft, da finden Sie in mir eine kongeniale Seele.?
So sprach sie noch eine Weile lang selbstgef?llig fort, ihre Zunge lief wie das Rad eines Scherenschleifers, und Gaston fühlte ordentlich, wie sie ihn dabei mit prüfenden Blicken betrachtete. Ob es sich wohl lohnte, vom Standpunkt einer Millionenerbin aus, diesen neuen Bewerber, den man ihr vorgeführt hatte, ein wenig n?her kennen zu lernen.
Als er sich nach schroffer Verneigung umwandte und zum Ausgang schritt, begegnete ihm Frau Josepha mit einem, wie ihm scheinen wollte, spitzbübischen L?cheln in den Augenwinkeln.
?Was denn? Doch nicht etwa schon fort? Das Auto, das Sie heimbringen soll, ist noch nicht vorgefahren. Es fehlt noch eine halbe Stunde – genau auf neun hab' ich's befohlen. Und ich hab' Sie noch was zu fragen.?
Sie deutete auf eine offenstehende Tür, die zu einem hell erleuchteten, saalartigen Zimmer führte. Er neigte den Kopf und folgte. Was lag schlie?lich an der halben Stunde?
In einer Ecke stand ein runder Pokertisch, von einer gro?en H?ngelampe bestrahlt. Die sieben Pl?tze waren besetzt, hinter den Stühlen standen ein paar schweigsame Zuschauer. Ein klapperndes Ger?usch von Zeit zu Zeit, wenn die beinernen Chips in die Mittelschale flogen, die notwendigen Erkl?rungen im Spiel wurden nur halblaut gegeben. Einer der Herren wandte den Kopf, eine Hakennase stand über einem Paar flackernder Augen.
?Na, Baronchen, amüsieren Sie sich??
?Danke, ausgezeichnet!?
?Um so besser!? ... Ein heiseres Lachen folgte: ?Et quant à moi, ma chérie ... unberufen – ein Festschie?en! Aujourd'hui j'ai une veine comme un ...?
Ein einziger an dem runden Tische belachte die zynische Bemerkung: der dicke Herr David, den der Hausherr vorhin als gewerbsm??igen Spieler bezeichnet hatte. Die anderen blickten nicht einmal auf, griffen mit gespannten Gesichtern nach ihren Karten. Frau Josepha aber zog die Augenbrauen zusammen. Sie seufzte leicht auf und wies auf einen breiten Klubsessel.
?Da bitt sch?n! Und wollen's was zum Trinken haben? Nicht ... na denn ...? Sie setzte sich ebenfalls, kreuzte die kleinen Fü?e in den Atlasschuhen und legte die wei?schimmernden Arme auf das dunkelrote Leder der Seitenlehnen. Kein Schmuck st?rte die prachtvoll verlaufende Linie bis zu dem feinen Handgelenk, nur an den schlanken Fingern funkelten ein paar Ringe.
?Alsdann ... ich hatte versprochen, ich würd' Ihnen sagen, was Sie gedacht haben, eh' da? wir eingestiegen sind. Sie haben gedacht: 'Hat die Frau einen Gr??enwahn! Bildet sich ein, alles auf dieser Welt dreht sich um sie.' Stimmt das??
?So ?hnlich!?
?Na, sehen Sie! Und jetzt will ich Ihnen erkl?ren, wieso ich mir das einbild'. N?mlich erstens denkt jede Frau so, die ein bisserl hübsch ist, und zweitens, bei mir ist das immer so gewesen, in der Welt, die um mich 'rum war. Schon als Kind ... Mein Vater betete mich an, jede Ungezogenheit von mir war ein geistvolles Aper?u, und ich ... als siebenj?hriges M?del hab ich schon drauf gespitzt, ob die Leute auf der Gassen sich nach mir umschauten! Und sp?ter beim Theater – wie ich dahin gekommen bin, ist eine Geschichte für sich – ja, Sie dürfen's wirklich glauben, ganz Wien war in mich n?rrisch! Jeden Tag Blumen und Geschenke von ganz unbekannten Menschen, und alle Wochen fast ein Heiratsantrag. Wissen's, die Leuteln da unten sind leichter beweglich als hier oben ... also schlie?lich auch ein – na, sagen wir mal, ein sehr ein hochstehender junger Herr. Ein Bürscherl noch, aber ein sehr hochgeborenes. Ich lacht' ihn aus, aber er kam wieder, wollt' auf all' seine Titel verzichten, wenn ich nur Ja sagen würd' ... Ein paar Tage drauf teilt mir mein Direktor mit, er k?nnt' meinen Kontrakt nicht verl?ngern. Aha, sagt' ich, und ich wei? schon, weshalb. Z'wegen h?here Rücksichten! ... Und da w?r' ich beinahe tück'sch geworden, h?tt' den Herrn Verwandten von dem hochgeborenen Bürscherl doch noch den Streich gespielt! Aber ich besann mich, ich hatt' ein Beispiel vor Augen, auch von so einer morganatischen Ehe ... also nach Berlin. Geheult hab' ich ... in Wien taten die Herren Rezensenten Feuilletons über mich schreiben, hier erwischt' ich bei der fünfzigsten Aufführung ein Notizerl von zwei Zeilen. Da kam mein Mann. Das hei?t, er wurd's erst sp?ter ... Herr Fritz Rheinthaler. Zuerst lud er mich mit einem prachtvollen Ring aus Brillanten und Smaragden ein, ich m?chte bei dem n?chsten seiner 'berühmten Herrenabende' mitwirken. Als ich ihm den Ring zurückschickte, kam er pers?nlich. Ich lie? ihn nicht vor ... er kam aber jeden Tag wieder ... drei Wochen danach hatte ich eingewilligt, seine Frau zu werden. Eigentlich wegen einem guten Witz. Er hatte mir n?mlich geschrieben, er selbst w?r' h??lich. Aber er h?tte das sch?nste Haus in Berlin, die sch?nsten Autos und Pferde, nur die sch?nste Frau t?t' ihm noch fehlen ... Da mu?t' ich lachen ...?
Frau Josepha machte eine kleine Pause, strich sich über die Stirn und sah nachdenklich auf ihre Fu?spitzen.
?Ja, so hab' ich ihn halt genommen. Auch weil er mir ein bisserl leid tat ... Na, und jetzt –? Sie blickte wieder auf – ?jetzt ist die Reih' an Ihnen. Aber hübsch ausführlich, bitt' ich mir aus!?
Er schrak unwillkürlich zusammen. Zuerst hatte er aufmerksam zugeh?rt, dann war es wie ein sachtes D?mmern gekommen. In einem gro?en Garten blühten tausend Rosen, und die allersch?nste, eine tief purpurfarbene, neigte sich ihm zu.
?Ich, gn?dige Frau? Von mir ist wenig zu erz?hlen. Zum mindesten nichts, was Sie interessieren k?nnte.?
Sie machte eine kurze Handbewegung.
?Ah ... gehn's! Wenn man so ausschaut wie Sie ... Aber Sie haben ganz recht! Sie brauchen nicht mit Erlebnissen zu renommieren, das spürt man als Frau. Aber nur eins m?cht' ich gern wissen: wer ist denn augenblicklich die Glückliche??
Er err?tete bis unter die Haarwurzeln, und es klang unwilliger, als er beabsichtigt hatte: ?Gn?digste Frau, ich mu? gestehen, über solche Dinge habe ich noch nie zu einer Dame ...?
?Ah was, zu mir k?nnen's sprechen wie zu einem Bub'n ...?
?Nun denn, in meiner allerersten Leutnantszeit hatte ich ein paar kurze wilde Wochen. Die liegen hinter mir. Und ich glaube, ich hatte heute schon einmal Gelegenheit, auszusprechen, ich h?tte nicht einmal für die Freundschaft Zeit. Geschweige denn für irgend welche leichtfertigen Abenteuer!?
Frau Josepha lachte leise auf.
?Alsdann, wenn ich noch ein junges M?del w?r', in Sie t?t ich mich unrettbar verlieben! Aber jetzt will ich mal wieder ganz gesetzt sein: so schrecklich viel müssen Sie arbeiten??
?Ich mu? nicht, es ist mein freier Wille. Tausende machen sich ihre Karriere leichter.?
An dem Spieltisch wurde es ein wenig lauter, man sprach lebhaft durcheinander. Herr Rheinthaler wandte sich auf seinem Stuhle um: ?Du, Josepha, das h?ttest Du eben sehen sollen! So 'was war überhaupt noch nicht da ... drei Vierer gegeneinander, und ich kaufe zu Coeur A?, K?nig, Dame, Bube die Zehn – royal flush! Also, Sie dürfen mir heute überhaupt nicht fort, Herr Hauptmann, Sie sind meine Maskotte.?
Gaston erhob sich, ein pl?tzlicher Widerwille war in ihm aufgestiegen. Gegen die frivole Gesellschaft hier und die Frau, deren ganzes Gehabe doch darauf ausging, ihn listig zu umgarnen, zu einem Spielzeug zu machen für ihre Launen einer gewesenen Theaterprinzessin.
?Ich bedaure sehr, Herr Rheinthaler, ich habe zu Hause noch eine dringliche Arbeit zu erledigen. Gn?dige Frau, ich bitte gehorsamst um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen.?
Er klappte die sporenbewehrten Hacken zusammen, Herr Rheinthaler winkte mit der Hand: ?Auf Wiedersehen denn.? Frau Josepha sah ihn ordentlich erschreckt an.
?Ja, aber wieso denn? Es ist doch noch nicht neun Uhr, und ich wollt' Sie noch so vieles fragen.?
?Ich m?chte gern ein paar Schritte laufen. Die ganze Woche habe ich kaum Zeit, am frühen Morgen meine beiden G?ule zu bewegen.?
Sie bi? sich auf die Unterlippe.
?Dann will ich Sie nicht l?nger zurückhalten.?
Auf dem Vorflur gesellte sich der Landsberger Husar zu ihm, schnallte ebenfalls um und setzte die Mütze auf.
?Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir ein Stück zusammen. Ich habe in einem spontan entrierten Bac zwei Mille verloren. Das ist für den einzigen Sohn eines kümmerlich lebenden Agrariers reichlich genug.?
?Sagen Sie mal,? – Gaston deutete zurück – ?das Haus da ist wohl so eine Art von Mausefalle? Wie man's in den Romanen liest: die sch?ne Frau als Lockmittel, und den G?sten werden die Unkosten abgekn?pft??
Der Kleine blieb entrüstet stehen.
?Foucar, ich glaube – entschuldigen Sie den harten Ausdruck – Sie sind nicht recht bei Trost! Wissen Sie, was eine Kohlengrube ist??
?Ich denke ...?
?Na, davon besitzt Herr Rheinthaler ungef?hr ein Dutzend. Die n?tigen Hüttenwerke dazu – sein Gro?vater schon war einer der reichsten M?nner von ganz Schlesien, sein Vater hat das Verm?gen verdreifacht, und nun kann er sich noch so viel Mühe geben, er kriegt's nicht einmal fertig, die H?lfte seiner Zinsen auszugeben! Und die Frau? Wissen Sie, was die für eine Geborene ist? Eine richtige Baronin Nadanyi! Aus der morganatischen Ehe eines Prinzen von Leuchtenfels, der in ?sterreichischen Diensten stand, mit einer Dame aus b?hmischem Adel. Und das sind keine Theaterm?rchen, ich selbst habe die Dokumente gesehen! Wie so etwas zur Bühne kommen konnte, wollen Sie fragen? Die Mutter war früh gestorben, sie kam mit sechzehn Jahren ins Kloster. Da brannte sie durch. Ein sch?ngeistiger Pater hatte sie verrückt gemacht, weil sie Corneillesche Verse deklamierte, da? sich's anh?rte wie Musik. Ihr Herr Papa hatte keine Autorit?t, war auch wohl in den H?nden irgend einer Dame, die ihn ebenfalls morganatisch zu heiraten gedachte ... kurz, sie setzte es durch. Ein paar Jahre war sie an ?sterreichischen Provinzbühnen, dann kam sie nach Wien. Feierte beispiellose Triumphe ...?
?Ich wei?,? sagte er l?chelnd. ?Sie hat es mir vorhin erz?hlt.?
?Ah nein, lieber Foucar, nicht so ironisch! Ich habe die Kritiken gelesen. Es war fabelhaft! Hier in Berlin erlebte sie ja nachher eine Entt?uschung.?
?Aber sie hat sich mit Herrn Rheinthaler getr?stet! Erz?hlte sie mir auch vorhin. Na und nun wollen wir von etwas anderem reden. Müssen Sie noch heute nach Landsberg zurück??
?Nein, ich hab', Gott sei Dank, drei Tage Urlaub erwischt. Aber jetzt erlauben Sie mir eine Frage: Sind Sie wirklich so eine kaltschn?uzige Natur, oder verstellen Sie sich blo???
?Wie meinen Sie das??
?Nun, Sie haben heute eine der sch?nsten lebenden Frauen kennen gelernt ... Unsinn, die sch?nste Frau überhaupt! Sie hatten den Dusel, von ihr ausgezeichnet zu werden, und jetzt sagen Sie gewisserma?en, na wenn schon??
?Ah nein, das nicht! Es hat mich sehr lebhaft interessiert, eine Sorte von Menschen kennen zu lernen, die mir bisher fremd war. Menschen, die den einzigen Trieb in sich haben, schrankenlos ihren Gelüsten zu folgen, für die der Begriff Arbeit nicht zu existieren scheint, und die sich infolgedessen viel zu viel mit dem eigenen Ich besch?ftigen. Dafür hab' ich mal in einer Zeitung ein recht nettes Wort gelesen, das darauf anzuwenden w?re: 'Die janze Richtung pa?t mir nicht!' Es ist etwas in diesem Betrieb, da str?ubt sich mein Empfinden als Offizier und Edelmann dagegen. Es ist muffig! Treibhausatmosph?re, in die unsereins nicht hineingeh?rt.?
Der Kleine neben ihm st?hnte auf.
?Herrgott, was sind Sie zu beneiden! Haben Sie vielleicht eine kleine Eismaschine in der Brust? Ich bin seit einem halben Jahr ein bi?chen verrückt. Ich mu? das mal aussprechen, Sie werden es auch natürlich für sich behalten ...?
?Aber selbstverst?ndlich ...?
?Also die Frau ... ich glaube, ich schie? mich ihretwegen noch einmal tot. Sie hat etwas, was mich toll macht und meine Sinne reizt, irgend ein Fluidum, das auch ihre unerh?rten Erfolge beim Theater erkl?rt ... jeden Abend ausverkauft, aber nur wenige Damen im Publikum, lauter Herren.?
?Vielleicht mü?ten Sie blo? ein bi?chen forscher 'rangehen, lieber Wodersen. Nur dem Kühnen blüht das Glück.?
Der Landsberger Husar stie? unwillig mit der S?belscheide auf die Steinfliesen des Trottoirs.
?Sprechen Sie nicht so leichtfertig, Herr von Foucar! Das hei?t, pardon ... Sie kennen die Dame ja erst seit ein paar Stunden. Ich schw?re Ihnen, sie ist ihrem Manne unverbrüchlich treu. Das wei? ich genau, denn ich lasse sie beobachten. Lachen Sie nicht ... ich lasse sie t?glich beobachten und bekomme t?glich meinen Bericht. Es würde mich wahnsinnig machen, wenn ich verdursten sollte, w?hrend ein anderer ... na, ist gut! Und immer laufe ich um ein R?tsel herum, wie um ein Haus, zu dem kein Eingang zu finden ist ... weshalb hat sie nur diesen Menschen genommen??
?Um sich gl?nzend zu versorgen, vielleicht??
?Unsinn. Sie verfügt nach dem Tode ihres Vaters selbst über ein recht betr?chtliches Verm?gen.?
?Nun, vielleicht aus Mitleid??
?Auch das stimmt nicht. Wenn er seine Anf?lle hat, betritt sie nicht mit einem Fu? das Krankenzimmer.?
?Na, dann wei? ich wahrhaftig nicht. M?chte mir auch nicht den Kopf darüber zerbrechen.?
Ein paar hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her. Dann fing der Kleine wieder an:
?Bei ihm kann ich's verstehen. Er m?chte in seinen paar letzten Jahren noch alles an Genu? an sich rei?en, was auf dieser Welt zu haben ist. Wenn damals der Riesendiamant in Südafrika verk?uflich gewesen w?re – er h?tte ihn gekauft. So macht er's mit allem, was seiner Gier erreichbar ist.?
?Kann ich bis zu einem gewissen Grade begreifen. Aber unverst?ndlich ist es mir, da? er dieses mühsam errungene Juwel so schlecht behandelt. Pfui Deuwel noch einmal! Zum Ohrfeigen! ...?
Herr von Wodersen ballte die Faust.
?Ich war schon ?fter drauf und dran. Aber man darf sich doch an so einem kl?glichen Jammergestell nicht vergreifen. Und wer will sich in die Empfindungen eines so degenerierten Menschen hineinversetzen? Eines Menschen, der genau wei?, da? er in kurzer Frist ins Gras bei?en mu?? Vielleicht ist das noch der letzte Reiz für ihn, zu besudeln, was andere auf den Knien anbeten würden ... Na, gute Nacht! Ich sehe dort an der Ecke ein Auto stehen. Ich fahr' nach meinem Hotel, zieh' mich um und geh' noch irgend wohin, mich bet?uben. Haben Sie Lust, mitzukommen??
?Danke! Ich, im Gegenteil, brauche heute noch mein bi?chen Grips. Aber eins noch: Weshalb gaben Sie mir heute abend in dem Grunewaldrestaurant eine so wesentlich andere Auskunft über diese sch?tzenswerte Familie Rheinthaler??
?Weil ... na also sch?n, auf die Gefahr hin, da? Sie ein bi?chen gr??enwahnsinnig werden – Frau Josepha hatte mir schon auf der Rennbahn befohlen, Sie heranzuschleifen. Sie waren ihr aufgefallen, und zwar gleich so, da? ich es mit der Eifersucht kriegte. Da hatte ich mich zuerst natürlich geweigert. Dann aber, als Sie in das Restaurant kamen, hatte sie mit ihren scharfen Augen Sie sofort entdeckt, ich mu?te gehorchen. Und nachher, als Sie mich beiseite nahmen, konnte ich Ihnen doch nicht gut raten: 'Drücken Sie sich wieder, so rasch als m?glich! Wenn Sie in kurzen vierzehn Tagen nicht ebenso ein trauriger Bonze werden wollen wie ich –' Da h?tten Sie mich doch für leicht verrückt halten müssen! Ekelhaft ist das alles, nicht wahr? Na, gute Nacht, Foucar, und auf Wiedersehen morgen abend oder sp?testens n?chsten Sonntag.?
?Gute Nacht, Wodersen! Wenn Sie aber meinen sollten, in der Villa Rheinthaler, fürchte ich, wird aus dem Wiedersehen nichts werden!?
?Ich lege Ihnen hundert zu eins, bis n?chsten Sonntag sind Sie dagewesen!?
?Und ich bin nicht habsüchtig genug, Sie beim Wort zu nehmen: der Ausgang der Wette würde nur in meinem Belieben stehen. Aber da wir schon dabei sind, ein paar von den Klappen hochzuziehen da innen, die man sonst vor anderen geschlossen h?lt, ja, da m?chte ich bemerken, da? ich einige altmodische Grunds?tze habe. Einer davon lautet, man soll nicht in eine Ehe einbrechen, auch wenn sie noch so schlecht verwahrt ist! Oder die Tür sperrangelweit offen steht.?
Der Kleine sah ihn fast feindselig an.
?Sie tun ja ganz so, als brauchten Sie nur den Finger auszustrecken, und ...?
Er fiel ihm ins Wort: ?Das ist ein Mi?verst?ndnis. Ich sprach im Augenblick ganz allgemein ... nichts lag mir ferner, als der von Ihnen verehrten Dame irgendwie zu nahe zu treten.?
?Dann ist's gut – danke. Was aber unsere Wette angeht ...?
?Also, wenn Sie Ihr Geld durchaus los werden wollen: ein gutes Sektfrühstück! Jeder von uns darf ein paar G?ste mitbringen.?
?Abgemacht! Und wir werden ja sehen, wer das Frühstück bezahlt.?
Herr von Wodersen stieg in das Auto, er rief ihm lachend nach: ?Immer derjenichte, welcher verloren hat ...? und ging langsam seiner Wohnung zu. Sie lag in der Rankestra?e, wegen der bequemen Verbindung zu seiner t?glichen Dienststelle. Er hatte reichlich Zeit, die Ereignisse des Nachmittags noch einmal zu überdenken. Und da überkam ihn fast ein Gefühl der Mi?achtung gegen den kleinen Husaren ... Schlapp war es, sich so widerstandslos einer – im letzten Grunde doch verbrecherischen – Leidenschaft hinzugeben! Da mu?te man sich einfach bei den Ohren nehmen, holla, bis hierher und nicht weiter! Und die Zeiten der Troubadoure waren doch vorüber ... ein Ziel mu?te man sich ausrichten, nach dem man strebte, da war Minnedienst vom Uebel!
Er stieg die drei Treppen zu seiner Wohnung empor, im Vorzimmer machte er Licht und trat vor den Spiegel. Kopfschüttelnd betrachtete er sein Bild. Unsinn, es sah noch genau so aus wie sonst. Keine Spur eines interessanten ?Helden?, ein nüchterner preu?ischer Offizier, der keinen anderen Ehrgeiz kannte, als an dem Platze, auf den man ihn gestellt hatte, vollauf seine Pflicht zu tun ...
Er entsann sich, da? er nicht immer so gefestigt gewesen war wie heute, ein paar Wochen in seiner frühesten Leutnantszeit gehabt hatte, wo er beinahe unter die R?der gekommen w?re ... Wegen eines raffinierten kleinen Frauenzimmers, das er – im Notfall unter Einsetzung der eigenen Existenz – aus dem ?Sumpfe? zu erretten gedachte, in den es schuldlos geraten war. Auf der Bühne eines vorst?dtischen Gartenlokals sang sie in langem Schleppkleide sentimentale Lieder, von der letzten Rose und dem Vergi?meinnicht am Bachesrand. Heute mu?te er darüber l?cheln, aber damals war er so unsinnig verliebt gewesen, da? ihn das Herz an allen Ecken und Enden drückte. Und als die sentimentale S?ngerin, die bei dem vorst?dtischen Publikum vielen Beifall fand, ihm bei einer Flasche sauren Mosels ihr Vertrauen schenkte, da war sein Entschlu? gefa?t. Heilige Ehrenpflicht war es, die wegen eines einzigen Fehltritts von den grausamen Eltern Versto?ene vor dem Untergange zu bewahren, und kurz entschlossen bot er ihr Herz und Hand. Sie begnügte sich vorl?ufig mit dem gr??ten Teile seines monatlichen Wechsels, aber Gott allein mochte wissen, zu welchen t?richten Streichen ihn seine Verliebtheit getrieben h?tte, wenn ihn nicht einer der ?lteren Regimentskameraden in eine Art von Gewaltkur genommen h?tte. Er lud ihn zu einem gr??eren ?Budenfest mit Damen?, ersuchte ihn aber, erst ein paar Stunden nach dem offiziellen Anfange zu erscheinen. Unter den ?Damen? befand sich auch seine sentimentale S?ngerin, aber sie schien sehr lustig, drehte sich auf dem Tisch in einem uns?glich frechen Tanz, und als er sie entsetzt anstarrte, schlug sie ihm mit der Fu?spitze die Mütze vom Kopf. Da schossen ihm die hellen Tr?nen in die Augen vor grimmem Weh, dann aber stieg ihm der Ekel empor in den Hals ...
Also diese Art tempor?ren Wahnsinns um ein Weib hatte er auch durchgemacht am eigenen Leibe. Da war es wohl ein wenig ungerecht, sich über den Landsberger Husaren wie ein Pharis?er zu erheben. Bei dem einen entwickelten sich die Hemmungsgefühle, die den Menschen vor Torheiten bewahren, früher, bei dem andern sp?ter. Und schlie?lich, wer wollte sagen, was er tun oder lassen würde, wenn ihm eines Tages die Leidenschaft wie ein Feuerbrand in die Seele schlug? ...
Er holte die Arbeit aus dem sicheren Verschlusse des Schreibtisches, aber in den ersten Stunden wollte sie nicht recht schmecken. Ein paar wei?e Arme st?rten ihn ab und zu zwischen den Zahlenreihen und eine tiefpurpurne Rose. Und manchmal besch?ftigte ihn der Gedanke, was er wohl beginnen würde, wenn das Schicksal ihm so unerme?liche Reichtümer in den Scho? geworfen h?tte wie diesem Manne, der als ein Gezeichneter des Todes sich von Genu? zu Genu? schleppte. Da mu?te er l?cheln. Beim besten Willen gelang es ihm nicht, viel mehr zu verbrauchen, als ihm jetzt schon im Jahre zur Verfügung stand. H?chstens ein schnittiges Juckergespann h?tte er sich noch angeschafft und einen aus allerbestem Blute stammenden englischen Hunter, der eine mannshohe Mauer wie ein leichtes Hindernis sprang. Weiter reichten seine Wünsche nicht, und die konnte er bei einiger Einschr?nkung in der kleinen Garnison da fern im Osten auch aus eigenen Mitteln bestreiten. Vierhundert Mark im Monat neben seinem Gehalt als Rittmeister. Damit heirateten andere und unterhielten eine Familie. Seine Gedanken flogen der nahen Zukunft voraus. Wie hatte der Oberst Wegener gestern gesagt? ?Verplempern Sie sich nicht, ehe Sie die kleinen ostpreu?ischen M?dels kennen gelernt haben!? Na, da war nicht viel Gefahr. Das kleine Abenteuer heute war gewisserma?en eine Probe aufs Exempel gewesen. Ein anderer h?tte vielleicht schon lichterloh gebrannt unter den Augen der sch?nen Frau Rheinthaler – er hatte sich als der standhafte Zinnsoldat erwiesen. Nur die für den Oberleutnant Wentorp übernommene Arbeit machte bei diesen irrlichterierenden Gedanken keine sonderlichen Fortschritte.
Der Sommermorgen blaute schon zum Fenster hinein, als er mit einem Ausatmen die Feder aus der Hand legen durfte. Er ?ffnete die Flügel und lehnte sich hinaus. Auf dem obersten Knaufe des turmartigen Aufbaues an dem Eckhause drüben sa? eine Amsel und sang in die heilige Morgenstille ein sehnsüchtiges Liebeslied. Nur ganz von ferne kam ein leises, rhythmisch auf- und abschwellendes Ger?usch. Der Atem der noch schlafenden Riesenstadt. Und da überfiel ihn eine seltsam schwermütige Stimmung. Ganz einsam stand er in der weiten Welt, au?er der gebrechlichen alten Dame daheim kein Mensch, der sich um ihn sorgte. Keinen wirklichen Freund unter den vielen Kameraden, dem man sich in vertraulicher Stunde ganz aufschlo?, der in der Not für einen eintrat, wie für sich selbst. Vielleicht lag es daran, da? ihm die F?higkeit abging, eine sich entspinnende Bekanntschaft bis zur Freundschaft zu pflegen. Immer hatte sich ihm im letzten Augenblick da innen eine Wand emporgeschoben, über die er nicht hinauskonnte. Und wenn er jetzt in nicht allzu langer Zeit nach dem Osten ging, ri? sein Scheiden in den Kreis, der sich ein paarmal in der Woche zu versammeln pflegte, keine Lücke. H?chstens, da? der eine oder andere mit einer gewissen Bitterkeit bemerkte: ?Na ja, er hat's wieder einmal geschafft, der kaltnasige Streber! Kriegt seine Schwadron au?er der Tour, überspringt ein Dutzend Vorderm?nner, der Schuster!?
Ein Vers flog ihm durch den Sinn, den er mal vor Jahren in einem Gedichtbuche gelesen hatte:
Auch keinem hat's den Schlaf vertrieben,
Da? ich am Morgen weitergeh –
Sie konnten's halten nach Belieben,
Von einer aber tut's mir weh – – –
Das letzte stimmte nicht recht, nicht ein einziges kleines M?del in dem ganzen gro?en Berlin dachte an ihn, wenn er sich anschickte, Abschied zu nehmen. Von gar manchen seiner unverheirateten Kameraden wu?te er, da? sie in den Vierteln im Norden eine sü?e kleine Verschwiegenheit hatten, mit der sie im R?uberzivil am Sonntag irgendwohin über Land fuhren. Er war immer nur als ein Packesel dahingetrabt, dem die anderen Arbeit aufhalsten. Wie dieser freche Schlot von Wentorp, dem er in ein paar Stunden wegen der angeblich verstorbenen Tante einen Sack voll Grobheiten zu sagen gedachte. Er selbst hatte keine Zeit für t?richte T?ndeleien, ging auf dem Heimweg gleichgültig gradeaus den Kurfürstendamm hinunter, wenn er es auch zuweilen fühlte, da? ihm ein paar blaue oder braune M?dchenaugen wohlgef?llig folgten. Und noch etwas anderes hielt ihn zurück ... ein gewisses, hochgesinntes Spartanertum. Schlechtbehütete junge M?dchen aus gutem Hause schienen ihm die meisten, die da mit bl?nkernden Augen um sich sahen. Den Frevel mochten andere begehen ... wenn ihn das Blut trieb, folgte er einigen lustigen Kameraden. Irgendwohin, wo nichts mehr zu verderben war ... Da war es ganz natürlich, da? man einsam verblieb, trotzdem die sch?ne Frau Rheinthaler noch vor wenigen Stunden gesagt hatte, man s?he wie einer aus, der seine tausend Abenteuer mit diskretem L?cheln verschwiege. Wahrscheinlich achtete sie ihn jetzt gering, weil er so ehrlich widersprochen hatte, und wieder war eine Chance verscherzt, die andere vielleicht skrupellos wahrgenommen h?tten. Es wurde ihm hei? bei dem Gedanken. Als ihn endlich die Müdigkeit übermannte, lag er noch eine ganze Weile mit offenen Augen. Die aller Hemmungen bare Phantasie in dem D?mmerzustand zwischen Wachen und Tr?umen zauberte ihm allerhand lockende Bilder vor ...