Es kamen die Wochen, die der Chef vorausgesagt hatte. Wochen, die an die Arbeitskraft der Herren in seiner Abteilung Anforderungen stellten, denen man nur mit erh?hter Anspannung des Pflichtbewu?tseins gewachsen war. Zu einer Maschine wurde man, die ihr Letztes herzugeben hatte. Nach Mitternacht vom Bureau ins Bett, ein paar Stunden Schlaf und wieder ins Bureau. Minuten für das Frühstück, eine Viertelstunde fürs Mittagessen ...
ein rasendes Eilzugstempo in der Arbeit, die trotz aller Hetze bis aufs letzte Tüpfelchen stimmen mu?te, und immer dabei das niederdrückende Gefühl, das Ganze w?re nicht viel anders als eine spielerische Schachpartie. Die Diplomaten schoben gut und schlecht Wetter wie ein Regisseur im Theater die hellen und dunklen Wolken auf der Leinwand. In der letzten Woche endlich sah es wieder so aus, als h?tte die ganze Arbeit einen wirklichen Zweck gehabt. Der ?politische Horizont? verfinsterte sich, ?Krieg, es gibt Krieg,? lief es durch alle Gassen. Das gro?e Haus am K?nigsplatze glich jedem Wissenden als eine rastlos im stillen arbeitende Maschine, deren aufgespeicherte Leistung sich in einem langhinzündenden Schlage entlud ... Da endlich ein Aufatmen, die Arbeit war fertig, es konnte losgehen. Wie bei einer schweren Mensur: ?Herr Unparteiischer, wir von unserer Seite sind bereit ...? Der oberste Kriegsherr hatte nur das Wort zu sprechen, das ein ganzes Volk zu den Waffen rief, und der sorgsam vorbereitete Apparat funktionierte wie eine seit Jahren eingespielte Maschine ... Nirgends eine Stockung ... Die Hunderte sammelten sich in den kleinen St?dten und D?rfern. Die Tausende flossen zusammen in gr??ere Rinnsale, und schlie?lich schieden sie sich in zwei gewaltige Str?me nach Westen und Osten ...
Der Abteilungschef rief seine Untergebenen zusammen. Die Augen standen ihm hohl unter der Stirn, denn er hatte sich mehr zugemutet als all die übrigen.
?Ich danke Ihnen, meine Herren, ich glaube sagen zu dürfen, wir haben unsere Schuldigkeit getan. Wir sind fertig. Seine Majest?t brauchen nur auf den Knopf zu drücken, um sich davon zu überzeugen. Na denn: Guten Abend allerseits ...?
Kein Hurra danach, keine chauvinistische Phrase, nur man trennte sich mit leuchtenden Augen. Es war mehr wert als ein Orden, da? der im Dienste sonst so wortkarge Chef sich zu dieser unerh?rt langen Rede aufgeschwungen hatte.
Gaston von Foucar hatte sich mit mehreren, gleich ihm unverheirateten Kameraden zu einem kleinen Zivilbummel verabredet. Erst in ein Weinrestaurant in der Franz?sischen Stra?e, um dort einer guten Flasche den Hals zu brechen, endlich einmal etwas Ordentliches zu essen nach all den entbehrungsreichen Wochen, und dann wollte man weiter sehen ... Je nach der Stimmung. Ein bescheidenes Glas Bier oder sch?umenden Sekt irgendwo, wo es Musik gab und fesche M?del. Aus der einen Flasche wurden mehrere, man entschied sich für den ?unsoliden Lebenswandel?. Wer mochte wissen, ob er in wenigen Wochen nicht schon ein toter Mann war! Da schlugen auch ernsthafte Leute mal über die Str?nge ...
In dem eleganten Ballokal in der J?gerstra?e war ?gro?er Betrieb?. Alle verfügbaren Pl?tze besetzt, in dem Mittelraum ein Gewoge tanzender Paare, helle Toiletten und schwarze Fracks ... über den wei?en Hemdbrüsten gebr?unte Gesichter mit deutlich abgesetzter, heller Stirn ... ein reichliches Schock von Provinzleutnants, die das Boxer-, Schmirgel- oder sonstige Kommando für ein paar kurze Wochen nach Berlin geführt hatte. Die Musik spielte den neuesten Schlager aus einer Posse, ein Walzerlied, dessen Refrain unwillkürlich zum Mitsingen herausforderte. Sektpfropfen knallten dazwischen, sinnlose Schreie, Schwatzen und Lachen ... eine Welle von Licht, L?rm und übersch?umender Tollheit schlug den Eintretenden entgegen.
Einer der Kameraden verhandelte mit dem ?Herrn Direktor? über die Frage, für fünf Personen Platz zu schaffen. Gaston stand an dem Eingange zum Tanzsaal, ein schlankes blondes M?del stie? ihn an.
?Du, d?s' nich so! Da oben winkt Dir Eene egalwech zu, schon fast 'ne halbe Stunde.?
Er hob den Kopf, sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm ... wahrhaftig, da oben aus einer Loge winkte ein F?cher, und ein paar Augen lachten ihm zu, an die er in diesen Zeiten kaum einmal ganz flüchtig zurückgedacht hatte ... Und jetzt hatte ihn auch der Gatte der sch?nen Frau Rheinthaler ersp?ht. Er legte die H?nde an den Mund und rief etwas herunter, in dem L?rm jedoch war kein Wort zu verstehen. Da gab es kein Ausweichen mehr. Gaston entschuldigte sich für ein paar Minuten bei seinen Kameraden und stieg die breite Treppe empor, die zu den Logen führte. Mit Verwunderung und einigen Gewissensbissen. Wie, zum Teufel, kamen diese Leute hierher, wo doch nur die ganz unzweideutige Gesellschaft verkehrte? Und er entsann sich, eigentlich w?re es doch seine Pflicht gewesen, nach der ersten Einladung damals seine Karte abzugeben. Auch sonst hatte er sich an jenem Abend ein wenig rauh benommen. Aber Frau Josepha lie? es ihn nicht entgelten, streckte ihm mit aufrichtiger Freude die Hand entgegen.
?Grü? Gott, Herr von Foucar! Und ich glaubt' meinen Augen nicht trauen zu dürfen ... wie kommen Sie denn hierher? Der Gerechte unter die Gottlosen??
Er beugte sich über die schmale Hand mit den funkelnden Ringen: ?Ein Junggeselle hat ab und zu mal das Recht, sich eine Nacht um die Ohren zu schlagen, aber Sie, gn?dige Frau??
Frau Josepha zuckte mit den Achseln.
?Meinen's, ich tu's zu meinem Vergnügen? Die neueste Marotte meines Mannes. Aber, Fritz, m?chtest Du nicht ...?
Herr Rheinthaler nannte ein paar Namen der Herren und Damen, die in der Loge sa?en, es folgten einige Verbeugungen, dann fragte er laut: ?Nicht wahr, Herr Hauptmann, wenn ich mich recht entsinne, Sie sind doch im Generalstab??
?Zu dienen ...?
?Also, gibt's nu endlich Krieg oder Frieden? Man kommt aus den ewigen Beunruhigungen ja gar nicht mehr raus: soll man fixen oder kaufen??
?Pardon, diese Ausdrücke sind mir unverst?ndlich.?
Die herumsitzenden Herren lachten kurz auf, Herr Rheinthaler schnitt eine Grimasse.
?Beneidenswerter Mensch! Ich wollte, mir w?ren sie auch unverst?ndlich geblieben, diese Ausdrücke – da h?tte ich viel Geld erspart! Also ich wollte fragen, ob man jetzt an der B?rse auf Hausse oder Baisse spekulieren soll. Wenn man einen sicheren Tip besitzen würde, k?nnte man einen hübschen Posten auf Gewinnkonto verbuchen.?
Gaston parierte die taktlose Anzapfung mit einem Scherz, der die Lacher auf seine Seite brachte.
?Ich glaube, Sie verwechseln mich mit Sr. Exzellenz dem Herrn Kriegsminister. Aber ich fürchte, auch der k?nnte Ihnen keine ganz sichere Auskunft geben.?
Ein Herr mit glattrasiertem Gesicht, der neben Frau Josepha gesessen hatte, stand auf.
?I mu? eh' schon z' Haus, die verwaisten Kinder schreien nach ihren Vatter! Also, wenn's meinen Platz hab'n wolln, Herr Hauptmann ...? Er fühlte einen Widerwillen, klappte die Hacken zusammen.
?Bitte sehr, sich durch mich nicht st?ren zu lassen! Meine Kameraden, mit denen ich hierher gekommen bin, erwarten mich.?
Frau Josepha stand auf, drückte den glattrasierten Herrn auf seinen Platz zurück.
?Sie kommen noch früh genug in den Klub, Ihre paar Kreuzerln los zu werden ... und erlauben's mal ...? Sie trat aus der Loge, raffte ihr Kleid mit beiden H?nden und machte vor Gaston einen leichten Knix.
?Für mich haben's vielleicht noch ein paar Minuten übrig. 'Damenwahl' hat der Ma?tre unten ausgerufen ... darf ich bitten, Herr Hauptmann??
Er trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück.
?Um Gottes willen, gn?dige Frau, das geht doch nicht ...?
?Ah was ...? Sie warf den Kopf in den Nacken. ?Es geht schon in einem hin, und mir ist halt gerad' so zumut.?
Da verneigte er sich schweigend, bot ihr den Arm und führte sie die Treppe hinab. Die Musik spielte einen Wiener Walzer mit seltsam aufreizendem Rhythmus. Er mu?te aus einer bekannten Operette stammen, die meisten der T?nzerinnen in phantastischen Hüten und fliegenden Seidenf?hnchen sangen zu der Melodie den Text: ?Wo steht denn das geschrieben, da? man soll einen lieben? Man liebt oft mehrere, bald Leichtere, bald Schwerere ...? Einen hellen Juchzer gab es jedesmal, die Herren schwenkten ihre Damen hoch in die Luft. Frau Josepha legte sich in seinen Arm, er führte sie die erste Runde, als wenn er auf dem Hofballe im Wei?en Saal von einer Prinzessin befohlen gewesen w?re. Da spürte er einen leichten Druck, seine T?nzerin schmiegte sich n?her an ihn, und er griff zu. Schlie?lich war er doch kein S?ulenheiliger, und er hatte zwei Flaschen alten Rauenthaler im Leibe, das Blut ging ihm rascher als sonst durch die Adern. Da tanzte er wie all die anderen Paare ringsum ... wenn es ihr recht war, weshalb sollte er nicht? Und zum ersten Male sah er, wie sch?n die Frau eigentlich war, die, anscheinend dem Tanze ganz hingegeben, in seinem Arme dahinflog ... wie eine Feder so leicht. Den Kopf hatte sie ein wenig zurückgelegt, die Augen hielt sie halb geschlossen, unter den leicht ge?ffneten Lippen blitzten die wei?en Z?hne, und die feinen Nasenflügel zitterten. Da ging ihm das erhitzte Blut mit der kühlen Ueberlegung durch, mitten im dichtesten Gewühl beugte er sich nach vorn, pre?te eine Sekunde lang seine Lippen auf den schneewei?en Hals, da wo er sich aus dem spitzenbesetzten Kleidersaum hob. Sie schauerte leicht zusammen, lie? die Arme sinken: ?Bitte, führen Sie mich wieder nach oben!?
Auf der Treppe blieb er einen Augenblick lang stehen.
?Sind Sie mir b?se, gn?dige Frau??
Sie strich sich mit einer müden Bewegung eine kleine Haarstr?hne aus dem Gesicht.
?Wieso denn? In unseren Kreisen nimmt man das nicht so genau ... Nur ...? Sie brach ab und zog mit einer kurzen Bewegung das feine Batisttuch durch die geschlossene Hand.
?Na, was denn, wenn ich fragen darf??
Sie schüttelte den Kopf mit den schweren Z?pfen, auf denen ein merkwürdiges Geflecht thronte aus gelbem Stroh und schwarzen Spitzen, mit einem kostbaren Marabou an der Rückseite, der wie ein Helmbusch in die H?he ragte.
?Ah na! Nur so viel: das, jetzt eben, stimmt nicht zu dem Bild, das ich mir von Ihnen in all den Wochen zurechtgemacht hab'.?
Da fühlte er den Drang, sich zu rechtfertigen.
?Gn?dige Frau, ich bin wie ein ausgehungerter Wolf. Vier Wochen lag ich an der Kette ... wie ein Kuli im Dienst. Heute hat man mich zum ersten Male ein bi?chen wieder losgelassen, da hei?t es, die Stunde genie?en. Wer wei?, morgen ?ndern sich vielleicht die Dispositionen, und die Rechnerei f?ngt von neuem an. Oder es geht endlich los, die b?sen Bleikugeln pfeifen, und man kü?t keinen wei?en Frauenhals mehr, sondern die kalte, schwarze Erde.?
Sie sah ihn aus erschreckten Augen an.
?Um Gottes willen, h?ren's auf! Aber haben Sie in dieser Zeit wenigstens ab und zu einmal an mich gedacht??
Da antwortete er ehrlich: ?Wie sollte ich wohl, gn?dige Frau? An dem ersten Abend freilich nach dem Rennen im Grunewald, da habe ich mich viel mit Ihnen besch?ftigt. Nachher hatte ich keine Zeit. Zu viel Dienst. Mein Abteilungschef hatte den sechzehnstündigen Normalarbeitstag eingeführt, und – Sie wissen vielleicht – bei den Milit?rsoldaten ist's noch nicht üblich, in solchen F?llen durch Streiken eine h?here Gewinnbeteiligung zu erzwingen.?
Sie nickte zufrieden.
?Jetzt sind Sie wieder wie damals ...? Und pl?tzlich lachte sie auf: ?Gott, war das komisch an dem Abend! Wie schlecht Sie die verw?hnte Magda Neudecker behandelt haben!?
?Gn?dige Frau, ich war an dem Abend in einer seltsamen Mi?stimmung. Das Ungeh?rige meiner Antwort wurde mir erst sp?ter klar ...?
?Ungeh?rig? ...? Frau Josepha schüttelte den Kopf.
?Entweder sind Sie wirklich was Besonderes, oder ein ganz ein Raffinierter: Fr?ulein Neudecker brennt lichterloh. Endlich mal hat sie einen Mann entdeckt! Einen Mann, der nicht mit verdrehten Augen und Liebesgegirr an die Millionenerbin herantritt! Wenn Sie morgen in der Tiergartenstra?e Besuch machen, k?nnen Sie in acht Tagen die hold err?tende Magda um das Jawort befragen ... Und nehmen's das nicht auf die leichte Achsel! Vier Millionen sofort! Haben Sie eine Ahnung, was schon eine Million bedeutet??
Er verneigte sich l?chelnd.
?Vielleicht, gn?dige Frau! Ich habe vierhundert Mark monatlichen Zuschu?! Den brauche ich blo? mit zehn zu multiplizieren – Sie werden mir zugeben, ein l?cherlich kleiner Koeffizient – ja, und ich kriege einen Begriff von den mir winkenden Freuden. Auch ohne die reizvolle Zugabe von Fr?ulein Magda. Aber ich hege nicht die geringste Absicht, mein Leben als so eine Art von Prinzgemahl zu beschlie?en.?
Da lachte sie ihm zu, sie schüttelten sich die H?nde wie ein paar gute Kameraden.
Der Platz von Frau Josepha in der Loge war besetzt. Neben dem Herrn mit dem glattrasierten Gesicht sa? ein junges M?dchen in einer Balltoilette aus grellfarbener Seide. Brust und Nacken tief entbl??t, auf dem gef?rbten Haar ein gro?er Hut mit wallenden Federn. Sie wu?te, da? man sie in eine sogenannte anst?ndige Gesellschaft geladen hatte ... Das war neuerdings ja Mode geworden, da? die Damen aus dem Westen in Begleitung ihrer Herren die ?ffentlichen Balls?le besuchten. Und damit nicht genug, bis in die schmutzigsten Nachtlokale kletterten sie hinab. Da brauchte man also kein Blatt vor den Mund zu nehmen; wer sich unter die Treber mengte, den fra?en die Schweine. Und sie sprach unfl?tige Gemeinheiten, Gemeinheiten, die man in ihrem gewohnten Kreise nicht geduldet h?tte, weil man dort einen gewissen ?u?eren Anstand bewahrte ... hier aber die Damen wollten sich ausschütten vor Lachen! Nur die Herren sahen ein wenig verlegen drein bei den ungenierten Kraftausdrücken, die sie gebrauchte.
Frau Josepha hatte ein paar Augenblicke mit gerunzelter Stirn zugeh?rt, jetzt zog sie ihren Begleiter in die hinter der Loge liegende Fensternische. Ein Kellner in wei?er Jacke kaum herzugelaufen, s?uberte eifrig mit der Serviette das Tuch auf dem kleinen Tisch.
?Bitt' sch?n, hier die Weinkarte.?
?Sekt,? entschied Frau Josepha, und, als der Kellner eingeschenkt hatte, hob sie ihr Glas. Sah ihr Gegenüber aus glitzernden Augen an.
?Prost, Herr Hauptmann, und machen's nicht so ein verteufelt ernstes Gesicht! Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Herrn Ehegemahl, der legt sich nicht den geringsten Zwang auf.? Sie deutete auf den in der Loge sitzenden Gatten, und der Zufall fügte es, da? er sich gerade über den Nacken seiner Nachbarin beugte, sie mit einem himmelnden Ausdruck in den Augen zwischen die gebrannten Halsl?ckchen kü?te. Ein paar feine Puderst?ubchen waren ihm in den Hals gefahren, er bekam einen Hustenanfall, an dem er fast erstickte. Einer der Herren in der Loge sprang auf, fl??te ihm ein paar Tropfen ein, Frau Josepha rührte sich nicht. Und feindselig sagte sie: ?Recht geschieht ihm! Wenn er nur endlich a mal dabei bleiben t?t ...?
Gaston sah sie erschreckt an, sie zuckte mit den Achseln.
?Was wollen Sie, vielleicht Mitleid mit ihm haben? Seit wir uns nicht mehr gesehen haben, hat sich vieles hier ge?ndert. Das traurige Gestell da neben ihm soll meine Nachfolgerin werden. Ich bin ja nichts mehr, eine Gr??e von vorgestern, um mich wird er nicht mehr beneidet. Aber die da, die Lisa Sandori, ist die neueste Sensation. Wann sie abends im Theater die R?ckeln hebt über die klapperdürren Knie und zu tanzen anfangt vor dem Einbrecher, der zum Fenster eingestiegen ist, lauft all die Trotteln im Parkett das Wasser im Mund zusammen. Jeden Abend seit zwei Wochen sitzt er mitten drunter, seine Pokerpartie ist deswegen auseinandergegangen. Und hinterher ladet er die Person zum Nachtmahl. Ich immer dabei, denn das w?r ja kein Vergnügen für ihn, wann ich nicht dabei w?r', die Demütigung nicht schlucken t?t ...?
?Ah pfui Teufel!? Er stürzte ein Glas Sekt hinab und setzte es so heftig auf den Tisch, da? ihm der Stiel in der Hand zerbrach. ?Und das lassen Sie sich gefallen??
Sie nickte, ihre Augen wurden pl?tzlich ganz dunkel.
?Ich werd's ihm schon heimzahlen. Ich hab' mir was ausgedacht, und das wird für ihn schlimmer sein, als t?t' ihn einer mit glühenden Zangen kneifen. Nur noch zwei kurze Wochen Geduld, dann geht's an. Lustig wird's werden ...?
Sie leerte durstig ihr Glas.
?So, und jetzt wollen wir von was anderem reden. Machen's mir ein bisserl den Hof, wenn Sie's auch eine Ueberwindung kostet. Blo? da? ich vor der Person da nicht so steh, als w?r' ich auf einmal eine Bettlerin ... Kein Mensch t?t mehr den Kopf nach mir wenden.?
Er zog die schmale Hand, die sie ihm über den Tisch entgegenstreckte, an die Lippen.
?Ueberwindung, gn?dige Frau? Vielleicht w?re Furcht das Richtigere ... Furcht, da? aus dem Spiel Ernst werden k?nnte! Ich bin schlie?lich nicht blo? ein auf zwei Fü?en gehendes Bündel von Grunds?tzen, sondern daneben auch ein ganzes Ende lang ein junger Kerl mit Blut in den Adern. Damals, nach dem Rennen, gelang es mir, mich noch leidlich heil in Sicherheit zu bringen, ich m?chte die Gefahr nicht zum zweiten Male herausfordern ...? Halb aus Mitleid sprach er so, halb unter dem Einflusse der Weingeisterchen, die ihm im Blute spukten. Und Frau Josepha beugte sich zu ihm über den schmalen Tisch, so da? er ihren Atem spürte.
?Ist ja alles nicht wahr, aber sch?n Dank! Wenn man die Gulden nicht kriegen kann, mu? man mit die Kreuzeln vorlieb nehmen ... Und jetzt will ich Ihnen ein Gest?ndnis machen, aber das dürfen Sie Wort für Wort glauben. Wie ich Sie damals auf der Rennbahn sah, spürte ich ein ganz seltsames Gefühl ... wie eine pl?tzliche Erkenntnis: den da h?tt'st ein paar Jahre früher kennen lernen müssen, dann h?tt' vielleicht aus dir was werden k?nnen! So aber, das Leben, das ich jetzt führ' ...? Sie brach ab und sah starr geradeaus, in ihren Augenwinkeln schimmerte es feucht.
Da stieg es ihm hei? im Herzen empor, und nicht nur seine Sinne entzündeten sich.
?Wenn ich mich nun wirklich in Sie verlieben würde, Frau Josepha??
Sie schüttelte den Kopf.
?Es w?r' nicht gut! Nicht gut für uns beide.?
?Und wenn ich's nun schon w?re??
?Dann ...? Sie atmete tief aus ... ?Dann w?r's halt unser Schicksal! Und vielleicht w?r's auch noch Zeit, sich zu dem zurückzufinden, was man früher war.?
Sie legte ihm die Hand über den Arm, er erschauerte leicht unter der Berührung, sie blickten sich in die Augen.
?Frau Josepha, ich bin ein schwerf?lliger Gesell. Ich kann keine sch?nen Worte machen ... ich geh?r' Ihnen von dieser Stunde an.?
?Du lieber Bub' ...?
Er fuhr zusammen, einer jener klappernden bunten B?lle, mit denen man sich von Tisch zu Tisch bewarf, hatte seinen Kopf getroffen. Eine Frauenstimme, die seltsam blechern klang, wie eine geborstene Glocke, rief aus der Loge herüber: ?Da sehen Sie nur, Rheinthalerchen! Und so was lassen Sie sich gefallen??
Herr Rheinthaler wandte sich l?ssig um, seine Augen blickten schon ein wenig verglast vom reichlichen Trunk.
?Ist ja so egal! ... Die Hauptsache, hier ist's gleich Schlu? – also gehen wir weiter!?
Frau Josepha erhob sich.
?Wenn's Dir recht ist, werden wir jetzt nach Hause fahren. Ich bin nicht in der Stimmung.?
?Das kommt schon noch! Kellner, zahlen! ... N?mlich, pa? auf, die junge Dame, die da vorhin auf Deinem Platz sa?, erz?hlte von einem Café in der Ackerstra?e. Das soll zum Kugeln sein. Die Herren ohne Kragen und in gestickten Morgenschuhen, die Damen im Umschlagtuch. Für einen Taler tanzen sie 'ne neue Art von Apachentanz mit allen Schikanen – Fr?ulein Sandori will für ihren n?chsten Sketch Studien machen. Sie kommen doch selbstverst?ndlich mit, Herr Hauptmann??
?Ich bedauere lebhaft!?
?Sind Sie vielleicht auch nicht in der Stimmung? Oder müssen Sie sich heute wieder Schlachtpl?ne ausdenken??
?Keins von beiden. Mir ist es nur, selbst in Zivil, nicht m?glich, ein derartiges Lokal zu besuchen.?
?Na, dann k?nnen wir ja auch wo anders hingehen??
Frau Josepha schüttelte den Kopf.
?Ich fahre nach Hause!?
Herr Rheinthaler verbarg mühsam den aufsteigenden Aerger.
?Das ist doch nur 'ne Laune, liebes Kind! Und wir k?nnen unsere G?ste doch nicht einfach so stehen lassen.?
Fr?ulein Sandori zeigte hinter den tiefrot geschminkten Lippen zwei Reihen blendend wei?er Perlenz?hne, zu klein und zu regelm??ig, um echt zu sein.
?Aber, bitte, das macht doch nichts! Fahren Sie mit Ihrer Frau Gemahlin nur ruhig nach Hause, Rheinthaler. Ich bummel' inzwischen mit dem Herrn Rechtsanwalt weiter! Und wir beide werden schlie?lich auch nach der Ackerstra?e hinfinden, nicht wahr, Doktorchen?? Sie hakte sich in den Arm eines schwarzb?rtigen Herrn, der ebenfalls in der Loge gesessen hatte, und sah ihn mit kokettem Augenaufschlag an.
Herrn Rheinthaler stieg das Blut zu Kopfe.
?Also, Josepha, jetzt sei vernünftig! Ich kann Dich doch nicht allein fahren lassen, und was liegt schon an der einen Stunde??
?Gar nichts liegt daran, da hast Du recht. Aber la? Dich durch mich nicht st?ren! Mein Auto steht unten, ich fahre nach Hause!?
Fr?ulein Sandori lachte kurz auf mit ihrer blechernen Stimme.
?Stellen Sie Ihre Frau Gemahlin doch unter den Schutz der bewaffneten Macht, Herr Rheinthaler! Und haben Sie 'ne lange Leitung! Darauf geht doch die ganze Reise, da? die beiden da uns versetzen wollen!?
Frau Josepha hob den Saum ihres Kleides und trat mit zornsprühenden Augen einen Schritt auf die andere zu.
?Sie! Da? i mi net verge?'! Aber die Ehr' tu ich Ihnen nicht an, da? ich Ihnen darauf was antwort'. Ich t?t' mich ja erniedrigen, wenn ich mich mit Ihnen auf eine Stuf' stellen wollt'!?
In den Nachbarlogen war man aufmerksam geworden, reckte die K?pfe. Das M?del, das vorhin in der Loge auf Josephas Stuhl gesessen hatte, kam vorbei und blieb lachend stehen.
?Immer feste, meine Damen! Nur nich lang gefackelt – mit 'ne Sektpulle über'n Kopp, det schafft am besten.?
Gaston von Foucar bi? die Z?hne aufeinander. Ekelhaft war das ... Er bot Josepha den Arm.
?Darf ich Sie zu Ihrem Wagen führen, gn?dige Frau??
Sie gingen an den Logen vorüber, die breite Treppe hinunter, an der Garderobe holte sie Herr Rheinthaler, ein wenig au?er Atem, ein.
?Also, Josepha, wie Du Dich wieder einmal benommen hast ... Fr?ulein Sandori ist au?er sich! Und wenn Du sie nicht sofort um Entschuldigung bittest ...?
Gaston fühlte ein seltsames Zucken im Arm, aber die lange geübte Selbsterziehung erstickte die zornige Aufwallung im Keime.
?Verzeihen Sie, Herr Rheinthaler, wenn ich mich einmische, aber bis zu einem gewissen Grade bin ich an dem ?rgerlichen Auftritt beteiligt. Ich habe keine Ahnung von dem sonstigen Umgangston bei diesen abendlichen Vergnügungen, aber die Bemerkung dieses Fr?uleins Sandori war eine freche Verd?chtigung. Die Dame mü?te also wohl zuerst um Entschuldigung bitten, wenn Sie überhaupt eine solche Staatsaktion für notwendig halten sollten.?
In dem hageren Gesicht leuchtete es auf. Herr Rheinthaler sah eine M?glichkeit, mit leidlichem Anstande zu Fr?ulein Sandori zurückkehren zu k?nnen.
?Da haben Sie recht! So etwas mu? man am besten mit Stillschweigen übergehen. Morgen sind die beiden Damen wieder die besten Freundinnen – verlassen Sie sich d'rauf! Ich werde jetzt der Gegenpartei gut zureden! Wenn Sie die Liebenswürdigkeit haben wollten, bei meiner Frau das gleiche zu versuchen, wenn Sie sie jetzt nach Hause bringen ...?
Mitten in aller Erregung mu?te Gaston auflachen.
?Ich soll Ihre Frau Gemahlin nach Hause bringen??
Herr Rheinthaler schien den geheimen Unterton der Frage nicht verstanden zu haben.
?Selbstverst?ndlich, sie kann doch nicht allein fahren. Und ich mu? die Sache mit der Sandori noch heute aus der Welt schaffen, sonst schwatzt morgen ganz Berlin davon. Sie vers?umen nicht viel ... das Auto f?hrt rasch, in dreiviertel Stunden k?nnen Sie wieder zurück in der Stadt sein.?
Frau Josepha hatte sich von der Garderobenfrau in den Mantel helfen lassen.
?Kommen Sie, Herr Hauptmann!? Ihren Gatten sah sie mit einem merkwürdigen Blick an: ?Na, alsdann adieu, Fritz.?
?Du bist mir doch nicht b?s, Peperl??
?I bewahre, komm nur nicht zu sp?t nach Haus.?
Herr Rheinthaler wandte sich, sichtlich erleichtert, der anderen Gruppe zu, die in erregter Unterhaltung von der Treppe her in den Garderobenraum trat: ?Es ist alles in sch?nster Ordnung, meine Herrschaften! Wir fahren in die Ackerstra?e, teuerste Freundin ...?
Das Auto bog durch das Brandenburger Tor in den Tiergarten, Frau Josepha sa? mit zusammengezogenen Augenbrauen, pl?tzlich schluchzte sie auf, pre?te das feine Batisttuch, das sie in der Hand knüllte, gegen den Mund.
?O, wie schimpflich ist das alles! Und wie müssen Sie mich verachten, da? ich mir das alles hab' gefallen lassen die ganze Zeit über ...?
Er ergriff ihre Linke, nahm sie in beide H?nde.
?Das ist ein bi?chen t?richt, was Sie da sagen, Frau Josepha. Woher sollten Sie den Mut zum Widerstand nehmen? Aber jetzt ist das ja etwas anderes ... Ich stehe neben Ihnen.?
Sie rückte n?her an ihn, sah ihm in die Augen.
?Das ist nicht blo? so im Augenblick und morgen ist alles wieder verflogen??
?Im allgemeinen pflege ich zu halten, was ich verspreche.?
Sie brachte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.
?Du, überleg's Dir wohl! Noch kannst Du zurück. Auf der Antwort jetzt baut sich meine ganze Zukunft auf!?
Ein feiner Duft drang aus ihren Haaren, aufreizend leuchteten ihre Augen. Er schlang den Arm um ihren leicht erschauernden Rücken.
?Unsere Zukunft, wolltest Du wohl sagen, Liebstes! Ich bin doch kein Knabe, der morgen vergi?t, was er heute geschworen hat??
Da bot sie ihm durstig die Lippen ...
Das Auto passierte eine hell erleuchtete Stra?enkreuzung, sie l?ste sich hastig aus der Umarmung.
?Sei nicht b?s, aber ich mu? vorsichtig sein. Er l??t mich beobachten, an jeder Ecke k?nnen seine Spione stehen. Die beiden Lackeln da vorn, der Chauffeur und der Diener, sind auch in seinem Sold.?
Ein h??licher Gedanke sprang ihn unversehens an ... Daher also vielleicht die ?unverbrüchliche Treue?, von der damals der Herr von Wodersen gesprochen hatte, als sie von der Grunewaldvilla heimgingen?
Frau Josepha hatte sich rückw?rts gegen die Polster gelehnt, schlang ihren weichen Arm in den seinigen.
?Da komm her, Bubi, bring Dein liebes kleines Ohrwaschel n?her 'ran, da? ich nicht so laut zu sprechen brauch' ... so ... und jetzt h?r' fein zu ... Ich schw?r' Dir bei der heiligen Mutter Gottes, ich hab' au?er Dir noch nie einen lieb gehabt, Du bist der erste. Und ich kann ja nichts dafür, da? ich Dich so sp?t kennen gelernt hab' ... Als Du damals im Unwillen fortgingst, hab' ich hinterher geweint die ganze Nacht, aber meine alte Kinderfrau hat mich getr?stet. In den Karten hat gestanden, ich würd' Dich wiederfinden ... Und jetzt, b'hüt Di Gott ... tr?um' von mir und schlaf' gut heute nacht, ich hab' noch viel zu tun ...?
So sprach sie halblaut, von Zeit zu Zeit berührten ihre weichen Lippen sein Ohr.
Das Auto hielt, der Diener ?ffnete den Schlag. Sie stieg aus.
?Sch?n Dank, Herr Hauptmann, für die liebenswürdige Begleitung. Karl, Sie fahren den Herrn Hauptmann jetzt nach seiner Wohnung und kommen zurück. Ich brauche Sie noch heute.?
?Zu Befehl, gn?dige Frau.?
Gaston von Foucar wollte noch etwas sagen, aber Frau Josepha trat unter dem Geleit eines Dieners in die ge?ffnete Haustür, der Wagenschlag flog zu, und das Auto fuhr von der breiten Rampe wieder auf die Stra?e hinaus.
?Rankestra?e hundertsechzehn!? rief er zum offenen Fenster hinaus und lehnte sich in die Polster zurück. Der Kopf war ihm benommen, er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nur ein sehnsüchtiges Gefühl war in seiner Brust. Noch hundert Meilen h?tte er so dahinfahren m?gen wie vorhin, und durstig sog er den zarten Duft ein, der noch das Innere des Wagens füllte. Erst ganz allm?hlich wurde er nüchterner ...
Das also eben war die Entscheidung über sein Schicksal gewesen. Unausl?slich war er jetzt an die Frau gebunden, die er zweimal bisher gesehen hatte ... von der er nichts weiter wu?te als das wenige, was sie selbst und der Landsberger Husar damals erz?hlt hatten. Wie ein Sturmwind war das gekommen, keinen Augenblick zu ruhiger Ueberlegung. Es reute ihn nicht, wahrhaftig nicht, aber schier unbegreiflich erschien es ihm jetzt, wie er bei seiner sonst so kühl abw?genden Art so rasche Entschlüsse hatte fassen k?nnen. Wenn er einmal in mü?iger Stunde davon getr?umt hatte, wie es sich wohl abspielen würde, wenn er sich den guten Kameraden fürs ganze Leben gewann, hatte ihm immer etwas Zartes, Feines vorgeschwebt, ein langsames scheues Ann?hern ... Irgendwo auf einem Fest im Grünen sollte es anfangen, und monatelang stimmte man sich hinterher aneinander ab, ehe man das entscheidende Wort sprach. Das war nun alles anders gekommen. Im hei?en Atem einer j?h emporlodernden Leidenschaft ... Und recht so! Ein Narr nur schneiderte sich sein Leben nach Prinzipien zurecht, man mu?te das Glück nehmen, wie man es fand. Und nun galt es, einige klare Entschlüsse zu fassen. Morgen vormittag depeschierte man an die kleine, alte Dame im Schwabenland: ?Liebes Mutterle, in ein paar Tagen bring' ich Dir Deine zukünftige Tochter. Ich wei?, Du wirst ihr gut sein und sie freundlich bei Dir aufnehmen, bis ...? Ja, wie zum Teufel, wie fa?te man das am besten in Worte? ... ?Bis die unwürdige Fessel, die sie noch an einen anderen bindet, gel?st ist!? Und er stand in Gedanken dabei, wie das liebe Mütterchen die Depesche las. ?So, so, mei Büble! Wo hast Du sie denn kennen gelernt??
?Ganz zuf?llig in dem Restaurant einer Rennbahn.?
?Und wo habt Ihr Euch verlobt??
Da stockte ihm zun?chst die Zunge: ?In einem ?ffentlichen Ballokal. Auch ganz zuf?llig ... noch eine Viertelstunde vorher hatte ich im Traum nicht daran gedacht. Das kam wie ein Gewittersturz.?
Das alte Frauchen nahm die Brille ab.
?So, so, mei Büble! Und darauf willst Du Dein Lebensglück aufbaue? Das ischt ungesund, aber i will Dir da nit dreinrede ... Du bischt ein ausgewachsener Mann, mu?t selbscht am beschte wisse, was Dir frommt ... Und wenn Du ihr Dein Wort gegeben hast ...?
?Mu? ich es selbstverst?ndlich halten, da hast Du recht, Mutterle. Und, sieh mal, man mu? an Au?ergew?hnliches nicht den Alltagsma?stab legen. Es gibt Situationen, wo langes Ueberlegen vom Uebel ist. Mit beiden Fü?en zugleich mu? man hineinspringen wie in ein Abenteuer, nur da? hier eben alle Garantien vorhanden sind, da? es gut ausgeht. Sie ist von ganz besonderem Schlag, ich kann Dir das nicht so mit Worten ausschildern – Du mu?t sie eben selbst kennen lernen! Und wenn wir erst die paar unumg?nglichen Widerw?rtigkeiten der Scheidung überwunden haben ...?
Das Auto hielt, er gab dem Diener, der ihm den Schlag ?ffnete, ein reichliches Trinkgeld und stieg langsam die drei Treppen zu seiner Wohnung empor. Er machte Licht, vor dem Lampenfu? lag eine Depesche. Er ri? sie mit ungeduldiger Hand auf und las bei dem Scheine des verglimmenden Zündh?lzchens: ?Gratuliere zur fünften Schwadron Ordensburger Dragoner! Wegener.?
Eine ganze Weile sa? er mit dem Blatte im Dunkeln. Mit einer gewissen, stumpfen Verwunderung, da? der Chef sein vor Wochen gegebenes Versprechen gehalten hatte. In der ganzen letzten Zeit war nicht mit einem Worte mehr davon die Rede gewesen. Und morgen mu?te er sich dafür bedanken. Wie sehr er gejubelt h?tte, da? sich ihm sein sehnlichster Wunsch so rasch erfüllte, und da? er bei dieser au?erordentlichen Auszeichnung sich eines Gefühls der Besch?mung nicht erwehren k?nnte, weil er n?mlich einen Teil der Voraussetzungen, die damals vielleicht mit bestimmend gewesen, nicht mehr erfüllte. Er w?re heute nicht mehr frei, h?tte sein Schicksal an das einer anderen gebunden, der er von jetzt an zur Seite stehen mü?te. Da erwiderte der gütige Chef wohl mit einem Lachen: ?Na, lieber Foucar, deswegen brauchen Sie sich keine grauen Haare wachsen zu lassen! Das war damals nur ein kleines Scherzchen von mir. Und ich sch?tze, Sie haben in Ihrer klugen Art mit Liebe, aber auch mit Vorsicht gew?hlt. Eine junge Dame, die Sie im Kreise des vornehmen alten Regiments mit Stolz pr?sentieren k?nnen ...? Und er mu?te darauf sagen: ?Verzeihung, Herr Oberst, das wei? ich noch nicht! Ich kenne von der Herkunft und Vergangenheit meiner Verlobten blutwenig, eigentlich so gut wie gar nichts. Ich wei? heute noch nicht einmal, ob ich nicht gen?tigt sein werde, meinen Abschied zu nehmen, wenn ich das ihr gegebene Versprechen einl?sen soll.?
Da schrie es pl?tzlich in ihm auf, verrückt war das, was er in dieser letzten Stunde getan hatte! Ein sinnloser Karnevalsstreich war das gewesen, den ihm ein anderer gespielt hatte, der für eine kurze Weile in seine Haut geschlüpft war. Ein leichtfertiger Bursch, der halb im Trunke, halb unter dem Einflusse seiner aufgepeitschten Sinne mit Menschenschicksalen spielte ... dem ein bi?chen Mitleid, ein pl?tzliches Begehren genug waren, die Worte zu sprechen, mit denen er sich für das ganze Leben verpflichtete. So sinnlos war das alles, da? er keinen Augenblick z?gern durfte, sich aus dieser Verstrickung wieder zu l?sen.
Er steckte die Lampe an und setzte sich, wie er ging und stand, in Hut und Ueberzieher, an den Schreibtisch. Aber schon nach den ersten Zeilen zerri? er den Bogen in tausend kleine Fetzen, warf sie in den Papierkorb. Wie und womit sollte er seine pl?tzliche Sinnes?nderung erkl?ren? Noch vor kaum einer Stunde hatte er gesagt: ?Ich bin doch kein Knabe mehr, der morgen vergi?t, was er heute geschworen hat.? Sollte er schreiben: ?Gn?dige Frau, als ich das sprach, war ich verrückt oder betrunken, und jetzt, nachdem ich wieder zur Besinnung gekommen bin, mu? ich Sie bitten, mir mein Wort zurückzugeben?? Zorn und Scham trieben ihm das Blut ins Gesicht, allerhand wirre Gedanken und Bilder schossen ihm durchs Hirn. Wort war Wort, und wenn man es nicht einl?sen konnte, hatte man es eben auf andere Weise zu zahlen. Solch ein haltloser Tropf, der für die Folgen seiner Handlungen nicht eintrat, hatte auf der Welt nichts mehr zu suchen! Und ein l?ngst vergessenes Bild trat pl?tzlich vor seine Augen. Ein armes junges Kerlchen aus seinem alten Regiment lag da mit durchschossener Schl?fe, weil es sein verpf?ndetes Wort nicht hatte halten k?nnen. Eine in der Trunkenheit eingegangene Spielschuld war es gewesen, und er selbst hatte damals unter den strengen Richtern gesessen.
Da st?hnte er auf wie ein weidwundes Tier und barg sein Gesicht in den H?nden. Heute h?tte er wohl nicht so unbarmherzig geurteilt wie damals vor acht oder neun Jahren. Und nur eine letzte leise Hoffnung hielt ihn vor dem j?hen Schritte ins Dunkle zurück, da? die Frau, der er sein Wort gegeben, morgen vielleicht auch schon anders dachte ... Vielleicht als ein t?ndelndes Spiel ansah, was ihm in dem einen Augenblicke, da er die Zucht über sich verloren hatte, heiliger Ernst gewesen war. Als er sie w?hrend den Tanzes aus den Hals kü?te, hatte sie ja selbst gesagt, in ihren Kreisen n?hme man es nicht so genau, wenn ein Herr einer verheirateten Dame mit einer Huldigung nahte, die, bei Licht besehen, eine bodenlose Unversch?mtheit war ...
Gegen Morgen mu?te ihn wohl die Müdigkeit übermannt haben. Als Gaston von Foucar aus einem von wirren Tr?umen erfüllten Schlafe erwachte, schien die helle Sonne zum Fenster herein. Sein Bursche stand vor dem Bett, mit einem Briefe in der Hand.
?Herr Hauptmann werde gütigscht verzeihe, aber es ischt Zeit zum Dienscht, und zudem, das alt Weible, was den Brief da bracht hat, will sofort Antwort habe.?
Gaston richtete sich im Bett auf.
?Was für ein altes Weib??
?Die wo ebe gekomme ischt, Herr Hauptmann. Sie hockt im Vorzimmer, schaut aus wie eine von dene Schpreew?ldlerinne, und der Herr Hauptmann t?t scho wisse, von wem da? das Briefle w?r'.?
?Sagen Sie ihr, sie soll noch ein paar Minuten warten! Und legen Sie mir die erste Garnitur Ueberrock zurecht!?
?B'fehl, Herr Hauptmann!?
Als der Bursche das Schlafzimmer verlassen hatte, hielt Gaston eine ganze Weile lang den Brief unschlüssig in der Hand. Mit einem Schlage war ihm die Erinnerung zurückgekehrt, und ein Gefühl des Ekels vor sich selbst schnürte ihm die Kehle zusammen. K?rperliches Unbehagen nach dem ungewohnten schweren Trunke und dazu ein ganzes Heer bohrender und nagender Vorwürfe. Wie ein Verbrecher erschien er sich, der nach einer im Rausche begangenen Freveltat erwachte. Der bleierne Schlaf hinterher hatte sie nicht ungeschehen gemacht, nur um so schreckhafter stand sie im klaren Tageslichte da! Und der Brief hier brachte ihm sein Urteil.
Mit zitternder Hand ri? er ihn auf, das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf.
?Mein Liebstes!
In aller Eile ein paar Zeilen, weil ich Dich beim Erwachen nicht ohne Gru? lassen wollte. Ich habe die Nacht nicht geschlafen. Ich lag mit offenen Augen und konnte nicht fassen, was geschehen war. Immer hatte ich Angst, wenn es wieder Morgen würde, w?re es nicht wahr. Dann aber wiederholte ich mir alles, was Du gesprochen hattest, und die selige Gewi?heit zog in mein Herz, da? Du mir geh?rst und ich Dir, für immer! An Deiner Hand, Du Lieber, in ein neues Leben gehen zu dürfen, die Seligkeit ist so gro?, da? ich sie kaum ertragen kann. In einem einzigen Lachen und Weinen gehe ich umher!
Mit dem Widerw?rtigen, was heute nacht noch geschah, will ich Dich verschonen, auch all das Ueble und H??liche soll Dir fernbleiben, was in dem Kampf um meine Freiheit nun mal nicht zu vermeiden ist. Er wird kurz sein, denn ich habe gute Waffen in der Hand.
Heute nachmittag um fünf erwarte ich Dich. Da will ich noch einmal von Dir h?ren, da? Du mich lieb hast. Dann aber müssen wir für eine ganze Zeit Abschied voneinander nehmen. Sieh, mein liebster Bub, die Tr?nen fallen mir aus den Augen auf dieses Blatt, weil ich daran denke, da? wir uns vielleicht auf Monate nicht wiedersehen sollen, aber auf unseren zukünftigen Bund soll kein h??licher Schatten fallen. Kein Gezischel und kein h?misches Gerede soll sich erheben dürfen. Da? wir uns heimlich versprochen haben, geht keinen Menschen was an!
Meine alte Ursel, die um mich ist, seit ich auf der Welt bin, überbringt Dir diesen Brief. Gib ihr mündlich Bescheid, ob ich Dich um fünf erwarten darf. Den Brief aber verbrenne, denn die Leute, mit denen ich's jetzt zu tun bekomme, schrecken auch vor einem verschlossenen Schreibtisch nicht zurück.
Ich umarme Dich und küsse Deine lieben, blauen Augen, die es mir zuerst angetan hatten bei Dir. Ich z?hle die Minuten, bis Du bei mir bist.
Josepha.?
Unwillkürlich regte sich in Gastons Brust etwas von dem Gefühl, das er in der vergangenen Nacht empfunden hatte, als er die sch?ne Frau im Wagen heimgeleitete. In dem Briefe da war etwas, das ihn seltsam ans Herz rührte ... Und da? er sich mit Skrupeln plagte, wo andere, die das Leben leichter nahmen, mit beiden H?nden zugegriffen h?tten, lag vielleicht nur an seiner übergro?en Gewissenhaftigkeit. An einer schier schulmeisterlichen Strenge, mit der er noch immer sich selbst erzog. Der Landsberger Husar, Herr von Wodersen, war gewi? ein Offizier und Edelmann von untadeliger Gesinnung. Der aber würde ohne ein Wimperzucken sein Seelenheil verpf?nden, wenn er in diesem Augenblick an seiner Stelle stehen dürfte! Und die Befürchtung, er mü?te seine Karriere aufgeben, wenn er eine gewesene Schauspielerin heiratete, hielt bei n?herem Ueberlegen nicht stand. Da lie? sich mit einigem guten Willen zu einer kleinen Vertuschung ein Ausweg finden. In dem kleinen ostpreu?ischen St?dtchen da oben an der Grenze gab es wohl keinen Menschen, der Josepha auf der Bühne gesehen hatte. Da war sie nichts anderes als die geborene Baronesse Nadanyi, die nach schuldlos geschiedener Ehe den Rittmeister von Foucar heiratete. Wenn er sich aber in dem Regiment erst die gesellschaftliche und dienstliche Stellung geschaffen hatte, die ihm bei seinen F?higkeiten sicher war, sollte wohl niemand auf den Gedanken kommen, da? bei seiner Verheiratung irgend etwas zu bem?keln w?re. Na, und nachher richtete man sich miteinander ein, so gut es eben ging. Und was heute wie eine Art von Zwang aussah nach dem gegebenen Wort, wurde vielleicht eine ehrliche Zuneigung, auf der man sein Leben aufbauen konnte. Ein fester Entschlu? aber mu?te endlich gefa?t werden.
Er griff nach der Klingel, sein Bursche betrat das Zimmer.
?Herr Hauptmann befehle??
?Sagen Sie der Alten drau?en, ich la? mich ihrer gn?digen Frau bestens empfehlen. Ich werde heute nachmittag um fünf meine Aufwartung machen.?
Der Bursche schüttelte den Kopf.
?Sell geht nit, Herr Hauptmann! Das alt Weible will partout den Herrn Hauptmann pers?nlich schpreche.?
?Na, dann soll sie gef?lligst warten, bis ich mich angezogen habe!?
?Befehl, Herr Hauptmann!?
Gaston sprang mit beiden Fü?en aus dem Bett, wusch und kleidete sich rascher an als sonst. Als er aber den Rock zukn?pfte, überfiel ihn eine eigentümliche Beklommenheit. Als ginge er einem hochnotpeinlichen Examen entgegen, so war ihm pl?tzlich zumut.
Er ?ffnete die Tür zum Vorzimmer: ?Darf ich bitten??
Eine seltsam gekleidete alte Frau erhob sich, trat einen Schritt n?her. Unter einem bunten Kopftuch stand ein schneewei?er Scheitel. Die Fü?e steckten in schwarzen Schnürschuhen, in der Rechten trug sie einen derben Schirm, auf den sie sich stützte, als wenn ihr das Stehen schwer fiele. Aus dunklen Augen sah sie Gaston prüfend an. Schlie?lich seufzte sie leicht auf und kam langsam ins Zimmer. Gaston schlo? hinter ihr die Tür.
?Sie wollten mich pers?nlich sprechen??
?Ja, Herr Hauptmann,? sagte sie, ?und sehen! Damals als Sie zum ersten Male bei uns waren, hatte ich keine Gelegenheit.?
Sie sprach ein ganz korrektes Deutsch, nur in der harten Betonung gewisser Vokale verriet sich ein slawischer Anklang.
Gaston wurde es unter den musternden Blicken unbehaglich zumute.
?Sie stehen zu Frau Rheinthaler wohl in einem besonders vertrauten Verh?ltnis??
?Ihre Mutter war zu eitel, da hab' ich sie gen?hrt. Seit sie zum ersten Male in meinen Arm gelegt wurde, habe ich sie nicht mehr verlassen.?
?Na, das ist sehr nett von Ihnen!? Ihm fiel im Augenblick nichts anderes ein als diese banale Wendung. Und, mit einem Versuche zu scherzen, fügte er hinzu: ?Sie sehen mich so prüfend an. Gefalle ich Ihnen nicht??
Sie zuckte mit den Achseln.
?Darauf kommt es nicht an. Nur eins: Sie haben ihren Brief gelesen. Danach mu?te ich fast eine halbe Stunde warten! Haben Sie so lange Zeit gebraucht, sich Ihre Antwort zu überlegen??
Gaston fuhr mit gemachtem Unwillen auf.
?H?tte ich Sie vielleicht im Schlafzimmer empfangen sollen? Ich mu?te mich doch erst anziehen!?
Sie schüttelte den Kopf, ohne die forschenden Augen von seinem Gesicht zu wenden.
?Ich bin ein altes Weib, vor mir brauchten Sie sich nicht zu genieren. Und es ist schon richtig. Sie sehen nicht aus wie einer, der sich vor Freude nicht zu lassen wei?! Aber ich werde ihr was vorlügen. Sie würde sterben, wenn ich ihr die Wahrheit sagen wollte! Seit dem ersten Tag, wo sie mir von Ihnen erz?hlte, ist sie krank. Erst als ich ausgekundschaftet hatte, da? Sie es mit keiner anderen hielten, da? Sie frühmorgens in das gro?e rote Haus am K?nigsplatz fuhren und erst sp?t in der Nacht wieder heimkehrten, beruhigte sie sich.?
Gaston richtete sich auf. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung weiterzuführen, bei der er wie auf einem Armesünderb?nklein sa?.
?Es ist genug. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, ich werde mir erlauben, um fünf Uhr bei ihr zu sein!?
?Weiter soll ich ihr nichts ausrichten??
?Nein!?
Die Alte trat n?her, umklammerte seinen Arm.
?Lieber, guter Herr, seien Sie nicht b?se. Ich mü?te mich ja selbst verfluchen, wenn ich mir sagen mü?te, ich h?tte etwas bei Ihnen verfehlt. Nur, weil ich sie so sehr liebe, da? ich mein Herzblut verspritzen k?nnte für sie, meine ich immer, allen anderen mü?te es ebenso gehen. Also, Herr, sagen Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich mich vor meinem Kind nicht so zu verstellen brauch' ...?
Gaston machte sich unwillig los.
?Aber, meine Verehrteste, wer mutet Ihnen denn zu, da? Sie sich verstellen sollen! Richten Sie der gn?digen Frau einen sch?nen Gru? von mir aus! Alles, was unsere Zukunft angeht, werde ich heute nachmittag pers?nlich mit ihr besprechen.?
?Dazu wird vielleicht keine Gelegenheit sein. Heute nacht hatten wir alles gepackt, um fortzugehen. Da kam der Herr nach Hause, von der anderen. Wie er unsere Vorbereitungen sah, gab es einen schrecklichen Anfall. Ich glaubte, es ging schon zu Ende, aber er erholte sich wieder. Dann hat er geweint und gebettelt, sich die Haare gerissen und geschworen, er würde der anderen den Laufpa? geben. Die Josepha hat ihm nicht geantwortet, und jetzt l??t er sie nicht aus den Augen. Sitzt in seinem Stuhl und spricht kein Wort, bettelt nur immer mit den Augen.?
Gaston wandte sich ab, uns?glich widerw?rtig war das alles.
?Na, dann sagen Sie Ihrer Herrin, es tut mir leid, aber unter diesen Umst?nden kann ich keinen Fu? in das Haus ihres Mannes setzen! Sie wird mir das nachfühlen.?
Die Alte hob die dürre Hand.
?Um Gottes willen, Herr, das geht nicht! Sie wartet auf Sie wie auf den Heiland. Um Sie noch einmal zu sehen und daraus Mut zu sch?pfen für alles, was ihr noch bevorsteht. Wollen Sie ihr da dies kleine Opfer nicht bringen??
?Es ist gut,? sagte er mit einem Aufatmen, ?ich komme! Und da es unter all den Umst?nden wohl keinen anderen Weg gibt – richten Sie ihr etwas aus, was ich ihr sonst pers?nlich gesagt h?tte. Ich setze allerdings dabei voraus, da? ich Ihnen vollkommen vertrauen darf.?
Die Alte reckte ihre hagere Gestalt, über ihr vertrocknetes Gesicht flog ein heller Schein.
?Sie vertraut mir, das mu? Ihnen genug sein. Wie an einer Mutter h?ngt sie an mir.?
?Nun denn ... Also sagen Sie der gn?digen Frau, ich h?tte heute meine Versetzung in die Front bekommen. In ein kleines Nest an der russischen Grenze. Ob ich nach Berlin zurückkehre, h?ngt nicht von mir allein ab. Ich hoffe es, aber ich wei? es nicht bestimmt. Es kann ebenso gut sein, da? ich dort unten für immer bleiben mu?. Ich bitte die gn?dige Frau daher, sie m?chte es sich noch einmal reiflich überlegen. Ob sie mir dorthin folgen will, in die engen und beschr?nkten Verh?ltnisse ...?
Um die welken Lippen der Alten flog ein bitteres L?cheln.
?Ich verstehe! Sie m?chten sich's noch einmal überlegen. Aber das geht nicht an, sie würde es nicht verwinden. Und nun h?ren Sie mir gut zu! Ich leide es nicht, da? Sie ihr wehe tun. Strafen wird die heilige Mutter Gottes Sie, wenn Sie Ihr Wort brechen, und ich werde ihr Werkzeug sein. Ich schw?re Ihnen, Sie k?nnen an das Ende der Welt fliehen, ich werde Sie erreichen!? Hochaufgerichtet stand sie da, die dunklen Augen in dem gelben Gesicht blitzten in fanatischem Glanz.
Gaston hatte ihr ?rgerlich ins Wort fallen wollen, aber die Alte war nicht zu beirren. Da lie? er sie aussprechen. Ueber die Drohung zum Schlu? mu?te er lachen. Sie war auch überflüssig, er hatte sich ja l?ngst schon entschieden. Nur es war etwas in ihm, was ihn trieb, genau so ehrlich zu sprechen wie die andere da, die ihrer Herrin in blinder Treue ergeben war.
?Sie haben richtig geraten, Frau ... Frau ...?
?Ursula hei?' ich,? fiel die Alte ein, ?Ursula Blazitschek aus Deutsch-Brod in B?hmen.?
?Also, Frau Ursula, sagen Sie Ihrer Herrin, da? ich heute nacht noch gewissenhaft mit mir zu Rate gegangen bin. Da? ich auch heute noch überlegte, ob ich sie nicht bitten sollte, mir mein Wort wieder zurückzugeben. Das ist jetzt anders geworden. Nach dem Brief da ... nicht nach Ihren Drohungen. Die würden mich nicht einen Schritt weiter treiben, als ich zu gehen entschlossen w?re. Ich habe vieles zu überwinden, aber ich hoffe, es wird mir gelingen. Ich will ihr die Treue halten, mehr kann ich heute nicht versprechen. Wenn sie damit zufrieden ist, soll sie mir folgen. Gott gebe, da? es ihr und mir zum Guten ausschl?gt.?
Die Alte beugte sich hinab. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie den Scho? seines Ueberrockes an die Lippen gezogen.
?Dank, Herr! Jetzt wird sich alles zum besten wenden. Nur ihr werde ich nicht alles wiedersagen, was wir gesprochen haben. Wozu soll sie sich mit Zweifeln betrüben? Sie hat genug gelitten in dieser Zeit! Um Euer Glück aber ist mir nicht bange ... Und jetzt, Gott befohlen, Herr! Ich werde zusehen, ob es nicht m?glich sein wird, da? Ihr Euch heute nachmittag für ein paar Minuten allein sehen k?nnt.?
Sie knixte und ging eilig hinaus, ohne sich umzublicken. Ein paar Augenblicke war ihm zumute, als ginge das alles nicht ihn an, sondern einen Fremden. Wie in einem Theater kam er sich vor, in dem sich allerhand seltsame Geschehnisse abspielten. Wenn der Vorhang fiel, war die T?uschung vorüber. Man zog sich den Paletot an und trat wieder in die Wirklichkeit hinaus. Er schüttelte den Kopf und begann nachzudenken. Ein Mann, der sich fest in der Hand zu halten glaubte, trieb willenlos in dem Strom des Schicksals, Zuf?lle bestimmten ihm den Weg, blinde und alberne Zuf?lle, die j?hlings einfielen, wie eine aus verkehrter Richtung in die Segel schie?ende B?e. Einen Tag sp?ter war die Arbeit fertig, und er h?tte die Frau, die jetzt sein Schicksal wurde, vielleicht nie wiedergesehen. Oder der Hauptmann Sternheimb, der gestern die Arrangements des lustigen Abends besorgte, w?re auf die Idee gekommen, ein anderes Ballokal für den Nachtbummel vorzuschlagen. Verrückt konnte man werden, wenn man darüber nachdachte.
Der Bursche brachte das Frühstück herein, Gaston stürzte hastig eine Tasse Tee hinunter. Es war h?chste Zeit, sich in den Dienst zu begeben. Und allm?hlich mu?te er sich auch in eine Art von Freudengefühl hineinsteigern, damit seine Danksagung bei dem Oberst Wegener nicht der n?tigen W?rme entbehrte. Aber es gelang nicht. Immer mu?te er denken, da? er in den so hei? ersehnten neuen Wirkungskreis nicht eine lockende Hoffnung mitnahm, sondern eine drückende Last – – –
Der Oberst war sehr guter Laune, als er seinen Schützling empfing. Nur hatte er wenig Zeit, denn er war zum Vortrage befohlen worden, konnte jeden Augenblick abgerufen werden. Er ordnete Papiere und Akten, als Gaston in sein Zimmer trat.
?Na, lieber Foucar, wie ist Ihnen jetzt zumute?? rief er ihm entgegen. ?Freuen Sie sich??
?Au?erordentlich! Und ich wei? gar nicht, wie ich Herrn Oberst für all die Güte und Fürsorge ...?
?Ist schon gut, ich freue mich mit, da? ich's hab' zurechtschieben k?nnen. Haupts?chlich für den Ordensburger Kommandeur. Der kann Leute wie Sie gebrauchen. Ich hab's Ihnen wohl schon neulich gesagt, er ist ein guter Freund von mir, der Oberstleutnant Harbrecht – noch von der Kriegsschule her. Ich hab' ihn um ein paar Nasenl?ngen überholt ... na sch?n. Grü?en Sie ihn von mir! Und sagen Sie ihm im Vertrauen, er soll den alten S?bel schleifen. Es liegt eine verdammt schwüle Spannung in der Atmosph?re.?
Gaston atmete tief auf. Und jetzt kam endlich die Freude über ihn. Das war vielleicht die L?sung aus all der Wirrsal, in die ihn diese vergangene Nacht gestürzt hatte.
?Glauben Herr Oberst wirklich??
Der Chef zuckte mit den Achseln.
?Ich vermute nur! Ich habe mich in dieser Zeit schon so oft mit meinen Prophezeiungen blamiert. Vielleicht hei?t's morgen, wieder 'rin in die Kartoffeln! Aber wo der Oberstleutnant Harbrecht mit seinen Dragonern an der Seite sozusagen am dransten ist, kann's nicht schaden, wenn er noch sch?rfer aufpa?t als sonst. Ich glaube, unsere Herren Nachbarn im Osten werden sich im Ernstfalle nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Sie haben um Szuczin, Grajewo, und wie die Nester alle sonst hei?en m?gen, einen ganz anst?ndigen Pulk Kosaken versammelt, und unsere Grenze bis zu dem masurischen Seendefilee ist offen. In einer Nacht k?nnen sie bis L?tzen reiten.?
?Ich danke Herrn Oberst für die Mitteilung. Ich werde es Herrn Oberstleutnant Harbrecht ausrichten.?
?Na, dem erz?hlen Sie mit dem letzten keine Neuigkeiten, der wei? in seinem Kram Bescheid. Das war mehr für Sie, damit Sie sich gleich zu Anfang bei ihm ein bi?chen nett einführen k?nnen!?
?Herzlichen Dank, Herr Oberst. Ich hatte inzwischen auch schon Gelegenheit genommen, mich wenigstens oberfl?chlich über die dortigen Verh?ltnisse zu unterrichten. Herr Major Nahmacher hatte die Güte, mir auf meine Bitte das einschl?gige Material in seinem Bureau für eine Stunde zur Einsicht zu überlassen.?
Der Chef nickte wohlgef?llig.
?Um so besser! Aber jetzt einen kleinen Tropfen Wermut in den Becher der Freude: Urlaub is nich! Wenn die Zeiten wider Erwarten ruhig bleiben sollten, nach dem Man?ver.?
?Sehr wohl, Herr Oberst. Ich hatte sowieso nicht darauf gerechnet. Jetzt natürlich erst recht nicht, ich mü?te mich ja sch?men. Und ich habe hier nicht viel zu besorgen. Ein paar Abschiedsbesuche. Die ?rgste Zeitvers?umnis w?re die neue Uniform. Sonst k?nnte ich schon heute abend reisen.?
Der Oberst Wegener lachte laut auf.
?So doll ist das Vaterland nun nicht in Gefahr! Die Russen werden ja nicht gleich morgen anfangen.?
Eine Ordonnanz betrat das Zimmer, stand an der Tür stramm.
?Was' los??
?Exzellenz erwarten den Herrn Oberst.?
?Es ist gut, ich komme sofort!?
Der Chef griff nach seiner Mappe.
?Tut mir leid, lieber Foucar, ich h?tte gerne noch ein Weilchen mit Ihnen geplaudert. Von meinem lieben Ostpreu?en. Ich hab' da 'ne Masse Verwandte, denen k?nnen Sie Grü?e bestellen! Die Leitners in Prawdowen, die Ahrens in Sarken, den Reichs- und Landtagsabgeordneten Gorski auf Kalinzinnen ... mit einem himmlischen Kerl von Tochter. Ich alter Esel, als ich das letzte Mal auf Urlaub war, verscho? mich in das M?del, da? meine gute Alte beinahe eifersüchtig wurde ... Na, das soll natürlich kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Von diesen herrlichen Edelfohlen l?uft da auf dem Lande noch eine ganze Masse herum. Also, jetzt Schlu?, lieber Foucar, und adieu!? Er schüttelte seinem gewesenen Untergebenen kr?ftig die Hand: ?Alles Gute auf den Weg, und schreiben Sie mir mal!?
Gaston fühlte es hei? im Herzen aufsteigen. Ganz unwillkürlich beugte er sich über die Hand, die seine Rechte hielt. Wie die Hand eines Vaters kam sie ihm vor.
Der Oberst machte eine rasche Bewegung.
?Unsinn,? sagte er, aber seine Stimme klang ein wenig rauh. ?Ich hatte vom ersten Tage an ein Auge auf Sie geworfen, um Sie für mein geliebtes altes Regiment und die Heimat einzuheimsen. Und jetzt Schlu? ... Gott befohlen!? Er wandte sich ab, ging eilig zur Tür hinaus. Gaston aber stand noch eine Weile allein, ehe er sich in sein Zimmer zurückbegab. Er fühlte sich bedrückt von diesem Vertrauen und kam sich nicht mehr so sauber vor wie früher.
Sein alter Stubenkamerad, Hauptmann von Sternheimb, hob bei seinem Eintritt den Kopf.
?Sie, Foucar, hier in der Abteilung hat sich eine seltsame M?r verbreitet. Die Herren im Nachbarzimmer haben es deutlich geh?rt: der Alte soll ein paarmal gelacht haben, w?hrend Sie Audienz bei ihm hatten. Richtig gelacht. Also das ist ein so merkwürdiges Vorkommnis ... Morgen haben wir entweder Erdbeben oder Krieg nach drei Fronten.?
?Vielleicht habe ich ihm einen guten Witz erz?hlt.?
Herr von Sternheimb lachte.
?So sehen Sie aus! Aber, wenn es nicht indiskret ist: Was wollten Sie eigentlich bei ihm? So feierlich im besten Ueberrock, mit Zylinderhut und S?bel??
?Mich abmelden! Ich bin als Rittmeister zu den Ordensburger Dragonern versetzt worden.?
Hauptmann von Sternheimb sprang auf.
?Mann Gottes, und das sagen Sie mit so einer Leichenbittermiene? Sausen wieder mal über ein paar Dutzend Vorderm?nner weg – unter anderen auch über mich – kommen in die Front, w?hrend wir hier wie die Kulis im Schwitzkasten sitzen müssen. Die hohe Dame, die da unten in der kleinen süddeutschen Residenz Ihre Schicksale lenkt, scheint wieder einmal recht t?tig gewesen zu sein.?
Gaston verf?rbte sich.
?Wie meinen Sie das, Herr von Sternheimb??
Der andere wurde ein wenig verlegen.
?Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgefahren. Aber es geht hier unter uns eine Legende, Sie erfreuten sich da unten in Süddeutschland, noch von Ihrem seligen Herrn Vater her, ganz besonders guter Beziehungen.?
?Das ist ein Irrtum. Mein Papa ist gestorben, als ich kaum ein Jahr alt war. Ich habe mir mein bi?chen Weg allein gemacht, ohne jede Protektion! Die Versetzung jetzt zu so ungew?hnlicher Zeit verdanke ich unserem Abteilungschef. Er hat sie mir selbst angetragen!?
Herr von Sternheimb l?chelte vielsagend.
?Er schien Ihnen schon immer wohlgewogen zu sein. Na dann: gratuliere herzlichst!?
Gaston runzelte die Stirn. So wie der hier, dachten alle übrigen. Kameradschaft existierte doch nur dort, wo einer den anderen nicht zu beneiden hatte.
?Ich hatte die Absicht, die Herren in unserer Abteilung heute abend zu einem Abschiedstrunk zu laden. Bitte, empfehlen Sie mich ihnen! Ich mu? früher in Ordensburg antreten, als ich gedacht hatte. Nach der Stichprobe hier eben zu schlie?en, wird man mir ja auch nicht allzu viel Tr?nen nachweinen.?
Herr von Sternheimb machte eine l?ssige Handbewegung.
?Ihre eigene Schuld, Herr von Foucar! Sie haben sich ja immer von uns zurückgezogen. Gestern kriegten wir eine Art von Erkl?rung und verziehen Ihnen mit schn?dem Neid im Herzen. Minnedienst geht vor Kameradschaft.?
?Wie meinen Sie das?? fragte er, ein wenig unsicher.
?Na, das feuchte Weib, mit dem Sie allein im Auto nach Hause gondelten. Donnerwetter noch mal, war das 'ne pomp?se Erscheinung! Und anscheinend eine Klasse für sich. Eigenes Auto mit Chauffeur und Diener.?
?Herr von Sternheimb, ich mache Sie darauf aufmerksam. Sie sprechen von einer Dame der Gesellschaft!?
?Ah, pardon! Der Ansicht war ich n?mlich auch, als wir nachher noch bei einem Gl?schen Pilsner beisammensa?en, aber der lange Bledow hatte zuf?llig neben Ihnen getanzt und ganz deutlich gesehen, wie Sie Ihrer Partnerin einen z?rtlichen Ku? auf den schneewei?en Schwanenhals applizierten! Das gab er natürlich unter allgemeiner Heiterkeit zum besten.?
Gaston wandte sich ab und bi? sich auf die Lippen. Herr von Sternheimb trat n?her und legte ihm die Hand auf den Arm.
?Na, Foucar, nichts für ungut! Wollen nicht im Aerger auseinandergehen. Wir haben in der Zeit hier doch immer sehr brav zusammengehalten! Und soll ich vielleicht noch feierlich erkl?ren, da? ich nicht die geringste Absicht hatte, der Dame zu nahe zu treten??
?Ist nicht n?tig,? erwiderte er mühsam. ?Nach den Beobachtungen, die Herr von Bledow gemacht hatte, konnte es sehr wohl den Anschein haben ... also erledigt!?
Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.
?Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerührt haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bi?chen ungew?hnlich, da? eine Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen M?dchen mischt.?
?Ist ja schon gut,? sagte Gaston gequ?lt, ?wollen die Sache nicht unnütz breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwürfe zu machen hat, bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde 'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also, ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Da? ich mir nachher diese unbegreifliche Unversch?mtheit erlaubte, dafür kann sie nichts. Ich mu? gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie würden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung – gelegentlich einmal – eine Aufkl?rung geben würden.?
?Aber natürlich! Herzlich gerne,? beeilte sich der andere zu versichern. ?Wir hatten ja alle gestern ein bi?chen scharf getrunken. Wenn man da einer sch?nen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer solchen Umgebung ... na, das l??t sich begreifen. Sie scheint es Ihnen ja auch nicht übelgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergnügt in das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergnügen! aber Sie h?rten nicht mehr.?
?Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst h?tte ich dem Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also dann adieu, Sternheimb.?
?Adieu, lieber Foucar, grü?en Sie mir das liebe alte Nest da an der Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst vielleicht wieder. Ich habe da einen weitl?ufigen Vetter, der hebt mir immer ein paar gute Rehb?cke auf. Sie kennen ihn übrigens auch. Vor 'nem Jahr ungef?hr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswürdig, den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei, von den K?nigsberger Kürassieren.?
?Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und hoffentlich auf Wiedersehen.?
?Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.?
Als Gaston nach der Erledigung der üblichen Formalit?ten und den notwendigen Abmeldungen das gro?e Geb?ude am K?nigsplatz verlie?, würgte ihn etwas am Halse.
Ganz erb?rmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mu?te die Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frühen Morgen zurechtgelegt hatte, als k?nnte er mit Frau Josepha in dem kleinen St?dtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, da? dort niemand hinkommen k?nnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gespr?ch eben mit dem Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.
Zwei Dinge gab es nur, zwischen denen er zu w?hlen hatte: seine Karriere als Soldat oder die Frau. Da mu?te man hart sein, alle sentimentalen Regungen über die linke Schulter werfen und sich frei machen!
Und schlie?lich, wenn man sich die ganze Angelegenheit jetzt einmal im klaren Tageslichte besah, was war denn Gro?es geschehen? Eines jener hysterischen Weibchen, die in Berlin zu Tausenden herumliefen, hatte sich in ihn verliebt. Sah in ihm den Retter aus aller Not und – mal das Ding beim richtigen Namen genannt – warf sich ihm an den Hals. Er hatte sich einfangen lassen in der seltsam gesteigerten Stimmung der Nacht. Jetzt war es wieder heller Tag, und da kam man zur Besinnung. Richtete seinen Weg nach vernünftigen Ueberlegungen, statt nach unklaren und halb trunkenen Empfindungen. Wenn es dabei auch nicht ohne eine gewisse Brutalit?t abging. Das war gesunder Selbsterhaltungstrieb!
Und unwillkürlich mu?te er denken, ein anderer an seiner Stelle h?tte vielleicht skrupellos die Gelegenheit benutzt, die sch?ne Frau zu seiner M?tresse zu machen. Er aber, in dem Respekt, den nur von einer Mutter erzogene M?nner vor allem hegten, was Weib hie?, er hatte gleich sich selbst eingesetzt und seinen Namen. Da stand denn doch Gewinn zu Verlust in einem zu argen Mi?verh?ltnis. Und wenn er wenigstens noch eine Spur von Liebe empfunden h?tte! Aber nichts, rein gar nichts als ein bi?chen Mitleid.
Er st?hnte auf und ballte im hastigen Dahinschreiten die Faust: Schwerenot noch einmal, das war nicht genug, um darauf ein Mannesschicksal aufzubauen! Er konnte sich an diesem Mitleid doch nicht einfangen lassen wie an einem Strick. Da mu?te man sich losrei?en mit ein paar kurzen Worten heute nachmittag und nach dem Abschied nicht rückw?rts schauen. Auch nicht grübeln und sich selber Moralpauken halten. Eine dunkle Stunde, an die er nicht ohne eine gewisse Scham zurückdachte, hatte schlie?lich jeder in seinem Leben. Das mu?te man nicht tragisch nehmen. Namentlich, wenn es um eine Frauenzimmerangelegenheit ging. Da gab es ein bi?chen Geflenn und Gepl?rre, man plagte sich selbst eine Weile lang mit Gewissensbissen, schimpfte sich mal Schweinehund – wenn's gar zu arg wurde, bet?ubte man sich mit einer guten Flasche. Und dann kam die liebe Zeit, brachte allm?hlich Vergessenheit. Man mu?te sich nur von gewissen altfr?nkischen Vorstellungen losmachen. Da? Wort Wort war! Ob man es nun einem Manne abgegeben hatte oder einem Weibe, in der Trunkenheit oder bei vollkommen klaren Sinnen.