Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr pl?tzlich das alte, ?ngstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tr?nen, und als sie sich von der Leiche abwandte, war sie pl?tzlich eine alte, gebückte Frau geworden.
?Habe ich denn gewu?t, da? ich sie in diesem Alter verlieren werde?? sagte sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.
Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu tr?sten, da? nur sie allein schuld sei und es sonst keinen Schuldigen g?be. Und unter der Last dieses Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch ?lter.
Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu tr?sten, sie weinte mit ihr und blickte sie mit gro?en Augen an - sie war vor Schreck wie gel?hmt.
?Mutter, was sprichst du da?? fragte sie und erschrak vor der eigenen Stimme.
Und die Mutter erz?hlte ihr alles.
Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es war das erstemal, da? sie ?Gottessegen? und ihren Gatten verlie?. Und sie hatte gleich in der ersten Nacht einen b?sen Traum: sie sah ihren Mann in einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht erkrankt oder gar tot sei? Auch in der n?chsten Nacht hatte sie einen b?sen Traum: da? ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um ihren Mann und beschlo?, sofort heimzureisen.
?W?hrend der Heimreise?, erz?hlte sie Sonja, ?betete ich unaufh?rlich zu Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so la?, o Herr, ein Kind von mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei - Mischa, Lida und Sina -, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, da? bei uns eine Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um ein Haar w?re er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erh?rt und das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob nichts geschehen w?re . . . Und jetzt . . . Alles kommt von meinem Gebet. Wu?te ich denn, da? ich sie in diesem Alter verlieren würde??
Alexandra Pawlowna qu?lte sich furchtbar und lie? Sonja nicht von ihrer Seite.
Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn qu?lte wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Besch?ftigungen nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den gro?en Schrank im E?zimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung zurücklassend.
?Alle waren verlorengegangen - Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .? murmelte er leise vor sich hin. Man wu?te nicht, an wen er diese Worte richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.
Erst am sp?ten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.
So unheimlich und ?de wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo war alles hingekommen - Friede, Lachen, Glück? Drei S?rge - drei Tode lie?en das warme Herdfeuer im Hause erkalten.