Jeder, der das alte Suchotinsche Gut ?Gottessegen? auch nur einmal besucht hat, wird es mit gutem Gewissen loben k?nnen. Nicht zum Spott trug es von alters her seinen Namen, und einen besseren k?nnte man, soviel man auch klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen G?rten keine Weintrauben, auch sangen da keine Paradiesv?gel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar auf dem guten Lande.
Das alte, von S?ulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten, die Wiesen, Felder und W?lder, Vieh und Menschen - kurz alles, was es in Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem andern Menschen, der auf der Durchreise gesch?ftlich oder sonst aus irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten, verw?hnten Moskauer.
Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott - da brauchte man keine Biene zu beneiden!
Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einf?lle und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft kam und blo? den Mund ?ffnete, so verstummte für keinen Augenblick das Lachen. Alle lachten mit - Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.
Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig l?ngst hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen unver?nderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in Lachkr?mpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder l?cheln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen. Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mu?te man seltsamerweise immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier ganz gew?hnliche Worte ohne jede komische Wirkung.
Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen pa?te, fiel es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen und Fr?hlichkeit hervorriefen. Es gibt aber Menschen, die gern jedem R?tsel auf den Grund kommen - solche K?uze findet man überall -, und diese gaben eine treffende Erkl?rung: sie sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom ungew?hnlich scharfen Blick seiner Augen - alles war ihnen klar und verst?ndlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten Erkl?rungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen - was wollte man noch mehr?
Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei ?mter und zeigte auch gar kein Interesse für ?ffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum Adelsmarschall des Bezirks gew?hlt worden. Man denkt noch heute mit Grauen an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten w?hrend Suchotins Amtst?tigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die lustigste Zeit, und alle Amtsgesch?fte wurden von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott wei? was für Dinge an den Tag, da? sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mu?te im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht bei Trost. Ich glaube sogar, da? in Petersburg - in einem Salon oder bei einem Vortrag beim Minister - sich jemand gerade in diesem Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.
Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?
Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzur?umen; er machte das auf eine so scharfsinnige Weise, da? es nachher sehr schwer und oft sogar ganz unm?glich war, einen von ihm einger?umten Gegenstand zu finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen spurlos verloren. Dann liebte er es, die M?bel - Tische, Stühle und Etageren - umzustellen, Bilder umzuh?ngen und die Bücher in der Bibliothek umzuordnen; damit füllte er gew?hnlich den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen bevorzugte er die sü?lichen Fleischspeisen, wie Eingeweide, Hirn und Kalbsfü?e, und da er im Essen unm??ig war, verdarb er sich oft den Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen der Zimmer?fen: es fror ihn best?ndig, und er ging mit einem langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit Dienstboten und Bauern in Gespr?che einzulassen; obwohl solche Gespr?che immer mit der Er?rterung ernsthafter Angelegenheiten begannen, endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was h?chst unerwünschte Folgen hatte: nicht nur da? die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen Respekt hatten, sie glaubten - offen gestanden - kein Wort von dem, was er sagte. Au?erdem versprach er ihnen ganz unm?gliche Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr gro?es Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit - so ein n?rrisches Ma? hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft, eigenh?ndig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem Küchenmeister aufnehmen: niemals entri? sich ihm ein Huhn mit halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend umher, wie es bei minder geschickten K?chen vorkommt. Schlie?lich sah er sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genu? hatte er von dem Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mu?te es der Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr Nikolajewitsch lie? alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die Leiche lag.
Suchotins Frau - Alexandra Pawlowna - spottete manchmal h?chst gutmütig über die Liebhabereien ihres verw?hnten Mannes, dem sie übrigens in inniger Liebe zugetan war; man h?tte auch alle diese Eigenschaften, die schlie?lich Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht w?re, das die Ehre und den guten Ruf von ?Gottessegen? in Frage stellte.
Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des pl?tzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im Dienstbotenzimmer h?chst verworrenes Zeug darüber: der General sei gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?
Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte sehr, da? nicht die ganze Familie in ?Gottessegen? versammelt war - die Kinder waren n?mlich verreist - und da? der Gast sich daher etwas langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erz?hlte viel von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er ihn erkannt, aber eine solche Ver?nderung an ihm wahrgenommen, da? es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unm?gliches aufgefallen - das wei? niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück, warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.
In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte argw?hnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und l?chelte so unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gew?hnliche Presse hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden kann. Er blieb noch an die acht Tage in ?Gottessegen? und jagte eines Morgens ganz pl?tzlich, ohne Gep?ck und nicht ganz angekleidet, auf und davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.
Man erkl?rte pl?tzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch k?nne man bei einer Reise durch Ru?land viele solcher G?rten sehen; an den Feldern und W?ldern sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen h?tten, wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so h?tten sie doch unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, alles zu verwüsten und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erz?hlten sich die Leute, nach Aufz?hlung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes Zeug, da? ich mich sch?me, es wiederzugeben. Schlie?lich waren alle darin einig, da? man das Haus und die Leute unter allen Umst?nden meiden müsse: der Ort sei unrein.
Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argw?hnischer Mensch in seinem argw?hnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!
übrigens h?rte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.
Und so blieb alles beim alten: ?Gottessegen? ist ein Paradies, die Familie Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft von ?Gottessegen? zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei T?chtern und einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr allm?hlich über den Kopf, je gr??er die Kinder wurden und je komplizierter die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
Jeden Abend sa? sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre kr?ftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Kl?nge zogen durch die hohen R?ume.
Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zuf?llig in das erleuchtete Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt h?tte, wie würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen Meinung immer für ma?gebend galt und in der Stadt wie auch auf allen Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna ?eine verführerische Brünette? zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde glauben, da? diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu führen verstand und ein sch?nes Familienleben lebte, sich einmal für das unglücklichste Gesch?pf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom immerw?hrenden Glück und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgel?scht. Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, w?re ?Gottessegen? um ein Haar verlorengegangen: das sch?ne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber rettete alles.
Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der gleichen Liebe und Z?rtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr, ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen Augen und grinste.
?Ich kenne keine Langeweile?, wiederholte er zum tausendsten Mal; ?Mir ist es immer leicht ums Herz!? Das klang so wie: ?Mir ist alles gleich, ich brauche nichts!? Sie h?rte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine Stimme klang für sie genau wie damals, als sie seinen ersten Ku? empfing. Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer reifen, doch gut aussehenden Frau.
Wie toll h?tte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche Szene gelacht! Vielleicht h?tte er aber auch keinen Ton von sich gegeben und w?re ohnm?chtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs.