Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu rufen, wu?te niemand; niemand dachte auch je darüber nach.
Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; au?erdem riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugew?hnen: es gibt doch recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an jeden Satz, den er spricht, das Wort ?gewisserma?en? anzuh?ngen, und das hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Kr?mer Charin diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir zum Beispiel die von einem Kr?mer am h?ufigsten gebrauchte Wendung: ?Das kostet soundsoviel?; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt den Preis in Rubeln und Kopeken aber: ?Das kostet gewisserma?en soundsoviel? - klingt schon ganz anders. Oder: ?Schicken Sie es mir gewisserma?en sofort?; ?Schicken Sie es mir sofort? - das versteht der gr??te Dummkopf, aber ?gewisserma?en sofort? wird auch der Gescheiteste nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews ?Teufel?: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie leicht an einem h?ngenbleiben; und wenn man sie sich angew?hnt hat, geht man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mu?te es ja wissen: Solomowna stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen, geh?rt und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!
So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderw?rts, die, ob sie wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mu?ten; es waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und verst?ndige Menschen, bewanderte Arch?ologen und Mechaniker.
So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen allen Dingen und Handlungen ein ?Bindeglied? zu konstruieren suchte, kein gew?hnliches, sondern unbedingt ein ?eisernes? Bindeglied.
Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überh?rten den Wersenewschen ?Teufel? ganz einfach und schenkten ihm nicht die geringste Beachtung.
?Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten, die von Vornehmheit und überhebung zeugen: so das ?Bitte zu beachten? des Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel ?Herr Jesus!? Es kommt aber auch vor, da? vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und bestürzt sind - in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren -, nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.?
So urteilten die Gleichgültigen.
Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen. Manchmal l?chelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur Sprache zu bringen.
Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewu?t.
W?re er sich dieser seiner Angewohnheit bewu?t gewesen, so h?tte er sich doch hie und da beherrschen k?nnen. Das war aber noch niemals vorgekommen: jede Begrü?ungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit dem ?Teufel?.
Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespr?ch und keinen einzigen Satz.
Es w?re aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich diese dumme Redensart angew?hnt hatte!
Eines war klar: da? es hier weder das berühmte Astriosowsche ?eiserne Bindeglied?, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche ?Teufel? hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen H?he wie das ?gewisserma?en? des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch, da? Sergej Sergejewitsch ohne diesen ?Teufel? undenkbar war und da?, wenn man ihm diese Eigenheit genommen h?tte, man es nicht mehr mit Sergej Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun haben würde.
Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste, Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im Karneval, rote Osterkerzen, Glockengel?ut im Kreml, Maifeiern im Sokolniki-W?ldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im Vaterhaus - das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das erste rote B?ndchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren weitge?ffneten Augen entzündet und ihr erstes L?cheln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.
Aus dem alten, frommen Moskau kam sie pl?tzlich in das Wersenewsche Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gew?lbten Keller, an dessen W?nden braune Blutspritzer zu sehen waren.
Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen, wie sie Tage und N?chte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergescho? gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.
Als er gr??er wurde und erfuhr, da? auch er, wie die andern Kinder, einen Vater hatte und da? dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, da? seine Mutter immer den Vater erwartete und darum die N?chte aufblieb, begann auch er selbst auf den Vater zu warten.
Manchmal kamen Briefe vom Vater.
Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe vorzulesen!
Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.
Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.
Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie sa? wieder am Fenster und blickte wieder auf die Landstra?e hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor K?lte zusammenschrumpfen lie?. Er wollte ihr helfen, wu?te aber nicht wie, und weinte auch selbst still in sich hinein.
Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.
Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der Vater kam nicht.
Einmal, als seine Ungeduld aufs h?chste gesteigert war und er nicht l?nger warten konnte, lief er auf die Landstra?e hinaus, rannte eine weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann pl?tzlich um und eilte mit zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.
?Vater kommt! Vater kommt!? rief er seiner Mutter mit so echter Freude und so felsenfester überzeugung zu, da? sie und auch er selbst pl?tzlich ein Gl?ckchen in der Ferne zu h?ren vermeinten.
Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen N?chte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht l?nger beherrschen, sie lachte und weinte und stie? pl?tzlich einen Schrei aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstra?e hinaus; es war, als ob sie zusammen nur ein Paar Augen h?tten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie glaubten und zweifelten zugleich. Und das Gl?ckchen l?utete noch immer in der Ferne.
Einige Wagen mit Teef?ssern kamen vorbei. Die R?der knirschten und übert?nten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der Staub, und die Stra?e lag leer da.
Bis zum Horizont war die Stra?e zu sehen, und kein Gl?ckchen l?utete mehr. Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein neues Spiel: ?Ankunft des Vaters?.
Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: ?Vater kommt!? von ihrem Platz am Fenster aufsprang und pl?tzlich leichenbla? wurde und zitterte. Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener klang . . .
Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, da? er den Vater gesehen h?tte; auch seine Mutter glaubte es.
Mutter und Sohn sahen auf die Landstra?e hinaus . . . So lange scheint es her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie sch?n rauschten damals die Pappeln im Garten!
?Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .?
?Teufel!? wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der Erinnerungen.
Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am Fenster sitzend und auf die Stra?e blickend.
Bald nach ihrem Tode kam der Vater.
Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet hatte.
Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.
Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen geh?rte, nahm die Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und bestrafte ihn oft und hart, so da? dem Knaben jede Lust zu weinen verging. Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.
Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode seines Daseins.
Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.
Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch erw?hnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr zu sprechen.
Das Eckzimmer im Obergescho? mit den Kleiderschr?nken wurde sorgf?ltig im gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel - alles stand noch da. Der Sohn suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter gesessen hatte; sp?ter interessierte er sich aber mehr für Pferde.
So kam es, da? er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen hatte; in den sp?teren Jahren tat es ihm sogar leid, da? er es nicht wu?te. Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter h?ngen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mu?te sie soviel Leid, so viele bittere Tage und N?chte über sich ergehen lassen?
?Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .?
?Teufel!? sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von Krutowrag dachte.
Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und wurde Offizier.
Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater geizte nicht und schickte ihm regelm??ig gr??ere Summen. Der Vater war immer besorgt, da? es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen. Bei seinen guten Verbindungen und gro?en Mitteln durfte er auf eine gl?nzende Zukunft hoffen.
Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an Trinkgelagen teil, besuchte B?lle, erz?hlte Witze, imitierte seine Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich - und die Tage gingen gleichm??ig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch zuweilen etwas Ausschlie?liches und Besonderes vorkam, so blieb es doch immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und üblichen: so verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen Art.
Gleichm??ig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, flo? sein Petersburger Leben dahin.
Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben h?tte eigentlich in seinem Ged?chtnis keine Spuren zurücklassen müssen.
Und doch hatte er eine Erinnerung.
Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gew?hnliches Erlebnis.
Gibt es denn im Leben auch viel Ungew?hnliches?
Sergej Sergejewitsch dachte in seinen sp?teren Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und sa? über sich selber zu Gericht und verantwortete sich vor sich selbst.
Er hatte schon l?ngst eingesehen, da? eine Handlung durchaus nicht besonders auffallend und au?ergew?hnlich zu sein braucht, um für immer im Ged?chtnis haftenzubleiben; da? auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man kaum merkt, sich wie ein winziges St?ubchen in der Seele festsetzen kann.
?Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze Stadt - das kann für dich schon am n?chsten Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes Lichtchen - ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Fl?mmchen oder die qualmende Petroleumlampe in einer dummen Stra?enlaterne, die wie eine Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für dein ganzes Leben im Ged?chtnis bleiben.?
Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht sa? und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn man es auch kann, hat man den Mut dazu?
Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, gro?e Sünden, die von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord l??t den M?rder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen mu?, was seine Qual, sein Lohn und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt, das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, da? er einmal einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein zudringliches M?del, das ihn auf der Stra?e anbettelte, von sich gesto?en hat - es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Stra?e verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten: ?Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!? - Es handelt sich auch gar nicht darum, da? er das M?del, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stie?, sondern darum, da? das frierende M?del ihm einen Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.
?Teufel!? wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger Erlebnis wieder in den Sinn kam.
Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von altem Adel, das M?dchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die Angeh?rigen des Br?utigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf jede Weise zu vereiteln.
Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig Glück.
Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege ger?umt waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein unerwartetes und trauriges Ende: die Braut l?ste die Verlobung.
Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Stra?enlaternen; an ihr Zimmer irgendwo in der Rusowskaja-Stra?e in der N?he der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er zweifelte nicht, da? das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .
Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das pl?tzlich so bla? geworden war, so entsetzlich bla?, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte, wenn er mit den Worten: ?Vater kommt!? zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen war.
Sie er?ffnete ihm, da? sie ihn liebgewonnen h?tte und nur ihn allein liebte.
Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben, dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie auch jetzt gar nicht.
Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, w?hrend die Regentropfen gleichm??ig und unaufh?rlich gegen die Scheiben prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein B?chlein dem andern. Wie sie ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah und sp?ter mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das ganze Blut ihres K?rpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze Hoffnung ihres Herzens mit fort, als h?tte er es ihr entrissen und ginge damit fort!
Am n?chsten Abend traf er sie zuf?llig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas sp?ter h?rte er etwas in das ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal zurück und setzte seinen Weg fort.
War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gesto?en hatte?
?Teufel!? wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder in den Sinn kam.
Bald nach diesem Vorfall mu?te er pl?tzlich nach Krutowrag abreisen: sein Vater lag im Sterben.
Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und lie? niemanden, weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den allerdringendsten F?llen durfte als einzige ?Kreatur? der Lakai Sinowi sein Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genie?en und schlo? des Nachts kein Auge.
Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute; man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.
Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.
Sergej Sergejewitsch kam zu einer sp?ten Nachtstunde in Krutowrag an; er wollte den Vater nachts nicht st?ren und sich erst am Morgen bei ihm melden. Der Vater fühlte aber sofort, da? der Sohn gekommen war, und lie? ihn durch Sinowi rufen.
Der Alte sa? in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus, in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die Kehle zusammenpre?te, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen Glanz.
Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt. Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und kü?te die Luft.
Vater und Sohn begrü?ten einander.
Der Alte kü?te den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch k?lter als die H?nde.
Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:
?Nun, wie geht es Ihnen??
?Die Teufel kommen immer her?, zischte der Alte durch die Z?hne.
?Was für Teufel? Kleine mit Schw?nzchen?? versuchte der Sohn zu scherzen; er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.
?Was f?llt dir ein! Echte Teufel!? zischte der Vater, und seine Pupillen wurden noch dunkler.
Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand der Pupillen zog sich pl?tzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut auf.
Er griff unwillkürlich nach seinem S?belknauf und wich einige Schritte zurück.
Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die Brust zu kratzen.
?Echte Teufel . . .? zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte. Pl?tzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf den Teppich.
Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so sehnsüchtig erwartet hatte!
Was qu?lte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort? Wer war das?
?Teufel!? wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so sehnsüchtig erwartet hatte.
Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.
Warum er geheiratet hatte, wu?te er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.
Mit der Landwirtschaft besch?ftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte er, sich in der Semstwoverwaltung zu bet?tigen, gab aber auch das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allm?hlich zog er sich von jeder T?tigkeit zurück.
Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf den Schultern des tüchtigen und flei?igen Gutsverwalters, eines mürrischen Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus mit unaufh?rlichem L?rm und lustigen G?sten anzufüllen.