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Chapter 5 No.5

Die Hoffnung, den n?chsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mu?te sich bald entscheiden; und es war klar, da? es sich nicht zu seinen Gunsten entscheiden werde.

W?hrend der Sch?nschreibstunde spielten Charpik und Atja das ?Federnspiel?: die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie mit dem Rücken oder mit der W?lbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er das Spiel auf und sagte:

?Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen??

?Ja?, antwortete Atja.

?Romaschka kommt auch mit.?

?Wie wollen wir das machen??

?Das wei? ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im klaren waren . . . Hast du ein Amerika??

?Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika h?ngen.?

?Mit Afrika k?nnen wir nichts anfangen. Ich mu? noch Romaschka fragen. Sein Vater ist Architekt, also mu? er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.?

?Wir werden uns auch ein Schlo? bauen!? rief Atja aus.

?Ein Schlo? oder einen Palast, ganz wie du willst!?

?Und au?er uns wird keine Seele dort sein??

?Niemand, nur die Nilpferde.?

?Nun geht es los?, dachte sich Atja. ?Jetzt hei?t es handeln. Charpik und Romaschka sind so durchtriebene Bestien, da? sie auch ans Ende der Welt den Weg finden.?

Am n?chsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte war unbezeichnet und unvollst?ndig: nur ein Viertelblatt, aber es war immerhin Amerika.

Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Gehei? des Lehrers für Deutsch Iwan Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mu?ten, verging mit Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schlie?lich einigte man sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschlo?, am n?chsten Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.

?Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld mitbringen?, sagte Charpik.

?Eigentlich mü?te man auch einen Pa? haben?, meinte Romaschka.

?Den Pa? werde ich beschaffen?, erkl?rte Atja; es fiel ihm ein, da? Onkel Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Pa? der K?chin mitgenommen hatte; mit diesem Pa? hatte er eine ganze Woche ohne Schwierigkeiten gelebt.

Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Pa? und Romaschka die Karte.

Wenn es doch schon morgen w?re!

Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken besch?ftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der unbewohnten Insel wird er ein Schlo? erbauen, wie es noch niemand gehabt hat; ein Schlo? aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra hei?en, und die Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra. Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle L?nder der Erde für sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze Welt leuchten.

Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich w?hrend der Stunden ziemlich anst?ndig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.

Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das Schlu?gebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter die Bank und rannte nach Hause.

Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die Mutter in der Stadt; nur die K?chin Wassilissa war allein da.

?Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel?, bat Charpik.

Wassilissa besa? aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas Kleingeld. Charpik z?hlte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!

?Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen?, sagte Charpik, an der Schwelle stehen bleibend.

?Wo f?hrst du denn hin?? fragte Wassilissa interessiert.

Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik pl?tzlich sehr traurig; er war schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch zur rechten Zeit.

?Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!?

Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnl?ndischen Bahnhof umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien. Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki, stiegen in den Zug und - leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Ru?land! Sie reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.

Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als Amerika, und alle Fahrg?ste als Detektive und Sherlock Holmes.

Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Pa? der K?chin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.

?Jetzt k?nnen wir auch zum Teufel fahren: der Pa? ist echt?, ?u?erte sich Charpik anerkennend.

?Jeder Detektiv f?llt darauf herein?, best?tigte Romaschka.

So kamen sie glücklich in Terioki an.

Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerh?usern, die um diese Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum sp?ten Abend herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die D?cher, die Treppen und B?ume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu nehmen, das scheiterte aber daran, da? sie zu faul waren, sich auszuziehen.

Allm?hlich wurde es kalt, und die drei Freunde verspürten auch Hunger: sie hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof zurück und kauften sich ein gro?es sü?-saures Brot, das sie im Nu verzehrten. Nun mu?ten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu kalt, um auf dem Geleise zu n?chtigen, au?erdem schneite es. Auf dem Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde. Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener zu bitten, in seinem H?uschen übernachten zu dürfen.

Der Stationsdiener war freundlich und lie? sich leicht überreden. Doch ehe er sie zu sich hereinlie?, mu?ten sie den Bahnhof aufr?umen und die Geleise kehren.

Sie r?umten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie sahen im Traume allerlei Sü?igkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade, Fruchtpasten und gew?hnliche Bonbons: i?, soviel du willst!

H?tte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so h?tten sie am Ende auch den Tag über durchgeschlafen. ?Steht auf, ihr Sünder!? Sie gingen wieder auf den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues sü?saures Brot, st?rkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den Sommerh?usern zu begeben, als pl?tzlich in der Tür ein Gendarm erschien.

?Wo wollt ihr hin?? fragte er ziemlich ungn?dig.

?Wir sind aus der Nasarowschen Villa?, antwortete Romaschka, der den letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.

?Aus der Nasarowschen Villa?? fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv, und sagte sehr b?se:

?Ihr seid verhaftet!?

In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs, gesenkten Hauptes ein.

?Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Wei?es Meer und die unbewohnte Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?? Mit diesen Fragen qu?lte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die nasse schwarze Landstra?e blickte.

Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!

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