Gro?mutter hatte niemand au?er Petka. Petka ist ihr Gro?neffe, der Sohn ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist g?nzlich heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den Goujon-Werken; er verlie? auch diese Stellung und geriet schlie?lich unter das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bev?lkert.
Er besuchte, wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Gro?mutter, um sie um Geld zu bitten. Gro?mutter hatte vor dem Neffen gro?e Angst und nannte ihn ?den R?uber?.
Petka wohnt mit der Gro?mutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall, in der N?he der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Gro?mutter noch bei Kr?ften gewesen war, hatte sie nie mü?ig dagesessen und über nichts zu klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Wei?brot zu Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr arbeiten. Gro?mutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt, als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen sie ab und zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschu? von der Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine St?dtische Schule aufgenommen. Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Gro?mutter Iljinischna Sundukow; auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit Mühe und Not schl?gt sie sich mit ihrem Petka durch.
Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin, mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Gro?mutter. Als die Smetanins starben, mietete Gro?mutter mit Petka die Kellerstube. Gro?mutter hat früher ein anderes, gr??eres Zimmer gehabt, in dem jetzt Stubenmaler wohnen.
Gro?mutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade l??t sich nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade - davon wei? aber nur die Gro?mutter allein - sind ein silberner Teeglasuntersatz mit Weintraubenmuster und zwei silberne L?ffel mit Blumengravierung und schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das er nach Gro?mutters Tode erben wird. Gro?mutter hat auch einen Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür f?llt sofort ganz heraus: nur Gro?mutter allein versteht es, in ein bestimmtes Loch einen Stift hineinzustecken, so da? die Tür auf den richtigen Platz kommt und der Schrank sich wieder schlie?en l??t. Gro?mutter besitzt auch noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd, ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Abs?tze und ein Stück Leinwand verwahrt: das alles bleibt für ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrünke hinein: der Schlingel glaubte, es würde Gro?mutter Freude machen, wenn sie im Jenseits von den Kohlstrünken naschen k?nnte. Ein kleines Sofa steht auch noch da: von au?en betrachtet, ist es noch ganz anst?ndig, wenn man sich aber ungeschickt draufsetzt, so st??t man sich an einer Holzleiste. Im Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst h?ngen mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone ?Die Moskauer Wundert?ter?: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo stehen nebeneinander - Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und Johannes in einem wei?en Gewand -, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem Moskauer Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt, und über den Heiligen ein dunkler Wald, die ?Mutter-Ein?de? mit zerklüfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka h?lt sie für Feuerberge. Es ist eine uralte Ikone. Daneben steht eine zweite auf Goldgrund gemalte Ikone: ?Die vier Marienfeste?. Sie stellt die vier Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, Mari? Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild f?llt fast auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Kn?uel: ein Kn?uel Stricke, ein Kn?uel Bindfaden und ein Kn?uel bunter Schnüre: w?hrend vieler Jahre hat Gro?mutter sie aufgespart. Schlie?lich existiert noch eine Truthenne - das ist ihre ganze Habe.
Gro?mutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt wie die Gro?mutter. Gro?mutters ?Herr Jesus? kann sie zwar nicht nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben hat sie alles gelernt, alles erfa?t.
Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren gew?hnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen bes?t war. Die Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.
Die Hühner des Diakons haben H?hnchen, die Katze Puschok hat K?tzchen, aber die Truthenne hat nichts - wie kommt das? fragte sich Petka mehr als einmal.
Auch die Gro?mutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:
?Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so g?be es H?hnchen!?
?Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es H?hnchen!? sagte sich auch Petka.
?Gro?mutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt??
?Gott geb's!?
?Was geschieht dann weiter?? prüfte der kluge Petka die Gro?mutter.
?Dann setzt sie sich hin.?
?Wie setzt sie sich hin, Gro?mutter??
?Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.? Gro?mutter kauerte hin wie die Truthenne. ?Einundzwanzig Tage, das sind genau drei Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen mu?, steht sie auf und das auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truth?hnchen heraus.?
?Gro?mutter, wo werden wir das H?hnchen hintun??
?Es wird bei uns wohnen.?
?Gro?mutter, wir werden es in einen K?fig tun, und es wird wie eine Nachtigall singen, ja, Gro?mutter??
?Ja, Petuschok, es wird ein kleines H?hnchen sein, ganz gelb, mit einem Sch?pfchen.?
?Gro?mutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja, Gro?mutter??
?Was f?llt dir ein, Petuschok!?
?Wir werden fliegen, Gro?mutter, wir werden mit dem H?hnchen in dem Luftballon wohnen. Ja??
Gro?mutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Gro?mutter hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen würden: er, das H?hnchen und die Gro?mutter.
?Ich bin damit nicht einverstanden?, sagte die Gro?mutter. ?Ich will hier unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.?
?Gro?mutter?, Petka dachte nur an seine Sachen und h?rte die Gro?mutter nicht. ?Alles kommt doch vom Ei??
?M?ge Gott ihr doch eins schenken!? Gro?mutter wollte so schrecklich gern, da? die Truthenne legte, und sie dachte an das H?hnchen mit derselben Sehnsucht wie Petka.
Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück mehr, er brauchte nur das kalikutische H?hnchen. Aber wo sollte er ein Ei hernehmen, wie k?nnte er es einrichten, da? Gott der Truthenne ein Ei schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truth?hnchen kommt?
?Ich k?nnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen?, überlegte sich Petka. ?Der Diakon hat viele Hühner, und seine Hühner legen viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!? Petka hatte schon in des Diakons Kiste hineingeschaut. ?Datum und Monat sind auf jedem Ei verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen müssen. Und Gro?mutter? Wie wird sie ohne mich leben?? - ?Ich lebe nur für dich, Petuschok, sonst w?re es für mich l?ngst Zeit zu sterben!? - pflegt Gro?mutter zu sagen. ?Nein, vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!?
Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Gro?mutter wollte einmal ihrem Petuschok eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte blo? zwei Eier mit: das dritte versteckte er und sagte der Gro?mutter, er habe es zerbrochen.
?Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das Ei hast du zerbrochen!? Das zerbrochene Ei tat der Gro?mutter furchtbar leid.
Petka h?tte wohl sonst die Eierspeise vor ?rger gar nicht angerührt; aber jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus dem auch ein H?hnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll nur Gro?mutter sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei, wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar kein Ei l?ge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.
Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?
?Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!? Petka kauerte hin, starrte auf die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu regen, von dem einen hartn?ckigen Gedanken, dem einen hei?en Wunsch, der einen Bitte beseelt: ?Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!?
Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf das Ei.
Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der Truthenne, von dem einen hartn?ckigen Gedanken, von dem einen hei?en Wunsch beseelt . . .
Die Truthenne sa? ruhig und fest auf dem Hühnerei.
Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne sa? ruhig und fest auf dem Hühnerei.
Sollte er es der Gro?mutter sagen? Nein, Gro?mutter wird es schon selber sehen. Wie wird sie sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen sieht!
Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er pa?te auf die Truthenne auf und wartete auf die Gro?mutter. Gro?mutter kam in den Schuppen, um der Truthenne ihr Futter zu geben.
?Gepriesen sei der Sch?pfer!? flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne sa? auf einem Ei!
Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen, auch Gro?mutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte nicht einschlafen: er wartete immer, da? Gro?mutter etwas von der Truthenne sagen werde. Auch Gro?mutter w?lzte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie hatte gro?e Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete aber, das Glück zu berufen.
Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schlie?lich doch nicht aus. ?Petuschok!? rief die Gro?mutter.
?Gro?mutter!? Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.
?Du schl?fst noch nicht, Petuschok??
?Was willst du, Gro?mutter??
?Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!? Gro?mutter fing sogar zu lachen an und keuchte vor Freude. ?Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .?
?Sie sitzt, Gro?mutter??
?Ja, Petuschok, sie sitzt . . .? Gro?mutter sagte es mit schwacher Stimme und bekam einen Hustenanfall.
?O Gro?mutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein H?hnchen??
?Ein Truth?hnchen, ein kalikutisches H?hnchen?, flüsterte die Gro?mutter, als ob im kalikutischen H?hnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von ihrem und Petkas Leben l?ge.
?Wird es bei uns wohnen??
?Gewi?, Petuschok, wo denn sonst??
?Wir werden es doch nicht aufessen, Gro?mutter??
Gro?mutter antwortete nicht mehr, Gro?mutter war schon eingeschlafen, beglückt und erfreut durch die g?ttliche Gnade, durch den Gedanken an das kalikutische H?hnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen sollte.
Das ?ll?mpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den ?Vier Marienfesten?: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der Muttergottes von Achtyrka und Mari? Erscheinung - und vor den ?Moskauer Wundert?tern?: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. Die Berge der ?Mutter-Ein?de? glühten im Lichte der Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer Kreml hinein.
?Gro?mutter, ich werde das H?hnchen lieben!? Petka-Petuschok, Gro?mutters H?hnchen, schlief mit diesen Worten ein.
Jeden Tag, ganz gleich, ob es n?tig war oder nicht, schaute Gro?mutter in den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr erwiesene Gnade und z?hlte die Tage. Auch Petka z?hlte die Tage und war nicht weniger aufgeregt als die Gro?mutter; er lie? seinen Drachen nicht mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und verga?, da? er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei w?re. Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgem?? auf das Ei gesetzt hatte, sa? auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, da? sie, seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern hatte? Oder daher, da? Petka durch seinen Willen wirkte oder Gro?mutters Gebet Geh?r gefunden hatte - jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden immer blasser.
Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.
Petka konnte nicht mehr schlafen: ?Und wenn kein H?hnchen herauskommt, wenn es ein taubes Ei ist?? Wie konnte er auch schlafen? Jeden Morgen, sobald es tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.
?Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!? sang Petka, auf einem Beine hüpfend. Drau?en im Schuppen und auch in Gro?mutters Stube hauchte er das H?hnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im H?hnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Gro?mutters Leben l?ge.
?Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!? Gro?mutter konnte sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.