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Chapter 4 No.4

Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das wei? er selbst nicht. Aber sie ist einmal so!

Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die L?den oder in ein Kino mitnimmt. Er wei?, da? sie ganz anders ist als alle, da? man eine zweite Klawdija Gurjanowna nirgends findet: das wei?e Gesicht ist stark gepudert, das Haar f?llt in gebrannten L?ckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt kein Gesicht h?tte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie sie; er k?nnte ihr immer zuh?ren und sie immer anschauen.

Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und kurz; da? sie nichts verstehen kann.

?Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!? sagt Klawdija Gurjanowna und lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein gew?hnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!

Einmal hielt er es nicht aus und sagte:

?Sch?n war es bei uns in Kljutschi . . . Da mü?ten Sie auch einmal hin . . .?

?Du wei?t also, wo sie sind!? rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war aber ein Mi?verst?ndnis: ?Kljutschi? hei?t ja ?Schlüssel?, und sie hatte gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und konnte sie unm?glich finden.

?Es ist noch zu früh?, sagte sich Atja, ?es ist noch nicht die Zeit . . . Ich mu? mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Gro?es vollbringen, dann kann ich alles wagen . . .?

Die Mutter sagte am gleichen Abend:

?Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.?

Da sie eine gro?e Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem Jahre wenig verdiente, mu?te ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer eben wohnte Klawdija Gurjanowna.

Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespr?che drehten sich um sie. Man besch?ftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle m?glichen Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, w?hrend sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.

Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich jedes Wort.

Atja mu?te sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Fü?en waschen: in der Küche wurde ein Waschfa? aufgestellt, Atja zog sich aus und pl?tscherte im Wasser.

?Du bist nicht mehr so klein, da? du nackt umherlaufen kannst?, bemerkte einmal die Mutter. ?Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.?

Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten Augenblick unverst?ndlich; erst sp?ter wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und best?tigte seine eigenen Wahrnehmungen.

?Vor der K?chin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu sch?men?, sagte sich Atja, ?weil sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!?

Bald erfuhr er von Fjokluschka, da? Klawdija Gurjanowna eine M?tresse, ein ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben h?rte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller Gescheitheit und allen Reichtums.

?Ausgehalten, Gehalt . . .? kombinierte Atja. ?Wenn in meinem Aufsatz kein Gehalt ist, so gibt's eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich eine Eins. Der Rektor bekommt ein gro?es Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.?

Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in schwierigen F?llen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu h?ren; nicht umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte, und einen wei?en Pelz mit schwarzen Schw?nzchen, wie ihn die Kaiserin hat.

Der Doktor kam eines Abends sehr sp?t nach Hause und sprach w?hrend des Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter:

?Es pa?t mir gar nicht, da? du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast . . .?

Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unm?glich erkl?ren, sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.

?Es ist natürlich lateinisch?, sagte er sich. ?Latein kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum n?chsten Jahr warten. Lieber werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.?

Als Onkel Arkadi am n?chsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die Frage vor.

?Prostituierte?, erkl?rte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken, ?hei?en alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus der Haut f?hrst.?

Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, da? er keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer, das hei?t klug und reich, sondern auch eine Prostituierte, das hei?t adlig.

?Sie ist eine Fürstin?, sagte er sich. ?Und wenn sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie n?chstes Jahr eine Gro?fürstin sein, und in noch einem Jahre - eine Prinzessin.?

?Meine Prinzessin!? flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging.

Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, au?er einem einzigen Herrn, der entweder ganz früh am Morgen oder sehr sp?t am Abend zu ihr kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete ihn. Alle nannten ihn ?den Abgeordneten?.

?Der Abgeordnete ist gekommen?, sagte die Mutter zu Atja. ?Mach nicht solchen L?rm und zupfe deine Jacke zurecht.?

Wenn der Doktor den Gesang h?rte, verzog er das Gesicht:

?Ist das der Abgeordnete, der da singt??

?Ja, der Abgeordnete?, antwortete die Mutter.

Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.

Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma k?me und sie alles viel besser wisse als jede Zeitung.

?Ein ungew?hnlicher Gast!? sagte sich Atja. ?Einer aus der Reichsduma! Der bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch. Vielleicht ist er gar so viel wie der ?Grieche? Kopossow, der Klassenlehrer der dritten Klasse.?

Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, da? der Abgeordnete ebenso kahlk?pfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler ?den Chinesen? nannten, und viel sch?ner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar Schauspieler, h?tte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen dürfen.

Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im E?zimmer; sie sprachen von allen m?glichen Dingen. Atja sa? im Nebenzimmer, tat, als ob er seine Aufgaben machte, und h?rte dem Gespr?ch zu. Das Gespr?ch drehte sich meistens um den Abgeordneten.

Es stellte sich allm?hlich heraus, da? er verheiratet war und zwei erwachsene T?chter hatte; seine Frau liebte er so sehr, da? er ohne sie gar nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie tagt?glich Telegramme.

?Als ich ihn kennenlernte?, erz?hlte einmal Klawdija Gurjanowna, ?sagte er mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben; bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.?

?Meine Prinzessin?, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, ?ich bleibe aber ewig bei dir!?

Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft ein Stra?enlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, ?irrt wie ein Grashalm? unter den Menschen umher und ?sieht sie immer und überall vor sich? . . .

O w?r diese Nacht

Nicht so schwül, nicht so sch?n,

So mü?t nicht das Herz

Vor Wehmut vergehn . . .

Atja h?rte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin stand ?immer und überall? vor ihm.

Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Gl?ckchen ert?nte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Stra?e blickte: ob sie nicht schon k?me? Und wenn Gro?vater in der Kirche die Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil sie von ihr getr?umt hatte. Und wenn Sascha und Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, da? sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn Kusmitsch ein M?rchen pl?tzlich abbrach und sagte, da? er das Ende nicht erz?hlen werde, und über seine Lippen ein L?cheln glitt, so war auch das verst?ndlich: das Ende des M?rchens handelte von ihr; wie konnte er das geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .

?Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!? scherzte die Mutter.

?Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!? fügte Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.

?Armes Kind!? jammerte die K?chin Fjokluschka.

?Mich haben alle Kinder lieb!? lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen Stimme.

?Ich mu? mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht?, dachte sich Atja. ?Ich mu? Indien oder das Wei?e Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .

O meine Prinzessin!?

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