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Chapter 6 1855–1858

Die N?rdlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranla?te, nach München zu übersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der Chronik, da? Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatsw?rterbuch herauszugeben, und sich wegen dieses gro? gedachten Werkes an Brater wandte.

Schon war der Verleger nach N?rdlingen gekommen, man hatte sich über alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur gro?en Entt?uschung für Brater, der in der Chronik berichtet: ?Die Arbeit h?tte mich fünf Jahre lang unter günstigen Bedingungen besch?ftigt, aber die türkischen Verwicklungen schüchterten den Verleger ein und ich wurde zum zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.?

Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: ?Das Projekt Bluntschlis n?hert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen Konjunkturen l?ngere Zeit geruht hatte, seiner Ausführung. Ich übernehme die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatsw?rterbuchs, das in zirka zehn B?nden in den Jahren 1856–60 erscheinen soll. Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein gro?er Schritt, den man wagt. Die Verleger sind Schulthe? und Scheitlin.?

Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines Menschen auf das Leben anderer ausübt. Professor Bluntschli fa?t den Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Münchner Professors hat die Wirkung, da? Frau Brater in eifriger T?tigkeit ist, ihren N?rdlinger Haushalt aufzul?sen; dieser Gedanke ist die Ursache, da? zwei kleine M?dchen von den Wiesen und Obstg?rten abgerufen werden, um nie mehr diese goldene Freiheit zu genie?en. Ja, wenn auf der L?psinger oder Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das Dienstm?dchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Münchner Professors schuld, der das M?dchen in die Residenz zieht. Der Abschied von N?rdlingen galt zun?chst nicht für einen definitiven, nur für die Dauer der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch lag die Aussicht der Rückkehr in unbestimmter Ferne und das junge Ehepaar verlie? nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor fünf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimst?tte, der Geburtsort der Kinder, beh?lt für ein glückliches Paar seinen eigenen Reiz und auch die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse für eine Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von der Witwe des Buchh?ndlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein lebhafter sowohl gesch?ftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck'schen Verlag vorstand und einige Jahre sp?ter sich mit der Witwe Beck verheiratete.

Die Lust zur übersiedelung nach München war nicht gro?, denn schon bei dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, da? mit knappen Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzügen der gro?en Stadt nicht viel zu genie?en ist. Aber ob gern oder ungern – es mu?te abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem traulichen St?dtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu gründen.

Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in München Augustenstra?e Nr. 5. Diese, heutzutage l?ngst ausgebaute und mitten im Verkehr stehende Stra?e war damals noch eine stille Vorstadtstra?e, einzelne G?rten unterbrachen noch auf beiden Seiten die H?userreihen, gestatteten den Ausblick in die Ferne und gew?hrten Pauline die M?glichkeit, den Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten überall Zutritt.

Die erste Sorge der Hausfrau mu?te sein, m?glichst rasch das Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der gro?e Lehnsessel davor – das einzige luxuri?se Stück der Ausstattung – waren Bücher, Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefüllt, so mochte im übrigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und h?rte es nicht mehr. Das Staatsw?rterbuch brachte sofort und für lange Jahre eine Menge mühsamer und oft ?rgerlicher redaktioneller Gesch?fte, aber diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die ihn freute. Von dem m?chtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande vorw?rts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken, schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewu?tsein, da? es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas beizutragen zur L?sung der h?chsten nationalen Aufgabe, erfüllte ihn mit tiefinnerer Befriedigung und lie? ihn auf ?u?ere Anerkennung verzichten.

Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster war ein sogenannter ?Tritt? angebracht, eine Erh?hung, auf der nur der N?htisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Stra?e zu überblicken und dieser Blick erwies sich bald als nützlich; denn als das Frühjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unm?glich, ihre Kinder, die auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig dachte sie daran, die Kleinen stundenlang t?glich in die Anlagen zu schicken oder spazieren zu führen, sie hielt dies für einen unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes übrig, als sie auf die Stra?e springen zu lassen. Anna war nun fünf Jahre, verst?ndig, ?u?erst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben, geschweige denn den M?dchen gestattet, auf der Stra?e zu spielen. So erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstra?e, da? die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater h?tte es vielleicht auch nicht so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der Erziehung; ?das mu?t Du wissen? sagte er bei solchen Anl?ssen in vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ?ngstlich. ?Die Kinder sollen nur aufpassen lernen,? war ihre Meinung, wenn jemand auf die Gefahren der Stra?e aufmerksam machte. War aber von dem ungünstigen Einflu? die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausüben konnte, so schreckte sie auch das nicht ab. ?Unten m?gen sie reden wie die andern,? meinte sie, ?oben werde ich mirs schon verbitten.? Sie brachte das auch zustande. Bald kam es vor, da? die Kleine einer Spielgenossin in die Dachwohnung hinauf rief: ?Marie, kimm abi? und dann der Mutter, die es h?rte, die Erkl?rung gab: ?Wei?t' das hei?t: komm herunter!?

Die meisten Kinder, die sich in den Münchener Stra?en aufhielten, waren katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, da? sie den gelegentlich vorübergehenden Geistlichen die Hand kü?ten, und arglos folgte sie diesem Beispiel. Bei solchem Anla? fragte ein katholischer Geistlicher das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es hei?e und wem es geh?re. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den Ultramontanen verha?t wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen Herrn sehr merkwürdig vorkommen, da? das Kind dieses Mannes ihm den Handku? gab, und er entlie? es mit einem Gru? an ihren Vater. Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren auch, welchem Umstand sie den Gru? verdankten. Mit feinem, sarkastischen L?cheln sagte der Vater zu seinem T?chterchen nur: ?Du brauchst künftig niemandem mehr die Hand zu küssen.?

Also durften die Braters M?dchen auf der Stra?e spielen und wurden von andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering gesch?tzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der au?ergew?hnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natürlichen Anlage seiner Frau, da? die Frage: ?Was sagen die Leute dazu?? gar nicht vorkam im W?rterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, da? sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht ?ngstlich nach der Meinung anderer.

Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausg?ngen verwendet, Anna war allerdings ein so praktisches Kind, da? man es wagen konnte. Um so unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glück zu sagen, da? doch immer alles gn?dig ablief. So wurden der Kleinen einmal Druckb?gen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer ruhig deren Führung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet. Als sie nun zum erstenmal allein auf den gro?en Platz gelangt war, in dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Stra?en abgehen, wu?te sie nicht, welche sie einzuschlagen h?tte. So stand sie denn ratlos in der Mitte des Platzes, wu?te sich nicht zu helfen und fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorübergehender die trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und erfuhr, da? sie den Weg in die Druckerei nicht f?nde. Nun wollte aber der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wu?te das Kind nicht Bescheid, zu Hause hie? es eben schlechthin: Die Druckerei. Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen Druckerei geleitet. Es h?tte freilich auch anders ausfallen k?nnen, damals, wo oft nur die Anonymit?t den Verfasser geharnischter Artikel vor Verfolgung schützte.

Einige Monate nach der übersiedlung war Brater schon in so vielerlei Arbeit verwickelt, da? eine Rückkehr nach N?rdlingen ganz undenkbar erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer:

... ?Die Erinnerung an N?rdlingen liegt schon weit hinter mir, insofern ich nicht mehr wie anfangs N?rdlingen als meine Heimat betrachte, wohin ich zurückzukehren strebe, sobald die Verh?ltnisse es gestatten. Ich sehe wohl, da? daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen, sondern um Karls willen, denn den gro?en Unterschied für ihn sehe ich jetzt erst recht ein; also N?rdlingen ist meiner überzeugung nach abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir versichern, da? mir oft die Tr?nen kommen, wenn ich die Kinder miteinander reden h?re, wie sie sich vergnügen wollen, wenn sie wieder ?heim? kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, da? wir n?chstens heimkehren werden.?

Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das Tischrücken auf, das damals eine merkwürdige Anziehungskraft sogar auf solche M?nner ausübte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten. Frau Brater schreibt:

?Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den Freund B?rmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte und ich konnte mich gar nicht genug über die Leichtgl?ubigkeit Deines Herrn Bruders und meines Gatten ?rgern. Ernst hat Dir vielleicht erz?hlt, was für ein Wunder mit dem Tisch sich in B?rmanns Schreibstube zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdru? über seine Leichtgl?ubigkeit darzutun.?

Das Interesse für das Tischrücken war in jener Zeit erregt worden durch einen Artikel in der ?Allgemeinen Zeitung?, der über wunderbare derartige Vorg?nge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen Kreisen zu Versuchen den Anla? gab. Die Meinungen waren geteilt und es wurde mit Erregung darüber gestritten, ob man es mit Einwirkung von übernatürlichen Kr?ften oder mit Elektrizit?t und Magnetismus zu tun habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein.

Der Verkehr mit dem obenerw?hnten Theodor Rohmer und seinem ?lteren Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das Interesse für deren religi?se und philosophische Ansichten. Zwar die pers?nliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung für Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des Ansto?es und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern Rohmer, in die selbstbewu?te, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie sich nicht finden. Es war ihr unfa?lich, wie ihr Mann so hoch hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzüge seiner eigenen Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein Prinzip aus: ?Ich lasse mich gehen? und er handelte danach. Ihres Mannes Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er übte sie an sich, forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler Bruder, Theodor, sich dessen Ansprüchen unterordneten. Die geistige Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewu?te Eigenart übte eine unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, ?eine unglückselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen Leidenschaften?. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das H?chste von ihm erhofften, religi?se, politische und soziale Umgestaltung Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gew?hnlichem Ma?e messen zu dürfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses Mannes gezeigt, wie die h?chste geistige Begabung nur Unfrieden bringt, Harmonien zerst?rt und den Tr?ger selbst unbefriedigt l??t, wenn sie nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht beherrscht.

Braters Freundschaft mit Friedrich Rohmer war ein Schatten im Haus, aber Pauline wurde sich dessen bewu?t und sorgte, da? er sich nicht trennend zwischen sie und ihren Mann schob. Sie suchte ihre Abneigung gegen diesen Verkehr zu überwinden. Dabei kam ihr zu Hilfe, da? die Gedanken Friedrich Rohmers, über die sie ihren Mann und seine Freunde sprechen h?rte, sie allm?hlich ergriffen, so da? sie die Rohmerschen Schriften las und nun auch m?chtig durch dieselben bewegt wurde. Pauline geh?rte zu den echt weiblichen Naturen, denen nur durch Vermittlung des Mannes ein neues Interesse erweckt, ein Verst?ndnis aufgeschlossen wird.

Wie sie durch ihre Brüder gelernt hatte die Naturwissenschaften mit Liebe zu erfassen, so traten ihr durch Rohmer die religi?s-philosophischen Fragen nahe und immer zunehmend in den folgenden Jahren die nationalen und politischen Interessen ihres Mannes. Nichts eignete sie sich etwa aus Lernbegier, aus absichtlichem Streben nach Weiterbildung an. So blieb sie z. B., trotzdem sie einen gro?en Teil ihres Lebens in der Kunststadt München zubrachte, der Kunst vollst?ndig fremd, sah sie als einen Luxus an, lie? sie kaum als eine Lebensaufgabe, die auch ihren sittlichen Wert hat, gelten. Es trat eben kein Künstler in ihren Lebenskreis, der sie für seine Sache erw?rmt h?tte, und sie erfa?te nur, was ihr durch Pers?nlichkeiten nahe gebracht wurde, in denen es lebte, dann aber ergriff sie es mit solcher W?rme der Empfindung und Begeisterung, da? ihr Feuer sogleich wieder das der andern belebte, und da solches nie ein Strohfeuer war, sondern eine warme anhaltende Glut, so gewann sie im Laufe des Lebens immer mehr an innerem Reichtum und konnte viele anregen, erw?rmen und begeistern.

An Lina Rohmer schreibt sie: ?Gegenw?rtig studiere ich Kritik des Gottesbegriffs (von Rohmer), was aber nur dazu beitr?gt, meine Ungeduld nach dem Neuen Gottesbegriff zu vermehren; es w?re zu schade, wenn Friedrich nicht zu rechter Zeit sein Buch drein feuern k?nnte, besonders da ich immer glaube, da? er es dann überhaupt nicht mehr abfeuert, sondern eben auch da stecken bleibt, wo andere auch nicht hinüber kommen.? Diese Befürchtung sollte sich bewahrheiten. Noch im selben Sommer berichtet Brater in der Chronik: ?Wir waren in den letzten Wochen in h?ufigem Verkehr mit Friedrich Rohmer gestanden, der eine lebhafte Zuneigung zu unserer kleinen Anna gewann, sich mit Pauline befreundete und mir ein offenes, unbedingtes Vertrauen erwies. Ich hatte in früheren Jahren den Eindruck seines Gemütes selten so rein und tief wie jetzt in den Gespr?chen, die sich über unser pers?nliches Verh?ltnis, über das seinige zu Theodor und Bluntschli, über sein Bedürfnis eines neuen Familienlebens und über politische Zukunftspl?ne erstreckten. Zu derselben Zeit war seine geistige Produktion von solcher Gr??e und Fülle, da? Bluntschli, der diese Ideen aufzunehmen und sich anzueignen hatte, fast erlag.

Wir befanden uns seit kurzer Zeit (zum Landaufenthalt) in Aibling und erwarteten seinen Besuch, als die Nachricht seines Todes eintraf. Bluntschli schrieb am 11. Juni: ?Gestern noch war er gesund, heiter, auch am Abend frei und ruhig. Heute morgen ging er ins Bad. Im Bad traf ihn der Nervenschlag, der ihn zum ewigen Lichte rief.?

Auch Theodor Rohmer, der seine ganze Kraft selbstlos im Dienste des Bruders, den er verehrte, aufgerieben hatte, starb bald darauf und Brater verlor an den beiden Brüdern die Jugendfreunde, die ihn mehr als alle anderen gefesselt und beeinflu?t hatten. Um so n?her fühlte er sich mit Bluntschli verbunden. L?ngst waren zu den gesch?ftlichen Beziehungen mit diesem auch freundschaftliche Familienbeziehungen getreten. Pauline fühlte sich besonders zu Bluntschlis ?ltester Tochter Luise hingezogen, deren gerade, offene Natur zu der ihrigen pa?te. Nach ihrer Verheiratung mit Prof. Dr. Hecker (sp?ter Obermedizinalrat) wandte die junge Frau ihr ganzes Vertrauen Frau Brater zu und eine treue Freundschaft verknüpfte die beiden. Als Bluntschli und seine Frau die silberne Hochzeit feierten, waren auch Braters mit einigen Freunden des Hauses, worunter Liebig und Kaulbach, dazu geladen. Da? dieses fr?hliche Familienfest für lange Zeit ihr letzter Ausgang sein sollte, ahnte Frau Brater an diesem Abend noch nicht. Ein Schmerz im Knie, der sie schon manchmal bel?stigt hatte, trat pl?tzlich so heftig auf, da? sie nicht mehr gehen konnte. ?Pauline ist gen?tigt, auf dem Sopha zu liegen,? berichtet ihr Mann und fügt hinzu: ?es ist erstaunlich was dazu geh?rt, eine Familie von nur vier K?pfen imstande zu halten; keine Woche vergeht, da? es nicht da oder dort knarrt und eine Fuge aus dem Leime zu gehen droht.?

Der Zustand verschlimmerte sich, ein Gipsverband wurde angelegt und mehr als ein halbes Jahr verging, bis Pauline an Lina Rohmer schreiben konnte: ?Der Gipsverband ist vor acht Tagen abgenommen worden. Die M?glichkeit des Gehenlernens scheint mir nun auch n?her zu liegen als noch vor acht Wochen, auftreten kann ich freilich noch nicht, aber doch besser liegen. Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich darüber bin, wohl ?ngstige ich mich und fürchte mich selbst vor meiner zuversichtlichen Hoffnung, aber nichts desto weniger habe ich sie .... Diesen Winter wird meine Mutter l?ngere Zeit bei uns zubringen, was mich für sie und mich sehr freut, ich habe es eben überhaupt so gut auf dieser Welt, da? ich immer denke, so ein kleines Kreuz wie mein b?ses Knie sei mir eben n?tig und ich fürchte deshalb oft, es wird mir schon noch bleiben.?

Im selben Briefe spricht sie der Freundin, die eine schwere Krankenpflege zu besorgen hat, Mut zu: ?Halte nur Du Dich tapfer und la? Dich nicht übermannen, ich zweifle auch gar nicht daran, Du k?nntest mit Deinem Mut allen aushelfen, hast Du Dein Gesangbuch bei Dir, so lies das siebente Lied und denke, da? es mein Lieblingslied ist, denke besonders bei den drei letzten Versen an mich.? (Es ist das Gerhardtsche Lied: Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht fr?hlich sein?)

Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte, hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie schreibt an Lina Rohmer: ?Ich kann nur sagen, da? sich meine Geduld schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... überhaupt ist dies München ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatsw?rterbuch ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe eine gro?e Wut, da ich ohnedies diesem Staatsw?rterbuch nie hold gewesen bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder h?nge ich dann mit der Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut für sie, dies ist die einzige M?glichkeit, ein anst?ndiges Leben zu führen; ich warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande w?re und wenn ich 6000 fl. Besoldung h?tte.?

Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzündung am Knie war endlich gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline erz?hlte sp?ter manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den Rücken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: ?Nun holen Sie sich aber einen anderen Arzt!? Wieder mu?te sie liegen und viele Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Ged?chtnis geblieben, wie die Mutter trotz dieser Hemmnisse flei?ig war. Sie hatte sich ein schmales Brett zuschneiden lassen, das quer über dem Kanapee ruhen konnte, auf dem sie lag; sie benützte das als Bügelbrett und hat alle St?rkw?sche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebügelt.

Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten konnte: ?Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit m??iger Benützung des Stockes ohne allzu gro?e Ermüdung und üble Nachwirkungen zurück.? Das waren schlimme Jahre, auch in pekuni?rer Beziehung, denn ?rzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und die Einnahmen waren nicht im richtigen Verh?ltnis zu solchen Ausgaben. Unter diesen Umst?nden beschlo? Brater, sich noch ein letztes Mal um eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer gewesen w?re, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht h?tte. Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner Schwester Julie mit: ?Nachdem Seine Majest?t mein Gesuch gelesen hatte, befahl er es ad acta zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so unabh?ngige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon setzte mich der Kabinettsekret?r in Kenntnis und meinte, eine abh?ngige Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei der Staatsanwaltschaft mein Glück versuchen wolle ....? Unter den gegebenen Verh?ltnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem Staat als Anwalt dienen, so lange die M?nner an der Spitze standen, deren reaktion?re und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bek?mpfte? Er mu?te auf das Angebot verzichten, um seiner Grunds?tze willen.

Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue Entt?uschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen. Nachdem er den Hergang erkl?rt hat, schreibt er: ?Du mu?t au?erdem bedenken, da? ich aus diesen H?ndeln mit erh?htem Selbstgefühl hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft au?erhalb des Zeitcharakters steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür bü?en müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen Tugend und meiner Unf?higkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.? Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschl?sse mit pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zust?nde und die Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater l??t sich nicht erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: ?Die heutige Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem ?ffentlichen Leben vorw?rts.? Und an seine Schwester: ?Einstweilen mu? man an dem Gedanken festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die politische Entwicklung geht vorw?rts.?

Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie lebten in der bisherigen flei?igen und sparsamen Weise weiter und trugen gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen Freude und ein wackeres Dienstm?dchen unterstützte die Frau, w?hrend diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses M?dchen bew?hrte sich als ein treues, verst?ndiges Glied der Familie. Sie wurde einst, w?hrend Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin gereist sei und mit welchen M?nnern er verkehre. Denn je mehr seine nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die Bemühungen, ihn zu verd?chtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener preu?enfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte M?dchen lie? sich keine andere Antwort herauslocken als die: man m?chte doch ihren Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid mu?te man sie schlie?lich ziehen lassen. Man war damals noch mancher Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das Zigarrenrauchen auf der Stra?e als Zeichen einer verp?nten Gesinnung nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging t?glich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: ?Entschuldigen Sie, ich bin hier fremd? die Zigarre wegwarf. So trieb er's, bis einst ein Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: ?Ja, entschuldigen Sie, wie lang sind denn Sie noch fremd?? Von da an hielt es Colomann doch für geraten, das Rauchen auf der Stra?e aufzugeben.

Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allm?hlich eine bessere Wendung für die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war, anl??lich der Pr?sidentenwahl sofort wieder aufgel?st. Infolge dieses Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb Brater eine Flugschrift: ?Regierung und Volksvertretung in Bayern.? Sie wurde zwar in N?rdlingen gedruckt, doch erschien es r?tlich, sie au?erhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck, war augenblicklich vergriffen und mu?te in zweiter Auflage erscheinen. Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen darauf hin, da? der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die Abgeordnetenkammer geh?re. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort pers?nlich aufzutreten. An fortgesetzte Entt?uschungen gew?hnt, ging Brater ungern, weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr, falls er wirklich gew?hlt würde, sofort zu telegraphieren.

Mit dem hei?en Wunsche, da? ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein m?chte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die Mutter wandten, stets die Antwort: ?Seid still, ich mu? mich auf etwas besinnen.? An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie mu?te sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen Mi?erfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen k?nne, da? er alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gew?hlt. Die Versp?tung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So konnte es noch lange w?hren und Brater wu?te seine Bundesgenossin zu Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben abgehenden Zug nach dem n?chsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort aus und reiste mit dem n?chsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr Mann sie auch im ?rgsten Getriebe nie verga? und alles andere lieber als sie zurückstehen lie?; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes, beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die h?chste Stufe der ehelichen Treue.

Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die erste ?ffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen h?tte, aber die Freundschaft der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, mu? doch zuletzt alles gut werden.

Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfj?hriger stiller, treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: ?Ihr Vater ist durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne ?u?eren Anla? seine Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich mu? sagen, Hans hat sich treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.?

Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen, ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie t?tig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine popul?ren Vortr?ge verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche Fragen, die sich ihr aufdr?ngten und um deren Beantwortung sie ihn bat. In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: ?Mehr als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.?

Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk w?re nun vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel k?stlich nennt: Mühe und Arbeit.

Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz Selbstverst?ndliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen tun; aber je l?nger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an dieselbe aus.

?Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen, aber jetzt hoffe ich doch, da? Du Dich auch einmal ein wenig mit mir erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es ist wahr, Du hast allm?hlich Deine Kinder so weit gebracht, da? ihnen die L?cher geflickt werden, auch ohne da? Du Deine Nadel einf?delst, aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch stets, da? die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes ersetzt werden k?nnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und nach zu Müttern und V?tern geworden sind, je mehr lernen sie sch?tzen, was Du ihnen bist, trotzdem da? ihnen die Suppe sogar von einer Magd gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten, sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben verw?hnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall zustatten. Sie sind über Deine sch?ne Handschrift immer h?chst erfreut: ?Der Gro?mutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben hat sie ein bi?le verlernt?.?

Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule. Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so gro?, da? sie zwar im D?mmerstündchen sich noch der Mutter auf den Scho? setze, aber selbst ein ganz versch?mtes Gesichtchen dazu mache wegen der langen Beine, die da herabhingen. Solch z?rtliches auf dem Scho? sitzen und dergleichen erlangte zwar ?das kleine Schmeichelk?tzchen? hie und da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich auch nicht mit ihren Grunds?tzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit Liebkosung und Z?rtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für ?Unkr?uter? halten und dankbar sein, da? man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige Verh?ltnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, k?nnen, leisten noch nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen.

Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab, sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus p?dagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine l?stige Pflicht, sondern als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab vielleicht nicht viele H?user, in denen so gewissenhaft jede unn?tige Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder h?rten kaum davon reden; sie waren schon gro?e Schulm?dchen, als sie zuf?llig und zu ihrem Staunen entdeckten, da? das Dienstm?dchen um Lohn und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat. Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein bescheidenes, dankbares Benehmen dem M?dchen gegenüber zur Folge hatte.

Als die Kinder mehrmals zu dem n?chsten Droschkenplatz geschickt wurden, um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus zu diesem System und erreichten damit, da? die Kleinen dankbar waren, wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden, glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zuflo? und vor allem tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe verriet, die ihnen um so k?stlicher war, je seltener sie in z?rtlichen Worten zum Ausdruck kam.

In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, da? damit der beste Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorit?t der Eltern hinaufgewiesen zu der h?chsten Autorit?t und geleitet auf dem Wege zum h?chsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.

?u?erlich betrachtet trat nicht viel zutage von religi?sem Leben in der Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und mit gro?er Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott, mach mich fromm, da? ich zu dir in' Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die Kinder anzuregen, ihre ?u?eren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre Kinder. Oft sprach sie es aus, da? sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe der Religion nicht zu erziehen wü?te. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer beeinflu?t, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament sch?tzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die Mutter erw?hnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die Kinder machte, es hei?t da von Anna: ?Alle Morgen wird ein Abschnitt aus der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt sich h?ufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erkl?rte die erstenmale immer: ?Das hab ich mir auch gemerkt?, fand es dann aber einfacher, ein für alle Male zu sagen: ?Jetzt Mama, ich merk' mir eben immer das, was sich die Anna merkt.?

So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig lie?en sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort ?Lüge? zu brandmarken, was kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Gro?en erw?hnt: ?Anna ist von gro?er Wahrhaftigkeit?, berichtet sie von der Kleinen: ?Sie hat eine so lebhafte Phantasie, da? sie best?ndig im Reden und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von Wahrheit zu haben.? Sie hatte die ruhige Zuversicht, da? in ihrem Haus die Unwahrhaftigkeit nicht gro? wachsen würde.

Die beiden M?dchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau Brater oft bedauert hat, denn eine gr??ere Geschwisterschar war nach ihrer eigenen Erfahrung ein k?stlicher Schatz und überdies eine Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn jedes einzelne unter einer gro?en Kinderzahl wird sich entbehrlicher vorkommen als so ein einziges P?rchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt sie gelegentlich: ?Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind h?tte, überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht?; ein andermal: ?vier Kinder w?ren mein Ideal? und die Sehnsucht nach einem Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.

Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch seine schlechten Wasserverh?ltnisse und h?ufige Typhuserkrankungen verrufen war, mu?ten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an einem typh?sen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Schw?gerin Julie: ?Der arme Tropf hatte eine schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen lie?, so klopft das Herzchen mit einer Gewalt, da? man glaubte, es k?nne es unm?glich überdauern.... Wunderbar war die Ver?nderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze unver?ndert, dagegen waren die glutroten Backen schneewei? geworden, sie lag in fast immerw?hrendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten Woche ebenso. Unerh?rt war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten, es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der dritten Woche, das kommt gewi? auch nur bei Kindern vor, war die Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne allm?hliche Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht gehabt und hatte morgens unver?ndert hundertundzwanzig Pulsschl?ge. Abends sa? sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an waren wir au?er Sorge, es ging gottlob alles so gut, da? sie jetzt zwar lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden Strapazen in immerw?hrendem Kopfweh spüre.?

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