Im Herbste des Jahres 1866 tauchte der Plan auf, da? für Braters Gesundheit eine richtige Kur unternommen werden sollte, ein Winteraufenthalt im Süden wurde ihm geraten.
Ein solcher machte aber eine Beurlaubung von der St?ndekammer, ein Aussetzen seiner meisten Arbeiten n?tig und davor bangte Pauline; von da an, meinte sie, wird er erst empfinden, da? er krank ist, bis jetzt lie? die Arbeit ihn nicht zu diesem Bewu?tsein kommen und wie gro? mu?te nach solchen Opfern seine Entt?uschung sein, wenn etwa der Erfolg doch ausblieb! So wurde hin und her beraten, bis Brater in seiner ruhigen, sachlichen Weise seinem Arzte, Prof. Herz in Erlangen, klare Fragen vorlegte, deren Beantwortung den Entscheid gaben. Er schreibt darüber an Ernst Rohmer:
?Herz hatte mir nun die Fragen zu beantworten:
1. Kann eine klimatische Kur insofern nachhaltig wirken, da? sie die weitere Entwicklung des übels wesentlich aufh?lt?
Antwort: Ja.
2. Ist ohne eingreifende Gegenmittel eine fortw?hrende Steigerung des übels zu erwarten?
Antwort: Ja.
3. Kann die Kur nicht ohne Bedenken auf ein sp?teres Jahr verschoben werden?
Antwort: Die Reaktionsf?higkeit des Organismus und folglich die Wahrscheinlichkeit, da? die Kur wirkt, nimmt mit jedem Jahr ab, und wenn man am Ende der Vierziger steht, ist es eben noch Zeit.? ...
Damit war für Brater die Frage entschieden, denn für die M?glichkeit der Ausführung hatten andere gesorgt. In ergreifender Weise waren dem Kranken, noch ehe der Plan zum Entschlu? gereift war, die Mittel zur Kur angetragen worden. Nicht nur von seinem treuen Onkel Meynier, sondern auch von Freunden, deren Beweggrund war, ihre nationale Gesinnung auch dadurch zu bet?tigen, da? sie dem Manne beistanden, der für die nationale Sache seine Kraft und Gesundheit eingesetzt hatte. Dies war ein erhebendes Gefühl für Brater und seine Frau und ein Beweis, da? nicht nur das B?se immer wieder B?ses, sondern auch das Edle wieder Edles erzeugt. Das ?Zuviel? wurde abgelehnt, das N?tige dankbaren Herzens angenommen. Nun handelte es sich um die Wahl des Ortes, es wurden damals Cannes, Hyères, Palermo und Montreux genannt und Erkundigungen eingezogen. Der Entscheid fiel für Cannes, die südfranz?sische Stadt an der Rivièra. Eltern und Kinder bereiteten sich auf eine neue, lange Trennung vor, freundlich erkl?rten sich die Tanten Brater bereit, die Nichten für den Winter aufzunehmen, schon lag dieser Abschiedsschmerz schwer auf der Seele, da tat sich eine M?glichkeit auf, der Sparsamkeit und doch zugleich dem Herzenszug gerecht zu werden. Es wurde in Cannes eine m?blierte Wohnung mit Küche ermittelt, in der die Familie eigene Wirtschaft führen und dadurch zu viert nicht wesentlich teurer leben würde, als zu zweit in einer Pension. Anna und Agnes, nun beide konfirmiert und der Schule entwachsen, sollten das Kochen besorgen und sich dadurch einigerma?en den interessanten Aufenthalt verdienen, der ohne eine solche Leistung nach den Grunds?tzen der Eltern zu verw?hnend gewesen w?re. Die Freude der Kinder bei der Mitteilung, da? man sie auf solche Weise mit gutem Gewissen mitnehmen k?nne, war so überw?ltigend, da? dadurch diese ganze, aus trauriger Ursache unternommene Reise einen fr?hlichen Charakter bekam.
Zun?chst wurde noch ein vierw?chentlicher Kuraufenthalt in Stuttgart genommen, wo damals für Brustkranke eine Anstalt zum Gebrauche komprimierter Luft bestand. Ein Erfolg war wohl nicht zu verzeichnen, aber angenehm wurde der Aufenthalt durch den Verkehr mit dem Bruder, Professor Heinrich Kraz und seiner Familie, auch Kolomann Pfaff lebte in Stuttgart als Professor der Mathematik und das Zusammensein mit diesen Brüdern war eine besondere Freude vor dem Antritt einer Reise, die so weit ab von allen Lieben führen sollte. Im November ging die Fahrt über Genf, Lyon, Marseille, Toulon nach Cannes.
Frau Brater, die bei diesem Unternehmen nur an ihren Mann und dessen Erholung gedacht und über allem, was vor der Reise zu besorgen war, sich selbst vergessen hatte, war von einem unerwarteten Glücksgefühl überrascht bei dem Anblick des Meeres und der herrlichen südlichen Landschaft, in der nun für einen ganzen Winter ihr Aufenthaltsort sein sollte. Es kam ihr zum Bewu?tsein, da? ihnen ungesucht aus dem Traurigen eine Freude erwachsen war, und weit entfernt, sich dieser zu verschlie?en, geno? sie mit Wonne das Sch?ne, ?ffnete auch ihren Kindern die Augen dafür und beglückte dadurch ihren Mann, dem es schon oft schwer geworden war, da? durch sein Leiden ein Schatten in die Familie fiel.
Auch die h?uslichen Verh?ltnisse gestalteten sich angenehm. Dicht an dem evangelischen Kirchlein stand das Haus, dessen unteren Stock sie bewohnten und das in allen Stockwerken für Fremde eingerichtet war. Franzosen, Spanier und Engl?nder waren die Mitbewohner, die nun manchmal neugierig und staunend an der Parterrewohnung vorübergingen und in die offene Küche einen Blick warfen, wo die deutsche Hausfrau und ihre T?chter an der Arbeit waren. Zuerst glaubten sie wohl nicht, da? es Leute ihres Bildungsstandes sein k?nnten, aber allm?hlich wurde ihnen bekannt, da? der Herr ein Gelehrter mit dem Doktortitel sei. (Brater war kurz vorher zum Ehrendoktor der Universit?t Heidelberg ernannt worden.) So lernten sie deutsche Art kennen und auch hochsch?tzen. Und wie gerne wirtschafteten Mutter und T?chter zusammen, wie viel Neues war zu sehen, wenn sie ausgingen, um Küchenvorr?te heimzuholen! Auf dem Markte standen die Metzger, um zahllose Hammelschlegel zu verkaufen, wunderliches Seegetier lag in K?rben, die Gemüse waren auf dem Boden ausgebreitet. St?nde mit Parfümeriewaren, Vanille und Porzellankn?pfen fehlten an keinem Markttage. Zwischen den Verk?ufern trieben sich Kinder umher, bissen mit Lust in die ungesch?lten Orangen, in die rohen Zwiebeln und begleiteten mit ausdrucksvollen Geb?rden das Patois, das sie mit südlicher Lebhaftigkeit sprachen.
In den Kaufl?den konnten die Fremden franz?sische H?flichkeit kennen lernen. So einmal, als eines der jungen M?dchen, die sich noch gar nicht als Fr?ulein fühlten, in ein Gesch?ft trat und Sago zu kaufen verlangte. Man gab ihr Bescheid, da? Sago nicht in diesem Laden, jedoch in der N?he zu haben sei, aber sie selbst durfte sich nicht bemühen, rasch wurde ein Junge danach geschickt, der ?Mamichella? (Mademoiselle) einstweilen ein Stuhl – auf die Stra?e gestellt, da konnte sie Platz nehmen, bis das Gewünschte zu ihr kam!
Der Heimweg von solchem Ausgang führte eine Strecke weit am Meeresufer hin, das bei starkem Winde m?chtig an den Steinwall brandete, der die Stra?e schützte. Am fernen Horizont war an solchen Tagen eine auffallende Erscheinung zu sehen: wie Berge, die aufstiegen und wieder abfielen – es waren die m?chtigen Wogen der offenen See. ?Bei uns ist's so sch?n und herrlich? schreibt Pauline, ?da? ich jeden Tag meine Freude habe, ja w?ren wir Menschenkinder imstande, nur der Gegenwart zu leben, so würde mir kaum etwas zu wünschen übrig bleiben, aber wir k?nnen uns eben nicht enthalten, vorw?rts zu blicken!?
In den ersten Wochen überwog die Freude an dem Sch?nen, als sich aber gegen Weihnachten noch keine Spur einer Besserung zeigen wollte, klang Leid und Sorge in jedem Brief und dieser Klang w?re vielleicht noch st?rker hervorgetreten, h?tte Pauline nicht die drückende Mutlosigkeit vor ihrem Manne verbergen wollen. Wie sehr sie in dieser Stimmung empf?nglich war für treue, teilnehmende Worte aus der Heimat, geht aus dem nachstehenden Brief an E. Rohmer hervor.
Lieber Ernst!
Dein langer Brief, in der vielbesch?ftigten Weihnachtszeit geschrieben, ist mit voller Anerkennung und gro?er Freude empfangen worden, und da es bis zum letzten Augenblick den Anschein hatte, als sollte Euer Gru? der einzige Weihnachtsgru? aus der Heimat sein, entstand namentlich in der Phantasie meiner Kinder nach und nach eine f?rmliche Glorie um die Treue Deines Freundeshauptes, und als dann w?hrend der Bescherung noch zwei Briefe von den untreuen Erlangern einliefen, so wurde keine Absolution erteilt, denn es sei ein Leichtsinn, hie? es, so bis zum letzten Augenblick zu warten, und der Onkel Ernst sei eben immer der einzige Mensch, auf den man sich verlassen k?nne... Da? Dir unsere Briefe einen guten Eindruck betreffs der Gegend und des Klimas machen, ist ganz recht, wir schreiben natürlich ganz wahrheitsgetreu und hoffen nun auch, da? Du unserm Plan zustimmen und mit Deiner Gattin für den Monat April hierher kommen wirst. Dieser Plan ist n?mlich bei uns bereits zum Beschlu? erhoben, da wir überzeugt sind, da? Du gar nichts Gescheiteres tun kannst, der April ist bei Euch noch so recht der Monat für Zahnweh und Rheumatismen, w?hrend man hier Sommer haben wird; dazu ist die Reise an sich schon ein Vergnügen. Die Ausgabe ist nicht so gro?, für 80 fl. à Person kommst Du bequem hierher, wir haben mit dritter Klasse u. dergl. à Person 54 fl. gebraucht. Hier finde ich Euch um diese Zeit gewi? ein erwünschtes Quartier und meine M?dchen haben bis dorthin sicher so viel Fortschritte in der Kochkunst gemacht, da? ich Euch mit gutem Gewissen an unsere Tafel laden kann. Also wenn Du in den n?chsten Tagen Deinen Etat für das Jahr 67 machst, so hast Du ein paar hundert Gulden für eine Reise nach Cannes anzusetzen. Ein paar hübsche Ausflüge haben wir schon auf Euere Ankunft verschoben, n?mlich eine Wasserfahrt nach der eine kleine Stunde entfernten Insel Marguerite, wo es wundersch?n sein soll und wo seinerzeit der Mann mit der eisernen Maske residierte, und dann eine Fahrt zu Wagen auf das Kap Roux hinaus. Eine neue Zierde unserer Gegend haben wir inzwischen auf einer nahen Anh?he entdeckt, n?mlich eine ansehnliche Kette der schneebedeckten Seealpen, es sind m?chtige Bergspitzen, die zum Teil 13000 Fu? erreichen. Also komm und siehe, denn Du kannst Dir eine solche Natur nicht vorstellen, die best?ndig im Sonntagsgewand einhergeht, und wenn ich zehn Jahre jünger und alles gesund w?re, ich glaube, ich würde den ganzen Tag nichts tun, als singen und Juhe schreien ...
Unsere Feiertage sind uns recht vergnüglich vergangen, etwas ruhiger als bei Euch, das ist gewi?, es wollte mir fast komisch erscheinen, als ich für meine zwei alten Kinder einen Baum bestellte, aber es rentierte sich doch, und sie freuten sich daran wie echte Kinder und waren sehr stolz über die Bewunderung, die er bei unsern Franz?sinnen erregte... Was die Heilwirkung der hiesigen Luft betrifft, so k?nnen wir leider noch immer nicht viel Gutes sagen, es ist mir unfa?lich, da? meines Mannes Husten nicht nachl??t, ich hatte gedacht, da? bei dieser Lebensweise in einem Zeitraum von etwa acht Wochen doch schon eine kleine Besserung eintreten würde, es ist bis jetzt aber noch nichts zu bemerken, indes hoffe ich um so zuversichtlicher, da? sich die Besserung vorbereitet und dann dauerhaft zum Vorschein kommt. Karls gutes Aussehen deutet gewi? eine solche Vorbereitung an.
Nun noch meine besten Grü?e an Dein ganzes Haus ... in treuer Liebe Euere
Pauline.
Es findet sich von Braters Hand noch die Randbemerkung: ?Gestern hat sich die Juchheschreierin über dem Schleppkleid einer kreolischen Hausgenossin, die bei ihr zum Besuch war, den Fu? vertreten und mu? jetzt das Zimmer hüten!? Ein sch?nes Zeichen seines Optimismus bietet der Schlu? seines eigenen Briefs, gesch?ftlichen und politischen Inhaltes: ?Gott befohlen für das neue Jahr. Es geht in der Welt mit Ach und Krach, doch immer und immer vorw?rts!?
Was Frau Brater von dem Aufenthalt in dem franz?sischen, katholischen Luftkurort am wenigsten erwartet h?tte, das wurde ihr und noch mehr ihren Kindern ganz ungesucht zuteil: eine religi?se Anregung. Die Hausbesitzerin, eine ?ltere Dame, und ihre n?chsten Freunde geh?rten der evangelischen Kirche, der ?église libre? an. Sie kamen ihren protestantischen Mietsleuten als Glaubensgenossen freundlich entgegen und auf diesem Grund entstand bald eine wahre Freundschaft. Die kleine Gemeinde in Cannes hatte jenes warme Gefühl der Zusammengeh?rigkeit, das man immer dort trifft, wo es gilt, durch Einigkeit stark genug zu werden, um den von allen Seiten andr?ngenden Feindseligkeiten der überm?chtigen Majorit?tskirche zu widerstehen. Der sonnt?gliche Gottesdienst, dem jegliches Gepr?nge fehlte, hatte trotz oder wegen seiner Nüchternheit etwas ergreifend Ernstes und Wahres. Ohne Talar, im gewohnten schwarzen Rock, trat der Geistliche an den Tisch, der den Altar ersetzte und seiner klaren, schlichten Rede folgte jeder Zuh?rer gespannt und aufmerksam. Nichts dr?hnte salbungsvoll oder pathetisch über die H?upter hinweg, die Redeweise unterschied sich kaum von der des t?glichen Verkehrs, es kam auch wohl vor, da? der Geistliche eine Zwischenbemerkung machte, wie etwa: ?bitte die Türe zu schlie?en, es zieht,? da? er am Schlu? der Predigt einige Bekannte aufforderte, mit ihm zu Mittag zu essen. So menschlich nahe war Frau Brater und ihren Kindern noch nie die Kirche getreten und so deutlich wie an den Gliedern der kleinen Gemeinde hatten sie nirgends sonst den vertiefenden Einflu? warmer, religi?ser überzeugung empfunden. Brater freute sich der Anregung, welche die Seinigen von diesen trefflichen Menschen empfingen, wenn ihm pers?nlich auch der Umgang mit ihnen durch seine geringere Kenntnis der franz?sischen Sprache nicht m?glich war. So weit ihn nicht die Kur in Anspruch nahm, führte er sein stilles Leben am Schreibtisch, versorgte aus der Ferne die politische Wochenschrift mit Beitr?gen, die Redaktion des Staatsw?rterbuchs mit Korrekturen und lebte im Geist in seinem Vaterland.
So w?re alles recht, ja über Erwarten sch?n gewesen, wenn nur die Hauptsache, die Besserung des Leidens, der Erfolg der Kur nicht ausgeblieben w?re. Sechs Monate waren für den Aufenthalt in Aussicht genommen, nach Verlauf von vier Monaten schreibt Frau Brater an ihre Schw?gerin:
Liebe Julie!
Wir haben einen raschen Entschlu? gefa?t und die Umst?nde bringen ihn zu rascher Ausführung: ich zeige Dir an, da? wir im Begriffe sind, Cannes zu verlassen und darnach trachten, in Gries bei Botzen ein Unterkommen zu finden. Die Besserung in Karls Befinden war nur eine scheinbare und es hat sich gleich darauf (ohne Veranlassung) eine dauernde Verschlimmerung eingestellt, die zwar nicht über die früheren Zust?nde hinausgeht, aber eben doch unerwünscht ist, so l??t mir die Befürchtung, da? für Karl ein Seeklima ungünstig ist, keine Ruhe mehr, ich habe Dir das ja schon früher einmal gesagt und Du bist am Ende über diese Neuigkeit des übersiedelns weniger überrascht als wir selbst. Dazu kommt, da? der M?rz hier wegen seiner Winde ein schlechter Monat ist und wenn es uns in Gries nach Wunsch gelingt, denken wir einen guten Tausch zu machen und hoffen, bei der jetzigen vorgerückten Jahreszeit keinesfalls zu verlieren. Ich habe unvermutet schnell die Wohnung angebracht und wir hoffen, die Sache mit unbedeutenden Opfern durchzubringen, doch sind wir Frauensleute alle in Tr?nen dagestanden, als wir den Kontrakt der Abmietung unterzeichneten. Mir tut das Herz weh den ganzen Tag und Anna hat immer die Augen voll Wasser. Das Leben hier hat uns viel Freude gebracht und wir verlassen treue Freunde, die wir wohl nie wieder sehen werden. Wir haben uns heimisch und wohl geborgen gefühlt und werden nun am Samstag schon aus unserem warmen Nest hinausgetrieben, ohne uns schon in Gedanken am zukünftigen erfreuen zu k?nnen... Wir haben eine sch?ne Reise vor uns, der Riviera entlang bis Genua, leider etwas teuer wegen der mangelnden Eisenbahn. Wie wir die Reise machen werden, wissen wir selbst noch nicht, ich habe die hübsche Mission, morgen nach Nice zu fahren, um wegen der verschiedenen Diligencen u. dergl. Erkundigungen einzuholen, ein gutes Stück Arbeit bei meiner Sprachfertigkeit, es ist mir nicht recht wohl bei dieser Angelegenheit.?
Die Verwandten und Freunde in der Heimat mochten es leicht verstehen, wenn Pauline nicht ohne Wehmut von der herrlichen Gegend, von dem Meere schied, das je wieder zu sehen sie kaum hoffte, aber da? der Abschied von solch neuen Bekannten, überdies franz?sischer Nation, ihr und den T?chtern wirklich schwer wurde und überhaupt in Betracht kam, gegenüber dem Wiedersehen der alten, treuen Bekannten, dies konnten sie sich wohl schwer erkl?ren, wenn sie nicht wu?ten, da? ein starker Einflu? ausgegangen war von den religi?sen Naturen dieser kleinen Menschengruppe in Cannes und nicht selbst schon erfahren hatten, wie sehr der Mensch an diejenigen anh?nglich ist, die sein Wesen irgendwie gef?rdert und bereichert haben. Schmerzlich war es unter allen Umst?nden, den Ort zu verlassen ohne jegliche günstige Wirkung der Kur. Aber in diesen Jahren bew?hrte sich das Wort: ?Geteiltes Leid ist halbes Leid? gar sehr bei diesem Paar. Wollte einem von beiden der Mut sinken, so half das andere mit dem seinigen aus, und indem der Leidende jede Klage aus Liebe für die Mitleidende unterdrückte, hielt er sich selbst seine Tr?sterin frisch und anregend.
Die Reise in der kaiserlichen messagerie, d. h. in vier-, streckenweise sechssp?nniger Post auf der herrlichen, l?ngs des Meerufers sich hinziehenden Stra?e über Mentone, Nizza, San Remo bis Genua war ein gro?er Genu?, wenn auch mit Anstrengung erkauft, denn die Fahrt ging auch bei Nacht ohne Unterbrechung weiter. Frau Brater schreibt von Bozen aus an Ernst Rohmer:
?... Unsere Reise war vom Wetter begünstigt, K. hat sie glücklich zurück gelegt und wir freuen uns alle von Herzen, wieder im deutschen Vaterland zu sein, obwohl es vorderhand nur ?sterreich ist..... Unser Weg war Nizza, Genua, Mailand, Verona und dann vollends das Etschtal herauf; durch und durch interessant und sch?n, namentlich der erste Teil Nice–San Remo findet seinesgleichen selten, wir werden diese Herrlichkeit unser Lebtag nicht vergessen, das mü?t Ihr sehen. – Nun sind wir in Bozen installiert und führen unsern Haushalt in einer gro?en, billigen Wohnung, mit aller Bequemlichkeit; da? wir vorderhand von unserm neuen Aufenthalt nicht sehr entzückt sind, ist kein Wunder, hier ist noch alles kahl, kaum einige blühende B?ume, und das Meer – wann werde ich das einmal wiedersehen, mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke! übrigens bin ich überzeugt, da? wir wohlgetan haben, und Karl fühlt sich hier behaglicher; Gott gebe, da? wir auch einmal von einer Besserung zu berichten haben!?
Die überlegungen und den Entschlu?, ob Cannes zu verlassen und Bozen zu w?hlen sei, hatte Brater in der Hauptsache seiner Frau überlassen. Er selbst war wenig medizinisch veranlagt und traute ihr in diesen Dingen mehr zu als sich, auch beobachtete und verglich sie sein Befinden genauer, als er selbst es tat. Seine Gewohnheit, nicht viel an die eigene Person zu denken, aber doch gewissenhaft zu befolgen, was ihm die ?rzte verordneten, machten ihn zu einem Patienten, wie man sie selten trifft. Er behandelte seine eigene Krankheit so objektiv wie die eines anderen Menschen. War alles befolgt, was die Kur ihm vorschrieb, so hatte er auch weiter keine Gedanken mehr für sein Leiden übrig, es mochte dann gehen wie es wollte, sein ganzes Interesse wandte sich der Arbeit zu.
Von Bozen aus unternahm Brater mit den Seinigen einmal einen Ausflug nach Meran. Auf dem dortigen Kirchhof war Braters Vater begraben. Als ein neunundvierzigj?hriger Mann hatte er, lungenleidend, zu seiner Erholung ein bis zwei Jahre in Meran zugebracht und war dort seinem Leiden erlegen. In ernsten Gedanken stand nun der Sohn am Grabe des Vaters, fast im gleichen Alter, als dieser gewesen, an der gleichen Krankheit leidend, mit derselben Erfahrung, da? keine Kur das übel aufhalten konnte. Es war ein ergreifender Gang! Aber mit gro?er Selbstbeherrschung wurde jede schmerzliche Erregung, jeder düstere Ausblick in die Zukunft unterdrückt; ergeben in sein Schicksal wandte er seine Schritte bald wieder weg von dem Orte der Trauer, der Stadt zu, deren gro?artige Natursch?nheit er Frau und Kindern zeigen wollte.
Auf Mitte Mai war die Heimkehr angesetzt. Er schreibt an Ernst Rohmer, der ihn bald zu sehen verlangte: ?Morgen soll nun nach München aufgebrochen werden, wo wir am Donnerstag einzutreffen gedenken, die drei Frostheiligen sind vorüber und es kann, wenn der gute Wille vorhanden ist, jetzt auch bei uns eine anst?ndige Witterung eintreten. Der Kontrast gegen Bozen, wo wir seit einiger Zeit abends 10 Uhr 17° R zu haben pflegen, wird immerhin ziemlich stark sein; k?men wir direkt von Cannes, so w?re es noch st?rker und schon deshalb war die hiesige Zwischenstation gewi? zweckm??ig. Im ganzen komme ich, wie schon bemerkt, ziemlich unver?ndert zurück und es wird sich nun fragen, wie mir die Münchner Lebensart zusagt...... In München dürfen wir also erwarten, Dich bald zu sehen. Ich kann Dir unsere Wohnung nicht angeben, weil sich noch keine gefunden hat und wir uns vermutlich vorerst mit einem Interim behelfen werden. Es ist die schwere Not: ich soll nicht zu kalt und nicht zu warm, nicht hoch und nicht abgelegen, nicht im vorst?dtischen Staub und nicht im st?dtischen Spektakel leben – wie l??t sich das machen?..... Pauline mu? von München nach Erlangen gehen, um dort Gesch?fte abzutun, es wird also darauf zu sehen sein, da? Ihr Euch in M. nicht verfehlt.?
Auf der Heimreise über den Brenner, Mitte Mai, bekamen unsere Reisenden in diesem Jahre den ersten Schnee zu sehen. In München wurden sie von der Schwester Julie empfangen, die einstweilen für ein provisorisches Unterkommen gesorgt hatte. Die ?rzte, die nach langer Abwesenheit ihren Patienten wieder sahen und untersuchten, sprachen von einer wesentlichen Besserung, die sich eingestellt habe. Dem Kranken selber und den Seinigen kam davon allerdings nichts zum Bewu?stein, aber dieser ?rztliche Ausspruch belebte dennoch die Hoffnung und erweckte neuen Lebensmut, so da? sich auch Brater sofort wieder in den Mittelpunkt der politischen T?tigkeit begab. In der Kammer sprach er nur noch selten, seine Stimme war schwach aber noch immer klar und wir lesen in einem Berichte jener Zeit: ?Wenn er sprach, so lauschte die ganze Kammer.? Es war auch kein unn?tiges Wort in seiner Rede, mu?te er doch mit jedem Atemzug haushalten. Wenn er mühsam Stufe für Stufe die Treppe des St?ndehauses hinaufstieg, ging jeder still und achtungsvoll grü?end an dem Manne vorbei, von dem alle erkannten, da? er seine letzte Kraft einsetzte. Seine Hauptt?tigkeit war die im Gesetzgebungsausschu? und diese Arbeit hielt ihn in den folgenden zwei Jahren meist in München fest, wenn auch n?tige Erholungspausen ihn zeitenweise aus der Stadt hinaus ins bayerische Gebirg, einmal auch auf die Retraite, einem stillen Landsitz bei Bayreuth, führten. W?hrend dieses Aufenthalts erhielt Frau Brater die Nachricht von dem Tode ihres Bruders Siegfried. Sie schreibt darüber: ?Wie oft hatte ich meinem schwer leidenden Bruder ein sanftes Ende gewünscht. Nun ist mein Wunsch erfüllt, sanft und schmerzlos durfte er aus dieser Welt scheiden, aber so sind wir Menschen – die Freude, da? nun dieser schwer Geprüfte von allen Leiden erl?st ist, empfinde ich kaum, ich fühle nur immer und immer wieder den Schmerz des Nimmerwiedersehens....... Mein Siegfried war mir immer ein liebevoller und freundlicher Bruder, so weit ich zurück denke, und wie liebenswürdig und gemütlich war er im Verkehr, es war ein wohltuendes und behagliches Gefühl, sowie er nur ins Zimmer trat; auch meinem Mann war er immer eine liebe Erscheinung. Dies ist nun alles vorbei ..... Wie lieb man seine Geschwister hat, das wei?t Du ja aus Deinem eigenen Herzen, sie sind eben das eigene Fleisch und Blut, eins ist durch das andere und mit dem anderen das geworden, was es ist, sie sind ein Stück des eigenen Wesens, gemeinsam tr?gt man die Erinnerung an Jugend und Elternhaus, die auch dem sp?teren Leben noch Licht und W?rme verleiht und bei niemand baut man so sicher und rückhaltlos auf Treue und Verst?ndnis als eben bei Geschwistern ....?
Nach der Rückkehr der Familie Brater vom Land ergab sich ein l?ngerer Aufenthalt in München, den die Eltern der Ausbildung ihrer T?chter zugute kommen lie?en. Diese sollten sich auf das Examen in der franz?sischen Sprache vorbereiten, um sp?ter Unterricht erteilen zu k?nnen. Frau Brater selbst war zwar durchaus keine Freundin von der damals noch ganz neuen Einrichtung, da? M?dchen Examen machen und sich auf einen speziellen Beruf vorbereiten sollten. Aber sie fügte sich dem Rate der beiden Schw?gerinnen, denen die Kinder ihre Ausbildung verdankten, und erkannte auch, da? es ihrem Mann eine Beruhigung war, seinen T?chtern eine weitere Existenzm?glichkeit mit ins Leben zu geben. Als Gegengewicht für diese Arbeit und den ohnedies bei dem zunehmenden Leiden des Vaters ernsten Lebenszuschnitt lie? sie die jungen M?dchen auch Tanzstunden nehmen und freute sich, wenn sie dadurch unter fr?hliche Jugend kamen. Das franz?sische Examen, das heutzutage fast eine Woche in Anspruch nimmt und zu dem sich in mehreren St?dten Bayerns allj?hrlich weit über hundert M?dchen einfinden, wurde damals nur in München, und zwar am Palmsonntag nachmittag abgehalten und au?er unseren zwei Privatschülerinnen nahmen nur einige M?dchen aus dem bekannten Ascherschen Institut teil. Als die kleine Zahl um den Prüfungstisch sa?, sahen die prüfenden Herren l?chelnd auf die emsig schreibenden M?dchen und der eine sprach zum andern in dem Gefühl eines noch nicht dagewesenen Erlebnisses: ?Welch ein Bild des neunzehnten Jahrhunderts!?
Nach einigen Wochen erhielten die Geprüften ihre Zeugnisse, und zwar hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note I bekommen. Damals galt es noch, die M?dchen zu ermutigen, da? sie von der neuen Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um sich vor der überzahl zu schützen.
Ein Brief von Frau Brater an Lina Rohmer l??t einen Einblick tun in ihr damaliges Münchner Leben: ?.... Ich wollte Dir nur noch sagen, da? ich trotz der Massen von Bekannten und lieben Freunden doch niemand habe, der meine Anliegen so mit mir teilen und tragen k?nnte wie Du (d. h. ich sehe ab von meiner Schw?gerin, die mir wie eine Schwester ist). Die Menschen sind im Durchschnitt sehr egoistisch und ganz von ihren eigenen Angelegenheiten durchdrungen und manche, die eine Ausnahme machen, haben nicht so das Verst?ndnis für andere. So bin ich hier die Vertraute und Ratgeberin für manche Freundinnen, weil ich selbst schon manches Schwere durchgemacht habe und mich in die Lage der andern versetzen kann, aber was mich auf dem Herzen drückt, das kommt da nie zur Sprache, ich dr?nge mich nicht auf und fühle mich viel wohler dabei, das, was mein Innerstes bewegt, nur wenigen mitzuteilen. So kommt es nun, da? mich das vielbewegte Leben in München ganz kalt l??t, denn Du wei?t ja, wie ich ganz von meinem Mann und Kindern abh?nge und nur in ihnen meine Freude habe und kannst Dir somit auch denken, da? mir eine Sorge um sie so nahe geht, da? ich nicht leicht davon sprechen kann. So ist mir meines Mannes Befinden ein steter Kummer, denn wir k?nnen uns nicht verhehlen, da? es von Jahr zu Jahr etwas schlimmer wird und zwar in einer Weise, die eben recht peinlich ist; die Atmungsbeschwerden sind recht l?stig, es ist ihm jetzt schon eine Treppe eine Schwierigkeit, natürlich entbehrt er unter solchen Umst?nden alle K?rperbewegung und das ist auch nicht gut und so ist er eben in allen Dingen ein Leidender und als Leidender zu pflegen und ohne Hoffnung für die Zukunft, an die wir uns aller Gedanken entschlagen müssen. Du darfst indessen nicht denken, da? es gerade in diesem Augenblick nicht gut gehe, im Gegenteil, mein Mann arbeitet sehr viel, ohne Nachteil, und ist heiter, ja seine gleichm??ige Stimmung und freundliche Teilnahme für alles und alles, was die Seinen angeht, ist mir oft auffallend und ich denke mir oft: am Ende nimmt er sich nur unserthalben so zusammen, damit nicht auch wir darunter leiden sollen, und am Ende leitet ihn auch manchmal der Gedanke, da? man sich Liebes und Gutes erzeigen soll, weil man nicht wei?, wie lange Zeit einem noch dazu verg?nnt ist. So leben wir in unserem Hause friedlich und glücklich, die beiden M?dchen ahnungslos und voller Lebenslust und Freude; wer uns oft zusammen lachen und schw?tzen h?rte, der würde nicht glauben, wie oft ich dagegen im stillen weine; oft mache ich mir auch Vorwürfe über meine Traurigkeit, denn jetzt steht ja noch alles gut, aber das hilft nichts, da? mein Mann krank ist, fühle ich zu jeder Stunde.?
Der Herbst 1869 führte die Familie wieder vorübergehend nach Erlangen und die beiden T?chter blieben auch dort zurück, als der Landtag einberufen wurde, über dessen Dauer man erst n?heres erfahren mu?te, um zu bestimmen, ob es sich lohne, die eigenen M?bel mitzubringen. W?hrend nun die M?dchen in Erlangen auf n?here Weisung wartend einige Wochen dort blieben, spielten sich in München eigentümliche Landtagssitzungen ab; die neue Kammer konnte sich nicht einigen über die Pr?sidentenwahl, es ergab sich die gleiche Stimmenzahl für den einen Vorgeschlagenen wie für den andern. Brater, unf?hig zu Fu? zu gehen, fuhr t?glich ins St?ndehaus, wo er mühsam Atem holend die Treppe hinaufstieg, um bei der Pr?sidentenwahl seine Stimme abzugeben und dann sofort wieder heimzukommen mit der Nachricht: Gleiche Stimmenzahl. So wiederholte sich der Vorgang dreimal, worauf die Kammer als beschlu?unf?hig aufgel?st und die Neuwahl angeordnet wurde. Die Kinder in Erlangen verfolgten diesen Hergang mit pers?nlichem Interesse. Ein freundliches Briefchen des Vaters vom 9. Oktober sagte ihnen, sie sollten die verl?ngerte Wartezeit benützen, um ein Kissen auf der Mutter Stuhl anzufertigen, zum Schmuck der eben gemieteten einfachen Wohnung in der Barerstra?e. Zehn Tage sp?ter kam ihnen ein Telegramm der Mutter zu, das sie sofort nach München berief, da sich des Vaters Zustand verschlimmert habe. Unverzüglich reisten die Kinder ab, kamen in sp?ter Abendstunde an, und noch ehe der Morgen des 20. Oktober anbrach, hatten sie den Vater verloren.
Dritter Teil
Die Witwe