vielleicht w?ren die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen, die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, w?hrend nicht übergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens n?tig ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht für etwas Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glück zu empfinden, wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das N?tige zuteil wurde.
Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mu?te freilich eng zusammenrücken, damit der Platz reichte in der beschr?nkten Wohnung. Vielleicht war es eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der l?rmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungest?rt arbeiten zu k?nnen. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschr?nkten Geldverh?ltnissen nicht g?nnen. So zog er denn in dem gro?en gemeinsamen Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im übrigen Teil des Zimmers herumtoben wie sie wollten, das st?rte den Gelehrten nicht in seiner Arbeit und er lie? sie gutmütig gew?hren. Betrat aber einer der Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die sichere Folge dieses übertritts in das verbotene Gebiet.
Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter und damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit, an der übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins Deutsche. Da nun Rückert ebenso sparsam wie Pfaff war – hatte sich doch einer der beiden Professoren von dem andern das Sanskritlexikon abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen – so behalfen sich auch die beiden Gelehrten mit einem Exemplar dieser Dichtung und t?glich wanderte das Buch über die Stra?e hinüber und herüber. Den Kindern der beiden H?user, die die Boten machen mu?ten, waren Nal und Damajanti vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden. Weil nun Pfaffs Jüngste auf die Welt kam, w?hrend ihres Vaters Gedanken auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti, den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug, doch wurde ihr zum t?glichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut bürgerliche Name Pauline beigelegt.
Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen.
Sie beide stammten aus Württemberg, hatten sich dort schon als junge Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zun?chst noch in die Ferne. Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Ru?land an die neu gegründete Universit?t Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat gründete er seinen Hausstand, indem er sich mit einer livl?ndischen Adeligen, Fr?ulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe, doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht nach der alten Heimat trieb Pfaff, die gl?nzende Stellung aufzugeben und mit Frau und Kind nach Deutschland zurückzukehren, wo er auch Anstellung fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor.
Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet und in glücklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in Württemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich und Luise. So fanden sich nach wohl zehnj?hriger Trennung die Verwitweten wieder. Als eine gereifte drei?igj?hrige Frau trat sie ihm entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemüts. Die alte Liebe erwachte und führte diesmal zu glücklicher Verbindung. An Geld und Gut brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend für ihre Lebensanschauung, da? Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie m?chte ihm statt eines Eherings ein hebr?isches Lexikon geben. Die Verm?hlten zogen zun?chst nach Würzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die Universit?t Erlangen folgend dorthin übersiedelte. Durch diese Ehe kamen die Kinder der livl?ndischen Adeligen und des schw?bischen Geistlichen als Geschwister zusammen.
Die beiden in die Ehe gebrachten T?chter Aurora Pfaff und Luise Kraz lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene M?dchen, als nach vier Brüdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora w?re vielleicht l?ngst in der Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben h?tten. Als Aurora zu einem sch?nen M?dchen erblüht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger Mann, der durch den Schein besonderer Fr?mmigkeit ihre Seele für sich gewann. Vater und Mutter mi?trauten seinem Wesen und waren gegen die Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem Geliebten fest und beeinflu?te endlich die Eltern, die keine Tatsachen gegen ihn vorbringen konnten, sondern blo? eine Antipathie empfanden, dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze Unglückskarte. Lachend erkl?rte er das Spiel für mi?lungen, mischte die Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschl?gers und zum zweitenmale kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erbla?te. Dem Vater war es leid. Er wollte den übeln Eindruck verwischen, nahm das Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verlie? das Zimmer.
Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr früher Tod machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Da? der naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns Goethe im Eingang von ?Dichtung und Wahrheit? erz?hlt. Auch Pfaff hat um seines T?chterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des V?lkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus den Sternen las. So müssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis leuchten und die Atmosph?re prüfen, in der du aufwachsen sollst. Dann ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann leugnen, da? das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal beeinflu?t, ja oft bestimmt?
Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den ?u?ern Schein allzusehr verschm?hend; in mildt?tiger Liebe fast zu weit gehend, so da? er von bedürftigen Studierenden oft über Gebühr ausgenützt wurde.
?hnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere Schw?bin mit k?stlichem Humor, voll Herzensgüte und aufopfernder Liebe, von gr??ter pers?nlicher Anspruchslosigkeit und unermüdlichem Flei?, auch sie das ?u?ere geringachtend, Ordnung und Sch?nheit hintansetzend. Beide beliebt in hohem Ma?e, denn die Bedenken pedantischer Leute über die originelle Haushaltung und ?u?ere Erscheinung konnten nicht aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so bescheidene Wesen dieses glücklichen und Glück verbreitenden Paares. Man sah es der Frau Hofr?tin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, da? sie in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemd?rmel ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb geh?rte; man gew?hnte sich daran, da? bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf pedantisch in das für ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf, w?hrend sie so heiter und gemütvoll zu plaudern wu?te, wer verstand nicht, da? sie in unermüdlichem Schaffen und Sorgen für ihre gro?e Familie an die ?u?ere Erscheinung wenig denken konnte? überdies wurde sie auch au?erhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen. Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine entschiedene natürliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zun?chst nach Frau Pfaff zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie wu?te oft guten Rat und in ihrer gro?en Herzensgüte fand sie es nur natürlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde.
So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht gute Geistesgaben, edlen Sinn und fr?hlichen Humor voraussagen? Und müssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick für die ?u?ere Erscheinung, Ordnungs- und Sch?nheitssinn nicht ganz abgehen wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflüsse, die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zustr?men, bald hemmend bald f?rdernd, was ihm von der Natur eigen ist.
N?chst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen sich sp?ter noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber früh verstarb. Am n?chsten im Alter standen Pauline ihre vier Brüder, ?Friedel, Hans, Co und Fritz?, ihre t?glichen Spielkameraden, die Genossen ihrer Jugend, vier pr?chtige Jungen voll Geist und Leben, treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier ?Pfaffsbuben? bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft, lie? sie gew?hren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die Mutter sah der Jugend ihren übermut nach. Sie nahm es z. B. nicht schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Stühlen fünf mit etwas abges?gten Beinen vorfand, sch?n regelm??ig abgestuft, einer immer etwas kürzer als der andere, damit die ungleich gro?en Kinder am Tisch sitzend alle gleich gro? erschienen. Dieses merkwürdige Mobiliar fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte: ?Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet? und darüber bemerkte, das mü?te ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem kleinen Sp?tter mit dem Kochl?ffel einen solchen Treff, da? ihm und den anderen klar wurde: Die g?ttlichen Dinge dürften nicht herabgezogen werden.
Denken wir uns zu solchen vier Brüdern eine kleine Schwester, so dürfen wir ihr prophezeien, da? sie fr?hlich und unternehmend, nicht zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich müssen wir auch fürchten, da? diese Fr?hlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einf?lle bringen wird, die einem artigen Professorent?chterchen nicht wohl anstehen. So lesen wir auch in dem Brief einer Tante, die zu Besuch kam, folgendes Urteil über die damals vierj?hrige Pauline: ?Sie ist so wild und unb?ndig als die Knaben, was ihr als M?dchen viel übler ansteht, recht gutmütig ist sie wohl, auch recht hübsch, allein ein wahrer Husar.?
Aber als Gegengewicht standen obenan zwei erwachsene Schwestern, solche sind immer die geborenen Erzieherinnen für das jüngste Kind, und bald wird sich noch ein anderer Einflu? bemerkbar machen: eine gesittete Freundin tritt auf. Ehe wir aber diese schildern, müssen wir auch die Stadt besehen, den Heimatboden aus dem das Pfl?nzchen hervorw?chst.
Die bayerische Universit?tsstadt Erlangen liegt in Mittelfranken, demjenigen Kreise des K?nigreichs, in dem die protestantische Bev?lkerung vorherrscht. So ist auch auf dieser Universit?t die theologische Fakult?t von jeher bedeutend gewesen. Die kleine bescheidene Stadt l??t Mu?e zu flei?igen Studien. Daneben entwickelt sich dort auch ein fr?hliches Burschenleben sowie ein traulicher Verkehr zwischen den Professorenfamilien. Viele bedeutende Namen klingen zu uns aus dieser Stadt. Von den Zeitgenossen Pfaffs, die dort gelebt und mit denen er in Berührung war, wollen wir nur einige nennen: Schelling, Rückert, Platen, Raumer – Namen, die keinem gebildeten Deutschen fremd klingen.
Führt uns heute unser Weg nach Erlangen und sind wir begierig, den Ort zu sehen, in dem so viele geistig bedeutende Menschen sich entwickelten oder anderen zur Entwicklung halfen, so wundern wir uns über die stille Stadt mit den auffallend kleinen H?usern; nur wenig von modernem Leben und Treiben tritt uns da entgegen, Ruhe herrscht in den weiten Stra?en und auf den gro?en Pl?tzen. Manche der Einwohnerzahl nach kleinere St?dte machen durch h?here H?user, engere Stra?en und allerlei laute Gewerbe einen belebteren Eindruck als Erlangen, gar nicht zu reden von manch andern Universit?tsst?dten, in denen Fremdenverkehr mit Hotelomnibus, Automobilen und eleganten Gef?hrten der Stadt ein vornehmes Gepr?ge verleihen. Davon ist in Erlangen nichts zu sehen. Zwar würden die Gro?eltern der jetzigen jungen Generation staunen über die Reinlichkeit der kanalisierten Stra?en, in denen zu ihrer Zeit trübe Lachen vor den H?usern standen, staunen über die n?chtliche Beleuchtung, die ihre kleinen Handlaternen in die Rumpelkammern verwiesen hat; manches H?userviertel w?re ihnen vollst?ndig unbekannt, die neuen Universit?tsgeb?ude, die sorgf?ltig gepflegten Anlagen und sch?nen Brunnen würden ihre Bewunderung erregen. Aber dennoch, im Vergleiche mit andern war und ist Erlangen eine einfache Stadt, sie gab und gibt noch den Beweis, da? der menschliche Geist, der in einer so kleinen Schale eingeschlossen ist, auch keine gro?e, stattliche Behausung braucht.
Manche m?gen ungünstig über die kleine Universit?tsstadt urteilen und sie langweilig nennen, aber es wird immer auch solche geben, denen sie lieb ist und sinnbildlich erscheint für einen in sich gekehrten deutschen Gelehrten.
In der Atmosph?re dieser kleinen Stadt ist Pauline aufgewachsen und unser Horoskop verspricht ein mehr dem Schlichten als dem Vornehmen zugewandtes Wesen ohne Streberei, mit Sinn für fr?hliches Behagen und mit der Anschauung, da? nicht Geld, sondern Geist die Welt regiert.
In der Spitalstra?e stand das Haus, dessen unteren Stock die Familie Pfaff bewohnte. Es war eine kalte Parterrewohnung und so ist auch die Erinnerung an die erlittene K?lte eine der frühesten, die Pauline aus ihrer Kindheit behielt. Sie stand in dem besonders kalten Winter von 1830 auf 31 erst in ihrem vierten Lebensjahre, doch hat sie einen unausl?schlichen Eindruck davon behalten, der wohl begreiflich ist, wenn man liest, was ihre Mutter damals an die Tochter Luise Kraz schrieb, die bei dem verheirateten Bruder Heinrich über Weihnachten zu Gast war. Es hei?t in diesem Brief: ?Ich lege dir ein Paar warme Schuhe bei, denn bei der heftigen K?lte wirst du sie wohl brauchen k?nnen. Bei uns ist es fürchterlich kalt, zwei Tage brachten wir keine Fenster auf und da die L?den zu waren, so mu?ten wir in v?lliger Dunkelheit leben; nun hat Siegfried mit Kohlen aufgetaut und so haben wir doch wieder Licht. Meine Pauline leidet sehr, weil sie sich Hand und Fü?e erfroren hat.?
Bis ins Frühjahr hinein dauerte die grausame K?lte, die bis zu 30° stieg, so da? das Quecksilber einfror, und es ist wohl zu begreifen, da? in der Seele des Kindes dieser Eindruck haften blieb, trat ihr doch hier zum erstenmal ein gro?es Leiden entgegen, an dem sie selbst ihr kleines Teil mittragen mu?te und das Menschen und Tiere zugleich betraf; nie verga? sie den Anblick erfrorener Tauben, die man morgens auf der Stra?e liegen sah. Es folgten damals noch viele kalte Winter, doppelt empfindlich in den schlecht verwahrten Wohnungen. Treppentüren gab es noch nicht, so oft die Haustüre aufging, drang der eisige Luftstrom bis an die Zimmer; Winterfenster waren unbekannt, die Küchen hatten noch offene Kamine, durch die der Schnee in die Feuerst?tte hereingeweht wurde. Eine Eigenart der Erlanger H?user waren lange unverglaste G?nge auf der Rückseite, durch die die K?lte überall Einla? fand. Die Türschl?sser, die nach au?en gingen, konnte man w?hrend der grimmigsten K?lte nicht mit der blo?en Hand berühren, weil die Haut daran kleben blieb.
Darum schütteln die alten Leute aus jener Zeit die K?pfe, wenn wir in unseren wohlverwahrten Wohnungen über K?lte klagen wollen. ?Ihr wi?t gar nicht, was K?lte hei?t? sagen uns die Erlanger der alten Zeit.
Die Parterrewohnungen waren sehr niedrig, man konnte sie von der Stra?e aus ganz überblicken. Die Pfaffsjugend wu?te daraus Vorteil zu ziehen. In der besseren Jahreszeit, wo die Fenster immer offen standen, brauchte man nicht erst an der Haustüre zu klingeln und auf Einla? zu warten, man nahm den kürzeren Weg durchs Fenster. Gegen solch zweckm??ige Einrichtungen hatten die Eltern gew?hnlich nichts einzuwenden, nur geschah es dann auch in F?llen, wo es ihnen nicht passend erschien. So erz?hlte Frau Pfaff in sp?teren Jahren, wie einmal ein würdiger alter Herr von ausw?rts gekommen sei, um den Herrn Hofrat zu sprechen, und bei ihr sitzend auf dessen Heimkehr wartete, als pl?tzlich ein paar der Buben nacheinander und zuletzt auch Pauline zum Fenster hereinsprangen, worüber, da es nicht ohne Gepolter abging, der Fremde jedesmal zusammenschrak und sich wohl im stillen über die Sitte wunderte, die im Hause des Hofrates herrschte. Aber es wird ihm ergangen sein wie so vielen, da? ihm im Gespr?ch mit der frischen, herzgewinnenden Frau diese Dinge als nebens?chlich, ja als Ausflu? ihres unbefangenen Wesens ganz natürlich erschienen.
Fragten so Vater und Mutter nicht viel nach der sonst üblichen Form und Sitte, so war doch ein Element in dem Haus, das manchmal danach sah, was denn in anderen Professorenfamilien Brauch sei und diese Sitten auch einführen wollte, und das war Anne, der dienstbare Geist des Hauses. Diese treue Person liebte vor allem die kleine Pauline und h?tte sie gerne feiner gekleidet gesehen. Besonders eines war es, das sie immer wieder beantragte, das Kind sollte auch, wie andere seines Standes, Ohrringe bekommen. Sie wandte sich an die Mutter, ja an den Herrn Hofrat selbst, aber ihre Bitte fand kein Geh?r, denn für solchen Luxus war man nicht zu haben. Anne aber konnte die schmucklosen Ohren ihres Lieblings nimmer ertragen. Sie wartete, bis sie wieder ihren Lohn erhalten hatte, nahm dann heimlich das Kind mit sich, kaufte ihm nach ihrem Geschmack goldene Ohrringe, stach sie ihm selbst kunstgerecht und führte stolz die so geschmückte Kleine den Eltern vor, indem sie sagte, die Pauline sei so gut ein Professorenkind wie andere auch, darum müsse sie auch wie diese Ohrringe tragen. Und die Eltern, obgleich sie solchen Schmuck nicht leiden konnten, waren doch viel zu gutmütig, um dem M?dchen, das sein Geld daran gewendet hatte, die Freude zu verderben, und Pauline trug Ohrringe wenigstens so lange Anne im Hause blieb.
Der Einflu? dieser treuen Dienerin war kein geringer auf Pauline, die sp?ter oft scherzhaft von Anne als ihrer Erzieherin sprach. Für eine solche w?re nur etwas weniger Aberglauben zu wünschen gewesen. Der naive Standpunkt, auf dem in dieser Hinsicht die wackere Person stand, geht aus folgendem Zuge hervor: Am Himmelfahrtsfest hatte sie an eine Schürze ein neues Band angen?ht, war sich dabei aber einer Feiertagsentheiligung bewu?t. Als nun am Nachmittag ein schweres Gewitter heraufzog, fühlte sie sich durch diese Sünde um so mehr beunruhigt, je heftiger es blitzte und donnerte. In ihrer Seelenangst eilte sie endlich hinauf in den obersten Bodenraum, hing die Schürze mit dem sündhaften Band zur Dachlucke hinaus und rief: ?So Blitz, jetzt schlag in den B?ndel!?
Solche Eindrücke blieben der kleinen Pauline ebenso wie die unheimlichen Gespenstergeschichten, die Anne erz?hlte und von deren Wahrheit sie ganz überzeugt war. Dadurch wurde in der Kinderseele eine Furcht erweckt, die sich in einsamen und in n?chtlichen Stunden oft zur Qual steigerte. War Pauline zuf?llig abends allein zu Hause, so kam mit der Dunkelheit die Furcht über sie, aber nur die Gespensterfurcht war es, eine andere kannte sie nicht. Deshalb verfiel sie auch auf eine eigentümliche Schutzma?regel. Sobald es dunkelte, ?ffnete sie weit alle Türen und Fenster der Parterrewohnung, um Gelegenheit zur Flucht zu haben. Dann blickte sie wachsam nach allen Seiten, um nach der einen zu entfliehen, sobald von der andern das Gespenst auftauchen würde. Sie war überzeugt, da? kein Besuch aus der vierten Dimension es hinsichtlich der Schnelligkeit der Beine mit ihr aufnehmen k?nne.
Oft erwachte sie nachts und horchte mit Bangen und Herzklopfen nach irgend einem unerkl?rlichen Ger?usch. Es gab deren so viele in dem alten Haus, und besonders in der Dachkammer, die zeitweise ihre Schlafst?tte war. Oft wehte der Schnee oder drang der Regen durch die Schindeln des Daches und das Bett mu?te hin- und hergeschoben werden, bis sich eine trockene Stelle fand. Sie erinnerte sich noch in ihrem Alter einer Schreckensnacht, in der sie an einem Ger?usch erwachte und deutlich spürte, da? etwas auf ihrer Decke sich auf sie zu bewegte. Ihre erregte Phantasie hatte im Nu ein Gespenst daraus gemacht. Sie wagte sich nicht zu rühren und nicht zu schreien und empfand buchst?blich, was wir meist nur bildlich so ausdrücken, da? ihre Haare sich vor Entsetzen str?ubten, bis sie erkannte, da? es nur eine Katze war, die den Weg in die Kammer gefunden hatte. Pauline hat die Gespensterfurcht als das schrecklichste Leiden ihrer Kinderzeit im Ged?chtnis behalten.
Hat die treue Anne in diesem Punkt Unheil angerichtet, so tat sie doch sonst den Kindern nur Gutes und nahm an Freud und Leid der Familie Anteil, wie wenn sie ein Glied derselben gewesen w?re, ja sogar das auf Reichtum und Ehre am meisten bedachte Glied. Einmal hatte es auch den Anschein, als sollte ihr Ehrgeiz befriedigt werden und Reichtum in die Familie Pfaff einkehren. Die franz?sische Akademie hatte einen Ehrenpreis ausgesetzt für die L?sung einer ungemein schwierigen astronomischen Berechnung. Pfaff, der sich für die gestellte Aufgabe interessierte, machte sich an die mühsame Arbeit. Vierzehn Bogen Papier – so sagt wenigstens die Familientradition – mu?te seine Frau aneinanderkleben, damit die Berechnung darauf Platz fand. Die L?sung gelang, wurde eingesandt und von der Akademie als preiswürdig erkannt. Jeden Tag konnte der ausgesetzte Preis eintreffen. Statt seiner kam in den Zeitungen die Nachricht von dem neuen régime in Frankreich, welches das alte gestürzt hatte, und in den Wirren der Julirevolution blieb der erwartete Goldregen aus. Die Entt?uschung w?re wohl noch bitterer gewesen, wenn sie auf einmal gekommen w?re, aber man konnte ja noch immer hoffen auf günstigen Umschlag, auf Rückkehr der alten Zeiten, und über diesen Hoffnungen vergingen sachte die Jahre und die vierzehn B?gen gerieten allm?hlich in Vergessenheit.
Es kamen andere Sorgen, die der Familie n?her gingen. Da war zuerst der schon früher erw?hnte Tod der Tochter Aurora, dann starb das nach Pauline geborene T?chterchen, Sophie, etwa sechsj?hrig, an Croup. Bis in ihr Alter erinnerte sich Pauline dieser lieblichen kleinen Schwester und des Augenblicks, da diese in ihrer Todesnot nach Atem ringend ihr Bettkittelchen von unten bis oben zerri?, um Luft zu bekommen. Noch trauernd um diesen Verlust sah die Mutter einen noch herberen nahen, fühlte sie die Grundfeste des Hauses wanken. Ihr bis dahin so gesunder Mann erlitt im Jahre 1834 einen Schlaganfall, dem sp?ter noch weitere folgten. Für ihn und die Seinen entstand daraus eine schwere Leidenszeit. In verschiedenen Briefen an ihre treue Schwester Adelheid, die mit Rektor Roth in Nürnberg verheiratet war und an die Verwandten in Württemberg spricht sich der tiefe Kummer über die Krankheit, die bange Sorge vor der Zukunft aus. Sie schreibt: ?Ihr glaubt nicht, in welcher Spannung und Angst ich lebe, ich bin nur froh, wenn ein Tag wieder herum ist. Oft denke ich: nur auch einmal m?chte ich mich wieder niederlegen, ohne da? die schweren Sorgen mich drücken, die werden mich aber wohl nicht mehr verlassen, besser kommt es wohl nimmer, aber schlimmer kann es ja noch werden.? Es gibt wohl kaum eine gr??ere Qual als die, welche sie nun durchmachen mu?te; zusehen, wie nicht nur die k?rperlichen, sondern auch die geistigen Kr?fte des geliebten Mannes infolge jedes neuen Anfalls immer mehr abnahmen. Dazu kam, da? er selbst sich zeitweise dieses Zustands bewu?t und dann im h?chsten Grade erregt war.
Den Kindern blieb ein Auftritt in Erinnerung, unter dem sie ihre Mutter erzittern sahen. Sie sa? am Bette des Mannes, der sie immer um sich haben wollte, und mit dem zu sprechen doch so qualvoll war, weil ihm oft die Worte nicht zu Gebote standen und er dadurch in wachsende Erregung geriet. So suchte er diesmal nach einem Namen, konnte ihn nicht finden und fragte seine Frau: ?Wie hei?t der Student, der so oft zu uns kommt?? Sie nannte einen Namen und wieder einen, jeder falsche Vorschlag regte ihn mehr auf und sie besann sich in wachsender Angst auf die zahllosen Studenten, die jemals aus- und eingegangen waren, bis er endlich in Wut ausbrechend ihr zurief: ?Du Rabenmutter, es ist ja Dein eigener Sohn!? Der Sohn Heinrich war es, dessen Namen er gesucht hatte. Auf solche Stunden der Erregung folgten auch wieder ruhigere, in denen sein früheres liebevolles, anspruchloses Wesen zum Ausdruck kam, denn auch bei geistig Erkrankten tritt ihr eigentliches Naturell zeitweise zutage. Der selbstlose Mensch wird immer zu unterscheiden sein von dem Egoisten, der feinfühlende von dem gemeinen, und es hat etwas unendlich Rührendes, wenn solch edle Eigenschaften durchleuchten zwischen den durch die Krankheit verdunkelten Stunden.
So blieb auch diesem Kranken die Liebe und Verehrung der Seinen treu bis zu dem Augenblick, wo ihn der Tod erl?ste, im Sommer 1835.
Wie es der Witwe zumute war, als sie allein stand mit ihrer Kinderschar, spricht sie aus gegen den ?ltesten Sohn Heinrich, der damals schon eine Anstellung hatte an dem theologischen Seminar im Kloster Sch?nthal in Württemberg.
Lieber Heinrich!
Schwere kummervolle Tage habe ich zurückgelegt seit Du von uns gingst und noch immer kann ich mich an den Gedanken nicht gew?hnen, da? Ihr für dieses Leben keinen Vater mehr habt und da? auch mir die Seele von meinem Leben fehlt. Die erste Zeit wurde mir dadurch leichter, weil der Gedanke, da? er nun Ruhe habe, mir so tr?stlich war. Allein jetzt, seit die Erinnerung an seine Leiden schw?cher wird und sein Bild wieder in meiner Seele lebendig wird, wie er früher war, mit welcher Liebe er an uns hing und mit welcher Treue er alle seine Pflichten erfüllte und wie sein Geist und Beispiel noch so wohlt?tig für seine Kinder gewesen w?re, da m?chte ich wohl fragen: warum Du lieber Gott hast Du uns das wohl getan? und schwer wird es mir, mich mit Ergebung in Gottes Willen zu fügen. Ich habe mit der schmerzlichsten Sehnsucht gehofft, er werde vor seinem Ende noch so viel Bewu?tsein bekommen, da? er seinen Kindern auch noch einen Segen, mir nur auch ein Trosteswort zurücklassen k?nne, denn schon bei einer kurzen Trennung tut es wohl, wenn man Abschied nehmen kann und ich mu?te bei dieser schmerzlichen und vielleicht langen Trennung auch diesen Trost noch entbehren ....