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Chapter 3 1849–1850

Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach N?rdlingen, der ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von G?rten und Obstb?umen umgeben, einen malerischen Anblick.

Vor dem einen der alten Tore, dem L?psinger, liegt ein Anwesen: die Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule stürmte – sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt –, so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte sie guten Rat in dem fremden St?dtchen, so fehlte es ihr daran nicht, denn bald ?ffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der angesehensten H?user der Stadt: die Beck'sche Buchhandlung. Neben dem geistig hervorragenden Leiter des Gesch?fts waltete hier eine seelengute Frau in sch?n geordneten Verh?ltnissen, glücklich als Gattin und Mutter. Frau Beck war nur wenige Jahre ?lter als Pauline und kam der jungen Fremden freundlich entgegen.

Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie zusammen, denn mit dem Frühjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im Alter am n?chsten stand, zu ihm, dem Bürgermeister, gezogen, um ihm Haus zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und als Familienverh?ltnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich regelm??ig zu Kaffee und nachfolgendem gemütlichen Kartenspiel bei den Geschwistern ein.

Nun k?nnte man meinen, da? der in Amt und Würden stehende Herr Bürgermeister Pauline noch mehr eingeschüchtert h?tte, als es der frühere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die Hausfrau vorzustellen hatte, verga? sie über der Fürsorge die Befangenheit. Sie mu?te es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen sa?en. Wo h?tte der junge Bürgermeister sich so offen und vertrauensvoll aussprechen k?nnen wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die Erlanger, den N?rdlingern gegenüber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt unter neu geknüpften stehen. Dazu kam der gemütliche Tarock; die Pfaffs waren alle gute Spieler. Der Spieleifer l??t aber keinen Raum mehr für Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit geschadet, wo es nur m?glich ist, dem Partner wird alles Gute zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar Minuten sp?ter sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft und Feindschaft ist aufgehoben und vollst?ndige Neutralit?t waltet, bis aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, da? das Kartenspiel eine vorzügliche übung in der Selbstbeherrschung sei und sie sch?tzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswürdig verlieren konnten.

In dieser H?uslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes genauer kennen. Nun verhüllte sich ihm nicht mehr, was für ein Schatz von geistigen und gemütlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken dürfte. Auch sah er das junge M?dchen jetzt losgel?st von der mütterlichen Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett im Stande hielt, was seiner an Ordnung gew?hnten Natur Bedingung des Behagens schien. So kam der Entschlu?, den er in den Erlanger Jahren wohl schon überlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife.

In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe an und schreibt dann weiter: ?Im allgemeinen vermute ich, da? Ihr zwar nichts dawider h?ttet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz bleiben lie?e, – meine unparteiische Meinung ist das wenigstens – da? Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgez?hlt acht vortreffliche Eigenschaften: Gro?e Gutmütigkeit, viel Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick, H?uslichkeit, k?rperliche Gesundheit, angenehme und hübsche Züge; mit etwas grazi?serem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe w?re sie sogar eine Sch?nheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund organisierte Natur, wie ich unter allen M?dchen meiner Bekanntschaft keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht.

Von Dir m?chte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand wei?t. Sie scheint mir so unbefangen, da? ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schüchternheit, die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen k?nnte, wenn sie nicht plausibler durch mein ziemlich schroffes Benehmen erkl?rt w?re. Du wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschlu? zu geben, soweit ich ihn brauche und wenn es mir deine Antwort, die du umgehend schreiben mu?t, nicht unm?glich macht, wate ich n?chsten Samstag durch fu?tiefen Schnee zur Brautwerbung.

Die Sache bleibt natürlich noch vollst?ndiges Geheimnis. Schreibe mir auch, da? Ihr mir die Freude g?nnt und Euren Segen dazu gebt, wenn's zustande kommt.?

Aus diesem ?Ihr? ist wohl zu schlie?en, da? auch die Mutter in das Vertrauen gezogen war.

Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft erheiternd zu sehen, wie dringend und pl?tzlich auch bei sonst ruhigen und überlegten Naturen die Brautwerbung ausgeführt und durchaus nicht mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die Antwort noch in n?chtlicher Stunde zurückbringen sollte!

So hat auch Karl Brater, als er die günstige Antwort der Schwester in H?nden hatte, es für n?tig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als glücklicher Br?utigam abends wieder durch das L?psinger Tor zurückgekehrt in seine weitl?ufige, einsame Amtswohnung, w?hrend die glückselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame Kunde mitzuteilen.

Frau Pfaff sa? diesen Winter viel einsam in ihrem früher so belebten Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu stricken, zu n?hen und zu spinnen für die gro?en Kinder und die kleinen Enkel, aber in der einsamen Arbeit bedrückten die Sorgen sie mehr als früher, wo fr?hliche Jugend sich um sie tummelte. All die ausw?rtigen Kinder schrieben ja heim über ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und für Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, für sie sorgte sich das Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer ?Line? werden, wenn die Brüder sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein würde? Sie mochte sich diese ihre geliebte Jüngste nicht vereinsamt vorstellen und bekümmerte sich darüber, wenn sie so allein in der langen D?mmerung der Winterabende sa? und strickte.

In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr an einem Dezemberabend den Brief aus N?rdlingen brachte. Eifrig hat sie dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuzünden, hat ihre gro?e Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: da? ihre Pauline die glückselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in all ihrer Lebhaftigkeit hinüber zu Frau Brater. Wie mu? ihr gutes Gesicht geleuchtet haben unter dem H?ubchen und wie schief mag dies in der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mütter sich besprochen haben über ihrer Kinder Glück! Vor uns liegen die ersten Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Bl?tter und lesen was darin steht von Glück und Dankbarkeit. Gro? und deutlich sind die Schriftzüge, in denen Frau Pfaff auf das n?chste derbe Schreibpapier, das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb:

Geliebtes, teures Kind!

K?nnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen ausdrücken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt mein h?chster Wunsch, Dich glücklich zu wissen, erfüllt und die einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert h?tte, mir abgenommen; ich wü?te niemand in der Welt, dem ich so mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben h?tte als Brater und mit keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne euch und gebe, da? all die Hoffnungen und Wünsche erfüllt werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht vollkommen überrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht hat, bin ich jetzt um so glücklicher, überhaupt war mir es heute den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren h?tte und mein Leben ein herrliches gewesen w?re; ach und im ganzen ist es auch so, ich war so glücklich mit eurem Vater, da? ich auch in schweren Stunden mir nie gewünscht h?tte, da? es anders sein m?chte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben, alles andere ist Scheingut und mu? abgelegt werden wie ein Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewi? noch über dieses Leben hinaus. Grü?e Brater herzlich und sage ihm, mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. K?nnte ich mit Worten ausdrücken, was mich innerlich bewegt, so h?tte ich ihm heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht recht fassen; w?re doch die Zeit schon vorüber, bis ihr kommt.

An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Tr?nen ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich freue, sie glücklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt.

Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch.

Mit treuer Liebe Eure Mutter.

Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend, wie es so der Brüder Art ist, schreibt er: ?Wenn man deinetwegen einen Schwager haben mu?, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.?

Der Glückwunsch, den die junge Braut von der künftigen Schwiegermutter erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet:

Meine liebe Pauline!

Gewi? ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht wundern, da? es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, da? Du und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen m?chtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen Freude in Erfüllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes dauerndes Glück an Deiner Seite begründet, und begrü?e Dich mit wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! M?ge der gn?dige Gott den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemühen, Euch das Leben zu versü?en! Schenke auch mir künftig eine kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser Karl Dich uns zuführen wird. Wie schade, da? Dich nicht auch unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil ihres Lebensglückes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit.

Da? Deine gute Mutter mir künftig so nahe befreundet sein wird, sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr sch?tze, ist kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst, Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben.

So leb denn wohl, liebes T?chterchen, Du hochgeliebte Braut Deines überseligen Br?utigams, und sei auf das herzlichste umarmt von Deiner mütterlichen Freundin

Ch. Brater.

Luischen grü?e mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen Brief von mir.

Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein Verh?ltnis angebahnt, das nie durch einen Mi?ton getrübt ward. Mag das auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund verrufen sein, manchmal gestaltet das Verh?ltnis sich doch zu einem besonders zarten, beglückenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas überginge in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es nicht die fest gegründete, kaum zu erschütternde Liebe sein wie zwischen Mutter und Kind, auf die man unter allen Umst?nden baut, auch einmal rücksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die br?utliche bewahrt und gepflegt werden müssen. Das hat Karl Braters Mutter verstanden, ihre Güte und Nachsicht war für Pauline eine k?stliche Dreingabe zum ehelichen Glück.

Rührend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius über die Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was im Herzen der jüngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus Schweinfurt:

Liebste Pauline!

Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines Briefs erkannte, erschrak ich so, da? ich am ganzen Leib zitterte, denn ich dachte, er müsse entweder etwas sehr Frohes oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, da? es das erstere war. Nun war ich aber auch ganz au?er mir, und seit ich verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so stürmisch umarmt und gekü?t. Wie leid tut es mir, da? ich sonst niemand habe, dem ich mein volles Herz ausschütten kann, denn wenn ich es auch hier meinen Bekannten erz?hle, so wissen sie doch nicht, was es für ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie freuen sich nicht mehr darüber, als wenn Du den ersten besten Philister heiraten würdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein Wort über diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, da? wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine Vorwürfe, da? Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst vermied es, diesen Gegenstand zu berühren. Nun brenne ich aber vor Begierde, etwas N?heres von Dir selbst zu h?ren, und ich hoffe, da? ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben wirst. – Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, da? wir hier so hinausgesto?en sind. Was wird jetzt für eine Freude in der ganzen Familie sein und wir k?nnen sie nicht mitgenie?en! Doch will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar nichts mehr wünschen, da mir dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, und nun dr?ngen sich gleich wieder Wünsche auf. – Nun lebe wohl und ich wünsche nur noch, da? Dir nichts Dein Glück trüben m?chte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil sie sahen, da? ich so vergnügt war, mein Mann natürlich auch und er l??t Dir durch mich die herzlichsten Glückwünsche sagen.

Deine treue Schwester Luise.?

Nur eine Stimme in den Briefen, die uns erhalten sind, klingt anders. Eine treue Tante des Br?utigams, Frau Schunck, führt, wohl nur zum Spa?, eine ?u?erung ihres Sohnes an. Sie schreibt an Pauline: Mein Karl aber schüttelt den Kopf und sagt: ?Der Braters Karl und die Pfaffs Pauline? Wenn das gut geht, so will ich's loben!?

Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute zusammenpa?ten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, da? sie sich ?hnlich gewesen w?ren, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf schütteln. Gewi? gibt es auch glückliche Ehen trotz gro?er Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu rechnen. Oft sehen wir, da? zwei an sich gute Menschen doch keine harmonische Ehe führen, weil ihre Naturen und Anschauungen zu verschieden sind. So fühlt sich der eine Teil, der etwa poetisch angelegt ist, verletzt durch den nüchternen, der gesellige gehemmt durch den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrückt durch den einsilbigen; der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der orthodoxe entsetzt sich über die Ansichten des liberalen, der modern gerichtete h?lt den altmodischen für rückst?ndig.

Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft beglückende wird, kommt es meist daher, da? der eine Teil sein Wesen, seine Anschauungen von der Familie überkommen, aber sich innerlich nicht zu eigen gemacht und bald hineinw?chst in die Art des andern oder auch, da? die beiden neben aller Verschiedenheit durch eine Seite ihres Wesens m?chtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete begegnen, beglücken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in seiner Eigenart ungest?rt zu lassen, nicht zu verlangen, da? er sich ?ndere.

Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen den Müttern, den S?hnen und den T?chtern bewiesen, da? trotz der Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mi?billigen und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollst?ndig überein in der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung für alles Edle, Gro?e; in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprüchen.

So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen Vetters ?u?erung entnehmen.

Pauline blieb zun?chst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigeb?ude, wo der Bürgermeister seine Amtswohnung hatte.

Ein solches Bl?ttchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl ihr erster schriftlicher Gru? an den Br?utigam; er hat weder Anrede noch Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen M?dchen noch nicht recht aus der Feder; der Br?utigam hat es vermutlich am Morgen nach der Verlobung erhalten. Es lautet:

?Ob ich's noch erlebe, da? Du einmal wieder herauskommst? Wie machen's denn die Leute, da? ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen. Du mu?t aber doch nicht früher kommen als Du ohnedem gekommen w?rst, ich schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes Elend gestürzt; übrigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der von Rechts wegen keine Unüberlegtheiten zutage f?rdern soll, so scheint mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, da? Du Dich erstens bei -10° R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der Bleiche wohnt, doch – ?s' ist schon so?, mach eben jetzt gute Miene zum b?sen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich h?tte Dir gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu verführerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gru?.?

Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl ein H?hepunkt des Glückes für beide Familien. Pauline hat dies erste Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wu?te, da? sie kommen würde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein Gesch?ft ausw?rts, vielleicht mu?te sie nach der W?sche sehen auf dem Trockenboden oder dergl. Dieses zurückzustellen, weil Pauline kam, oder gar für die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, w?re ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wu?te ja, wo in solchen F?llen der Schlüssel versteckt lag, sie fand Einla? in die Wohnung und wartete da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten. Manchmal hat sie in sp?teren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerühmt, wenn sie sah, wie etwa für eine von der Reise heimkehrende Tochter übertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch war Pauline ihr Liebling und sie freute sich uns?glich über deren Glück, und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen für ihre Verheiratung zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mütter ganz sorglos entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte und die ihre ?lteste Tochter mit derselben Not k?mpfen sah, empfand es als eine ganz neue und ungewohnte Freude, da? dieses Gespenst hier nicht drohte; eine sch?ne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen Jahren schon Frau Bürgermeisterin werden und eine gro?e Amtswohnung mit Garten beziehen, welcher Reichtum!

Noch für kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurück und diese Zeit benützte der Br?utigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der berühmte Portr?tmaler Alexander Bruckmann übernahm den Auftrag und führte ihn zu gro?er Befriedigung aus. Von diesem ?lbild ist die Photographie abgenommen, die unserem Buch als Titelbild beigegeben ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu besorgen, als das Bild in sch?nem Rahmen in die Bürgermeisterswohnung geliefert wurde. Der Br?utigam schreibt ihr darüber:

?Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft betrachtet hat es etwas à la Le Bret an sich, aber wenn ich unter vier Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und entwickelt so liebenswürdige Eigenschaften, da? Du eifersüchtig werden k?nntest. Nur etwas zu spr?d finde ich seine Haltung, denn aus seinem sanften gem??igten L?cheln ist es nicht heraus zu schrecken, w?hrend das Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft ger?t.?

Da die Hochzeit schon auf Ostern festgesetzt wurde, mu?te in Erlangen flei?ig an der Aussteuer gearbeitet werden. Aus dieser Gesch?ftigkeit heraus gab Pauline ihrem Br?utigam eine wenig verlockende Schilderung:

?In unserem Haus sind nun die N?herinnen und der enge Raum ist voll Unordnung, Dunkelheit, Staub, Bettfedern, und um die Mannigfaltigkeit des Anblicks zu vervollkommnen, eine überall hin verteilte mineralogische Sammlung (von Fritz). Wenn man sich umher bewegt, wird man voll Bettfedern, an meinen Haaren und Kleidern trage ich immer eine halbe Gans herum. Trotz all der Wüstenei, die mich umgibt, bin ich doch eine ganz vereinsamte Kreatur, ich komme mir vor wie einer, der aus der Welt hinausgefallen ist, überall wohin ich schaue ist nichts und gar nichts, du darfst wohl Mitleid mit einem so armseligen verlassenen Menschen haben und ihm einen Brief schreiben.?

Er l??t auch sein ?Herzkind? nicht lange warten und erz?hlt ihr, wie auch er in Vorbereitungen für den künftigen Hausstand steckt:

?Unsere h?usliche Einrichtung entwickelt sich. Es ist hübsch anzusehen, wie aus der ?den Zelle eines Junggesellen sich so ganz allm?hlich der Wohnsitz einer Familie gestaltet. Die gr??ten Fortschritte hat das Schlafzimmer gemacht und das ist, obwohl nur durch Zufall herbeigeführt, nicht mehr als billig. Denn alle andern Gem?cher kann sich ein armseliger Junggeselle in beliebiger Zeit splendid und behaglich herstellen, nur an der Einrichtung des Schlafzimmers ist auf den ersten Blick der merkwürdige Unterschied erkenntlich. Es war mir seltsam vergnüglich zu Mut, wie ich vorhin in der D?mmerung hineintrat und alles fast schon bereit war, uns zu empfangen.?

Der Hochzeitstermin naht und der Braut wird bange trotz allen Sehnens. ?Ich bin gestern abend furchtbar erschrocken?, schreibt sie, ?wie ich den Mond wahrhaftig schon beinahe voll gesehen habe, das ist der letzte Termin, das letzte Viertel scheint schon in N?rdlingen. Ich hab's schon lang kommen sehen, da? es jetzt ernst wird!?

Was sie furchtsam machte, wu?te er wohl: es war der Gedanke, den sie ihm gleich bei der Verlobung ausgesprochen hatte, da? sie ihm nicht genügen k?nne. Er hatte ihr versichert, sie würde bald anders empfinden und erkundigt sich nun darnach:

?Sage mir jetzt, wie steht es um deine Furchtsamkeit und zweifelsüchtige Selbstpeinigungen. Wie hat unsere grausame Trennung gewirkt, bindend oder l?send? Hast Du die wunderbare Erscheinung noch nicht bemerkt, da? der Raum ohnm?chtig gegen uns ist, da? wir uns auf eine Distanz von drei?ig Poststunden ununterbrochen in den Armen halten und hast Du nicht daraus gefolgert, da? wir gewi? mit Leib und Seele zusammen geh?ren? Jeden Morgen und Abend frage ich Dich: Du Kleingl?ubige und Zaghafte: ?Fürchtest Du Dich noch?? Immer hat sie bis jetzt ?ja? genickt, aber seit etlichen Tagen leichter und schw?cher und es will mir erscheinen, als wollte sich's allm?hlich in eine andere Bewegung verwandeln. Komm und gesteh – oder leugne auch, wenn es sein mu?, aber komm nur, denn diese Distanzen von drei?ig Stunden, wenn sie auch nur Illusion sind, ich kann sie doch nicht vertragen. Gute Nacht! Wenn Du im Schlaf durch ein Rauschen aufgest?rt wirst, so hei?e Deine Nerven sich beruhigen, es ist nur ein Traum von mir, der Dich belauscht.?

Mehr und mehr dr?ngen sich nun praktische Besprechungen in den Vordergrund des Briefwechsels und unsere Brautleute sind glücklich in der Kirche proklamiert. Der Br?utigam schreibt darüber:

?Heute abend komme ich von einer Waldpartie nach Hause und will gerade wieder gehen, um Hans und Bruckmann aufzusuchen, da stürzt mir atemlos der Kirchner Brunner nach. Zweimal habe er mich schon umsonst gesucht und es sei jetzt h?chste Zeit. Der Herr Stadtpfarrer lassen sich empfehlen und anfragen, mit welchem Titel der Herr Bürgermeister wünschen, da? Ihre Fr?ulein Braut morgen proklamiert werde – Jungfrau oder Fr?ulein? Der Herr Stadtpfarrer meine, da die Eltern der Braut dasjenige gewesen sind, was sie gewesen sind, so lasse sich wohl das Pr?dikat ?Fr?ulein? anwenden. ?So,? sag' ich, ?was ist denn der übliche Ausdruck bei angesehenen Bürgern oder Beamten?? ?Ja,? sagt der Kirchner achselzuckend, ?Jungfrau?. ?Also,? sag' ich, ?sagen Sie dem Herrn Stadtpfarrer meine Empfehlung und weil ich glaube, da? meine Braut auf den Titel ?Jungfrau,? der mir recht gut gef?llt, gleichfalls Anspruch habe, la? ich ihn ersuchen, sich desselben zu bedienen.? Hierauf zog sich der Diener der Kirche zurück, bestürzt, da? ein Gnadengeschenk von solchem Wert abgelehnt werden k?nne und die Jungfrau P. P. ist heute (10.) proklamiert worden.?

Es folgen hierauf einige praktische Mitteilungen über Schreiner und andere Handwerksleute, aber der Gedanke, da? sie künftig in diesen R?umen leben wird, führt ihn bald wieder zum Ausdruck seiner Liebe: ?Der Gedanke, da? auf der Welt ein Wesen ist, das nur für mich lebt und in mir, macht mich, so oft ich ihn fasse (wiewohl ich ihn kaum fassen kann), beinahe schwindeln vor Freude. Wenn ich in Deinen Augen meine Seele sich spiegeln sehe, so ist es wie eine Bürgschaft der Unsterblichkeit, denn ich fühle, da? meine Seele auch au?er mir fortleben kann und fortlebt. Das ist die Kraft und Zuversicht, die ich – trotz Deiner Protestationen – durch Dich gewinne.?

Die Brautzeit geht ihrem Ende zu, am Donnerstag nach Ostern soll die Hochzeit sein; ein komischer letzter Auftrag der Braut fliegt auf einem Bl?ttchen dem Br?utigam zu:

?K?nntest Du mir nicht aus einem Zigarrenk?stchen von mir, das in der Schublade einer Kommode steht und worin sich ein Wust von Blumen befindet und worunter sich eine m?rderisch gro?e wei?e Rose befindet, diese gro?e Rose mitbringen, es kann sie Eine anziehen. Jetzt leb geschwind wohl!?

Am 4. April 1850 fand in Erlangen die Hochzeit statt. Mit k?stlichem Humor feierten die Brüder den Polterabend und Hochzeitstag ihrer kleinen Lieblingsschwester. Noch einmal hatte Frau Pfaff, die nun schon im 63. Lebensjahre stand, das Haus voll G?ste und Fr?hlichkeit. Eine Mutter wie sie, die selbst ihr gr??tes Glück in der Ehe gefunden und dann als Witwe ihren ganzen Schatz von Liebe den Kindern zugewendet hat, kommt in einen merkwürdigen Widerstreit der Gefühle, wenn sie die letzte Tochter aus dem Hause scheiden sieht. Sie empfindet ja mit ihrem Kinde die ganze Seligkeit der jungen Liebe, darum strahlt ihr Gesicht von inniger Mitfreude, aber für sie selbst verschwindet die Sonne, die ihre Tage beleuchtet hatte, darum füllen sich die Augen dieses strahlenden Gesichtes immer wieder, und ganz gegen ihren Willen, mit Tr?nen. Und die Tochter, – wenn sie der Mutter treue Hand zum letztenmal drückt, wird auch übermannt von dem Schmerz und wei?, da? sie in diesem Augenblick zugleich von der harmlosen Jugendzeit Abschied nimmt. Aber dann wendet sie sich dem jungen Gatten und damit dem neuen Leben zu und am n?chsten Tag ist's nur noch die Mutter, die mit den Tr?nen k?mpft, w?hrend sie beiseite r?umt, was in dem verlassenen M?dchenzimmer zurückgeblieben ist von ihrem herzlieben Kind.

Zweiter Teil

Gattin und Mutter

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