Unsere kleine Pauline war inzwischen ein Schulm?dchen geworden, ein begabtes, wenn auch nicht eben ein flei?iges. Sie konnte, wenn es darauf ankam, schon ganz ordentliche Briefe schreiben. Es ist uns solch ein Kinderbrief erhalten, den sie anl??lich der Verlobung ihres Bruders Kraz mit Luise Els??er an diese schrieb. Sie redet die neue Schw?gerin gleich als Schwester an.
Liebe Schwester!
Es freut mich, da? Du einen Br?utigam hast und da? es mein Bruder ist. Heiratet Euch nur bald, ich freue mich recht bis die Hochzeit ist, denn ich komme auch dazu. Weil Du gesagt hast, ich soll Dir schreiben, so will ich es tun. Ich kenne Dich zwar noch nicht, aber ich kann mir schon denken, wie Du bist, wenn Du für den Heinrich recht bist. Schreibe mir in dem Brief, wo Du mir antwortest, wie Du bist, denn viel wei? ich noch nicht. Komme auch bald zu uns, es gef?llt Dir gewi?, denn dem Herrn Vischer hat es auch gefallen, der doch schon weit in der Welt herum gekommen ist. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, da? Du uns geschrieben hast. Hast Du denn auch noch Geschwister? die dann meine Schwestern und Brüder sind. Ich kann nichts weiter schreiben, denn ich wei? nichts mehr. Wir grü?en Dich alle, besonders ich. Lebe wohl und habe lieb Deine
Antworte mir.
Pauline Pfaff.
Wenn auch Pauline im Lesen und Schreiben mit mancher flei?igeren Schülerin Schritt hielt, so hatte sie doch keinen rechten Ernst in den Schulstunden und wenig Eifer zum Lernen ihrer Aufgaben, aber unbewu?t lernte sie mit den geistig regsamen Brüdern, die des Vaters naturwissenschaftliche Interessen und auch einige Kenntnisse in diesem Fach überkommen hatten; sie wu?ten mit den vorhandenen Mitteln, Elektrisiermaschine, Teleskop, Sternkarten u. dergl. umzugehen und Pauline nahm an diesem Treiben teil mit angeborenem Interesse und Verst?ndnis. Jeder Lehrer h?tte an dieser aufgeweckten Schülerin seine Freude haben k?nnen, wenn diese sich nur dazu verstanden h?tte, den Unterricht, der ihr mit einer Anzahl anderer M?dchen privatim erteilt wurde, regelm??ig zu besuchen. Das hielt sie aber nicht für n?tig und das Schw?nzen der Schulstunden beschwerte durchaus nicht ihr Gewissen, das zurzeit auf solche kleine Vergehen noch nicht reagierte. Die Schulaufgaben wurden m?glichst rasch erledigt, denn am Abend tummelte sie sich lieber auf dem nahen Kirchenplatz und trieb dort allerlei Schabernack. So fl??te sie gern den Menschen Schrecken ein, indem sie in der Dunkelheit ein wei? behangenes Bügelbrett feierlich um die Kirche trug, was bei dem Gespensterglauben jener Zeit seine Wirkung nicht verfehlte.
Doch nun trat in ihren Lebensweg eine Freundin, die gro?en Einflu? auf sie gewinnen sollte, ein gesittetes, gewissenhaftes und wohlerzogenes M?dchen. Es war die Tochter einer als Witwe nach Erlangen gezogenen Oberappellationsgerichtsr?tin, die in der N?he Wohnung nahm. Dem Namen dieser Familie werden wir in diesem Buche noch oft begegnen – er hei?t Brater.
Ob wohl eine Ahnung der guten Frau Pfaff sagte, von welcher Bedeutung es einst für sie sein würde, da? vor dem Haus ihr gegenüber ein bepackter Wagen aus München ankam, der den Hausrat der verwitweten Frau Brater brachte, und als diese selbst, eine feine, ernste Frau in Trauerkleidern, mit ihren drei T?chtern Einzug hielt in der bescheidenen Wohnung? Ihr einziger Sohn, Karl, studierte in München, von ihm war zun?chst nichts zu sehen, aber die T?chter, Julie, Luise und Emilie, wurden freundlich in Erlangen empfangen durch ihre Verwandten, denn Frau Brater war ihrer ebenfalls verwitweten Schwester, Frau Schunck, nachgezogen und durch diese Pfaffs wohlbekannte Familie entstanden bald Beziehungen zu den Neuangekommenen.
Luise und Pauline wurden Schulkamer?dinnen und ihre ungleichartigen Naturen zogen sich an. Die kleine Fremde war bald ganz eingenommen für die fr?hliche Kamer?din, die vielerlei anzustellen wu?te, allezeit lustig und guter Dinge war. Aber sie merkte auch, da? Pauline manches tat, was ihr unerlaubt schien, und w?hrend die Frische und Ungebundenheit der neuen Freundin sie anzog, machte das wohlerzogene Kind sich doch über dieses und jenes Gedanken, erz?hlte wohl auch der Mutter davon und diese richtete nun ihr Streben darauf, die wilde kleine Hummel, die auch ihr trotz mancher Unart gar wohl gefiel, in ihr Haus herein zu locken, damit die beiden Freundinnen unter ihrer Aufsicht miteinander verkehrten. Pauline hat nie die Eindrücke vergessen, die sie hier empfing. Es gingen ihr die Augen darüber auf, wie es in einem wohlgeordneten Haushalt eigentlich aussehen sollte. Mit Staunen bemerkte sie, da? hier jedes Ding seinen festen Platz hatte, da? t?glich aufger?umt und abgestaubt wurde und da? die bescheidenen R?ume dadurch ein feines, wohnliches Aussehen erhielten. Der kleinen energischen Person war nicht sobald das Licht für Ordnung und Sch?nheit aufgegangen, als sie auch schon strebte, solche daheim einzuführen. Es wollte ihr nimmer gefallen, wenn das Frühstücksgeschirr bis zum Mittagessen auf dem Tische stand und jeder der vielen Hausgenossen allerlei dazwischen schob, sie wollte nun auch aufr?umen und abstauben. Anfangs waren ihre Ordnungsversuche etwas roher Art: sie hob die Schürze auf, schob alles was da umherlag hinein und trug es in das nebenan liegende Schlafzimmer, denn ihr neuerwachter Ordnungssinn beschr?nkte sich zun?chst auf das gro?e Wohnzimmer. Aber je mehr sie heranwuchs, um so ausgepr?gter wurde dieser Sinn und erstreckte sich auch auf andere Gebiete. Der eine und andere der Brüder fing an, auf ihre Bestrebungen einzugehen, besonders der ?lteste der vier Pfaffss?hne, Siegfried, der auch von Natur zur Ordnung geneigt war, sowie der jüngste, Fritz, unterstützten sie. Die andern Geschwister fanden wenigstens an der Schwester diese Anlage angenehm und wandten sich an sie, wenn die Mutter nicht Zeit fand, für Kleidung und W?sche zu sorgen. Einer von ihnen, Colomann, gew?hnlich nur Co genannt, kam übrigens noch im Knabenalter nach Württemberg, um dort das theologische Seminar zu besuchen, in dessen strenge Zucht sich freilich ein so ganz in Freiheit aufgewachsener junger Bursche schwer einleben konnte. Ungemein frisch und fr?hlich, voll übersprudelnden Humors und Lebenslust war er bei jedermann, nur bei den Lehrern nicht beliebt, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Die Schwierigkeiten, die er in den Schuljahren und noch sp?terhin machte, verursachten seiner Mutter viel Kummer und es w?re ihr zu g?nnen gewesen, h?tte sie voraus gewu?t, was wir wissen, da? auch er es schlie?lich zum wohlangesehenen Professor der Mathematik in Stuttgart brachte.
Bei aller Einfachheit und Sparsamkeit entwickelte sich doch, als die jungen Pfaffs heranwuchsen und fr?hliche Studenten, meist Bubenreuther wurden, ein überaus beglückendes geselliges Leben im Haus, an dem die Mutter, trotz aller Arbeit und Sorge, die auf ihr lag, selbst ihre Freude hatte. Die ?lteste Tochter Luise, ein geistig bedeutendes M?dchen, und ihre Freundin, Hannchen Richter, sowie die Brüder mit ihren Freunden, vereinigten sich oft im Haus Pfaff zu Spielen und Darstellungen oder zu gemeinschaftlichen Ausflügen. Zu diesem Kreise geh?rte nun auch Karl Brater, der sich mit Siegfried und Hans Pfaff eng befreundet hatte. Ganz anders geartet als diese, ernst, zurückhaltend, schon in den Studienjahren ein vielversprechender Jurist, von Haus aus an gesetzte Manieren gewohnt, unterschied er sich von der übermütig fr?hlichen, unbefangenen und lauten Art seiner Freunde, fühlte sich aber angezogen von dem frischen, treuherzigen Ton des Hauses und nahm mit Begeisterung teil an den Aufführungen klassischer Werke, zu denen Frau Pfaff, bereitwilliger als wohl andere Hausfrauen, ihr Zimmer zur Verfügung stellte. Neben der erwachsenen Schwester und deren Freundinnen, der sch?nen Julie Nees v. Esenbeck, der geistig bedeutenden Julie Brater und dem originellen Hannchen Richter, die von den jungen M?nnern gefeiert wurden, kam die erst halb erwachsene Pauline und ihre Freundin Luise noch nicht zur Geltung und Beachtung, aber doch behielt Pauline eine beglückende Erinnerung an diese Geselligkeit und freute sich im sp?teren Leben, wenn sie Familien traf, die ebenso harmlos und ungezwungen ihr Haus für Freunde und Freundinnen ?ffneten. Was braucht die Jugend mehr als eben ihresgleichen, um vergnügt zu sein? Es ist ein Irrtum, zu meinen, da? es ohne Aufwand an Essen und Trinken, an Toilette und Bedienung keine Freude g?be. Im Haus Pfaff war umst?ndliches Vorbereiten und Einladen nicht Sitte, man kam meist nach dem Abendessen zusammen, die jungen M?dchen mit Laternen in der Hand, wie es für schicklich galt in den schlecht beleuchteten Stra?en und eingehüllt in lange Kragen, die man ?Tugendhüllen? nannte. Auf Tafelgenüsse wurde nicht gerechnet, denn w?hrend ihre S?hne studierten, wu?te Frau Pfaff oft nicht, woher Geld zum N?tigsten nehmen, und ihre Kinder erinnerten sich sp?ter, wie sie gar manchmal an das Geldschubl?dchen gingen, das vertrauensvoll für alle zug?nglich war, wie sie zu diesem oder jenem Einkaufe Geld herausnehmen wollten, aber nachdem sie den Inhalt visitiert hatten, gern auf alles verzichteten und die kleine Lade wieder zuschoben, weil sie allzu dünn belegt war mit dem, was doch für den ganzen Monat ausreichen mu?te.
Lange Zeit besa?en die drei jüngsten S?hne nur einen gemeinsamen Sonntagsanzug. Derjenige, welcher am frühesten aufstand, nahm Besitz davon, die andern hatten das Nachsehen und konnten Sonntags nicht aus dem Hause gehen.
Viele Jahre wohnte die Familie Pfaff in einem Haus in der Karlstra?e, das der Witwe des Professor Kopp geh?rte. Die beiden Frauen, als Württembergerinnen schon vorher befreundet und nun in ?hnlichen Verh?ltnissen lebend, schlossen sich eng aneinander, halfen sich auch getreulich aus. Einst brachte der Postbote für Frau Pfaff ein unfrankiertes Paket. Es war wohl Ende des Monats, denn die Pfaffsche Geldschublade war leer. In ihrer Verlegenheit wegen des Portos sprang Frau Pfaff die Treppe hinauf, um bei Frau Kopp das Sümmchen zu entlehnen. Diese gute Kollegin besa? aber im Augenblick auch nichts mehr, dagegen hatte sie ein wackeres Dienstm?dchen, das war im Besitze der n?tigen Groschen und konnte den beiden Professorinnen aus der Verlegenheit helfen.
In dieser Zeit war es wohl auch, da? ein Besuch im Sp?therbst, als es schon recht unangenehm kühl war, ein kaltes Zimmer voll Rauch antraf. Frau Pfaff entschuldigte sich: sie habe grünes Holz gekauft, weil dies billiger sei und nicht brenne; für so junge Leute wie die ihrigen sei es genug, wenn sie auch nur am Rauch merkten, da? eingeheizt sei.
Der fr?hliche, gesellige Kreis lichtete sich allm?hlich und verlor seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit h?ufiger als jetzt vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen hier folgen:
1.
Freundschaft, die bei Kinderspielen
In der Kinderstub entstanden,
Ist verwandt der pflichtgem??en
Liebe zwischen Blutsverwandten.
Eh Du noch mit klaren Blicken
Deinen Sinn erkannt und ihren, –
Einem Zufall hat's gefallen,
Dich und sie zusamm' zu führen.
Freie Wahl in sp?tern Jahren
Wird vielleicht den Zufall preisen,
Wird vielleicht gleichgültig scheidend
Euer altes Band zerrei?en.
2.
Freundschaftsbünde, wie sie zwischen
Alten Leuten sich begeben,
Kenn ich freilich, Dank dem Himmel,
Nicht aus eigenem Erleben.
Aber k?nnen die mit voller
Froher, junger Liebe lieben,
Die sich in der Zeit der Fülle,
Freude, Jugend, fern geblieben?
Alte, schon vernarbte Herzen,
Die in gut und schlechten Tagen
Ihre Lust und ihre Leiden
Einsam durch die Welt getragen?
3.
Freundschaft, die sich Jugend gründet,
Ist ein Bau fürs Menschenleben,
Ein Hospiz, das immer offen
Freundlich Obdach Dir zu geben.
Jugend ist die Zimmerst?tte,
Wo der Mensch sein Schicksal gründet,
Jeden kann er drein verflechten,
Der sich willig zu ihm findet.
Jugend ist in vielem Schüler,
Aber Meisterin im Lieben
Alt wird, ohne Jugend, welcher
Ohne Liebe jung geblieben.
Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, gründete auch Siegfried Pfaff den eigenen Hausstand in Nürnberg und Pauline wurde von da an gar oft zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie war flink, flei?ig und g?nzlich frei von den st?renden Eigenschaften des Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brüder durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu kam die rührende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr verst?ndlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin für einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort eine Kur gebrauchen mu?te. Die kr?nkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke die G?ste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen M?dchen davon, denn sie erhoben nicht den Anspruch, da? man auch sie verk?stigen solle. Sie gingen über die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch ganz selbstverst?ndlich, da? es unter so erschwerenden Umst?nden einige Tage kein Mittagessen für sie gab.
Je ?fter Pauline in ihren M?dchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurück, der sie als jetzt einzige Tochter immer n?her trat und an deren Sorgen sie treuen Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brüdern Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch hatte sich des Vaters Interesse für die Astronomie auf die Jugend vererbt, so da? auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben dadurch viele Freuden geno?, die andern fremd sind. Wir St?dter blicken ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne l?ngst nicht mehr n?tig, wie in früheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wu?ten alle, wann und wo Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf. Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber dann wieder vergessen, waren ihnen so gel?ufig wie uns etwa, da? ein Jahr 365 Tage hat.
Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbürger, die mit einem gewissen Stolz sich bewu?t waren, fortw?hrend mit einer Geschwindigkeit von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenw?rtig, da? dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurückgelegt und doch nur acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so begrü?ten sie ihn als unsern n?chsten Nachbarn unter den Gestirnen, als einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem Fu?e, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren, geheimnisvollen, die sich nicht enthüllten vor dem besten Fernrohr. Mit Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf.
Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde beeinflu?t, hat für den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es sp?ter ausgesprochen, da? die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie mehr als alle Religionslehre mit dem Gefühl des Daseins Gottes durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brüder zu gewinnen. Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in vielen Familien die dogmatischen Lehrs?tze betont wurden, so da? z. B. eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: ?Ich m?chte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen?.
Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es waren, k?nnen sich besonders schwer in dogmatische Lehrs?tze finden und haben von diesen oft nur den einen Nutzen, da? der innere Widerspruch sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen gro?er Astronomen lesen, so ist es merkwürdig zu beobachten, wie sie fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was in früheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind erfüllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und best?tigen das Psalmwort: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.
Von den Brüdern Pfaff w?hlte übrigens keiner die Astronomie als Beruf. Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und Fritz zun?chst Medizin, sp?ter wandte sich dieser der Geologie zu und hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vortr?gen seine überzeugung vertreten, da? die naturwissenschaftlichen Forschungen in Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der ?ther als Bet?ubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafür volles Verst?ndnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort für seine Versuche zur Verfügung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz tats?chlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei ihrem Erwachen aus der Bet?ubung: es war der Gesang eines durch die stille Stra?e am Krankenhaus vorübergehenden Burschen; sein Lied drang durch das ge?ffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers bekannt:
Ei du sch?ne Sonnenblume,
Du hast mir das Herz gewonnen,
Du liegst mir in meinem Sinn
Wie der Kern im Kümmerling.[1]
[1] Erlanger Ausdruck für Gurke (Kukumer).
Der für Pauline so anregende Verkehr mit den Brüdern verminderte sich naturgem??, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zun?chst eine Hauslehrerstelle auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise Brater, verlie? die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus zurück; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brüdern Pfaff zu allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die sich sonst durch fr?hliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm gegenüber schüchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr viel zu unbedeutend für diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: ?Dem Brater gegenüber fühle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen.? Und die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Züge, die edle Stirne, die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, da? hier ungew?hnliche Eigenschaften des Geistes und Gemüts vereinigt waren. Aber dabei hatte sein Wesen etwas Zurückhaltendes, Strenges, seine Rede war oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das Justizministerium nach München berufen worden. Wie sehr er sich schon im Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht aus der folgenden ?u?erung eines Zeitgenossen hervor: ?Brater warf sich mit jugendlichem Feuer und dem hei?en Drang des deutschen Patrioten in die politische Str?mung und trat mit Erfolg als Redner bei den Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brüdern Friedrich und Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische T?tigkeit in bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch ma?volle Haltung bei aller kritischen Sch?rfe, sowie durch ihren gl?nzenden Stil allgemeines Aufsehen.?
Da? Pauline die l?ngst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden Manne für einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie war nun 21 Jahre alt, eine kleine, ?u?erst bewegliche, anmutige Gestalt. Konnte man sie auch nicht geradezu sch?n nennen – dazu war schon die Pfaffsche Nase zu energisch – so war doch das rosige, frische, von dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit fr?hlichen Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres Reizes durchaus nicht bewu?t und verschlo? tief im Herzen ihre geheime Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre alt, einem ehrenvollen Ruf als Bürgermeister in die Stadt N?rdlingen folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden.
Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame, deren Kinder er unterrichtete, wurde sein l?ngeres Verweilen in dieser Stellung unm?glich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jüngsten Tochter des Hauses gefa?t hatte, eine Neigung, die zwar von ihr erwidert, aber von dem Vater nicht begünstigt wurde. Die Kluft zwischen Adeligen und Bürgerlichen, die schon so viele Liebende unglücklich gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verlie? das Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.
Nun bot sich auch ihm eine Stelle in N?rdlingen, als Subrektor an der dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, da? die Schwester zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene H?uslichkeit bereiten solle.
Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen Vorschlag einzugehen; es ist, als h?tte ihr eine Ahnung gesagt, da? sie sich damit für immer aus dem Elternhause l?sen sollte.
Sie schreibt darüber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849:
Liebe Luise!
Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so k?nnte es mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten, indem unser Briefwechsel so unregelm??ig geführt wird, da? die Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und man voraussetzen mu?, da? ein Brief bei uns viel mehr St?rungen erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu sp?t ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch h?heren Einflu? dieser Brief beschleunigt wird.....
Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schlu? gemacht haben, da? ich nach N?rdlingen gehe. Die Sache wurde w?hrend Hans' Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen durch seine Ankunft freudig überraschte. übrigens gibt es viel mehr Schwierigkeiten dabei zu überwinden, als ich bisher gedacht hatte, und ich nehme überhaupt jetzt alles recht schwer. Der Hans lie? gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wünsche nur, da? es ihn nicht reut, denn wir werden geh?rig viel Geld für den Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit M?beln selbst versehen müssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so müssen wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint mir das zu sein, da? ich natürlich nach so viel Ausgaben viel mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter zurückkehren kann, welcher Gedanke mich mit gro?em Heimweh erfüllt. Was ich Dir sonst noch drüber schreiben k?nnte, will ich aufschieben bis auf N?rdlingen selbst, wohin ich also Anfang Mai reisen werde.
Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, w?hrend des Hans Anwesenheit waren wir sehr vergnügt. Wir experimentierten wieder mit der Luftpumpe und mit der Elektrizit?t, wo mir bei letzterem besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden Grundstoffe zersetzt und aufgel?st ward. Ich dachte immer dabei an Dich, es h?tte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus wurde aus seinem Schlaf aufgerüttelt und mu?te uns alles Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus betrachtest, so bedenke, da? sie gegenw?rtig aussieht wie ? Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu h?ren.
Deine Pauline.