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Chapter 9 No.9

Die Untersuchung.

Als der Staatsanwalt Witte den düstern, unheimlichen Raum betrat, bemerkte er nur eine Anzahl dunkler Gestalten, die um einen auf dem Boden liegenden Gegenstand geschaart waren und von dem ungewissen Licht der Lampe mehr sichtbar gemacht als beleuchtet wurden. Mit dem Fu?e stie? er dabei an einen klirrenden K?rper, der am Boden lag, und als er ihn aufhob, fand er, da? es ein Sack mit Geld sei, den der M?rder hier jedenfalls auf der Flucht zurückgelassen. Die erste Person, die er, allerdings zu seinem Erstaunen, erkannte, war der Baron von Wendelsheim; denn er begriff nicht recht, wie dieser Abends noch so sp?t in die Judengasse kam, wenn ihn nicht auch vielleicht, wie ihn selber, der Zufall hier vorbeigeführt. Aber es war jetzt wahrlich keine Zeit dazu, um solche Betrachtungen anzustellen, und der Staatsanwalt, den gefundenen Beutel auf den Ladentisch stellend, trat n?her zu der Gruppe, um vor allen Dingen den Zustand des gefallenen Opfers zu untersuchen.

?Ah, Herr Staatsanwalt,? rief Wendelsheim, als er ihn erkannte, ?ein Glück, da? Sie kommen – hier ist ein sch?ndliches Verbrechen verübt worden!?

Auf dem ausgestreckten K?rper des alten Mannes lag, anscheinend leblos, eine weibliche Gestalt.

?Was ist das?? sagte Witte. ?Sind Beide ermordet worden??

?Es ist des alten Salomon Frau; sie mu? ohnm?chtig geworden sein – Ursache genug, wahrhaftig, bei solchem Anblick!?

?Ist der alte Mann todt??

?Jedenfalls. Er hat zwei furchtbare Wunden am Kopf.?

?H?tten wir nicht besser die Frau fort und in ihre Wohnung geschafft, wo sie die n?thige Pflege finden kann? Nach Polizei ist doch geschickt??

?Gewi? – fa?t an, Ihr Leute, aber vorsichtig, und tragt die arme Frau drüben die Treppe hinauf; ich werde Euch den Weg zeigen – o, da kommt noch eine Laterne! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Staatsanwalt.?

Es fiel Witte wohl auf, da? der Lieutenant so bekannt in dem Hause schien, aber er achtete doch nicht weiter darauf. In diesem Augenblick, und gerade als die Leute die in der That ohnm?chtig gewordene alte Frau nach oben trugen, langte die Polizei an: ein Actuar, zwei Polizisten und zwei Gensdarmen. Der Actuar schien auch die Sache richtig zu behandeln. Der Gefangene, da er doch gebunden war und nicht entwischen konnte, wurde einem der Gensdarmen übergeben und der andere an das Hofthor postirt, um die Neugierigen abzuhalten, denn die Stra?e war schon mit Menschen angefüllt. Hatte sich doch das Gerücht, da? der alte Salomon ermordet sei, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judengasse und den benachbarten Stadttheil verbreitet! Dann wurde der Hof von allen nicht hinein geh?renden Personen ges?ubert und nur ein paar noch zur Aufsicht des Gefangenen zurückbehalten, wenn dieser ja einen verzweifelten Fluchtversuch machen sollte. Jetzt verhielt er sich freilich vollkommen ruhig, aber man wei? nicht – solche Leute passen manchmal ihre Zeit ab.

Eben so bedeutete der Actuar auch alle solche, welche N?heres über die That anzugeben wü?ten oder vermutheten, drau?en auf der Stra?e und in der N?he zu bleiben, um nachher ihr Zeugni? abzulegen. Dann gingen sie – es waren jetzt nur noch der Actuar, die beiden Polizeidiener, der Staatsanwalt und Lieutenant von Wendelsheim – in den Laden zurück, um die Wunden des alten Mannes selber zu untersuchen. Der Actuar hatte übrigens auch schon nach dem Polizei-Arzt geschickt, der jeden Augenblick eintreffen konnte.

Der einzige Mensch, der wirklich N?heres über den Ueberfall wu?te, stand drau?en gebunden unter Gensdarmerie-Bewachung.

Salomon lag auf dem Rücken, den rechten Arm noch wie zum Schutz gegen die wahrscheinlich nach ihm geführten Schl?ge vorgestreckt. Er war aber mit Blut ordentlich überdeckt, und sein Kopf zeigte, als der Actuar mit der Lampe hinabreichte, zwei klaffende Wunden, aber schon mit geronnenem Blute überklebt, so da? man ihre Tiefe nicht gut erkennen konnte. Die Untersuchung derselben mu?te aufgespart werden, bis der Arzt kam.

Wendelsheim fühlte indessen seinen Puls, aber dort war kein Leben erkennbar, und die Hand selbst kalt und krampfhaft geballt: auch ein Heben der allerdings noch warmen Brust lie? sich nicht unterscheiden.

?Armer Salomon,? sagte der Actuar, indem er sich kopfschüttelnd aufrichtete – ?schade um ihn, es war ein braver, rechtschaffener Mensch, und verwünscht viel besser als tausend Andere, die sich Christen nennen! Aber wir k?nnen jetzt nichts thun, meine Herren, als ihn liegen lassen, bis der Arzt kommt, indessen aber den Laden untersuchen – m?glich ja doch, da? wir etwas finden, was der oder die M?rder zurückgelassen haben, um dadurch auf seine Spur zu kommen. M?chte einer von den Herren wohl so freundlich sein und die Lampe nehmen??

Der Staatsanwalt machte den Actuar jetzt auf den Geldsack aufmerksam, den er an der Thür gefunden; es waren noch Blutspuren daran, und jedenfalls mu?te der M?rder gest?rt sein, da? er den im Stiche gelassen. Der eiserne Geldschrank stand offen; was daraus geraubt worden, konnte man natürlich nicht wissen. Der Actuar stellte den Beutel wieder in den Schrank und verschlo? ihn.

Sie untersuchten jetzt den Boden und fanden dicht vor dem Schrank die ersten Blutspuren. Der Angriff hatte dort jedenfalls begonnen und der alte Mann sich wohl gewehrt. Dort machte der Ladentisch eine kleine Biegung, um die herum das Opfer wahrscheinlich nach der Thür flüchten wollte, als es den zweiten Schlag erhielt und zu Boden taumelte.

Eine Waffe oder irgend ein Instrument, mit welchem die Streiche versetzt sein konnten, fand sich nirgends, eben so wenig irgend ein anderer Gegenstand, der einem Fremden geh?rt haben konnte. Nur ein Taschentuch lag vorn im Laden am Boden, das in der Ecke die mit Roth gezeichneten Buchstaben F. B. trug. Der Actuar steckte es in die Tasche.

Beim Herumleuchten bemerkten sie noch eine ge?ffnete Schublade, an der aber von au?en der Schlüssel steckte; sie enthielt mehrere Gold- und Silbersachen. Es war m?glich, da? der oder die Diebe gewu?t hatten, wo sich werthvolle Gegenst?nde befanden, und auch daraus geraubt haben konnten. Das lie? sich vielleicht durch Salomon's Frau constatiren, wenn sie sich wieder erholen würde; heute Abend wohl kaum mehr.

In diesem Augenblick trat der erwartete Polizei-Arzt ein und untersuchte den K?rper des Erschlagenen; aber es war hier unten nicht viel zu machen. Er glaubte noch Leben zu erkennen, aber so schwach, da? es auch jeden Moment wieder schwinden konnte, und wünschte deshalb, denselben hinauf in seine Wohnung geschafft und auf ein Bett gelegt zu haben. Dort sollte dann auch in Gegenwart der Leiche das erste Verh?r stattfinden.

Der Actuar ging jetzt hinaus an das Hofthor, vor dem die Menschen noch immer dicht gedr?ngt standen, und forderte Einzelne, die N?heres über das Verbrechen anzugeben wü?ten, auf, hereinzukommen. Es meldeten sich aber nur zwei oder drei, die ?etwas gesehen haben wollten.? Sie wurden herein beordert und dann gleich mit dazu verwandt, um den leblosen K?rper des alten Mannes nach oben zu tragen.

Der Lieutenant, der zurückgekehrt war, nahm wieder die Leitung, und w?hrend er langsam mit der Lampe voranging, verschlo? der Actuar zuerst die Ladenthür und lie? dann noch einen Augenblick den Zug halten, um zuerst einen Streifen Papier über das Schlo? zu siegeln, damit Niemand den Platz betrete, bevor morgen, mit Tageslicht, eine genaue Untersuchung desselben stattgefunden h?tte.

Wie still und friedlich, wie wohnlich, ja, fast patriarchalisch hatte sonst die Behausung des alten Salomon ausgesehen, und wie traurig ver?ndert lag sie heute! Fremde, rauhe Gestalten dr?ngten die Treppe hinauf und Tod und blutige Verwüstung schienen ihre F?hrten in das Heiligthum eingedrückt zu haben. Es war auch fast, als ob die alte Dienerin des Hauses, die oben an der Treppe mit verweinten Augen stand, den vielen Fremden den Eintritt wehren wollte – aber brachten sie nicht ihren armen Herrn? Und dann sah sie auch die gefürchteten rothen Kragen der Polizei, gegen die sie am wenigsten gewagt haben würde, einen Widerstand zu leisten.

Jetzt hatten die Tr?ger den oberen Rand der Treppe erreicht, und Witte, der dicht hinter ihnen folgte, sah staunend auf, als ein bildsch?nes M?dchen, die schwarzen Locken gel?st, das Antlitz marmorbleich, auf die Tr?ger zustürzte und im ersten Moment sich auf den alten Mann werfen wollte. Aber fast gewaltsam hielt sie sich zurück, ihre gro?en dunklen Augen hingen an dem Gr??lichen, ihre kleine, wei?e Hand war fest auf dem Herzen geballt; aber sie sagte kein Wort, durch keine Bewegung hinderte sie den Fortgang der Leute, und das Licht aus der Hand der Magd nehmend, winkte sie ihnen nur, ihr zu folgen.

?Alle Wetter, wer ist das?? flüsterte der Actuar dem neben ihm stehenden Staatsanwalt zu. ?Das war ja ein bildsch?nes M?dchen, und der Lieutenant scheint hier sehr bekannt im Hause zu sein!?

?Wahrscheinlich die Tochter des alten Salomon,? nickte der Staatsanwalt, der die letzte Bemerkung ebenfalls gemacht hatte; ?ich wei?, da? er eine Tochter hat, habe sie aber noch nie vorher gesehen.?

?Mir ist nie etwas Sch?neres vorgekommen....?

?Es mu? in der That au?ergew?hnlich sein, wenn sich selbst die Polizei davon ergriffen fühlt,? bemerkte der Staatsanwalt trocken – ?aber da sind wir. Wie elegant das hier aussieht! Ich h?tte wahrlich nicht gedacht, im Judenviertel solch ein Haus zu finden, besonders wenn man diese alten, rauchgeschw?rzten Geb?ude von au?en ansieht!?

Die Tr?ger folgten ihrer bleichen Führerin in ein Seitenzimmer, wie es schien, das eigentliche Schlafgemach des alten Mannes, neben dem der Arzt noch immer herging und seinen Kopf unterstützte. Dort winkte sie, ihn auf das Bett zu legen.

?M?chten Sie nicht vielleicht eine alte Decke unterlegen,? bemerkte der Arzt, als er das schneewei?e Linnen sah, ?wir werden Alles mit Blut beflecken.?

?Nein,? hauchte die Tochter. – Es war das erste Wort, das sie sprach. – ?O, sagen Sie mir um Gottes willen, ob er todt ist??

?Ich glaube nicht, mein Fr?ulein,? erwiederte der Arzt theilnehmend dem ungeheuern Schmerz gegenüber, der in den Worten lag. ?Ich kann Ihnen freilich für nichts stehen, denn ich habe die Wunden noch nicht untersucht, aber noch scheint Leben in ihm zu sein, wenn auch vielleicht nur ein Funken. Es soll gewi? Alles geschehen, was in menschlichen Kr?ften steht, um ihn, wenn irgend m?glich, zu retten. Machen Sie sich aber auf das Schlimmste gefa?t; das Resultat kann kein Mensch vorher bestimmen.?

?Hat sich Ihre Frau Mutter wieder erholt?? fragte der Staatsanwalt jetzt, der ihr unwillkürlich n?her getreten war. ?Der pl?tzliche Schreck machte eine Ohnmacht ja natürlich.?

?Ich danke Ihnen,? sagte Rebekka leise, ?sie ist wieder erwacht – o, dieser entsetzliche Abend!?

?Und haben Sie keine Vermuthung, wer der Th?ter sein k?nne?? fragte der Actuar wieder.

?Keine,? hauchte das junge M?dchen, traurig mit dem Kopf schüttelnd; ?mein Vater war ja so gut und brav, er hat keinem Menschen je ein Leides gethan – sie haben ihn nur berauben wollen.?

?Und wissen Sie nicht, ob in letzter Zeit vielleicht irgend Jemand h?ufiger als sonst in den Laden gekommen w?re??

?Ich betrete den Laden nie oder doch nur so selten, da? ich es nicht wei?. Selbst die Mutter kommt nicht hinunter.?

?Hm – nun, wie steht es, Doctor??

?Dürfte ich um etwas lauwarmes Wasser und einen Schwamm bitten??

Es wurde rasch gebracht, und der Arzt ging jetzt daran, die Wunden sorgsam auszuwaschen und zu untersuchen.

Wendelsheim hatte indessen leise mit Rebekka gesprochen und sie gebeten, das Zimmer zu verlassen. Er selber glaubte fest, da? der alte Mann todt sei, und wollte ihr wenigstens den Schmerz der unmittelbaren Entdeckung ersparen. Rebekka weigerte sich aber; sie wollte das Entsetzliche selber h?ren – sie war gefa?t, wie sie sagte, und fürchtete keine Schw?che.

Staatsanwalt Witte beobachtete Beide scharf, w?hrend sie mit einander sprachen, und es h?tte auch wahrlich nicht des Auges eines Juristen bedurft, um zu sehen, mit wie liebevoller Theilnahme des Barons Blick an den Zügen des M?dchens hing, wie vertrauend, wie gut sie zu ihm aufsah. Der Actuar glaubte aber seine Zeit indessen nicht unnütz vers?umen zu dürfen, und sich im Zimmer umschauend, bemerkte er bald einen Tisch, auf welchem ein Schreibzeug stand – Papier wie alles N?thige führte er überdies bei sich –, und er befahl jetzt, den Gefangenen herauf zu führen, und lie? die Leute, die sich als Zeugen gemeldet hatten, ebenfalls an die Thür treten. Um das Verh?r kümmerte sich der Arzt nicht, der sich nur immer mit dem Verwundeten besch?ftigte, w?hrend ihm Rebekka hülfreiche Hand dabei leistete. Wohl schnürte es ihr das Herz zusammen, und sie mu?te sich ordentlich Gewalt anthun, um nicht in Klagen auszubrechen, als sie die furchtbaren Wunden sah, die des M?rders Waffe dem Vater geschlagen; aber kein Laut kam über ihre Lippen, und mit sorgsamer, nicht einmal zitternder Hand wusch sie das Blut von dem theuern Haupt und kü?te dann die bleiche, kalte Stirn.

Fritz Baumann wurde jetzt hereingeführt, und mit Entsetzen hingen des M?dchens Blicke an dem edlen, aber jetzt bleichen Antlitz des jungen Mannes. Das war der M?rder? O, um Gott, was hatte er ihm gethan, da? er die blutige Faust gegen den armen schwachen alten Mann erheben sollte?

?Wer sind Sie und wie hei?en Sie?? fragte der Actuar, der sich an seinem Tisch festgesetzt hatte und die Sache amtsm??ig zu betreiben begann.

?Mein Name ist Friedrich Baumann,? lautete die eben nicht sehr freundlich gegebene Antwort; ?ich bin Mechanikus in hiesiger Stadt.?

?Schon einmal vor Gericht gestanden??

?Nein.?

?Was hatten Sie heute Abend noch nach Dunkelwerden hier im Geh?ft und im Laden des alten Salomon zu thun??

?Ich habe ein Werk zurückgebracht, das ich für ihn reparirt hatte, fand aber den Laden schon verschlossen und sah nur eben noch in der D?mmerung, da? ein Officier vor mir den Hof betrat. Da ich demnach vermuthete, den alten Salomon noch im Laden zu finden, folgte ich ihm und fand auch die Ladenthür nur angelehnt und Licht im Innern. Wie ich aber den Platz eben betreten wollte, sprang eine dunkle Gestalt gegen mich an und floh zum Hofe hinaus. Ich hielt das Werk, das jetzt unten auf dem Tisch steht, noch in der Hand und war auch in dem Moment zu überrascht, um dem Flüchtigen gleich zu folgen, that aber dann, was ich für den Augenblick thun konnte. Im Laden sah ich den unglücklichen alten Mann am Boden liegen, und das Schlimmste fürchtend, sprang ich hinaus, fand die Hausthür verschlossen, klopfte dort scharf an und sprang dann vor das Thor, um Hülfe herbei zu holen, als ich von diesen M?nnern gefa?t und gehalten und selber des Mordes beschuldigt wurde.?

?Und wie kommt das Blut an Ihre H?nde und Kleider??

?Ich wollte den Erschlagenen aufrichten, fand aber bald, da? das unm?glich sei.?

?Ist dies Ihr Tuch? Es tr?gt die Buchstaben F. B.?

?Ja; ich hatte es über das Werk gedeckt, und es mag im Hof herunter gefallen sein.?

?Es lag im Laden.?

?Auch das ist m?glich.?

?Was für ein Werk war das, welches Sie brachten??

?Ein mechanisches Kunstwerk, das ich reparirt hatte.?

?An der Thür lag ein Sack mit Geld; wie ist der dahin gekommen??

?Das wei? ich nicht; ich habe ihn nicht gesehen.?

?Haben Sie etwas fallen h?ren, als jene dunkle Gestalt, wie Sie sagen, aus der Thür sprang??

?Nein – ich erinnere mich wenigstens nicht; ich war zu sehr überrascht.?

Der Actuar lie? ihn bei Seite treten und fragte jetzt die verschiedenen Leute aus, was sie über den Fall wü?ten. Das war allerdings sehr wenig. Einige wollten einen Hülferuf geh?rt haben und waren herbeigelaufen; Andere, die sie laufen sahen, schlossen sich ihnen an.

?Wer hatte um Hülfe gerufen?? fragte der Actuar.

?Ich selber,? erwiederte Baumann, ?wie ich jene dunkle Gestalt davonspringen sah. Ich hoffte, dadurch ihm Begegnende aufmerksam zu machen.?

?Und weshalb liefen Sie nicht gleich selber hinter ihm drein? Ich d?chte, Sie w?ren jung und stark genug dazu.?

?Ich hatte das Werk unter dem Arm – es kam Alles so schnell – ich wu?te ja auch damals noch nicht, ob wirklich ein Verbrechen verübt sei, ja, im ersten Augenblick war es mir sogar, als ob der Laufende der alte Salomon selber sei.?

?Sehr wahrscheinlich,? l?chelte der Actuar ver?chtlich. ?Und weshalb liefen Sie da selber davon??

?Ich habe Ihnen schon gesagt, da? ich nicht gelaufen bin,? erwiederte Baumann finster; ?ich wollte auf die Stra?e springen, um Leute herbeizurufen, als diese mich fa?ten und natürlich den Verbrecher entwischen lie?en.?

?Also Sie leugnen, weiter etwas von der That zu wissen??

?Ich habe Ihnen Alles gesagt, was ich wei?, und bedauere, wenn Ihnen das nicht genügt.?

?Sch?n. Gensdarmen, führen Sie den Gefangenen in das Polizeigeb?ude in Untersuchungshaft – er soll eingeschlossen werden – ich komme gleich selber nach! Lassen Sie ihn unterwegs nicht entspringen, und da? er mit Niemandem verkehrt oder sich unterh?lt! Er wird auch vorher genau untersucht, ob er keine Waffen oder sonst etwas Verd?chtiges bei sich tr?gt! Sind ihm die H?nde noch fest auf dem Rücken gebunden??

?Die kriegt er nicht los, Herr Actuar.?

?Gut – fort mit ihm; wir brauchen ihn heute hier nicht weiter.?

?Aber Sie k?nnen mich doch wahrhaftig nicht nur auf einen so wahnsinnigen Verdacht hin einkerkern wollen!? rief Baumann, bei dem der Zorn auch jetzt die Oberhand gewann. ?Stehen denn hier nicht M?nner, die mich kennen? Herr Staatsanwalt Witte, Herr Lieutenant von Wendelsheim, k?nnen Sie glauben, da? ich eines solchen Verbrechens auch nur f?hig w?re??

?Nein, das glaube ich nicht,? sagte Witte.

?Ich ebenfalls nicht,? fiel Wendelsheim ein.

?Meine Herren,? sagte der Actuar, ?es thut mir leid, in dieser Sache auf Ihren Glauben keine Rücksicht nehmen zu k?nnen. Die Person hier ist unter verd?chtigen Umst?nden angetroffen, und wir müssen uns ihrer jedenfalls so lange versichert halten, bis wir vollgültige Beweise ihrer Unschuld finden.?

?Aber ich habe den Hof nicht drei Minuten nach dem Lieutenant von Wendelsheim betreten – kaum zwei, wenn so viel – ich sah ihn in den Hof gehen.?

?Haben Sie etwas von dem Herrn bemerkt, Herr Baron??

?Ich mu? gestehen, da? ich mich gar nicht umgesehen,? sagte der Lieutenant. ?Ich erinnere mich, Jemanden in der Stra?e bemerkt zu haben, als ich in den Hof einbog, aber es war schon dunkel und ich achtete auch nicht darauf.?

?Und wie lange vor der Entdeckung des Mordes waren Sie im Hause??

?Allerdings nur wenige Momente; als ich den Hülferuf h?rte, hatte ich eben erst das Zimmer betreten.?

?So? Na, das wird Alles die sp?tere Untersuchung ergeben. Also pa?t mir gut auf ihn auf! Schultze mag lieber noch mitgehen, falls etwas vorfallen sollte oder vielleicht einige seiner Spie?gesellen Miene machten, ihn zu befreien.?

?Mein lieber Herr Baumann,? sagte der Staatsanwalt jetzt zu dem Gefangenen, ?fügen Sie sich vor der Hand in das Unvermeidliche, denn Ihre vorl?ufige Haft mu? allerdings stattfinden; aber ich hoffe und bin fest davon überzeugt, da? Sie genügende Beweise Ihrer Unschuld beibringen werden. Ihre Haft wird in dem Fall nicht lange dauern, und ich ersuche Sie, Herr Actuar, dem Gefangenen jede Bequemlichkeit zu gestatten, welche die Gef?ngni?ordnung erlaubt – auf meine Verantwortung und Garantie. Sorgen Sie dafür, Freund,? wandte er sich dann an den Gensdarmen, ?da? das richtig bestellt und ausgeführt wird.?

W?hrend die Leute den jungen Mann abführten, bog sich Witte zu dem Actuar über und flüsterte ihm etwas zu, womit dieser nicht recht einverstanden schien, denn er wiegte ein paarmal den Kopf hin und her, schrieb auch noch erst Einiges nieder. Dann wandte er sich pl?tzlich an den Lieutenant und sagte: ?Und dürfte ich mir wohl erlauben, Herr Baron, Sie zu fragen, was Sie so sp?t, oder vielmehr so früh in's Haus geführt hat, da Sie doch schon hier waren, ehe der L?rm entstand, und eigentlich an dem Laden müssen vorübergegangen sein, w?hrend der Mord im Innern verübt wurde? Haben Sie nichts geh?rt??

?Keinen Laut,? sagte Wendelsheim, von der Frage eben nicht erbaut, die Gegenwart des Staatsanwalts genirte ihn. ?Als ich vorüberging, war Alles dunkel. Ob die Ladenthür angelehnt oder geschlossen war, wei? ich nicht einmal; ich habe mich nicht danach umgesehen, auch nicht das geringste Ger?usch darin geh?rt, und glaubte deshalb, der alte Salomon bef?nde sich oben in seiner Stube.?

?Und wie Sie oben in's Zimmer traten, h?rten Sie den Hülferuf??

?Ja.?

?War Jemand in dem Zimmer??

?Allerdings; die Frau des alten Mannes und das Fr?ulein da.?

?Sie wollten den alten Mann sprechen??

?Ich wollte der Familie, mit der ich befreundet bin,? sagte Wendelsheim ernst, aber entschieden, ?eine Trauernachricht mittheilen, die mich heute betroffen hat – den Tod meines Bruders.?

?Der junge Baron Benno ist gestorben?? rief Witte rasch. ?Ach, das thut mir wirklich recht leid um Sie Alle!?

?Ja,? sagte Wendelsheim leise, ?es war ein schwerer Verlust, obgleich wir Alle schon lange darauf vorbereitet sein mu?ten.?

?In so jugendlichem Alter! Wie alt war Ihr Herr Bruder??

?Noch nicht achtzehn Jahre.?

?Er lebt! Er lebt!? jubelte da pl?tzlich Rebekka, die neben dem Bett des Vaters gekniet und ihr Ohr an sein Herz gelegt hatte – was kümmerten sie die Fragen des Beamten!

?Es ist allerdings noch Leben vorhanden,? nickte der Arzt, ?und die Wunden – wenn nicht im Innern der Hirnschale mehr Unheil angerichtet ist, als man von au?en beurtheilen kann – sehen auch nicht gerade zu b?sartig aus, wenigstens nicht so, um Ihnen jede Hoffnung zu rauben.?

?Er lebt, Doctor?? rief aber auch jetzt der Actuar. ?Das allerdings würde die Untersuchung sehr erleichtern, wenn wir erst seine Aussage bekommen k?nnten!?

?Aber doch nicht heute Abend, Herr Actuar,? sagte der Arzt ruhig. ?Ich mu? überhaupt die Herren bitten, dieses Zimmer jetzt zu verlassen, damit der Verwundete kein Ger?usch mehr h?rt und, wenn er ja schneller, als ich vermuthe, seine Besinnung wieder erh?lt, nicht erschrickt – ich stehe sonst für nichts.?

?O, er lebt! Er lebt!? jauchzte Rebekka leise vor sich hin, und wie ihrer selbst unbewu?t, lehnte sie ihre Hand auf den Arm des jungen Officiers und schaute mit strahlendem Antlitz zu ihm auf.

Der alte Staatsanwalt nickte still vor sich hin mit dem Kopf, aber der Arzt drang jetzt entschieden auf R?umung des Zimmers. Der Kranke mu?te Ruhe bekommen, und nur die Tochter sollte bei ihm bleiben. Er selber versprach aber, vor Mitternacht noch einmal nachzusehen, wie es ginge – er hatte noch einige Krankenbesuche zu machen und durfte die nicht vernachl?ssigen.

Der Lieutenant von Wendelsheim z?gerte, mitzugehen. Der Staatsanwalt fa?te ihn aber am Arm und sagte: ?Kommen Sie einen Moment mit uns in ein anderes Zimmer oder auf den Hof, Herr Lieutenant. Ich habe den Herren einen Vorschlag zu machen, bei dem ich Sie ebenfalls betheiligt wünsche; Sie k?nnen ja nachher immer wieder zurückgehen.?

?Einen Vorschlag? Welchen?? fragte der Actuar.

?Bitte – unten; hier nichts weiter. Mein liebes Fr?ulein,? wandte er sich dann an Rebekka, ?fassen Sie guten Muth; vielleicht und hoffentlich wird das Schwerste noch von Ihnen abgewandt. Seien Sie aber versichert, da? wir den innigsten Antheil an Ihrem Schicksal nehmen, und was geschehen kann, jene verruchten Buben, welche die That verübt, zur Strafe zu bringen, soll gewi? geschehen.?

?Aber jener junge Mensch hat meinen Vater doch gewi? nicht geschlagen,? sagte Rebekka mit tiefer Wehmuth im Ton.

?Ich bin fest davon überzeugt, da? er es nicht gethan hat,? best?tigte der Staatsanwalt; ?doch das wird die Untersuchung bald ergeben.?

?Und bedenken Sie, da? Sie heute den Laden nicht mehr betreten dürfen,? sagte der Actuar; ?er ist versiegelt.?

?Gott soll mich behüten, da? ich den Schreckensort in der Nacht betrete!? sagte das M?dchen zurückschaudernd.

?Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie,? dr?ngte der Arzt. ?Der Kranke regt sich – ich mache Sie sonst für die Folgen verantwortlich? – und die drei M?nner vor sich her schiebend, verlie? er mit ihnen das Gemach.

?Und was wollten Sie uns sagen, Herr Staatsanwalt?? fragte der Gerichtsbeamte, als sie unten im Hof zusammenstanden, w?hrend der eine Polizeidiener noch drau?en am Hofthor Wache hielt. Die alte Magd war mitgegangen, um hinter ihnen das Thor zuzuschlie?en.

?Ich habe,? sagte der Staatsanwalt, ?schon oben meine Ueberzeugung ausgesprochen, da? der junge Baumann unschuldig ist; ich wiederhole das jetzt, und die Untersuchung wird es best?tigen. Wir wissen aber noch gar nicht, ob der alte Salomon den oder die Menschen, die ihn überfallen haben, erkannt hat, wenn er wirklich wieder zum Bewu?tsein kommt, denn derartige Schufte schw?rzen gew?hnlich ihre Gesichter oder brauchen andere Kunstgriffe. Wir müssen sie also in den ersten Tagen sicher machen, da? sie nichts zu fürchten haben, und das geschieht am besten durch das Gerücht von des alten Salomon's Tode. Die Stadt braucht vor der Hand nicht anders zu wissen, als da? der alte Mann wirklich erschlagen oder seinen Wunden erlegen sei, und meinetwegen auch, da? man den M?rder gefangen und eingezogen habe; ein falscher Verdacht schadet dem Namen des jungen Baumann, wenn er denn doch einmal abgeführt ist und gefangen gehalten wird, auch nicht mehr, und bekommen wir nachher die wirklichen Th?ter heraus, so wollen wir ihn schon wieder wei? waschen.?

?Ich begreife nicht, was Sie damit bezwecken wollen,? sagte der Actuar.

?Ich halte es auch für das Beste,? meinte der Arzt. ?Die Verbrecher lassen sich dadurch m?glicher Weise verleiten, mit ihrem Gelde gro? zu thun oder mehr zu verzehren, als ihre Bekannten an ihnen gewohnt sind – wie viele Diebst?hle und Raubmorde sind schon dadurch an's Tageslicht gekommen!?

?Gut, ich habe nichts dagegen,? nickte der Actuar. ?Wir k?nnen jedenfalls den Versuch machen, werden aber nichts dadurch erreichen, denn wenn nach drei Tagen die Beerdigung des alten Mannes nicht erfolgt, so wird man doch augenblicklich wissen, da? er nicht gestorben ist.?

?Drei Tage sind eine lange Zeit,? sagte der Staatsanwalt; ?wir wollen wenigstens die uns gegebene Frist nach besten Kr?ften benutzen, und Sie, Herr Lieutenant, bitte ich, im eigenen Interesse der Familie, wenn Sie dieselbe wiedersehen sollten, sie zu bitten, Alles zu thun, um das Gerücht aufrecht zu erhalten. Aber jetzt guten Abend, meine Herren! Es ist sp?t geworden, und ich mu? nach Hause, oder gehen wir Einen Weg??

?Jedenfalls anfangs,? sagte der Arzt; ?aber das Volk mu? dort von dem Thor fort, da? wir keinen L?rm machen.?

?Ueberlassen Sie das mir, ich werde sie wegbringen,? sagte Witte.

Sie hatten jetzt den Thorweg erreicht und traten hinaus.

?Nun, wie steht's oben?? fragten zahlreiche Stimmen. ?Wie geht's dem alten Manne??

?Geht nach Hause, Leute,? sagte der Staatsanwalt, ?und st?rt die arme Familie nicht in ihrer Trauer – der alte Salomon ist todt.?

?Gott der Gerechte, und so ein Mann – waih geschrieen!? t?nte es von vielen Seiten. ?Und die M?rder??

?Werden ihrer Strafe nicht entgehen, verla?t Euch darauf; eine so nichtswürdige That soll nicht ungeahndet hingehen.?

?Was ist der mehr,? sagte ein alter Israelit, der daneben stand; ?werden sie ihm auch nicht viel thun – war es doch blos ein Jud', der alte Salomon!?

?Er war ein Mensch, und wer Menschenblut vergie?t, de? Blut soll wieder vergossen werden. Aber jetzt geht nach Hause – Ihr seht, das Thor ist geschlossen, und Ihr k?nnt durch unn?thigen L?rm nur noch die Familie beunruhigen, die so schon Schmerz und Sorge genug hat.?

Das half. ?Jawohl, jawohl!? riefen die Meisten, und wenig Minuten sp?ter war die Stra?e menschenleer.

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