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Chapter 2 No.2

Zwei Glückliche.

Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurückgeritten, aber heute wahrlich in keiner so gedrückten Stimmung, als er sonst wohl das v?terliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefühl überkam ihn dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen, peinigenden Zweifeln über irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.

Liebe – wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie! Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese abschüttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewu?tsein, da? er dem Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei – aber nur Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglück, seine ganze Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine H?rte und Gleichgültigkeit schon des Rechtes verlustig gegangen war.

Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur darauf gefa?t gewesen, nach seiner Erkl?rung einem Sturm von Vorwürfen und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabh?ngig seinem Vater entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Da? er g?nzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wüthend, nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, l??t sich denken; er würde es nie im Leben für m?glich gehalten haben, und so überrascht, so erschüttert selbst fühlte er sich davon, da? er sogar für einen Moment schwankend in seinem Entschlu? wurde, um von dem alten Mann den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, h?hnischen Blicke in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurückrief, was er in seinem Leben hier erduldet.

Seine ganze, ihm abgestohlene und mi?handelte Jugend lag bei ihrem Anblick vor seinen Augen; all' die Thr?nen, die er im Stillen geweint, all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und mit ihm gro? gezogen, aber immer nur gen?hrt, nie auch selbst durch ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewu?tsein, ihrem starren, keines guten Gedankens f?higen Herzen noch einmal einen Streich zu versetzen, sie endlich einmal fühlen und wissen zu lassen, da? ihre Herrschaft vorbei sei und sie aufgeh?rt habe, den Knaben zu meistern, warf alles Mitleid für den Vater über Bord. Er sah nur seine geopferte Jugend, fühlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewu?tsein in sich erwachen, zu vergelten, und in der wonnigen Empfindung, gerade dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu k?nnen, gerade ihr zu zeigen, da? ihr Regiment über ihn aufgeh?rt und sie darauf verzichten müsse, ihn als Knaben zu behandeln, verga? er selbst den Schmerz des Vaters über das ihm zugefügte Leid.

Jetzt war es geschehen, der Würfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter übrig, als nach seinem Gefühl zu handeln.

Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so blau, die Erde so frisch und maiengrün, die Luft so mild, der V?gel Sang so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfüllen durfte, die ihn lange gedrückt.

Da? ihn Rebekka liebte – wie konnte es ihm Geheimni? bleiben, da des M?dchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt nur immer in das Haus, in das trauliche Stübchen des alten Salomon zog, so verlie? er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwürfen gegen sich selbst, da? er eine Leidenschaft n?hre und unterhalte, der er, wie er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn ausübte, und der alte Salomon schüttelte wohl oft, von ihm ungesehen, den Kopf, wenn er mit dem M?dchen am Instrument sa? und die Tochter dann, glücklich in der N?he des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre Lieder sang.

Er, der alte Salomon, kannte die Verh?ltnisse der Menschen drau?en auf dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bev?lkerung und besonders mit den Gro?en und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen geschmeichelt und auf H?nden getragen oder auch unter die Fü?e getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum betraf, doch h?tten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen müssen, denn keiner von allen leitete so weit zurück als dessen Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile machten sie blind – blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen Werth, und Salomon wu?te gut genug, da? sie, so hoch sie sich selber übersch?tzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen n?thig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet h?tten, auch nur in ihre N?he sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche Stufe mit ihnen zu treten.

Und was sollte da aus einer Liebe werden, die er im Herzen der Tochter gegen Einen jenes, ihnen stets fremd gebliebenen Stammes sich entwickeln sah? Er fürchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst heraufzubeschw?ren.

Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die Uebrigen seines Standes und Gewerbes, und hatte sich seit der Zeit, wo er zuf?llig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich betragen, da? er es nicht über sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen – und doch w?re es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verh?ltni? abbrechen konnte, das anfing ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel ?Geld? zwischen ihm und Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wu?te er recht gut, da? der Zauber schwinden mu?te, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung des Geliebten gelegen – aber er hatte sich geirrt. Bruno fühlte das selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast verzweifelnd das Haus verlassen mu?te, das einzige Wesen auf der weiten Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre sehen.

Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trümmer gegangen und das gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte – eine Erkl?rung der Beiden, ein Erkennen und Sichbewu?twerden des Gefühls, das nun natürlich nicht mehr zurückgehalten werden konnte. Was nun kam – er mu?te der Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem da? seine Frau und Rebekka darin schwelgten, in einem trüben, traurigen Licht – und er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht in etwas t?uschen lie?. – Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn Tage verflossen, ohne da? er sich im Hause Salomon's wieder h?tte sehen lassen. Rebekka erwartete seine Rückkunft mit hei?em Sehnen, der Vater z?hlte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder schwindende Tag best?tigte nun mehr und mehr seine Ueberzeugung, da? Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe – leider, leider nur zu sp?t für sein armes Kind –, der reiche Baron passe nicht in die Familie des Juden.

Bruno von Wendelsheim ritt indessen fr?hlich seine Bahn entlang. Er war mit sich im Reinen, und wenn er auch wochenlang gek?mpft und das Für und Wider erwogen, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur tragen konnte.

An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und dann den Weg zu der Judengasse zu Fu? zurückzulegen; der alte Salomon hatte ja keine Stallung, und ein Officierspferd dort w?re nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Stra?e, überraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, da? er die Kn?pfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock selber nicht sauber ausgebürstet habe – denn sonst achtete er nie so viel auf sein Aeu?eres, um deshalb je mit ihm zu zanken.

?Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant,? sagte der Bursche, als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte.

Bruno trat noch einmal zum Tisch zurück und ?ffnete die Mappe; es waren drei Briefe – zwei Rechnungen – er konnte das liniirte Formular schon durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur zu gut; der dritte – kopfschüttelnd und rasch brach er ihn auf – wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimni?vollen Fünfthalerschein, ohne weitere Andeutung, woher er kam, und auch das n?mliche Siegel wieder, mit einem Fünfgroschenstück zugedrückt. Auch die Handschrift der Adresse war die n?mliche wie früher. Wer, um Gottes willen, konnte nur der Geber dieser sich regelm??ig folgenden Geschenke sein, und durfte er sie l?nger annehmen, ohne sich vielleicht für sp?tere Zeiten eine l?stige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so unm?glich, sie zurückzusenden, als früher – denn wohin? Der Brief war hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post bef?rdert worden.

Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefühl hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das ?ffentlich zu thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fünf Thaler verschickten. Wenn er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, genügte das. Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce einrückte – sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben – das Geld für die Insertionsgebühren konnte er hineinwickeln – das war das Beste – weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen Zettel:

?Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von Fünfthalerscheinen; das überschickte Geld ist wieder bei ihm abzuholen. Wo, wird der Absender wohl wissen.

W.?

?So,? sagte er, als er den ungef?hren Betrag für den Abdruck hineinwickelte, ?das hier tr?gst Du gleich auf die Expedition des Tageblatts und giebst es nur ab – verstanden??

?Sehr wohl, Herr Lieutenant.?

?Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Annonce kommt, so nennst Du keinen Namen – Du wei?t es nicht.?

?Sehr wohl, Herr Lieutenant.?

?Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht l?nger auf mich zu warten.?

?Sehr wohl, Herr Lieutenant.?

Lieutenant von Wendelsheim verlie? seine Wohnung und schritt, alle anderen Gedanken von sich abschüttelnd, als nur die lieben, glücklichen an sein sch?nes Ziel, die Stra?e hinab.

Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grü?te ihn wieder eine ?ltliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gru? erwiedernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens oft auf der Stra?e gesehen; sie mu?te jedenfalls hier in der N?he wohnen – was kümmerte ihn die Frau!

Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Stra?e hinab und um die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein paar gro?e, helle Thr?nen gl?nzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, und nur still und schweigend wandte sie sich ab, drückte die zusammengefalteten H?nde auf die Brust und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war, welche der Lieutenant eingeschlagen hatte.

Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus dem Menschengewühl der Hauptstra?e zu kommen, und erst als er in die nur zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn übergro?e Eile w?re hier zu sehr aufgefallen. – Jetzt betrat er endlich das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen sü?-s?uerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die Nase zu nehmen, und mu?te hier wirklich Acht geben, um nicht an die überall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen, die allerdings nicht solche Rücksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue Blicke voll Ekel und Abscheu warf er auch nach rechts und links in die düsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen Dünste aushauchten. – Und diesem Volk entstammte Rebekka! – wie ein eisiges Gefühl zuckte es ihm durch's Herz – aber kaum eine Secunde lang. Das hier war ja nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des ganzen zurückgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mi?handelten und unterdrückten Stammes, und welche edle Blüthen er treiben konnte, o, sein M?dchen, seine Rebekka war ihm da ja der sch?nste, der herrlichste Beweis!

Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn vorw?rts die Stra?e entlang und athmete erst wieder auf, als er die Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige Minuten sp?ter stand er auf der Schwelle.

Als er die Thür ?ffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den Kopf in die Hand gestützt, vor einem dicken Buche sa? und darin las.

Als er das Oeffnen der Thür h?rte, hob er den Kopf, fuhr aber im n?chsten Augenblicke schon erschreckt von seinem Sitze empor. Er hatte den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mu?te er ihm gekommen sein, da? er es ordentlich in den Gliedern fühlte und sich wieder hinsetzen mu?te – er hatte für den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu stehen.

?Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um mein Versprechen einzul?sen?? rief Bruno und ging, ihm die Hand entgegenstreckend, auf ihn zu.

Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: ?Der Herr Baron hat nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel einzul?sen; ich wei? von nichts Anderem??

?Von nichts Anderem, Salomon? – und Rebekka??

Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder; er sah auch heute bleich und eingefallen aus – oder machte das nur das halbe D?mmerlicht des düstern, gew?lbeartigen Ladens? Endlich stand er langsam auf.

?Setzen Sie sich, Herr Baron,? sagte er ernst, aber nicht unfreundlich, ?ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu Sohn – ich bin alt genug dazu, Gott wei? es, und Sie wissen, da? ich es immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernünftigen Rath gegeben die letzten Jahre – wollte der Herr, da? er gefallen w?re auf guten Boden!?

?Aber, bester alter Freund....!?

?Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, da? wir allein sind,? unterbrach ihn der alte Mann; ?wir k?nnen auch keine St?rung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schlie?en, Herr Baron – wie hai?t Gesch?ft, wir Beide haben auch ein Gesch?ft mit einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch oder einen Pfeifenkopf verkaufe.?

Salomon lie? keine Einrede gelten, zündete die Lampe an, ging vor die Thür, schlo? selber die eisenbeschlagenen L?den, verriegelte die eben so verwahrte Thür oben und unten, drehte den Schlüssel um und kam dann langsam zu dem jungen Officier zurück, der ihn nach all' diesen feierlichen und mit der gr??ten Ruhe ausgeführten Vorbereitungen doch nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenüber, setzte sich und begann ohne weitere Umschweife.

?So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und ich, weiter Niemand – braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen – und nun will ich Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus – nicht meinen Laden, mein' ich, wo ich mache Gesch?fte und verkehre mit aller Welt, nein, das eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses – auch nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind, meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die Tochter hat Sie gern gehabt – nicht als Baron oder Cavalier, sondern als Freund vom Vater – und als Freund von sich. Sie haben mit ihr gemusicirt und gesungen – sch?ne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein b?ser Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu sp?t. Jetzt ist er aufgewacht, und er mu? mit Ihnen reden, damit kein Unglück geschieht, nicht im Laden oder Gesch?ft, sondern im eigenen Hause.?

?Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher gekommen!? sagte Bruno.

?Sind Sie?? wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend an. ?Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden – ich mu? reden, denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es hat mir das Herz beinahe abgedrückt – ich mu? reden, meinet-, Ihret- und Rebekka's wegen.?

?Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und bestimmte Erkl?rung beruhigen?? sagte Bruno.

Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. ?Durch welche?? fragte er.

?Ich bin heute hieher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's anzuhalten.?

Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment überrascht und wu?te nicht gleich, was er erwiedern sollte. Aber der kalte Verstand des alten Juden lie? sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefühl bew?ltigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast klanglosen Worten entgegnete er endlich:

?Da haben wir's – gerade wie ich vermuthet habe: hei?es Blut und kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So h?ren Sie, Herr Baron, was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erkl?rung macht Ihrem Herzen Ehre, und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, da? ich mich nicht ganz in Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gew?hnlicher Mensch – aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim – wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles, was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr – er wird lachen, wenn Sie es ihm erz?hlen zum ersten Mal – er wird weinen, wenn Sie es ihm erz?hlen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn Sie es erz?hlen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein, mit des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief geschlagen, da? nicht Jahre im Stande w?ren, sie zu heilen, und deshalb habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt – lassen Sie mich ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie – Sie sind jetzt nichts als ein armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat, und glaubt, er w?re dem alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie für ihn bezahlt. Es spricht das für Ihr gutes Herz, aber nicht für Ihren Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein Baron von altem Adel und Stammbaum – aber wenn Sie wirklich heiratheten des alten Juden Tochter würden Sie sich fühlen geschlagen und unglücklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, da? Sie gekommen sind zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben – wenn sie es auch nie erfahren wird –, ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie sind ein guter Mensch – aber ich liebe mein Kind mehr, und, Gott der Gerechte, wer kann's mir übel deuten? Sie würde sich unglücklich fühlen und elend sein, wenn sie in das alte Schlo? einz?ge und der alte Baron sagte: ?Ich will nichts von ihr wissen – es ist des Juden Tochter!? Und Sie würden sich unglücklich fühlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater, vom alten Herrn Baron; und die Diener und M?gde im Schlosse würden die Achseln zucken, und die Pferdejungen im Stalle von der Mi?heirath sprechen, und der alte Salomon würde sich am unglücklichsten von Allen fühlen, denn er h?lt sein Kind lieb und werth, und wenn er einen Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka – und sein ehrlicher, unbescholtener Name.?

?Und darf auch ich jetzt reden, Salomon??

?Reden Sie,? sagte der alte Mann resignirt: ?ich habe gesprochen, und es ist nicht mehr als recht, da? ich auch die Entgegnung h?re.?

?Ihr wi?t, Salomon,? erwiederte Bruno, ohne sich auf eine Widerlegung des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, ?wie ich in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn wir hier unten plaudernd sa?en, erz?hlt – Euch erz?hlt, weil Ihr der Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.?

?Ich wei? es, ich wei? es,? nickte der alte Mann – ?ich wei? es auch von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimni? bleiben und ist viel gesprochen darüber in der Stadt. Das Fr?ulein Tante – die Gn?dige mu? sein eine liebe Frau – Gott der Gerechte soll mir behüten – aber das ?ndert an der Sache nichts.?

?Doch, Salomon, doch,? rief Bruno; ?mein Vater hat nie etwas gethan, um sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen – ich bin aufgezogen in meines Vaters Hause nicht wie der ?lteste Sohn vom Hause, nein, wie ein l?stiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann. Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit gekommen, wo ich selbstst?ndig in das Leben trete, und beim Himmel, ich will selbstst?ndig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer, treuer Liebe an mir h?ngt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund, und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die Ausfertigung desselben in den n?chsten Tagen erhalten. Dann bindet mich nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Gesch?fte, die ich mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bew?hrten Freund, überlassen kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte, ?de Schlo? bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die düsteren Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg von hier ziehe ich, in ein fernes Land – nach Italien – aber nicht allein. Meine Gattin führe ich dorthin mit mir – meine Rebekka. Gebt mir Euer Kind, Salomon – ich will es auf H?nden tragen mein ganzes Leben lang – gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir vertraut zu haben!?

Der alte Mann sa? schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf seinem Stuhle. Er antwortete nicht – er nickte nur still und traurig vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:

?Ich hab' es mir gedacht – ich hab' es mir gedacht – junges Blut, junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere vornehme junge Damen sehen, die Sie h?tten heirathen k?nnen und mit denen Sie auch glücklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen w?ren, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fühlt das dann mit und h?rmt und gr?mt sich und sorgt sich ab – und der Vater, der das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und verwünscht, da? er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.?

?Gebt mir Euer Kind, Vater!? dr?ngte Bruno. ?Wollt Ihr es jetzt gewi? unglücklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, da? es sp?ter einmal unglücklich werden k?nnte? Rebekka liebt mich – sie h?ngt mit ganzer Seele an mir, und ihr reiches Herz mü?te brechen, wenn Ihr diese Liebe aus ihrer Brust rei?en wolltet – gebt mir Eure Rebekka, Vater!?

Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der düstere Schein der Lampe nur warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten Züge. Endlich flüsterte er leise:

?Er hat recht – ihr Herz würde brechen – es soll sein – es soll sein, der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter führen. Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer V?ter – Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet – er hat's selber gewollt – er hat's selber gewollt.?

?Salomon....?

Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurück, da? deren Licht jetzt voll auf Bruno's Züge fiel, und sah dann lange und ernst in die bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt erst – jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer über sein eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und w?hrend jetzt sogar ein L?cheln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes zuckte, sagte er: ?Und der Baron will des Juden Tochter freien??

?Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glücklich werden und sie glücklich machen!?

?Jehovah hat's gewollt – ich kann's nicht hindern,? nickte der alte Mann – ?dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das M?dchen selber. Sagt Sie Ja – der alte Salomon wird nicht sagen Nein – er hat es leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen w?re. Kommen Sie, da? wir der Sache ein Ende machen.?

Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthür, ?ffnete dort, l?schte die Lampe aus, schlo? die Thür wieder hinter sich, riegelte sie, hing noch ein Schlo? daran und schritt dann mit dem jungen Mann der wohlbekannten Treppe zu.

Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg, und wie langsam ging ihm der Vater – wie gern w?re er ihm vorausgeeilt! Aber Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm gelegt und lie? ihn nicht rascher vorw?rts, als er selber ging.

?Geduld,? sagte er dabei, ?Geduld, junger Mann; es ist ein ernster Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast – der ernsteste Schritt, den ein Mann thun kann – Gott der Gerechte wei? es, und kein Rückschritt m?glich – au?er durch ein Thor des Jammers und Herzeleids für zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und jetzt noch,? fuhr er pl?tzlich fort, ?ist eine Umkehr m?glich – noch wei? Rebekka nicht, da? wir kommen – noch l??t sich vielleicht....?

?Vater,? bat Bruno, ?Gott will es, da? sich zwei Herzen, die sich auf ewig angeh?ren sollen, finden – wollen Sie da eingreifen??

?Nein,? sagte der alte Mann feierlich, ?es ist auch jetzt zu sp?t; sie hat uns – sie hat Ihre Stimme schon geh?rt – also wie Er will, vorw?rts denn.?

Und oben ?ffnete sich die Thür. ?Vater,? rief Rebekka's Stimme, ?bist Du das??

?Ich bin es, mein Kind,? sagte der alte Mann.

?Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du??

?Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.?

Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann lie? ihn nicht; er hielt ihn fest am Aermel, und oben wurde die Thür wieder zugeschlagen. Gleich darauf hatten Sie die obere Etage erreicht.

?Und darf ich jetzt hinein??

?Gehen Sie,? sagte der Alte, ?es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick k?nnt' ich es noch hinausz?gern, nicht l?nger – was liegt an dem Augenblicke – 's ist ein Tropfen im Meere – gehen Sie.?

Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thür ge?ffnet und den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie sie gew?hnlich ging, in einem blüthenwei?en Kleid, die rabenschwarzen Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica durch einen jener zierlichen russischen Platina-Gürtel zusammengehalten. So stand sie da – ein Bild jungfr?ulicher Scham und Liebe – die Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den elastischen K?rper wie scheu zurückgebeugt, als ob sie ihm entfliehen, ihn meiden wolle.

?Rebekka,? rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, ?Rebekka – sü?es, herziges Lieb – willst Du mein sein – willst Du mir angeh?ren für Dein ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz – willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben??

?Mein Herz?? sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in Bruno's Ohren klang. ?Mein Herz – hab' ich es denn noch? Ist es nicht l?ngst schon Dein?? Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme, an seine Brust drückte, da lehnte sie ihr Haupt wie müde an ihn und flüsterte: ?Bruno – mein lieber, lieber Bruno – o, wie danke ich Dir, da? Du gekommen bist – wie werd' ich es Dir ewig danken!?

Und die Mutter sa? in der Ecke, und die hellen Thr?nen liefen ihr über die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten H?nden vor ihnen und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glückliche, so überselige Paar. Dann nahm er langsam ihre H?nde, legte sie in einander und sagte freundlich:

?So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben: Ihr werdet ihn nicht glatt finden: Ha?, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten und Euer Glück bedrohen. La?t sie – seid Euch selbst genug und sucht in der Familie, wie unsere Vorv?ter es schon gethan, allein den Frieden, den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen m?chte. Er, der die Bitten eines alten Mannes geh?rt, welcher stets, wo es seine schwachen Kr?fte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat – – segne Euch!?

Und jetzt kam auch die Mutter herbei und kü?te die Kinder und setzte sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor lauter Freude und Seligkeit.

Freude und Seligkeit gl?nzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen sa?en und von ihrer Zukunft, von ihrem Glück sprachen. Vergessen war für Bruno, was da drau?en lag – vergessen das finstere Schlo? mit all' seinen trüben Erinnerungen und überstandenen Schmerzen – vergessen alles ertragene Leid nur in der Wonne dieses Augenblicks. – Und Vater und Mutter sa?en dabei, h?rten dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre eigene Liebe.

So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das Instrument, und in jubelnden T?nen machte sich seine Seele Luft, bis Rebekka zurückkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und glücklich, überglücklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber sa?en die beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefa?t und h?rten zu, bis die Zeit kam, da? die Mutter das Abendbrot bestellen mu?te, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.

Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losrei?en von dem Glück dieser ersten Stunden und geizte f?rmlich mit den Secunden, und als er endlich gehen mu?te, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten, als ob sie sich für's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur trennen mü?ten.

Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.

?Und wann darf ich wiederkommen, Vater??

?Hab' ich jetzt ein Recht, darüber zu bestimmen?? sagte der alte Mann. ?Lieber Himmel, was für eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und die Rebekka – werden Sie kommen morgen früh um neun Uhr, wird es ihr sein nicht zu früh. Gute Nacht, Herr Baron – Gute Nacht!?

Bruno trat hinaus auf die Stra?e, und von dem Lichte noch geblendet, das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die Dunkelheit gew?hnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlüssig, wohin sie sich wenden solle, an der andern Seite der Stra?e. Der junge Mann w?re auch gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es zu früh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher n?chsten Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter nach der Pers?nlichkeit umzusehen, die Stra?e hinab, bis er den ersten Nachtw?chter traf, und schickte diesen dann zurück mit der Weisung, auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verd?chtiger Bursche herumtreibe. Der Nachtw?chter folgte auch der Weisung und suchte den ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er hatte sich nicht l?nger dort aufgehalten und war verschwunden.

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