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Chapter 4 No.4

Neben der Werkst?tte.

Neben der Werkst?tte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa behaglich durch elegante M?bel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so da? Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem ru?geschw?rzten Gesicht, und eben solchen blo?en Armen zum Frühstück oder sonst einmal hereinkam und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und müsse immer vorher an der Thür ?abgetreten? werden. Er pa?te aber und geh?rte trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermüdlichen Flei? sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig th?tiges Schaffen und Sorgen zu erh?hen und zu erhalten wu?te.

Baumann h?tte sich auch in der That keine bessere Frau wünschen und sie auf der weiten Welt finden k?nnen; eine sorgsamere für ihn und seine Bequemlichkeit gewi? nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem ?Stückchen Hochmuthsteufel?, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei jammerschade, da? sie keine Gr?fin geworden w?re und in Sammet und Seide und mit langen Schleppkleidern h?tte umhergehen k?nnen, das würde ihr au?erordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute sa? sie allein in der Stube an ihrem N?htisch und arbeitete ein Kleidchen für ihr kleines T?chterchen, das seit acht Tagen zum ersten Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um anst?ndig zwischen den übrigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos Kattunr?ckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders, konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie überhaupt in allen Dingen, besa? sie eine besonders geschickte Hand.

Drau?en wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an zu fallen. Die Leute auf der Stra?e liefen, was sie laufen konnten, um irgend ein schützendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorüberfahrende Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Stra?e und nach dem Himmel hinauf – aber ihre Else sa? jetzt schon lange sicher in der Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewi? wieder verzogen. Nur die Schmiede ?ngstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen, und sie fürchtete immer, da? der Blitz einmal da einschlagen k?nnte, hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange mit Arbeiten aufzuh?ren, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, k?nne ihn überall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der Werkst?tte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit dürfe aber nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag k?me, verspr?che er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er überhaupt nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann h?mmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, da? die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen schmunzelnden Blick nach der Thür, als der Regen pl?tzlich mit voller Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen drau?en sprangen, um unter Dach zu kommen – aber er stand trocken, und lustig schlug er wieder auf das rothglühende Eisen ein.

Da fuhr pl?tzlich ein Schirm in die weit ge?ffnete Thür, und als er den Kopf dorthin wandte, tauchte sein ?ltester Sohn Fritz darunter auf und rief ihm lachend einen Guten Morgen zu.

?Na nu?? sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen lie? und ihn erstaunt betrachtete. ?Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in Sonntagskleidern? Du – tr?gst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus, mein Junge, he??

?Nein, Vater,? rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wu?te recht gut, auf was der alte Mann anspielte, ?wegzutragen habe ich heute nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas mit Euch zu reden.?

?In Sonntagskleidern??

?Ich habe überhaupt noch einen Besuch zu machen – Professor Anders, der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer gr??eren Arbeit zu ihm zu kommen, und da – mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen. Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glücklich vor Thorschlu? hier eingefahren, Ist die Mutter zu Hause??

?Ja, sie sitzt drinnen – geh' nur hinein; wenn ich hier mit dem Schlüssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst Du mir doch nichts helfen – Donnerwetter, Glacéhandschuh' – na, und das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell. Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe es bis jetzt gar nicht geglaubt, da? zwischen einem Schlosser und einem Mechanikus solch' ein Unterschied w?re. Du, Karl, mach' einmal Deinem Herrn Bruder die Thür auf, da? er sich die Glacéhandschuh' nicht an der vielleicht ru?igen Klinke schmutzig reibt.?

?Danke, Vater, danke,? lachte Fritz, indem er der Thür zusprang, ?so gef?hrlich ist's denn doch noch nicht, und das kann ich allein besorgen.?

Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem Ambos ruhend, in einer etwas gebückten Stellung nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches L?cheln flog über seine ehrlichen Züge. Dann schüttelte er still vor sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es eine Feder gewesen w?re, und kam wuchtig auf das sprühende Eisen nieder.

Fritz, der seinen Schirm in der Werkst?tte abgestellt hatte, denn auf dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und angelegentlich mit einander – ja, eine so wichtige Sache mu?ten sie wohl verhandeln, da? die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen lie? und die H?nde im Schoo? faltete, bis der Vater zu ihnen herein kam.

?Na,? sagte er, als er sie da so sitzen sah, ?eine Hand kann ich Dir heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab' ich keine Zeit, denn ich mu? gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu sagen, und was ist denn überhaupt mit Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle Zwei so feierlich aus? H?r' einmal, Junge, ich glaube, Du willst doch wieder eine fertige Arbeit austragen, he??

?Eine Arbeit gerade nicht, Vater,? l?chelte Fritz, doch etwas verlegen; ?aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.?

?Auf den Knopf getroffen,? lachte der Alte, ?he? Dem Jungen steckt ein Frauenzimmer im Kopfe!?

?Er will heirathen, Gottfried,? nickte die Mutter, w?hrend ein freundliches L?cheln über ihre Züge flog.

?Ob ich's mir nicht gedacht habe!?

?Und so ein sauberes M?dchen hat er sich ausgesucht!?

?Na, er wird keine Schmiergans nehmen,? lachte der Alte. ?Und wie hei?t sie? Alles natürlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch eine nachtr?gliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts n?thig haben, als den üblichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe doch schon genug zu thun, und k?nnte mich mit derlei nicht mehr auf meine alten Tage befassen.?

?Nein, Vater,? sagte Fritz, ?fertig gemacht ist noch gar nichts; ich bin im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.?

?So–o?? sagte der Vater, etwas erstaunt; ?das ist ja merkwürdig. Na, hat die Sache etwa einen Haken??

?Nein, Gottfried,? sagte die Frau, ?ganz und gar nicht; es ist Alles glatt und recht und wie sich's geh?rt, und der Fritz ist ein braver Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen wollte.?

?Bah, Alte, la? Dir nichts wei? machen,? lachte der Schlossermeister – ?um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen wollte, und steckt schon bis über die Ohren in seinen Sonntagskleidern drin? Nur h?ren will er, da? wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast Du brav gemacht – geh' doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und dann l?uft er von selber.?

?Aber Gottfried...?

?Na, mach' keine langen Geschichten, Also wie hei?t sie und wer ist's? da? ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.?

?Ich bin vielleicht in meinen Ansprüchen etwas keck gewesen, Vater,? sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als vorher; ?aber ich – ich glaube glücklich zu werden.?

?Hm, das glauben wir gew?hnlich Alle,? l?chelte der Schlossermeister gutmüthig; ?na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt – wer ist's denn??

?Ottilie Witte, Vater.?

?Die Tochter des Staatsanwalts??

?Ja, Vater.?

Der alte Mann war stehengeblieben und sah ihn ernst und forschend an. Aber er erwiederte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls oder Mi?fallens; endlich fragte er langsam: ?Und will sie Dich haben??

?Ich wei? es nicht, Vater, aber ich glaube es,? sagte Fritz herzlich: ?sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als Kinder Braut und Br?utigam mitsammen gespielt.?

?Ich will Dir 'was sagen, mein Junge,? nickte der Alte, ?die Sache gef?llt mir nicht.?

?Gef?llt Dir nicht, Gottfried?? rief die Frau. ?Und h?tte er sich ein netteres, hübscheres M?dchen in der ganzen Stadt aussuchen k?nnen??

?Nein – sie ist mir nur zu nett,? erwiederte der Schlossermeister. ?W?rst Du zu mir gekommen und h?ttest gesagt: Vater, ich habe mir die Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur Frau ausersehen und will sie heirathen, so würde ich geantwortet haben: Bravo, mein Sohn, thu' das, und Gott gebe seinen Segen dazu – meinen hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die gro?e Gesellschaften mit lauter Adeligen geben – das thut kein gut.?

?Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen – so wirthschaftlich!?

?Und bist Du wirklich überzeugt, da? sie Dich gern hat – nein, nicht so,? fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwiedern wollte – ?und was wir so gew?hnlich darunter verstehen – ich meine, ob Du überzeugt bist, da? sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem Handwerker vor allen übrigen vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen??

?Wenn ich es nicht fest glaubte, würde ich sie nicht darum fragen, Vater!?

?Ja,? nickte dieser, ?denn ein richtiger Korb mu? eine verflucht unangenehme Geschichte sein – m?chte mir gerade keinen holen. Aber mir ist die Sache doch nicht recht – werde freilich nicht viel darum gefragt werden. Aber Du pa?t in die Familie nicht hinein, und wir gar nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, da? sich die Eltern – die Mutter wenigstens – besonders erfreut darüber zeigen würden.?

?Aber, Gottfried, ich wei? gar nicht, was Du immer für Bedenken hast!?

?Keine anderen, als solche, für die ich auch einen Grund h?tte. Wenn sie wirklich an so etwas d?chten, weshalb haben sie denn da den Fritz neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum Schwiegersohne w?re, mü?te er es doch ganz gewi? erst recht als Gast sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, w?hrend es von adeligen Lieutenants nur so geschw?rmt haben soll.?

?Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!?

?Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so viel ist sicher? – er mu?te einen Augenblick mit Reden aufh?ren, denn so furchtbar dr?hnte der Donner, da? die Worte lautlos verhallten – ?so viel ist sicher,? fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu lassen, ?da? die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter oder h?her hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!?

?Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!?

?Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe,? beharrte st?rrisch der Alte. ?Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants, ich glaube, es war der Wendelsheim, so z?rtlich die Hand kü?te – und wie freute sie sich darüber! Das g?b' nicht einmal eine Frau für Dich, wenn sie Dich selber wollte.?

?Aber, Vater, Ottilie ist gewi? nicht coquet.?

?Gerade ist sie's, und recht sehr,? sagte der Alte; ?Du siehst es nur nicht, weil die Liebe, wie gew?hnlich, blind ist. Richtig coquet ist sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt für einen schlichten und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der Hochmuthsteufel noch viel ?rger im Kopfe als Dir, Alte – die m?chte mit der Nase die Decke abreiben, und über Unsereinen guckt sie nur immer so hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trüge. Geh' mir mit der; ich hab' früher ein paarmal mit ihr zu thun gehabt und sie auch einmal bei einer Gelegenheit recht tüchtig ablaufen lassen. Nachher ist sie etwas artiger oder herablassender geworden.?

?Aber der Fritz ist auch von guter Familie,? sagte die Frau, ?und dazu ein stattlicher Bursche.?

?Nicht was derartige Leute eine ?gute Familie? nennen, Mutter,? sagte der Schlossermeister; ?das Wort ?gut? hei?t bei denen nur immer sehr vornehm oder sehr reich, und wo m?glich beides zusammen – das sind die besten – ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gez?hlt.?

?Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater?? sagte Fritz.

?Das sind Bücherideen,? rief der Alte; ?denn wenn die Familien nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Ha? und Eifersucht. Ich wollte, Du h?ttest Dir eine Schneiderstochter ausgesucht, Fritz, oder noch viel tausendmal lieber eine von unserem Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergnügt ich noch auf Deiner Hochzeit tanzen würde; so aber ist's nichts, und wenn uns die Madame Witte wirklich einlüde, so mü?ten wir's uns noch zur Ehre sch?tzen und uns fein anst?ndig und ehrbar betragen.?

Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich, da? sie nicht seine Partei st?rker nahm; aber der Alte hatte auch recht, denn sein Entschlu? stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich mit beispiellosem Flei?e abgemüht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt stand er unabh?ngig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewi?heit, sich sein Brot gut und reichlich verdienen zu k?nnen und eine Frau und Familie dabei zu ern?hren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine; was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht unerwartet zu sehr h?ufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr? Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus – wie er bat, wollte er auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern Sohn.

?Vater,? sagte er deshalb, ?Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu, da? es Ottiliens Mutter vielleicht lieber s?he, wenn ihre Tochter eine vornehmere Partie machte; es ist das ja natürlich. Aber sie wird auch nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie wirklich gut...?

?Was Du noch nicht einmal zu wissen scheinst.?

?Was ich aber von Herzen hoffe – dann, glaub' ich, wird sie sich auch nicht str?uben, ihre Einwilligung zu geben. In unserer Stadt besteht noch die alte Achtung vor dem Bürgerstande, und dem geh?ren wir so gut an, wie der Staatsanwalt Witte. Er ist eben so wenig adelig oder Baron, als wir, und wenn seine Frau wirklich daran d?chte, ihr Kind Einem aus jenem Stande zu geben, so w?re der Sprung weit gr??er, als von uns zu ihr.?

?Ja,? sagte der Vater, ?das klingt ganz vernünftig, ist aber nur einfach nicht wahr, weil Sitten und Gewohnheiten die ganze Geschichte gew?hnlich herumdrehen. Aber was kann's helfen – Du, als mein echter Sohn, hast natürlich gerade einen solchen Dicksch?del, wie ich, und der mu? erst ein paarmal irgendwo gegen rennen, ehe er gescheidt wird – also lauf'. Mit Vernunftgründen ist bei Dir doch nichts auszurichten, Du mu?t durch Schaden klug werden.?

?Vater...?

?Es ist nicht anders – aber das Wetter warte erst ab, sonst kommst Du wie eine gebadete Maus als Brautwerber, und na? sieht ein Fisch recht hübsch aus, aber kein Mensch – der Gu? kann ja doch nicht ewig dauern. Jesus, wie das noch regnet; wie dicke Seile kommt's von oben herunter, und auf der Stra?e k?nnte man beinahe mit einem Boote fahren – Herein!?

Der Ausruf galt einem starken und ganz entschiedenen Klopfen an der Thür, die sich auch gleich darauf ?ffnete und das uns wohl bekannte Gesicht der Madame Müller zeigte.

?Guten Tag Alle mitsammen!? sagte sie, ihren Regenschirm vorsichtiger Weise drau?en lassend. ?Jemine, meine Güte, ist das ein Wetter, und bei dem wird man herausgejagt, wo man so ruhig zwischen seinen vier Pf?hlen sitzen k?nnte! Ich werde mir wohl wieder den Tod an einem Schnupfen holen, denn aus den Schuhen hebt mich das Wasser bald heraus – bis an die Kn?chel geht's Einem ja da drau?en!?

?Madame Müller,? lachte Baumann, ?so wahr ich lebe – na, Sie haben sich eine sch?ne Witterung zum Spazierengehen ausgesucht – aber kommen Sie doch nur herein! Sie wollen doch nicht in der Thür stehen bleiben??

?Nein,? sagte Madame Müller mit einem Blick auf das reinliche Zimmer; ?aber ich triefe nur so, und mein verwünschter blauer Kittel f?rbt ab – ich werde Ihnen einen blauen Streifen in's Zimmer bringen. So einen Regen hab' ich noch gar nicht erlebt; das ist ja ein wahrer Wolkenbruch!?

?Aber Sie sind doch nicht von Vollmers herein zu Fu? gegangen?? rief Frau Baumann, indem sie ihr behülflich war, das Tuch abzunehmen und aufzuh?ngen.

?Na, weiter fehlt mir nichts,? sagte die Dame; ?aber ich hatte vorher noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hieher gekommen, Herr Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.?

?Mich?? lachte der Schlossermeister. ?Da w?ren Sie wohl an der falschen Thür; ich bin doch kein Advocat.?

?Ja, eben einen guten, anst?ndigen Advocaten will ich bei Ihnen erfragen,? sagte die Frau; ?es giebt derlei Volk genug in der Stadt, alle drei Thüren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt, ist auch gleich verrathen und verkauft.?

?Hm,? sagte Baumann, ?und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.?

?Das wei? ich,? nickte Madame Müller entschieden mit dem Kopf, indem sie sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederlie?. ?Ah, da ist ja auch der Fritz – alle Wetter, ist der gro? und ein hübscher Junge geworden, Baumann! Der ist ja einen halben Kopf gr??er als Sie, und Sie geh?ren auch nicht mit zu den Kleinsten.?

?Ja, und jetzt Meister und selbstst?ndig geworden,? nickte der Vater mit einem beif?lligen L?cheln auf den Sohn; ?er hat 'was gelernt, der Junge, das mu? man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.?

?Dafür kann man Gott nicht genug danken,? nickte die Frau, ?wenn man Freude an seinen Kindern erlebt – aber was ich gleich sagen wollte, Meister, wissen Sie hier in der N?he einen ordentlichen Advocaten, der wei?, was Rechtens ist??

?Das sollten sie eigentlich alle wissen,? l?chelte der Meister, ?aber es kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht verschmitzten und durchtriebenen, so...?

?Nein, den brauch' ich nicht,? rief Madame Müller; ?ich will einen ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche Sache!?

?Ja, liebe Madame Müller,? sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, ?mit den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath h?ren wollen, dann gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einl??t, wei? ich nicht, aber was der Ihnen sagt, k?nnen Sie getrost thun, denn das ist ein ehrlicher Mann.?

?Gut, danke sch?n, weiter verlang' ich nichts; das Uebrige besorg' ich mir dann schon selber, denn auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht, und in meinem eigenen Hause brauche ich mich nicht beschimpfen und beleidigen zu lassen.?

?Nein, das allerdings nicht,? sagte Meister Baumann; ?und hat das wirklich Jemand gethan??

?Ih, denken Sie nur,? rief die Frau, ?kommen da neulich – ich habe zehn Tage von dem Aerger krank im Bette gelegen – so ein paar ganz anst?ndig gekleidete Herren – der eine war ein Rath und der andere ein Major – zu mir in's Haus hinein und reden so zuckersü? und gehen immer wie die Katze um den hei?en Brei herum, thun auch, als ob sie gar nicht zu mir, sondern nur zu meinem Schwiegersohn gewollt h?tten, der gerade wieder mit meiner Tochter fortgefahren war. Wie ich aber nicht anbi?, denn wer denkt denn in seiner Gutmüthigkeit an so 'was, fingen sie an vom Baron Wendelsheim und seinem ?ltesten Sohn zu reden.?

?Vom Baron Wendelsheim?? rief Frau Baumann.

?Ja wohl,? nickte Madame Müller; ?und auf einmal sagte mir der eine von ihnen, der Rath – und ein Mundwerk hatte er, da? Einem angst und bange wurde – sagte mir der Rath – man sollte es gar nicht für m?glich halten –, das Bild von meiner Tochter, das über meinem Sopha h?ngt und das der Maler Schr?ter hier gemalt hat, wie sie neunzehn Jahre alt war, w?re gar nicht meine Tochter, sondern das Kind vom Baron, und ich h?tte das Kind vertauscht, und die He?berger h?tte es ihnen erz?hlt.?

?Aber das ist doch ganz unm?glich!? rief Frau Baumann, von ihrem Stuhl emporfahrend.

?Na, ich hab' ihnen aber heimgeleuchtet,? lachte Madame Müller ingrimmig vor sich hin, ?die kommen so bald nicht wieder! Was ich ihnen eigentlich gesagt habe, wei? ich gar nicht mehr; aber Excellenz habe ich sie nicht genannt, darauf k?nnen Sie sich verlassen. Ich wollte auch gleich nachher auf's Gericht und das Lumpengesindel auf frischer That verklagen; aber der Aerger war mir so in die Glieder geschlagen, da? ich mich wahrhaftig zu Bett legen mu?te, und da kriegte ich meinen alten Rheumatismus in das linke Knie, da? ich mich die ganze Zeit nicht rühren konnte. Aber jetzt geht's wieder, und mein erster Gang war heute Morgen zur He?bergern, Ihrer Schwester, Baumannen, um der einmal ordentlich die Leviten zu lesen, da? sie von einer ehrlichen Frau solche Schandgeschichten erz?hlt. Die leugnet aber Stein und Bein; kein Wort will sie, weder mit dem Rath noch mit dem Major, gesprochen haben. Aber ich trau' ihr nicht, Baumannen, wenn's auch Ihre Schwester ist; sie hat immer ihre Hinterkniffe gehabt, so lange ich sie kenne, und da wollen wir denn kurzen Proce? machen. Ich mu? der Sache auf den Grund gehen, und wenn die He?berger recht hat, dann sollen mir die beiden Patrone, der Rath und der Major, vor's Messer.?

?Aber, liebe Madame Müller,? sagte Baumann kopfschüttelnd, w?hrend seine Frau aufstand und in die Küche ging, ?wegen eines solchen Klatsches wollen Sie vor Gericht? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so lassen Sie die H?nde davon, denn dabei kommt nichts heraus, als h?chstens Lauferei und Geldkosten. Kennen Sie denn den Rath Frühbach??

?Ich? In meinem ganzen Leben hab' ich den Menschen nicht gesehen.?

?Nun ja, der ist aber in der ganzen Stadt dafür bekannt, da? er die Leute auf der Stra?e anf?llt und todtschwatzt.?

?Aber dann soll er mir nicht in's Haus kommen, und Ihnen kann es auch nicht recht sein, Baumann, da? er von Ihrer Schw?gerin solche Sachen erz?hlt.?

?Liebe Madame Müller,? sagte Baumann und sah sich vorher im Zimmer um, ob seine Frau nicht da w?re, ?von meiner Schw?gerin wollen wir nicht weiter reden; die schwatzt auch mehr, als sie verantworten kann, wenn ich auch nicht gerade glaube, da? sie das gesagt hat, und noch weniger zum Rath Frühbach. Die He?berger hat ein b?ses Mundwerk, und je weniger ich von ihr zu sehen bekomme, desto lieber ist es mir – wenn ich's auch meine Alte nicht gern merken lasse, da es ihr weh thut.?

?Nun ja, es sind Schwestern,? sagte Madame Müller; ?so ungleich habe ich aber noch gar keine Schwestern gesehen – im ganzen Leben nicht. Ihre Frau ist eine brave, ordentliche Hausfrau, und die He?berger – na, ich will mir das Maul nicht verbrennen. Hat sie mich aber wirklich auf eine solche gemeine Weise hinter meinem Rücken schlecht gemacht, dann soll sie auch dafür bezahlen, und hat sie's nicht, gut, dann kriegen wir den Rath, denn Einer von Beiden hat gelogen, und bei der Müllern sind sie nur unglücklicher Weise gerade an die Unrechte gerathen. A propos, wo wohnt der Herr Witte??

Der alte Baumann sah Fritz an, der wie auf Kohlen sa? und nur das Aufh?ren des Regens erwartete. Was interessirte ihn der Alteweiberklatsch! Der wollte jetzt hinüber, und wenn ihm die Frau Müller in die Quere kam, war nichts zu machen – die mu?te er deshalb noch eine Weile zurückhalten.

?O, gar nicht weit von hier,? sagte er nach einer kleinen Pause; ?aber jetzt k?nnen Sie ihn nicht sprechen, Madame Müller. Der Mann hat so viel zu thun, da? er nur in bestimmten Stunden Fremde annimmt. Wei?t Du, in welcher Zeit das ist, Fritz??

?Ich wei? es nicht, Vater,? sagte Fritz, dem selber nichts daran lag, da? ihm die Frau jetzt zuvorkam. ?Vor halb Eins ist er, glaub' ich, nicht zu sprechen.?

?Gut, dann geh' ich um halb Eins hin,? nickte die Frau, die sich nun einmal von ihrem Vorsatz nicht abbringen lie?.

?Dann bleiben Sie aber so lange bei uns, Madame Müller,? sagte Baumann, ?und essen mit uns, was da ist – viel wird's so nicht geben, und ich glaube, meine Frau ist auch deshalb schon hinaus in die Küche gegangen.?

?Sch?n, Herr Baumann, von Ihnen nehm' ich das an, denn ich wei?, Sie meinen's genau so, wie Sie's sagen.?

?Ich glaube nicht, da? mich schon Jemand anders gefunden hat.?

?Nein, gewi? nicht – also, es bleibt dabei; und indessen trocknet mir auch die Fahne ein bischen ab, da? ich nicht gar so schlumpig aussehe, wenn man zu fremden Leuten kommt.?

?Na, Fritz, dann k?nntest Du wohl indessen Deinen Weg abmachen,? wandte sich der Alte jetzt an diesen, ?und vielleicht bist Du zum Essen wieder hier – Du mü?test denn gleich eingeladen werden,? setzte er mit einem eigenthümlichen L?cheln hinzu.

?Wo will denn der Fritz hin, er ist ja in seinem Sonntagsstaat??

?O, nur zu einem Professor wegen Instrumente,? meinte der Vater; ?der Regen hat ja auch jetzt aufgeh?rt, und da oben guckt schon wieder der blaue Himmel durch. Das war aber ein Wetter!?

Ein eigenes, schelmisches L?cheln flog über die Züge des jungen Mannes, als er eben an seinen Professor dachte. Aber der Vater hatte Recht, denn wenn er gehen wollte, war es besser, er ging gleich, und lie? sich nicht von der alten Frau Müller zuvorkommen, da er doch den alten Staatsanwalt selber gern einmal vorher gesprochen h?tte. Wo war nur die Mutter hingerathen? Er suchte sie drau?en in der Küche, konnte sie aber auch dort nicht finden; er h?tte gern Abschied von ihr genommen, da er einen so wichtigen Schritt seines Lebens thun wollte – aber er sah sie ja auch gleich nachher.

?Also, Vater, ich gehe jetzt,? sagte er, auf diesen zugehend und ihm die Hand reichend – der alte Baumann wischte aber die seinige erst an einem dort liegenden Tuche ab – ?und so wie ich etwas Genaueres erfahre, komme ich her und theile es Euch mit.?

?Sch?n, mein Junge,? schmunzelte der Alte, ?und – grü?' mir Deinen Professor,? setzte er hinzu, ?und sag' ihm – wenn Ihr Euch über die Arbeit einigt, natürlich –, er m?chte doch auch einmal zu mir herüber in die Werkst?tte kommen – verstanden??

?Gewi?, Vater,? sagte Fritz, w?hrend ihm das Blut in die Schl?fe stieg, ?und hoffentlich einigen wir uns ja. Grü?' die Mutter noch einmal – Adieu – Adieu, Madame Müller!? Und rasch wandte er sich und schritt zur Thür hinaus.

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