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Chapter 8 No.8

Der Raubmord.

Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so schwer, da? er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch viel an Einem Tag verloren – den jungen Freund und die Geliebte – fast zu viel für Einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal ein Gewitter über ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal müde wird und seine Sonne wieder über den ver?deten Platz scheinen l??t.

Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch trübem und nutzlosem Grübeln hingegeben h?tte. Eine Stunde brauchte er, um Alles abzuschütteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drückte; wie er sich aber erst einmal auf seinem eigenen, kleinen Zimmer ordentlich ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem Vater meinte er, da? jetzt all' sein Mühen und Ringen, da er das Ziel verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das Leben, seine Zukunft lag schwarz und ?de vor ihm da – aber wahrlich nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Kr?ften wollte er seine Arbeit wieder aufnehmen – jetzt erst recht Ottilien beweisen, da? er, wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre Verachtung verdient habe.

Mit dem Gedanken, dem Entschlu? durchstr?mte ihn auch wieder ein neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gew?hnliches Wochenzeug.

Zum Arbeiten war es heute freilich zu sp?t geworden – er fühlte sich dazu auch nicht besonders aufgelegt –, aber andere Sachen blieben noch zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Kr?ften.

In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Th?tigkeit, das perpetuum mobile, welches er damals Benno bei seinem letzten Besuch gezeigt und noch immer nicht an den Eigenthümer abgeliefert hatte, obgleich dieser schon ein paarmal danach geschickt. Das konnte er heute selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber er mu?te vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erz?hlt. Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es m?glich sei, etwas herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe. Ueberdies sch?mte er sich jetzt der Schw?che, die er heute Mittag dem alten Schlossermeister gegenüber gezeigt; der Vater sollte wenigstens sehen, da? er nicht lange Zeit gebraucht, um darüber Herr zu werden, und das würde ihn, wie er recht gut wu?te, freuen.

So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern hinüber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit.

?Holla, Fritz, was bringst Du da??

?Das perpetuum mobile, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und ich mu? es jetzt wieder dem Eigenthümer hintragen.?

?Hm,? sagte der Alte, der nur einen flüchtigen Blick auf das Kunstwerk warf, w?hrend die Uebrigen darum herdr?ngten. Sein Auge flog forschend über die Züge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort: ?Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich von Herzen! Geh' nur damit in die Stube – la? die Pfoten davon, Karl, Du mu?t doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich komme gleich nach.?

?Ist die Mutter drin??

?Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurück. Wei? der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl, aber es mu? wohl wieder vorüber sein.?

Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und ab gehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und w?hrend sie ihn ansah, traten ihr die Thr?nen in die Augen.

?Guten Abend, Mutter!? sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den Tisch stellte. ?Ich wollte Dir hier einmal die kleine Maschine zeigen, von der ich Euch neulich erz?hlt. Es ist wirklich eine Art von Kunstwerk.?

?Fritz, mein armer, armer Fritz!? sagte die Frau, ohne einen Blick darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden H?nde ergriff und ihm voll und traurig in die Augen schaute.

?Hat Dir der Vater erz?hlt?? sagte der junge Mann scheu und leise.

?Alles, Alles,? nickte die Frau; ?o, das stolze, hochmüthige Ding – und wenn sie wü?te, was sie an Dir h?tte!?

?Liebe Mutter,? l?chelte Fritz verlegen, denn er h?tte sich dieses neue Aufrei?en der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, ?ich glaube, sie hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernünftig gehandelt. Ich war ein wenig zu hastig – ich bin noch nichts – ich mu? mir selber erst einen Namen, einen Wirkungskreis schaffen, – und wenn die Jahre auch für den Mann nicht so rasch dahinfliegen – ein junges M?dchen kann darauf nicht warten.?

?Und Du vertheidigst sie noch?? sagte die Mutter. ?O, Fritz, da? ich das Herzeleid erleben mu?te!? Und ihr Gesicht in die Schürze bergend, sank sie auf einen Stuhl und schluchzte laut.

?Mutter,? bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, ?meine liebe, gute Mutter, aber so beruhige Dich doch; Du siehst ja, da? ich gefa?t und wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe eben einen Korb bekommen, was sich schon bessere M?nner gefallen lassen mu?ten. Sieh', der Vater kommt jetzt herein – Du wei?t, da? er die Thr?nen nicht leiden kann.?

Die Frau stand auf, warf pl?tzlich ihre Arme um den Nacken des Sohnes, drückte einen Ku? auf seinen Mund und verlie? dann durch die Küchenthür das Zimmer in demselben Augenblick, als es der alte Baumann von der Werkst?tte aus betrat.

Fritz sah ihr erstaunt nach und konnte sich gar nicht denken, weshalb sich die Mutter gerade seine Abweisung so furchtbar zu Herzen nahm. War es vielleicht deshalb, weil sie gerade ihm zugeredet und ihn in seiner Liebe und der Hoffnung, die er darauf baute, best?rkt hatte?

?Was hat nur die Mutter, Vater?? fragte er diesen. ?Sie weint, als ob ihr Herz brechen müsse, da? mich Ottilie verschm?ht.?

?Wei? der liebe Gott,? erwiederte kopfschüttelnd der Schlossermeister, ?was ihr in die Krone gefahren ist! Aber sie war schon den ganzen Mittag so aufgeregt und unruhig, wie ich sie noch nie gesehen habe – eigentlich seit die Müller zu uns kam, die allerdings genug schwatzt, um Einem den Kopf wirbelig zu machen. Aber la? sie nur: sie wird sich schon wieder zufrieden geben, ist ja sonst eine vernünftige, resolute Frau. Und nun la? einmal sehen, was Du mitgebracht hast – ei, Du kleiner Schelm, willst Du Deine naseweisen Finger davon lassen!? – Der Ausruf galt der kleinen Else, die sich, neugierig wie Kinder sind, an die Maschine gemacht hatte und mit ihren Fingerchen die R?der in Gang zu bringen suchte. – ?Du wirst dem Fritz die ganze Arbeit verderben; komm, Schatz, setz' Dich mit dem Vater her, und nun wollen wir uns die Sache einmal betrachten.?

Damit nahm er die Kleine auf den Schoo? und lie? sich neben dem Tische nieder, wo ihm Fritz, der die Maschine in Bewegung setzte, den Mechanismus erkl?rte.

Der alte Mann begriff das auch leicht genug, schüttelte aber doch dazu mit dem Kopf und sagte: ?Hübsch ist das Ding, das l??t sich nicht leugnen, auch sinnreich erfunden und einfach ausgeführt; aber mir thut's immer leid, wenn ich solche Arbeiten sehe und an die Zeit und Mühe denke, die darauf verschwendet wurde. Die Bewegung ist da, aber die Kraft fehlt, um die Bewegung nutzbringend zu machen und Wasser und Feuer bei unseren Gewerken ersetzen zu k?nnen; und so lange wir die Kraft nicht hineinzulegen verm?gen, bleibt die ganze Geschichte doch immer weiter nichts als eine hübsche Spielerei.?

?Aber auf Weiteres macht sie ja auch keinen Anspruch, Vater.?

?Und wo willst Du jetzt damit hin??

?Zum alten Salomon, dem das Werk geh?rt, oder geh?rte, denn er hat es, wie er mir sagte, schon an einen Engl?nder, aber nur unter der Bedingung verkauft, da? es wieder vollkommen in Stand gesetzt würde. Das ist jetzt geschehen, und er m?chte es gern so bald als m?glich abliefern.?

?Wo warst Du heute den ganzen Nachmittag??

?Drau?en in Schlo? Wendelsheim. Der junge Baron Benno ist heute Morgen gestorben; ich wollte ihn gern noch einmal sehen.?

?Wer ist gestorben?? fragte die Mutter, die in diesem Augenblick wieder in's Zimmer trat und die letzten Worte geh?rt hatte.

?Der junge Benno von Wendelsheim, Mutter.?

?Und Du warst drau?en bei ihm? Was hattest Du dort zu thun?? fragte die Frau rasch.

?Ich bin oft bei ihm gewesen, Mutter, besonders in der letzten Zeit, weil er selber gro?e Freude an mechanischen Arbeiten fand, und ich ihm da oft aushelfen und ihn unterstützen mu?te. Es war ein herzensguter, junger Bursche, auch voll Geist und Leben, und ich hatte ihn recht lieb gewonnen. Jetzt ist er todt,? setzte er leise hinzu, ?und ich kann Euch gar nicht sagen, wie weh mir sein Tod gethan hat. Aber willst Du Dir nicht einmal die Maschine betrachten, Mutter? Du wolltest sie ja gern sehen, ehe ich sie fortbr?chte, und ich bin gerade damit unterwegs.?

Die Frau nickte still und schweigend vor sich hin und trat mit zum Tisch; aber ihre Augen flogen über das Kunstwerk hin und starrten wie in's Leere.

?Siehst Du, wie hübsch sie arbeitet?? sagte Fritz. ?Und so geht sie, ohne je aufgezogen zu werden, ununterbrochen fort, Jahr aus, Jahr ein. Jedesmal, wenn die Kugel diesen Punkt erreicht hat – aber Du achtest ja gar nicht darauf, Mutter – fehlt Dir denn etwas??

?Nein, mein Kind,? versetzte die Frau; ?nur im Kopf summt es mir so sonderbar, und – im Herzen thut mir etwas weh. Aber nimm es nur fort, ich verstehe ja doch nichts davon und sehe nur, da? es hin und her geht.?

Fritz mochte nicht weiter in sie dringen; er glaubte sicher, da? der heutige Vorfall bei Wittes sie so tief verletzt habe, und hütete sich deshalb wohl, noch einmal darauf zurückzukommen. Es wurde auch sp?t; im Zimmer fing es schon an zu d?mmern, und der alte Salomon schlo? immer, wie er recht gut wu?te, sehr zeitig seinen Laden.

?Du willst fort, Fritz??

?Ja, Vater, ich treffe den alten Mann sonst nicht mehr unten, und in seinem Hause wei? ich nicht Bescheid; auch sind die Wohnungen in der Judenstra?e immer Abends fest verschlossen.?

?Dann komm aber auf dem Rückweg wieder vor und bleib' den Abend bei uns – ich lasse nachher Bier holen. Was sitzest Du so allein zu Hause??

?Ja, Vater, ich werde kommen,? sagte der junge Mann, indem er die kleine Maschine wieder sorgf?ltig aufnahm – ?also auf Wiedersehen, Mutter – Adieu, Else!? Und seine Mütze nehmend, verlie? er die Stube und schritt auf die Stra?e hinaus.

Die Sonne mu?te l?ngst untergegangen sein, denn hier und da wurden schon die Lichter in den L?den angezündet. Fritz schritt deshalb auch wacker aus, um nicht zu sp?t zu kommen und den ganzen Weg umsonst zu machen, schnitt durch ein paar kleine Seitenstra?en und erreichte endlich die Judengasse, durch welche er jetzt so rasch als irgend m?glich vorw?rts eilte. Ueber die kleine Maschine hatte er nur sein Tuch gedeckt, damit nichts daran geschehen konnte.

In der Erweiterung der Stra?e, die er jetzt betrat, sah er sich einen Officier entgegenkommen, der in seinem ganzen Gang und Wesen dem Lieutenant von Wendelsheim ?hnelte; um sein Gesicht zu erkennen, war es aber noch zu weit und zu dunkel, und ehe er an ihn hinankommen konnte, bog derselbe pl?tzlich nach links ein und verschwand in dem Hof, der zu dem Hause des alten Salomon geh?rte.

?Was, um Gottes willen, hat denn der Lieutenant noch so sp?t bei dem alten Mann zu thun,? dachte Fritz, ?und warum geht er nicht in den Laden – oder sollte der schon geschlossen sein? Dann seh' ich, da? ich den Eingang dort ebenfalls finde, mitnehmen m?chte ich das schwere Ding doch nicht noch einmal.?

Er hatte indessen das Haus fast erreicht und sah, da? der Laden wirklich schon geschlossen sein mu?te. Die L?den waren zu, ebenso die Thür; aber jedenfalls befand sich der alte Salomon noch im Innern, denn der Officier kam nicht wieder heraus.

War denn das wirklich Baron Wendelsheim gewesen, und schon so rasch vom Schlo? zurückgekehrt – und ging gleich zu dem Juden, wo er doch nichts Anderes suchen konnte, als Geld zu borgen? Fritz schüttelte vor sich hin mit dem Kopf und überlegte sich eben, da? der Lieutenant gerade nicht besonders erfreut sein würde, wenn er ihn bei seinem Geldgesch?ft überraschte; aber das lie? sich jetzt nicht mehr ?ndern. H?tte er nicht das Werk bei sich gehabt, w?re er vielleicht wieder umgekehrt.

Das Hofthor war noch offen, und gleich links hinein mu?te auch die Thür zum Laden führen; er erinnerte sich, da? Salomon einmal dort hinausgegangen war, als er sich im Laden befand, um irgend etwas aus seiner Wohnung herunter zu holen.

Im Hofe war es fast noch dunkler als auf der Stra?e, denn das hohe Nachbargeb?ude schlo? selbst den matten Widerschein des westlichen Himmels ab; aber die Thür in dem helleren Geb?ude lie? sich noch deutlich erkennen, und als Fritz n?her darauf zutrat, bemerkte er, da? sie nicht nur halb angelehnt, sondern auch noch Licht im Innern war. Salomon war also noch drinnen, und ohne sich lange zu besinnen, griff der junge Baumann nach der Thür und wollte sie eben ?ffnen, als pl?tzlich eine dunkle Gestalt ihm dieselbe aus der Hand ri?, ihn bei Seite warf, da? er fast gestürzt w?re, und dann, ehe Fritz nur recht zur Besinnung kommen konnte, mit wenigen S?tzen aus dem Hof verschwand.

War das Salomon selber gewesen – oder vielleicht ein Dieb? Wie ihn nur der Gedanke durchzuckte, sprang er der Gestalt nach an das Hofthor und schrie in die menschenleere Stra?e hinaus: Hülfe! Diebe! Haltet ihn! Er w?re auch selber nachgesprungen, aber er sah jetzt nicht einmal, ob sich der Flüchtige nach links oder rechts gewandt hatte – und war es wirklich ein Dieb gewesen? Er mu?te sich selber überzeugen und lief deshalb in den Laden zurück.

Dort stellte er sein Werk rasch auf einen Tisch und wollte die Lampe aufgreifen, um selber nachzusehen, als er vor sich auf dem Boden einen leblosen K?rper lang ausgestreckt erkannte. Er hob ihn auf und hielt sein Gesicht gegen das Licht der Lampe – gro?er Gott, es war der alte Mann selber, mit Blut bedeckt – ermordet vielleicht von R?uberh?nden! Aber hier konnte er nicht bleiben – er mu?te Hülfe herbeirufen, nicht allein für den Ueberfallenen, sondern auch um dem M?rder so rasch als m?glich nachzusetzen.

Er legte den unglücklichen alten Mann so sanft als m?glich wieder auf den Boden zurück und eilte dann auf das Haus zu, das er aber verschlossen fand. Salomon trug den Drücker dazu immer in seiner Tasche. Aber dort hielt er sich nicht lange auf, klopfte nur heftig an, um die Bewohner aufmerksam zu machen, und sprang dann der Stra?e zu, um dort die Nachbarn zu alarmiren und Polizei herbeizurufen. Er war von Schreck und Entsetzen so verwirrt, da? er kaum selber wu?te, was er that.

Mit flüchtigen S?tzen erreichte er auch das Hofthor und wollte eben hinaus auf die Stra?e springen, als er sich pl?tzlich von vier nervigen F?usten gefa?t und gehalten fühlte.

?Um Gottes willen,? rief er, ?der M?rder ist entflohen – ruft Leute, die ihm nachsetzen!?

?Heda, mein Bursche, ich glaube nicht, da? er so weit fort ist,? schrie ihn da ein derber Bursche an. – ?Haltet ihn fest – gebt ihm Eins auf den Kopf, wenn er nicht still ist! Was ist hier vorgefallen?? riefen die Anderen.

Fritz Baumann rang aus Leibeskr?ften, um sich frei zu machen, denn durch den Irrthum entkam der wirkliche Th?ter.

?Setzt nur nach!? rief er, als er sah, da? das nicht m?glich war, denn immer mehr Leute kamen herbeigestürmt und warfen sich auf ihn. ?Schickt Leute nach rechts und links die Stra?e hinunter – ein Mann ist dort hinaus geflohen – er kann nicht gro? sein!?

?Na, Du wirst ihn schon sp?ter noch genauer beschreiben k?nnen!? rief ein corpulenter Bursche, ein Bierbrauer, der in der Nahe wohnte und mit herbeigesprungen war, als er den L?rm h?rte.

In dem Hause selber wurden unruhig hin und her fahrende Lichter sichtbar. Baumann war in Verzweiflung.

?Aber Ihr k?nnt mich ja meinetwegen hier festhalten, seht nur, da? Ihr den weggelaufenen M?rder fangt!?

?M?rder?? schrie eine Frau aus dem Fenster in Todesangst.

?M?rder?? wiederholten auch die Leute unten im Hof erschreckt, und Einer schrie: ?Mit der Laterne hieher – kommt einmal her, Freund, leuchtet einmal hieher!?

Der Zuruf galt einem der schüchternen Nachbarn, der mit einer Laterne herausgekommen war, um zu sehen, was vorgehe, und eben damit in dem Hofthor erschien. Der Mann kam auch, wenngleich ein wenig scheu, in demselben Augenblick mit der Laterne heran, als die Hausthür ge?ffnet wurde und ein Officier heraussprang.

?Was geht hier vor?? rief er, und Fritz erkannte zu seinem Erstaunen den Lieutenant Wendelsheim, den er indessen ganz vergessen hatte. Ehe er ihn aber anreden konnte, rief Einer von denen, die ihn noch immer wie in einem Schraubstock hielten, indem er die Laterne aufgriff und gegen Fritz Baumann anleuchtete:

?Mord! Bei Gott, seht, wie blutig der Kerl aussieht!?

?Herr Baumann!? rief auch jetzt der Lieutenant erschreckt. ?Was ist vorgefallen? Wie kommen Sie hieher??

?Der alte Salomon liegt da drinnen ermordet,? rief Fritz, ?und mich haben die Menschen gefa?t, w?hrend sie den wirklichen M?rder entkommen lie?en!?

?Salomon ermordet? Um Gottes willen, ein Licht!?

Oben an dem einen Fenster wurde der Aufschrei einer weiblichen Stimme geh?rt, und gleich darauf stürzte des alten Mannes Frau, an allen Gliedern zitternd, aus der Thür und dem Laden zu, aus dem ihr gellender Hülferuf gleich darauf ert?nte.

Der Hof hatte sich indessen mehr und mehr mit Menschen gefüllt, und Alles dr?ngte nach dem Laden. Wendelsheim aber fühlte, da? er hier, so lange noch keine Polizei eingetroffen war, die Leitung des Ganzen übernehmen müsse, und deshalb der Thür zuspringend, wies er die Masse zurück.

?Nur drei oder vier von Euch m?gen eintreten,? sagte er, ?Ihr Anderen wartet hier drau?en. Ist schon Jemand auf die Polizei gelaufen? Noch nicht? Schickt augenblicklich einen Boten dorthin ab; ich werde so lange hier bleiben. Sie, Freund,? wandte er sich dann an einen ordentlich aussehenden Mann, der auch mit von der Stra?e hereingekommen war, ?seien Sie so gut und fassen Sie an der Thür Posto, da? Niemand weiter eindr?ngt. Den jungen Mann da k?nnt Ihr ruhig loslassen; ich glaube nicht, da? er den Mord begangen hat.?

?Abwarten,? sagte der Bierbrauer, der nicht die geringste Lust hatte, sich die eingefangene Beute entgehen zu lassen. ?Wovon ist denn der Bursche so blutig geworden? Wenn wir ihn jetzt loslassen, ist er in einer Viertelstunde über alle Berge. Gebt einmal einen Strick her, da? wir ihm die H?nde ein bischen zusammenschnüren k?nnen.?

Wendelsheim h?rte schon nicht mehr, was er sprach, denn er war jetzt ebenfalls in den Laden gesprungen, um dort zu sehen, was geschehen sei, und die alte Frau zu unterstützen. – –

Den Nachmittag um fünf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pünktlich wie in allen Dingen, drau?en bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem Rath die Sache der Frau Müller in Ordnung zu bringen. Er that das auch nicht etwa, wie Madame Müller selber vielleicht glauben mochte, allein in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath Frühbach eine Unannehmlichkeit zu ersparen, sondern einzig und allein seiner selbst wegen. Was er n?mlich schon seit einiger Zeit, eben nicht zu seiner Freude, vermuthet hatte, da? Ottilie eine stille Neigung zu dem jungen Wendelsheim hege, hatte er in der Unterredung mit seiner Frau nur zu sehr best?tigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel bleiben, und hing die Frau Müller ihre Klage an die gro?e Glocke, dann war des Geredes über die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende mehr.

Au?erdem fühlte er sich fest davon überzeugt, da? die Frau an dem ihr von dem Major, nach Gott wei? welchen Combinationen, untergeschobenen Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun einmal zur fixen Idee geworden, jenem früher aufgetauchten Gerücht, das er fest und bestimmt für eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen, und je n?her der Zeitpunkt rückte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in nichts zerflie?en sehen, desto eifriger wurde er darauf.

Er ha?te den alten Baron von Wendelsheim – der ihm vielleicht nie etwas Anderes zu Leid gethan, als da? er einen Erben bekommen – von Grund seiner Seele, und immer in dem Wahn, da? er die Hand bei einem Betrug im Spiel gehabt, hielt er sich natürlich nur für schlecht und nichtswürdig behandelt. Da? er dabei kein Mittel unversucht lie? und scheute, um sein vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Fall gründlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen Standpunkt einmal klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise für sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim derma?en in das Gerede der Leute bringen, da? lange Jahre dazu geh?rt h?tten, um den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschw?chen, und das war dem Staatsanwalt natürlich, wenn er sich die M?glichkeit einer n?heren Verbindung mit der Familie dachte, schon pers?nlich nicht angenehm.

Besonders ?rgerte sich Witte aber darüber, da? der Major auch den Rath Frühbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, da? der Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen sei, um das merkwürdige Erlebni? zu erz?hlen. Darin aber that er dem Rath unrecht, denn Frühbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele darüber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erw?hnt. Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht, und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gew?hnlichen Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte.

Der Staatsanwalt ?rgerte sich aber trotzdem darüber und betrat diesesmal die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er h?tte aber trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer ?ffnete und das Bild des Jammers sah, das sich hier entwickelte.

Der Major sa? in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde sa? der Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem kl?glichsten Gesicht von der Welt, und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Ble?heim, und die alte Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Camillenthees.

Zwischen den Allen aber sa? Rath Frühbach auf einem Stuhl mitten in der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach der andern nehmend, so da? er schon auf dem, vorher mit wei?em Sand bestreuten Fu?boden der Stube – der alten Liese ewiger Aerger – einen braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte.

?Alle Wetter,? rief der Staatsanwalt, als er in der Thür stehen blieb und sich die Gruppe betrachtete, ?das sieht ja hier recht heiter und vergnügt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun, Major, ich d?chte, vor einigen Tagen w?ren Sie gut genug auf den Beinen gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder??

?Machen Sie um Gottes willen die Thür zu, Staatsanwalt,? rief der Major, ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; ?es zieht hier herein, und ich kann den Tod davon haben!?

?Zieht? Wir haben sechzehn Grad W?rme drau?en,? sagte Witte, indem er gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; ?au?erdem sind alle Fenster dicht geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten. Es scheinen mir aber freilich lauter ?Trauerfalter? darin zu stecken – complicirte Sammlung, das mu? wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch die gn?dige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian scheint heute der einzige Gesunde.?

?Ich? Ach, das Gott erbarm'!? st?hnte der Mann. ?Hingesetzt hab' ich mich hier, um dem Herrn Major das Bein einzureiben; aber wie ich wieder in die H?he kommen will, wei? der Himmel! Ich mu? mir das Kreuz verrenkt haben, denn das wird mit jedem Tag ?rger.?

?Und was fehlt Ihnen, Herr Rath?? fragte der Staatsanwalt, ?denn ganz gesund k?nnen Sie doch unm?glich in diesem Lazareth sein.?

?Geistige Ruhe, verehrter Freund,? erwiederte Frühbach; ?sonst, Dank dem Aepfelwein, den ich t?glich trinke, und meiner steten Transspiration, nichts. Aber Sie sehen, ich habe mich pünktlich eingefunden.?

?Sehr wacker von Ihnen. Und Sie, Major, liegen wieder auf der Kante??

Er hatte eigentlich recht. In der neulichen Aufregung schien der alte Herr, dessen Leiden überhaupt zum gro?en Theil nur eingebildet waren, seine ganze Krankheit vergessen oder wenigstens für den Augenblick beurlaubt zu haben. Jetzt aber, nach dem letzten verzweifelten Versuch, den er auch in der That als den letzten betrachten mu?te, hatte er es aufgegeben, sein Ziel weiter zu verfolgen. Seine letzte Hoffnung war verschwunden, und mit dem Aufh?ren der Erregung trat, wie nach allen solchen F?llen, die gew?hnliche Abmattung ein, so da? er sich jetzt auf einmal kr?nker als je zu fühlen glaubte.

?Ja,? st?hnte er, ?und das wird auch wohl der letzte Ruck sein, den die Krankheit thut; ich fühl's schon in den alten Knochen, lange kann das Elend nicht mehr dauern – o Gott! Christian, Esel – Er drückt mir ja den ganzen Knochen ein! Der Mensch arbeitet gerade so auf meinem Fleisch herum, als ob er ein Pferd striegelte. Setzen Sie sich, Staatsanwalt – wenn ich Jemanden lange stehen sehe, werde ich ganz nerv?s, denn ich fühle das Ziehen und Ausdehnen in meinen eigenen Gliedern.?

?Und Sie wissen, weshalb ich komme?? sagte der Staatsanwalt, indem er seinen Hut auf den Tisch stellte und der Einladung Folge leistete.

?Ja,? knurrte der Major, ?der Rath da hat mir die ganze Geschichte erz?hlt, und ich wollte, da? der Teufel die Madame Müller und den – hm, verdammt, wenn ich so einen Brief unterschreibe!?

?Na, dann lassen Sie's bleiben,? sagte der Staatsanwalt, wieder von seinem Stuhl emporfahrend; ?mir kann's recht sein, und nur Ihretwegen bin ich herausgekommen. Also Gott befohlen, Major, m?chte hier nicht l?nger st?ren!?

?So bleiben Sie nur in's drei Teufels Namen sitzen!? schrie der Major. ?Herr Gott, ?rgern Sie mir nicht auch noch die Galle an den Hals – man mu? doch erst über die Sache reden! Da, Christian, das ist genug, die Haut mu? ja schon herunter sein, und das brennt wie Gift – macht, da? Ihr hinaus kommt, wir haben mit einander zu reden!?

?Ja, macht, da? Ihr 'naus kommt,? st?hnte der alte G?rtner, indem er sich mit beiden Armen auf den Boden stützte; ?mich reibt Niemand ein, ich bin immer eingerieben, und jetzt soll man sich noch allein aufrichten, wo Einem das ganze Kreuz aus dem Geschick ist. Uff!? st?hnte er dabei und machte einen Versuch, aufzustehen, der aber mi?glückte.

?Gott soll Einen bewahren!? sagte Witte, indem er auf den Mann zutrat und ihm unter den rechten Arm griff. ?So, Freund, nun hebt Euch einmal – ohoi! Geht's??

?Danke sch?nstens, Herr Staatsanwalt,? keuchte der G?rtner, der sich jetzt mit Mühe auf die Fü?e brachte, ?der Herr vergelt's Ihnen! Wenn ich erst einmal in die H?he bin und wieder in Gang komme, bring' ich mich wenigstens von der Stelle – wenn's nur nicht da hinten so st?che!?

Damit hinkte er, das linke Bein hinter sich drein schleppend, aus dem Zimmer, und Witte sah ihm nach, so lange er ihm mit den Augen folgen konnte. Nur erst, als er die Thür wieder hinter sich zugedrückt, sagte er:

?Aber um des Himmels willen, Major, weshalb schicken Sie den Mann nicht in ein wirkliches Lazareth und nehmen sich einen gesunden, kr?ftigen Menschen, der Ihre Haus- und Gartenarbeit auch verrichten kann??

?Geht nicht,? knurrte der Major und schüttelte dabei mit dem Kopf; ?halt ich nicht aus – kann keinen gesunden Menschen um mich herum haben – geht mir wider die Natur. Ja, wenn ich nicht selbst so elend w?re!?

Der Staatsanwalt, der kein weiteres Interesse bei der Sache hatte, sah sich im Zimmer um. Die Liese war auch mit ihrer Theekanne hinausgegangen, die Frau von Ble?heim lag nur noch auf dem Sopha und war krank, und es deshalb das Beste, zur Sache zu kommen.

?Eigentlich,? begann er, ?haben wir gar nichts mehr mit einander zu reden, denn wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, da? Sie den Brief nicht unterschreiben wollen, so l??t sich vor der Hand nichts in der Sache thun, bis die Klage erst einmal anh?ngig gemacht ist.?

?Aber auf was, zum Teufel, will denn die alte Hexe klagen?? rief der Major ?rgerlich; ?wir haben ihr ja nichts zu Leide gethan.?

?Sie haben ihr weiter nichts gethan, als sie beschuldigt, ein Verbrechen begangen zu haben,? sagte der Staatsanwalt trocken, ?und da sie eine solche Verd?chtigung nicht auf sich sitzen lassen will, so werden Sie einfach aufgefordert werden, Ihre Beweise zu bringen.?

?Aber wir haben keine,? rief der Major, ?als die moralische Ueberzeugung, da? ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.?

?Eine moralische Ueberzeugung hat nur freilich vor dem Richter keinen Werth, Major, und Sie fallen damit gründlich ab. Aber vielleicht kann Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Müller erz?hlt hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.?

Rath Frühbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: ?Da f?llt mir eine Geschichte ein....?

?Lieber Rath,? rief Witte, ihn rücksichtslos unterbrechend, ?ich bin nicht hieher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuh?ren, sondern die Angelegenheit zum Abschlu? zu bringen. Hier ist der Brief? – und dabei nahm er das Papier aus der Tasche –, ?ich habe ihn kurz und bündig gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen unterschreiben k?nnen. Der Frau habe ich auch das Versprechen abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir dann kurz und bündig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unnütz, und ich habe auch keine Zeit dazu.?

?Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber Staatsanwalt,? meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. ?Wie kann man denn in einer so wichtigen Sache einen Beschlu? fassen, wenn man sich nicht erst geh?rig darüber ausgesprochen hat??

?Ich d?chte, Sie h?tten da drau?en gerade genug gesprochen,? nickte der Staatsanwalt, ?und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein sonst so ruhiger, vernünftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.?

?Ich habe ja gar kein Wort gesagt!? rief der Major; ?der Rath war aber nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf zusage, würde sie augenblicklich gestehen.?

?In Schwerin hatten wir einen ganz ?hnlichen Fall, und gerade durch meine Geistesgegenwart....?

?Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten,? sagte der Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglücklichen Manne jedesmal die Rede abzuschneiden, ?da? Sie Vorspann brauchen, um wieder herauszukommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlüpfen; denn wenn die etwas cholerische Frau wirklich klagt, so dürfen Sie sich auf eine Scene vor den Geschworenen gefa?t machen, an die Sie nachher ihr ganzes Leben zurückzudenken haben. Ueberfüllte Tribünen garantire ich Ihnen jedenfalls.?

Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten Form abgefa?t und führte die ganze Sache auf ein Mi?verst?ndnis oder einen Irrthum zurück. Die beiden Herren erkl?rten nur zum Schlusse ihr Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort gekr?nkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten etc.

Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major hinüber und sagte dabei: ?Du lieber Himmel, das k?nnte man allenfalls einer Frau gegenüber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache herauszukommen!?

Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er würde lieber tausend Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er, Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensünderbank, und die Madame Müller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, da? der Rath in dem Augenblick nicht h?ren konnte, was er über ihn dachte, denn ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst einmal flüchtig durch, dann noch einmal langsam und bed?chtig, und der Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wu?te jetzt, da? er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte.

?Na denn meinetwegen,? sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das Papier neben sich auf den Tisch warf; ?geben Sie einmal Dinte und Feder von da drüben her, Rath – die Dinte wird wohl eingetrocknet sein, dort auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals m?cht' ich zum Pfand einsetzen, da? sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das über ihrem Sopha in Vollmers h?ngt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der Wendelsheim'schen Familie ist – jeder Zug, w?hrend der Lieutenant von Wendelsheim auch nicht die Spur von Aehnlichkeit mit dem alten Baron hat – nicht die Spur, sage ich Ihnen.?

?Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und k?nnten nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche Aehnlichkeit t?uscht und ist oft nur zuf?llig, denn sie h?ngt von uns unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck, und seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon dunkel und ich mu? nach Hause.?

Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder; endlich sagte er: ?Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf eine Entdeckungsreise mit!? griff dann die Feder auf, tunkte sie ein und schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin, und dieser, ohne sich l?nger zu str?uben, unterzeichnete ebenfalls.

?So,? sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend beobachtet hatte, ?das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd auf und werden vernünftig, denn Sie müssen das Nutzlose derselben doch nachgerade eingesehen haben. W?re wirklich in jener Zeit etwas dem Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen, so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren b?sen Verdacht gründen, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer, ekelhaftes Weibergeschw?tz vergangener Jahre, und Sie k?nnen Ihrem Gott danken, da? diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen ist; er h?tte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen. Doch nun Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier l?nger aufgehalten, als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Ble?heim auf dem Sopha??

?Ach, nichts,? sagte der Major mürrisch; ?sie bildet sich immer ein, da? sie krank ist.?

?Und Du wohl nicht?? rief die Dame, sich pl?tzlich sehr lebhaft aus ihrer liegenden Stellung aufrichtend. ?Man mu? ja allein schon davon krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anh?rt!?

?Na, wünsche allerseits einen recht angenehmen Abend!? sagte der Staatsanwalt, vergnügt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen Hut schwenkend, schritt er in die schon d?mmernde Stra?e hinaus.

Es war in der That sp?ter geworden, als er gedacht, und er ging rasch den Weg hinab, der nach der Stadt zu führte; dabei zuckten ihm aber doch die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe von der Aehnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major recht: der Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeu?ere betraf, auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und seine Züge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor, und konnte nicht einmal gegründete Ursache zu einem Verdacht, viel weniger denn zu einer Klage geben! Merkwürdig blieb es freilich immer, und der Staatsanwalt grübelte auf dem ganzen Weg darüber nach, da? wieder der zweite Sohn so entschieden die Züge der Eltern trug, und dadurch auch seinem Bruder nicht im geringsten ?hnelte.

Aber mit all' solchem Nachgrübeln gelangt man natürlich zu keinem Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Müller der Wendelsheim'schen Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei; deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe, und mit dieser Schlu?folgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Stra?en der Stadt und schritt unwillkürlich etwas nach links hinüber, um seinen Weg nach Hause so viel als m?glich abzukürzen. Es dunkelte allerdings schon stark, aber wenn er die Seitenstra?en benutzte, kam er doch wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu unterzeichnen und vor Postschlu? zu bef?rdern.

Den kürzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das Ausschütten von Gef??en aus den Fenstern dort nur allzu h?ufig geschah, schien er dieser Gefahr doch heute Abend trotzen zu wollen, oder dachte auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Stra?e ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne Menschen rasch an sich vorüberspringen und einem bestimmten Hause zueilen sah, vor dessen Thür sie sich sammelten oder in den Hof eindr?ngten.

?Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen?? fragte er einen der Leute, der eben dort wieder herauskam und über die Stra?e wollte.

?Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen,? sagte der Mann und sprang in das n?chste Haus, um noch eine Laterne zu holen.

?Du lieber Gott,? seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt – ?das ist ja schrecklich!? Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben dabei waren, ihm die H?nde auf den Rücken zu schnüren.

?Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute?? fragte der Staatsanwalt, indem er zu ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Züge der Einzelnen erkennen konnte.

?Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat, und eben auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.?

Unwillkürlich nahm der Staatsanwalt dem N?chsten die Laterne ab und leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht.

?Herr Baumann!? rief er aber auch schon im n?chsten Augenblick ordentlich entsetzt aus. ?Das ist doch nicht m?glich!?

?Sind Sie von der Polizei?? fragte ihn einer der Umstehenden.

?Nein, aber ich geh?re mit zu dem Fach – ich bin der Staatsanwalt.?

?Na, dann gehen Sie lieber mit in den Laden hinein, wo der alte Salomon liegt, bis ein Actuar oder sonst wer kommt,? sagte der Mann wieder.

?Aber, um Gottes willen, Herr Baumann, wie kommen Sie in diese Lage??

?Ich hoffe doch nicht,? sagte Fritz, der todtenbleich geworden war, ?da? Sie mich eines solchen Verbrechens f?hig halten??

?Nein, gewi? nicht!? rief Witte schnell.

?So, und weshalb wollte er denn da ausrei?en und ist über und über blutig, he? – Ruhe, mein Bursche, das bitte ich mir aus; ob Du schuldig oder unschuldig bist, wird dann wohl die Polizei aus Dir herausdrücken, darauf verla? Dich! Und jetzt machen Sie, da? Sie hineinkommen, damit Alles ordentlich zugeht! Es ist Niemand drin, wie ein Officier, und die wissen sich bei solchen Geschichten gew?hnlich nicht zu helfen.?

Das war allerdings richtig. Witte konnte auch hier im Augenblick, mit den n?heren Umst?nden gar nicht bekannt, nichts helfen, und mu?te den jungen Mann vor der Hand seinem Schicksal überlassen. Die Untersuchung stellte ja doch bald heraus, ob er schuldig w?re oder nicht.

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