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Chapter 3 No.3

Frau He?berger.

Oben in der dritten Etage eines der H?user in der Bergstra?e von Alburg sa? der Schuhmacher He?berger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen bei der Arbeit und war emsig besch?ftigt, ein Paar sehr elegante Damenschuhe, die einen au?erordentlich kleinen Fu? verriethen, frisch zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerückt, denn schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er flei?ig fort und schien sich um das Wetter drau?en wenig zu kümmern, bis pl?tzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, da? der kleine Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er aber pl?tzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, da? sich die Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz heimlich, denn es w?re ihnen b?s ergangen, wenn es der Meister gemerkt oder nur Verdacht gesch?pft h?tte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle (denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied besch?ftigt, schrie mehr, als er sang, w?hrend der Regen an die Fenster peitschte:

?O Mensch gedenk' an's Ende,

Willst Du nicht Uebles thun –

Der Tod bringt oft behende

Das allerletzte Nun.

Am Lebens-Augenblicke

H?ngt ewig Wohl und Weh',

Drum denke wohl zurücke,

Wohin Dein Ende geh'!?

Und wieder ein Blitz – wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten ordentlich dazu. Der Schuhmacher lie? sich aber nicht st?ren, und ohne eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden zweiten Vers ein:

?O Mensch, gedenk' an's Ende –?

als es heftig an die Thür pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters Befehl abzuwarten, laut ?Herein? schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde dieselbe auch ge?ffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut etwas zerdrückt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht ger?thet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.

Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in seiner Andacht st?ren zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf nach der Thür umzudrehen, unverdrossen fort:

?Wer wei?, ob nicht noch heut'

Der Tod Dich treffen k?nnte,

Drum mache Dich bereit –?

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie dazwischen: ?Na, bei mir k?nnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister He?berger! Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, da? ich in dem Hundewetter den Weg umsonst gemacht h?tte!?

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er arbeitete, ziemlich rücksichtslos bei Seite werfend: ?Ach, Madame Müller – ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Pers?nlichkeit wieder einmal nach so langer Zeit condoliren zu dürfen.?

?Reden Sie keinen Unsinn,? erwiederte Madame Müller, gar nicht, wie es schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. ?Was Ihnen angenehm oder nicht, kümmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause ist.?

?Bitte, Madame Müller,? sagte He?berger, ?ich rede nur ganz h?flich, und eine H?flichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber – o Du Herr Jesus, der Donner! – nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau ganz besonders daüber scharmiren, pa?t ihr gerade – sie ist drinne – bitte, treten Sie n?her, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan nicht!?

Madame Müller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu und stieg dann, ohne es weiter der Mühe werth zu halten, ihm noch eine Antwort zu geben, über alles m?gliche im Wege gestreute Schuh- und Lederzeug, über Leisten, Handwerksger?th und andere derartige Dinge hinweg der Thür zu, welche, wie sie aus früheren Zeiten wu?te, das Wohn- und Schlafzimmer der He?berger'schen Gatten von der Werkst?tte abschlo?. Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal den gew?hnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer, als wieder ein greller Blitz über den Himmel zuckte und gleich darauf, aber doch etwas sp?ter als bisher, grollender, dumpfer Donner hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorübergezogen, und nur der Regen go? noch in Str?men nieder.

Mit dem Donnerschlag – selber ein kleines Gewitter in sich – stand aber Madame Müller auf der Schwelle, und der barsche Gru? schon, den sie der Herrin vom Hause entgegenrief: ?Guten Tag, Frau He?berger, ich habe 'was mit Ihnen zu reden!? deutete nicht viel Gutes.

He?berger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne geführt haben k?nne, fühlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz sattelfest, und da er wu?te, da? seine Frau bei irgend einer passenden Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Müller schrie, so bemühte er sich bei Zeiten, wenigstens einen l?stigen Zeugen zu entfernen – kein Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

?Backhof,? brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt, ?Sie k?nnen Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.?

?Aber ich m?chte so gern noch den Schuh fertig machen,? sagte der Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter, und er wünschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit anzuh?ren, der sicherlich der Mühe werth sein mu?te. Seine Meisterin kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und

Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.

Sein Meister mochte aber Verdacht gesch?pft haben, da? ein anderer Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen lauere. Zeit war auch nicht zu vers?umen, denn Madame Müller schien nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: ?Machen Sie ein bischen zu – die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen Obergerichtsrath sein.?

?Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist doch nicht meine Sache...?

?Das wei? ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben? sagte He?berger, der sich augenscheinlich die gr??te Mühe geben mu?te, h?flich zu bleiben. ?Hier sind fünf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine Gesundheit – aber machen Sie ein bischen – alleh, Backhof – und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die quintirte Rechnung mit.?

Backhof, der Gesell, merkte wohl, da? ihn der Meister unter jeder Bedingung los sein wollte, und es w?re doch jetzt hier so hübsch gewesen – gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen Vorwand, da zu bleiben; die fünf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel h?ngenden Rock an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch in der Hoffnung, auch dort etwas zu h?ren. Darin sah er sich jedoch get?uscht, denn die dazwischen liegende Küche war wie gew?hnlich abgeschlossen.

Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so viel, als es der Gesell gethan h?tte, denn die waren eine etwas lebhafte Unterhaltung im Hause schon gewohnt und – konnten nicht die Condition wechseln, sie mu?ten im Hause bleiben, durften also nichts daraus schwatzen, oder – der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurück, aber es war keine Andacht dabei. Die gro?en, schweren Tropfen schlugen drau?en gegen die Scheiben, da? sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr, er mu?te da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, da? er die Stimme seiner Frau gar nicht so scharf hervorh?rte; Madame Müller schien ziemlich allein das Wort zu führen, und das konnte unm?glich ein gutes Zeichen sein. Wenn die Frau He?berger eine gute oder doch wenigstens haltbare Sache hatte, sprach sie auch gew?hnlich mit – und wie!

Er fühlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf, band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon wieder unter einander anstie?en, fuhr in den schwarzen, abgeschabten Frack hinein, und dann sein fettgl?nzendes Mützchen abnehmend und die Haare vorn in die Stirn streichend – es war dies die einzige Art, wie er seine Frisur arrangirte –, drehte er sich noch einmal gegen die Jungen um und sagte: ?Da? mir keiner von Euch von seinem Sch?mbel aufsteht, oder – Ihr wi?t wohl...? Und damit stieg er nach der Thür hinüber.

Als er sie ?ffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.

Frau He?berger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres Gemahls ausgebessert. Sie besch?ftigte sich allerdings in geeigneten Stunden vortheilhafter mit der h?heren Magie, mit Kartenlegen und Prophezeien, wofür sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr gl?ubiges Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten mu?ten doch auch erledigt werden, und Frau He?berger war die richtige Frau dazu, um das zu besorgen.

Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine nur von metallenen R?dern abh?ngige Maschine sa? sie dazwischen und rührte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte – sie hatte überhaupt keine Nerven, die das m?glich machen konnten.

Drinnen in der Werkstatt h?rte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht darauf. Der Besuch, der zu ihr kam – verschleierte Damen gew?hnlich, manchmal in Begleitung von jungen Herren – traf erst in viel sp?terer Stunde und bei vollst?ndig angebrochener Dunkelheit ein; was früher kam, wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.

Da klopfte es pl?tzlich, und wie sie ein halb erstauntes ?Herein!? rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf der Schwelle, deren Züge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im Kopfe, gleich zurück in's Ged?chtni? rief. Der Frau selbst schien aber gar nichts daran gelegen, sie lange über sich in Zweifel zu lassen, denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken überfliegend:

?Guten Tag, Frau He?berger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.?

?Madame Müller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe!? rief Frau He?berger, und nicht einmal in gekünsteltem Erstaunen aus, denn so gut und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie dieselbe nicht gesehen. ?Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!?

?Wollen wir erst abwarten,? sagte Madame Müller, noch immer den triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse über Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in der Stube zu bilden. ?Thut mir leid, da? ich das Zimmer na? mache, aber ich wei? nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den Blumenuntersetzern her – das Wetter ist schuld.?

Frau He?berger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der Anforderung und würde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie h?tten Zeugen sein k?nnen, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Müller stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr ?Regendach? aber untergebracht sah, drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.

?So – und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln, Madame He?berger, wenn es Ihnen recht ist,? sagte Madame Müller, aber gleich in einem so entschiedenen Ton, da? man ihm wohl anh?rte, sie würde eben reden, ob es recht w?re oder nicht.

?Wir Beiden, Madame Müller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie stehen ja da an der Thür....?

?Sagen Sie einmal, Frau He?berger,? fuhr die Frau fort, ohne die Einladung weiter zu beachten, ?was haben Sie denn von mir in der Stadt erz?hlt, wenn ich fragen darf??

?Ich? Von Ihnen?? sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht reinen Gewissen, denn sie sprach gew?hnlich sehr viel über andere Leute und nie etwas Gutes, und fühlte sich natürlich nicht so recht sicher, da? irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mu?te sie erst einmal h?ren, um was es sich eigentlich handle. ?Und was sollte ich von Ihnen gesprochen haben? Was h?tte ich denn eigentlich sprechen oder erz?hlen k?nnen? Ich wei? ja doch gar nichts von Ihnen!?

?Desto schlimmer, Frau He?berger, desto schlimmer,? rief Madame Müller, keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu lassen; auf anf?ngliches Leugnen war sie überdies gefa?t. ?Aber aus der Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht m?glich, und Ihre Zunge kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!?

?H?ren Sie, Madame Müller,? sagte Frau He?berger, doch jetzt auch ein bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurückhielt, denn sie mu?te erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, ?beleidigen brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn ich in der Stadt bekannt bin....?

?So? Aber zu mir schicken Sie die Leute in das eigene Haus!? fuhr die Frau Müller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. ?Ich soll mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr? Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau Müller, eine allein stehende Frau und Wittwe – jawohl, die mu? sich Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft l??t.?

?Da? Sie eine gute Zunge haben, Madame Müller, hat Ihnen noch Niemand abgestritten,? sagte die Frau He?berger, jetzt ebenfalls gereizt.

?Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau He?berger, Sie am allerwenigsten!? rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als es die Umgebung eigentlich n?thig machte.

?Aber w?r's Ihnen denn nicht gef?llig, Madame Müller, jetzt einmal zu sagen, was Sie von mir wollen?? sagte die Frau He?berger mit einem ironischen Knix.

?Jawohl, Frau He?berger,? erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung, ihr den Knix mit Zinsen zurückzugeben, ?wie Sie befehlen – oder m?chten Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schützen!?

?So, Madame Müller, und wissen Sie, da? ich jetzt gleich hingehen und Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen??

?Ja, gehen Sie nur, Frau He?berger, gehen Sie nur,? rief die Frau Müller in Eifer, ?wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn Rath Frühbach, von mir und meinem Kinde erz?hlt haben, da? ich es umgetauscht h?tte und da? mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind vom Baron von Wendelsheim w?re – Sie schlechte Person Sie....?

?Was?? sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand ganz die ?schlechte Person? überh?rend (sie bemerkte auch in dem Augenblicke kaum, da? ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). ?Ich h?tte dem Rath Frühbach erz?hlt, Sie h?tten ein Kind umgetauscht und Ihre Tochter w?re die Tochter vom Baron??

?Wenn die Damen so freundlich sein wollten,? sagte He?berger, der mit seinem gewinnendsten L?cheln die alte Fettmütze zwischen den Fingern zerdrückte, ?nur ein klein wenig leiser zu schreien – die Lehrjungen drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht zu wissen, über was wir hier conserviren.?

?Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen,? sagte Frau Müller mit Würde; ?ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr He?berger, lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie w?ren nicht der Mann danach!?

He?berger warf ihr, als sie vornehm über ihn wegsah – und sie war auch wenigstens einen halben Kopf gr??er als er –, einen tückischen Blick zu, hütete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit seiner freundlichsten Stimme: ?Würde ich mir auch gar nicht unterstehen, verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze Sache scheint mir übrigens, so viel ich bis jetzt davon geh?rt habe, auf einem Mi?verst?ndni? zu beruhen, denn meine Frau kann doch unm?glich etwas derartiges obsch?nes Gerede mit dem Herrn Rath Früh....?

?Ich habe überhaupt mit dem Herrn Rath Frühbach noch in meinem Leben kein Wort gesprochen!? rief hier die Frau He?berger dazwischen. ?Seine Frau kommt manchmal zu mir – eine liebe, gute Seele, die sich die Karte legen l??t und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der Name der Madame Müller in ihrer Gegenwart über meine Zunge gekommen!?

?Und der Rath Frühbach soll aus freien Stücken zu mir hinaus nach Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort w?re? Das machen Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau He?berger! Ich will gar nicht behaupten, da? ich zu den Gescheidtesten geh?re, aber so dumm bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!?

?Was denn für ein Major?? sagte die Frau He?berger, aufmerksam werdend.

?Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter Herr, der ehrwürdig genug aussah, um gescheidt zu sein – und von solchen Leuten mu? man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist die Sache nicht abgethan, Frau He?berger, damit ist sie wahrhaftig noch nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder hergelaufenen Person abschneiden!?

?So, Madame Müller,? rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld ebenfalls scharf auf die Neige ging, ?jetzt m?cht' ich nur wissen, ob Sie mich etwa mit der ?hergelaufenen Person? meinen, denn wenn Einer von uns eine hergelaufene Person ist....?

?Entschuldigen Sie, meine Damen,? fuhr hier He?berger dazwischen, der alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, ?wenn jener Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie ge?u?ert hat, Madame Müller, so sind Sie vollst?ndig berechtigt, b?se darüber zu werden, jede anst?ndige Frau würde das. Aber dann seien Sie auch so gut und theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann k?nnen wir uns verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon kriegen.?

Madame Müller z?gerte einen Moment. Sie fühlte vielleicht, da? sie ein wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch zu vernünftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die He?bergers mu?ten erst erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das war in der Ordnung, und Madame Müller auch nur eigentlich in der ersten Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl um, den ihr He?berger bereitwillig hinschob, und sagte dann: ?Gut, ich will Ihnen die Sache erz?hlen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei überl?uft; ach, da? ich mir so 'was mu? auf meine alten Tage gefallen lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte! Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schw?tzer die Wahrheit gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum K?nig gehen mü?te.?

Und nun erz?hlte sie mit ziemlich kurz gedr?ngten Worten, aber natürlich noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuh?renden He?berger'schen Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frühbach und dem Major, und He?berger unterbrach oder st?rte sie darin nur ein einziges Mal, indem er leise und vorsichtig an die Thür der Werkstatt schlich und diese dann pl?tzlich aufri?, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen ertappte. Die aber kannten schon sein Man?ver und hüteten sich wohl, etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt sa?en sie auf ihren Schemeln, und darüber beruhigt, schlo? der Schuhmacher die Thür wieder.

Die Frau He?berger schüttelte aber, w?hrend ihr Besuch erz?hlte, immer nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage, dem Rath Frühbach etwas Aehnliches erz?hlt zu haben, vollkommen rein wu?te, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr erstlich zur Frau Müller kam, und dann auch nicht, wie er sie auf solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major – den kannte sie gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mu?te ?hnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen Augenblick schwieg, mehr um Athem zu sch?pfen, als weil es ihr an Stoff gefehlt h?tte – sie würde einen Monat lang damit ausgereicht haben –, sagte er artig:

?Escusiren Sie, Madame Müller, behauptete denn der Herr Geheime Major etwas Aehnliches??

?Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht,? sagte Madame Müller, ?wei? ich nicht – eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's für einen Major geh?rt, sondern einen alten grauen Rock und einen runden Hut –, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath führte ziemlich allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Sünder der... Aber nun, Frau He?berger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erz?hlen? Habe ich je in meinem ganzen Leben...?

?Ereifern Sie sich nicht unn?thiger Weise, Madame Müllern,? sagte die He?berger mit Würde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles genau zu überlegen. ?Ich kann es auf die Hostie beschw?ren, da? Ihnen jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lügen erz?hlt hat, und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch viel weniger über Sie. Au?erdem,? fuhr sie fort, als sie sah, da? Madame Müller etwas darauf erwiedern wollte, ?steht hier die Frau, die von der Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen mü?te, ob es vertauscht w?re oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht Keiner ein X für ein U machen. Ich habe aber den Jungen – und ein pr?chtiger junger Herr ist es geworden – zuerst auf den Armen gehabt, und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den h?tte Einer auswechseln wollen, der h?tte es klug anlegen müssen. Aber ich wei?, woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe, der das Geld gekriegt h?tte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die Wendelsheim'sche Familie ohne m?nnlichen Erben geblieben w?re. Jetzt hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, da? er nichts kriegt und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen Haken daran zu finden.?

?Aber, He?bergern,? sagte die Madame Müller, ?das ist ja doch gar nicht m?glich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...?

?Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Müllern!? sagte die He?berger, w?hrend der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte – er schien sie ebenfalls zu kennen. ?Mir sind schlimmere Dinge passirt,? fuhr die Frau fort, ?viel schlimmere, und die ersten Jahre – Sie waren wohl damals schon in die weite Welt gegangen und über die See –, da hatten sie bald dies, bald das Gerede, und Alles über die arme He?berger, die konnte herhalten, weil sie zu gutmüthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber zuletzt mu?ten sie's doch aufgeben – Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben immer oben, Madame Müllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden, da? sie mir nichts anhaben konnten, lie?en sie mich zufrieden.?

?Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?? rief Madame Müller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen Besuch kehrte. ?Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin nicht zu gutmüthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, He?bergern, und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht h?tte, da? ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hüten mu?te, ich w?re augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor acht Tagen!?

?Aber, beste Madame Müller,? sagte He?berger sehr artig, ?da treten Sie die Geschichte erst recht breit. Ich würde solche Menschen mit Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so viel kann ich Ihnen versichern.?

?Na, das fehlte mir auch noch, da? die wiederk?men,? sagte die Frau, ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend, den sie wie eine Waffe packte; ?ich wollte ihnen zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen und mir ihre Lügen unter die Nase reiben dürfen!?

?Da müssen Sie schm?hliches Geld blechen,? sagte He?berger, ?und es hilft Ihnen gar nichts.?

?Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte!? rief Madame Müller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die linke Hand. ?Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon einen ordentlichen Menschen nennen k?nnen, der Einen nicht blos zum Vergnügen über's Ohr haut.?

?Liebe Madame Müller,? sagte da die Frau He?berger rasch, ?thun Sie das nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was wei? der von den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tüchtiger Mann, der Herr....?

?Lassen Sie mich nur machen, Frau He?berger,? sagte Madame Müller, die eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien. ?Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und wei? selber, was ich zu thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tüchtiger Mann, und ich will auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren, den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf dürfen Sie sich verlassen!?

?Aber es regnet so sehr, meine gute Madame,? sagte He?berger, der sie jetzt merkwürdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten h?tte.

?Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr He?berger,? versicherte Madame Müller, ?ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen allerseits – wünsche gesegnete Mahlzeit!? und damit ?ffnete sie die Thür der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann, ohne Regenschirm die Stra?e heruntergekommen und, da er sich besonders vor Erk?ltung fürchtete, dort untergetreten. Er glaubte natürlich, da? es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch vorüberziehen würde, denn ?gestrenge Herren regieren nicht lange.? Aber der Donner folgte immer langsamer und in gr??eren Zwischenr?umen dem Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen h?rbar wurde, und immer wollte der eigentliche Gu? nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu werden.

Witte schüttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam auch eine leere Droschke vorüber, die er dann angerufen h?tte. Wer aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und überhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmef?llen einen von ihnen auf der Stra?e. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den H?usern wegzulaufen. Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war, schien es, als ob es mit frischen Kr?ften an zu gie?en fing; es dachte gar nicht daran, aufzuh?ren, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem gro?en hellblauen seidenen Regenschirm an der Thür vorüber; gerade aber als er vor dem Thorwege war, kam ein pl?tzlicher Windsto? die Stra?e herunter, fa?te unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinst?be nach oben, w?hrend eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windsto? eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt über den unglücklichen und nun vollst?ndig wehrlosen Eigenthümer des Schirmes ausschüttete.

?Herr Du meine Güte!? sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so rasch in das Haus hinein, da? ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte. Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Gr?bste von Hut und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar zu wischen, denn er war vollst?ndig überschüttet worden, und Witte erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frühbach.

?Ei, ei, mein lieber Herr Rath,? sagte er, ?Sie sind ja in ein ganz geh?riges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.?

Rath Frühbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an der Stimme. W?hrend er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf herunter, als ob er sie auf der Nase h?tte und darüber hinwegsehen wollte, und rief pl?tzlich aus: ?Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt, das ist mir ja ein ganz besonderes Vergnügen, Sie hier so zuf?llig zu treffen! Das nehme mir aber kein Mensch übel, so ein Wetter ist ja noch gar nicht dagewesen – dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller Gemüthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stückchen vor die Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als pl?tzlich ein Gewitter ankommt, und ich war drau?en auf freiem Felde, und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus. Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber Gott, das wurde immer ?rger, das regnete, als ob es mit Mulden g?sse, genau so, wie jetzt da drau?en, und es h?rte auch den ganzen Nachmittag nicht auf.?

?Wenn wir nur eine Droschke bekommen k?nnten,? sagte der Staatsanwalt, der ungeduldig indessen auf die Stra?e hinaus sah; ?ich habe gar nicht einmal so lange Zeit, ich mu? nach Hause, und nun das Wetter – mit meinen dünnen Stiefeln – wenn ich nur wenigstens Gummischuhe mitgenommen h?tte!?

?Die helfen auch nicht viel,? sagte der Rath. ?Da kam ich einmal Abends in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich hatte meine Gummischuhe mitgenommen. W?hrend der Vorstellung mu?te sich aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fühle ich schon, da? ich an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fu?, und immer ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.?

Der Staatsanwalt überlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen Erz?hlungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die Treppe herunterkam, auf welche Rath Frühbach, da er gerade wieder seinen Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartn?ckigkeit weiter, und die Frau spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekümmern, ihren Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Gu? treten, als ihr Auge zuf?llig auf Rath Frühbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise Platz machte.

?Ne, so 'was lebt nicht!? rief sie pl?tzlich im gr??ten Erstaunen aus. ?Da ist er ja – wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein vortreffliches Pl?tzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf k?nnen Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir noch dazu!?

?Liebe, beste Frau,? sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau Müller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht übel Lust zu haben schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Müller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende Anrede reizte sie ganz besonders: ?Der Teufel ist Ihre ?liebe, beste Frau!? rief sie zornig und schien nicht übel Lust zu haben, den schon ge?ffneten Schirm wieder zu schlie?en. ?Sie sollen mir aber vor's Messer, darauf k?nnen Sie sich verlassen, und wenn ich....?

?Heh, Droschke! Droschke!? rief der Staatsanwalt auf die Stra?e hinaus. Er begriff nicht recht, was Rath Frühbach mit der Frau haben oder gehabt haben konnte, hatte aber auch keine gro?e Lust, einem etwaigen Streit zuzuh?ren, und der Wagen, der gerade zuf?llig gegenüber eine ?Fuhre? abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher h?rte auch den Ruf und lenkte um, und mit einem kurzen Gru? gegen den Rath sprang der Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier im Thorweg, und au?erdem noch durchaus na?, das Unwetter abwarten? Nein – hier drinnen wüthete es ?rger als drau?en, und einen herzhaften Entschlu? fassend, spannte er mit einem pl?tzlichen Ruck seinen Schirm, sagte ?Guten Morgen, Madame!? und war mit drei Schritten wieder unter der Traufe. Er h?rte noch hinter sich her etwas von ?Gerichten? und ?Hausschleichern?, aber der auf den Schirm schlagende Regen ert?dtete die Worte, und dem Sturm in die Z?hne arbeitete er sich, Madame Müller ihrem eigenen Schicksal überlassend, die Stra?e hinauf.

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