Eine gef?hrdete ?Situation?.
Sechs Wochen verflossen unter diesen Verh?ltnissen, und niemand wird es wundern, da? sich der Findling an dieses angenehme Leben gew?hnte. Wer das Elend erdulden gelernt hat, wird noch leichter das Wohlleben ertragen. Dagegen blieb es fraglich, ob Mi? Anna Walston's warme Empfindung für den Knaben sich mit der Zeit nicht abkühlen würde. Gefühle unterliegen ja ebenso dem Gesetze der Tr?gheit wie greifbare K?rper: erh?lt man die Triebkraft nicht l?nger, so kommen sie zum Stillstand. Sie war jener Zeit nur einer ?Rührung? verfallen, wie sie durch manche Scene auf der Bühne die Zuschauer gefangen nehmen. Und dennoch durfte man nicht glauben, da? das Kind für sie nur den Werth eines Zeitvertreibs, eines Spielzeugs oder einer Reclame hatte, denn sie war von Natur wirklich gutherzig angelegt. Wenn sie auch weiter für den Kleinen sorgte, so wurden ihre Liebkosungen doch kürzer, ihre Aufmerksamkeiten seltner. Dazu kommt die starke Inanspruchnahme einer Schauspielerin, die ihre Rollen zu lernen, viele Proben zu besuchen hat, und der die Vorstellungen kaum einen Abend frei lassen. Das strengt ja schlie?lich an. In den ersten Tagen hatte sie sich den Cherub früh an ihr Bett bringen lassen, wo sie mit ihm wie ein ?Mütterchen? spielte.
Das st?rte aber ihren gew?hnlich lang ausgedehnten Morgenschlummer und so verlangte sie sehr bald das Kind erst beim Frühstück. Wie freute der Kleine sich, auf einem eigens für ihn beschafften hohen Stuhle zu sitzen, und wie schmauste er mit vortrefflichem Appetit!
?Na, mein Junge, so ist's hübsch, nicht wahr? fragte sie.
– Ach ja, Mi? Anna, erwiderte er eines Tages, so gut wie das, was wir im Hospiz bekamen, wenn wir krank waren.?
Der Findling hatte eine feinere Lebensart eben noch nicht gelernt – weder Thornpipe noch O'Bodkins h?tte ihm diese ja lehren k?nnen – er war sonst zurückhaltender Natur, sanften und liebevollen Charakters und, wie wir wissen, so ganz anders als die verwahrlosen Z?glinge der Ragged-School. Wie seinem Alter, war er aber auch nach geistiger Seite weit voraus, und Mi? Anna Walston konnte das nicht entgehen. Von seiner Vergangenheit wu?te sie freilich nur das, was er ihr darüber seit seiner Befreiung aus den H?nden des Marionettenschaustellers erz?hlen konnte. Jedenfalls war er also ein Findelkind. Seine ?angeborne Vornehmheit?, wie sie es nannte, best?rkte in der Künstlerin jedoch den Glauben, da? er der Sohn einer gro?en Dame sein müsse, wie das in Dramen ja so gew?hnlich ist, ein Sohn, von dem jene sich ihrer gesellschaftlichen Stellung wegen habe lossagen müssen. Daraufhin dichtete sie sich über ihren Schützling einen ganzen Roman zusammen, der übrigens nicht einmal mehr den Reiz der Neuheit hatte. So ersann sie gewisse ?Situationen?, die in dramatischer Bearbeitung einen starken Thr?neneffect erzielen würden. Sie wollte in diesem Stücke spielen, sie versprach sich davon einen ungew?hnlichen Erfolg... sie würde sich darin hinrei?end... himmlisch zeigen u. s. w. Und als sie in Gedanken so weit gelangt war, da ergriff sie ihren Engel, umarmte ihn stürmisch, ganz wie auf der Bühne, und glaubte schon den jubelnden Beifall der Zuschauer zu h?ren.
Eines Tages sagte da der Findling, dem die Sache unheimlich zu werden anfing:
?Mi? Anna?...
– Was willst Du, mein Herzchen?
– Ich m?chte Sie etwas fragen.
– So frage nur, mein Schatz.
– Sie werden mir darum nicht b?se?
– Ich... Dir b?se werden?
– Jeder hat doch wohl eine Mutter?
– Natürlich, mein Engel, hat jedes Kind eine Mutter.
– Warum kenne ich denn dann meine Mutter nicht?
– Warum?... Ja, weil... antwortete Mi? Anna Walston verlegen, weil... das... seine Gründe hat. Sp?ter einmal... ja, das glaub' ich bestimmt... wirst Du sie schon zu sehen bekommen....
– Ich habe Sie doch sagen h?ren, da? es eine sch?ne Dame sei, nicht wahr?
– Ja, ganz gewi?!... Eine sch?ne Dame!
– Und warum denn gerade eine sch?ne Dame?
– Nun weil... nun ja, Deine Gestalt... Dein Gesichtchen... Ist er doch drollig, der liebe Kleine, mit seinen Fragen!... Uebrigens... die Situation... ja, die Situation in dem Drama erfordert, da? sie sch?n sei... vornehm... doch, das verstehst Du nicht....
– Nein, das versteh' ich auch nicht! versicherte der kleine Knabe traurig. Mir kommt es manchmal vor, als w?re meine Mama schon todt....
– Todt?... O nein!... Mach' Dir nicht solche Gedanken!... Wenn sie todt w?re, dann g?b's ja kein Stück mehr....
– Was für ein Stück?...?
Mi? Anna Walston umarmte den Kleinen, und das war am Ende die beste Antwort, die sie ihm augenblicklich geben konnte.
?Wenn sie aber nicht todt ist, fuhr der kleine Bursche mit der seinem Alter eignen Z?higkeit fort, wenn sie eine sch?ne Dame ist, warum hat sie mich denn verlassen?...
– Sie wird dazu gezwungen gewesen sein, mein Babery... gewi? ganz wider Willen... doch... bei der L?sung des Knotens...
– Mi? Anna?...
– Was willst Du noch?
– Meine Mama...
– Nun, weiter!
– Das sind Sie doch nicht?...
– Wie... ich... Deine Mama?
– Weil Sie mich ?mein Kind? nennen.
– Das sagt man so, mein Cherub, so nennt man Kinder Deines Alters immer.... Das arme Würmchen, so etwas glauben zu k?nnen!... Nein, ich bin Deine Mama nicht!... W?rst Du mein eignes S?hnchen, ich h?tte Dich nicht verlassen, Dich nicht dem Elend preisgegeben!... O, gewi? nicht!?
Mit einer neuen Umarmung beendete Mi? Anna Walston das Gespr?ch, nach dem der Findling recht betrübt davonschlich.
Armes Kind! Ob reicher oder armer Herkunft, h?chst wahrscheinlich sollte es seine Angeh?rigen niemals kennen lernen, wie so viele aufgelesene Findlinge.
Als Mi? Anna Walston ihn mit sich nahm, hatte sie freilich nicht daran gedacht, welche Pflichten ihr das für die Zukunft auferlegen würde. Ja sie hatte sich nicht einmal vorgestellt, da? dieses Baby wachsen k?nnte, da? sie für seinen Unterricht, für seine Erziehung zu sorgen haben werde. Es ist ja recht gut und sch?n, ein kleines Wesen zu liebkosen, besser aber doch noch, auch seinem Geiste die n?thige Nahrung zu gew?hren. Ein Kind zu adoptieren, schlie?t auch die Verpflichtung ein, es zum Menschen zu machen. Diese Pflicht hatte die Schauspielerin gar nicht bedacht. Freilich z?hlte der Findling jetzt kaum fünfeinhalb Jahre, in diesem Alter beginnt aber das Erwachen der geistigen F?higkeiten. Was sollte nun aus ihm werden? Er konnte ihr doch nicht bei ihren Gastspielreisen von Theater zu Theater, von Stadt zu Stadt folgen, vorzüglich wenn sie ins Ausland ging... So würde sie sich also gen?thigt sehen, ihn einer Pension anzuvertrauen... natürlich nur einer ganz guten. Auf jeden Fall würde sie ihn niemals verlassen.
Eines Tages bemerkte sie gegen Elisa:
?Er entwickelt sich alle Tage besser. Hast Du das nicht beobachtet? Welch' empfindsame Natur! O seine Liebe wird mir lohnen, was ich für ihn that!... Und dann... wie frühreif! Alles will er wissen. Ich finde sogar, er ist überlegter, als er es bei seiner Jugend sein sollte... und er hat sich für meinen Sohn halten k?nnen! Der arme Kleine! Ich dürfte doch seiner Mutter schwerlich ?hnlich sein!... Das war gewi? eine sinnende, ernste Frau. Sprich doch, Elisa, wir werden ja einmal daran denken müssen....
– Woran denn?
– Was aus ihm werden soll.
– Aus ihm werden?... Jetzt schon?...
– Nein, jetzt noch nicht, meine Liebe; jetzt mag er noch wie eine Blume freudig aufwachsen... Nein, sp?ter... sp?ter, wenn er sieben bis acht Jahre z?hlt. Ist das nicht das Alter, mit dem die Kinder gew?hnlich in eine Pension kommen??
Elisa wollte ihr schon entgegenhalten, da? der Junge doch an die Lebensweise in einer Pension schon gew?hnt sein müsse – sie hatte ja Recht, freilich nur in Bezug auf die Lebensweise in der Lumpenschule – und ihrer Meinung nach w?re es am besten, wenn er baldigst wieder einer, natürlich besseren Anstalt übergeben würde. Mi? Anna Walston lie? sie darüber gar nicht zu Worte kommen.
?Sag' einmal Elisa...?
– Was denn, Mi? Anna?
– Glaubst Du, da? unser Cherub Lust zum Theater haben k?nnte?
– Er?...
– Ja. Betrachte ihn nur genau. Er hat ein hübsches Gesicht, pr?chtige Augen und tadellose Haltung. Das erkennt man schon, und ich bin überzeugt, da? er einen entzückenden Liebhaber abgeben würde....
– Halt... halt... halt, Mi? Anna! Sie lassen Ihren Gedanken die Zügel schie?en!
– Ei, ich werde ihm Kom?die spielen lehren. Der Schüler der Mi? Anna Walston!... Ahnst Du den Effect?
– In fünfzehn Jahren....
– Zugegeben, Elisa, in fünfzehn Jahren, doch ich sage Dir, in fünfzehn Jahren wird er der reizendste junge Mann sein. Alle Frauen werden...
– Vor Eifersucht umkommen, fiel Elisa ein. Das kenne ich schon. Doch, Mi? Anna, wollen Sie meine aufrichtige Meinung h?ren?
– Nun, und die w?re?...
– Aus diesem Kinde wird im Leben kein Schauspieler werden.
– Ja, warum denn nicht?
– Weil der Junge zu ernsthaft ist.
– Das ist wohl wahr, gab Mi? Anna Walston zu, doch... wir werden ja sehen....
– Und Zeit genug haben wir dazu, Mi? Anna!?
Gewi? war's dazu Zeit genug, und wenn der Findling dann, trotz der Vermuthung Elisas, Neigung für das Theater zeigte, war ja alles gut.
Inzwischen kam der Mi? Anna Walston ein herrlicher Gedanke, wie solche ihr ganz ausschlie?lich eigen zu sein schienen: sie wollte das Kind baldigst auf der Bühne von Limerick einmal auftreten lassen.
Wenn der und jener das auch als eine wahnsinnige Idee verurtheilen mochte, so zeigte sich doch, da? dieses ?einzige Auftreten?, wie die Placate ankündigten, von ganz bedeutender Wirkung zu sein versprach.
Mi? Anna Walston studierte jetzt aufs neue ein ?Rührstück mit Knalleffecten? ein, wie solche im englischen Repertoire gar nicht selten sind. Dieses Drama, richtiger Melodrama, mit dem Titel ?Die Reue einer Mutter?, hatte bereits einer ganzen Generation Thr?nen genug entlockt, um die Flüsse des Vereinigten K?nigreichs damit speisen zu k?nnen.
In diesem Stücke des Dramaturgen Furpill kam, wie allemal, eine Kinderrolle vor – ein Kind, das die Mutter nicht hatte behalten k?nnen, das sie ein Jahr nach seiner Geburt verlassen mu?te, w?hrend sie es sp?ter elend wiederfand und man es ihr aufs neue rauben wollte u. s. w.
Selbstverst?ndlich war das eine stumme Rolle. Der kleine Figurant, der sie spielte, hatte nur alles mit sich geschehen, sich umarmen, küssen, an einen Mutterbusen drücken und sich hierhin und dorthin zerren zu lassen, ohne je ein Wort zu sprechen.
Unser Held schien zu einer solchen Rolle ja wie geschaffen. Er hatte das richtige Alter und die passende Gr??e, dazu ein bleiches Gesichtchen mit Augen, die gar oft geweint hatten. Welcher Effect, wenn man ihn auf der Bühne s?he und hier gerade mit seiner Adoptivmutter! Mit welcher Begeisterung, welchem Feuer würde diese die fünfte Scene des dritten Actes spielen, die gro?e Scene, in der sie das Kind vertheidigt, das man ihr wieder entrei?en will! Hier kamen ja die thats?chlichen Verh?ltnisse den erdichteten zu Hilfe. Dabei entrang sich der Künstlerin unzweifelhaft ein aufrichtiger Schmerzensschrei und vergo? sie gewi? wirkliche Thr?nen... kurz, es winkte ihr ein Triumph ohne Gleichen.
Die Vorbereitungen nahmen ihren Anfang und der kleine Knabe mu?te den letzten Proben beiwohnen.
Das erste Mal erstaunte er ungemein über alles, was er da sah und h?rte. Mi? Anna Walston nannte ihn wohl, gem?? dem Texte der Rolle, ?mein Kind?, es schien ihm aber, als ob sie ihn nicht so innig wie sonst umschl?nge und keine Thr?nen verg?sse, wenn sie ihn an ihr Herz zog. Wozu auch weinen bei Theaterproben? Wozu die Augen abnutzen? Dazu war's bei der Aufführung Zeit genug.
Auf den kleinen Knaben machte übrigens alles einen tiefen Eindruck... die sperrigen Gestelle der Coulissen; die etwas feuchtmodrige Luft, der gro?e, leere Zuschauerraum, in den nur kleine Fenster über der h?chsten Gallerie wenig Licht eindringen lie?en, das Ganze sah so traurig aus, wie ein Haus mit einem Todten darin. Immerhin that Sib – so hie? der Kleine in dem Stücke – was man von ihm verlangte, und Mi? Anna Walston prophezeite ihm schon den sch?nsten Erfolg... und sich natürlich mit.
Vielleicht wurde diese Zuversicht nicht allgemein getheilt. Der Künstlerin fehlte es ja, vor allem unter den Colleginnen, nicht an Neidern. Sie hatte diese verletzt durch ihre eigenwillige Pers?nlichkeit, ihre Launen, gewi? ohne Absicht und ohne da? sie es merkte, und wer h?tte ihr das auch mittheilen sollen? Jetzt erkl?rte sie nun, eine Folge der Erregbarkeit ihres Temperaments, gar noch, der Kleine, der jetzt kaum so hoch wie ein Ritterstiefel war, werde noch einen Kean, einen Macready und andre Gr??en der heimischen Bühne ausstechen. Das ging doch über alles Ma? hinaus.
Endlich kam der Tag der ersten Aufführung.
Es war am 19. October, an einem Donnerstage. Mi? Anna Walston befand sich natürlich in hochgradiger Aufregung. Einmal ergriff sie Sib, umarmte ihn und schüttelte ihn mit nerv?ser Gewalt, dann wieder reizte sie seine Gegenwart und sie schob ihn weg, w?hrend dieser nichts von allem begriff.
Am Abende der ersten Aufführung str?mten die Leute in hellen Haufen nach dem Theater in Limerick. Der Theaterzettel hatte eine ganz au?ergew?hnliche Zugkraft geübt.
Gastvorstellung
der Mi? Anna Walston,
Die Reue einer Mutter.
Schauspiel von dem
berühmten Furpil.
Personen:
Die Herzogin von Kendalle... Mi? Anna Walston.
Sib, dargestellt von deren Pflegesohne, der ?Findling? genannt, z. Z. 5 Jahre 9 Monate alt... u. s. w.
Wie stolz w?re der kleine Bursche gewesen, wenn er vor diesem Anschlage gestanden h?tte. Er konnte ja lesen, und hier stand sein Name schwarz auf wei? in gro?en Buchstaben.
Dieser Stolz w?re freilich bald gedemüthigt worden. In der Garderobe der Mi? Anna Walston erwartete ihn ein wirklicher Kummer.
Bis zum heutigen Abend hatte er keine ?Costümprobe? gehabt, weil man das für unn?thig erachtete. Er war also stets mit seinen besten Kleidern nach dem Theater gegangen. Jetzt brachte aber Elisa, w?hrend sich Mi? Anna als Herzogin von Kendalle schmückte, für ihn eine ganz zerfetzte Tracht herbei, die sie ihm anzulegen begann, scheinbar schmutzige, zerrissene Lumpen, die freilich auf der Innenseite v?llig sauber waren. In dem rührseligen Stücke ist Sib in der That ein verlassenes Kind, das seine Mutter in den dürftigsten Verh?ltnissen wiederfindet, seine Mutter eine Herzogin, eine Sch?nheit in Sammet, Seide und duftigen Spitzen.
Als er den Anzug sah, glaubte der kleine Knabe zuerst, er solle nach der Lumpenschule zurückgeschickt werden.
?Mi? Anna... Mi? Anna! rief er schluchzend.
– Was willst Du? fragte die Künstlerin.
– Schicken Sie mich nicht wieder zurück, bitte, bitte!
– Dich zurückschicken?... Warum denn?
– Hier die alten, schlechten Kleider...
– Nein... was er sich gleich einbildet!
– Ach was, halte still, kleiner Querkopf! fiel Elisa ein, die ihn mit fester Hand anfa?te.
– Ach, die Engelsliebe!? sagte Mi? Anna tiefgerührt.
Und mit feiner Pinselspitze malte sie sich leicht geschwungne Augenbrauen.
?Das sü?e Herz... wenn das jemand von den Zuschauern wü?te!?
Sie legte etwas Roth auf die Wangen.
?Die Leute sollen's aber erfahren, Elisa. Morgen schon steht es in den Bl?ttern, da? er hat glauben k?nnen...?
Sie warf sich eine kostbare wei?e Hülle um die Schultern.
?O über den seltsamen Babish!... Jene schlechten Kleider... ach, es ist zum Lachen...
– Zum Lachen, Mi? Anna?...
– Ja, weinen darf man ja nicht.?
Sie h?tte wohl Thr?nen vergossen, fürchtete aber ihre künstlische F?rbung zu besch?digen.
Elisa bemerkte jedoch kopfschüttelnd:
?Sie sehen, Mi? Anna, da? wir aus dem nie einen Kom?dianten machen werden!?
Der Findling lie? sich inde?, eingeschüchtert und recht schweren Herzens, die Lumpen für die Rolle Sibs anlegen.
Da kam Mi? Anna Walston auf den Gedanken, ihm eine gl?nzende Guinee zu schenken, das sollte ihn beim ersten Auftreten ermuntern. Schnell getr?stet, nahm der Kleine das Goldstück hastig an und steckte es, nach geh?riger Besichtigung, tief in seine Tasche.
Nachher streichelte ihm die Künstlerin noch einmal die Wangen und begab sich nach der Bühne hinunter, indem sie Elisa beauftragte, ihn in der Garderobe zu behalten, da er erst im dritten Acte aufzutreten hatte.
Heute Abend füllten die feine Welt und die bessern Kreise überhaupt das Theater vom Orchester bis zum Schnürboden, obgleich dieses Stück keine Novit?t war. Schon seit zw?lf bis dreizehn Jahren hatten es alle Bühnen des Vereinigten K?nigreichs aufgeführt, was effectreichen Stücken selbst untergeordneten Wertes ja nicht selten widerfuhr.
Der erste Act verlief nach Vorschrift. Mi? Anna Walston erntete rauschenden Beifall, den sie durch die Leidenschaft ihres Spiels und den Glanz ihres Talents von den hingerissenen Zuschauern gewi? verdiente.
Nach dem ersten Acte begab sich die Herzogin von Kendalle nach ihrer Garderobe zurück und legte hier, zum gr??ten Erstaunen Sibs, ihre Seiden- und Sammetkleidung ab, um diese mit der Tracht einer einfachen Magd zu vertauschen – wie es die, übrigens recht altersgraue Entwickelung des Dramas verlangte.
Der Findling starrte die Dame in Sammet an, die zu einer Frau in grober Wolle wurde. Ihn beunruhigte das mehr und mehr, denn es schien ihm, als wenn eine Fee jene phantastische Ver?nderung vor seinen Augen durchführte.
Dann t?nte die Stimme des Inspicienten bis zur Garderobe herauf, eine Stentorstimme, die ihn erzittern machte, und die ?Magd? gab ihm ein Zeichen mit der Hand und sagte:
?Nun, aufgepa?t, Findling, jetzt kommst Du bald dran.?
Damit stieg auch sie nach der Bühne herunter.
Zweiter Act: Die Magd erntet den gleichen Beifall, wie die Herzogin im ersten, und der Vorhang mu? unter dreifachem Applaus ebenso viele Male wieder aufgezogen werden.
Den ?guten Freundinnen? und deren getreuen Schildknappen fehlte es demnach an Gelegenheit, sich an Mi? Walston zu reiben.
In ihrer Garderobe warf sich diese etwas ermüdet auf ein Sopha, obgleich sie ihren h?chsten dramatischen Triumph erst im folgenden Acte ausspielen wollte.
Noch einmal wechselte sie das Costüm; jetzt verwandelt sie sich aus der Magd zur Dame, zu einer etwas weniger jugendlich erscheinenden Dame in Trauer, denn zwischen dem zweiten und dritten Aufzuge liegen fünf Jahre.
Regungslos in seiner Ecke macht der kleine Knabe gro?e Augen, ohne ein Wort zu ?u?ern. Die etwas angegriffene Mi? Anna Walston beachtet ihn zun?chst nicht weiter.
Nach Beendigung ihrer Toilette beginnt sie:
?Nun, Kleiner, nun kommst Du auf die Bühne.
– Ich, Mi? Anna?...
– Wei?t Du denn noch, da? Dein Name da ?Sib? ist?
– Sib?... Ja wohl.
– Elisa, sch?rfe ihm ja noch einmal ein, da? er Sib hei?t, bis zum Augenblicke, wo Du ihn dem Regisseur neben der Thür zuführst.
– Gewi?, Mi? Anna.
– Und da? er nur das Stichwort nicht verfehlt! Du wei?t übrigens, wendete die Künstlerin sich, mit den Finger drohend, an den Knaben, Du wei?t, da? Dir sonst Deine Guinee wieder genommen wird. Also Achtung vor der Geldbu?e....
– Und vor dem Gef?ngni?!? setzte Elisa dazu, ihn mit strengem Blicke musternd.
Genannter Sib sah nach, ob die Guinee, die er sich schon nicht wieder abnehmen lassen würde, noch in seiner Tasche war.
Jetzt kam der gro?e Moment. Elisa fa?te ihn an der Hand und ging mit ihm nach der Bühne hinunter.
Sib war anf?nglich ganz verwirrt durch die vielen Flaschenzüge und Seile, wie über die von allen Seiten strahlenden Gasflammen und das Durcheinander von Figuranten und Schauspielern, die ihn l?chelnd betrachteten.
Der arme Kleine sch?mte sich wirklich in seiner zerfetzten Hülle.
Endlich ert?nte das Zeichen zum Anfang.
Sib zitterte, als h?tten die Glockenschl?ge seinen Rücken getroffen.
Der Vorhang rauschte empor.
Die Herzogin von Kendalle war allein auf der Bühne und sprach in der eine ?rmliche Hütte darstellenden Decoration einen Monolog. Bei einem gewissen Stichworte sollte sich die Thür im Hintergrunde ?ffnen, ein Kind eintreten, auf sie zugehen und bittend die Hand ausstrecken; in diesem Kinde sollte sie das ihrige erkennen.
Hier sei erw?hnt, da? der Findling schon bei den Proben immer sehr betrübt darüber war, da? er um ein Almosen betteln sollte, wogegen sich sein natürlicher Stolz ja bereits in der Lumpenschule auflehnte. Mi? Anna Walston hatte ihm zwar wiederholt erkl?rt, da? es sich hier nicht um ein wirkliches Betteln handelte, das beruhigte ihn jedoch noch nicht. In seiner Naivit?t nahm er die Sachen für Ernst und glaubte schlie?lich wirklich, da? er der unglückliche kleine Sib sei.
In Erwartung seines Auftretens und w?hrend ihn der Regisseur an der Hand hielt, lugte er durch die nur angelehnte Thür. Mit gr??ter Verblüffung durchflogen seine Augen den gefüllten Zuschauerraum, der wie in einem Lichtmeer gebadet erschien, theils von den Girandolen der einzelnen R?nge und theils von dem gro?en, einem feurigen Ballon ?hnlichen Kronleuchter. Das war ein so ganz andres Bild, als er es bei seinen wenigen Theaterbesuchen von der Loge aus gesehen hatte.
Da raunte der Regisseur ihm zu:
?Achtung, Sib!
– Ja, ja, Herr....
– Du wei?t... Du gehst grade auf Deine Mama zu. Hüte Dich, nicht etwa zu fallen.
– Ich werde mich vorsehen.
– Und strecke hübsch die Hand aus...
– Ja; nicht wahr, so hier??
Er zeigte dabei eine fest geschlossene Hand.
?Nein, Dummkopf!... Du machst ja eine Faust und mu?t doch die Hand offen hinhalten, wenn Du um eine Gabe bittest....
– Ach ja, Herr....
– Und vor allem, sprich kein Wort... keine Silbe!
– Nein, Herr....?
Die Thür der Hütte ?ffnete sich und der Regisseur schob den Findling genau beim Stichworte hinein.
Der kleine Knabe hatte sein Debüt in der theatralischen Laufbahn. O, wie klopfte ihm das Herz!
Vom Zuschauerraume her t?nte ein Gemurmel, ein Ausdruck teilnehmenden Mitleids, w?hrend Sib, mit gesenkten Augen und ungewissen Schritten herankommend, gegen die trauernde Dame die Hand ausstreckte. Die Zuschauer glaubten herauszufinden, da? er solche Lumpen gew?hnt gewesen war.
Man bereitete ihm einen ?Empfang?, was den Kleinen noch mehr verwirrte.
Pl?tzlich erhebt sich die Herzogin, sie starrt ihn an, sinkt zurück und ?ffnet die Arme.
Ein markdurchdringender Schrei nach allen Regeln der Kunst.
?Er ist's!... Er ist's!... Ich erkenne ihn wieder!... Das ist Sib, mein... mein Kind!?
Darauf zieht sie ihn an sich, drückt ihn ans Herz, bedeckt ihn mit Küssen... er l??t sie gew?hren. Sie weint – diesmal leibhaftige Thr?nen – und schluchzt:
?Mein Kind... mein Kind ist es, dieser kleine Unglückliche, der mich um ein Almosen anfleht!?
Das ergreift den armen Sib.
?Ihr Kind, Mi? Anna? fragte er trotz der Mahnung, kein Wort zu sprechen.
– Schweig doch!? zischelt ihm die Künstlerin heimlich zu.
Dann f?hrt sie fort:
?Um mich zu strafen, hatte der Himmel mir ihn genommen, heute giebt er ihn mir wieder!?
Unter diesen von Seufzern unterbrochenen Worten verzehrt sie Sib fast mit ihren Küssen, überschüttet sie ihn fast mit ihren Thr?nen. Niemals, nein, niemals war der kleine Knabe so stürmisch geherzt und gepre?t worden, nie hatte er sich so mütterlich geliebt gefühlt.
Die Herzogin erhebt sich, als h?re sie Ger?usch von drau?en.
?Sib, ruft sie, Du wirst nicht von mir gehen!
– Gewi? nicht, Mi? Anna!
– So schweig doch nur!? ruft sie auf die Gefahr hin, von den Zuschauern geh?rt zu werden.
Die Thür der Hütte wird hastig aufgesto?en. Zwei M?nner erscheinen auf der Schwelle.
Der erste ist der Gemahl der Trauernden, der andre ein Gerichtsdiener, der jenen zur Unterstützung begleitet.
?Ergreifen Sie dieses Kind... es geh?rt mir!
– Nein, das ist Dein Sohn nicht! antwortet die Herzogin, die Sib ein Stück hinwegzieht.
– Sie sind nicht mein Papa!? erkl?rt der kleine Junge laut.
Die Fingerspitzen der Mi? Anna Walston haben sich so tief in seinen Arm eingebohrt, da? ihm ein Schrei entf?hrt. Dieser Schrei pa?t ja zur Situation und compromittiert sie nicht. Jetzt ist es eine Mutter, die ihn an sich pre?t... keiner soll ihr das Kind entrei?en k?nnen. Eine L?win vertheidigt ihr Junges....
Der kleine sich str?ubende L?we, der den Vorgang für Ernst nimmt, wird zu widerstehen wissen. Der Herzog hat sich seiner bem?chtigt; er entschlüpft ihm und eilt auf die Herzogin zu.
?Ach, Mi? Anna, ruft er weinend, warum haben Sie mir gesagt, da? sie nicht meine Mama sind?
– Wirst Du schweigen, Unglücksvogel!... Wirst Du endlich schweigen! murmelt sie, w?hrend Herzog und Gerichtsdiener bei diesen unerwarteten Zwischenreden ganz aus der Rolle fallen.
– Ja, ja... antwortet Sib, Sie sind doch meine Mama... ich hatte es Ihnen ja gesagt, Mi? Anna... meine richtige Mama.?
Die Zuschauer begreifen allm?hlich, da? das nicht zum Stücke geh?rt; sie kichern und l?cheln, einige klatschen scherzweise Beifall. Eigentlich h?tten sie weinen sollen, denn es war rührend zu sehen, wie das Kind in der Herzogin von Kendalle seine leibliche Mutter zu erkennen w?hnte.
Die ?Situation? blieb aber – so oder so – compromittiert. Man fing an zu lachen, wo h?tte man weinen sollen, und um den gro?en Auftritt war es geschehen.
Mi? Anna Walston erfa?te die ganze L?cherlichkeit der Lage. Ihre vortrefflichen Collegen raunten ihr ironische Bemerkungen zu.
Au?er sich vor Erregung ergriff sie eine blinde Wuth. Den kleinen Dummkopf, der die Ursache all dieses Unheils war, h?tte sie vernichten m?gen!... Da schwanden ihr die Kr?fte, sie fiel auf die Bühne nieder und der Vorhang senkte sich unter homerischem Gel?chter der Zuschauer.
Noch in derselben Nacht verlie? Mi? Anna Walston, die man nach dem Royal-George-H?tel geschafft hatte, die Stadt in Begleitung der Elisa Corbett. Sie verzichtete auf die für die folgende Woche angekündigten Vorstellungen und entrichtete deshalb die übliche Conventionalstrafe. Auf dem Theater in Limerick wollte sie nie wieder auftreten.
Um den kleinen Knaben hatte sie sich gar nicht weiter gekümmert. Sie entledigte sich seiner wie eines Dinges, das ihr nicht mehr gefiel und dessen Anblick ihr verha?t war. Bei dem Frostschauer der Eigenliebe erstarrt jede andre Neigung.
* * *
Der Findling, der sich allein sah, nichts begriff, aber doch ahnte, da? er ein gro?es Unglück angerichtet haben müsse, hatte sich unbemerkt geflüchtet. Aufs Gradewohl durchirrte er die ganze Nacht die Stra?en von Limerick und verkroch sich endlich in eine Art gro?en Garten mit da und dort verstreuten H?uschen und steinernen, von Kreuzen überragten Tafeln. In der Mitte erhob sich ein gewaltiges Bauwerk, das an der vom Mondschein nicht getroffenen Seite sehr düster aussah.
Dieser Garten war der Friedhof von Limerick – eine jener englischen Todtenst?tten mit Buschwerk, blühenden Pflanzen, besandeten Wegen, mit Rasenfl?chen und kleinen Springbrunnen, wodurch das Ganze zum vielbesuchten Spaziergang wird. Die Tafelsteine waren Gr?ber, die kleinen H?user Grüfte, das gro?e Bauwerk die Kathedrale der heiligen Maria.
Hier hatte das Kind Zuflucht gefunden und verbrachte es die Nacht auf einer Steinplatte im Schatten der Kirche, beim geringsten Ger?usche zitternd vor Furcht... da? der b?se Mann, der Herzog von Kendalle, es suchen k?nnte. Und nun war auch Mi? Anna nicht zu seiner Vertheidigung da! Man werde ihn, so meinte er, weit wegführen in ein unbekanntes Land, wo er seine Mama nicht wieders?he... und gro?e Thr?nen perlten ihm aus den Augen.
Mit Tagesanbruch h?rte der Findling eine Stimme, die ihn anrief.
Unfern von ihm standen ein Mann und eine Frau, ein Farmer und dessen Gattin. Beim Vorübergehen hatten sie den Kleinen bemerkt. Beide begaben sich nach dem Bureau des ?ffentlichen Fuhrwesens, von wo aus ein Wagen nach dem Süden der Grafschaft abgehen sollte.
?Was machst Du da, Kleiner?? fragte der Mann.
Der Knabe schluchzte, da? er kein Wort hervorbringen konnte.
?Nun, was hast Du denn da vor?? erklang jetzt die sanftere Stimme der Frau.
Der Findling schwieg noch immer.
?Wer ist Dein Vater? fuhr sie fort.
– Ich habe keinen Vater, antwortete er endlich.
– Aber Deine Mutter?...
– Ich habe keine mehr!?
Dabei streckte er die Arme gegen die Farmersfrau aus.
?Es ist ein verlassnes Kind,? sagte der Mann.
H?tte der Findling noch seine sch?ne Kleidung getragen, so würde der Farmer ihn für ein verirrtes Kind und sich für verpflichtet gehalten haben, es den Seinigen wieder zuzuführen. In den Lumpen Sibs aber konnte es nur einer jener kleiner Unglücklichen sein, die niemand angeh?rten.
?So komme mit!? schlo? der Farmer.
Dabei hob er ihn schon auf, legte ihn seiner Frau in die Arme und sagte mit freundlicher Stimme:
?So ein Bübchen mehr im Hause, das merken wir auch nicht. Nicht wahr, Martine?
– Nein Martin!?
Und mit einem herzhaften Kusse l?schte die gute Frau die Thr?nen des kleinen Knaben.