Genre Ranking
Get the APP HOT

Chapter 10 No.10

Was sich in Donegal zugetragen hatte.

Wir dürfen jetzt nicht unerw?hnt lassen, da? dem Farmer Mac Carthy der Gedanke gekommen war, wegen des Civilverh?ltnisses seines Adoptivkindes Nachforschungen anzustellen. Bekannt war dessen Lebensgeschichte ja nur seit dem Tage, wo gute Menschen den Knaben der schlechten Behandlung des Puppenschaustellers entzogen. Bezüglich seiner früheren Existenz hatte der Kleine, wie wir wissen, eine unklare Erinnerung davon bewahrt, da? er bei einer recht b?sen Frau, zugleich mit einem oder auch zwei M?dchen, in einem D?rfchen des inneren Donegal gewohnt hatte. Nach dieser Seite hin mu?te Martin seine Nachforschungen also richten.

Dadurch erhielt er aber nur folgende Aufschlüsse: Im Armenhause von Donegal fand sich die Spur eines achtzehnmonatlichen Kindes, das unter der Bezeichnung ?Der Findling? aufgenommen und sp?ter in ein Dorf der Grafschaft an eine Frau abgegeben worden war, die sich mit dem Aufziehen kleiner Kinder gegen Entgelt befa?te.

Wir wollen diese Nachricht durch weitere uns zugegangene Aufkl?rungen vervollst?ndigen. Diese ergeben freilich nur die ganz gew?hnliche Geschichte kleiner, unglücklicher Wesen, die der ?ffentlichen Fürsorge anheimgefallen sind.

Donegal, mit einer Bev?lkerung von zweimalhunderttausend Seelen, ist vielleicht die aller?rmste Grafschaft in der Provinz Ulster, ja in ganz Irland. Vor einigen Jahren gab es dort kaum zwei Matratzen und acht Strohs?cke auf je viertausend Einwohner. In jenen unfruchtbaren n?rdlichen Gebieten der Insel fehlt es nicht an willigen Armen für den Landbau, wohl aber an anbauf?higem Boden. Der ausdauernste Arbeiter ersch?pft sich dort vergebens. Im Innern sieht man nichts als dürre Thalmulden, ?de Schluchten, hügeliges Land, Steinwüsten, sandige Dünen, g?hnende Torfmoore, wie sumpfige Strecken, überragt von steilen H?hen, wie den Glendowan- und den Derryveaghbergen, kurz ein ?zerbrochenes Land?, wie die Engl?nder sagen. An der Küste finden sich Baien und Fjorde, Buchten und Einschnitte, die ebenso viele Aush?hlungen bilden, worin die Winde vom hohen Meere sich fangen.... riesige Granitorgeln, die der Ocean mit vollen Lungen anbl?st. Gerade Donegal ist den von Amerika herüberbrausenden Stürmen, die unterwegs noch locale Wirbel mit sich fortrei?en, in erster Linie ausgesetzt. Es ist wirklich eine Eisenküste nothwendig, um dem Anprall der wüthenden Nordwestwinde zu widerstehen.

Vorzüglich die Bai von Donegal, an der der Fischerhafen gleichen Namens liegt und die gleich einem Haifischrachen aus dem Lande geschnitten ist, leidet unter diesen von Seenebeln geschw?ngerten Luftstr?mungen. Durch das im Hintergrunde der Bai gelegene St?dtchen fegt immer eine scharfe Brise. Die umliegende Hügelwand vermag die Schneestürme nicht zu brechen, und diese haben noch nichts von ihrer Wuth verloren, wenn sie das Dorf Rindok, sieben Meilen von Donegal, erreichen.

Ein Dorf?... Nein. Kaum zehn l?ngs einer engen Thalschlucht verstreute Hütten, zwischen diesen ein Wasserlauf, der im Sommer ein dürftiger Wasserfaden, im Winter oft ein brausender Strom ist. Von Donegal nach Rindok giebt es keinen gebahnten Weg, nur einige Pfade, die kaum für die landesüblichen Karren benutzbar sind, welche man mit den klugen, sicher auftretenden irl?ndischen Pferden bespannt. Auch ein Jaunting-car rollt wohl zuweilen mühsam darüber. Trotz den in Irland schon vorhandenen Eisenbahnen scheint der Tag noch sehr fern zu sein, wo das Dampfro? regelm??ig das Gebiet von Ulster durcheilt. Flecken und D?rfer sind ja auch zu selten, das Ziel der meisten Reisenden sind nur einfache Pachth?fe.

Da und dort lugen jedoch einige Schl?sser aus üppigem Grün hervor und erg?tzen das Auge durch den phantastischen Schmuck ihrer angels?chsischen Bauart. So mehr im Nordwesten und nach Milford zu der Herrschaftssitz Carrikhart inmitten einer ausgedehnten Dom?ne von neunzigtausend Acres (36.000 Hektar), das Besitzthum des Grafen von Leitrim.

Die H?uschen oder Hütten des Dorfes Rindok – gew?hnlich nennt man sie nur ?Cabinen? – haben alle Strohd?cher, die zwar gegen die Winterregen nicht besonders schützen, im Sommer aber mit blühenden Levkojen und mit wucherndem Hauslaub bedeckt sind. Ein solches Strohdach liegt auf W?nden aus getrocknetem Lehm, der nothdürftig mit Kieselschichten verst?rkt ist, und die meist so viele Risse zeigen, da? sie kaum mit der Ajoupa der Wilden oder der Isba der Kamtschadalen einen Vergleich aushalten. Man würde nicht glauben, da? solche Eulennester menschlichen Wesen zur Wohnung dienen, ohne den bl?ulichen Rauch, der aus der Blumendecke hervorwirbelt. Holz oder Steinkohle erzeugen diesen Rauch freilich nicht, nur Torf aus den benachbarten Sümpfen, der ?Bog? von rostbrauner Farbe, den sich die Bewohner von Rindok nach Bedarf aus der nassen Erde schneiden.[4]

Durch K?lte umzukommen, brauchte in diesem rauhen Lande niemand zu fürchten, leider aber weit eher durch Hunger. Der Boden liefert hier kaum einige Gemüse und wenige Früchte; nichts will recht gedeihen, mit einziger Ausnahme der Kartoffeln.

Als Zulage zu der dürftigen Nahrung hat der Bauer von Donegal h?chstens gelegentlich eine Gans oder eine Ente, und auch davon nur die wild vorkommenden, da sie weniger gezüchtet werden. Das Wild, Hasen, wilde Kaninchen u. dergl., geh?rt allemal dem Landlord. Weiter giebt es, in den Schluchten zerstreut, einige Ziegen, die etwas Milch liefern, und schwarzborstige Schweine, die sich mühsam ihr Futter suchen müssen. Das Schwein ist hier der wirkliche Hausfreund, ganz wie der Hund in mehr begünstigten L?ndern. Es ist ?der Herr, der die Rente bezahlt?, wie der bezeichnende Ausspruch lautet.

Eine der erb?rmlichsten Hütten von Rindok enthielt folgendes: einen einzigen Wohnraum, den eine wurmzerfressene, windschiefe Thür abschlie?t; zwei L?cher zur Rechten und zur Linken, die durch eine Lage dürres Stroh etwas Licht und Luft eindringen lassen; auf dem Fu?boden eine Decke von Schmutz; an den Dachsparren Fetzen von Spinngewebe; im Hintergrunde einen Herd, dessen Rauchfang bis zum Strohdach hinausreicht; ein elendes Lager in einem Winkel, eine Streu im andern. An Mobiliar fand sich eine bucklige Bank, ein wackliger Tisch, ein alter Kübel mit grünlichen Schimmelstreifen, ein Spinnrad mit knarrender Kurbel. Als Ger?the ferner ein Kochtopf, eine kleine Pfanne, einige wohl kaum jemals gereinigte N?pfe und zwei oder drei Flaschen, die mit Wasser aus dem Bache gefüllt wurden, nachdem sie von dem vorher darin enthaltenen Whisky oder Gin geleert waren. Da und dort hingen oder lagen Fetzen und Lumpen umher, die kaum noch die Form von Kleidungsstücken verriethen, und etwas schmutzige W?sche, die entweder im Kübel eingeweicht war oder drau?en auf einer Stange zum Trocknen hing. Auf dem Tische aber lag fortw?hrend eine vom vielen Gebrauch abgenutzte Ruthe. Das war das Elend im schlimmsten Grade... das Elend, wie es in den ?rmsten Stadttheilen Dublins oder Londons, in Glerkenwell, Marylebone und in Whitechapel herrscht, das irische Elend, das schlimmste von allen, das Gespenst, das in den Ghettos des Ostends spukt. Die Luft freilich ist in den Spelunken von Donegal nicht in gleicher Weise verpestet; hier athmet man die belebende Luft der Berge und die Lunge füllt sich nicht mit gef?hrlichen Miasmen, den gesundheitssch?dlichen Ausdünstungen der gro?en St?dte.

Natürlich war in dieser Hütte das Lager der Hard vorbehalten, die Streu aber für die Kinder bestimmt und... die Ruthe ebenfalls.

Die ?Hard?, so bezeichnete man die Bewohnerin, d. h. ?die Harte?, und diesen Namen verdiente sie in der That. Es war die absto?endste Meg?re, die man sich nur vorstellen kann, zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, lang und stark, mit dünnem, wirr herabh?ngendem Haar, von rothen Brauen überschatteten Augen, mit Hakenz?hnen, schnabelf?rmiger Nase, knochigen H?nden – mehr Tatzen als H?nden – mit Krallen als Fingern, nach Alkohol riechendem Athem und bedeckt mit einem zerschlitzten Hemd und zerrissenem Rocke, w?hrend sie stets barfu? ging und auch eine so derbe Haut an den Fu?sohlen hatte, da? diese nicht einmal durch das Gehen über lose Kieselsteine bel?stigt wurden.

Dieser weibliche Drache besch?ftigte sich mit dem Spinnen von Leinen, das in Irland, vorzüglich aber von den B?uerinnen in Ulster, gew?hnlich betrieben wird. Die Leinencultur liefert auch wirklich noch einige Ausbeute, obwohl sie an die der Ackerfruchternten eines besseren Bodens nicht heranreicht.

Mit dieser Arbeit, die ihr t?glich einige Pence einbrachte, verband die Hard noch eine andre – für sie ganz unpassende – Erwerbsquelle: sie zog kleine Kinder auf, die ihr von ?ffentlichen Anstalten überwiesen wurden.

Bei Ueberfüllung der Armenh?user der St?dte oder bei drohenden Seuchen schickt man diese zu bejahrteren Frauen, die ihre mütterliche Sorge ebenso verkaufen, wie sie jede andre Waare verkaufen würden, und zwar zu einem Jahrespreise von zwei oder drei Pfund Sterling (40 oder 60 Mark). Erreicht das Kind ein Alter von fünf bis sechs Jahren, so wird es an das Armenhaus zurückgegeben. Die Pflegemutter kann bei jener geringen Entlohnung für sich kaum etwas erübrigen. Und wenn solch ein Baby unglücklicher Weise in die H?nde eines Gesch?pfes ohne Herz und Gemüth f?llt – was gar so h?ufig zutrifft – so ist es nicht selten, da? es an der schlechten Behandlung und dem Mangel an Nahrung zu Grunde geht. Wie viele solcher schwachen Menschenkinder gelangen in das Armenhaus nicht wieder zurück! – Das war wenigstens der Fall vor dem Kinderschutz-Gesetz von 1889, das in Folge strenger Ueberwachung der ?Engelmacherinnen? die Sterblichkeit der auf der Stadt weggegebenen Kinder wesenlich vermindert hat.

Zur Zeit, von der wir berichten, bestand nur eine leichte oder gar keine Beaufsichtigung. In Rindok hatte die Hard weder den Besuch eines Inspectors, noch auch eine Anklage seitens der im eignen Unglück verh?rteten Nachbarn zu fürchten.

Vom Armenhause in Donegal waren ihr drei Kinder anvertraut worden, zwei kleine M?dchen von vier und von sechseinhalb Jahren, und ein Kn?blein von zwei Jahren und neun Monaten.

Natürlich waren es verlassene Kinder oder gar aus der Stra?e gefundene Waisen. Jedenfalls kannte man ihre Eltern nicht und würde man diese auch nie kennen lernen. Mit der Rückkehr nach Donegal stand ihnen blos das Work-House (Arbeitsanstalt) offen, das Work-House, das sich in allen St?dten und selbst in vielen D?rfern Gro?britanniens wiederfindet.

Im Armenhause erhielten die eingelieferten Pfleglinge den ersten besten Namen. Der des jüngsten der kleinen M?dchen interessiert uns nicht, denn sie steht nahe vor ihrem Ende. Die gr??ere hie? Sissy, eine Abkürzung von Cecily. Ein hübsches, blondhaariges Kind, das sich bei besserer Pflege gewi? vorzüglich entwickelt h?tte, war es, mit gro?en blauen, intelligenten, guten Augen, deren Klarheit durch Thr?nen freilich schon gelitten hatte. Jetzt erschienen, bei der schlechten Behandlung, ihre Züge dagegen matt und traurig, der Teint erbla?t, die Glieder abgemagert, die Brust eingesunken, und weit sprangen unter ihren Lumpen die eckigen Hüften hervor. Bei ihrem geduldigen fügsamen Charakter nahm sie jedoch das Leben hin, wie es eben war, ohne nur daran zu denken, da? es auch anders sein k?nnte. Mutterliebe und h?usliche Pflege hatte sie ja nie gekannt, und im Armenhause wurden die Kinder auch nicht viel anders behandelt, denn als kleine Thiere.

Der Knabe bei der Hard hatte gar keinen Namen. Er war im Alter von sechs Monaten an einer Stra?enecke in Donegal gefunden worden, wo er, blau im Gesicht und fast athemlos, in ein Stück grobes Leinen gewickelt gelegen hatte. Im Armenhause war er zu den übrigen Kindern gesteckt worden, ohne da? es jemand einfiel, ihm einen Namen zu geben. Aus Gewohnheit nannte man ihn einfach ?Little-Boy?, Kleiner Junge oder ?Findling?, und die Bezeichnung war ihm bekanntlich geblieben. Offenbar war er einer reichen Familie nicht etwa gestohlen worden; so etwas ist nur in Romanen beliebt.

Von den ?drei Stücken? jener Sendung war der Findling der jüngste, nur zwei Jahre neun Monate alt. Brünett, mit leuchtenden Augen, die auf erwachende Energie schlie?en lie?en, wenn sie der Tod nicht vorzeitig schlo?, zeigte er eine kr?ftige Constitution, wenn die Pestluft dieser Hütte, die unzureichende Nahrung diese nicht erschütterten und ihm dafür eine Rhachitis zuführten. Jedenfalls sollte dieser Kleine, der eine ungew?hnliche Lebenskraft besa?, allen Sch?dlichkeiten einen merkwürdigen Widerstand entgegensetzen. Immer hungrig, wog er freilich nur halb so viel, wie sonst Kinder dieses Alters. W?hrend der langen Winter Irlands immer vor K?lte zitternd, trug er über seinem zerrissenen Hemd nur ein Stück alten gerippten Sammet, in das für die Arme einfach zwei L?cher geschnitten waren. Trotz der blo?en Fü?e trabte er ruhig seines Weges. Schon die geringste Sorgfalt h?tte dieser Natur gewi? schnell Kr?fte gegeben, die sie sp?ter in Intelligenz umgesetzt h?tte. Doch wo sollte er diese Sorgfalt finden?

Das jüngste der kleinen M?dchen lag an einem schleichenden Fieber danieder. Das Leben entwich aus ihr, wie das Wasser aus einem gesprungenen Gef??e sickert. Sie h?tte Arzneien gebraucht, doch diese sind theuer; h?tte einen Arzt haben müssen, doch wo w?re ein solcher bereit gewesen, von Donegal aus so ein armes gottverlassenes Gesch?pfchen zu besuchen? Die Hard machte sich hierüber also keine Sorge. Starb die Kleine, so ?lieferte? ihr das Armenhaus einen Ersatz und sie bü?te nichts von den wenigen Schillingen ein, die für sie vielleicht noch abfielen.

Da im Rindoker Bache aber kein Gin, kein Whisky oder Porter flo?, nahm die Befriedigung der Leidenschaft dieser Trunksüchtigen freilich den gr??ten Theil des erhaltenen Pensionsgeldes in Anspruch. Augenblicklich besa? sie von der Januarzahlung im Betrag von fünfzig Schillingen für jedes Kind und für das ganze Jahr nur noch zehn bis zw?lf. Womit sollte sie nun die Bedürfnisse ihrer Pfleglinge decken? Lief sie auch nicht Gefahr, vor Durst zu sterben, da sich in einem Winkel der Hütte noch einige Flaschen versteckt fanden, so drohte doch dafür der Hungertod den Kleinen.

Zuweilen dachte die Hard wohl auch hieran, soweit es ihr von Alkohol vergiftetes Gehirn zulie?. Ein Gesuch um Zuschu? zu dem Pensionsbetrage w?re bestimmt nutzlos gewesen. Es waren zu viel Kinder vorhanden, für die die ?ffentliche Mildth?tigkeit eintreten mu?te. War sie gezwungen, ihre Pfleglinge zurückzuschicken, so verlor sie ihren Broderwerb und mu?te sie dem guten Gin Valet sagen. Das schnitt ihr ins Herz, nicht aber der Gedanke, da? das arme, kranke Würmchen seit gestern keinen Bissen genossen hatte.

Das Ergebni? solcher Betrachtungen lief immer darauf hinaus, da? sie von neuem zu trinken anfing. Jammerten die M?dchen und der kleine Knabe, so gab es Schl?ge. Verlangten sie nach Brod, so erhielten sie einen Sto?, da? sie zurücktaumelten. Natürlich konnte das nicht für immer so fortgehen. Für die wenigen Schillinge, die noch in ihrer Tasche klimperten, h?tte sie wohl oder übel einige Nahrungsmittel erkaufen müssen, denn Credit h?tte ihr niemand mehr gew?hrt.

?Nein... nein... nein! polterte sie. Die Bettelkinder m?gen lieber ins Gras bei?en!?

Es war jetzt Mitte October. In der kaum verschlossenen Hütte wurde es schon recht kalt und durch das da und dort mangelhafte Strohdach sickerte der Regen. Der Wind pfiff durch das morsche Geb?lk. Das dürftige Torffeuer vermochte keine ertr?gliche Temperatur zu erhalten. Sissy und Findling dr?ngten sich dicht aneinander, um sich nur etwas zu erw?rmen.

W?hrend das Fieber die kleine Kranke auf dem Strohlager schüttelte, schwankte die Meg?re trunken hin und her, und vorsichtig wich ihr das Kn?blein aus, den sie sonst gewi? umgesto?en h?tte. Sissy kniete neben der Leidenden und netzte deren trockene Lippen mit kaltem Wasser. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in den Kamin, worin die schwache Torfgluth zu erl?schen drohte. Auch der Topf stand nicht auf dem Dreifu?. Wozu auch? Es war ja nichts hineinzuthun im Hause.

Die Hard aber knurrte für sich:

?Fünfzig Schillinge!... Dafür soll unsereins ein Kind erhalten! Und wenn ich von den Steinkl?tzen im Armenhause einen Zuschu? verlangte, da würden sie mich sch?n heimschicken!?

Das war freilich richtig. Doch selbst bei h?herer Entsch?digung h?tten die beklagenswerten Pflegekinder der Hard auch kein Stückchen Brod mehr bekommen.

Am letzten Tage war der letzte ?Stirabout?, ein dickes, mit Wasser gekochtes Hafermehlmus, aufgegessen worden, und seitdem hatte in der Hütte niemand, auch die Hard nicht, einen Bissen über die Lippen gebracht. Die Frau selbst hielt sich mit Gin aufrecht, hütete sich aber wohl, für Nahrungsmittel auch nur einen Penny ihres letzten Geldes auszugeben. So blieb ihr nichts andres übrig, als von einem Felde einige Kartoffeln für das Abendbrod zu holen....

Da machte sich von drau?en ein tiefes Grunzen h?rbar. Die Thür wurde aufgesto?en. Ein Schwein, das durch die kothige Dorfstra?e trabte, drang in die Hütte ein.

Das hungrige Thier durchsuchte laut schnüffelnd alle Ecken und Winkel. Die Hard schlo? die Thür wieder, bemühte sich aber gar nicht, den Eindringling wieder zu entfernen, sondern sah das Thier nur mit den unst?ten Blicken eines Trunkenboldes an.

Sissy und Findling sprangen auf, um dem Borstenvieh aus dem Wege zu gehen. W?hrend dieses mit dem Rüssel den Schmutz des Fu?bodens durchwühlte, leitete es sein Instinct hinter den erloschenen Kamin, wo es eine dahin verlorene Kartoffel fand. Sofort packte es diese mit den Z?hnen.

Findling bemerkte es. Diese Knollenfrucht konnte er selbst gebrauchen. So stürzte er sich auf das Thier auf die Gefahr hin, getreten und gebissen zu werden. Dann rief er Sissy, und beide verzehrten die Kartoffel mit gierigen Lippen.

Das Thier blieb einen Augenblick stehen, dann stürzte es auf das Kind zu.

Der Findling suchte, noch mit einem Stück Kartoffel in der Hand, zu entfliehen; ohne das Dazwischentreten der Hard w?re er aber, weil er hingefallen war, gewi? arg gebissen worden, obgleich ihm Sissy schon zu Hilfe gekommen war.

Die betrunkne Frau begriff endlich, was hier vorging. Mit einem Stocke schlug sie jetzt auf das Schwein los, das nicht sobald nachgeben zu wollen schien. Ihre schlecht gezielten Streiche h?tten Findling beinahe den Kopf zerschmettert, und der Ausgang dieses Zwischenfalles w?re sehr unsicher geworden, als sich an der Thür ein leichtes Ger?usch vernehmen lie?.

Previous
            
Next
            
Download Book

COPYRIGHT(©) 2022