Ragged-School (die Lumpenschule).
?Nummer 13, was hat der?...
– Das Fieber.
– Und Nummer 9?...
– Den Keuchhusten.
– Nummer 17?...
– Auch den Keuchhusten.
– Und Nummer 23?...
– Ich glaube, der wird den Scharlach bekommen.?
Alle diese Antworten schrieb O'Bodkins in ein musterhaft geführtes Register auf die offenen Conten der erw?hnten Nummern ein. Hier war je eine Columne für den Namen der Krankheit, für die Stunde des Arztbesuches, für die verordneten Arzneien und für die Art der Verabreichung derselben angelegt, wenn die Erkrankten ins Hospital übergeführt waren. Da standen die Namen in gothischer Schrift, die Nummern in arabischen Ziffern, die Medicamente in Rundschrift und die Vorschriften in englischem Ductus – alles eingefa?t mit zierlichen Klammern in blauer Tinte und an gewissen Stellen schwarz doppelt unterstrichen, ein Muster von Kalligraphie und Uebersichtlichkeit.
?Einige von diesen Kindern sind ernstlich erkrankt, bemerkte noch der Arzt. Achten Sie darauf, da? sie sich bei der Ueberführung nicht erk?lten.
– Gewi?, ich werde schon dafür Sorge tragen, antwortete O'Bodkins gleichgiltig. Sind sie nicht mehr hier, so bin ich ihrer ledig. Wenn dann nur meine Buchführung in Ordnung ist....
– Na, und wenn sie ihrer Krankheit erliegen, unterbrach ihn der Doctor, schon nach Hut und Stock fassend, ist der Verlust, mein' ich, auch nicht so arg....
– Gewi? nicht, stimmte O'Bodkins zu. Ich schreibe sie dann in die Rubrik der Verstorbenen ein und ihr Conto wird abgeschlossen. Ist das aber geschehen, so hat niemand mehr Ursache sich zu beklagen.?
Mit einem H?ndedrucke verabschiedete sich der Arzt des Hauses.
O'Bodkins war der Director der ?Ragged-School? von Galway, einer Kleinstadt an der Bai und in der Grafschaft gleichen Namens, im Südwesten der Provinz Connaught. Nur hier dürfen die Katholiken Grundeigenthum besitzen und hierher (und nach Munster) beflei?igt sich England, das nicht protestantische Irland zurückzudr?ngen.
Man kennt die Art Leute wie O'Bodkins ja zur Genüge; auch er verdient kaum unter die liebevollen Vertreter der Menschheit gerechnet zu werden. Er ist ein untersetzter Mann, einer jener C?libat?re, die weder eine Jugend gehabt haben, noch ein Alter haben werden, die sich immer gleich bleiben und Haare haben, die weder ausfallen noch ergrauen, die mit goldener Brille, welche man ihnen im Grabe am Besten l??t, schon auf die Welt gekommen sind, die keine Nahrungs-, keine Familiensorgen kennen, ausreichend haben, was sie bedürfen, und deren Herz von zarteren Empfindungen niemals bewegt worden ist. Er geh?rt zu den, weder guten noch schlechten Gesch?pfen, die ihre irdische Laufbahn vollenden, ohne je etwas Gutes oder B?ses gethan zu haben, und die niemals unglücklich sind... nicht einmal über das Unglück andrer.
O'Bodkins war also wie von Natur zum Director einer Lumpenschule geschaffen.
Wir haben bereits gesehen, mit welch' erstaunlicher Sorgfalt, welch' peinlicher Abw?gung des Soll und Haben die Bücher des Mannes geführt waren. Im Hause standen ihm übrigens die bejahrte Mutter Kri?, an deren Munde stets die Tabakspfeife hing, und ein ?lterer Pension?r, namens Grip, helfend zur Seite. Letzterer, ein armer Teufel mit gutmüthigen Augen, einem gewissen Ausdruck von Fr?hlichkeit in den Zügen und einer für den Irl?nder charakteristischen, etwas aufgebogenen Nase, war unendlich mehr werth als Dreiviertel der elenden Kreaturen, die in dieser Art Schulhospiz Aufnahme gefunden hatten.
Diese Bewohner des Hauses waren Waisen oder verlassene Kinder, die ihre Eltern meist gar nicht gekannt hatten. Am Bachesrand oder am Feldrain geboren, auf Stra?en oder Landwegen aufgelesen, kehrten sie nach Erreichung des arbeitsf?higen Alters auch dahin zurück... ein Ausschu? der menschlichen Gesellschaft. Doch was konnte aus zwischen Pflastersteinen verstreutem Samenkorn für andre Frucht wohl erwachsen?
In der Schule von Galway befanden sich deren etwa drei?ig im Alter von drei bis zu zw?lf Jahren, alle in Lumpen gehüllt und immer hungrig, da sie sich nur von der ?ffentlichen Mildth?tigkeit ern?hrten.
Mehrere davon waren immer krank, und diese Kinder schnellten die Sterblichkeit des Ortes nicht unwesentlich in die H?he – freilich ?kein arger Verlust?, nach Aussage des Arztes.
Er hat ja damit nicht ganz Unrecht, wenn keine Erziehung im Stande ist, jene zu verhindern, einst Uebelth?ter zu werden. Und doch wohnt eine Seele auch unter diesen zerfetzten Hüllen, und bei besserer Methode gel?nge es vielleicht, so manchen zum Guten zu lenken. Jedenfalls w?re zur Erziehung und Heranbildung solcher Unglücklichen ein andrer Lehrer n?thig, als jener Hampelmann O'Bodkins, ein Lehrer, wie man solche selbst in den dürftigsten Gemeinden Irlands nicht gar so selten antrifft.
Der ?Findling? war einer der jüngsten in dieser Ragged-School. Er z?hlte jetzt kaum vierundeinhalb Jahre. Armes Kind! Es h?tte an seiner Stirn die trostlose Aufschrift ?Keine Hoffnung! Keine Aussichten!? tragen sollen. Von Thornpipe zur lebendigen Kurbel erniedrigt, dann durch das Mitleid einiger guten Seelen in Westport seinem Peiniger entrissen und nun Z?gling der Lumpenschule in Galway! Und wenn er diese einst verlie?, drohte es ihm dann nicht noch schlechter zu ergehen?
Gewi? war es lobenswerth von dem Pfarrer des Kirchspiels gewesen, dieses unglückliche Wesen aus den H?nden des Marionettenschaustellers zu befreien. Nach vielen vergeblichen Mühen mu?te man damals endlich verzichten, seine Herkunft nachzuweisen. Der ?Findling? entsann sich nur darauf, bei einer garstigen Frau gelebt zu haben, gleichzeitig mit einem kleinen M?dchen, das ihm recht zugethan, und noch einer andern, die aber gestorben war. Einen Ort wu?te er freilich nicht anzugeben. Ebenso konnte niemand sagen, ob er ein nur verlassnes oder ein gestohlnes Kind war.
Seit seiner Befreiung in Westport hatte bald dieses bald jenes Haus für ihn nach Kr?ften gesorgt. Die Frauen beklagten sein Schicksal. Der Name ?Findling? war ihm geblieben. Einzelne Familien pflegten ihn acht, andere vierzehn Tage lang. So vergingen drei Monate. Das Kirchspiel war aber selbst recht arm und schon lebten viele Bedürftige auf ?ffentliche Kosten. W?re ein Waisenhaus vorhanden gewesen, so würde der Knabe darin einen Platz bekommen haben. Ein solches gab es aber nicht, und so hatte man ihn nach der Lumpenschule in Galway bringen müssen, und hier befand er sich nun seit neun Monaten, mitten unter einer Rotte verwahrloster Rangen. Was sollte aus ihm werden, wenn er diese Anstalt einmal verlie?? Er geh?rte zu jenen Enterbten, für die von frühester Jugend an die Beschaffung der t?glichen Bedürfnisse eine Lebensfrage bildet, eine Frage, die gar zu oft ohne Antwort bleibt.
Seit neun Monaten also befand sich der kleine Junge unter der Pflege und Zucht der halb verwilderten alten Kri?, des in sein Schicksal ergebenen Grip und des Directors O'Bodkins, dieser Maschine zur Ausgleichung von Einnahmen und Ausgaben. Seine gute Constitution half ihm aber, viele hier unvermeidliche Sch?digungen zu überwinden. Er stand nicht mit in des Directors gro?em Buche in der Rubrik der Masern, des Scharlachs und andrer Kinderkrankheiten, sonst w?re sein Conto wohl schon beglichen gewesen... in dem gemeinsamen Grabe, das Galway seinen ?ffentlichen Armen gew?hrte.
Neben der k?rperlichen Gesundheit war in der Lumpenschule aber auch die geistige und moralische Entwicklung arg gef?hrdet, und es geh?rte eine vortreffliche sittliche Veranlagung dazu, der Ansteckung durch t?gliches b?ses Beispiel nicht zu erliegen. Hier befand sich sogar ein Knabe, dessen ?Mutter ihre Zeit in Norfolk absa??, auf ferner Insel inmitten des australischen Meeres, und dessen wegen Raubmords verurteilter Vater hinter den Mauern von Newgate unter den H?nden des berühmten (Scharfrichters) Berry geendet hatte.
Dieser Knabe hie? Carker. Schon in seinem zw?lften Jahre schien er in den verbrecherischen Spuren der Eltern weiter zu wandeln. Da? dieser inmitten des verwahrlosen Gesindels der Lumpenschule eine gewisse Rolle spielte, ist ja nicht zu verwundern. Er, ein Verdorbener, der andre verdarb, geno? eines besondern Ansehens, er hatte seine Schmeichler und Helfershelfer, war der geborne Anführer der Schlimmsten und bereits zu jedem schlechten Streiche bereit, eine Vorübung zu den Verbrechen, die er nach seinem Austritt aus der Schule gewi? beging.
Der ?Findling? freilich empfand nur heftigen Widerwillen gegen Carker, wenn er ihn – den Sohn des Gehenkten! – zuweilen auch mit gro?en Augen voller Erstaunen betrachtete.
Im allgemeinen gleichen diese Armenschulen kaum den modernen Unterrichtsanstalten, für die der Cubikmeter Luft nach hygienischen Grunds?tzen berechnet und der Raumbedarf nach der Kopfzahl bemessen ist. Zum Lager gab es Stroh, da ist das Bett bald gemacht und bedarf kaum des Aufschüttelns. Von einem Speisesaale war keine Rede, und der erschien auch überflüssig, wo man nur Brodrinden nebst einigen Kartoffeln, und auch das oft nur in unzureichender Menge, zu kauen hatte. Die Last des Unterrichtens der Lumpenschüler lag auf den Schultern des Herrn O'Bodkins. Er sollte ihnen Lesen, Schreiben und Rechnen lehren, doch ohne Gew?hr des Gelingens, und wenn die Kinder zwei bis drei Jahre unter seiner Zuchtruthe gestanden hatten, gab es unter ihnen kaum ein Dutzend, die einen Maueranschlag zu entziffern vermocht h?tten. Obgleich einer der Jüngsten unterschied sich der kleine Junge jedoch sehr von seinen Kameraden durch einen regen Lerntrieb, der ihm so manche Sp?ttelei einbrachte. Es ist doch tief bedauerlich und social unverantwortlich, wenn ein Menschenkind, das nach geistiger Ausbildung trachtet, diese entbehren mu?. Niemand vermag ja den zukünftigen Verlust durch die Brachlegung eines jungen Gehirns abzusch?tzen, das die Natur vielleicht mit den besten – jetzt nicht aufgehenden – Keimen ausgestattet hatte.
Wenn die Z?glinge nun hier kaum mit dem Kopfe arbeiteten, lag das nicht etwa daran, da? sie mit Handarbeit überbürdet gewesen w?ren. Die t?gliche Besch?ftigung der Kinder bestand vielmehr nur darin, da? sie etwas Brennmaterial für den Winter aufsammelten, sich bei mitleidigen Seelen abgelegte Kleidungsstücke erbettelten und den Unrath von Pferden und andern Thieren zusammenscharrten, um diesen an die Landleute für wenige Coppers zu verkaufen – eine Einnahmequelle, für die O'Bodkins eine besondre Rechnung führte – endlich durchwühlten sie, wom?glich vor den Hunden oder im Nothfalle nach Verjagung der Vierfü?ler, die Kehrichthaufen an den Stra?enecken nach irgendwelchem verwendbaren oder verwerthbaren Abfall. Spiele, Unterhaltungen gab es hier nicht, wenn man es nicht als Vergnügen rechnen will, sich gegenseitig zu zerkratzen, zu kneipen und zu bei?en, abgesehen von den übeln Streichen, die Grip gar h?ufig gespielt wurden. Der brave Bursche machte davon wenig Aufhebens; doch das reizte Carker und die andern Schlingel nur noch mehr an, ihm auf gemeinste und grausamste Weise mitzuspielen.
Das einzige einigerma?en saubere Zimmer der Lumpenschule war das des Directors, das natürlich keiner betreten durfte, denn dann w?ren seine Bücher unfehlbar zerrissen, seine Schreibereien überallhin verstreut worden. Im Gegentheil gefiel es dem Manne, wenn seine Z?glinge sich drau?en umhertrieben und dumme Streiche trieben; ihm kamen sie, die der Hunger und die Müdigkeit in die Lumpenschule heimtrieb, doch immer zu zeitig zurück.
Bei seiner ernsteren Natur und seinen besseren Neigungen war der Findling unabl?ssig nicht nur dem rohen Spotte, sondern auch den Gewaltth?tigkeiten Carker's und eines halben Dutzend andrer preisgegeben. Er vermied es aber, sich zu beklagen. Wenn er nur stark genug gewesen w?re! Er h?tte sich schon Respect verschafft, h?tte Schlag für Schlag, Fu?tritt für Fu?tritt zurückgegeben – jetzt freilich schwoll ihm das Herz nur vor Ingrimm, zur Selbstvertheidigung zu schwach zu sein.
Gleichzeitig verlie? er das Schulhaus am wenigsten, da er sich ja der Ruhe erfreute, wenn die übrigen drau?en herumlungerten. Er stand sich dabei freilich schlecht, denn unterwegs h?tte er ja etwas zum abnagen finden oder ein altbackenes Br?dchen für zwei bis drei als Almosen erhaltene Coppers kaufen k?nnen. Ihm widerstrebte es aber, die Hand auszustrecken und hinter den Wagen herzulaufen, um ein verlorenes Geldstückchen aufzulesen, vorzüglich aber, Ladenauslagen und dergleichen zu berauben, was die anderen oft genug leichten Herzens thaten. Nein, er zog es vor, bei Grip zu bleiben.
?Nun, Du willst nicht fortgehen? fragte ihn dieser.
– Nein, Grip.
– Carker wird Dich schlagen, wenn Du heut' Abend nichts heimgebracht hast.
– Da will ich mich lieber schlagen lassen!?
Grip empfand für den kleinen Jungen eine warme, von diesem getheilte Zuneigung. Selbst geistig ziemlich beanlagt und geübt im Lesen und Schreiben, bemühte er sich, dem Kinde zu lehren, was er gelernt hatte. Seit seinem Verweilen in Galway zeigte der Findling auch immer weitere Fortschritte, wenigstens im Lesen, und versprach also, seinem Lehrer Ehre zu machen.
Hier sei auch nicht vergessen, da? Grip einen gro?en Vorrath unterhaltender Geschichten im Kopfe hatte, die er gern erz?hlte.
Mit seinem herzlichen Lachen in dieser düsteren Umgebung kam es dem Findling vor, als verbreite der gute Grip einen Lichtstrahl in der traurigen Finsterni?.
Was unsern Helden am meisten wurmte, war, da? die andern sich immer an Grip rieben und ihm ihr Uebelwollen auf jede Weise fühlen lie?en, was dieser, wie erw?hnt, mit philosophischer Ruhe duldete.
?Aber, Grip!... begann der Findling zuweilen.
– Was willst Du?
– Der Carker ist doch recht schlecht!
– Gewi?, sehr ungezogen.
– Warum klopfst Du ihm nicht den Rücken?
– Ich? Klopfen?...
– Ja, und auch den andern??
Grip zuckte mit den Schultern.
?Bist Du denn nicht stark, Grip?
– Das wei? ich nicht.
– Du hast aber doch lange Arme und Beine...?
Ja, gro? war Grip wohl, doch auch hager, wie ein Blitzableiter.
?Nun also, Grip, warum prügelst Du sie nicht, die abscheulichen Kerle?
– Weil sich's nicht der Mühe lohnt.
– O, wenn ich Deine Arme und Beine h?tte...
– Dann w?r's besser, Kleiner, sich ihrer zum Arbeiten zu bedienen.
– Meinst Du?
– Ganz gewi?.
– Nun gut, la? uns zusammen arbeiten. Sprich!... Wir versuchen's. Willst Du??
Grip wollte das herzlich gern.
Zuweilen gingen beide aus. Grip nahm das Kind mit, wenn er etwas zu besorgen hatte. Der Findling trug freilich die erb?rmlichste Kleidung, die ihm nicht einmal auf den Leib pa?te; zerrissene Hosen, eine zerfetzte Jacke, eine Mütze ohne Deckel und an den Fü?en Rindslederschuhe, deren Sohlen nur durch Bindfaden noch daran festgehalten wurden. Mit Grip, der auch nur das abgetragenste Zeug besa?, sah es allerdings kaum besser aus. Es waren gleiche Brüder mit gleichen Kappen. Jetzt, in der sch?nen Jahreszeit, ging das ja noch an. Gute Witterung ist in den n?rdlichen Grafschaften Irlands aber ebenso selten, wie ein gutes Essen in der Hütte Paddys. Beim Regen aber, beim Schnee erregten die beiden, halb entbl??t und erfroren, die Fü?e vom Schnee fast ange?tzt, das Mitleid der ihnen begegnenden Leute, wenn der Gro?e den Kleinen an der Hand führte und beide Trab liefen, um sich etwas zu erw?rmen.
So trollten sie durch die Stra?en von Galway, das fast einer spanischen Stadt ?hnelt, oft unbeachtet von einer gleichgiltigen Menge. Der Findling h?tte gar zu gern gewu?t, was in den H?usern da drin w?re. Durch die engen, meist mit Gittern verwahrten Fenster mit den herabgelassenen Jalousien war freilich nichts zu entdecken. Für ihn waren diese H?user mit Silbermünzen angefüllte Geldschr?nke. Und die Gasth?user, wohin die Reisenden im Wagen angefahren kamen, wie gern h?tte er in deren sch?ne Zimmer einmal gesehen, vorzüglich in die des Royal-H?tel! Die Dienerschaft h?tte aber sicherlich beide wie Hunde fortgejagt oder, was noch schlimmer ist, wie Bettler, denn ein Hund findet noch eher einmal eine liebkosende Hand.
Und wenn sie vor den, übrigens nur mangelhaft ausgestatteten L?den der Flecken des oberen Irland stehen blieben, schienen diese den beiden unsch?tzbare Reichthümer zu bergen. Da warfen sie brennende Blicke auf die Auslage eines Kleiderladens, sie, die sich nur in Lappen wickeln konnten, oder durch das Fenster eines Schuhwaarengesch?fts, sie, die nur fast barfu? gingen. Der Genu?, einmal einen neuen Rock auf dem Leibe oder eigens angemessene Stiefeln an den Fü?en zu tragen, blieb ihnen voraussichtlich ja für immer versagt, ebenso wie den vielen Elenden, die da verurtheilt sind, sich mit dem, was andre wegwerfen und mit Abf?llen aus der Küche zu begnügen.
Auch Schl?chterl?den gab es da, mit ganzen Rindervierteln am Haken, von denen eines ausgereicht h?tte, die Lumpenschule einen vollen Monat hindurch zu s?ttigen. Als Grip und der Findling das saftige Fleisch betrachteten, da ?ffneten sie weit den Mund, fühlten aber, wie ihr Magen sich dabei zusammenschnürte.
?Ei was, sagte Grip, bewege nur die Kinnladen, Kleiner, das ist fast ebenso gut, als wenn Du geschmaust h?ttest!?
Und vor den gro?en Brodlaiben, die noch einen angenehmen, warmen Duft ausstr?mten, vor den ?Cakes? und andern feineren, den Gaumen reizenden Backwaaren standen sie wohl auch zuweilen mit trockner Zunge und zusammengepre?ten Lippen, Hunger, den qu?lenden Hunger in den Zügen, und dann murmelte der Findling wohl:
?Ach, das mu? aber gut schmecken, Grip!
– Gewi?, Kleiner, best?tigte dieser.
– Hast Du schon so etwas gegessen?
– Ja, einmal doch.
– Ach!? seufzte der kleine Junge.
Er hatte ja nie dergleichen gekostet, weder bei Thornpipe, noch seit die Lumpenschule ihm Obdach gew?hrte.
Eines Tages fragte ihn eine Frau, die für sein blasses Gesicht Mitleid empfand, ob ihn wohl so ein Kuchen erfreuen würde.
?Da wünscht' ich mir lieber Brod, erwiderte er.
– Warum denn das, mein Kind?
– Weil man davon mehr bekommt.?
Eines Tages aber, als Grip für einige Besorgungen ein paar Pence erhalten hatte, kaufte dieser einen kleinen, mindest acht Tage alten Kuchen.
?Schmeckt er gut? fragte er den Knaben.
– O, herrlich... so sü?, als ob er gezuckert w?re!
– Da ist auch Zucker drin, versicherte Grip, echter, richtiger Zucker!?
Bisweilen lustwandelten die beiden Freunde bis zur Vorstadt Salthill. Von hier aus kann man die ganze Bai überblicken, die zu den sch?nsten Irlands geh?rt. Da sieht man die drei Inseln Aran, die sich am Eingange erheben wie die drei Felskegel von Vigo – eine weitere Aehnlichkeit mit Spanien – und rückw?rts die wilden Bergmassen des Burren und des Clare, sowie die steilen Uferklippen von Moher. Dann gingen sie nach dem Hafen zurück, nach den Quais und l?ngs der Docks hin, deren Anlage begonnen hatte, als einmal die Absicht aufgetaucht war, Galway zum Ausgangspunkte einer transatlantischen Dampferlinie zwischen Europa und Nordamerika zu machen, da von hier aus der Seeweg am kürzesten w?re.
Als beide da verschiedene Schiffe, theils in der Bai vor Anker liegend, theils an der Hafenmauer vert?ut, erblickten, fühlten sie sich m?chtig davon angezogen, als wenn das Meer gegen arme Leute minder grausam sein k?nnte als die Erde, da es eine sichrere Existenz verspricht und das Leben in der freien Luft der Oceane jedenfalls dem in den dunstigen, verpesteten Gassen der St?dte vorzuziehen ist. Vor allen andern Berufen schien ihnen der des Seemannes ebenso dem Kinde die Gesundheit, wie dem Manne den Lebensunterhalt zu gew?hrleisten.
?Das mu? sch?n sein, Grip, auf diesen Schiffen mit ihren gro?en Segeln zu fahren! rief der Findling aufjubelnd aus.
– Wenn Du wü?test, wie es mich danach verlangt! antwortete Grip, der den Kopf zurückwarf.
– Warum bist Du dann nicht Seemann geworden?...
– Du hast Recht... ich h?tte Matrose werden sollen.
– Du w?rst so weit... so weit gefahren....
– Nun, vielleicht macht sich das noch.? – Jetzt war es freilich nichts damit.
Der Hafen von Galway wird durch die Mündung eines Flusses gebildet, der aus dem Lough Corrib abstr?mt und sich in die Bai ergie?t. Am andern Ufer, jenseits einer Brücke, erhebt sich das bemerkenswerthe Dorf Claddagh, das viertausend Einwohner z?hlt, lauter Fischer, die sich seit langer Zeit einer selbstst?ndigen Gemeindeverwaltung erfreuen, und deren Ortsvorsteher in alten Urkunden als ?K?nig? aufgeführt ist. Grip und das Kind kamen dann und wann bis nach Claddagh. Der Findling h?tte Alles darum gegeben, einer der rüstigen, muthwilligen, wettergebr?unten Knaben hier, der Sohn einer kr?ftigen Mutter zu sein, in deren Adern noch ein Tropfen galicisches Blut rollte, wenn die Frauen gleich ihren M?nnern auch ein etwas wildes Aussehen haben. Ja, er beneidete diesen lebenslustigen Schwarm, der sich gewi? glücklicher fühlte, als die Kinder in so manchen St?dten Irlands. Wie gern h?tte er sich zu den Knaben gesellt, die da lachten, kreischten, im Wasser herumpl?tscherten, wie gern h?tte er zu ihnen geh?rt! Bei seiner zerfetzten Kleidung wagte er's aber nicht, sich ihnen zu n?hern, sie h?tten ja glauben k?nnen, er wolle betteln. So hielt er sich, eine schwere Thr?ne im Auge, beiseite und schlürfte nur nach dem Marktplatze hin, um sich die sch?nfarbigen Makrelen und die silbergrauen H?ringe, die einzigen Meeresbewohner, auf deren Fang die Fischer von Claddagh ausgehen, etwas anzusehen. Von den Hummern und Taschenkrebsen, die es zwischen den Klippen der Bai ebenfalls in gro?er Menge gab, konnte er nicht glauben, da? sie gut schmeckten, obgleich ihm Grip, nach dem, was ihm zu Ohren gekommen war, versicherte, ?es w?re wie Schaumkuchen, was die Thiere unter ihrer Schale h?tten?. Vielleicht sollten sie das einmal selbst erproben.
Nach ihrem Spaziergange begaben sich beide durch die engen und schmutzigen Stra?en in der Richtung nach der Lumpenschule zurück. Dabei gingen sie an Ruinen vorüber, die Galway das Aussehen verleihen, als sei es zur H?lfte durch ein Erdbeben zerst?rt worden. Und doch haben Ruinen, wenn die Zeit sie geschaffen hat, auch ihren Reiz. Hier freilich, wo sie nur aus H?usern bestanden, die wegen Mangels an Baucapitalien unvollendet blieben, deren kaum dem Erdboden entstiegene Mauern überall Risse zeigten, kurz, hier, wo nur eine Folge der Vernachl?ssigung und nicht ein Werk der Jahrhunderte vorlag, machte das Ganze eher einen beklemmenden, traurigen Eindruck.
Noch schlimmer als die ?rmeren Stadttheile, noch absto?ender als die verwitterten Hütten der Vorst?dte Galways, so freilich sah die elende, dumpfige Wohnung, das unzureichende Obdach aus, wo das Elend die Genossen des Findlings zusammenpferchte, und Grip und er beeilten sich auch gar nicht, als die Stunde der Heimkehr geschlagen hatte.