Ich w?re glücklich, wenn es mir gel?nge, das Bild des Mannes zu umrei?en, der sich aus dem unm?glichen Kompromi? zwischen Skepsis und Gl?ubigkeit seine gedankliche Würde und Unabh?ngigkeit rettete, und - klug wie eine Schlange - die Desinvoltura seines Geistes bis in ihre kleinsten, sp?ttischesten Züge vorbehielt, w?hrend er sich doch als ein Gebundener aller Waffen begab; - der heute mit einer Selbstverleugnung ohnegleichen als Trumpf einer Partei steht, die nur darauf sinnt, ihn auszusto?en, w?hrend er durch sein geistiges Prestige ihre Wagschale h?lt; - der über die obskuren Tage, durch wel
che sich der Katholizismus durchringen mu?, wie ein blühender Ast hinausreicht, und dessen Schatten so beseelt eine Schwelle überh?ngt, die er nicht beschreiten wird. Es gibt heute auf der Welt keine stolzere Gestalt, und keine, die so einsam steht, wie Duchesne. Nicht mit den Unbedachten und den Fanatikern, die blindlings ein zerfallendes Gem?uer verteidigen, sondern weil er dessen unerschütterliche Basis ergründete, nur deshalb verharrt er standhaften Fu?es inmitten des immer hastigeren Ger?lles. Gar manche Werte, als unverg?nglich ausgegeben, wird es ja als vergangene vor sich hintreiben. Aber keine Kunst wird es dann sein und keines Scharfblickes wird es mehr bedürfen, sich zu einem Katholizismus zu bekennen, von dem die düstere, unziemliche und abgenützte W?rtlichkeit sich endlich l?ste!
Ich war zum erstenmal nach Rom gekommen und wu?te noch nichts von Duchesne, als mich eines Tages Barrère auf die G?ste aufmerksam machte, die er für den Abend erwartete; er hob den soeben zum Monseigneur ernannten Abbé Duchesne vor allen anderen hervor und bestimmte mich in seiner impulsiven Art zu seiner Nachbarin. Nun war ich aber noch übertrieben jung, wenn man so sagen darf, und eine viel zu unwichtige Person, um von dem neuen Würdentr?ger geführt zu werden. Man bef?rderte mich also an seine Linke. Es war alles was sich machen lie?. Zu seiner Rechten sa? - zart und pariserisch - die sehr reizvolle junge Gattin eines franz?sischen Deputierten. Sie verstand es sogleich, sich mit einer huldigenden kleinen Phrase Duchesne zuzuwenden, und ich beneidete sie um ihre Sicherheit, erschrak jedoch, als sie ihn dann fast unverweilt auf religi?se Themen hin unternahm. Allein sie trug sich als strenggl?ubige Katholikin und ohne Furcht. Leo XIII., obwohl schon ein Sterbender, hatte sie noch empfangen und ihr seinen Segen gew?hrt . . . sie war so glücklich . . . dieser unverge?liche Eindruck . . . ?Und werden Sie sich einige Zeit in Rom aufhalten?" fragte Duchesne. ?Ach nein, leider nicht." Sie müsse wegen der ersten Kommunion ihres ?ltesten Kindes zurück.
?Schade," sagte er.
Es entstand eine kleine Pause; man reichte ihr eben den Fisch, aber dann erkl?rte sie eifrig, sie wolle jedenfalls den Abla? gewinnen, bevor sie Rom verlie?e. Hatte Monseigneur ihn schon gewonnen? ?Non," gab er zur Antwort, ?j'attends qu'il y ait un rabais". Und ohne aufzusehen, lie? er ihr ruhig Zeit sich zu sammeln. Ihr Gatte fing die bestürzte, fast hilfesuchende Miene nicht auf, mit der sie über den Tisch zu ihm hinsah, indes ich mich schnell zurücklehnte, um Duchesne mit einem unauff?lligen Blick zu überfliegen. Mein Herz tat einen gro?en Ruck und stand horchend still. O, diese hohe, wie in kühner Abwehr geschwungene Braue! dies aufblitzende, bedrohliche Feuer des Auges! und welcher Ernst hinter dieser grimmigen Maske! Jene unverbriefte augenblickliche Sicherheit, zu der eine intuitive Erkenntnis hinrei?en kann, trug mich da, - des Pfeils nicht achtend, wo er lag - schnurgerade zu dessen Ausgangspunkt hin. Nein, bei Burgunder und Salmi gab dieser Mann nichts zum Besten von dem, was der Brennpunkt seines Lebens war. Bedachte sie es nicht und zog sie keine Schlüsse, die anmutige Frau, die sich die Dinge zugute hielt, deren letzte Konsequenzen er trug? Sein zierlicher violetter Mantel, als seidenes Nichts über den Sessel zurückgeschlagen, hing er ihm nicht wie mit eisernen Schlie?en am Halse an? und entnahm sie nichts der so wenig klerikalen, der so priesterlichen Pr?gung dieser tragisch in sich gekehrten Züge? -
Ach! so neu war dies! wie wenn Berge zurücktretend ein Tal einlassen. Ich war so entzückt, da? sich mir alles festlich erh?hte: das Silberzeug wie neu geh?uft, als spende es seine Pracht zum ersten Male, und auch die Blumen!
Es ist leider nicht zu umgehen, da? hier zu viel von mir selbst die Rede ist, denn ich mu? zur Erkl?rung manches einschalten. Mit sechs Jahren steckte ich schon in einem Kloster, das ich erst mit zw?lf, beflügelten Schrittes, auf immer verlie?. Der Begriff und das Hochgefühl, ja die Würde der Freiheit bestand für mich darin, da? ich nunmehr mit Klosterfrauen, spitzenbesetzten Heiligenbildern auf Tortenpapier, und den frommen und so faden ?ldrucken, vor welchen es in keinem Saale, keinem Korridor, keinem Vorplatz ein Entrinnen gab, auf immer au?er Kontakt treten durfte. Dies hatte der furchtbare Klosterjargon bewirkt, in den das Erhabene und Unbegreifliche, als w?re es so gegenst?ndlich wie Reis oder Kaffee, ohne Unterla? hereingezogen wurde. Kein Anla? war zu gering, um uns von Gott zu sprechen. Schneller als man glaubt hat aber die geheimnislose Aufmachung des Geheimnisvollen das religi?se Bewu?tsein eines Kindes zerst?rt, und es wendet sich so bald als m?glich von einer Sache ab, die man ihm mit besch?mend albernen Reminiszenzen behing. Ich war mit so m?chtigen Aversionen aus meinem Kloster ausgetreten, da? ich mich fortan allen religi?sen Er?rterungen und dem Umgang kirchlicher Personen mit anst??iger Deutlichkeit entzog und meiner Abneigung für sie auch dann, ja dann erst recht mit wahrem Behagen treu blieb, als ich angefangen hatte, dem Problem des Katholizismus still für mich allein mit gespanntem Interesse nachzuh?ngen.
Und nun zurück zu jener Tafel: aber ich glaube, es werden einige schon begriffen haben, warum da mein Herz so pl?tzlich h?her schlug.
Tags darauf bestürmte ich Barrère, mir zu einer Unterredung unter vier Augen mit Duchesne zu verhelfen. Ihnen kann er's nicht verweigern, und mich machen Sie für den Rest meiner Tage glücklich, beteuerte ich.
Aber Barrère lie? sich durch meine melodramatische Geste nicht beirren. Er dachte nicht, was ein jeder an seiner Stelle gedacht h?tte: ?die Kleine wird mich blamieren!" Er z?gerte nur einen Augenblick lang, dann schickte er eine Zeile zu Duchesne hinauf: dieser wohnte n?mlich im selben Hause, wenn auch nach einer anderen Himmelsrichtung und fast eine Viertel Meile Weges entfernt. Denn das Dach des Palais Farnese ist weitl?ufig wie ein Stadtviertel und birgt einen ganzen Komplex verschiedenster Wohnungen. Es hat sogar seine Slums, sozusagen, unkontrollierbare Schlupfwinkel, aus welchen allerlei lichtscheues Volk sich nicht mehr vertreiben l??t.
Duchesne schickte den Boten mit der Antwort zurück, da? er mich am folgenden Morgen empfangen k?nne. Als Leiter des Arch?ologischen Institutes hatte er eine hochgelegene, aber stattliche Flucht von Zimmern inne. Beklommen erstieg ich die vielen Stufen und begriff den Ansturm nicht mehr, der mich mit solcher Macht zu diesem Schritt getrieben hatte: er erschien mir pl?tzlich anma?lich und ungenügend motiviert. Lag mir denn auch wirklich so übermenschlich viel an solchen Fragen? welchen Fragen? . . . ich wu?te auf der Welt nicht mehr, was ich Duchesne sagen wollte, und angsterfüllt zog ich die Klingel.
Der Diener verneigte sich stumm, zum Zeichen, da? ich erwartet sei, und aus dem Halbdunkel trat eine Katze hervor, die sich ohne Z?gern meiner annahm und mir voranschritt. Zwar h?tte nichts farbloser sein k?nnen als Duchesnes Empfang. Mir jedoch, da ich vor ihm stand, verscholl alles Allt?gliche, und alles Zuf?llige stürzte mir zusammen wie Kulissen, die aus dem Wege müssen und mein wahres Leben umgab mich wie ein Paradies. Kindheit und Jugend von mir fortgeweht und selbst die Jahre, die noch vor mir lagen, im voraus abgesponnen, geh?rten mir nicht mehr an, keine Zeit, nur diese eine denkwürdige Stunde; kaum ein Gesch?pf, nur ein Gedanke, so stand ich vor ihm; nichts von dem Zimmer wahrnehmend, in dem ich stand, nur den Himmel, der durch die Scheiben sah: rosige Wolkenstreifen über den Janiculus. Es ist Abend, dachte ich.
?Guten Morgen," sagte Duchesne.
Doch ich blieb unter dem vagen Eindruck eines Abendhimmels und sah so klar, wie ohne diese unverhoffte Begegnung mein Weg sich verengte und ich abstürzte. Aber im magischen Schein dieses sinkenden Tages, der ein aufziehender war, dünkte es mir mit nichten wunderbar, da? der ausgerechnet einzige Mensch auf dieser Erde, vor dem ich mir - wie ich nun einmal beschaffen war - die Best?tigung, das ?Gel?nder" dessen holen würde, was ich mir nun schon lange - Sprosse für Sprosse - trotzig aufbaute, hier vor mir stünde, mich zu vernehmen. Die Tatsache war schon vergessen, da? sich mein Leben bisher zu einer Mosaik heftiger, stets unerfüllter Wünsche mit erstaunlichem Tempo zusammensetzte. Stand doch auch mein Umgang mit Menschen damals im Zeichen des erbitterten, weil unstillbaren Wunsches, auf einen Stuhl zu steigen, und was ich gerade meinte oder dachte, furchtbar hinauszuschreien, um die Nichtachtung zu übert?nen, die meine aper?us samt und sonders erfuhren. Die sogenannten reifen Leute pflegen ja den Werdenden jeden Kredit auf eigene Gedanken um so systematischer zu verweigern, je gedankenloser sie selber sind. Und doch tr?gt einer seine paar Ideen, wenn überhaupt, schon sehr früh mit sich herum, und sich selbst überlassen, kommt vielleicht nichts seiner Bedr?ngnis gleich.
Aber hier stand der gewaltige Duchesne, und ihm bekannte ich da in hastigen Umrissen die ganze Not meiner geistigen Existenz: Wie ich auf meiner Flucht vor all denjenigen Dingen, die mir so früh verleidet wurden, dem menschlichen Geiste auf allen mir zug?nglichen Gebieten, nur nicht den religi?sen, nachzuspüren begann, wie aber alle diese der Religion entfremdeten, oder sie ignorierenden, ja sie scheinbar negierenden Pfade, sich mir zu guter Letzt als Umschreibungen jener selben Mysterien bekundeten, deren Sinn, ja deren Wahrheit mir eine zu unumwundene und plumpe W?rtlichkeit so früh raubte; wieso ich die Leute nicht verstünde, die es sich untersagten, den Dogmen nachzuh?ngen aus insgeheimer Furcht, sie dann bezweifeln zu müssen, und wie feig, wie tr?ge, wie wenig menschenwürdig mir dies erschiene; um so mehr als sie den spekulativen Gedanken auf das ?u?erste anzuspornen verm?chten, und es eine Art gab sie zu jagen und zu verfolgen, bis sich ihre Fassetten zu einer vieldeutigen Einheit blitzend zusammenballten, daran sich von neuem Alles erproben, die kühnsten, fürwitzigsten Spiele treiben lie?e, die selbst mit dem schwindligen Kosmos bemessen, ihre Schwingung behielt . . . die vielen Wohnungen auch wirklich birgt, von welchen geschrieben steht, und also auch Hürden den Einf?ltigen gew?hrt; da? sich der Freie aber nur deshalb zufrieden gibt, weil hier ein Geheimnis hinter dem anderen lauert, und Unerforschliches hinter dem Erforschlichen wie im Sternenraume immer neue Kreise einbezieht. Eine solche Einsicht, meinte ich, in einem Zuge fortredend, hatte so sehr den Charakter des einrei?enden Affektes, da? man wohl scheuen k?nne, ihn vor sich selber auszuplaudern . . . . daher das so sehr Fakultative dessen, was man Fr?mmigkeit nennt und für einen Bestandteil des Religi?sen hielt, w?hrend es ein vielfach sich l?sendes Abzeichen sei.
Duchesne unterbrach mich mit keinem Wort. Am Fenster stehend, und halb mir zugekehrt, h?rte er mich an. Ich meine, wir sind so empfindlich geworden, gerade in solchen Dingen, fuhr ich fort, denn wir neigen so stetig vom Sichtlichen weg! Wem der Katholizismus seit Generationen im Blute sitzt, der scheint heute Nichtkennern unverst?ndlich, fast hostil. Schon fordert er den Altar als Hintergrund für Priestergewande. M?nchstrachten und Klosterschwestern im Stra?enbild sind nicht glücklich - - - -
Die Sonne senkte Streifen goldenen Staubes herein. Bald wird sie sinken, dachte ich, und meine Worte fingen an sich zu überstürzen: durch das überdauernde und Grenzenlose der Konnexe war eine Sache gro?. Alle Künste aber strebten seit vielen tausenden von Jahren an den Schleiern unseres Kultes zu weben und waren von jeher durch den Pulsschlag oder den Gedanken eminent katholisch. Aber ein so flutendes Meer wurde zum ungespeisten Gew?sser verdr?ngt, das universalste zum einschichtigen, die Sache, deren Schlagwort unbegrenzte Elastizit?t ist, zur verdrie?lichen Enge. So kehrt fast jeder um, wo dennoch ein Weg über jene Himmelsbrücke bis zum alten Hellas hinüberreicht, das sich als gewaltiger Aufruf, als elementarer Auftakt der Messianischen Zeit aus der Versenkung hebt. Und die Gestalt des Erl?sers . . . Hier brach ich ab. War es denn n?tig, etwas hinzuzufügen? Mu?te der Mann, zu dem ich mit geweiteten Augen hinübersah, nicht mit einem Blick erraten, wie sich auf dem eingeschlagenen Wege die Prinzipien, die man mich als Gegens?tze gelehrt hatte, ins Unabsehbare vers?hnten, und wie brennend ein solcher Verdacht mich innerlich einschlo? und umzüngelte? Vielleicht hatten ihn schon viele gesch?pft; ich konnte es nicht wissen, da ich ihn noch von niemand vernommen und zu niemand ge?u?ert hatte. Unter den geistvollen und mir unendlich überlegenen Menschen, die ich schon kannte, war mir doch keiner vorgekommen, dem ich gerade in solchen Dingen die Autorit?t zugestanden h?tte, mir diesen Verdacht zu best?tigen oder zu bestreiten; keiner, dessen Widerspruch mich nicht unbeschreiblich gereizt h?tte, um dann anzunehmen, da? ich es selber besser wü?te . . .
Wozu hatte ich jetzt gesprochen, wenn dieser hier alle diese Dinge nicht erriet?
Monseigneur, schlo? ich unvermittelt, t?usche ich mich oder habe ich recht?
Und Duchesne antwortete mir ohne Z?gern.
Aber mein Gehirn war pl?tzlich wie ausgel?scht und leer und ein Büschel Fr?sien, deren Duft ich bisher nicht wahrgenommen hatte, ward überw?ltigend. Ihre archaische Seele ausatmend - diesem ewigen Echo von Hoffnung, Frühling, unglücklicher Liebe - bestimmten sie den Klang dieser Stunde und trugen ihre schwere und doch so beschwingte r?mische Luft, ins Unermessene hin.
Duchesne sa? mir jetzt gegenüber und sprach unter anderem von den Katholiken Deutschlands.
?En Allemagne on aurait fait de moi un D?llinger," sagte er, ?ici on m'a fait Monseigneur."
Und es fiel mir ein, da? Barrère sich fast ein wenig verwundert über die Befriedigung ge?u?ert hatte, welche ihm diese Ernennung bereitete. Ich begriff die Genugtuung so wohl. -
Aber ich fühle, wie ungeduldig der Leser auf mich wird. Duchesnes Antwort ist es, die er wissen m?chte, und ich kann sie ihm nicht sagen, denn mein Besuch ist kein Interview gewesen.
Genug, da? dieser wegen seines Liberalismus so viel angefeindete Mann der bei?enden Sarkasmen, der bitter-frivolen Witze, sich als ein heiliger Priester entlarvte. Die Entdeckung, obwohl gleich bei der ersten Begegnung so vorschnell geahnt, war so wichtig, da? ich sogleich wu?te, bevor ich es erfahren lernte: Da? mein Leben, was immer es mir bringen oder verwehren würde, dennoch in dieser Unterredung mit Duchesne seinen eigentlichen Abschnitt fand und in ein vor oder nach ihr zerfiel. Ja, ich verlie? ihn so ganz von diesem Bewu?tsein eingenommen, da? ich wie im Traum die vielen Stufen hinabging, die ich so bang erstiegen hatte. Vor dem kühlen Palast lag jetzt der Campo di Fiore in der Mittagsglut. Wo sich tr?ge und lau, und doch nachhaltig wie ein Lied, sanfte Levkojen h?uften, nahm ich meinen Stand, zu glücklich, um mich von der Stelle zu rühren. Nichts war ja sinnlos und alles hing zusammen.
Ein paar Tage sp?ter traf es sich, da? ich infolge einer Konfusion in Duchesnes Wagen von einer Gesellschaft mit ihm zurückfuhr. Wir sprachen dabei über das holperige Pflaster, die zunehmende Hitze und die mangelhafte Beleuchtung des n?chtlichen Rom.
Als bald darauf bei ihm selbst ein Empfang stattfand, kam ich ihm nicht in die N?he, und als ich mich in der Folge wieder nach Rom begab, suchte ich ihn nicht mehr auf.
Die Jahre verstrichen, ohne da? ich ihn wiedersah. Von dem neuen Kurs begünstigt, hatte einstweilen in den klerikalen Bl?ttern des halben Kontinents jene berühmte Hetzjagd auf ihn eingesetzt, bei welcher er nicht besser als ein Ketzer behandelt und seiner Ernennung zum Mitglied der franz?sischen Akademie mit t?glich neuen Insulten entgegengetreten wurde. Ein Buch, das unter Leo XIII. niemand zu rügen wagte, stand pl?tzlich auf dem Index, und der Augenblick schien endlich gekommen, wo er, der ungerechtfertigten Angriffe müde, durch einen offenen Bruch entgegnen würde. Wenn die Nichtkatholiken darauf wetteten, so konnten ihn seine feindlichen Glaubensbrüder kaum erwarten. Aber ich wu?te zu genau, da? er diesen den Gefallen nicht tun würde, um mich auch nur zu erkundigen, welchen Entschlu? er getroffen hatte.
Es wurde Mittsommer über der h??lichen Campagne, ich war gerade in London und wollte nach Deutschland zurück, als ich durch eine Zeitungsnotiz erfuhr, da? Duchesne sich in Paris befand. Pl?tzlich lebte da überm?chtig der Wunsch in mir auf, ihn wiederzusehen. Seine Adresse war schnell ermittelt, ich schrieb ihm, da? ich über Paris führe und fragte an, ob er mich empfangen wolle. Die Antwort war ein kleines Billet, mit sorglicher Angabe der Untergrundbahn und der Stationen, wo ich ein- und umsteigen müsse, um am schnellsten vom rechten Ufer zu ihm hinüberzukommen. M?glichst bald, denn er sei im Begriff, in die Bretagne zu fahren! Ich reiste sogleich, war abends in Paris, und kündete mich für den n?chsten Morgen bei ihm an. An der Hand seiner Vermerke legte ich, bald über, bald unter der Erde, den komplizierten Weg zu seiner verlorenen kleinen Sackgasse zurück, in der sich zweist?ckige H?user altmodisch aneinanderreihten. Ich eilte eine Stiege hinauf, trat rasch durch eine Türe - wie damals stand er am Fenster - kein Janiculum mehr - gesenkte Jalousien, um das Sonnenlicht zu d?mpfen; wie damals wu?te ich nichts von dem Raum um mich her. Ich hatte mich verschleiert, wie man das unwillkürlich tut, wenn man jemand nach acht Jahren wiedersieht; sein ver?ndertes Aussehen aber war es, das ich mit Bestürzung wahrnahm. Nicht, da? er krank oder stark gealtert schien, es war noch das schnell bereite, fast bedrohliche Aufblitzen des Auges, die kühne und gebieterische Abwehr, aber es war auch die Furche des Kummers, etwas so Bitteres, ein so wühlender Gram, da? mir der Gedanke an K?nig Lear durch den Kopf scho?, wie er in seiner Verlassenheit die sturmgepeitschte Natur zum Zeugen erlittenen Unrechts anruft. Es war nur eine andere Zügelung, aber es war dieselbe Gehetztheit.
?Sie wissen," sagte er ?auf welche Weise man mich zur Strecke zu bringen sucht."
?Aber so vergebens," meinte ich achselzuckend.
?Keine Waffe scheint dafür zu schlecht," und er deutete auf die Bl?tter und Zeitschriften, die ihm offenbar soeben zugekommen waren. Vor ihm lag eine Revue aufgeschlagen.
?Ist Ihnen das schon bekannt?" fragte er, und nannte die Beschuldigungen, die in heuchlerischen und perfiden Protesten gegen ihn erhoben wurden.
?Warum in aller Welt lesen Sie dieses Zeug," rief ich und starrte ihn verwundert hinter den verschn?rkelten Gittern meines Schleiers an. Aber er machte kein Hehl daraus, wie sehr es ihm zu Herzen ging. Ich war aufgesprungen.
?Monseigneur," rief ich, ?Sie müssen doch wissen, da? Sie der Halt einer verstreuten kleinen Gemeinde sind, die einfach durch die Tatsache, da? Sie da sind, lediglich durch den Eindruck Ihrer Existenz beherrscht, verankert, durch Sie allein gehalten ist."
?Es freut mich," sagte er, doch ohne da? seine Züge sich erhellten. ?Aber sehen Sie - es k?nnen doch auch Rechtdenkende an mir irre werden, wenn sie alle diese Schm?hungen lesen." Und er deutete wieder auf die Bl?tter hin.
?Das ist mir zu viel Bescheidenheit," gestand ich.
Wir sprachen dann von anderen Dingen, aber auch sonst war eine Unfreude und Entmutigung an ihm, die ich nicht kannte.
Die Stra?e lag brütend vor mir, als ich wieder aus dem Hause trat, aber ich ging zu Fu? meinen langen flimmernden Weg.
Ist uns nicht, als wollten wir immerzu gehen, ungest?rt unser Lebtag lang, wenn infolge eines starken Kontaktes ein geistiger Pendel in uns schwingt? Es kann sein, da? dann unsere Fü?e ganz mechanisch einsetzen, nicht wahr, oder wie eingewurzelt stehen. Zwar hatte ich Duchesne gegenüber die richtige Note wohl nicht getroffen. Schnell fertig hatte ich unüberlegt geglaubt, er würde sich mit ein paar schlechten Witzen und einem ironischen Achselzucken über den obskuren Tumult hinwegsetzen, der ihn verfolgte, und w?hrend er meinen Besuch als eine Sympathiekundgebung erwartete, hatte ich ihm nur Lebhaftigkeit bezeigt. Es war gewi? schade, dennoch konnte mich das Bedauern darüber nur flüchtig st?ren. So leicht wog da alles Pers?nliche! So unnachhaltig erwies es sich!
Ich erinnere mich keines hei?eren Tages wie jenes 14. Juli in Paris. Die H?user waren beflaggt, aber die Stra?en schienen zu trauern, da keine Fahne sich regte. Erst nachts, als ich zur Bahn fuhr, belebte sich das Bild. Singendes Volk schw?rmte durch die Stra?en, und alle Leierk?sten der Stadt orgelten durch die Luft. Ein M?dchen tanzte, hocherhobenen Kopfes, unter dem dunklen Himmel, von Zuschauern umringt.
Doch welch barscher Novemberwind wirbelte die Bl?tter von der feuchten Erde auf, als ich wiederkam! Alles Laub dahingerafft und schon vergessen. Aber ich will nur den einen Moment herausgreifen, da ich im Flur von Professor Bergsons Hause der Ausgangstüre zuschritt und er mich geleitete. Ich wei? nicht wie es kam, da? vor seiner offenen Schwelle und dem niedrigen Himmel, der seinen erstorbenen und verwehten Garten überhing, Duchesnes Namen zwischen uns fiel, und wir seiner einzigartigen Stellung in der geistigen Welt gedachten. Und Bergson sprach von dem Katholizismus im Lichte dieses gro?en Katholiken, der, so klug, so wohl beraten und durch den Irrtum anderer gewitzigt lautlos jenen treibenden und langersehnten Schritt voranging, der den Schismatikern mi?lang.
So klar entstand jetzt zwischen uns sein undeutliches, von den Nebeln des Tages verhülltes Bild, als sei es schon entseelt und als h?tte sich sein Schatten zu uns gesellt. Bergson drückte die Klinke wieder zu. Wir mu?ten l?cheln. So ohnm?chtig also verhielt sich hier der Tod, so wenig würde es hier für ihn zu holen geben, wenn er da rufen würde! - - -
1914 (Wei?e Bl?tter).
BARRèRE
W?hrend meines letzten Aufenthaltes in Paris kam ich eines Abends zu Barrère, der wegen Influenza das Zimmer hüten mu?te. Ich traf ihn lesend, die Fü?e auf einem Stuhle ausgestreckt, Zeitungen über ihn geschichtet und wie eine Decke von ihm niedergleitend. Eine Lampe hing gerade über seinem weit zurückgeworfenen Kopf.
Ich wollte ihn bitten, liegen zu bleiben, aber schon war er aufgesprungen, mit jener knabenhaften Schnelligkeit, die alle seine Bewegungen kennzeichnet. ?Sie bleiben den Abend?" fragte er. ?Ich bin bei Ihnen eingeladen," erinnerte ich ihn. Und ich trat an den Kamin, darin hohe, still flackernde Flammen loderten. Es war ein dunkler, trüber und regnerischer Tag gewesen. Ich fand Barrère, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte, ver?ndert. Auf das lebhafteste gemahnte er mich jetzt an einen Ausspruch, den ich mir zu zitieren gestatte, obwohl er nur von mir ist.
?Habt ihr nicht bemerkt?" fragte ich schon Anno dazumal, da noch kein Mensch auf das, was ich sagte (auch wenn es noch so richtig war) im geringsten achtete; ?habt Ihr nicht bemerkt, da? wir nur in dem Ma?e altern, als wir nichts taugen?" Nun hatte ich Barrère das letztemal kurz nach einem Sturz vom Pferde getroffen, und ich erinnere mich sehr deutlich, wie pl?tzlich das Zukunftsbild eines alternden, einer bestimmten Generation angeh?renden, sich nicht mehr erneuernden Barrère flüchtig in mir vorüberzog. Denn auch für die Besten kommt der Augenblick, wo der ?Genius der Zeit", dieser ?rgste Feind des Menschen, ihn umwittert, um an sein Tagewerk, sein Wesen, ja an sein Ich das grausame Schild ?Vorbei" zu h?ngen. Doch als jenes Bild von einem Barrère, qui a fait son temps, in mir aufzog, da hatte ich vergessen, wie sehr seine Einstellung doch gerade auf Fu?angeln, Hemmungen und Hindernisse war, und mit welchem Geschick er mi?liche Umst?nde zu einem Wetzstein seiner F?higkeiten konvertierte.
Ich kannte ihn nun seit vielen Jahren, aber ich mu?te mir gestehen, da? er inzwischen über sich selbst so rastlos hinausgewachsen war, da? seine Haltung, seine Züge, seine Gestalt einen Mei?el, ein h?heres Training, eine feiert?gliche Glasur erlangt hatten, sein Blick aber bei gesteigerter Aktuit?t eine innere Stille, mit einem Worte: da? er die Miene desjenigen trug, der es insofern mit der Zeit aufnehmen darf, als er sie nie vergeudete. (Zwar hatte er schon als junger Minister die Aufmerksamkeit Bismarcks erregt, der auf ihn als auf den kommenden Mann hinwies, ein Wink, der bei uns unbeachtet blieb.)
?Wie ist es drau?en?" fragte er.
?Trüb, windig und regnerisch." Und ich sagte ihm, da? ich in der rue de la Paix, in einem Wagen wartend, die Passanten gemustert hatte, und wie schwer es mir schien, den Typ der heutigen Generation zu bestimmen. Es gibt die Menschen der achtziger, die der neunziger Jahre, aber die Leute von 1911, meinte ich, die gibt es eigentlich garnicht, und man wird eines Tages seine Not mit ihnen haben, so transitorisch, so ungef?hr erscheinen sie, als seien sie nur angedeutet. Sehr ausgesprochen ist nur das eine Merkmal, da? die wenigen gro?en Leute, die es noch gibt, so vorschnell, als seien sie abberufen, diese Welt verlassen. Welch erlesene kleine Schar bilden unsere heurigen Toten! Unter ihnen kein einziger Greis.
?Es ist eine an überragenden Pers?nlichkeiten sehr arme Zeit geworden," stimmte er mir bei.
?Wenn Sie Umschau halten," sagte ich, noch immer vom Kamin aus, ?müssen Sie finden, da? Sie herzlich wenig Kollegen haben."
?Für einen wahren Diplomaten," bemerkte er, ?genügt es heute nicht, nur Nationalist zu sein. Sein Blick mu? noch weiter hinausreichen."
Es entstand eine Pause, denn ich wollte nicht sagen, was ich dachte, da erschien ein soeben von Rom angekommener Sekret?r seiner Botschaft unter der Tür. Zuf?llig hatte ich auch ihn vor zwei Jahren hier getroffen; er war damals ein Neuling in der Karriere und ich hatte mich im stillen gewundert, da? Barrère ihn so ohne weiteres für seinen ?Stab" akzeptierte, denn er war mir recht talentlos, nichtssagend und langweilig erschienen. Und nun h?tte ich ihn kaum wiedererkannt in diesem lebhaften, energischen jungen Manne, der sich mit so gro?er Pr?zision ausdrückte und dessen Wesen einen so eigentümlichen Ernst und eine so gro?e Aufmerksamkeit verriet. Dies also war unter dem Einflu? eines solchen Chefs aus ihm geworden.
Von Rom her wu?te ich, mit welchem Wetteifer sein Personal arbeitete. Vielleicht lag die St?rke seines Einflusses in der nie K?lte und Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobriet?t seines Verhaltens. Was er aus sich selbst gezüchtet hatte, war die treibende Kraft geworden, die er in seine Leute hineinlegte und magnetisch sie bereicherte, um aus ihnen das ?u?erste an Arbeitsf?higkeit herauszuholen. Denn das Plastische war einfach seine Ader.
Ich dachte an Mottl, den Unverge?lichen. Wie kraft seiner, nie K?lte noch Gleichgültigkeit ausstrahlenden Sobriet?t der Geste selbst die Unbegabten und die Lauen unter seinem Banne zu Taten aufgerüttelt und mit fortgerissen wurden und sich selbst weit überboten, und er Funken seines eigenen Feuers aus ihnen schlug, um Tongebilde auf goldenen S?ulen ans Licht des Tages emporzutragen. Denn das Plastische war seine Ader.
Man hegt in Deutschland eine sehr bestimmte Meinung über Barrère, aber wenn er ein Siamese w?re, k?nnte uns sein Wesen nicht ungel?ufiger und unbekannter sein. Als ich vor mehreren Jahren einen Aufsatz über ihn verfa?te, berief ich mich darauf, da? auch bei dem gewiegtesten Diplomaten ein Hauptgewicht auf sein Temperament zu legen sei. Und das Temperament Barrères sei das des Architekten.
Und so winkte ich lang, ehe es noch ein Marokko zwischen uns gab, mit Girlanden und Zaunpf?hlen meinen Landsleuten zu, die natürlich nicht die leiseste Notiz davon nahmen. Denn in keinem Lande ist es so unm?glich, sich Geh?r zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und S?ngern ist Jugend bewilligt. Ich glaube übrigens, da? sich um dieselbe Zeit in Deutschland ein Mann vom Rang und Ansehen eines Barrère schwerlich herabgelassen h?tte, sich mit solcher Schlichtheit über europ?ische Dinge hin und wieder mit mir zu unterhalten. Man wird mir einwenden, da? er sich den Luxus der Bescheidenheit gestatten durfte. Das war ja auch meine Idee.
Aber eben darum greife ich die Presse au?er acht lassend, weiter zurück; denn die Zeitungen sehe ich nur mehr sehr flüchtig durch. Sie immerzu als aufgeregte Ohnm?chtige zu handhaben, war auf die Dauer allzu l?cherlich und zwecklos. Und so greife ich weiter zurück und sehe etwas Unheilvolles und Gef?hrliches in unserer Arroganz. Sie ist es, die unserem Verst?ndnis franz?sischer Wesensart so sehr im Wege liegt. Und sie ist das Bedenkliche und Hinzugekommene. Das Omin?se und Charakteristische bei gewissen Alldeutschen ist, da? sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der Besonnenheit behauptet und da Türen zuschl?gt, wo sonst Gedanken w?ren . . .
Zwar wird heute hin und wieder, zwischen Deutschen und Franzosen, etwas von einem Sich-besser-kennen-lernen, niemals aber die Frage nach dem Sich-weniger-kennen ventiliert. Nun behaupte ich, da? die Franzosen uns unrichtig und ungenügend, wir die Franzosen aber gar nicht kennen. Au?er unter den Künstlern habe ich niemals auch nur den leisesten Flair für franz?sische Wesensart und Empfindungsweise bei meinen Landsleuten wahrgenommen.
?Panther" 1913.
ALARMGL?CKCHEN
Wenn feine und feinste Nadelspitzen abbrechen, so werden sie bekanntlich stumpfer wie eine weniger dünne, die nicht entzwei ging. Feinste Nadeln sind also gerade in ihrer Feinheit gef?hrdet; sogenannte ?feinste Kreise" seit etwa zehn Jahren in eben dem Sinne auch.
Diese Behauptung bitte ganz à l'Européenne aufzufassen, nicht aber mich deshalb als Sozialistin, denn ich bin garnichts.
Wer aber hin und wieder zum Wanderstabe greift und dann nach der Rückkehr am alten Fleck sich wieder umsieht, in dem dr?ngen und schieben sich die Eindrücke wie Bücher in ihren Regalen zurecht, Bilder finden ihren Platz, und jener merkwürdige Vorgang, den man ?vergleichende Geographie" zu nennen versucht ist, f?ngt an in seinem Kopfe zu entstehen. Dabei werden ihn die Verschiedenheiten, die er in der Fremde wahrnahm, natürlich viel weniger stutzig machen, als die ?hnlichkeiten. Ja, diese sind es wohl, die dann der Bereicherung durch das Gesehene fürs erste jenen leisen Untergrund von Ernüchterung beimischten, den der Heimgekehrte spürt. In Wien, Berlin, Paris, London, Rom liegen, trotz der verschiedenen Atmosph?ren, doch dieselben Dinge ?in der Luft". Als man anfing, geschmacklose Bauten zu errichten, baute man allerorts - wie auf geheime Order hin - geschmacklos. Vorm Buckingham Palace erhebt sich etwas nicht minder Scheu?liches, als gewisse Neubauten in den Stra?en Roms. Machte sich doch das Gemeine bis in die jüngste Vergangenheit besonders in Pal?sten, Banken und Bahnh?fen breit; ob es Millionen kostete, ob überall eine Anzahl Menschen die H?nde darüber rangen, es setzte sich wie nach einem: Pardon wird nicht gegeben, überall durch.
Das geschmackvolle Frankreich bemühte sich hierin vor dem geschmacklosen Deutschland erfolgreich um den Rekord. Gewisse moderne Monumente im Park Monceau und in den Tuilerien sind sogar im Tiergarten noch unerreicht. Vielmehr ist man bei uns zuerst zur Besinnung gelangt, und es durften wieder anst?ndige H?user entstehen. Erst seit München sich des Hubertustempels erfreut, durfte in Piccadilly ein interessantes Bankhaus auf die Welt kommen. Denn wenn in Paris oder Berlin etwas in der Luft liegt, kommt in Wien einer darauf. Denn es gibt eine europ?ische Gemeinsamkeit der geistigen Einstellung allen Triple-Alliancen und Triple-Ententen zum Hohn, wie ja der Begriff Europ?er sich immer mehr zusammenschlie?t, und wie ja die Idee eines europ?ischen Krieges wirklich mit jedem Tage geistreicher wird.
Und weil mir die Europ?erin dabei einf?llt: von ihr l??t sich wohl im gro?en Ganzen sagen, da? sie in aufsteigender Linie begriffen ist. Seitdem sie vernünftiger erzogen wird, nicht selten etwas Tüchtiges lernt, und nicht mehr so ausschlie?lich ihren Himmel in einer Verheiratung erblickt, w?hrend ihre Panik sich auf ein eventuelles Keinen-Mann-Kriegen konzentriert, seitdem haben sowohl der ?Backfisch" wie die ?Gans" ein wenig von ihrer typischen Rassenreinheit verloren. In den K?pfen der M?dchen wurde ja die Leere prinzipiell gezüchtet, und durch das bi?chen Geographie und Klavier der bedauerlichen Tatsache ihres Nichtbesch?ftigtseins nur noch mehr Nachdruck verliehen. Dies also ist - allen Teilen zum Glück - merklich anders geworden. Wir wollen uns daher nicht l?nger dabei aufhalten.
Ich glaube, eine aufsteigende Kurve lie?e sich bei uns zu Lande auch für jene Kreise ansprechen, welche bislang die innere Bildung gleichsam in Pacht hielten, ihre Innerlichkeit aber leider auf Kosten ihrer ?u?erlichkeit pflegten, Sch?nheitssinn mit Frivolit?t verwechselten und auch in ?sthetischen Dingen sich durchaus als Protestanten dokumentierten.
Wer aber nicht in aufsteigender Linie begriffen ist?
Ich sagte es ja schon.
Als ich zum erstenmal Gelegenheit hatte, es wahrzunehmen, traute ich allerdings meinen Augen kaum.
In feudalen Burgen der franz?sischen Provinz fiel es mir zuerst auf, wie sehr das geistige Niveau der vornehmen Gesellschaft gesunken ist. Aber auch in Schlesien, ?sterreich, England und Bayern wei? ich von Schl?ssern mit wundervollen Deckengem?lden und unnachahmlichen Stiegenrampen und k?stlichen Lüstern, Schl?sser, in denen es sich traumhaft lebt, umgeben von Dingen, alle edel und beglückend anzuschauen. Vom mittelalterlichen S?ller direkt ins Auto zu steigen, neuester Komfort zu alter Pracht gesellt, hat seinen eigenen Reiz. Wenn dann der Gong ert?nt, drehen sich schmucke Türen in ihren Angeln, und Herren mit blanken Gesichtern, schimmernde Damen betreten hoch erhobenen Kopfes, Neugier erweckend, den Saal. Und der erste Abend mit diesen geschmückten Menschen, die man noch nicht kennt, verbringt sich behaglich und charmant.
Wie kommt es nur, da? man schon im Laufe des n?chsten Tages fein leise sich ins Dorf schleicht und in einem dringlichen Kartenbrief den Wortlaut der Depesche bestellt, welche dem verhei?ungsvoll begonnenen Aufenthalt ein rasches Ende bereiten soll? und da? man schon genug hat, und sich zu Tr?nen langweilt?
Woher kommt es nur?
Weil die Unbildung sehr zivilisierter Menschen von einer ?de ist, über die kein Feenpalast hinweghilft. Es hat mehr Würze, mit einer alten Tagl?hnerin, die mit ihrem Bündel über das Feld zieht, ein Gespr?ch zu führen, als mit einer unwissenden und ahnungslosen Fürstin. Denn dort k?nnen unausgel?ste Werte sein, hier aber starrt uns ein überzüchtetes und selbstzufriedenes Nichts entgegen.
In allen L?ndern aber, in welchen ich gewesen bin, habe ich bemerkt, da? die ?h?chsten Kreise" eine gewisse Kurve zur Vergr?berung genommen haben. Und ich hebe es hervor, weil es schade ist um uralte Geschlechter, Tr?ger hocht?nender Namen, die innerlich verbauern. Die Gefahr ist da. So gewi? es keinen Stillstand in menschlichen Dingen gibt. Wer sich nicht auf seiner H?he erh?lt, d. h. sie immerzu f?rdert, der f?llt von ihr. Schl?sser, Pal?ste, die man ganz durchst?bern k?nnte, ohne ein gutes Musikstück oder ein nennenswertes Buch drin vorzufinden, sind nicht mehr vereinzelt.
1913 Neue Rundschau.
TORSCHLUSSTYPEN
Man hat den Futurismus vielfach als ?bei?ende Satire" auffassen wollen, als einen Hohn auf die Kritiklosigkeit der Menge, für die kein Humbug grob genug sei, - aber ich glaube da an keinen Spa?, h?chstens einen, der dem Ernst zuvorgekommen w?re. Denn ich kann mir unsere Zeit ohne den Futuristen garnicht denken. Waren sie nicht als Nachzügler vor Torschlu? noch gerade recht eingezogen, so würde den künftigen Dokumenten über unsere Epoche ein Bl?ttchen fehlen. Nicht da? ich leugnen wollte, es sei ein grausamer Spa?macher gewesen, der als erster den Futurismus ?in Malerei setzte". Es mag wohl eine Posse gewesen sein, ihm zu einem so drastischen Organ zu verhelfen und ihm ?mit dem Pinsel zu kommen"; ich leugne nur, da? er durch die Malerei entstanden sei. Wer eine Anzahl junger Leute aus bestimmten Jahrg?ngen kennt, der sieht im Futurismus der Maler vor allem eine Inversion, und er wird den Maler nicht mit dem Modell verwechseln, weil dieses zuf?llig so gut getroffen ist, und in diesem Falle so leicht zu treffen war. So wird er nicht umhin k?nnen, zu finden, da? der Futurismus, rasch bevor er antiquierte (was seine unweigerlichste Bestimmung ist), durch die futuristischen Maler gl?nzend fixiert und der Nachwelt überliefert wurde. Ihre Bilder haben eine sehr sch?ne Zukunft, wenn auch nicht in der Malerei, so doch in der Kulturgeschichte, wo sie weniger ihren Rang, als ihren Platz einzunehmen bestimmt sind, um dereinst ?u?erst interessanten Quellenstudien zu dienen. Da? man tats?chlich einmal so malte, wird dabei von ganz relativem Interesse sein, wie nicht der Name des Schneiders von Belang ist, der diese oder jene wunderliche Tracht zurechtschnitt; wohl aber, da? man sie trug, da? man wirklich einmal so einherging. So wird künftig die merkwürdige Tatsache interessieren, da? es Personen gab, die genau so dachten und empfanden, wie es die futuristischen Bilder heute veranschaulichen.
Und wie lie?en sich Leute, welche die Dinge ununterschiedlich sehen, besser als durch das Darstellen eines ?Alleszugleichsehens" persiflieren? Solche Leute aber gibt es heute! Ich kenne sie sehr gut. Wollte ich sie aber beschreiben, so wird - ich warne den Leser auch - alsbald ein futuristisches Bild daraus werden.
Also solche junge M?nner (sofern man sie M?nner nennen kann), solche junge M?nner also sehen auf den ersten Blick mit nichten wie die ausgemachten Narren aus, die sie doch sind. Oft manierlich und gut gekleidet (denn der aktive Futurismus, setzt ein gewisses Nichtstun voraus, und die Not machte ihm schnell den Garaus), k?nnen sie sogar durch eine gewisse sterile Urteilssch?rfe in belanglosen Dingen, eine scheinbare Kompetenz in nichtssagenden Details über ihren vollkommenen Mangel an Verst?ndnis recht glücklich hinwegt?uschen. Zudem sie mit ihrer eigentlichen Narrensprache nur unter ihresgleichen herausrücken. Nur da heben sie das Visier von ihren unheimlichen Ohrfeigengesichtern und gestehen sich l?chelnd ein, wie unsagbar hoch sie über den Ereignissen des Tages stehen. Mit der den Narren eigentümlichen Schl?ue bringen sie es daher auch fertig, nie zu wissen, was alle Welt wei?, weil es unter ihrer Würde ist, zu erfahren, was in der Zeitung steht; sie finden das gemein. Sie fanden es gemein, sollte ich besser sagen. Denn das ist ja das Witzige am Futurismus, da? er mit diesem Namen in Szene tritt, als die Futuristen schon aufgeh?rt hatten zu sein, und zum Teil vernünftiger, zum Teil kleinlauter geworden waren. Schnell bevor sie ganz um die Ecke waren, nahm sie da der Futurismus noch beim Schlafittchen und entlarvte sie. Ihre kurze Blüte fiel in die Zeit der ersten Luftschiffahrten. Damals rannte einmal ein atemloses Stubenm?dchen an die Stubentür eines solchen Jünglings und rief ihm zu, da? soeben ein Aeroplan über dem Dache fl?ge. Er zog daraufhin die Brauen hoch, begab sich zum Fenster, machte ein überlegenes Gesicht und zog die Vorh?nge zu. Aber noch capabler dünkte er sich, wenn er inmitten einer durch Kriegsgerüchte oder eine schreckliche Katastrophe aufgeregte Menge geratend, von den grellen Plakaten, die an allen Stra?enecken alarmieren, Kenntnis zu nehmen verschm?ht. Denn er ist eitel wie ein Kr?mer, ein verkappter aber unverbesserlicher Bourgeois. Das Leben ist ihm ein gro?es Federbett, in dessen Daunen er seine Existenz so behaglich versenkt, da? von einem überblick keine Rede sein kann. Geh?rt er (dessen chaotische Zust?nde gewisse Bilder uns heute veranschaulichen), geh?rt er doch ach! zu den zweifelhaften Produkten, die ein langer Friede zeitigen durfte. Seine Generation neigt ohnehin dazu, die Dinge zu nivellieren und die Abst?nde, die zwischen ihnen liegen, nicht zu merken. Er aber, als die Karikatur seines Jahrganges, nimmt überhaupt keine Unterschiede wahr. Für ihn gibt es kein Hoch und Niedrig, kein Gut und B?se, weder Scheidungen noch Schranken, nur seine berühmte Amoral, und eine weite Düne ohne jegliche Akzidenzen. Er wird es für absolut zul?ssig, was sage ich, er wird es für geistreich halten, seine Frau mit einer Kokotte verkehren zu lassen, wie er denn überhaupt zur Wertsch?tzung der Kokotte ungemein neigt. Infolgedessen ist er für das Verdienst, den inneren Wert, das Talent, das Genie, für alles, was die Menschen so unüberbrückbar voneinander sondert und was eine so strenge unsichtbare Hierarchie unter den Menschen aufrechth?lt, so unempfindlich und blind wie ein Tier auf der Weide. Er lehnt es ab zu vergleichen, er wird nie etwas verehren, wie es zu seinem unerl??lichen Merkmal geh?rt, da? er nie in den Dunstkreis eines bedeutenden Menschen trat. Er wird h?chstens für etwas so Unvorhandenes wie die tote Mischfarbe einer Papierblume oder die erdichtete Kurve eines Mauseschwanzes Begeisterung ?ffen. Denn nichts ist ihm trostlos und ?de genug, und was die futuristischen Bilder uns zeigen, das ist er.
Weswegen denn auch kein Wort, noch weniger ein Bild über ihn zu verlieren gewesen w?re, h?tte er als Typ nicht etwas so Omin?ses. Mag die Zeit noch so achtlos über ihn hinwegziehen, seine Existenz jagt doch das leise Grauen der Verwirrung ein, einer Verwirrung der Zeit selbst, wie jener grotesk-schauerliche Gedanke eines allseitig unerwünschten europ?ischen Krieges, den wir bei aller Rückst?ndigkeit noch immer in die Zukunft rücken sehen. Auf die M?glichkeit solcher Verwirrung deuten - für das Gefühl - manche Verirrungen hin, die der Politik ganz fernab liegen: die allzuvielen unm?nnlichen jungen M?nner dieser Epoche, die nur aus Verlegenheit ein Interim von Generation zu bilden scheinen, ja sogar so geringfügige Symptome wie die Ratlosigkeit der heutigen Mode. Den besten Schneidern f?llt pl?tzlich nichts mehr ein, und die Kleider variieren in derselben Tonart provisorisch weiter. Vieles mahnt heute an die Ebbe, bevor die neue Flut ihre ersten Wogen ans Ufer w?lzt.
1913 Neue Rundschau.
DER UNVERSTANDENE MANN
Wie ist binnen kurzem alles so anders geworden!
Unsere gute Tante Nora ist doch noch garnicht so alt! Sie, die unter dem Beifall der ganzen Christenheit, gleichsam mit fliegender Fahne, und mit so beispiellosem Erfolg, Mann und Kindern davonlief, da? auf zwei Jahrzehnte ein schier endloser Zug der Unseren, die von ihren M?nnern nicht verstanden werden wollen, sich ihr anschlo?! Ja, wir heirateten nicht selten gerade daraufhin und kamen als Incomprises von der Hochzeitsreise zurück. Je hübscher wir waren, desto incompriser durften wir dann sein, desto eifriger erkl?rten andere M?nner sich bereit, uns für unergründlich halten zu wollen und zu ergründen. Und dabei brauchten wir weiter garnichts zu tun, als zu bescheinigen, was sie in uns hineinlegten, und uns für rein nichts zu interessieren, als für das Interesse, das wir hervorriefen. Es war so furchtbar nett!
Doch ach! wie j?h hat sich das Blatt gewendet!
War der Mann des Spieles müde? Langweilte es ihn eines Tages, oder war er beim R?tselraten zu oft h?ngen geblieben? Ich wei? es nicht. Aber mit einem Male fand er, da? es spannender sei, selbst ein Incompris zu sein, und sogleich vertrat er dies mit jener angestammten Gründlichkeit, welche die neun Gymnasialklassen, die uns noch lange nicht im Blute liegen werden, so deutlich verraten. Wir anderen waren doch nur à conto mi?verstanden gewesen, er will garnicht verstanden werden. Er kommt, nimmt uns die sch?ne Pfründe weg und ist der Unverstandene an sich.
Wir indessen müssen bis auf weiteres das Spiel verloren geben, denn uns fehlt der Partner. Gerade die jüngsten und reizvollsten Frauen sind heute so vielfach ausgeschaltet, als w?ren sie noch eingesperrt. Nicht im mindesten fehlt es ihnen an Anerkennung, vielmehr wird keiner sie so gut verstehen, keiner so sch?ne und erlesene Worte über sie finden, wie der Unverstandene Mann. Den Kult, den er zum Ausdruck bringt, h?tte keiner früher einer Frau erwiesen, ohne für sie zu entbrennen. Glaubt aber nicht, da? er für sie glühe! Wenn er zu ihr geht, vergi?t er nie das Opernglas, das er verkehrt vor seinen Augen h?lt, um sie weit von sich zu scheiden, ob sie noch so hart vor ihm stünde. Denn sie tief und richtig zu erfassen, gleichsam mit allen Gründen, wie durchleuchtet, wie geschliffen ans Licht zu heben, ist ihm genug. Sein Feuer ist damit verblasen. Nie f?nde sie ihn so fern, so frostig, ja so abgeneigt, als nachdem er soeben eine Dithyrambe über sie sprach. Denn hiermit entlie? er sie aus seinem Herzen. Und so zieht er denn in Wahrheit den Hut vor ihr, - aber dabei empfiehlt er sich.
Und ihn, faute de mieux, soll man heute lieben, denn ein anderer ist nicht da. Der Typ des Don Juan ist ausrangiert, oder zum Hausvater vorgerückt. Hier zeigt sich der Unverstandene Mann von seiner unzul?nglichsten Seite, und der moderne Verführer ist nicht sehr gef?hrlich: mit seinen schwach konzentrierten Sentiments vermag er nur schwache K?pfe zu verdrehen. Denn es ziert nur Frauen, unsichere und halbe Herzen zu vergeben.
Allein sein Wesen strebt nun einmal nicht nach Steigerungen, sondern dr?ngt ihn, von all den sch?nen Dingen, für die er so lange eingestanden ist, auf eine Weile auszuruhen, wie man erst nach zurückgelegtem Marsche der ausgestandenen Müdigkeit anheimf?llt. So zieht er nunmehr kühle, blumenlose Pfade des Gefühles vor und jene schattigen Seitenwege der Begriffe, die sich nur spalten, um kurz auszulaufen und sich zu verzweigen. Alle schimmernden Fernen hingegen, alle postulierten Verhei?ungen und Aussichtspunkte sind seinen zu empfindlich gewordenen Augen unertr?glich. Nichts von ?Saaten", nichts von ?Ernten" mehr, nichts von Allgemeinheiten und nichts von Zielen und besonders, nichts von Idealen. Nichts von so grellen Dingen. Nicht solche Worte. Sie verletzen ihn nur. Mit fiebernder Hand wehrt er sie ab, besonders den Enthusiasmus mit all den f?lligen Raten, die ihn nur allzuoft schon überdauerten. Zu ?Wein, Weib und Gesang" h?lt er da andere Distanzen ein, und sein Verh?ltnis zur Musik hat sich ebenso gelockert oder verschoben wie das zur Frau. Aber ich sage: respektieren wir auch dies. Was er heute für seine Willkür h?lt, ist nur ein Feiern und ein Atemholen. Der Fehler des Unverstandenen Mannes liegt viel weniger darin, da? er mit seiner Jugend keine rechte Gemeinschaft pflegt, (dies ist seine Sache) als da? er von ihr absieht, eine Attitude, an der jeder Tag etwas ver?ndert, als unverrückbar hinstellt, das Zeitliche, an das sich seine Erfahrungen erst ketten müssen, zurückweist, und alles à priori sein und nicht sein zu k?nnen glaubt. An seiner vielgescholtenen Unproduktivit?t hingegen kann ich nichts finden, sie f?llt nicht ins Gewicht und ist so wenig definitiv, so wenig ein Finale, wie die gehaltene Note vor dem neuen Auftakt. Soll denn immer ohne Pause produziert werden? Ist es das Einzige? Ach, es laufen ja unter den sch?pferischen Naturen so viel ersch?pfte mit unter, w?hrend gewisse Unsch?pferische unersch?pflich erscheinen. Gerade in seiner Unproduktivit?t schlage ich vor, ihn nicht zu st?ren. Es ist ja mit den Menschen, wie sie einmal geraten, nicht viel anders als mit der Mode, von der wir wissen, wie gro? ihre relative Berechtigung ist und wie sehr es in ihrem Charakter liegt, sich zu behaupten. Wer jüngst ein gro? Geschrei wider die engen R?cke erhob, tr?gt heute keine anderen. Ihr Vorzug beruht darin, da? sie uns zur Haltung und Linie erziehen, und hierin gleichen sie auf ein Haar dem Unverstandenen Mann: daher es ratsamer ist, sich in ihn zu finden, ja von ihm enchantiert zu sein. Denn er, und weder der Mann, noch der Rockschnitt von Anno Dazumal, welches auch seine Qualit?ten sein mochten, ist heute das Gegebene, zu dem wir uns zu stellen haben. Wer f?nde dies zu frivol? Ist nicht vielmehr das einzig Interessante an diesem sich ewig überlebenden Leben, da? hinter den frivolen Dingen so h?ufig der Ernst, hinter den ernsten der Schalk sitzt? Wer hielte es sonst aus?
Nur deshalb sind ja die schlimmen Dinge, wenn man mitten in ihnen steht, zum Glück nicht ganz so arg, wie sie von au?en anzusehen sind. Indem sie evoluieren und ins Gedr?nge kommen, rücken sie nicht selten so nahe zusammen, da? die letzten die ersten überholen, und das unterste nach oben treibt. Wer sie dann wendet und betrachtet, h?lt sie bald wie jene chiffrierten Briefe, die anders lauten als sie hei?en, und das Tolle und das Disparate mit dem Sinnf?lligen zusammenführen.
Und so steht für uns im Stich Gelassene von heute, Herrinnen von gestern, Schutzflehende von einst, der Zeiger anders als die Uhr. Keime in uns, deren Wachstum durch die Gegenw?rtigkeit des Mannes zurückgehalten oder überboten wurden, finden eben jetzt ihr Gedeihen. Inmitten dieser schlechten Zeiten wuchsen unsere Tage unversehens in den Sommer hinein. Drau?en reift das Korn, die Halme knistern, und in der mitt?glichen ?de erstarkt das Laub. Ihr ist die Ferne zu vergleichen, die wir jetzo nützen. Denn es ist nicht zu leugnen, da? uns der Mann verlie? und eine Genugtuung darin findet, uns zu meiden. Ohne eine gewisse Grimmigkeit zwar geht es nicht her. Und hier liegt unsere Genugtuung an der Sache. Denn wenn er es h?chstens bis zur Genugtuung bringt, indem er sich uns entzieht, so gereicht es uns, die seiner so schwer entraten, zum inneren Jubel, wenn wir ohne ihn bestehen.
Ich sehe, da? ich von meinem Thema abgewichen bin, aber ich wollte nur das letzte Wort haben. Und w?re denn der Unverstandene Mann in Wahrheit unverstanden, wenn ich mehr von ihm wü?te?
1911 Neue Rundschau.
DER NEUE SCHLAG
Woher es nur kommt, da? ich immerzu von den neuesten Schriften über Modernismus und Frauenbewegung avisiert werde. Ich interessiere mich doch viel mehr für Musik oder für Ausgrabungen. Aber es scheint ausgemacht, da? diese beiden Probleme meine Sache seien. Da m?chte ich mir denn ein Herz fassen, und die mir zugesandten Broschüren einmal lesen.
Aber vorher m?chte ich lieber selbst etwas sagen.
Wer denkt, lebt n?mlich in so gro?er Not. Verurteilt, zwischen der Unrast des Tatenlosen und der Verzagtheit zu bangen, bis er den festen Gu? seiner Gedanken bildete und mit einer leisen Mi?achtung für sich selbst einherzugehen, so lange er sich durch Ver?u?erung das Eigentumsrecht auf seine eigene Meinung nicht erwarb.
In dieser Hinsicht aber habe ich es besonders schwer. Denn auf eine gewisse allgemeine Unzugeh?rigkeit war ich im stillen von jeher eifersüchtig. Sie ist die Feste, hinter die ich mich immer wieder verschanze. Wer sich zu den einen gesellt, der trennt sich ja vom anderen, und ich will zu keinen geh?ren, weil ich mich von niemand scheiden mag. Mein Indifferentismus ist nur Selbstverwahrung. Es ist überall Gefahr, mit fortgerissen zu werden, und jeder Zeitlauf bietet etwas, das man vertreten und festhalten m?chte, um sich freilich dann, letzten Endes, wieder von ihm loszusagen.
Darum fliehe ich vor den Dingen meine steile Schneckenstiege empor und lasse mich ungern hin zu ihnen locken, so sehr liegt mir an ihrer Perspektive. Nur oben, vor meinem schmalen Fenster mit dem weiten Ausblick, kann ich endlos spinnen. Dort schnurren meine R?dchen, und der Faden geht ihnen nie aus. Also abgetrennt wird mir so heimatlich zu Mute, als seien alle Dinge mein, und als geh?rte ich zu allen, selbst den weit verschwimmenden hin. Denn nur im blauen Dunst der Ferne liegend, sind sie mir deutlich und vertraut. Oft rücke ich dann meinen gesponnenen Flachs zur Seite, stütze die Arme auf und halte Umschau.
Der bereitwillige Ernst, den man transzendentalen Fragen von neuem entgegenbringt, ist, von meinem Fenster aus gesehen, ebenso merkwürdig, wie die sich kl?renden Umrisse der stets undeutlich gebliebenen Frauenpsyche. Sie hat das eine mit der Religiosit?t gemein, da? allen beiden zwei h?chst entstellende Kutten, die der Fr?mmelei und der Abh?ngigkeit, übergeworfen und als ihre elementaren Bestandteile erkl?rt wurden. Was ist da heute von meinem Fenster aus - im Vergleich zu gewissen sehr radikalen Umw?lzungen der Denkungsart, die sich bereiten, der Modernismus für eine beil?ufige Sache! Und was ist die Frauenbewegung im Vergleich zu ihrer Idee? Eine Wolkenschicht, die sich vor einer Lichtfl?che türmt. Beide Bestrebungen verhalten sich zu den starken Dingen, von welchen sie getragen sind, wie ein kleiner Reitervortrab zur Majest?t der heranziehenden Heeresmacht.
über den Modernismus will ich, um niemanden zu reizen, nicht weiter improvisieren. über die Frau aber bin ich doch sicherlich au fait. Infolge gewisser zweifelhafter Züge sind die Akten über sie noch immer nicht geschlossen. Ihre Gattung, meint Villiers de l'Isle Adam, begreift Wesen in sich, die durchaus keine Menschen, allerdings auch durchaus keine Frauen seien. Er tat sich auf diese Entdeckung viel zugute und ging so weit, da? er in gewissen ?g?nzlich seelenlosen und unmütterlichen Larven" einen Spuk der Natur erkannte und für den Mann das Recht beanspruchte, diese problematischen Wesen, die mit jeder Generation einen hohen Prozentsatz verhei?ungsvoller junger Leute zugrunde richten, wie andere sch?dliche Reptile einfach umzubringen.
Die drastischen Ratschl?ge stammen ja immer von Tr?umern, und die besten Ratschl?ge sind zumeist unausführbar. Dank der Unterarten ihrer Art l??t sich jedoch über das Wesen der Frau, wie über etwas noch immer Unerforschtes, noch immer diskutieren, noch immer keine Schlüsse ziehen, die verallgemeinert im Guten wie im B?sen nicht widerruflich w?ren. So flüchtig ist es, so viel feiner, und so viel gr?ber, und so schillernd, da? solche Kenner wie die Franzosen heute noch von einem Mystère de la Femme reden k?nnen. Wer spr?che noch in diesem selben Sinne von einem Mystère de l' Homme?
Nun wü?te ich auf der Welt nichts gegen die Frauenrechtlerinnen einzuwenden, als da? sie nicht geheimnisvoller sind. Sie gemahnen an den Unterschied zwischen dem Skulpturalen und dem Anatomischen. Der w?re doch ein Tor, der sich beschweren wollte, da? die Anatomie nicht ?sthetischer sei.
Auch sage ich ja nichts!
Wenn ich aber gegen die Kutte sprach, so sehe ich in den sch?nen, meinetwegen manchmal trügerischen Schleiern, mit welchen die Frau ihr inneres Sein umflort, sehe ich im Geheimnisvollen ein Attribut des Weiblichen.
Und deshalb glaube ich, da? die bevorstehende Evolution sehr abseits der Bahn ihrer Vork?mpferinnen liegt; wie sich die Schlacht weitab von dem kleinen Reitervortrab abspielt, von dem wir sprachen. Es sind nur die Boten, die mutig heransprengend, als erste die Kriegsfahne entrollen, aber an der Entscheidung keinen Teil haben. So w?ren jene Frauen überrascht, ihre geringe Fühlung zu den Lenkern der kommenden Schlacht zu vernehmen; einer Schlacht ohnegleichen, in der die K?mpfenden von keinem anderen als dem Gegner geführt, von ihm selbst angefeuert und in der Kunst, sich zu verschanzen, unterwiesen werden. So sehe ich es von meinem Fenster aus kommen. Was sage ich? So ist es l?ngst. Das Treffen ist in vollem Gang. Die hohen Staubwolken des Tages umhüllen nur die Vielen, die ermattet niedersinken, das Ringen dieser Kampfuntüchtigen und das Gewühl. Die laute Gegenwart übert?nt nur die Rufe der zu Tode Getroffenen. Aber von meinem Fenster überblickt man schon das gespensterhafte Schauspiel. Denn sucht man nach dem Feinde, gegen den diese immer Besiegten sich halten, so entdeckt man ihn in ihrer eigenen Hohlheit und Verlassenheit; der Boden, auf dem sie langsam vorrücken, wird ihnen nicht bestritten, die Burg, die sie stürmen müssen, ist leer.
Da? es der Frau innerlich noch nie so schlecht erging, wie seitdem sie ?u?erlich zu ihrem Recht gelangt und im eigenen Lager ihre gute Sache vertreten sieht, ist natürlich ein rein zuf?lliges Zusammentreffen, und die Entfremdung der Geschlechter ist ein Faktor und kein Ergebnis.
Eine Zeit ist sich selber nicht bewu?t. Sie kann den Schein nicht gewahren, den sie ausstrahlt. Sie hat keine Distanz zu sich selbst. Ihre Schrittmacher sind stets die Kommenden. Wir sind das alte Spiel gewohnt. Nur bei unserer heutigen, der Analyse so ergebenen Generation, die sich so behorcht, befremdet es mit einem Male, da? sie sich nicht kennt, und das nimmt den Sinn gefangen wie das Flimmern schr?ger Strahlen im Dunkel alter Kathedralen. W?re es nicht unendlich wichtig, da? eine solche Zeit selbst zu dem Spiegel griffe, den ihr bisher erst die kommende entgegen hielt? Es gibt etwas Neues unter der Sonne, und wir gehen unaufmerksam daran vorüber. Unter den jüngsten M?nnern ist ein merkwürdiges Geschlecht nie Dagewesener entstanden, die nicht S?hne ihrer Mütter, nicht als letzte Glieder einer Kette sich an diese schmieden, sondern abbrechend mit allem bisherigen, nicht als Werdende mehr, sondern als Gewordene im Leben einsetzen. Ein neuer Schlag, andere Organismen, Zeitlose, die tiefer als Menschen je zuvor, die Marke ihrer Zeit auf ihrer Stirne eingezeichnet tragen, in sich Befangene, Gebundene, dem Transitorischen so streng überwiesene, da? sie nicht mehr zu Gestalten sich verdichten, sondern wie die Frauen zu Gesichtern sich verflüchtigen. Alles Elementare ist bei ihnen so zurückgedr?ngt, da? es zurückgewiesen wird, wie alles Unmittelbare, alles Unvermittelte. Vom Konkreten wird abgesehen, man spaltet die Begriffe bis zum Wahnwitz und verschm?ht es zu summieren. Infolge eines so radikalen Umsturzes steht nichts mehr an gewohnter Stelle, und die Sprache wird zu einem ganz anderen Modus. Man operiert nicht mehr mit Worten, die etwas zusammenfassen. Die sind tot. Ich lie? in solcher Gesellschaft absichtlich Worte wie gut und b?se oder tüchtig, achtbar und verdienstvoll fallen, nur um herauszuh?ren, wie unertr?glich platt sie in dieser Atmosph?re klangen. Um das Einfachste zu sagen, wird hier ein dunkler, schwer fa?licher Monolog gewunden, zu dem nur Gleichgeartete den Schlüssel haben, und den kein Uneingeweihter Zeit noch Geduld bes??e, zu entr?tseln. Es ist wie Ein-sich-Verst?ndigen durch Chiffren, und es sieht aus wie Pose. Allein es sind Getriebene, denen bisherige Werte wie Kulissen niederstürzten, und denen die Tradition entzogen ist. Aus dem Schutte werden nun die Splitter aufgelesen, die Stunden dem Tage vorgezogen und die Ideale von diesen Idealisten verworfen. Das Nahe wird mit dem Fernglas betrachtet, und die Minute wichtiger genommen als das Leben. Auf den Trümmern, die sie geschaffen, ziehen sie nun ohne Messungen, ohne Zentren bed?chtig einher, wie jene langbeinigen V?gel der Düne, von welcher das flutende Leben sich zurückzog.
Aber nur sachte. So wenig ich mich zu diesem neuen Schlag bekenne, so wenig geh?re ich zu denen, welche da glauben, ihn negieren oder über ihn hinweg sehen zu k?nnen. Etwa weil wir es nicht mit Goethe'schen oder Wagner'schen Menschen zu tun haben, oder weil ihr Denken meist ein vergeudetes ist. Mit ihnen hat der Weltgeist, als sei er der ewigen Fortsetzungen müde, eine Lücke in dem unsterblichen Teppich der Menschheit gemeint und unvermittelt ein neues Muster eingezeichnet, das sich wie eine Grisaille inmitten einer Freske ausnimmt, das aber so tief darin verwoben ist wie wir selbst. Und es w?re borniert, uns zu stellen, als s?hen wir es nicht, denn wir wissen nicht, wie es sich entrollen wird. Wenn diese neuen Leute ihre Unreife durch überreife bekunden und mit der Temperatur des Alters in Szene treten, sind sie deshalb nicht minder jung. So manch verhei?ungsvoller Jüngling ging aus seiner Sturm- und Drangzeit als Niete hervor, ohne den Mittag seines Lebens zu beschreiten. So werden auch hier nur die wenigen Berufenen ihren Werdegang erfahren und gleichsam mit einer anderen Schwenkung zur Reife gelangen. Es ist, als ob ihr Tag mit dem Sonnenuntergang anh?be und als mü?ten sie nach einer Morgenr?te gravitieren, um ihr Tagewerk zu vollenden. Wie es anderen oblag, das Chaos ihrer Empfindungen zu kl?ren, so müssen diese die schwere Schale einrei?en, die sie von ihren eigenen Gefühlen trennt, den Weg zu ihrem eigenen Selbst sich bahnen und lernen sich zu besitzen. Hier ist nicht alles Narretei. Wir sind hier nur versucht, auch die Typen zu verwerfen, denn noch nie sah man so groteske Kopien. Aber von meinem Fenster aus gesehen ist nichts, was eine so gespannte Aufmerksamkeit erheischt wie diese auf Abwegen aufgepflanzten Wegweiser, diese Abgekl?rten, diese Manierierten, diese Verzichtenden. Denn über den, um seine Jugend betrogenen, in Intellektualit?t versteinerten Jüngling mit der kalten Maske, dem abgewandten, in Schwermut erstarrten Auge, über ihn geht jetzt der Weg. Er glaubt, indem er gleichsam eine neue Seitenlinie menschlicher Denkart involvierend sich losri?, von allem Vorgedachten und bisherigem Tun und Wollen sich entzieht, er glaubt so gewillt zu sein, und ist nur, wie er mu?.
So kenne ich - nur das Echte will ich nunmehr im Auge haben - einen jungen Patriarchen. Bei ihm ist ein unausgesetztes Konstatieren ohne Parteinahme, unersch?pfliche Teilnahme ohne Anteilnahme. Er verzeichnet mit derselben Kühle das Verruchte wie das Erhabene. Er fa?t alles und l??t alles entgleiten. Er wertet alles, ohne etwas abzusch?tzen. Verlangt von ihm Alles, nur kein Für und Wider. Er ist h?chst sensibel, aber der Weg zu seinen Gefühlen ist ihm verschüttet. Er gebietet über das Gro?e und das Starke, über die m?chtigsten und die tiefsten Dinge. Nur Eines fehlt in diesen Regionen: Gras, Blumen, Vogelsang; alles ebbte zurück nach dem Pol, gefror zur Erkenntnis. So ist seine Erkenntnis zum Parasit geworden und zeigt er noch Geist, wo der Sinn ein Ende fand, wie jene Bergsteiger, die noch weiter klettern, ob schon das Ziel hinter ihnen liegt, nur um der Lust des Kletterns willen. Und er mu? st?rkerer Fesseln sich entwinden, als der Ungestüme, er ist in seinem Denken verstrickter, gebannter in seiner Losgel?stheit als der Erdgebundene. Und so steht er, in sich gekerkert, gleich einer Herme, da wo alle Wege sich kreuzen und der Sterbliche froh vorüberzieht.
Da? die M?nner des neuen Schlages vorwiegend unverliebter Komplexion sind, ist kein Geheimnis, ist kein M?rchen, sondern die gro?e, allwichtige Novit?t. Der ganze heutige Umschwung dreht sich um eine Witterungsfrage. Zwar ist es, wie gesagt, ein Faktor und kein Ergebnis, da? heute die jüngsten und sch?nsten, von M?nnern sehr umringten Frauen h?ufig ungeliebt und unbegehrt ins Leben hineinwachsen. Aber es ist ein Ergebnis, da? sie in der k?lteren Zone, der sie nunmehr ausgesetzt sind, zu immer deutlicheren Gestalten sich festigen, in dem Grade, als der Mann in seinen Umrissen verbla?t.
Die G?tter selbst woben dies Feld der marmornen Schlachtenlenker in unseren Teppich ein. Wenn alle Kl?ster, alle Abgeschiedenheit und alle Tugendübungen die Frau nicht lehren konnten, in ihrem Innersten des Mannes zu entraten, so hilft ihr jetzt seine eigene Halbheit. Stets ist es doch sein Wesen, das bestimmend auf die Frau zurückwirkt. Ihr Gefühl ist zu sehr Widerhall. Als er für sie glühte, war sie die Schmachtende. Heute ist vieles anders geworden, und die Rollen sind vielfach vertauscht. Es gibt nicht mehr die Incomprise, sondern den Incompris. Ein moderner Cherubin dürfte uns ein gar originelles Liedchen vorzusingen haben. Er strebt von jeder weg, zu der's ihn zieht. Er liebt sie nicht mehr, bevor er sie noch liebte. Er ist jener untreu, die er gerade im Arm h?lt. Kaum hat er sich ihr abgewandt, schweift er zu der Betrogenen zurück. Er ist entt?uscht zuvor, zuvor der gro?en Ernüchterung preisgegeben!
Er mu? die Dinge fliehen, bevor er sich in ihnen verankerte. Nie wird er in der Folge nach dem schimmernden Schleier greifen, mit dem Leukothea das Herz des sinkenden Odysseus schwellte. Seine Erkenntnis l??t ihn alles Künftige retrospektieren, und sein Wissen um die Dinge ist sein Irrtum. Denn als Verführer ist der Geist weit m?chtiger als die Leidenschaft. Wo sie nur verblendet, darf er überzeugen, auch indem er das Leben zerpflückt, selbst indem er uns irreführt. Wo immer der Geist seinen grellen Schein hinrichtet, ist er unwiderlegbar. Und der Geist als Verführer ist es, der seine Pulse hemmt, wie das Eis die Quelle zurückh?lt.
Im Kontakt mit einem derartigen Manne kristallisieren sich die Gefühle selbst der leidenschaftlichsten Frau in ganz anderer Weise. Sie ist zu zart besaitet, als da? es sie nicht reizte, ihn auf seinem d?mmerigen Pfade zu folgen, und noch st?rker ist für sie der Reiz, aus der Sturzwelle des Gefühls sich ungebrochen wieder aufzurichten. Ihr Wesen mag zwar in seiner N?he sich erfüllen, doch ohne da? seine N?he sie verwirrt. Denn seine Liebe besitzt nicht mehr die Glut, sie mit einem Bannkreis zu umziehen, der ihr zu einer Welt ersteht. Obwohl sie nie zuvor ein so feines Verst?ndnis, eine so vollkommene Wertung erfuhr, fühlt sie sich bei ihm nicht mehr geborgen. Zwar ist er nicht mehr roh, aber er ist nicht selten hysterisch, und er ist nicht mehr ritterlich. Er hat ihr nicht mehr jenes Gefühl zu bieten, das sie wie ein prangender Mantel umhing, sie idealisierte und ihrer schonte, da? sie beglückt ihrer Unzul?nglichkeit sich enthoben w?hnte.
?Voyez si je puis me conduire", schrieb Julie de Lespinasse, ?éclairez-moi, fortifiez-moi. Je vous croirai, vous serez mon appui, vous me secourrez. Le Président Hénault, l'abbé Bon, l'archevèque de Toulouse, l'archevèque d'Aix, Monsieur Turgot, Monsieur d'Alembert, l'abbé de Boismont, Monsieur de M . . . voilà les hommes qui m'ont appris à parler, à penser et qui ont daigné me compter pour quelque chose."
Nichts von alldem! Nichts von den kleinen Selbstt?uschungen mehr, nichts von artigem Betrug. Keine Stunde Weges wird der Frau mehr erspart. Selbst mu? sie die schwachen Arme emporrichten, sich zu kr?nen, schwere Schritte selber gehen und ihren Fu? auf die steile Stelle setzen, über die er sie früher hob. Ohne ihn mu? sie bestehen k?nnen. Er hat zu viel mit sich selber zu tun und keine Hand ihr entgegenzustrecken.
Es ist wohl mü?ig, da? ich noch ausführe, was mit der sonderbaren Schlacht gemeint ist, auf die ich immer wieder zurückkomme, weil ich sie von meinem Fenster aus sehe. Es sind ganz einfach die Frauen, die gegen ihre vieltausendj?hrige innere Abh?ngigkeit, ihre eigene Leere, ihre lang gehegte Unselbst?ndigkeit den verzweifelten Ansturm führen, zu dem die Gleichgültigkeit der M?nner sie treibt. In diesem Ringen erstarken sie zum ersten Male, seitdem die Alten mit begeisterter Hand die Gestalten der Dianen und Walküren umrissen. Für die Frau, die, auf den starken Arm des Mannes gestützt, ihm ihr Werden gleichsam überlie?, war es keine Kunst, sich zu entfalten. Ihre Blüte hatte nur den einen Fehler, da? ihr Wachstum von der Gunst des Mannes abhing, dies gab ihrer Reife oft etwas so Fragliches oder so Entlehntes. Denn wo die Akzidenz der Liebe eines Mannes wegfiel, da verzehrte, verwischte sich ihr Wesen und verwehte. Die Unfreiheit, die wie ein Makel an ihr haftete, beliebte ihm indes. Es behagte dem Petrucchio, da? sie ihm in ihrer Verblendung die Entscheidung über den Lauf der Gestirne zugestand. Es war nur eine Form der Verw?hnung, sie so zu unterdrücken, da? sie den Mond statt der Sonne am Himmel zu sehen willig war, wenn er es sagte, sie so unterzustellen, da? sie ihn kritiklos, gleichsam auf Abzug liebte, als g?be es nur ihn, als flutete die Welt nicht von tausend anderen wertvollen Dingen.
In einem gewissen heroischen Stumpfsinn suchen ja Liebende zuletzt nichts anderes als zu vergessen, da? der Tod seine h?chst radikale Scheidung über sie vollziehen und nicht vor ihnen zurückstehen wird, ob sie noch so innig sich umschlingen. Er wei? es besser. Darum ertragen sie den Gedanken an ihn nicht. Mit seinen Augen, die im Dunkeln sehen, wei? er besser, wieviel Verblendung an ihrer Liebe haftet und wie weit er sie zu trennen hat. Denn die geheime Hierarchie der Wesen und die inneren Akkorde, die im Gegensatz zu den ?u?eren weiterspielen, geben jene gro?e Kakophonie, nach der das Leben sich nicht kehrt, weil es so blind ist für die inneren Zusammengeh?rigkeiten wie der Tod für die ?u?eren. Darum greift das eine so blind heraus, wo der andere so blind entrei?t.
Aber darum kam ein Tag in unserer Geschichte, an dem wir des Spieles müde wurden, an dem die Liebe für die Liebenden, wer h?tte es gedacht? tats?chlich an Wichtigkeit verlor, weil sie nicht mehr vergessen, sondern der bittere Geschmack des Todes auf ihren Lippen zurückblieb und weil ihre Gemüter zu belastet waren mit den Erfahrungen der V?ter, zu wissend um den bitteren Rauch, das j?mmerliche Aschenh?uflein, zu dem ein Feuerwerk, das sie zu oft für ewige Flammen hielten, in ihren bet?rten Herzen niedersank. Was Wunder, wenn sich die Welt von Entt?uschungen, die sie zusammentrugen, an ihren S?hnen r?chte, und in Dingen der Liebe an Stelle der Illusion die Skepsis trat? Allein das Wissen dieser versp?teten Zeugen, das sie Künftiges nunmehr vorweg nehmen lie?, erwies sich als ein st?rkerer Bann als die frühere Verblendung. Das Feuer ihrer Adern wurde zum Fieber und überhitzte ihr Gehirn. Ihr Arm erschlaffte, ihr Denken dissoziierte sich und zerst?rte oder untergrub ihr Schaffen. Und erst die S?hne werden an diesen S?hnen lernen, da? keine Umbildung, da? nur eine Stilisierung des Sinnlichen gilt.
Als die stets bereitwillig nachfühlende Frau die ungeheuerliche Wandlung im Gemüt ihres Gef?hrten und einstigen Beschützers wahrnahm, entdeckte sie ein Etwas in seinem Kaltsinn, das sich zu einem Zug ihres eigenen Wesens verhielt.
Wenn der Mann unverkennbar dazu neigt, der errungenen Frau müde zu werden, und wenn er ihr dies antun darf - denn nur selten erweist sie sich als das Ideal, das er ertr?umte - so darf sie ihm den Schimpf durch jenen geheimnisvollen Zug heimzahlen, der fast ein Trieb zu nennen ist, dem sie einzig ihre Gleichberechtigung verdankt und der den Mann in seiner Eigenliebe st?rker trifft als alle Untreue; ein Zug, den er gerne verkennt und von dem der gr?bere Mann nicht wei?: ich meine die mystische Abneigung, die mit ihrer Neigung für den Mann so sehr im Widerstreite liegt und ihrer Schw?che so sehr entgegen ist und deshalb so selten überbietet.
Da? der Mann des Neuen Schlages der heutigen Frau, die er doch im Stiche l??t, im ganzen sympathischer ist als der gestrige Mann, hat seinen besonderen Grund. Ganz im stillen n?mlich fand sie in der schrankenlosen Hingabe, die er von ihr erheischte, ihr letztes h?heres Genügen nicht. Wenn sie den Rest in ihm herausfand, auf den ihr Innerstes feindselig lauerte, und der des Todes war, fand sie es doch ein bi?chen schn?de, in seiner Endlichkeit so ma?los aufzugeben, einen Humbug, so zu ihm aufzublicken: So war ihre Neigung, von ihm abzufallen, edlen Ursprungs wie sein überdru?.
Und es handelt sich heute, ich sagte es schon, um das letzte Wort der Frauenpsyche: ihren seltsam verwobenen, niemals ungetrübten Drang, auf ihre eigene Schw?che, wie auf eine Schlange den Fu? zu setzen, und um jene Siege, die Goethe das Ungeheuere nannte: denn die kalte Luft, die jetzt über sie hinweht, ist ihrem Wachstum günstig, und, ihre Evolution k?nnte sich sehr wohl dadurch vollziehen, da? die M?nner immer degenerierter werden. Wenn sein Wesen zeitweilig in die Brüche ging, wird dafür die Frau endlich individueller. Ihr letztes Endziel ist doch der Mann. Keine Tugend in ihr, die ihm nicht zugewendet w?re. Sie werden einander wieder begegnen. Es wird künftig viel von Liebe, wenn auch nur wenig mehr von Frauenrechtlerinnen die Rede sein.
Indessen lobe ich mir unsere unsentimentale, unschw?rmerische Zeit, mit ihrem zurückged?mmten aber nicht verlorenen Gefühl. Man ist nur Pessimist, um seinen Optimismus zu rechtfertigen. Ich glaube an einen Fortschritt für unsere ?ra und sehe ein Element des Lebens in dem augenblicklichen Verfall. Alles ist nach seiner Art. Unsere unprometheische Jugend steht im Zeichen des Euphorion. Sie ist gef?hrdeter. Wer dürfte es wagen, sie unheldenhaft zu nennen?
1911 Lose Vogel.
DIE BALLONFAHRT
Ich fürchte doch, da? es noch einen Krieg wird geben müssen, obwohl die Diplomaten ihn schon in Abrede stellen, obwohl die Leute nicht mehr recht daran glauben, und obwohl die Zeitungen ihn noch immer an die Wand malen. Es sollte mich doch wundern, wenn wir ohne jenen letzten und schon unzeitgem??en Krieg auskommen würden, weil unsere K?pfe zu hart sind, um nicht noch einmal zusammenzusto?en.
übergangszeiten sind ja nie sch?n. Es nützt uns nichts, da? sich die Welt so sehr bereicherte. Ist die Ernte gehalten und sind die Scheunen voll, so mu? ein neuer Winter folgen und die Felder stehen wieder leer.
Mir ist immer, als ob es jetzt Februar w?re. Noch ist der Frühling weit, aber der Tag schon grell. Man wei? nicht mehr, wohin sich wenden: die gute Gesellschaft ist nicht zu ertragen, und die schlechte ist noch viel ?rger, soda? es schon ganz zur Norm geworden ist, da? man abseits lebt. Und nicht die Salons, die Bahnh?fe haben heute ihre Habitués.
Unsere nationalen Eigenschaften sind n?mlich auf dem sch?nsten Wege, sich zu nationalen Eigenheiten auszubilden. Wenn wir heute etwas echt bayrisch oder echt berlinerisch oder echt s?chsisch nennen, sollte man doch meinen, da? es als Kompliment gemeint sei. Man sollte es meinen. Aber es ist nie der Fall. Dafür nimmt das allgemeine Unbehagen über die eigenen Rückst?ndigkeiten überall seinen besonderen heimatlichen Charakter an.
Eines Tages trieb mich unsere Ungefügheit (mit welchem Wort lie?en sich unsere unzusammenh?ngenden M?ngel diskreter zusammenfassen?) über die Grenze. Als mich in Avricourt ein Douanier fragte: ?Rien à déclarer, Madame"? stach mir eine Tr?ne ins Auge, denn meine Liebe zu Frankreich stand wieder einmal auf ihrem H?hepunkt.
Aber H?hepunkte sind da, um überschritten zu werden. Ich wohnte zwei Monate lang im fünften Stock des Hotel d'Orsay, bald in diesem, bald in jenem Zimmer. Bald sahen meine Zimmer auf die Place de la Concorde, dann auf die Rue de Lille, dann wieder auf den Quai d'Orsay hinaus. Bald war mir die Lampe nicht recht, bald die Lage. Einmal fand ich das Licht zu grell; zweimal zog ich wegen der Tapete aus. Immer wieder bestand ich ebenso schüchtern wie dringend auf meinem Umzug.
Es lag aber nicht an den Zimmern. Es lag an Paris. Noch immer war Marianne das sch?nste und interessanteste M?dchen von Europa; doch auch ohne Lupe waren jetzt kleine Sch?rfen, und der erste leise Ansatz zu Kr?henfü?en an ihr wahrzunehmen. In ihrer stolzen Grazie lag etwas Müdes und Enerviertes; mit einem Wort: der unverkennbare Typ des sch?nen M?dchens, das Entt?uschungen erlebt hat und schleunigst heiraten sollte, um wieder aufzublühen.
Ihren Roman mit Herrn Michel, dem schwerf?lligen Herrn, der sie immer brüskiert, wenn sie erwartet, da? er endlich um sie anh?lt, müssen wir ja alle miterleben. Ich verbrachte viele Stunden in den weiten Leser?umen des Hotels, schleppte die Zeitungen wohl auch in die Halle hinab, und in einem gro?en Schaukelstuhl vergraben, las ich vor dem Kamin Mariannens bittere, gereizte, kurzatmige Ausf?lle, merkte die Mauern, die sie in ihrer Pikiertheit zwischen sich und ihrem ungeschickten Freier errichtete, fühlte den Groll, in dem sie sich gefiel, - bis ich es nicht mehr aushielt, und auf mein Zimmer eilte, und in gro?er Erregung herumging, und mit den Armen in der Luft herumfocht, indem ich leidenschaftliche Dialoge mit ihr führte.
Und wenn sie immer wieder damit anfing, just das Stück aus ihrem Herzen, das ihm geh?re, habe der verha?te Liebhaber ihr herausgerissen, so stimmte ich ihr erst bei (denn man mu? sachte mit ihr verfahren!), dann aber warf ich ihr vor, da? sie ihre leidenschaftliche Pose über Gebühr lange beibehielt, und ihre Neurasthenie rühre davon her, da? sie ihre Erbitterung künstlich steigere, statt sich von ihr loszusagen.
Aber weil ich nichts ausrichten konnte und es so aufreibend war, im Gegenteil Zeuge zu sein, wie ein neidischer D?mon die beiden immer auseinandertrieb, so wie sie auch nur von ferne Miene machten, einander in die Arme zu fallen, ertrug ich es zuletzt in keinem Zimmer mehr, packte meinen Koffer und fuhr nach England.
Und als die Küste von weitem schimmerte, da wurde mir warm ums Herz, denn ich liebe diesen Boden, diese Leute und ihre Sprache. Aber auf die Dauer ist heute jeder Ort entlegen und dem Gefühl verschlagen, von jener Bangigkeit erfüllt, von der wir nicht genesen. Eines Abends stand ich in London, über die Westminsterbrücke gebeugt und starrte auf den Flu?. Wo der Widerschein der Wolken die Wellen bemalte, betupfte, beschattete, - da schien die Themse langsamer, nachdenklicher zu flie?en, und von den Dingen dieser Stadt zu wissen. Das Parlament mit seinen tausend beleuchteten Fenstern, von dem stumpfen, eleganten Grau der Bauten, dem weiten, glatten Grau des Asphaltes umzogen, stand wie das Feenschlo? einer Theaterdekoration, - m?rchenhaft und ein wenig kulissenhaft zugleich. Und diese leuchtenden Fenster kündeten mit ihrem feierlichen Glanz allen Londonern in die Nacht hinaus, da? hier die Gescheitesten von ihnen beisammen sa?en.
Und wohl mochten sie Lichter anstecken, um sich von der Masse zu unterscheiden, denn nirgends war der Gegensatz zwischen ihr und den paar denkenden Leuten so gro?. Zulange war sie hinter ihrem schützenden Graben abgetrennt und vor dem Zwang mit andern V?lkern sich zu messen, verschont geblieben! Mutete sie nicht endlich fast uneurop?isch an? Erinnerte diese Gleichf?rmigkeit der Idee, der Nahrung, der Vergnügungen, nicht endlich an die Ununterschiedlichkeit von Hinduexistenzen?
Hatte das ewig rollende Meer oder der drückende Nebel diese Menschen ihres ursprünglichen Schwunges beraubt? Denn nimmer gab die Phantasielosigkeit des Durchschnitts-Engl?nders, die zumal bei der Durchschnitts-Engl?nderin sich schon bis ins Spukhafte steigern kann, ein endgültiges Bild. Vielmehr deutet alles darauf hin, da? dieses gro?e Volk vor einem Wendepunkt steht. Der stark individualisierte Engl?nder wohl mehr als der bornierte. Beide sind keiner Steigerung mehr f?hig. Der feine, kühne, reich umrissene, aber doch auch ges?ttigte Typ des gro?en Herrn mag sich hier noch ad infinitum wiederholen, überbieten kann er sich nicht mehr. In seiner Eigenart ist er ersch?pft.
W?hrend ich so, über die Brücke gelehnt, auf den Flu? hinstarrte, fühlte ich mich pl?tzlich zu den vielf?ltigen, noch immer nicht bis zu sich selbst gelangten Deutschen (ich hatte sie eine ganze Weile nicht gesehen!) so von Grund auf hingezogen, da? ich noch in selber Nacht das Schiff bestieg, um zu ihnen heimzuziehen. Und als ich früh am n?chsten Morgen den Rhein entlang fuhr und ihn rauschen h?rte, da stachen Tr?nen in mein charakterloses Auge.
Aber noch war keine Woche vergangen, da hatte ich mich über die Deutschen schon wieder so ge?rgert, da? ich in Augsburg einen Freiballon bestieg und dieser Welt, über die ich mir keine Illusion mehr machte, in einem kleinen Korb davonflog.
Es ging ein Regen hernieder, worauf uns die Sonne soweit hinaufzog, da? sich die Berge, die wir bald darauf zu überfliegen begannen, wie flaches Land ausbreiteten, so tief lagen sie unter uns. Da sah ich zu dem orangefarbenen Ball empor, der wie an einem unsichtbaren Seil und still wie eine Ampel am Himmel zu h?ngen schien; und nur eine kleine schwarze Kugel, die wir durch die Wolken schie?en sahen, und die unser Schatten war, zeigte uns, da? wir mit Windeseile flogen. Wie wir dann selbst in eine solche Wolke drangen und die Welt rings um uns her unsichtbar und wie bewu?tlos wurde, und wir Stunden hindurch in solcher H?he blieben, da? wir die Erde nur mehr undeutlich sahen und, selbst unsichtbar, wie Abgeschiedene ihr entrückten; - da, - ich kann nicht sagen, wie mir das vorkam, da? wir noch daran dachten, einen Krieg aus der Rumpelkammer der Menschheit hervorzuziehen. Aber ich sah auch, da? er noch m?glich war, falls wir es überall, bei den tausend Anst??en zu unserer inneren Unzufriedenheit belie?en, so da? uns zuletzt, unter dem Schein der Rivalit?t, nichts anderes als das wachsende malaise über die eigene Unerfreulichkeit au?er Hause triebe, bis wir endlich, uns selber fliehend, lieber mit Waffengewalt ins fremde Land einfallen werden, als uns selber l?nger zu ertragen.
1911 S. Fischer Almanach.
BEI HILDEBRAND
Die expeditive Art, mit welcher die sehr besch?ftigten oder sehr wertvollen Leute die soziale Seite ihres Lebens liquidieren, habe ich schon früh bewundern gelernt: sie hat nichts mit Ungeselligkeit zu tun; sie sind im Grunde ebenso gesellig wie die Tagediebe. Aber ein Stachel, eine innerliche Eile treibt sie an, sich dem Zusammensein mit ihren Mitmenschen - gleichsam mit der Uhr in der Hand - zu entziehen. Denn sie sind der Kürze des Lebens, wie der zehn Talente, deren sie walten, vielfach unbewu?t vielleicht, stets eingedenk.
Aber ich wei?: Den Gr??eren gegenüber jeder Distanz entraten ist jetzt Mode. Nun, ich begebe mich noch immer zu Hildebrand, wie ein anderer einen Turm besteigt, weil ihn dort eine stillere Luft umweht: Dinge, die ihn unten ?rgern, sind hier auf eine Weile um ihre Existenz gebracht; und mag er sich auch selbst hier oben unwichtiger dünken, so lobt er sich doch gerade so unbewu?te P?dagogen wie einen Aussichtsturm oder wie Adolf Hildebrand.
Zwar ist es empfindlich, lediglich durch den Kontakt mit einem Anderen augenblicklich des Abstandes bewu?t zu werden, den er durch seine Verdienste oder seinen Wert zwischen sich und uns geschaffen hat. Worte, die man zu verlieren gewohnt ist, steigen befremdend in jener Zone unseres Bewu?tseins auf, die man Gewissen nennt, und vergeudete Stunden wollen sich mit einem Male wie Rechnungen pr?sentieren. Dies alles nur, weil man sich in Gegenwart eines Menschen sieht, der wie jeder andere Mensch - ich wünsche nicht zu übertreiben - seine sichtlichen Grenzen hat, jedoch nicht anders, jedoch genau wie ein Berg, der seine scharfen Linien in den Himmel zieht, ausschlie?end, was nicht zu ihm geh?rt.
Auf ein so hohes Niveau hat Hildebrand seine Beschr?nkungen gebracht. Von einem Berg zu versichern, da? er eine Erh?hung sei, k?nnte nicht ?der sein, als von Hildebrand behaupten zu wollen, er sei ?gut", so sehr ist er es implicite; oder wenn einer sich bemü?igte, von ihm zu sagen, er sei ?nicht eitel"; denn der Mangel an Beziehung zur Eitelkeit und an Talent zur Selbstbespiegelung ist ja gerade der Grundton seines Wesens. Es fehlt ihm jedes Verst?ndnis für das Unwichtige, jede F?higkeit, sich ihm zuzuwenden, er sieht und h?rt und merkt es nicht einmal. Er hat für das Belanglose so wenig Einstellung wie das Auge einer Ziege für die Sch?nheiten der Landschaft. Aber die beste Idee der Atmosph?re, in die er hineinragt, geben wohl die weiten, gedankenvollen Schweifungen seiner Brunnen und Monumente, wie sein kleiner Tempel vor dem Münchener Nationalmuseum, der mitten im Alltag wie ein mystischer Kreis seine vertr?umte und abgewandte Stille zieht.
über jenes ebenso beliebte wie gedankenlose Axiom, man müsse den Künstler vom Menschen trennen, habe ich mich schon als Kind erbittert, lang bevor ich noch ahnte, wie weit sich die Dépendancen des Musentempels (Vorh?fe, Stallungen, ?konomie etc.) ausdehnen k?nnen. Wer innerhalb des Bezirkes die Pferde schirrt, geh?rt natürlich auch noch zum Personal, und es wimmelt im ganzen Revier. Still wird es erst vor der inneren Halle, in die nur die wenigsten von uns oder nur auf Minuten Zula? finden. Hier wie in der sichtbaren Welt kommt eben alles auf Rangstufen an. So kann einer mit knapper Not ein Künstler sein. Wer es aber in erster Linie ist, dessen ?u?eres Leben hat etwas Ungef?hres und Zuf?lliges, als k?nnte ebenso gut ein anderes, viele andere für ihn denkbar sein. Soweit grenzt sein Selbst über das Ma? der ihm zugemessenen Tage hinaus, so wenig ersch?pfen und enthalten sie ihn. Von seinem Leben trennt ihn jene latente Unaufmerksamkeit, welche andere von ihrer Erkenntnis abh?lt und so viel st?rker mit ihrem Dasein sich identifizieren und verketten l??t. Es tut mir leid, eine solche Platitude sagen zu müssen. Aber man verkennt doch im allgemeinen immer noch, wie sehr der Grad der Künstlerschaft den Künstler als Menschen bestimmt - und verschlingt.
So ist das Gedankliche, und im Gedanklichen das Architektonische bei Hildebrand so überwiegend, da? sich ihm auch die Dinge, Menschen und Ereignisse niemals au?er Proportion darstellen. Nie widerf?hrt ihm, da? er sie zu leicht oder zu wichtig nimmt. Sein für die Form so passioniertes, so machtvoll gestaltetes Auge tr?gt diesen starken Sinn auch in die Welt des Unsichtbaren über, und ist auch da, vergleichend, w?gend immerzu t?tig, richtige Dimensionen einzuhalten, sie wieder herzustellen, das überflüssige, das Unwesentliche von den Dingen ausscheidend, naiv und sch?pferisch um ihre Perspektive und ihre Harmonie bemüht.
Eine Angelegenheit, die mich sehr stark besch?ftigte, bis sie mir alles verstellte und ich an nichts anderes mehr denken konnte, rückte pl?tzlich wieder in die richtige Distanz, als ich eines Abends mit ihm zusammensa?. Nicht etwa, da? es mir in den Sinn gekommen w?re, sie ihm zu erz?hlen, sondern was mich wieder ins Gleise hob, war der überspringende Funke seines Intellekts, dessen wunderbare, den wirren Schwankungen des Pers?nlichen entzogene Helle das Ma? der Dinge so still und unselbstisch kündet.
1913
SCHIFFAHRT UND EISENBAHN
Wie behaglich, wie menschenwürdig hat sich unsere Schiffahrt ausgebildet, wie stolz setzen wir über das Meer, aber wie barbarisch fahren wir noch Eisenbahn. Unser gr??ter Wohlt?ter w?re der, welcher frei oder nach Pullman einen neuen Typ unserer Eisenbahnwagen durchzudringen suchte. Aber würden die zust?ndigen Generaldirektionen die leiseste Notiz davon nehmen? - Hat je vor mir einer den Plan eines Generalstreikes der Eisenbahnpassagiere gefa?t? Nein. Wir lassen uns in den stets überfüllten Zügen wahllos wie Herdentiere zusammendr?ngen und zahlen und überzahlen die unversch?mte Tortur.
Oder sitzen wir etwa nicht wie B?cke und Schafe Stunden und Tage lang in einer verru?ten, vergifteten Luft - mit einer Platzkarte gezeichnet, wie Hammel mit einem Kreuz? nur die eine rachsüchtige Hoffnung im Herzen, unsere Leidensgef?hrten (welche die Eckpl?tze inne haben) m?chten doch so t?richt oder so unerfahren sein, sich in jene andere Vorh?lle: den Speisewagen, zu begeben, woselbst ein wüster Dunst, übel wie eine Seekrankheit, regiert. Und sind wir endlich allein, so stürzen wir ans Fenster, um Luft, und w?re sie noch so eisig, hereinzulassen. Allein, wir bringen es nicht auf. Wir rufen den Gef?ngnisw?rter: er bringt es auch nicht auf. Das Holz sei aufgequollen, bemerkt er und geht. Nicht lange, und die anderen Str?flinge kehren zurück. Man nimmt also wieder mit stechendem Kopfweh seinen Rückplatz ein und hat bald darauf die unmittelbare Aussicht auf zwei vom Schlaf überw?ltigte ?ltere Herren.
Sie sind nicht sch?n.
Endlich - ich spezialisiere schon - ach es liegt so nahe! - ist das Licht dieses mühseligen Tages gesunken. Aber der Lampenschein ist nur ein trübes Geblinzel in dieser Luft! Und noch fünf Stunden. Das hei?t, man wird nie ankommen. Man wird es nicht erleben. Hannover! - Die schlummernden Gebrüder fahren auf, greifen nach ihren Taschen und fort! - O! - Ich bin allein mit einem jungen und charmanten M?dchen. Wir wissen nichts von einander, aber die gemeinsame Plage hat uns l?ngst zu Verbündeten gemacht. Sie erz?hlt mir, da? sie soeben einen Krankenkurs absolviert. Sie hat einen Apfel, ich gebe ihr ein Messer; sie reicht mir ein Aspirin, ich ihr Schokolade. Aber Sie müssen sich hinlegen, sagt sie, sonst wirkt es nicht. Sie rei?t die oberen Klappen auf und verh?ngt das Licht, und wir strecken uns der L?nge nach aus. O Gott, Schwester, rufe ich aus, dies ist viel zu sch?n. Es kann nicht dauern! Aber sie tr?stet mich, da? der Zug vor Hamburg nicht mehr h?lt. Da wird - Bang! - die Türe aufgerissen und eine Blendlaterne grell vor unsere Augen gehalten. Es ist der Kerkermeister, der sich umsieht wie einer, der hier zu Hause ist, dann die Türe zuschl?gt und wieder verschwindet.
Es ist ihm etwas nicht recht, meinten wir bescheiden und einigten uns über ein Trinkgeld, falls er wiederk?me. Wir fingen schon an, unsere Ruhe und das Dunkel wieder zu genie?en, als die Türe l?rmend aufgerissen wurde und Kerkermeister und Laterne uns von neuem aufschreckten. Gebieterisch verlangte er (wie oft denn noch) nach unseren Billetten. Ich reichte ihm das meinige zugleich mit einem Zweimarkstück entgegen. Wieso? was soll dieses Geld? herrschte er. Da? Sie uns nicht immerzu st?ren sollen, weil wir müde sind. Sie haben ja - tat er sehr überrascht - ein Billet II. Klasse und sind hier in der ersten. Das wissen Sie so gut wie ich. Ich wurde hierher verwiesen, weil alles überfüllt ist. Das gilt nur, so lange wirklich kein Platz ist, bestimmte er. In Hannover sind mehrere Personen ausgestiegen. Ich werde gleich nachsehen, ob etwas frei geworden ist. Dann müssen Sie hinüber. Er schlug die Türe zu und ging. Gibt es Worte! rief die Schwester emp?rt. In England ginge es wider den Stolz des Ungebildeten, mit dem Gebildeten so umzugehen. Die Nation ist zu zivilisiert, auch dem st?rksten Sozialisten w?ren solche Mi?griffe zu arg. Aber wir sind hier im Lande der h??lichen Briefmarken, sagte ich vor Wut zitternd. Pa?t so viel Gemeinheit nicht wundervoll zur Schreibweise des Wortes ?Büro"? Dabei stand der Laternenkerl schon wieder unter der Türe. So, meinte er im Tone des Vorgesetzten, drüben ist Platz, und machte sich anheischig, nach meinem Gep?ck zu greifen. Zurück! schrie ich wie eine Wilde. Dann zahlen Sie die I. Klasse nach, sagte er erschrocken. Nein! keinen Pfennig! schrie ich, denn mein Zorn kochte jetzt wie Teewasser auf einem Schnellsieder. Aber morgen, schrie ich, steht diese Geschichte in allen Bl?ttern, es stehen mir alle Bl?tter, log ich schreiend, alle Bl?tter Deutschlands stehen mir zu Gebote. Ich fand eine sehr dramatische Geste und der Mann fuhr vor meinen Meg?renaugen betreten zurück. Ach was, meinetwegen bleiben Sie wo Sie wollen, sagte er. Jawohl! schrie ich und meine B?rse ?ffnend, warf ich das ihm zugedachte Geldstück ostentativ wieder hinein. Dies imponierte ihm vollends. Er schlug zwar die Türe noch einmal zu (dies war seine Natur), jedoch blicken lie? er sich nicht mehr.
Sind Sie Schauspielerin? fragte mich meine Gef?hrtin voll Bewunderung.
Aber ich sank ersch?pft zurück.
Wollt Ihr mehr noch h?ren?
Diese eine gr?bliche Geschichte greife ich nur deshalb mit Vorliebe heraus, weil ich merkwürdiger Weise nicht den Kürzeren dabei zog. Die anderen Geschichten erz?hle ich nur auf speziellen Wunsch, weil ich mich zu sehr dabei aufrege. Und wer sie auch für erdichtet hielte, würde sie doch nie für übertrieben erkl?ren. Wir fahren heute lieber auf dem l?ngsten Seeweg nach England, lieber 24 Stunden lang die ganze Küste entlang zu Schiff, um der m?glichen Drangsal einer 10stündigen Bahnfahrt zu entgehen, und wer all die Eventualit?ten des Winter- und Sommerfahrplans auf der Strecke München-Ostende oder Vlissingen erprobte, der zieht es vor, sich allen Meeresstürmen und dem dichtesten Nebel auszusetzen und einen ganzen Tag und eine Nacht l?nger unterwegs zu sein. Da? die Schiffahrtsgesellschaften bei t?glich wachsender Konkurrenz so emporblühen und ihre Bureaux (ich schreibe es so) in allen St?dten aufschlagen und da? der Zulauf sich immerzu steigert, geschieht nicht nur, weil die Schiffe so pr?chtig geworden sind, sondern weil das Eisenbahnfahren mit jedem Jahr unerfreulicher und mühsamer wird und hier statt des Fortschritts eine immer gr??ere Nachl?ssigkeit waltet. Nur die Preise sind gestiegen. Aber es ist, als führe man geschenkt. Die armen Ausflügler, die an Feiertagen zu ihren unzureichenden Zügen str?men, angebrüllt, zurück- und zurechtgewiesen werden, ist ein Kapitel für sich. Sich darüber zu beschweren, überlasse ich denen, welche noch den Mut besitzen, Sonntag über Land zu fahren und durch L?sung einer Fahrkarte scheinbar das Recht auf anst?ndige Behandlung eingebü?t haben. Natürlich gibt es viele Schaffner, die h?flich und gef?llig sind. Unwürdig ist nur die Tatsache, da? Wohl und Wehe des Reisenden von der Gemütsverfassung, der Laune und dem Naturell eines solchen Diensthabenden abh?ngig sind, da? hier die Disziplin, von der sonst doch so viel gesprochen wird, da? die oft p?belhafte Grobheit der Bediensteten unbestraft bleibt, mit einem Wort: Da? hier das Mühlrad so verkehrt l?uft. Sinnen und Trachten unserer Generaldirektionen gehen dahin, m?glichst gro?e, umst?ndliche, protzige und unn?tige Bahnh?fe (die Bahnzüge sind ihnen egal!) zu errichten. Unn?tig: Diese Behauptung ist mit nichten so unverst?ndig wie die Herren Bahninspektoren und Oberbaur?te es m?chten. Wenn sie notwendig sind, warum stehen sie nirgends in England? Warum stehen sie nicht in Paris? Warum bleiben sie in London auf ihre einfachste Form erhalten? Warum sind sie dort nur weite Hallen, die nur von einem ewigen Kommen und Gehen atmen - nur praktisch - nur zweckm??ig und trotzdem und gerade deshalb von einer starken, beschwingten Atmosph?re von klassischer Einfachheit und deshalb sch?n.
Kürzlich mu?te ich in Leipzig den Nachtzug nehmen. Der Bahnhof - der Stolz des Sachsenlandes - ist gro? wie ein Marktflecken, und ich k?nnte mir so gut vorstellen, wie hier ein Massenkostümfest veranstaltet würde, nicht aus den besten Kreisen, aber üppig mit gro?en Palmenarrangements. Ich bitte Sie, all die Treppen, das sch?ne Auf und Ab, wie geeignet! Nun - ich warte also auf Bahnsteig 4 auf den Berliner Zug. Er lief versp?tet in die gro?artige Halle ein - und, ich brauche es nicht zu sagen: er war vollkommen überfüllt. Wir standen geduldig und übern?chtig auf der Plattform wie ein Rudel Landstreicher, die zu warten haben, bis man sie abschiebt. Pl?tzlich, wie von hoher Brücke herab, der stolze Kommandoruf: Wagen werden keine angeh?ngt! Es herrschte der gew?hnliche Kriegszustand. Ich wurde in einem Halbcoupé einem alten Sachsen zugesellt. Als nach einer Weile der Schaffner erschien und ich ihn fragte, ob denn nirgends Platz sei, schlug er die Türe zu, ohne mich einer Antwort zu würdigen. ?Von dem erwarten Sie ja nichts!" riet mir der alte Herr. ?Das Subjekt kenne ich. Es war eine Zeitlang in meinem Gesch?ft angestellt, aber ich mu?te es schleunigst entlassen."
Es gelang uns mit vereinten Kr?ften, das Fenster zu ?ffnen, aber vor dem Ru?, der uns entgegenflog, zogen wir es alsbald wieder in die H?he. Wir stellten die Heizung auf kalt, wobei es immer w?rmer wurde. Ich bin schon alt, sagte er pl?tzlich, und werde nicht mehr viel Eisenbahn fahren. Das ist aber auch das letzte, worum ich die Lebendigen beneiden werde. -
Nun - eine solche 10stündige Fahrt, um die kein Toter mich beneidet h?tte, lag unmittelbar hinter mir, als ich in Cuxhaven, unter einem flockigen Himmel, von M?ven umkreist, die hohe Brücke des ?Imperators" bestieg. Der Kontrast zwischen dem Aufschwung unseres Schiffsbaus und der Rückst?ndigkeit unserer Eisenbahnen hat etwas überw?ltigendes; man ist auf den Eindruck nicht vorbereitet. Es ist ja nicht der Luxus, der uns erstaunt. Mein Gott, den findet man heute mehr oder minder in jedem Hotel, und er hat den Reiz der Neuheit schon so sehr verloren, da? ich mich frage, ob er sich in der gegenw?rtigen Form noch lange halten wird. Da? sich also Riz oder Carlton hier einer Niederlage erfreuen und eine rotbefrackte Kapelle stellen, ist uns egal. Und da ich mir nun schon einmal das Kapitel der Anregungen gestatte: W?re es nicht sch?n, den ganzen Aufwand neuen Bahnen zuzuleiten und einmal ein wirklich gutes Orchester und eine prachtvolle Musik auf einem so würdigen Boden, wie den unseres gro?en Dampfers, zu lancieren? Das Meer ist eine so unvergleichliche Konzerthalle!
Nicht die kostbare Ausstattung des Schiffes, sondern da? es immens ist, sondern, da? wir stimmungsvolle lauschige Zimmer statt der engen Kabine beziehen, sondern, da? wir einen Kilometer zurückgelegt haben, wenn wir dreimal das Deck umgehen, der Luxus des Raums, - das ist es, was uns hier ergreift. Jeder Fu?breit mehr, der sich hier dem Element widersetzt, das ist es, was imponiert! Drinnen im Binnenlande begreift man nicht recht, bevor man es erfuhr, warum ein Schiff so gro? sein soll. Erst wenn man darauf hinzog, versteht man den Sinn dieser gro?en, immer gr??eren H?user, in welchen man des Schiffes immerzu vergi?t. Wir ahnen nicht vorher, mit welcher Rührung wir uns besinnen werden, wenn uns in mittern?chtlicher Stille ein dumpfes, kaum wahrnehmbares, wie unterirdisch wachsames Treiben die Augen aufschlagen l??t und ein Ruck, ein sanft harmonisches Rauschen uns daran erinnert, da? nicht Stra?en noch Pl?tze, nicht Gras noch Baum vor dem Fenster im Winde stehen, sondern das nasse, leere Feld des furchtbaren, feindseligen Gottes, auf welchem dies ungeheure beladene Schiff zur winzigen Nu?schale schwindet. Aber eine Nu?schale, die uns das Gefühl h?chster Geborgenheit mitzuteilen wei?, und an welcher Menschenh?nde so lange und so kundig bildeten, bis sie allen Stürmen gewachsen, endlich den Begriff des Schiffes selber überwand. So ist hier der Zauber aus dem Kontrast von Gr??e und Kleinheit gewoben, und mit innerem Jubel kreisen wir immer wieder um das weite Deck dieser schwimmenden Arche, des Spiels nicht müde, so gro? ist die Romantik dieser kleinen, armseligen, rastlos dahingem?hten, dieser so kühnen, prometheischen Menschheit, und so stark ist ihre Perspektive, da? wir pl?tzlich wie selbst aus ihr hinausgerückt, von Bewunderung hingerissen vor ihr stehen.
Da wir von Perspektive und von Romantik sprechen, treten wir doch bitte einen Schritt zurück, kneifen wir ein Auge zu und sehen wir ins Leere, in die Ferne; dorthin, wo sich über den Flu? die massive Brücke schwingt. Denn nicht lange, und der Schnellzug saust pl?tzlich darüberhin, aus dem Hals der Lokomotive windet sich ein brauner Rauch zur krausen Barocks?ule empor, und die locker aneinander geschmiedeten Wagen rollen fr?hlich mit lautem, schnell verhallendem Ger?usch und wie ein gef?hrliches Spielzeug vorbei. Ein kurzer Pfiff, wie ein Angstschrei, und nichts ist mehr, als die schwarze W?lbung eines Tunnels, durch die sie geradewegs ins Innere des Felsens drangen. Und nun meine Zeitgenossen bitte ich Sie: Ist die Ritterburg, deren epheuumrankter breitzackiger Turm vom Berge niederschaut, suggestiver? Kann sie unserer Phantasie die Seele eines Zeitalters m?chtiger, unmittelbarer entgegenhalten, wie der soeben vorübergerauschte Zug, dessen Fenster wir einen Augenblick in der Sonne flimmern sahen? Fühlen wir uns da nicht blitzschnell den vielfachen Existenzen ein, die er dahintr?gt, rei?t er da nicht unsere Teilnahme zu Schemen des Lebens hin, vertraut und unbekannt - verklungen schon, wie angesichts des verwitterten Burgtores das Bild des Jagdtrosses, der über die Zugbrücke l?rmte; - melancholischer auch in der zerrinnenden Vielf?ltigkeit seiner steigenden und fallenden Linien. Denn wie Lose in einer Urne sind unsere Leben in jener kleinen Eisenbahn zusammengeworfen. Wieviel vergr?mte, bekümmerte und schwere Herzen trug sie nicht schon dahin! Wieviel Verliebte starrten schon durch ihre Scheiben in die fliehende Gegend hinaus und erfa?ten mit magischer Sch?rfe den Baum, den zuckenden Steg, D?rflein und Wald, w?hrend sie doch nur das Bild der Kreatur, an die sie dachten, vor Augen hatten! Vertr?umte Flammen des Hoffens, der Illusion, von der Bewegung gef?chelt, wie Blumen, die im Zephir stehen. Es ist eine Zeit, es ist ihr bewegter, ruheloser Schild, der nachts als funkelnde Schlange mit runden, feurigen Drachenaugen seinen Weg erkannt und viel Romantik in sich verdichtet. Denn es ist als sei nichts klein, als sei alles interessant an den Wesen und ihren Schicksalen, so lange die Bahn sie hintr?gt und gleichsam dem Alltag entrei?t. Nur da? sie noch nicht, wie die vielbesungene Burg, ihren Dichter gefunden hat, die eilige Besiegerin der Fernen, die, rastlos, immer auf der Flucht, unsere Epoche gestaltet, deren Schienen unsere Welt aufackerten und uns erst zu eigen machten.
Und ein Ding, so verlockend anzusehen, unterh?lt so wüste M?glichkeiten; einer so glorreichen Erfindung sollte jener Fortschritt verwehrt bleiben, der sich heute auf allen Gebieten des ?u?eren Lebens - von dem fabelhaften Aufschwung unseres Schiffahrtwesens nicht zu reden - so glücklich geltend macht. Man f?hrt schon in Russland und auf der transibirischen Eisenbahn sehr angenehm - es ist also m?glich. Warum sollten wir hier nicht auch wie in so vielem Vorbildliches stellen? Wie sch?n, welche Freude, w?ren die Eisenbahnwagen, die einmal ein Künstler wie Adolf Hildebrand entwarf. - Wo sind sie? Nein! was ich da sage, ist wirklich weder unausführbar noch t?richt! Aber, sagte mir kopfschüttelnd, mit erhobenem Finger, ein mehrfacher Aufsichtsrat, sehen Sie denn nicht ein, da? die kolossalen Anstrengungen, welche von Seiten der Schiffsagenturen zur Hebung desselben geschehen sind, absolut notwendig waren, um das Verkehrsmittel überhaupt in Schwung zu bringen, und da? es ohne die rücksichtsvolle Behandlung der Passagiere, welche Sie so sehr rühmen, niemals florieren k?nnte, w?hrend unsere Eisenbahnen - ob nun etwas für sie geschieht oder nicht und m?gen sie noch so rückst?ndig bleiben, ja noch unertr?glicher werden - einen stets wachsenden Zudrang erfahren werden, da es kein anderes gro?es Verkehrsmittel gibt - es sei denn das Auto oder der Luxuszug, der ja auch, schlo? er zutreffend und mit einem suffisanten L?cheln, mehr oder minder nur für Autobesitzer (er war selbst einer) in Betracht kommt.
Nun m?chte ich nur, wiewohl vergebens, unsere Herren Eisenbahnminister im Namen meines philantropischen Jahrhunderts fragen, ob dies ein anst?ndiges Argument war.
Neue Rundschau Juliheft 1914
DAS ELS?SSISCHE SCHICKSAL
?Hans im Schnakenloch" von René Schickele, ein els?ssisches Schauspiel in vier Akten, geh?rt, wie Tchekow's ?Kirschblüte", nur in viel h?herem Grade noch, zu den athmosph?rischen Stücken. Man wei? nicht, sind hier Licht und els?ssischer Himmel miteinbezogen, oder fluten sie ungefragt so herein. Aber man wei?, hier ist die Tragik keine stipulierte, sie ergibt sich von selbst. Denn hier ist der Held eins mit der Landschaft, in der er steht, und mit dem Himmel, der schwefelgelb aufleuchtend, in der Ferne grollend, so weit, so brütend, über ihm h?ngt. Elsa?! Und hier hat der Held es nicht n?tig, die Welt zu bereisen, sondern er tr?gt das Wissen um ihre winterliche Finsternis in seinen leichtblütigen Adern. Dieser unselige Hans im Glück, der alles hat, was er will, und nicht will, was er hat, m?chte, was er nicht mehr erhoffen kann: einen Boden für sein Glück. Dieser reifen und sommerlichen Welt jedoch, deren Sinn er so wohl erfa?t und die er unter seinen Fü?en schwanken fühlt, gilt seine Treue. Des Els?ssers Treue: ?Spannen Sie einen Menschen mit Armen und Beinen zwischen zwei Pferde," sagt er zum franz?sischen General Kaufmann, ?jagen Sie die Pferde in entgegengesetzter Richtung davon, und Sie haben genau das erhabene Beispiel der els?ssischen Treue." Hansens Mutter, die alte Madame Boulanger (in diesem Stück haben die Deutschen meist franz?sische Namen, und umgekehrt) ist ein wenig schweigsam, nach Art alter Franz?sinnen, die über das Unvermeidliche nicht gern viel Worte machen. ?Ihr wi?t, ich hab nichts gegen die Deutschen, gelt Cl?r. Aber manchmal kommts mir vor, als ob mehr geschrien würde, seitdem sie im Lande sind." Ihr Sohn ist nicht der Ritter ohne Furcht und Tadel. Garnichts Verj?hrtes haftet ihm an. Er wandelt mit der Stunde und ist der Mensch ohne Eitelkeit. Nichts Selbstgef?lliges an seiner Ironie; sein Achselzucken, seine spielerische Trauer atmen Verzweiflung.
Hans (bei einem Fest auf drei Abgeordnete deutend): Da kommen sie!
Müller (noch oben auf der Terrasse, zwischen Cavrel und Simon): Ein L?we, ein Wolf, und das Schaf.
Louise: Die ganze Politik. -
Denn Hans im Schnakenloch, le grand désabusé, wei? was sie taugt. Der Krieg bricht aus. Franzosen erobern das Dorf. ?Dies ist eine Staatsaktion," sagt Hans, ?von deren Ausgang das eine zum andernmal gerechnet, schlie?lich das Schicksal der V?lker abh?ngt. Es mag dumm sein, da? so viel vom Ausgang einer Rauferei abh?ngt, aber ich kann es nicht ?ndern."
Nicht lange, und das Dorf wird von den Deutschen zurückerobert. Der Kampf tobt in den Gassen. ?Arme Jungen!" sagt er von den gefallenen Deutschen. ?Da liegen sie wahrhaftig in Reih und Glied. Und die Franzosen davor hingeschleudert, wie Pfeile, die ihr Ziel nicht ganz erreichten." - Wer da siegt, ihm ist's nicht wichtig. Für ihn hat der Besiegte die h?here Glorie. Wer von beiden die Erde verliert, die er beiden zuerkennt, bei dem will er liegen. ?Mich hat die Wildheit dieser Toten angesteckt," schreit er pl?tzlich auf. ?So will ich auch liegen. Hingeschleudert, und mit krampfhaften H?nden, die ihr Ziel nicht erreichten. So und nicht anders will ich sterben. So."
Aber so hat auch Goethe den Els?sser gesehen. Elsa? war noch nicht lange genug mit Frankreich verbunden, schreibt er in Dichtung und Wahrheit, (als die Dinge umgekehrt lagen,) als da? nicht noch bei alt und jung eine liebevolle Anh?nglichkeit an alte Verfassung, Sitte, Sprache und Tracht sollte übrig geblieben sein. Wenn der überwundene die H?lfte seines Daseins notgedrungen verliert, so rechnet er sich's zur Schmach, die andere freiwillig aufzugeben. Er h?lt daher an allem fest, was ihm die vergangene gute Zeit zurückrufen und die Hoffnung der Wiederkehr einer glücklichen Epoche n?hren kann."
?Immer der Deserteur, immer aus Treue," so hat ihn Goethe noch im Alter gesehen.
Hans im Schnakenloch, der Els?sser von heute, sieht die Seinen nurmehr wie von ferne; seiner Liebe kaum mehr bewu?t, nimmt er nur kargen Abschied von der Frau, ?Du h?rst nicht mehr, was ich sage," herrschte er sie an. ?Begreife doch, auch ich gehorche der Pflicht . . . Meinesgleichen f?hrt jetzt zur H?lle. Da mu? ich dabei sein. Die Wage der Weltgeschichte schwebt." Der Gram dieser Erde ist sein Gram. Im Schein dieses Himmels, der schon überflo? in jenen der Douce France, fing sich auch das Echo deutscher Innerlichkeit. Hier l?chelt der Sommer, und immerzu deutet hier der Zeiger auf die Stunde der Erfüllung. Aber statt ihrer erdr?hnt immer verst?rkt die Stunde des Unheils. Liebe ist schwerer wie Ha?, meint der Abbé Schmitt, der die Gefallenen begr?bt. ?Ich wiederhole," sagt er, ?es ist leichter gut zu schie?en als gut zu denken. Das Schie?en ist an der Reihe. Sprechen wir weiter, wenn die Tage des Denkens wiederkommen." Werden sie kommen?
Auch die Nebenfiguren sind hier von zwingender Lebendigkeit und über die Hauptrolle und ihre Modulationen werden sich wohl, je l?nger je bestimmter allerorts die namhaften Mimen ereifern. Vorausgesetzt, da? noch welche da sind, und da? der eiserne Vorhang, der sich zwischen den L?ndern senkte, nicht auch noch vor den Theatern herabf?llt.
Was dieses mutige, von so wahrhaft dichterischem Geiste getragene, so wundervolle Stück vor allem ausl?st, ist eine ungeheure Bangigkeit, das Bewu?tsein einer entsetzlichen Gefahr. Man fühlt: die Gegenwart schl?gt hier voll an: Tolstoi und Dostojewski haben schon gelebt, der zwischen anst?ndigen Menschen l?ngst herrschenden Moralbegriffe entr?t nur noch die Politik. Dort als eigentlicher Point d'honneur, Uneigennützigkeit, Gro?mut und Würde; hier noch immer die vorchristliche Kunst des übervorteilens im Bereich des M?glichen oder des Unm?glichen: ein Zeiger, der unentwegt voranl?uft, der andere, der wie irrsinnig gegen die R?der anrennt; ein sausendes Uhrwerk, das am Zerspringen ist; eine groteske, l?cherlich unerl?ste Welt; das Wirrsal.
Immer ist es Sommer in Schickeles Stück; alle Holdheit der Erde, eine blumige Au am Rande des Abgrunds: Elsa?! Und immer wird uns dieses Wort, wie mit Traumh?nden, so dringend hingereicht, bis es wie eine Glocke t?nt, die sich in Bewegung setzen m?chte, Vernunft und Frieden einzul?uten, und den Starrsinn in Zerknirschung zu l?sen.
September 1916
Neue Zürcher Zeitung.
ANHANG
YVONNE MüLLER
C'était dans la loge de l'ambassadeur à Rome. Le second acte d'une représentation de Tristan tirait à sa fin, lorsque Yvonne Müller, ne parvenant pas à détourner son attention de ce qui se passait sur la scène et dans l'orchestre, se sentit prise d'un ennui intolérable. Ce fut presque avec envie qu'elle remarqua alors l'air absorbé et pensif de l'ambassadeur; quand lui, tournant vers elle son regard distrait, mais aussit?t en éveil: ?Si nous partions?? dit-il.
?Quelle excellente idée?! dit Yvonne Müller en respirant le grand air tiède de la nuit.
?Ce n'était pas aussi mal que vous le dites.?
?Vous n'écoutiez pas? s'écria-t-elle; ?vous étiez en train de rédiger une dépêche. Je lisais cela dans vos yeux. Ah! c'est la dépêche surtout, que j'aurais aimé lire.?
?Je n'en doute pas.?
?Eh bien non! car en vous observant je me disais: je voudrais qu'il écoute. Vous avez de notre musique un sentiment véritable. Involontairement vous eussiez comparé, et malgré vous vos sympathies se seraient portées vers nous profondément.?
Yvonne Müller s'anima soudain d'une belle ardeur, mêlée d'une grande incertitude; elle trouva un nouvel accent pour reprendre.
?Ah! je me fais pitié!?
?Eh bien, qu'y a-t-il??
?Vous savez bien, ces fous? dit-elle ?qui se prennent pour le pape ou l'empereur Napoléon, et passent leur temps à signer des actes imaginaires? Mon mal n'est pas de me croire, mais de vouloir être tout un monde de choses! Rester en dehors des évènements m'accable! Et pour peu que deux souverains aient une rencontre, je suis bouleversée.?
?Et pourquoi, grands dieux??
?Mais parce que je voudrais en être. Ne riez pas! - Si vous saviez? continua-t-elle, ?combien j'avais intérêt et hate de venir vous voir! les avis chez nous sont très partagés sur votre compte. Alors je voulais une bonne fois et de mon propre chef vous observer moi-même.?
?En vérité? dit il.
?L'un de ces partis? débita-t-elle, ?estime que vous êtes notre adversaire le plus déclaré, l'autre au contraire tend à se tourner vers vous, à vous accueillir, vous . . . . vous attirer. Je me suis longtemps demandée lequel de ces partis était dans le vrai. Car je me sens influencée par l'opinion de chacun, tant que je ne puis être assurée de la mienne. Mais une fois-que je tiens mon impression personnelle, rien et personne ne saurait l'altérer. Et telle est l'idée - immuable maintenant - que je me suis formée de vous.?
Elle était en attendant très embarrassée. Ne sachant trop comment interpréter le mutisme de l'ambassadeur, il lui semblait avancer à tatons et au hasard dans une obscurité complète, et elle n'était pas fachée, que déjà la voiture s'arrètat devant le palais. Ils montèrent lentement l'admirable escalier et passèrent dans les salles désertes, où leur présence semblait rompre un cercle pale et insaisissable comme si une haleine de vie troublait dans ces hautes tapisseries, les figures, les fleurs, les bosquets immobiles, comme si dans le silence des ombres affluaient ici autour de choses évanouies et coulaient tristes et inquiètes d'une porte, d'une muraille à l'autre.
Ils s'arrêtèrent dans une pièce ornée de grisailles merveilleuses.
?Si nous jouions une sonate? proposa-t-il, ?en attendant que les autres soient rentrés??
Décidément, se dit-elle, il faut avec les ambassadeurs se charger de toutes les avances, et ce n'est jamais leur tour.
?Je pars dans deux jours; ne regretterez-vous pas un peu d'ignorer ma pensée??
?Et quelle est cette pensée?? dit-il simplement.
?Il me semble que j'ai un sérieux avantage sur ceux qui revendiquent un jugement sur vous: c'est d'avoir passé un mois dans votre entourage. Quelque réservé et sur ses gardes que soit un homme d'Etat, le domaine de sa pensée se condense et crée autour de lui une atmosphère très spéciale. Et son vague reflet est peut-être plus intéressant à constater que maints gestes précis, dont se tirent les clichés instantanés, mais souvent confus; d'autant plus que pour ces gestes l'imprévu est toujours apte à entrer en cause et à les altérer dans leur effet ou dans leur interprétation. Quant à moi, je doute que les paroles dont Bismarck formula un jour son jugement sur vous, soient de cours aujourd'hui.?
?Vous doutez dans le vague? dit-il.
?Il m'est d'autant plus facile? remarqua-t-elle, ?de provoquer certains pronunciamenti, que personne ne pourrait deviner avec quelle passion je me suis attachée à des questions de ce genre. Et si même j'avouais combien elles me tiennent à coeur, à tel point, qu'immédiatement mon avenir personnel perd à mes yeux toute importance, et rentre dans ses proportions véritables - qui au monde le croirait? Et qui voudrait admettre, ce dont je suis pourtant convaincue, que parmi les n?tres, personne aujourd'hui n'a su vous reconna?tre aussi bien que moi??
?Qui sont vraiment les v?tres? Vous étes Fran?aise autant qu'allemande!?
?Autant qu'Anglaise alors. Je ne trouve pas en nous aujourd'hui de quoi nous suffire. A la longue chaque endroit nous oppresse et nous fatigue, d'un ennui, dont nous ne sommes pas responsables. J'arbore? s'écria-t-elle, ?les drapeaux de trois nations pour le moins! Je suis la Jeanne d'Arc de l'époque, moi!?
?Diable.?
?Vous êtes bien, vous, le diplomate moderne!?
?Qu'entendez-vous par le diplomate moderne??
?Talleyrand, par son tempérament comme par ses facultés destructives, m'a toujours semblé le type de l'ancien. Chercher votre qualité ma?tresse dans un instinct analogue, serait, je crois, manquer de perspicacité. Non seulement parce qu'il manque à votre nature le trait retors, qui caractérise ce genre de talent, mais parce que le don constructeur est la marque même de vos aptitudes. Je doute que vous puissiez vous sentir dans votre élément, à moins de trouver à batir, à construire; et ce don de l'architecte est si éminemment le v?tre que souvent je me demande: N'auriez-vous pas manqué en fin de compte votre véritable champ d'action, si vous n'arrivez pas à jeter un pont sur le fleuve le plus difficile à passer aujourd'hui? Ah! que vous en dressiez le plan c'est surtout ce qui m'importé! car en dehors de l'initiative, j'ai découvert dans votre politique un autre élément essentiellement moderne: le trait généreux si spécial aux Fran?ais et si intimement lié à leur rancune!?
Yvonne Müller parlait maintenant sans désemparer. ?Et je ne crois pas? dit-elle, ?à l'élimination du sentiment! Cela aussi est vieux jeu! ?Le sentiment n'entre dans la politique que dans un sens restreint, mais c'est un sens qui s'élargira? disait le vieux Bismarck. Et cela d'autant plus que déjà il est devenu plus urgent et pour nous tous peut-être, de poursuivre et de hater notre politique continentale que notre politique coloniale. Mais il y a beau temps que je soup?onne les idées larges d'ètre rares aussi parmi les ambassadeurs. Qu'en dites-vous??
?Ils n'ont pas si vite fait que vous de résoudre des questions aussi difficiles.?
?Difficiles ou non, ce serait une défaite pourtant? soupira-t-elle, ?si une solution, qui de droit revient à la diplomatie, devait finalement lui être soustraite, et pour ce roman si pitoyable, hélas! qu'est le n?tre! où se brouiller et se nuire sont les éventualités, où s'aimer sans arriver à s'unir sont les faits.?
On entendait dans la cour des roulements de voiture.
?Vous m'objecterez peut-ètre? dit Yvonne Müller qui continuait toujours, ?que nous avons parfois une étrange manière de faire notre cour; mais les amoureux sont toujours maladroits. Et vous pouvez me croire, je les connais, mes compatriotes. Je les aime en tant qu'Allemande, et je les aime encore avec une certaine dose d'irritation en tant que Fran?aise. Il n'y a donc personne qui les aime davantage. Mais vous ne me dites rien??
?C'est que nous n'avons plus le temps? dit il.
Les salles s'inondaient de lumière, un bruissement de soie, de pas légers et de voix-approchait.
Aus der Revue ?le Continent? 1907.
INHALT
Seite
Torso 1
Reisen 47
Bei Taine 109
Randglosse zur Psychologie der Nationen 117
Cambridge 123
Traum und Hellsehen 131
Aus einem Traumbuch 143
Literatur 147
Einiges über den Geiz 155
Die Markgr?fin von Bayreuth 165
Catharina von Siena 189
Das Leben der heiligen Walpurga 213
Bei Duchesne 219
Barrère 249
Alarmgl?ckchen 257
Torschlu?typen 265
Der unverstandene Mann 273
Der neue Schlag 281
Die Ballonfahrt 301
Bei Hildebrand 311
Schiffahrt und Eisenbahn 317
Das els?ssische Schicksal 333
Yvonne Müller 343
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... pyschologisch tiefst Begründeten, was der Mensch ...
... psychologisch tiefst Begründeten, was der Mensch ...
... zieht ...
... zieht. ...
... mitempfand, von jener Flut von Trübsal eingegeholt, ...
... mitempfand, von jener Flut von Trübsal eingeholt, ...
... der Verschmelzung unserer Quali?tten der Keim ...
... der Verschmelzung unserer Qualit?ten der Keim ...
... protestantischen Deutschen ist heute der katholiche ...
... protestantischen Deutschen ist heute der katholische ...
... de Lespinasse, éclairez-moi, fortifiez-moi. Je vous ...
... de Lespinasse, ?éclairez-moi, fortifiez-moi. Je vous ...