Ein sommerlicher Sonnenuntergang in München lebte heute in meiner Erinnerung auf. Von der Terrasse zur Friedenss?ule hatte ich auf die Isar hinabgesehen, die unter dem verkl?rten Gew?lk so leuchtend und blau dahinflo?, so deutsch mit dem vertr?umten Gebüsch ihrer weiten Sandb?nke und zugleich so sagenhaft sch?n in ihrer ewigen Frische, als eile sie nach dem Meere, Galateens Muschelboot zu umspielen.
Und München erschien mir da wie eine jener mittelalterlichen Schlaguhren, mit ihrem kunstvollen Aufbau von S?ulen, Geh?usen und Vertiefungen. Zeiger und Figuren treten immer in gleicher Sch?nheit, gleicher Bedeutsamkeit hervor, und das Ziffernblatt ist von erlesener Pracht. Aber etwas in den goldenen Speichen der R?der ist zertrümmert oder gehemmt, und die Zeit verhallt hier in zu tiefen, zu lauschenden Kl?ngen. Und dieses Echo, diese Beschaulichkeit ist es, die wir nicht immer ertragen, denn gerade das Unver?nderliche und Unverbrüchliche in uns erheischt ein schnelleres Tempo unseres ?u?eren Lebens.
Aber wie uns in dem trüben und zugleich schon grellen Lichte sp?twinterlicher Tage Bilder des Südens bewegen, so umwehten mich jetzt, inmitten der weiten Regungslosigkeit und Leere, die Bilder bewegterer St?dte. Von den lauen Winden zu mir herübergetragen, durchschauerte mich das silberne Paris, und, l?chelnd wie eine verschleierte Sch?ne, die Place de la Concorde. Ein anderer Sonnenuntergang flammte da auf und überflutete die weiten Champs Elysées, den surrenden Wagenstrom mit seinem ged?mpften, prunkenden Ger?usch und all die strahlenden oder trügerischen oder schn?den Silhouetten des Glücks, die er vorbeitr?gt. Was immer sie qu?len mag, stets sind es Schattenbilder selbstverst?ndlichen Genusses, die sie uns malen. Wie die weithin leuchtende Front der zwei Pal?ste am Eingang der Rue Royale, so tr?gt hier die Fassade des Lebens den Stempel jenes Ma?es und jener Disziplin, die wahren Formensinn kennzeichnet. Wenn andernorts Leichtsinn und Ungef?hr an ?u?erlichkeiten haften, so ist es hier das Auge, das zumeist sich heimisch fühlt und inmitten der Verwirrung ganz sich auszuleben vermag.
Aber hier ri? mich das brutale Gellen einer Trambahnglocke aus der Ferne in die Wirklichkeit zurück. Mit furchtbarem Gepolter l?rmte der umf?ngliche Kasten einher, und eine Dame im Reformkleid wandelte mir entgegen. Hei? und ?de dehnten sich die H?userreihen wieder vor mir hin, und jede Stra?e fand von neuem Mu?e, mit ihrer Atmosph?re mich zu bedr?ngen. Denn ach! inmitten der seelischen Abgeschiedenheit, die München an Wintermorgen wie an Juliabenden oft bis an den Rand wie einen Schmerzensbecher füllt, war mir, als ob der Strom des Lebens sich hier zu einem See bes?nftigte, sich weitete, und als ahne er hier nichts von seinen rei?enden Stellen, deren Hast und Get?se allen Schmerz der Besinnung so weit überrauscht.
Und wie ein Riese schien da die Sehnsucht den Weg mir zu vertreten und mich zu würgen, als mü?te sie aus meinen Augen hervorbrechen beim Anblick der hoch dahinziehenden V?gel: zur englischen Küste trugen sie meinen Geist im Fluge hin, und die Lust zu wandern kam wieder über mich.
Ich gedachte der Woche, die ich in London einsam verschwelgte, und zu welcher Lust sich mein Alleinsein steigerte angesichts der Gestalten, die uns, lebenden Statuen gleich, zu Hunderten dort begegnen. In welcher Stimmung ich da eines Nachts aus dem Theater fuhr, und wie mich fror in der warmen Sommernacht, weil angesichts so vieler, vollendet sch?ner Erscheinungen derselbe Gedanke wie angesichts der Elgin Marbles mich bewegte: Welch edles Ding ist doch der Mensch! Wie müde und erregt zugleich ich dann das leere Haus betrat, in dem ich wohnte und wie ich da mit geschlossenen Augen und verschr?nkten Armen noch lange unten verweilte, ganz in London versunken, von dem Sausen und Brausen des unendlichen, nie l?rmenden London berauscht.
Zwar schwebte mir gerade in Frankreich, gerade in England Deutschlands geistiges Bild so gerne vor Augen! So tags zuvor bei englischen Freunden auf dem Lande, als ich in der gro?en Halle mit mir allein zurückblieb, weil mir schien, als wü?te ich in letzter Zeit, durch neue Eindrücke und die Meinungen und Ansichten anderer von allen Seiten abgelenkt, oft nicht mehr, was ich selber dachte.
Nun aber flutete das Licht des alabastermilden englischen Himmels so beschaulich durch die weitge?ffneten Tore, und die B?ume vor dem Eingang breiteten wie schützend ihre gewaltige Ruhe über diese Erde, diesen Rasen, und über das unaufh?rlich holde Gurren und Geflatter der Turteltauben.
Aber wie hoch in der stillen Luft das Laub der B?ume erst leis erzitterte und dann in Aufruhr blieb, so wurden meine erst leis sich schwingenden Gedanken von allen Himmelsrichtungen aufgescheucht, bis sie, im Sturme hin und wieder fortgetragen, wie Bl?tter mein Bewu?tsein umwirbelten. Ich konnte sie nicht erhaschen, die eigene Verwirrung, den eigenen Zwiespalt nicht begreifen, noch jenes tiefe Echo heimatlicher Erde, das deutschem Geiste aus angels?chsischem Boden entgegenhallt; als würden jene Worte wieder zu ihm hingetragen, mit welchen Shakespeares verbannte K?nige dies Land betraten:
?Ich grü?e mit der Hand dich, teure Erde,
- - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - -
- - - - - - - - - - -
So weinend, l?chelnd, grü? ich dich, mein Land
Und schmeichle dir mit k?niglichen H?nden."
Aber Shakespeare selbst, der in seiner ausgepr?gt englischen Eigenart uns doch so nahe steht, wie glich er diesem Boden, auf welchem geschlossenste ?u?erungen unserer Rasse, so heimisch und fremd zugleich, uns entgegentreten!
An diesem Faden weiterspinnend war es dann ein anderer wichtiger Punkt, der zumeist mich fesselte. Die Identit?t unserer geistigen Stellungnahme zu den Griechen: Walter Pater, in seiner Auffassung und Fühlung der Antike mit unseren Rhode und Burckhardt, als eines Geistes Kind.
Von unseren inneren Analogien aber versank ich staunend in die Betrachtung unserer ?u?erlich so starken Verschiedenheiten. Aber von allen Dingen sah und erfa?te ich da nur ihr Suchen, Flie?en, Streben nach einem gleichen Ziele. Und nichts, was die Vorzüge der Engl?nder, Deutschen und Franzosen auseinanderhielt und voneinander abschlo?, wollte mir da noch den Eindruck von etwas Verhei?ungsvollem, noch Ganzem, noch Befriedigendem gew?hren.
Mein Alleinsein wurde indes von einem der G?ste unterbrochen, einem gewichtigen Parlamentarier, dessen politisches Credo: ?We are the first nation" aus allen seinen Beweisführungen mit unfehlbarer Sicherheit hervorging.
?What are you doing?" sagte er.
Doch als ich ihm nun meine Gedanken auseinandersetzen wollte, da standen mir die Worte, die den Stein des Weisen, den ich doch schon zu halten glaubte, fassen sollten, nicht zu Gebote, sondern die Flammen, die im Kamin mit ihrem laut- und ruhelosen Rhythmus loderten, schienen in elementarerem Bezug zu meinen Tr?umen, als ich selbst. . . .
Warum aber weckte ich den Nachhall so vergessener Dinge? Lag an der Wirklichkeit, lag in der Gegenwart stets ein Etwas, das des Reizes tief entbehrte oder ihn verhüllte, da Augenblicke, die wir zu genie?en uns nur flüchtig bewu?t wurden, als wir sie erlebten, sich verkl?ren, wenn sie wie abgeflossene Wellen l?ngst verrauschten? Selbst die fiebernde ?de dieses Münchner Sommertages, - t?uschte mich seine spleenartige Wirkung nicht?
Still schwebte schon der Mond am klaren Himmel über die Parkanlagen, die Stra?en und Pl?tze. Von den dunklen Baumgruppen hob sich der Hildebrand'sche Brunnen ab, die immer neuen Strahlen seiner Lebensfülle milde wie der Mond ergie?end. Immer neu sind dem Auge die kühnen, reichen Schweifungen des Beckens, in welchem das Wasser unter der überstr?menden Schale, frei wie eine Flut sich ausbreitet und bewegt. Und immer neu blicken von dem m?chtigen Sockel, wie durch rieselnde Schleier, überlebensgro?e, marmorne H?upter. Aber das gesenkte Antlitz des Athleten, die weit getrennten Gruppen und das Quellen aus den Nischen, sie alle ert?nen in überm?chtiger Einheit zu einem rauschenden Akkord, aus welchem Münchens eigenste Seele in ihren reichen Gründen, echt wie der frische Strahl des Wasserstaubes, uns entgegenhaucht.