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Chapter 2 No.2

Im Laufe jenes selben Herbstes fuhr ich mit einem Politiker von Vend?me nach Paris. Schl?sser und Hütten, Riesenw?lder, lichte Pappelgruppen an langweiligen kleinen Flüssen waren an uns vorüber geflogen, und ich dachte zurück an den verflossenen Abend, an eine Fahrt nach einem wundervollen mittelalterlichen Schlo?, und an ein vollendetes, und wenn ich so sagen darf: erhebendes Diner, denn G?tter h?tten hier tafeln k?nnen, ohne sich zu sch?men.

Nur die Konversation war nicht auf der entsprechenden H?he gewesen. Die üblichen Gespr?che in der Provinz: die Jagd, das Automobil und die religi?sen Zust?nde waren ergiebig und einmütig verhandelt worden; von dem damals eben erfolgten Besuch des italienischen K?nigspaares in Paris gelangten dafür nur einzelne Verst??e beim Empfang in Versailles zu ausführlicher und h?hnischer Er?rterung, und der Rest war Schweigen. Nun hatte ich Paris w?hrend der Festlichkeiten gesehen, und nach meinem Empfinden nahm es sich gerade in diesen Tagen, in der verh?ltnism??ig etwas naiven Schmückung der H?user und Stra?en, am wenigsten zu seinen Gunsten aus. Was sollen auch F?hnchen und provinziale Jubeltransparente auf einer Place Vend?me viel ausrichten? Vollends am Gala-Abend, im Lichtmeer der erleuchteten Kugel-Girlanden und Triumphb?gen schien es, als z?ge sich für den Abend das stolze Paris hinter ein riesengro?es funkelndes Kasperltheater zurück.

Ich erz?hlte meinem Tischnachbarn, da? ich der Einfahrt des K?nigs von einem Hause der Champs Elysées aus zugesehen und mich über die verh?ltnism??ige Stille in der Avenue gewundert hatte. Er belehrte mich jedoch: das Demonstrative l?ge nicht in der Natur des Franzosen. Ein Zufall hatte aber gewollt, da? mir noch an jenem selben Abend das Paris der Revolution auf das grellste und lebhafteste veranschaulicht wurde.

Einige Stunden nach dem Einzug war ich durch eine jener schmalen Gassen gegangen, die das Elysée umgrenzen, und ich dachte für den Augenblick nicht an die Anwesenheit des italienischen K?nigspaares, als ich auf die peinlichste Weise daran erinnert wurde. Von einem Strom von Menschen pl?tzlich fortgerissen und umringt, gab es für mich kein Vorw?rts noch Zurück. In der Angst zu fallen und von dem schrecklichen Dunst bedr?ngt, sah ich ratlos umher und erblickte da zu meiner Verwunderung und Freude in n?chster N?he, friedlich an einen Baum gelehnt - einen unbesetzten Stuhl. Rasch daraufspringend und so dem Haufen einigerma?en entzogen, wollte ich hier ruhig warten, bis er sich zerstieb.

Wer die Franzosen nicht für demonstrativ hielt, der wurde n?mlich hier eines anderen belehrt. Weder nach rechts noch nach links sehend, schrien sie da gerade hinaus, halb bet?ubt, halb wie die Wilden, nach der K?nigin. ?Kommen sie bald?" fragte ich beklommen einen wenig anziehenden beschürzten Vertreter des st?rkeren Geschlechts. - ?Sie sind schon vorüber", gab er mir zur Antwort.

Dies erkl?rte nun zwar den disponiblen Stuhl. Warum aber beharrte diese Menge nach wie vor an der Stelle, belagerte alle Ausg?nge und schrie mit heiserer Stimme: ?La reine! nous voulons voir la reine!" Und von meinem erh?hten Posten auf sie herabsehend, erkannte ich sie genau wieder als jenes selbe kopfscheue, schnell übersch?umende Volk, das unf?hig sich zu besinnen, die K?pfe so mancher harmloser, zur Unzeit geborener Opfer zu h?llischen Bilds?ulen erhob und in diesen Stra?en wütete, erkannte den furchtbarsten P?bel innerhalb der kultiviertesten und feinsten Nation.

Allein ich hütete mich wohl (aus Widerspruchsgeist), bei jenem Diner irgendwelche zustimmende Kommentare zu liefern: sie h?tten allzu bereiten Erfolg gehabt. Denn an die hundertj?hrigen Hecken, die das Dornr?schen von der Au?enwelt trennten, sah man sich in diesen Schl?ssern gemahnt. Man mu? sie gesehen haben, Frankreichs politische Mumien! Eine Dame ?u?erte sich, es sei unbedingt heroisch vom K?nig von Italien, ein so heruntergekommenes Land wie Frankreich offiziell zu betreten, und fragte mich über den Tisch herüber, ob wir im Ausland gegenw?rtig die Franzosen nicht sehr von oben herab behandelten?

?Unsere gro?e Majorit?t ist doch nun einmal republikanisch!" sagte da einer der G?ste.

?Die ganze erste Gesellschaft Frankreichs würden Sie anderer Meinung finden," gab ihm die Dame zur Antwort.

?Ach," sagte er ?es gibt nur erste Menschen und sie k?nnen nicht aristokratisch genug, sie k?nnen nicht demokratisch genug sein. England hat diese Wahrheit auch für seine Gesellschaft praktisch zu verwerten gewu?t. Worin beruht die Macht und Würde des englischen Adels, wenn nicht in seiner demokratischen Affiliation, und woran ging unser K?nigstum zugrunde, wenn nicht an seinem Mangel jeder demokratischen Basis?"

?Es gibt noch Leute, mein Herr," unterbrach ihn ein vergr?mter, früh verabschiedeter einstiger Diplomat, ?welche in der franz?sischen Revolution den unglücklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen."

?Doch nur," rief er, ?weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute unheilvoll tr?nkte! Denn w?hrend aus jenen Gedanken über das ganze zivilisierte Europa ein belebender Zug str?mte, weilen in seiner Heimat, an seiner Quelle selbst, unvers?hnt, unüberzeugt, die Sühnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch ver?nderter Gesichtspunkte halten sie zürnend von ihren Nachkommen ab, und nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das K?nigtum, wie es sich seitdem verjüngte, sondern ein altes verstaubtes, ewig überwundenes K?nigtum, m?chten sie in vergoldeten Kutschen einholen und begrü?en."

Einen Augenblick war es still, wie in einem verzauberten Schlo?.

?Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!" sagte der Hausherr, der die Place de la Concorde nie anders als Place Louis XV nannte.

?Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben. Bedenken Sie, da? es bei uns zum guten Ton geh?rt, sich für Politik nicht zu interessieren! Indes selbst die Herrscherh?user anderer L?nder ein so weitgehendes Verst?ndnis für die gro?en Str?mungen an den Tag legten, welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die erste Gesellschaft Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent hoch einsch?tze, erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich für Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Ankl?ger sie sich erhebt. Denn ihre Geschichte, - und er deutete auf die W?nde, von welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenperücken hernieder sahen - ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes." -

Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichm??ig gleitenden Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit erh?ht. Drau?en lag schon Bl?sse über das Land gebreitet und bl?sser noch, im langen, regelm??igen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein künstlicher Teich, und weiter zurück, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit den majest?tischen Senkungen seiner Terrassen.

?An was denken Sie?" fragte mich da pl?tzlich mein Reisegef?hrte.

?Wie soll ich das der Reihe nach sagen?" erwiderte ich. ?Gedanken k?nnen sehr wohl in Schw?rmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen."

?Aber eine Taube in der Hand," sagte er, ?ist besser, als viele auf dem Dache."

?Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien und geriet dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Alle ?u?erungen, welche die Geistesart, den Charakter einer Nation am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln mich, denn unwillkürlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie m?chtig innerhalb eines kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte V?lker auseinanderh?lt, wie verschieden er sie bildete, und da? in einer Welt, die überall so gleich, unter Menschen, die sich überall so ?hnlich sind, hier der Schwerpunkt aller Verschiedenheiten liegt."

?Wu?ten Sie das nicht?" sagte er.

?Ich zweifle, da? wir es alle zur Genüge wissen. Denn diese Verschiedenheiten sind gegenw?rtig so weit gediehen, da? drei hervorragendste europ?ische Nationen, die Deutschen, Franzosen und Engl?nder, die einander am vollkommensten erg?nzen, tats?chlich au?erstand gesetzt sind, einander in ihrer Wesenheit wirklich zu durchdringen und psychologisch unüberbrückbar fern einander gegenüberstehen. Wir leugnen zum Beispiel gar nicht, da? es eine bêtise allemande gibt. Inzwischen wurde ich auch mit der fine fleur der Ihrigen bekannt. Aber Sie glauben nicht, wie weltverschieden die beiden voneinander sind! Wieviel unbestimmter, breiter, verschwommener die unsere, wieviel greifbarer, logischer durchgeführt, ich m?chte sagen, ?abgeschliffener' die Ihre ist, welches Talent sie hat, sich zu ver?u?ern. Die beiden bêtises erkennen sich nicht wieder."

?Daraus folgt nicht, da? sich die Klugen nicht verst?ndigen k?nnten."

?Aber auch da ist mir eines zumeist aufgefallen: die Schwierigkeit für den Ausl?nder, sich in seiner Beurteilung der Franzosen zurechtzufinden, beruht darin, da? er den franz?sischen Geist von der franz?sischen Kultur nicht genügend unterscheidet. Es fiel mir auf, wie sehr der Formensinn in allen seinen ?u?erungen in Kleidung, M?beln und Gewerbe, auf allen Gebieten des ?u?eren Lebens bis hinauf zu den bildenden Künsten in Frankreich seine eigentliche Heimat hat. Der sichere Instinkt des Sch?nen ist da von einer ?ra zur anderen Ihr Monopol. Angesichts gewisser G?rten, Lauben und Fassaden, gewisser Pl?tze in Paris, war ich von Bewunderung für die Franzosen hingerissen und verehrte in ihnen die Lehrer der Welt. Aber trotz jenes gro?en Stilgefühls, das bei ihnen den Geschmack zur Kunst erhob, trotz jener Gründlichkeit und Vollendung, jenes strengen Ma?es, das ihre Leistungen kr?nt, ist es nicht seltsam, da? auf rein ideellem Gebiete, gerade in ihrem Lande das Extreme und Ma?lose sich freier als anderswo entfalten durfte, w?hrend in dem rauhen und vielsp?ltigen Deutschland ein Mann wie Goethe dessen Geistesleben adelte?"

?Werden Sie mir sp?ter auch einige Kritiken gestatten?" begann da mein Reisegef?hrte. ?Aber Sie sehen zum Fenster hinaus. Sind Sie schon fertig mit unseren Extremen?"

?Ah", sagte ich, ?Frankreich ist doch wie ein Blumengarten, mit Schl?ssern und Gütern bes?t. Unl?ngst sah ich ein Schlo?, in dem die Schlafzimmer genau aussahen wie Zellen. Das einzige, was den strengen Eindruck etwas milderte, waren Büchergestelle, die den W?nden entlang liefen, aber wohin man auch sah, waren es ausschlie?lich Gebet- und Erbauungsbücher. Ich lernte dort eine Verwandte Mussets kennen, die mir versicherte, einer solchen Verwandtschaft k?nne sie sich nur von ganzem Herzen sch?men. Flaubert zu lesen hatte ihr Gatte ihr zeitlebens untersagt; es h?tte jedoch seines Verbotes nicht bedurft, da sie gottlob den Schmutz nicht liebe."

?Aber solche Leute," rief er, ?gibt es doch überall!"

?Der Unterschied, wie gesagt, liegt nur im Grad. Ich h?rte in Frankreich Sonntagspredigten, die bei uns nicht m?glich w?ren. Eine junge und reizende laisierte Klosterfrau klagte mir ihre Not mit den Dorfkindern; von den Volksschullehrern würden sie unterwiesen, nicht darauf achtzugeben, was ihnen der Pfarrer von der Kanzel herab lehrte, und dieser wiederum male der Gemeinde die Autorit?ten des Landes in den fürchterlichsten Farben. Tats?chlich habe ich nichts betrüblich Unfrommeres gesehen, als das hiesige Bauernvolk, wenigstens in der Gegend, von der wir kommen. Dafür traf ich unter den begüterten Familien nicht einen Knaben, dessen Erziehung unter einer anderen Obhut als der eines Abbés stand. Auch diese Sitte w?re uns zu extrem. Aber ich fürchte, derartige Auslassungen sind nicht der Brauch. Man sagt sich von einem Lande zum anderen in den Zeitungen unangenehme Dinge, zu einer Aussprache aber pflegt man nicht zu kommen."

?Ich finde Sie zumeist mit den deutschen Vorzügen und den franz?sischen M?ngeln besch?ftigt."

?Nein," rief ich, ?denn nichts regt ja unseren Eifer so sehr an, wie unsere Anerkennung für die Vorzüge einer anderen, sei es einer fremden oder verwandten Nation! Solche Empfindungen erregen in mir der Formensinn, die Regsamkeit, welche Paris inmitten so gefahrvoller Geschicke stets auf seiner H?he zu erhalten wu?te. Und mit ebensolchen Empfindungen bewundere ich in England den praktischen, nie ins Kleine sich verlierenden überblick, das Erziehungssystem, die ?sthetik, kurz alles, wodurch dies Volk zur glücklichsten und sch?nsten Nation der Welt geworden ist."

?Aber Ihr Eifer ist ja die reine Utopie!" rief er. ?Die Vorzüge der Franzosen und Engl?nder sind den Deutschen entzogen, weil sie eben Deutsche sind!"

?Zu welchem Reichtum gerade ihr Wesen sich entfalten kann, dafür bürgen ihre gro?en M?nner."

?Immer diese gro?en M?nner!" sagte er. ?Sie sind noch lange nicht die Nation. Und Sie vergessen, da? noch keine von ihren eigenen gro?en Individuen so unumwundene Aussprüche des Tadels erfuhr, wie die deutsche."

?Weil niemand besser als diese vollendeten Typen die Tiefe und Fülle ihrer Anlagen erkannte."

?Aber was nützt es?" sagte er. ?Die Deutschen bearbeiten meist nur eine Geisteskraft. Es ist ihr Lichtenberg, der ihnen dies vorwirft. Was nützt es, da? sie denken? Durch ihre minder durchdringende, minder ausgeglichene Kultur bleiben sie der Kritik fremder Nationen ausgesetzt."

?Ein glücklicheres Ebenma? k?nnte diese Kritiker über schwerer zu beseitigende M?ngel hinwegt?uschen. Die Deutschen sind noch im Werden. Das ist auch etwas Sch?nes."

?Wir sind alle im Werden!" rief er. ?Aber warum untersch?tzen Sie die Gro?zügigkeit, die ihrem gesellschaftlichen Leben fehlt?"

?In Deutschland," sagte ich, ?machen sich die klugen Leute nichts aus der Geselligkeit, weil sie ganz ihrer Arbeit leben."

?Hier arbeiten sie ebenso. Und Sie irren: kluge Leute sind von Natur nicht einsamer als andere. Aber sie wollen herrschen! Die Berechtigung ihres Einflusses wie ihr Prestige gestehen wir ihnen in weit gr??erem Ma?e zu; hierin sind ja die Deutschen viel demokratischer als wir; und dies ist der Grund, warum ihrem Verkehr nicht selten der Zug und das Interesse fehlt, das ihrem geistigen Niveau entspr?che. Dazu kommt, da? bei ihnen der Prozentsatz zwar sicher nicht der Reisenden, aber der ?Bereisten' ein so geringer ist. Man kann ja," fuhr er fort, ?den Kosmopolitismus zu weit treiben; wo aber die unentbehrliche Voraussetzung für ihn: eine wahre und vererbte Bildung, vorhanden ist, bildet er deren letzten Abschlu? und verleiht unter anderem den überblick und die Menschenkenntnis der eigentlichen Leute von Welt. Bei ihnen reisen jedoch die Verm?genden wie die Windsbraut durch ganz Italien und wieder retour, haben Italien und nichts von der Welt gesehen, und ein anderes Mal fahren sie mit derselben Eile nach Paris, sehen mit diebischer Freude alle Cafés chantants und wissen viel von den Boulevards, aber nichts von den Franzosen."

?Und Sie sind der Mann, der mir meinen utopischen Eifer vorwarf, als ich sagte, beide V?lker h?tten soviel von einander zu lernen. Wer denkt nun logischer von uns beiden?"

?Sie vergessen nur zu leicht, da? es auch politische Gesichtspunkte gibt."

?Was andere besser verstehen, überlasse ich ihnen lieber ganz und gar und finde es anregender, die Dinge von einer anderen Seite aus, die mir mehr übersicht gew?hren kann, zu betrachten. Von einander getrennt stellen sich mir da, wie die Begriffe, von welchen Sie gestern sprachen, so auch die hervorragendsten Nationen in ihrem Gesamtbild als mangelhaft dar. Ich bin für psychologische Eroberungen, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht in hundert Jahren recht haben sollte."

Langsam rollte jetzt der Zug in die gro?e Halle der Gare St. Lazare.

1905 Wiener Zeit.

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