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Chapter 7 No.7

Seit ich über die heilige Catharina und die heilige Walpurga schrieb, sind nur wenige Jahre verflossen, und doch ist es schon nicht mehr dieselbe Zeit. Jetzt erst realisiere ich, wie reizvoll es war, religi?sen Problemen nachzuh?ngen, w?hrend sie so ziemlich niemand interessierten. Ich sage dies nicht aus Hochmut. Es sind Beleuchtungsfragen, und jeder kennt ja ihren Belang.

Wir wissen, da? eine zu offene Helle die Dinge schlagen und ihrer Intimit?t berauben kann; wie sehr dagegen jenes andere gehemmte und entkr?ftete Licht alles verst?rkt und verdeutlicht, was es bestrahlt; - Mitsommers vielleicht, w?hrend das voll entfaltete Laub regungslos unter dem bedeckten Himmel h?ngt.

Eine frühe, noch ungewohnte Christenheit sah alles so grell, da? sie verwirrten Sinnes die Geschichte ihres Kultus wob. Aber seit Dezennien, ja seit Jahrhunderten schon hat sich ein stetig wachsender Indifferentismus wie Wolkenb?nke aufgeschichtet. Die Dinge der Religion lie? man links liegen, h?rte auf, sich zu ereifern. Immer weiter glitten sie wie Abgeschiedene von uns weg, und immer weniger ?geh?rten sie her".

Merkwürdigerweise g?rte dabei das christliche Agens wie ein Sauerteig in unserer entfrommten Welt unbeschadet weiter, fand andere Ventile, und pflanzte sich in unserer Philantropie wie zu einem blühenden Stabe auf. Es war erstaunlich zu sehen, wie gut gerade der Katholizismus es vertrug, da? man ihn in Ruhe lie?, und abgewandten Sinnes lieber fliegen, forschen und entdecken lernte. Ja, es schien, als atme er indessen von den Strapazen unserer tausendj?hrigen Mi?verst?ndnisse auf; sachte begann er schon der bitteren, unleidlichen Rinde sich zu entziehen, in die Menschenh?nde ihn verbaut hatten, glitt einer neuen Kurve zu und evoluierte wie ein Planet. Ja, man kann sagen: seine Idee evoluierte in dem Ma?e, als seine Dogmen an Presenz und Deutlichkeit verloren. Nichts gleicht ja so vollkommen einer Kugel als diese Idee. Und so drehte sie sich nur um ihre Achse, als sie, ohne doch von uns abzurücken, wie der Neumond unserem Gesichtskreis entschwand . . . Aber leider sind wir daran, ihn auf seiner Bahn noch einmal st?rend aufzuhalten. Aus der Penombra unserer Gleichgültigkeit soll er noch einmal vorschnell ans Licht, und wenn nicht alles trügt, so kommt wahrhaftigen Gottes der Katholizismus jetzt in Mode.

Auf irgend einen Umschwung mu?te man ja gefa?t sein. Mit der Liebe als ?Topic" ist es bekanntlich vorbei, sie mu? sich erst von der Publizit?t erholen, die wir ihr ein Jahrzehnt lang angedeihen lie?en, so da? wir eine Zeitlang lieber nichts mehr von ihr h?ren. Wer hinzukommt, wie ein Rad ausl?uft, der harrt der neuen Schwingung: so sind heute die Unerfahrensten blasiert. Und daran ist ja nichts auszusetzen. Wohl aber, da? man darauf verfiel, nunmehr das Religi?se gewisserma?en als Novit?t auf seine Zugkraft hin zu erproben! Auch der laueste Katholik sieht heute entsetzt, wie die Literaten deutlich Miene machen, den Katholizismus zu ?entdecken". Nicht als Ausübende versteht sich, nur als Imagin?re, die allen Ernstes glauben, aus Sport, und wie man Wagnerianer und sp?ter Antiwagnerianer war, so k?nne man auch katholisch sein. Ein grotesker Wahn, wenn man bedenkt, da? der Begriff Amateur-Katholik so wenig wie der des Amateur-Soldaten existiert. Und z?ge einer in Helmbusch und Epauletten einher, und würfe sich gar in eine Generalsuniform, weil sie ihm so gut gef?llt, so h?tte er doch erst recht mit milit?rischen Dingen nichts zu schaffen; es sei denn, da? er dem Stande beitritt und sich dem Drill unterzieht. So fragt der Katholizismus nicht nach Velleit?ten, er fragt nicht, wer für den Pomp seiner Zeremonien und Gew?nder, auch nicht, wer für den suggestiven Zauber des Me?opfers schw?rmt, sondern er fragt nur, wer eingeht durch das kaudinische Joch, das bis auf weiteres den einzigen Zugang bildet zu einer ehrwürdigen und wetterfesten, aber der Umgestaltung so dringend ben?tigenden Feste, da? nur mehr die ganz Einf?ltigen, die freiwillig Gedankenlosen oder Leute von sehr merkwürdiger Abstraktionsf?higkeit ihre Besatzung bilden. Und er fordert von diesen Wenigen, da? sie es über sich bringen, die wankende Burg um ihres ewigen Grundrisses willen nicht zu verlassen. Er fordert, da? sie, wenn auch ohne Illusion und des Einsturzes gew?rtig, den t?glich unleidlicheren Verh?ltnissen sich fügen. Er fragt nicht, welche Grimassen sie dabei schneiden. Es genügt ihm, da? sie nicht ausziehen. Denn er bedarf ihrer als Pfeiler für den kommenden Umbau.

In Rom, bei einem Kardinal, der ein sehr heiliges Leben führte, war eines Tages im engsten Zirkel von der letzten Papstwahl die Rede; und auch von den politischen Intrigen, die damals in allen Kanzleien so üppig und offenkundig in Blüte kamen, da? am Tage der Entscheidung einer der Botschafter mit der Prognose: ?Ce sera un petit pape" - im Gegensatz zu Leo XIII. - unumwunden herausrücken durfte. Der Neffe des Kardinals wagte zu bemerken, da? sich der hl. Geist w?hrend dieses letzten Konklaves sehr passiv verhalten habe. ?Et vous croyez", sagte der Kardinal, nicht etwa ironisch, sondern mit der Fassung und erfahrenen Gelassenheit des Veteranen: ?Et vous croyez, que dans cent ans nous aurons encore ces chinoiserieslà?" M?gen manche Katholiken ungl?ubig die K?pfe schütteln, m?gen sie den Neokatholiken unbegreiflich dünken; dies waren seine Worte. -

Ich m?chte hier etwas über Konvertiten einschalten. - Zwischen ihnen und den angestammten Katholiken herrscht so oft eine merkwürdige Fremdheit, als w?ren sie gar keine richtigen Glaubensgenossen. Der alte Bau, der für die Einen die edle Patina der Jahrhunderte tr?gt, steht wie frisch getüncht und so hart und pl?tzlich - und so neuartig vor den Augen der anderen. Nichts von seinen Herrlichkeiten ist ihnen noch gel?ufig. Als nouveaux riches sind sie über Nacht zu dem gelangt, was den Erbangesessenen selbstverst?ndlicher Besitz ist. Daher nichts Vornehmeres, aber auch nichts Selteneres als ein Parvenu - oder ein Konvertit, - dem man's nicht anmerkt.

In richtiger Distanz zu dem ewig fluktuierenden Katholizismus zu bleiben, ist ja eine so schwere und immerw?hrende Aufgabe, da? eine ganze Anzahl Katholiken, und gerade die sympathische Sorte, da sie sich nicht lossagen wollen, lieber Scheuklappen anlegen, als über ein so gef?hrliches und verwirrendes Thema nachzudenken. Und ich begreife sie sehr wohl. Seinem Geiste nach ist der Katholizismus etwas in seiner Vollgültigkeit wirklich zu Insgeheimes und zu Irisierendes. Für die Armen da, gewi?, aber wie ein K?nig für die Armen da ist, so ist er in seinem unantastbaren Adel denen sogleich entzogen, die in ihn hinein geheimnissen oder ihm mit Anachronismen zu nahe treten. Denn er kennt kein Zurück; und durchschrittene Bahnen umkreist er kein zweites Mal. O wü?te Claudel, wie weit dieser Geist seiner versteinerten Muse entschwebt ist, wie wenig ihr erledigtes Mittelalter den Unaufhaltsamen trifft!

Wenn mir vorhin die Konvertiten einfielen, so geschah es, weil mir bei der ?u?erung des Kardinals, die ich zitierte, unwillkürlich ihre erschrockenen Mienen vorschwebten. Der junge Diakon hingegen, an den sich die Worte richteten, vernahm sie mit einem beschaulichen L?cheln. Er sollte sich bald darauf durch einen zu fürwitzigen Modernismus seinem Seminar mi?liebig machen, auch sollte ihm - gerade nach Torschlu? - dünken, da? er für die Aviatik oder die Armee - er stammte aus einer franz?sischen Offiziersfamilie - berufener gewesen w?re, als für den Priesterstand, den er offenbar ein wenig vorschnell erw?hlt hatte. In dieser Verfassung kam er nach München und besuchte mich hin und wieder. Bei seinem skeptischen Naturell konnte von einem Glauben, der Berge versetzt, nicht die Rede sein. Intelligent und rege, aber der Wissenschaft, der Technik zugewandt und ohne jede Einstellung für das Religi?se, l??t sich denken, wie ihm heutzutage in seinem Stande zumute sein mu?te. Seine Ironie war zu wenig gespielt, sein Achselzucken zu vielsagend, seine Munterkeit zu sehr die eines gefangenen Eichhorns, kurz, sein Stichwort war die Qual, - man brauchte es gar nicht lange zu suchen.

Eines Tages erschien er pl?tzlich zu ungewohnter Stunde, sich zu verabschieden. Es habe sich eine Vikarstelle für ihn geboten; ob er die ann?hme, wisse er noch nicht, und er zuckte die Achseln; doch jedenfalls kehre er nach Frankreich zurück.

Die Fenster standen gro? offen, und es war ein Frühlingstag, da? ihn die Gestorbenen unter ihren Erdhügeln spüren mu?ten. Als eine verwegene Negation des Todes rauschte er mit allen Schauern herein, sein Licht hing sich wie ein Lockruf an den blassen und eleganten Abbé und hob mit so weher Sch?rfe die Tragik seines Daseins hervor, da? ich aufatmete, als er wieder ging. Doch gleich darauf hielt ich es selber im Hause nicht mehr aus. Drau?en, unter freiem Himmel, angesichts der Stra?en, der blühenden Anlagen, da gab es die vielj?hrigen B?ume, die oft erstorbenen und nun wieder ergrünten, und Menschen aller Art, erst da lie? sich das Schicksal des jungen Priesters wieder einreihen und erdrückte nicht mehr. Da erst konnte man sich ein Herz fassen, kalte Dinge in den Tag hineinzudenken.

Zwei Jahre waren vergangen, als ich ihn unvermutet wieder traf. Er hatte sich in einem Lyzeum ganz der Erziehung junger Knaben gewidmet, seine Hoffnungslosigkeit schien glücklich einged?mmt; ich fand ihn ?zusammengerissen" und gefestigt, ohne da? er doch im Stillen von seiner Skepsis das geringste eingebü?t hatte; er zuckte die Achseln wom?glich noch h?her als zuvor, und nie war einer seines Zeichens der Dogmen so ungewi?.

?Warum gehen Sie nicht weg?" fragte ich starr.

?Es ist keine Sache, die man desertiert," sagte er. Dabei kam ein so anderer Ausdruck in sein Gesicht, und ich begriff, da? eine Weihe wie die, welche er empfangen hatte, dem Flüchtling zum Brandmal werden mü?te. Für den Augenblick wollte mir alles andere gering scheinen im Vergleich zu dem Leben dieses im eigenen Lager mi?kreditierten und verd?chtigten Abbés, der mit so gro?er Selbstverleugnung auf seinem Posten blieb. Weil hinter diesem Katholizismus, dem wir doch sonst lieber heute als morgen davonliefen, das R?tsel steht, das wie eine noch ungehobene Monstranz weit hinaus über unser Dasein schimmert. Weil hier ein Seiendes inmitten der ewig zusammenstürzenden Gestalten seinen Bann ausstrahlt.

Wird mich der Leser verstehen, wenn ich ihm das Bild nenne, das da pl?tzlich vor mir aufstieg? Ein kleiner Reitertro?, welcher dem vorsichtig nachziehenden Heere voransprengt, verwehrte Grenzlinien erkundend, ohne Deckung, verfallen, namenlos, und dennoch vom Sturm seiner Gesinnung sich zu opfern hingerissen, weil dort einige Helden liegen müssen, wo die kommenden Vielen freien Durchzug über neue Brücken finden sollen. Und auch jene Kundschafter schwebten mir vor, die sich als erste in die m?rderische Luft erhoben, um sie für andere zu besiegen. Von dem mystischen Generalissimus aber, der heute eine solche verschwindend kleine Schar durch seinen Geist beseelt und, vielleicht ohne es zu wissen, auf ihren gef?hrlichen Vorposten zurückh?lt, von Duchesne will ich nun sprechen.

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