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Chapter 3 No.3

Alte Leute schütteln die K?pfe über unsere Ruhelosigkeit, weil wir mit unseren immer schleunigeren Schnellzügen nicht zufriedener sind, als unsere V?ter zur Zeit der Stellwagen. Aber zu unserer Ehre sei's gesagt: wir sind um so ruheloser und unzufriedener, je weniger wir die Zufriedenheit, je mehr wir den Fortschritt erstreben.

Ein steigernder Drang, eine Hast und Ungeduld, wachsenden Flügeln vergleichbar, ist heute in uns rege; wir durchschneiden die Luft, durchfahren unterirdisch gro?e St?dte mit Windeseile, und gr??te Schnelligkeit der Bewegung ist uns zur entsprechendsten ?u?erung, ja zur Notwendigkeit geworden, wie der Schatten des Glücks, nach dem wir jagen. Eine solche Generation bringen heimelige Postkutschen zur Verzweiflung, und selbst das Geticke der alten Wanduhren vertr?gt sie nicht mehr. Sie bringt viel Unrecht und viel Unsinn zutage, aber sie ist im Grunde nicht schlimmer, sie ist besser als eine andere, denn sie ist so müde und überreizt zugleich, weil ihr der Frühling in den Gliedern sitzt.

Es stehen uns zwar noch zu viel trübe, regnerische Tage bevor, als da? wir merken k?nnten, da? sie l?nger werden. Aber wenn es stürmischere Zeiten gegeben hat, als die unsere, so war kaum eine, in der so viel neue, noch unausgesprochene Gedanken zu reifen, Gegens?tze sich zu vers?hnen, alte Vorurteile zu zerfallen strebten.

Kürzlich ging ich an einem Nachmittag die kurze Strecke von der Rue de la Paix zur Place Vend?me; den weltberühmten Model?den entstiegen elegante Frauen mit blassen Zügen und gro?en sicheren Augen. Die reiche, fast edel zu nennende Vollendung ihrer ganzen ?u?erlichen Haltung lieh ihnen einen Glanz von Sch?nheit und überlegenheit. Sie harrten einen Augenblick, bis ihr Wagen aus dem Gedr?nge vorfuhr, und neugierig betrachtete ich ihre stolz zerstreuten, unbefangenen Blicke. Nichts ist ja psychologisch tiefer begründet, als jenes Gefühl unendlichen Entrücktseins von der Not des Lebens und die satten, fast melancholisch strengen Mienen der Besitzenden.

In jenen Pariser Stra?en geht es sich so leicht. Was das Auge dort fortw?hrend fesselt, tr?gt den Schritt so schnell, gedankenvoll dahin. Geschmeide blitzten mir entgegen, gro?e tr?umerische Perlen, ein k?stlich strahlender Halsschmuck aus Smaragden, smaragdne Ringe und viele, z?rtlich funkelnde Smaragde.

Allein z?rtlicher noch und schimmernder, ein Triumph für die ersten Kürschner und Putzmacher der Welt, war da der Anblick einer sch?nen Frau mit einem samtnen Gesicht wie eine Primel. Kaum war sie aus dem Laden ins Freie getreten, als ein Automobil um die Ecke raste und einer der bekanntesten jungen M?nner von Paris, morbid und unversch?mt, den Hut vom Winde etwas zurückgeschoben, aber frei wie ein Marmorbild, ihr entgegenfuhr.

?Es geht sich heute so sch?n," sagte da pl?tzlich dicht neben mir ein Pariser Freund, ?haben Sie Zeit?"

?Aber bleiben wir in diesen Stra?en," sagte ich, ?man wird da von dem Leben ringsumher wie von Wellen so sch?n fortgerissen."

Zwar h?rte man vor dem Get?se und Gebrause ringsumher seine eignen Worte nicht; dann zerstreuten die Schaufenster, hier ein Pelzumhang, unnachahmliche M?ntel, in die man im Vorübergehen sich hineindachte; dann wieder unter den vorübereilenden Wagen so manches gl?nzende, bewegte Bild. ?Ach," seufzte ich, ?mir ist hier oft, als mü?te mein Herz brechen vor Sehnsucht nach Geld!"

?Nach Geld?" rief er erstaunt.

?Ja," sagte ich, ?ich konstatiere an mir selbst eine immer wachsende Leidenschaft für die Güter dieser Erde, und wie sehr sich unsere Anforderungen an das Leben mit unseren geistigen F?higkeiten steigern."

?Diese lehren uns vielmehr, das Glück in uns zu suchen."

?Sie scherzen!" rief ich.

Aber hier erlitt unser Gespr?ch von neuem eine Unterbrechung; denn langsam kamen uns zwei hinrei?ende Gestalten entgegen: es war die Dame mit dem eleganten Primelgesicht, an der Seite ihres Begleiters. G?ttliche Schultern trugen ihr leichtsinniges Haupt, und goldene Haare verkl?rten es. Es lag etwas halb Z?rtliches, halb Sp?ttisches in ihrer Anmut; zugleich etwas Siegreiches, ja Unnahbares in ihrer Sorglosigkeit, in ihrer Flüchtigkeit selbst. Und es war, als z?ge sich, wie um die Mondessichel, ein hellerer Schimmer um die beiden, ein Schein, der sie der Not fehlgeschlagener Hoffnungen, vergeblicher Wünsche entrückte.

?Folgen wir ihnen!" schlug ich vor, auch als sie gleich darauf im Ritz verschwanden. Es war Teezeit. Wir betraten die Galerie, in welcher der Tee genommen wird, der - wie allerorts in Paris - zu wünschen übrig l??t; sie glich um diese Stunde einem Turnierplatz geschmackvollster und zugleich kühnster Hüte. Man sah die diszipliniertesten Taillen und die kunstvollsten Teints. Allein weit entfernt, frivol zu sein, war für mein Empfinden der ?u?ere Eindruck dieser hergerichteten Pariserinnen der eines sehr strengen, sehr erstrebenswerten Formensinns. übrigens waren sie nicht in der Mehrzahl vertreten, sondern alle Sprachen schwirrten hier durcheinander. Auch unenthusiastische Jünglinge mit fallenden Schultern hatten sich eingefunden und stattliche Damen, deren Mundbildung von weitem den amerikanischen Akzent verriet, mit Physiognomien von faszinierender Gew?hnlichkeit.

Ich hatte die Eckpl?tze links am Eingang gew?hlt, die zugleich einen Ausblick auf die Treppe gew?hrten, denn die Menschen, die dort vorüberkamen, waren als Million?rtypen vielleicht noch charakteristischer. Ein blasser, schwarzer Herr, mit breiten Schultern, stumpfen Augen und einem lautlosen Tritt, sah aus wie der Mammon selbst. Die Marchioness von A*, eine sehr sch?n gewesene Dame, mit fliegendem Schleier, fliegendem Mantel und einem fliegenden blauen Blick, hielt eine Weile unter der Türe stand, sah mit theatralischer Unversch?mtheit um sich her und verschwand. In unserer N?he lie? eine ?sterreicherin, die Frau eines durchreisenden Diplomaten, immer lauter ihren wienerisch-franz?sischen Jargon vernehmen. Sicher fiel diese Frau ihrem Manne durch zu gro?e politische Wi?begierde niemals l?stig, vielmehr war sie von jenem rein gesellschaftlichen Prestige einer Diplomatenstellung, wie ihn die Scribeschen Lustspiele feiern (wie Bismarck ihn verh?hnte) noch g?nzlich erfüllt. Weder jung noch sch?n, aber von ansehnlicher Gr??e, mit ihren konventionellen Zügen, ihrer kunstvollen Frisur und ihrem erbsenfarbenen Gewand sah sie aus wie der Genius des ?High Life". Mit groben aber wohlgepflegten H?nden schwang sie unaufh?rlich ein Lorgnon. Es war ihr Degen, ihr Symbol. Denn auch die Welt in Zeit und Raum sah sie durch ein solch abgrenzendes Glas, das für sie nur die Welt des Salons auffing und spiegelte.

?Rom ist delici?s," h?rten wir sie sagen - ?c'est autre chose que la Suède! Ganz die gro?e Welt! In der Saison komme ich einfach nicht zu Atem; die Unmasse von Engagements, déjeuners, d?ners und die vielen jours . . ." sie suchte dies in bedauerndem Tone vorzubringen, aber es gelang ihr nicht. Dabei hatte sie durch ihr Lorgnon jemanden von der ?gro?en Welt" erblickt, der auf sie lossteuerte: ?Sie hier, cher Comte?"

Es war alles so erg?tzlich! Der Pariser Freund und ich, wir sahen einander l?chelnd an: ?Ihre zwei G?ttergestalten scheinen sich in die oberen Stockwerke verloren zu haben," bemerkte er. Indes kam die Marchioness von A* mit Bekannten wieder. Sie kam in Begleitung einer reizvollen, melancholischen Dame, einem hypereleganten, unwahrscheinlich sch?nen M?dchen, und einem nicht mehr jungen Mann von wortkargem und gebieterischem Wesen. Was Lebensstellung und Gewohnheiten anlangte, geh?rte er zweifellos zu den Gebietenden dieser Erde. Sein gro?es wei?es Gesicht trug zugleich den Stempel der Oberfl?chlichkeit und einer gewissen Leidenschaft. Aus seinem stahlgrauen, etwas starren Blick sprach nicht etwa eine sehr machtvolle oder reiche Pers?nlichkeit, aber deren ungehemmte und machtvolle Entfaltung.

Pl?tzlich war alle meine Munterkeit dahin: den Tee, von dem ich mir noch eben eine Tasse eingeschenkt hatte, schob ich mit Widerwillen von mir. Bisher, wie im Schauspiel, meinem eigenen Bewu?tsein g?nzlich entfallen, war ich mir pl?tzlich meiner selbst aufs heftigste bewu?t. Keine Pal?ste mit unsch?tzbaren Tapisserien und Bildern, keine Reichtümer und keinerlei Macht war mein eigen! über das blaue Meer hin, nach Indien oder Griechenland, wo gerade die Erde am sch?nsten blühte, unter Menschen, deren Pracht gerade am lachendsten sich entfaltete, wohin er nur wollte, setzte der Mann dort herrschend seinen Fu?. ?Kein Ersatz," dachte ich, ?ist dem Menschen beschieden! Nicht die eine Sache zum Trost, weil ihm die andere verwehrt ist. Nie darf er den Kelch verha?ter, t?dlicher Entsagung von sich schleudern!"

Wir standen wieder im Freien, diesmal den Tuilerien zugekehrt. Grau und vornehm ragte die S?ule von Vend?me, aber nicht l?nger zog es mich hin zu den Herrlichkeiten der Rue de la Paix.

?Ich begreife Sie nicht," sagte der Pariser Freund, ?ist es denn m?glich, da? Ihnen solche Leute imponieren?!"

?Ich nehme sie ja nicht pers?nlich," sagte ich. ?Aber wenn ein kunstvoller Rahmen ein wertloses Bild nicht zu heben vermag, so wird eine schlechte Holzleiste die Wirkung eines Kunstwerkes sehr wohl beeintr?chtigen k?nnen. Und weil sich um die gew?hnlichsten Menschen oft die herrlichsten Rahmen ziehen, so brauchen wir deshalb den Wert dieser letzteren nicht zu verkennen. Das Leben ist zu sch?n geworden."

?Was wollen Sie damit sagen?"

Hier galt es jedoch, schweigend und mit Bedacht, von Automobilen wie von feindlichen Kugeln umsaust, die Rue de Rivoli an der Mündung der Rue Castiglione zu überschreiten.

Nach dem Gewoge der Stra?en schienen die Tuilerien so weit und still.

Alles lag in jenem entzückend feinen, mattsilbernen Ton der z?rtlichen Pariser Luft, die so leicht und optimistisch schimmert und selbst den kahlen B?umen ihre Düsterkeit nimmt. In kalter Grazie dem grauen Louvre zugewandt, stand eine nackte steinerne Nymphe.

Mit Statuen aber geht es uns h?ufig wie mit der Musik: was im Museum wohl zurückst?nde, im Konzertsaal uns kritisch lie?e, kann unter freiem Himmel hinrei?en und rühren. Unwillkürlich waren wir stehen geblieben.

?Wie der menschliche K?rper durch die griechische Kunst, so hat sich seitdem das menschliche Leben selbst zu einem Ideal gestaltet."

?Zum mindesten ein vorgreifender Glaube", meinte er.

?Wie jeder Glaube".

1905 Neue Rundschau

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