Nachdem ich diese Nota geschrieben hatte, rief ich einen Genossen und sagte:
?Achte auf das, was ich Dir sage und mache folgendes: Dies ist eine Nota über 30 L., die der neue Picciotto der M... geben sollte, wenn sie nach den Rechnungen kommt; ich habe alles mit ihr abgemacht.?
?Sch?n, M..., ich habe verstanden, heute wird gegessen und getrunken.?
Ich übergab die Nota einem Genossen, der die andern von meinem Werk unterrichtete.
Als die Speisestunde kam, sagte ein Picciotto der neuen Gesellschaft zu Pescari:
?Freund, ist es mir gestattet, mit Erlaubnis dieser Herren eine Bitte auszusprechen??
?Auch zwei?, erwiderte Pescari kühn. Sie traten in einen Winkel des Zimmers; der neue Picciotto, mit der Mütze auf dem rechten Ohr, die rechte Hand in das Hemd gesteckt, sagt zu Pescari:
?Freund, die Gesellschaft m?chte von Ihnen etwas spendiert haben, l??t sich das machen??
?Ich bin ebenfalls Picciotto.?
?Nein, Du bist ein Hallunke! Und wenn Du noch einmal das Wort wiederholst, das Du eben gesagt hast, so schlage ich Dir die Z?hne aus dem Maul!?
?Aber erlauben Sie! Ich ...?
?Du bist ein Hallunke! Sei still und muckse nicht, sonst ...?
Die W?rterin kommt und unterbricht das l?cherliche Duett, das ich gern zu Ende führen s?he.
?Nun, was Sie auch seien; fassen Sie Mut, heute trinken wir eine Flasche zusammen, aber sei still, sonst schlage ich Dir den Sch?del ein.?
Und vom ?Du? ging es zum ?Sie? über und wieder zum ?Du.?
Er giebt ihm einen derben Sto?, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach dem inneren Gitter, wo gew?hnlich die Rechnungen geschrieben wurden; alle einundzwanzig standen dort zusammen.
Ein Calabreser überreicht der W?rterin die Nota und sagt:
?Unser Freund Pescari, der berühmte Picciotto aus Foggia, will uns heute ein Festessen geben, hier ist der Speisezettel, nicht wahr, Pescari??
?Ja, Herr!?
Ein anderer Calabreser antwortete statt des Gefragten.
Die W?rterin übertr?gt den Zettel in ein gro?es Register, giebt ihn zurück und geht fort.
Sofort verbrannte ich den mit meiner Hand geschriebenen Zettel.
Alle reihten sich um Pescari und bestürmten ihn mit camorristischen Fragen und Redensarten.
?M..., M..., heute giebt's ein Fest; alle Teufel! Der volle Korb, die gute Waare, Wein aus Barletta! M..., M..., hier ist Ihr Fenchel und Ihr halber Liter!?
Es war der Wirt, der aus vollem Halse brüllte, da? es in der W?lbung widerhallte.
Ich eile an das Gitter und nehme den halben Liter Wein, meinen Becher und den Fenchel entgegen. Dieser halbe Liter und der Fenchel wurden mir t?glich von dem Wirt verehrt.
Jeder meiner Leser wird wissen wollen, warum der Wirt mir den halben Liter und den Fenchel verehrte, nicht wahr?
Eure Neugier soll befriedigt werden.
Als ich zuerst in das Gef?ngnis gebracht wurde, hatte ich einen Streit mit dem Wirt gehabt wegen zwei Soldi Tabak, der nicht richtig im Gewicht war; ein Wort gab das andere, bis ich ihm den Becher über den Kopf schlug, da? er fast in Stücke ging; von da ab konnten meine Genossen ihn nicht mehr sehen; jedes mal, wenn er kam, erscholl es aus allen drei Zimmern:
?Hinaus mit dem Schuft, hinaus mit dem Lump!?
Der Direktor rief mich und bat mich, dem Wirt zu verzeihen und dafür zu sorgen, da? meine Gef?hrten ruhig seien, sonst mü?te er den Wirt wechseln.
Der Oberw?rter rief mich in Gegenwart der W?rter, wir blinzelten uns zu, und er sagte mir:
?M..., so lange Sie in diesem Gef?ngnis sind, gebe ich Ihnen t?glich einen halben Liter vom besten Wein und einen Fenchel oder irgend ein anderes Gemüse, sind Sie zufrieden??
?Sch?n, aber hüte Dich, Dein Versprechen zu brechen.?
?Eher will ich es dem Teufel brechen, aber nicht Ihnen.? Dies ist der Grund, weshalb der brave Wirt mir den halben Liter und den Fenchel gab; jetzt kann es weiter gehen.
Meine Genossen machten eine Rechnung von fünfzehn Lire, w?hrend die anderen fünfzehn Lire der W?rterin M... zu gute kamen.
Sie warfen die Strohs?cke zur Erde und stellten aus den Pritschen und den St?ndern eine gro?e Tafel her und deckten das Betttuch darüber; die zusammengerollten Strohs?cke dienten als Sitze, vor sich stellten sie die N?pfe und eine gro?e Flasche mit Wein; so a?en sie und tranken sie, die Becher voll sch?umenden Weines, und oft kü?ten sich die Tischgenossen auf die Lippen. Ich sa? auf meinem Bett, a? meinen Fenchel und schlürfte meinen halben Liter Wein; der arme Pescari sa? auf dem Fenster und sah mich heimlich an, w?hrend er oft und schmerzlich seufzte.
?M..., beehren Sie uns doch und speisen Sie mit,? riefen die Tischgenossen.
?Ich danke sehr, meine lieben Freunde.?
Sie a?en und tranken mit vollem Munde, sprachen laut und verworren durcheinander, brachten Trinksprüche aus in ihrer kalabresischen Mundart, da? man vor Lachen platzen konnte; ein wahres Teufelsbacchanal; einer sang, der andere lachte wie verrückt, der dritte erz?hlte Sp??e und berichtete aus seiner Heimath, und diese tolle Posse spielte sich ab auf Kosten des halbverhungerten, betrübten Pescari.
Die Suppe kam, ich nahm meine und a? sie[19], Pescari nahm die seinige und stellte sie unter sein Bett, die andern wiesen sie zurück, indem sie sagten:
?Heute brauchen wir den Brei nicht, gebt ihn den Armen; uns geht es vorzüglich.?
Bis auf den Abend dauerte das Mahl meiner Genossen. Sie erhoben sich von der Tafel mit vollem Magen und weinerhitzten K?pfen; jeder hatte eine gute Zigarre zwischen den Z?hnen und blies m?chtige Rauchwolken von sich. Sie umringten den unglücklichen Pescari und fingen die alten Fragen über seinen Proze?, seinen Anwalt, über Camorristen und Picciotti wieder an. Ich trat ans Fenster und sagte einem W?rter, der vorbeiging:
?Haben Sie die Güte, mir den W?rter di A... zu rufen, ich m?chte ihn sprechen.?
Alsbald erschien di A...
Dieser W?rter war ein armer, alter Mann, Vater von neun T?chtern, arm wie Hiob, so da? er die Gefangenen um ein Stück Schwarzbrot anbettelte. Er war mir gewogen, weil ich ihm Brot und etwas Tabak gegeben hatte, auch einige N?pfe voll Brei oder Reis[20].
?Was giebt's, M..., wünschen Sie etwas??
?Sagen Sie, di A..., kann ich mich auf Sie verlassen??
?Gewi?, wie ich mich auf Sie verlassen habe.?
?Nun, so h?ren Sie mich an und thun Sie, was ich Ihnen sage: Hier ist ein Sack mit Kleidern, ich wei? nicht, was für welche; sie sind uns hier unbequem, und ich m?chte, da? sie wegkommen; wollen Sie das übernehmen??
?Aber wem geh?rt der Sack??
?Dem Teufel, der Dich holen soll!?
?Sch?n, sch?n, ich habe verstanden; sp?ter, M..., beim Dunkelwerden.?
?Sehen Sie zu, da? Sie sich entfernen, sobald Sie glauben, da? es gelingt, ohne da? der Oberw?rter Sie bemerkt; klopfen Sie mit dem Schlüssel an das Gitter und pfeifen Sie, um mich zu benachrichtigen.?
?Machen Sie, da? uns keiner sieht, sonst M..., bin ich ruiniert.?
Pescari stand hinten im Zimmer, umgeben von den zwanzig Kerlen, sein Bett, unter dem er den umfangreichen Sack niedergelegt hatte, war nahe der Ausgangsthür.
Der Schlüssel klopft auf das Eisengitter, ich gehe ans Fenster und di A... sagte mir:
?Bringen Sie die ?Leiche? an die Thür, ich ?ffne rasch und Sie geben sie mir.?
Die Thür war wie gesagt nahe dem Bett, wo der Sack war, ich ergreife ihn unbeobachtet und gehe zur Thür, die halb geschlossen ist, eine Spalte ?ffnet sich und eine runzlige, knochige, vertrocknete Hand streckt sich aus, um den Sack entgegen zu nehmen, darauf schlie?t sich die Thür ohne das geringste Ger?usch.
Ich unterrichte meine Genossen von dem, was ich gemacht hatte.
Die Nacht bricht herein, die Thür ?ffnet sich ger?uschvoll, man h?rt das Klirren des Schlüsselbundes, der Oberw?rter mit fünf W?rtern treten ein, zwei tragen brennende Laternen; einer mit einer runden Eisenstange tritt an's Gitter und klopft eine pr?chtige Polka. Wir waren alle auf den Beinen, jeder am Fu?ende seines Bettes, die Mütze in der Hand. Der Oberw?rter ruft die Namen auf und wendet sich an den Stuben?ltesten:
?Wie viel sind es??
?Zweiundzwanzig,? antwortet er.
?Zweiundzwanzig,? wiederholte der Vorgesetzte.
Er wollte gehen, als Paolo Pescari, der famose Picciotto der Camorristen in Foggia, derselbe, welcher den Mut gehabt hatte, mir gegenüber zu treten, um mich nach den Regeln der Camorra zu fragen[21], der, welcher sich als ?Guappo? aufspielte mit der schief aufgesetzten Mütze, aus der Thür floh und zwischen den Soldaten hindurch in das Wachtzimmer lief, indem er rief:
?Hilfe, Hilfe, sie wollen mich ermorden!?
Die W?rter und der Oberw?rter eilen hinzu, fassen ihn und fragen ihn, was er habe, welches Gespenst er gesehen habe.
?Ich will nicht in diesem Zimmer bleiben, die Kalabresen wollen mich ermorden.?
?Dann la?t sein Bett in das andere Zimmer schaffen,? befahl der Oberw?rter, ?und er m?ge zu seinen Genossen kommen, wenn ihm schon der kalabresische Dialekt nicht gef?llt; aber eigentümlich ist es, heute Morgen schienen sie so befreundet und jetzt liegt das Gegenteil vor; oder er ist betrunken: er hat drei?ig Lire ausgegeben, um sich mit seinen Freunden lustig zu machen und ein Glas in ihrer Gesellschaft zu trinken, und jetzt l?uft er in das Zimmer und schreit, da? sie ihn ermorden wollen. Ja, in der That, nett, sehr nett: entweder ist er verrückt oder betrunken – oder M... ist ein vollendeter Schurke.?
Paolo Pescari wird mit seinem Bett in das andere Zimmer gebracht, und wir schrieen:
?Hoch der Picciotto der Camorristen aus Foggia, der Lumpenbande. Hinaus mit dem Schuft; Dir haben wohl die fünf Lire gefallen, Du Kanaille; aber jetzt hast Du mit uns zu thun; aber glaube es, wir werden uns wiedersehen!? und Heulen, Pfeifen und Grimassen begleiteten ihn triumphierend in das andere Zimmer.
Es war ein Teufelsl?rm, der W?rter konnte nicht mehr lachen und rief:
?Seid still! Was für eine H?llenzucht ist das hier!?
Eine Menge Einwohner von Lucera dr?ngte sich unter den Fenstern der beiden Zimmer und auf der Stra?e. Fragen und Antworten gehen hin und her, man will den Grund des L?rms wissen, die Wachtsoldaten laden ihre Flinten.
Auf die St??e, Pfiffe und Grimassen folgten Lieder in kalabresischer Mundart: man sang die halbe Nacht hindurch; dann legten sie sich müde, betrunken auf die Erde und schnarchten wie eine Sauheerde, und ich, glaubt es mir, wanderte die ganze Nacht umher mit einem Dolch und bewachte die Schlafenden aus Furcht vor einer überraschung oder einem Streich, den man ihnen spielen k?nnte, und ich freute mich, sie so liegen zu sehen, einer über dem andern, mit aufgesperrtem Munde, wie sie schnarchten, schnarchten! Tags darauf wurde ich vom Direktor gerufen, der zu mir sagte:
?Sie, mein braver junger Mann, durften nicht erlauben, da? Ihre Landsleute den Gefangenen Pescari um seine Kleider und sein Geld brachten; sagen Sie mir gewissenhaft, wie die Sache gekommen ist.?
?Herr Direktor, ich kann Ihnen nichts sagen; als der Gefangene Pescari in mein Zimmer eintrat, umarmte und kü?te er sich mit allen meinen Gef?hrten, als ob sie seit langer Zeit Freunde gewesen seien; ich kannte ihn nicht und blieb auf meinem Bett sitzen und rauchte meine Pfeife. Sie haben angefangen zu reden, zu fragen und zu antworten und was wei? ich sonst noch. Um die Speisestunde sagte Pescari, da? er auf seine Kosten ein leckeres Mahl geben wolle, um sich zu zerstreuen, er verlangte alles, was zum Schreiben n?tig ist, um eine Aufstellung zu machen, was er kaufen wolle. Dann kam die W?rterin und er gab ihr seine Aufstellung, die W?rterin fragte: das wollen Sie alles kaufen? Er sagte ihr, alles, das ist das Menu; dann ging ich und kümmerte mich um meine Sachen.?
?Nachdem das Essen gekommen war, machten sie aus ihren Bettstellen eine gro?e Tafel, dann setzten sie sich nieder und lie?en die Z?hne arbeiten und tranken fr?hlich und auf das Wohl des Paolo Pescari, des berühmten Picciotto, wie sie ihren Genossen in ihren Trinksprüchen nannten. Ich bin eingeladen worden, aber habe nicht annehmen wollen; nach dem Essen, das lange dauerte, schenkten sie mir eine Zigarre. Das habe ich gesehen und kann ich best?tigen.?
?Aber Pescari sagt, da? er einen Sack mit Kleidern in das Zimmer gebracht hat, auch dieser ist verschwunden.?
?Ich, Herr Direktor, habe keinen Sack gesehen, und dann vermag ich auch nicht zu glauben, da? meine Landsleute f?hig sind zu stehlen. Wenn sie ihn gestohlen haben, mu? er sich in dem Zimmer finden, das beste ist, wenn Sie eine Untersuchung vornehmen; wenn er da ist, wird er sich finden und Sie werden den Dieb bestrafen; wenn er nicht da ist, so mu? der Gefangene Paolo Pescari ein Verleumder sein und schwer bestraft werden[22]. Ist meine Ansicht nicht logisch, Herr Direktor??
?Sehr logisch und verst?ndig.?
Der Direktor, der Oberw?rter und die W?rter begaben sich in mein Zimmer und jeder Gefangene stellte sich mit der Mütze in der Hand am Fu?e seines Bettes auf.
?Kalabreser,? sprach der Direktor, ?Ihr seid alle brave junge Leute, ich habe viel Nachsicht mit Euch gehabt, weil Ihr fern von Eurer Heimat seid, und glaubt mir, ich will Euch wohl, aber heute habt Ihr mir einen Kummer verursacht, den ich von Euch nicht erwartet h?tte[23]. Gestern ist der Gefangene Pescari hier hereingekommen. Er sagt, da? Ihr ihn mit Gewalt veranla?t habt, drei?ig Lire auszugeben, das einzige Geld, das er hatte; dann hatte er, als er hereinkam, einen Sack mit Kleidern bei sich, auch dieser Sack ist inzwischen verschwunden. Ist das wahr, was Pescari behauptet??
Zwanzig Stimmen erwiderten auf einmal:
?Der Gefangene Pescari ist ein Hallunke! Er ist ein Dieb, ein Lügner!? Und alle schrieen sie durcheinander, da? die Schildwache, welche vorbeiging, die Wache zu den Waffen rief.
Ein Haufe von Luceranern rief von au?en:
?Die Kalabreser t?ten die ganze Wache, sie emp?ren sich, sie wollen fliehen.?
Der Direktor und die W?rter gehen eilig fort, die Thür heftig zuschlie?end, und wir lachen, heulen und singen.
So schlo? die Posse, und Paolo Pescari, der Picciotto mit der schiefen Mütze, bezahlte die Zeche der Camorra mit drei?ig Lire und einem Sack neuer Kleider, die etwa fünfzig Lire wert sein mochten; so bezahlte er teuer die fünf Lire, die ich ihm im Gef?ngnis zu Foggia gegeben hatte.
Wer schlecht handelt, verdient es noch schlechter.
Von dem Sack mit Kleidern hatten die Kalabreser wenig, sie kamen ganz dem armen W?rter zu Gute.
In dem anderen Zimmer waren zwei neapolitanische Camorristen, meine Bekannte, sie erkundigten sich nach dem Geschehenen, und als sie erfuhren, da? er sich den Namen und die Eigenschaften eines Picciotto beigelegt habe, w?hrend er durch ein bekanntes Zeichen und etwas anderes, das ich nicht sagen darf, kenntlich war, wollten sie ihn verstümmeln; aber ich wollte es nicht und bat sie, ihn nicht zu berühren, da seine Strafe genügend sei; aber er bekam eine ordentliche Tracht Prügel und Fu?tritte.
So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gef?ngnis wie ein Fürst und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit vollst?ndig vergessen, als ob ich sie nie genossen h?tte, und Spielen, Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gef?ngnis San Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. Dieser Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner W?sche und wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenw?rter, ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gef?ngnis verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterw?rter waren reine Kalabresen.
Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B... zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu überweisen. Die Unterw?rter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich, einen halben Liter Wein t?glich und die Krankenkost, ausgenommen das Brot, welches sie gemeinschaftlich hatten[25].
Die Zimmer?ltesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.
Die K?che waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit einem W?rter in die Stadt, um Eink?ufe zu machen und den Kessel, aus dem die Suppe gereicht wurde, aus einem Gef?ngnis ins andere zu tragen; sie bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet, wie auch von den W?rtern und den apulischen Gefangenen – sie waren gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.
Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Gesch?pfe!
Der Krankensaal war voll von Kranken, so da? alle fünfunddrei?ig Betten belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden mu?ten. Mehr als zwanzig lie?en ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein schl?friges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin oder Verpflegung; Thatsache ist, da? die ?rmsten erbarmungslos sterben mu?ten.
Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war so hinf?llig, da? ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende Kraft mehr, um das traurige übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte ich, wie der Oberw?rter mit seinem Messer den Kalk von der Wand abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und emp?rte mich nicht wenig, so da? ich eine Eisenstange aus dem Bett losri? und ihm zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so da? er wie ein Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer Kranker den Arm gehalten h?tte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit eisernen Klammern umschlossen h?tte, dann h?tte ich ihn sicher kalt gemacht.
Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem Krankensaal entfernen lie?, w?hrend einige Tage darauf ein Kalabreser ihn mit der Klinge eines Rasiermessers geh?rig auf beide Wangen zeichnete, so da? er ein Auge verlor – zum Andenken an seine Sch?ndlichkeit.
Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gef?ngnis verurteilt war, übernahm den Posten als Oberw?rter.
Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und beschlossen, da? die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der Strafanstalt geschickt werden sollten.
Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen.
Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt.
Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte fand ich nicht wieder.
Die zwanzig Apulier waren s?mtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte t?glich ihre Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren bl?den Verstand einigerma?en zu sch?rfen, besorgte die Briefe an ihre Familien, ihre Anw?lte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und E?waaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten sie in ihren Ranzen K?se und andere sch?ne Sachen mit. Sie nahmen alles, legten es auf mein Bett und sagten:
?Meister, alles dies geh?rt Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten dünkt.?[26]
Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden.
Die vollst?ndigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fühlte mich glücklich, mich unter so vielen guten Jünglingen zu sehen.
Der Direktor ruft mich und sagt:
?M..., Sie sind von nun an Zimmer?ltester in Ihrer Stube.?
?Ich danke?, antwortete ich, ?aus pers?nlichen Gründen kann ich dieses Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmer?ltesten, wenn wir eine Familie sind und uns alle wie die Brüder lieben??
?Es ist der Regel wegen, ein Zimmer?ltester mu? sein, und Sie müssen es werden.?
?Wie Sie meinen, Herr Direktor.?
Den anderen Zimmer?ltesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf mein Konto alle Monate fünf Lire an, zw?lf Lire hatte ich von Hause monatlich, fünf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging es mir vorzüglich.[27]
Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verlie? mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in den H?hlen und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen, ohne physische und geistige Kraft.
Der Arzt ordnete an, da? ich in das Gerichtsgef?ngnis überführt würde, der Luftver?nderung wegen; ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch kr?nker.
W?hrend ich in diesem Gef?ngnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich erz?hlen m?chte.
Ein alter Mann und sein Sohn wurden in ?ffentlicher Verhandlung abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fünfzehn, den Sohn zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:
?Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!?
Als sie ins Gef?ngnis gebracht waren, war der Alte heiter und l?chelnd, als ob er in Freiheit gesetzt w?re und sagte, da? er mit der Strafe zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu sch?pfen; der Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick, an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem gro?en Nagel, an dem die Lampe in die H?he gezogen wurde, steckte den Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28] Nachdem die Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und leichenblassem Gesicht. Er war tot!
Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und weggetragen.
Der anwesende Staatsanwalt n?hert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu untersuchen und findet folgende mit Bleistift in gro?en Lettern geschriebene Worte:
?Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn Jahre Zwangsarbeit für mich abmachen; er sei verflucht!?
Ich wurde zum Gef?ngnis San Domenico zurückgebracht, aber das verfluchte Fieber hatte sich bei mir festgebissen.
Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur, die Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit Gottes; aber die Gunst, die mir der brave Signor B... erweist, ist vergebens, denn ich werde immer kr?nker und immer st?rker werden die brennenden Schmerzen in der Brust.
Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das Ministerium zu machen, um nach Kalabrien überführt zu werden; der Direktor versprach mir, mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun, da? meine Bitte erh?rt werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen.
Der Direktor gab mir bekannt, da? ich den Rest meiner Strafe in Trogen verbü?en sollte.
Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, kr?ftig und lebensfroh kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen.
Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig Lire, die auf meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste ich mit Thr?nen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei Karabinieri begleitet.
In diesem Gef?ngnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus Foggia, mir die fünf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.
Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise zurückmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte.
Man sperrte mich in das Gef?ngnis del Carmine in Neapel, wo ich den unglücklichen Perrone vor dem Messer des berühmten Camorristen Sansosti gerettet hatte.
In der Strafanstalt.
Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gef?ngnisses del Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von Neapolitanern und Sizilianern; sie wu?ten von meinem Kommen und kannten die Erkennungsrechte.[29] Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf einem Wagen Platz, w?hrend ein Karabiniere sagte:
?Der Weg ist recht lang.?
Der Kutscher fragte:
?Wohin geht es??
?Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente?, erwiderte ein Karabiniere.
?Wie?? sagte ich verwundert, ?Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll nach Kalabrien.?
?Nach Kalabrien??
Er ?ffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:
?Wie hei?en Sie??
?M..., Antonino mit Vornamen.?
?Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt??
?Fünf Jahre.?
?Von den Assisen zu Monteleone??
?Zu Monteleone.?
?Wer hat Ihnen gesagt, da? Sie nach Kalabrien sollten??
?Der Direktor des Gef?ngnisses in Lucera, wo ich war.?
?Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.?
?Zum besten gehabt!? Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal.
Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberw?rter und andere W?rter bem?chtigen sich meiner, führen mich in ein leeres Zimmer und lassen mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement u. s. w. in ein dickes, staubiges Register eintr?gt, dann fragt er:
?Haben Sie Geld??
?Etwas.?
?Sch?n, geben Sie es hier ab.?
Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.
?Sie hei?en M..., nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen und hei?en Nummer fünfhundertneunundneunzig. Begriffen??
?Ja.?
?Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.?
Er l?utet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein W?rter.
?Sie befehlen??
?Führen Sie den Gefangenen ins Bad.?
?Vorw?rts, 599, kommen Sie mit!? sagt der W?rter.
Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter ?ffnet und schlie?t.
Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem bewohnt zu sein.
Der W?rter führt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefüllte Wanne sich befanden.
?Schnell, 599?, sagt der W?rter, ?kleiden Sie sich aus und steigen Sie ins Bad!?
Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis an die Schultern, glücklicherweise waren wir in der hei?en Jahreszeit. Nachdem ich fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die jeder eine rauhe Bürste in der Hand hatten, an, mich zu striegeln und striegelten mich ungef?hr eine halbe Stunde lang, dann sagte der Beamte:
?Genug; 599, kommen Sie heraus.?
Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht zufrieden damit, da? sie mir die Schultern und den Rücken gestriegelt hatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen übrigen K?rper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke: Was zum Teufel ist das für ein Ort, wo die Christenmenschen wie die Pferde gestriegelt werden; das mu?te ich erst noch erleben, ehe ich sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu striegeln! Sch?n, reizend, wahrhaftig!!!
Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin neugierig, was sie von mir wollen.
?Kleiden Sie sich an?, sagt der Beamte, ?dort sind Ihre Kleider.?
Es war ein vollst?ndiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd, einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze, alles dunkelbraun.
Ich kleide mich an und frage dann:
?Und meine Kleider??
?Sind im Lagerraum?, sagt der Beamte. ?Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist, bekommen Sie sie zurück.?
Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene Treppen hinauf und man schlo? mich in eine Zelle ein, indem man mir sagte:
?Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart steht Ihnen nicht!? –
Bald nachher ?ffnete sich die Thür, zwei Gefangene brachten mir das Bett und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten in der Arbeit sagt er:
?Ich wei?, wer Sie sind – das Losungswort??
?Recht und Brüderlichkeit?, antworte ich.
?Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft, D. Gennarino, mit der Registernummer 188, l??t Sie grü?en.?
?Bestellen Sie ihm meinen Gru?.?
?Wenn Sie etwas brauchen – nachher wird ein W?rter kommen, dem teilen Sie es mit.?
?Sehr wohl, grü?en Sie die Genossen.?
?Wir erwarteten Sie, wir wu?ten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man es uns geschrieben.?[30]
Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken ?rmel der Jacke die Nummer 599 in gro?en roten Ziffern zu n?hen, die auf ein viereckiges Stück Tuch gestempelt waren.
?Ihr Losungswort?? sagte er.
?Recht und Brüderlichkeit.?
?Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grü?t Sie und freut sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich, einen neuen Adepten aufzunehmen; sp?ter wird sich ein W?rter zu Ihrer Verfügung stellen.?
?Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher geschickt??
?Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling mu? in einer Zelle abgesondert werden und wird behandelt wie alle anderen Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ank?mmling genau zu untersuchen, aus Besorgnis, da? irgend eine ansteckende Krankheit sich entwickeln k?nnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuank?mmling krank, so wird er im Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen Gefangenen zusammen.?
?So mu? ich einen Monat hier bleiben??
?Gewi?.?
Wenn ich daran dachte, da? ich einen Monat hier allein in der engen Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann emp?rte sich mein Gemüt und ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gef?ngnisses zu Lucera, Herrn B...[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte.
Man mu? wissen, da? ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist die Luftver?nderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein Neapolitaner, ein sch?ner Mann mit langem schwarzen Bart und einer blitzenden Brille auf der Adlernase; ich mu? mich nackt ausziehen, und er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fu?, bald meine Haut, bald meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr an meine Brust und meinen Rücken und sagt:
?Sagen Sie drei!?
?Drei, drei, drei?, sage ich.
Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will sich der elende Schüler Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32]
?Was für eine Krankheit haben Sie gehabt??
?Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.?
?Wo waren Sie??
?In Lucera della Puglia.?
?Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier, da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie Mut, bald sind Sie geheilt.?
Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam Krankenkost und der W?chter sagte:
?D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas brauchen.?
?Ich m?chte rauchen.?
?Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten darf nicht einmal der Direktor rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht Viktor Emanuel II. Wenn Sie Schnupftabak wünschen, k?nnen Sie ihn haben und welche Sorte Sie wollen.?
?Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.?
?Und was wollen Sie essen und trinken??
?Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gru?.?
?Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen über Ihr Wohlergehen.?
?Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftsh?upter sind hier??
?Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die Neapolitaner.?
Damit ging er.
Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier hei?t es neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernünftig, lieber M...! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!
Der W?rter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Grü?e von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen.
Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es t?glich zwei Suppen und zwei Brote. Der W?rter sagte:
?Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gef?hrten lassen Sie grü?en; falls Sie etwas wünschen, m?chten Sie es mir sagen.?
?Ich danke Ihnen und brauche nichts.?
Doch ich will die Sache kurz machen.
Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der Wundarzt, um mich wie gew?hnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit zu Zeit ein Fl?schchen Medizin verschrieb. Der Reporter der beiden camorristischen Parteien erschien regelm??ig, ich aber war klug und sagte, da? ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war, wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu bessern.
Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erz?hlte mir Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und versuchte mir einzureden, da? ich zu ihnen geh?ren müsse.
Ich gab ihnen zu verstehen, da? es meine feste Absicht sei, neutral zu bleiben, und da? ich es nicht für anst?ndig und eines ehrenhaften Mannes für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und da? es auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht schicke, gegen die Anh?nger seiner Gesellschaft aufzutreten, da? ich sie alle gleichm??ig liebte und achtete als meine Genossen und Leidensgef?hrten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts, welcher besagt:
?Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151.
Gezeichnet: Cirillo Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.?
?Gestempelt.?[33]
?Sie haben Recht, lieber Freund?, sagte mir das Gesellschaftshaupt, ?aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.?
?Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.?
?Ihre Hand!?
?Hier ist sie!?
Wir schüttelten uns die H?nde und sahen uns in die Augen. Abends kam Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gef?ngnis verurteilt; er war der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]
?Landsmann und Genosse?, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, ?ich freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden wir über die Klinge springen lassen!!!?
?Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand Partei; ich liebe und achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle meine Genossen mu? ich gleichm??ig lieben und achten.?
Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu überzeugen, da? ich auf alle F?lle neutral bleiben wolle.
Endlich sagte er:
?Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie für gut halten, ich habe kein Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir einig??
?Ja, wir sind einig?, erwiderte ich.
Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an den Direktor, Herrn Luigi M... di Aversa, gewiesen, einem Manne von gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich b?se und gute Menschen auf dem Pfade des Unglücks. Luigi M... war der Typus eines Edelmannes; eine z?rtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M... gegen uns S?hne des Unglücks, uns traurige, blo?gestellte Gesch?pfe war.
?Wie geht es, 599?? fragte er, als er meiner ansichtig wurde.
?Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.?
?Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; ich h?rte, es ging Ihnen schlecht, als Sie hierherkamen??
?O, Herr Direktor, sehr schlecht.?
?Armer Unglücklicher!? Zwei Thr?nen traten ihm in die Augen. ?Sie haben gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anh?ren. Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verl??t uns nicht. Ich will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie, nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für einen anst?ndigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, da? man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt zum übel führt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien gespalten ist, die sich t?glich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein z?rtlicher Vater seine S?hne bitten kann, diese Streitigkeiten zu lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgef?hrten zukommt; aber ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgef?ngnis überführt worden, um sich wegen Mord und K?rperverletzung zu verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.?
Der brave Mann war untr?stlich.
?Sie, 599, werden mir keinen Anla? zum Mi?fallen geben, nicht wahr??
?Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung, Ergebenheit und Dankbarkeit.?
?Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang werden Sie in der Schneiderstube besch?ftigt werden; sp?ter werden Sie dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den b?sen Genossen geschützt sein.?
?Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.?
?Thun Sie das, ich habe es n?tig.?
Ein W?rter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf, einen h?lzernen L?ffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergef?? aus Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mu?ten. Ich habe nicht begreifen k?nnen, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599, die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mu?te. Der W?rter führte mich in ein gro?es Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in gro?en Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der W?rter mich zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der ?u?eren Treppe herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das zur rechten geh?rt dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor. Fünf Meter weiter trifft man ein gro?es hohes eisernes Gitter, durch welches man auf einen finsteren, etwa fünfundzwanzig Meter langen Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die Gefangenenw?rter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und einige Lagerr?ume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem ersteren ?hnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa zw?lf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde gefüllte Becken, in denen B?umchen und Blumen wachsen. Wenn die Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu sch?pfen, eine Stunde abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer bewegen.
Früher waren beide H?fe ein einziger gewesen, da aber die beiden Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht t?glich umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor, zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die Zimmer der Zimmerkehrer und K?che, zur linken die Arbeitszimmer der Weber und eine Treppe, eine gro?e Bibliothek, die Bücher über Reisen in Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente, an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.
Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen hatte, deren jede sechs Gefangene fa?te, wo die Neapolitaner und die Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser, Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.
An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pf?rtchen, von wo aus der W?rter sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein gro?es langes Fenster mit einem Gitter aus Gu?eisen, vier dicke eiserne Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. s?umte, ich verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi t?glich, hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberw?chter zu kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng verboten, und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Kn?uel in den Mund steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde rissig, so da? ich diese neue Art zu kauen aufgab.
Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Wei?brod, Abends Mehl- oder Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, K?se, Brod und einen Becher Wein; es ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.
Soll ich eine Episode erz?hlen, die Euch erschauern lassen wird? So h?rt:
Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein, aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht bem?chtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends l?schten sie die Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett, steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes Messer heraus, das gut gesch?rft und gespitzt war, und auf dem Bettrand sitzend, hielt ich Wacht.
Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete Camorristen fingen an, in gr??tem Stillschweigen zu fechten, das Blut flo? in Str?men aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die K?mpfenden waren entbl??t, die übrigen Gefangenen sa?en auf ihren Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich beugend, jetzt einen Sto? parierend, auf einmal f?llt einer der Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, h?lt mit der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und st??t mit der Linken wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut bespritzt erhebt er sich, ?ffnet das Fenster und ruft die dienstthuende Wache.
?Was giebt's?? antwortet ein Mann von drau?en.
?Rufen Sie einen zweiten W?chter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu bringen.?
Die W?chter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche Schauspiel und erbleichen, der blutgetr?nkte Leichnam wurde fortgeschleppt, der M?rder in eine Zelle geschafft, – wir schlossen in jener Nacht kein Auge.
Tags darauf wurde der vierzehnj?hrige Jüngling, die unfreiwillige Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er war bewu?tlos und starb am Abend, unaufh?rlich nach seiner Mutter rufend. Wenn ich alles erz?hlen wollte, würden Euch vor Grausen die Haare sich str?uben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35]
Meint Ihr, da? Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde? Niemals, als ob nichts passiert w?re; wenn man jemand fragte, so antwortete man ganz trocken:
?Ich wei? nichts, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.?
Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen W?chter in der Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte, laut zu sprechen.
In der Werkstatt sollte die gr??te Ruhe herrschen, alle Gebote wurden übertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein H?llenl?rm, weil der Direktor nie Strafen verh?ngte. Es war strenge Vorschrift, da? alle arbeiten sollten: aber niemand kümmerte sich darum, der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt, aber arbeitete nicht.
Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank; nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt, dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf einander los; der W?rter, der sie trennen sollte, erhielt einen tüchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der K?mpfenden eine t?tliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, das Schreibpult des Arztes f?llt um, und die in einander verbissenen Gegner waren noch nicht vom Blut ges?ttigt.
Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu sch?pfen, als ein Mann von der andern Seite der Mauer ruft:
?Ihr elenden Kalabreser!?
Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Drei?ig Kalabreser klettern auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man k?mpft Mann gegen Mann; das Blut flie?t in Str?men; der W?chter, der Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen – vergebens. Mit aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen Tiger los. Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenw?chter mit den Eingeweiden in den H?nden, zwei Neapolitaner tot, einer leicht verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner, mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten H?nden, k?mpft wie ein Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.
Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in das Gef?ngnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer K?rperverletzung verurteilt zu werden. Arme Thoren!!
Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen, da seine Liebe und sein Interesse für die Gefangenen so schlecht belohnt würden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate lang war alles ruhig; und es ist recht so, da? nach dem Sturm die Windstille folgt, und die gequ?lten Herzen sich beruhigen k?nnen. Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, da? die Gefangenen, die sich gut geführt h?tten, nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort Erdarbeiten auszuführen.
Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach Belieben umzubringen.
Zweiunddrei?ig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück, da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort. Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so da? ich keinen heilen Knochen behielt; ich lie? den Direktor rufen und bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern ein und lobte mein Betragen.
Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.
Es besteht die Vorschrift, da? ein Gefangener, der w?hrend der Zeit, wo auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen mu?, einen Zettel heraush?ngt, auf dem das Wort ?Besetzt? steht; und auf dessen Rückseite das Wort ?Frei? sich befindet, welches sichtbar zu machen ist, wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort ?Besetzt? vorfindet, mu? er warten und darf die Thür des Abtritts unter keinen Umst?nden ?ffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht. Nun geschah es, da? ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort ?Besetzt? herausgeh?ngt hatte; nachher verga? er, den Zettel umzudrehen. Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort ?Besetzt? und wartet, aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so da? ihm der Gedanke kommt, die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, w?hrend der Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in seinen N?ten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot ist, ?ffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen – der Abtritt ist leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen, sucht und findet Nr. 448, n?hert sich ihm und giebt ihm eine riesige Ohrfeige mit den Worten:
?Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht??
Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und verabfolgten dem Misseth?ter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift die Waffen, und wenig fehlte, so w?re eine zweite Schlacht gefolgt; so endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.
Mein Verwandter Cosmo M..., der in Neapel wohnte, suchte mich auf und war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenw?chter übermittelte er mir ein P?ckchen Rauchtaback, eine Pfeife und Zündh?lzchen; der W?chter brachte sie mir heimlich, so da? ich mir Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei H?lften, die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im Kopfende, die andere im Fu?ende meines Strohsackes, die Pfeife und die Zündh?lzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen wurde eine Untersuchung veranstaltet, w?hrend die Gefangenen in den Werkst?tten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den Strohsack und findet eine H?lfte mit Tabak.
Der Direktor kommt und sagt mir:
?Woher haben Sie diesen Tabak??
?Das kann ich auf keinen Fall sagen.?
?Wissen Sie, da? der Rauchtabak hier streng verboten ist??
?Nur zu gut.?
?Ich mü?te Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.?
Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, da? derselbe W?chter, der mir den Tabak gebracht hatte, den Verr?ter gespielt hatte. Der Tabak war unter den W?chtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, da? Tags darauf eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere H?lfte des Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen; dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gew?hnlich in die Werkstatt. Die Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in meine Zelle und derselbe W?chter, der mir den Tabak brachte und ihn nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger hinein auf meinen Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit v?terlicher Liebe an die Brust und sagt:
?Hier ist die Leiche!?
Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust und die H?nde, entsetzt starrt er die ?Leiche? an, w?hrend die andern durcheinander riefen:
?Pr?chtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare Bartwichse! Und der sch?ne Geruch; Dich hat man sch?n herausgeputzt!? Und sie bersten vor Lachen.
Der arme W?chter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch emp?rt auf den Korridor und wischte sich das Gesicht, die H?nde und die Brust ab. In der Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich wei? nicht, ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls lie? er mich nicht rufen. Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich nahm seine Stelle ein mit zw?lf Lire monatlich, eben so viel bekam ich von Hause, so da? ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern zuweilen uns nur einen K?se, ein Ei oder einen grünen Salat leisten, was uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor sah, da? Ruhe in der Anstalt herrschte, lie? er uns eine Musikkapelle bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal t?glich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu unterrichten, wofür er vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des Direktors und des Rechnungsführers, die sich über unsere sch?nen Leistungen freuten.
Der Pr?fekt, der Syndikus und andere beh?rdliche und angesehene Personen wollten uns eines Tages spielen h?ren und lobten das Werk des Direktors. Die Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen Dasein und liebten einander, w?hrend die Rasenden, die in das Gerichtsgef?ngnis gebracht waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Die armen Thoren!!...
Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der Hand Gottes ist – es ist ein Verh?ngni?, da? der ins Unglück geratene Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem L?cheln erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde, dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, woher das Elend und die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen b?ser Menschen, die sich mit sardonischem L?cheln über alles hinwegsetzen. Geschick, Fügung, Glück, Schande, Unglück – dunkle, sinn- und verstandlose Worte, Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Tr?ume... Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des Materialisten und des Rechtgl?ubigen, des Gelehrten und des Unwissenden, des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein unerbittlicher Traum unserer Tr?ume ist das menschliche Leben, sein tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Tr?ume erfa?te, den düsteren Traum der Todesangst, den r?chelnden Traum des Sterbenden, dann empfing ich den Urquell deiner Tr?ume und aller Tr?ume deines k?rperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schlie?lich in die Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist das eherne Geschick, das grausame Verh?ngnis, das herzlose Schicksal, das traurige Unglück. Das ist der Traum der Weisen und der des Urmenschen; der gr??liche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das ist der unab?nderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das tr?umende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, da? dort in der Welt, in die man geht und aus der man nicht zurückkehrt, fortgetr?umt wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende Tr?ume, Tr?ume aus dem vergangenen Leben, Tr?ume von deinen Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der Sch?ndlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals tr?umtest; ein Traum ist deine kleinmüthige Schw?che, hartn?ckige Unwissenheit, Tr?ume sind die h??lichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner ungeheuerlichen Neigungen!!
Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des Todes, das ist die L?sung unseres Dramas. Gef?llt's Euch? Scheint's Euch paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt keinen Ansto? daran.
Nehmt den scheu?lichsten, den ungeheuerlichsten, den düstersten Traum heraus aus den Tr?umen Eures Traums.
Der Gedanke ist der Dichter, der das hat wahr machen müssen, was ich behaupte.
Ein Traum war mein Lebenslauf hienieden und wer kann die Geheimnisse desselben ergründen? Wer kann die Zukunft erforschen und voraussehen? Ein h?chstes Wesen.
Welche Kom?die bieten unsere unglücklichen V?ter hier auf dieser Erdkugel dar? Die Kom?die des B?sen, den Traum des Unglücks, der Krankheit. Welche Kom?die stellen wir dar? Die Kom?die des Scheu?lichen, den widerlichen Traum unserer Schande, unserer Verderbtheit.
Welche Kom?die werden unsere Nachkommen darstellen?
Die Kom?die des Betruges, der Sophisterei, den gr??lichen Traum der Ungeheuerlichkeit.
Was ist die Geschichte? Eine verderbliche Kom?die, die von den Tr?umen der Sterblichen erz?hlt, den Tr?umen, die sie auf dem gro?en Theater der Erdkugel dargestellt haben.[36]
Ha!!!...
Wir stehen im Jahre 1873 und ich befand mich in der Strafanstalt zu Neapel, als ein tausendk?pfiges Ungeheuer tausende von Opfern in einem Augenblick dahinraffte, die Cholera, die furchtbare Cholera. Ja, die Cholera, dieser unheimliche Wanderer, das entsetzliche, tausendk?pfige Ungeheuer rafft tausende von Opfern in einem Augenblick dahin.
Neapel, das sch?ne, lachende Neapel, die Parthenope von einstmals, ist von der Cholera überfallen, und in welcher Weise! Der Tod der herrlichen Gegend, der grausame Tod mit der unerbittlichen Sichel, m?hte seine Opfer rasch dahin, keine Spur hinterlassend. Es war Sonntag, wir arbeiteten nicht, wir hatten die heilige Messe und eine lange Predigt des Hanswursts von Pfarrer Herrn Borz...[37] geh?rt. Wir hatten die Kapelle verlassen, da stürzt ein armer Gef?ngnisw?chter, Vater von neun Kindern, gegen die Thür der Kapelle, st??t einen verzweifelten Schrei ?Ha!? aus und f?llt wie vom Blitz getroffen auf der Schwelle nieder, als ob er ohnm?chtig geworden w?re; aus dem Munde quoll ihm ein grünlicher Schleim, sein Gesicht und seine H?nde wurden rotblau; er wird ins Krankenhaus gebracht, der Arzt kommt und findet ihn als Leiche, zusammengekrümmt und mit weit ge?ffneten gl?sernen Augen.
?Die Cholera,? sagt der Arzt.
Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsma?regeln getroffen; die Werkst?tten wurden in Schlafr?ume umgewandelt, und in den Zimmern, wo bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechs waren, nur drei, und die Betten wurden auseinandergerückt.
In einem gro?en Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der Schneiderstube, die h?her lag als die anderen Werkst?tten und Zimmer, die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die fünf Lire t?glich bekamen und essen und trinken konnten, was sie wollten. Eine au?erordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen Anstalt; wir rauchten den ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und Nacht ge?ffnet; die Kapelle spielte h?ufig; am Tage und in der Nacht wachten je zwei ?rzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein f?rmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen, Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen S?beln, Bajonetten und Dolchen – kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, da? wir unbesiegbar sind und nehmen m?chtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann gegen Mann das entsetzliche vielk?pfige Ungeheuer, die Cholera, zu bek?mpfen. In dem t?dlichen Kampf mit der Stadt war dieses gr??liche Ungeheuer kühn und dreist geworden, es k?mpfte gelassen und schritt durch die Pal?ste der Reichen, die bescheidenen H?user der Arbeiter und die Hütten der Elenden dahin; es lie? sich gierig in der herrlichen Stra?e Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit m?chtigem Ansturm unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer, das mit schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in unsere Mauern und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche von Blut befleckte Sichel – nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend, nie niedergeschmettert – und doch boten wir dem Feinde noch Trotz.
Am Tage nach dem Tode des W?chters a?en zwei Genossen gemeinschaftlich aus einer Schüssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme st??t er ein ?Ha? aus und f?llt wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und schwarz am ganzen K?rper.
?Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr. 119 verzeichnen??
?Cholera!?
Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gel?hmt, denn Tag und Nacht mu?te ich die ?rzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die sie verordneten.
Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit geschabtem K?se und ein sch?nes Stück gebratenes Fleisch, sowie einen m?chtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Wei?brot und einen Becher Wein; beim Schlu? des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten Rosenliqueur.
Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit, die Feindseligkeiten und die R?nke h?rten auf, man dachte daran, sich gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bek?mpfen, das uns zu verzehren drohte.
Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; viele starben ohne Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte ?Ha? ausgesto?en hatten.
Da emp?rten sich die Gefangenen.
?Gift!!? riefen sie.
Sie verschworen sich gegen die ?rzte, den Direktor, die Wache, wollten die Bureaux überfallen und die Beamten morden.
Die Frau des Direktors, eine ausgezeichnete Dame aus feiner neapolitanischer Familie, begab sich mit ihrem geliebten S?hnchen auf den Hof, in die Zellen und ermahnte mit thr?nenden Augen die Rasenden zur Geduld, zum Mut und zur Ergebung.
Der Direktor bat weinend und mit vor Entsetzen gestr?ubten Haaren um Frieden; nicht ein Gift sei es, wie sie meinten, sondern eine t?tliche Krankheit, welche die Stadt bedrohe und Tausende von Opfern fordere.
Der Rechnungsführer begab sich nach Castellamare, wo er eine Ladung Citronen kaufte, die unter den Gefangenen verteilt wurden.
Lob, ewiges Lob gebührt dem edlen und christlichen Herzen des Direktors Cav. Luigi M... di Aversa, Lob, unverg?ngliches Lob seiner edlen Gemahlin, der Zierde christlicher Tugend. Tag und Nacht begaben sich beide in die Zellen der Erkrankten, und salbten die schwarzen K?rper der Leidenden mit wohlriechenden Düften, reinigten sie vom Schmutz, und die edle Herrin umfing die unglücklichen Sterbenden und murmelte ein Gebet, w?hrend ein Strom eklen Erbrechens ihr über Brust und H?nde ging. O Du Deines Heilandes würdiges Weib! Edles Mutter- und Frauenherz; meine Feder ist zu schwach, um Deine heiligen Tugenden zu schildern, Deinen unerschrockenen Mut, Deine Selbstverleugnung, eine Ruhmespalme ist Dir im Himmel gewi?, und sicher hat der Sch?pfer, wenn er Dein heiliges und frommes Wirken sah, sich gefreut, da? er Dich in die Welt gesandt hat.
Den ganzen Tag ging sie mit einem Korb voll Obst, Biskuit, einer Rumflasche umher; wandelte durch die Zellen, gab dem eine Frucht, jenem ein Stück Citrone, dem dritten ein Glas Rum und sprach:
?Mut, meine lieben S?hne, Gott will unsere Geduld auf die Probe stellen.?
Brot und Braten warfen wir auf den Hof und auf die Korridore, der Hunger war verloren, jeder war satt, die Cholera hatte uns ges?ttigt. Es war ein Leben, das ich nicht fortsetzen konnte; am Tage immer mit den ?rzten unterwegs, Nachts vier oder fünf Mal in den Zimmern umher; ich fühlte mich wie vernichtet.
Im Bureau des Krankenhauses war das Depot des Weines und der Liqueure, die ich morgens und Abends an sechshundert Gefangene austeilen mu?te.
Ich mache dem Direktor Mitteilung, da? ich mich in mein Zimmer zurückziehen m?chte, da ich dieses Leben nicht mehr aushalten k?nne.
?Nein?, antwortete er, ?als der Wind still war, da wollten Sie fahren; nun müssen Sie auch im Sturme ausharren – ich werde Ihnen zwei Genossen als Helfer beigeben.?
Die Apotheke befand sich in der Anstalt selbst, im Krankenhause; der Oberw?rter, ein braver Mann aus Piombini, der zu zwanzig Jahren verurteilt war, wu?te mit Arznei gut Bescheid und that als Apotheker Dienste.
Zwei oder drei starben jede Nacht, nichts als ein schmerzliches ?Ha? aussto?end. Sie wurden sofort in einen gemeinschaftlichen Kasten eingesargt und hinausgebracht, um mit den andern, die in der Stadt starben, zusammen begraben zu werden. Die Gefangenen wu?ten nicht, wer oder wieviel starben oder erkrankt waren.
Einige Tage war Waffenstillstand, die heimtückische Krankheit schien des entsetzlichen Mordens müde zu sein, und wir Verschonten dankten Gott.
Und dann? Das unerbittliche tausendk?pfige Ungeheuer war nicht müde, es sch?pfte nur Atem, um sich gieriger als zuvor zu erheben. In Neapel, in der Anstalt neue Opfer; da verdoppelte sich die Sorgfalt und verdoppelten sich die Mittel, um den Drachen zu bek?mpfen.
Verzweiflung und Entsetzen herrschten in den Herzen, die einer Dolchspitze und einer Messerschneide furchtlos entgegenblickten.
Eines Morgens fragte ich den Doktor Biondi:
?Herr Doktor, was mu? man thun, um sich vor der entsetzlichen Krankheit zu bewahren??
?Immer Wein und Liqueur trinken, nie Wasser, und im Essen und Trinken sehr m??ig sein.?
Wein und Liqueur hatte ich zu meiner Verfügung, m??ig zu sein, hing von mir selbst ab. Ich fing an, nicht wenig zu trinken, Tag und Nacht trank ich im überma?. Bisweilen hatte ich starkes Fieber mit heftigen Schmerzen im Unterleib und im Magen, mein Kopf schien sich umzudrehen, als ob ich im Strudel des Meeres w?re, kraftlos hielt ich mich mit Mühe auf den geschwollenen Beinen. Ich begab mich zu dem Chirurgen Herrn C... und lie? mich untersuchen.
?Sie haben ein pferdem??iges Fieber?, rief er aus.
?Ja, ich fühle mich sehr krank und leide heftige Schmerzen im Unterleib.?
?Wie ist die Verdauung??
?Seit vier oder fünf Tagen schlecht.?
?Und Sie haben nichts gesagt??
?Was sollte ich ... die Furcht vor der Cholera.?
?Ich kann Ihnen jetzt keine Purgiermittel geben. Gehen Sie in's Krankenhaus, wir werden sehen.?
Ich ging in's Krankenhaus, ein anderer übernahm nun meinen Posten.
Diese abgefeimte Bestie von einem Chirurgen verschrieb mir Chinin, kaum hatte ich es genommen, als sich das Fieber zum Delirium steigerte; den Abend und die Nacht erbrach ich mich unaufh?rlich und litt an fortw?hrenden Durchf?llen, so da? ich Bett, Betttuch und alles, was in meiner N?he war, beschmutzte; vor meinem geistigen Auge erschienen Gespenster, Schatten, Gr?ber und Grüfte.
Am Morgen kam Dr. Biondi, der Arzt, um mich zu untersuchen.
?Cholerasymptome,? sagte er, ?er mu? in das Zimmer der Cholerakranken gelegt werden.?
?Ich gehe nicht,? rief ich, ?ich will nicht! Genossen, ich verlasse mich auf Euch!?[38]
Borghese und einige Kalabreser und Neapolitaner waren zur Stelle.
?Zu den Cholerakranken darf er nicht kommen,? beschwor Borghese den Arzt, ?sonst steht heute Abend die Anstalt in Flammen.?
?Er soll nicht!? riefen die andern.
?Wir morden die ?rzte, den Direktor und die Wache,? drohte der Genarius.
?599 soll hier bleiben und von uns bedient werden,? sagten einige Neapolitaner, ?wehe dem, der ihn anrührt.?
Der Direktor kommt, und es wird entschieden, da? ich im Krankenhaus bleibe, w?hrend zwei Kalabreser mich am Tage und zwei Neapolitaner des Nachts bedienen sollen.
Der Arzt Biondi beklagte sich über den Chirurgen, weil dieser mir Chinin verschrieben hatte; er sagte, da? er mich get?tet habe und befahl dem Chef der Wache, da? keiner mit mir sich abgeben solle, da ich unter seiner eigenen Behandlung st?nde.
Nachts wurde es schlimmer mit mir; gr??liche Gespenster, furchtbare Grüfte mit Gespenstern und Ungeheuern standen vor mir und qu?lten mich; ich h?rte nichts mehr; ein eiserner Ring schlo? meine Eingeweide ein; in Zwischenr?umen litt ich an Erbrechen und Durchf?llen, ich konnte mich nicht bewegen und mit vieler Anstrengung und Vorsicht mu?te ein Genosse mich hin und her wenden; ich lag im Sterben.
Nach der Arznei wurde mir übel – aber was bedeutete das! Zwei Tage und zwei N?chte wu?te ich nichts von mir – ich war tot!
Nach achtundvierzig Stunden heftigen Fiebers gewann ich soweit die Herrschaft über meine Sinne wieder, da? ich mir meine kritische Lage klar machen konnte.
Der Arzt kommt, er sperrt den Mund auf, sieht den Krankenw?rter an und spricht mit ihm und den Gef?hrten, die mich bedienten; ich h?rte nichts, denn ich war g?nzlich taub, aber ich sah, wie der W?rter kopfnickend sein Einverst?ndnis mit dem ausdrückte, was der Arzt sagte. Als der Arzt ging, fragte ich, was er gesagt habe. Man wollte es mir anfangs nicht sagen, bis auf mein wiederholtes Bitten einer meiner Genossen mir Folgendes aufschrieb:
?Der Doktor sagte, da? es sehr schlecht mit Ihnen steht, und da? Sie vielleicht heute Nacht sterben werden, da? der Priester gerufen werden solle, um Ihnen die letzte Tr?stung der Religion zu spenden.?
Ein elektrischer Schlag h?tte mich nicht so erschüttern k?nnen, wie die Worte, die ich las und die mein Todesurteil enthielten; mit übermenschlicher Kraft erhebe ich mich im Bett, die Augen weit ge?ffnet, die Arme mit drohend geballten F?usten gegen ein gro?es Kruzifix ausgestreckt und rufe:
?Und Du, Christus, Du Gott, willst es zugeben, da? ich am Ende meiner Strafzeit sterbe, da? ich sterbe, fern von meiner Heimat, in diesen Mauern, im Kerker! da? ich an der Cholera sterbe, niedergebeugt vom Unglück, im Fieber meiner Leiden! Und Du lebst? O Gott, Gott, ist es wahr, da? Du lebst? Sagen es nicht Millionen von Schlafwandelnden? Ist nicht das Firmament das Werk Deines Willens, entzündet sich nicht der leuchtende Glanz des Tagesgestirns an Deinem Blick? Rauschen es nicht die tosenden Meere, da? Du lebst? Der th?richte Zweifler leugnet Dich mit dem Wort, aber in seiner Brust klingt es tr?umend: Ein Gott lebt!?
?Und Du, der Du lebst, l??t mich sterben, den letzten Schrei aus trockener Kehle aussto?en! Nein, das wirst Du nicht, das kannst Du nicht thun! Ist es denn nicht wahr? Bist Du denn nicht der z?rtliche Vater aller Deiner Gesch?pfe; ist Deine Geduld nicht lang, wie die Jahrhunderte lang sind? Und Du l?ssest zu, da? ich sterbe? Nein, das kannst Du nicht!?
Am Abend kam der Pfarrer und fragte mich ich wei? nicht was, denn ich war taub, ich antwortete nur ja, ohne zu verstehen, was er wollte. Der Krankenw?rter sagte ihm, da? ich taub sei von dem Chinin, das der Chirurg mir verordnet hatte, und da? er mir seinen Wunsch aufschreiben m?ge. Darauf schrieb er:
?Der Pfarrer fragt Sie, ob Sie beichten wollen in Anbetracht der gro?en Gefahr, in der Sie schweben.?
?Jetzt habe ich keine Lust zu beichten,? sagte ich emp?rt; ?wenn ich wieder gesund bin, dann will ich beichten.?
Ehrwürden machte ein langes Gesicht, lie? den Kopf sinken und ging ab.
Diese Nacht, diese entsetzliche Nacht, in der mein Todesurteil vollzogen werden sollte, fluchte ich unaufh?rlich jenem Christus am Kreuze. Meine Genossen suchten mich zu beruhigen, aber vergebens; ich verwünschte mit lauter Stimme die Natur, die Welt und den Himmel; ich fürchtete mich zu schlafen, um vielleicht in den ewigen Schlaf hinüber zu schlummern. Im Fieber verging mir die verh?ngnisvolle Nacht. Am Morgen sagte der Arzt, nachdem er mich untersucht hatte:
?St. Petrus scheint Ihr Freund zu sein, er hat die Himmelsthür nicht ?ffnen wollen – oder vielmehr die Pforten der H?lle waren eingerostet, so da? Cerberus sie nicht ?ffnen konnte. Jetzt werden Sie leben, das schw?re ich bei meinem Seelenheil.?
Die Gefahr war vorüber; Christus, dem ich so glühend geflucht hatte, hatte sich meiner erbarmt und gesprochen:
?Lebe und leide!?
Ich erhielt ein Telegramm von meiner Familie, die Nachricht über mich wünschte. Der Direktor brachte es und er telegraphierte, da? ich genesen sei und demn?chst selbst schreiben würde.
Infolge der sorgf?ltigen Pflege, die mir der treffliche Professor Biondi angedeihen lie? und der warmen Hilfe von seiten meiner Genossen, besserte sich mein Zustand bald, aber ich war taub; ich applizierte mir zwei spanische Fliegen hinter die Ohren, aber sie halfen nichts.
Ich nahm mir vor, wenn ich taub bliebe, die Bestie, den Chirurgen, zu ermorden.
Dann lie? ich mir eine Blase im Nacken ziehen, was viel Wirkung hatte, indem ich allm?hlich das Geh?r wieder erlangte. Eine spanische Fliege legte ich auf die Schl?fe, eine zweite hinter die Ohren und auf diese und andere Weise erlangte ich endlich das Geh?r wieder. Ich z?hlte die an der Cholera Gestorbenen, es waren neunundsechszig, mit dem S?hnchen des Direktors siebenzig; der Erkrankten waren zweihundert zweiundzwanzig. Als ich ganz geheilt war, lie? ich den Direktor rufen und bat ihn, mich meiner Pflicht als Schreiber zu entbinden, und mir zu gestatten, mich in meine Zelle zurückzuziehen, da ich dringend Ruhe brauche. Ich wollte dort die Bücher aus der Bibliothek lesen und die sieben Monate, die ich noch abzumachen hatte, in Frieden verbringen. Er willigte ein und ich zog mich in eine der unteren Zellen zurück.
Die Cholera h?rte auf; das tausendk?pfige Ungeheuer zog weiter, und hinter sich lie? es Jammer, Trauer und Entsetzen.
In meiner Zelle waren sechs brave Genossen, fünf davon erkrankten, ich allein las und schrieb und dachte über die trüben Traumbilder des menschlichen Lebens nach.
Mir geschah etwas, das ich mitteilen m?chte.
Eines Tages, gegen Abend, als meine Gef?hrten bereits von der Arbeit zurückgekommen waren und ich ruhig in meiner Zelle in einem Winkel lag und meine Pfeife rauche, ?ffnete sich die Thür mit Ger?usch und ich mu?te die brennende Pfeife in die Tasche verstecken.
?599,? sagt der W?chter, ?geben Sie mir die Cigarre.?
?Ich habe keine Cigarre.?
?Rasch, geben Sie mir die Cigarre, Sie haben geraucht.?
?Ich habe nicht geraucht und habe keine Cigarre.?
?Sie haben geraucht, ich habe es gesehen und den Tabaksgeruch gerochen.?
?Sie irren sich.?
?Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.?
Und er kam n?her um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich rasch die Hand und versetze ihm eine m?chtige Ohrfeige.
Nach diesem niedertr?chtigen Streich nimmt der W?chter das Schlüsselbund und will sich auf mich stürzen, ich trete einen Schritt zurück, nehme eine Fechterstellung an und rei?e die Pfeife aus der Tasche; der arme W?chter h?lt sie für einen Dolch, schlie?t die Thür, rennt den Korridor entlang und ruft um Hülfe.
Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine Strafzelle geführt.
Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein f?rmliches Verh?r statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsführer als Ankl?ger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte.
Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, die Zeugen werden aufgerufen und leugnen, da? ich dem W?chter eine Ohrfeige gegeben und ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der W?chter mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der W?chter erh?lt zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit gespart.
Nachdem die Strafe verbü?t ist, kehre ich in meine Zelle zurück, der W?chter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt.
Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom Direktor gerufen, der sagt: ?599, Sie müssen noch drei Monate verbü?en, wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen??
?In Parghelia, meinem Geburtsort.?
Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:
?599, Sie müssen noch zwei Monate verbü?en; wenn Sie wollen, lassen Sie sich den Bart und die Haare wachsen.? Als der Tag der Freiheit sich n?herte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschl?sser. Meine Gef?hrten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.
Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, da? wir uns alle in einem gro?en Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung. Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und a?en und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen, Sü?igkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren. Am Abend umarmten und kü?ten wir uns, Thr?nen feuchteten mir die Wangen, w?hrend einer sagte:
?599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.?
Ein anderer:
?Werden Sie mir schreiben, um mich zu tr?sten??
Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:
?Werden wir uns wiedersehen, Genosse??
Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des Rechnungsführers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den Delegierten in Neapel. Ich verga? zu erw?hnen, da? ein Landsmann, der Spediteur Cosmo C... in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich nunmehr statt der Gef?ngnistracht anlegte.
Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und hielt mir dann eine sch?ne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen solle.
Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven Direktor die Hand und gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein gro?es massiv eisernes Gitter ?ffnet sich und ich befinde mich auf der Stra?e. Will man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen K?rper hatte ich ein Jucken, als ob ich die Kr?tze h?tte. Wenn man lange die Freiheit verloren hat, wei? man, wie sü? sie ist.
Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann sagte:
?Wann wollen Sie reisen??
?Ich m?chte einige Tage hier bleiben.?
?Sch?n, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Pa? und das Reisegeld ab.?
Ich suchte Leonardo und Cosmo C... auf, besuchte einige Freunde und nachdem ich mich fünf Tage vergnügt hatte, ging ich zum Delegato, der mir meinen Pa? und das Reisegeld gab.
Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig Stunden angestrengter Reise kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu haben.
Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschlo? und die ich fragte:
?Wohin gehen Sie??
?Nach Tropea?, antwortete einer.
?Und haben Sie einen Wagen?? fragte ich.
?Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine drei Gef?hrten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gep?ck zum Seminar bringt.?
?Dann gestatten Sie, da? ich mitfahre.?
Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns treffen wollten.
?Ich m?chte dem freundlichen Bischof die Hand küssen.?
?Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.?
Sie führten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers:
?Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.?
Ich trat ans Bett und kü?te ihm die Hand.
?Wo sind Sie her, braver junger Mann?? fragte er.
?Aus Tropea.?
?Und woher kommen Sie??
?Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.?
Der Apotheker unterbrach unser Gespr?ch, das wer wei? was für ein Ende h?tte nehmen k?nnen.
?Nun kommt mit mir zum Essen?, sagte Ortona. Die vier Seminaristen erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein gro?es Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erh?lt eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schüssel mit K?se, eine andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen, denn schlafen kann ich nicht – wer aus dem Gef?ngnis kommt, gew?hnt sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.
Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab, der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse den Wagen anhalten und wir sehen, da? es Silvestro C... ist, der nach Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen – ein nettes Vergnügen!
In Tropea verlie? ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit Silvestro C... in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen M?nch, der sich uns anschlo?; wir lie?en uns Würstchen braten und Wein und Brot bringen und a?en und tranken zu drei.
Nachher wollte der schurkische M?nch nicht bezahlen; Silvestro C..., vom Wein umnebelt, f?ngt an zu lallen, der M?nch antwortet ihm ebenfalls lallend.
Silvestro C... glaubt, da? der M?nch ihn verh?hnt und f?ngt an zu schimpfen, auf den M?nch, die Priester, den Papst und die ganze Klerisei.
Der M?nch wird nun auch zornig und benennt C... mit h??lichen Worten, sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen.
?Za–ah–le Du!?
?Nein, za–ah–le Du!?
?Ich za–a–ah–le nicht!?
?Ich za–a–ah–le die H?–?–?lfte!?
?Nein, Du za–a–ahlst all–les!?
?Nein, u–nd ich za–a–ahle ni–ichts!?
?Wa–arum willst Du nicht za–a–ahlen??
?Nein – nein, es geht mich nichts a–an!?
?Dann za–ahlen wir zusa–ammen!?
?Ja, za–a–ahlen wir zusammen!?
Zweiter Teil.
Meine Dienstzeit.
Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gew?hnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verst?ndlich zu machen.
Vorbemerkungen.
Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit.
Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt.
Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mi?br?uche, Qu?lereien und Tyrannei sind der Teil des Soldaten.
Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere.
Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.
Der Heeresdienst ist ein übel, das innen und au?en schadet.
Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!
An mein liebes S?hnchen Francesco Antonio.
Mein hei?geliebter Junge!
Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und durch heftige Schmerzen und Unglücksf?lle zerrissen ist. In diesen Zeilen, die von meiner hei?en Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die traurigen Wechself?lle des menschlichen Lebens und die raschen Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, b?sen Welt.
M?gen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule auf dem schlüpfrigen Pfade in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als Führer in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den ma?losen Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als Ermutigung und Unterwerfung in die Schicksalsschl?ge des Lebens.
Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn, das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Küsse gab, wie Sterne am Himmel stehen, und der mit überstr?mender Liebe Deine ersten Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im Unglück verbitterten Seele.
Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier, in diesen v?terlichen Armen, habe ich Dich ganze N?chte lang gewiegt; ich spürte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer müde, nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich war glücklich, Dich an meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht, wenn drau?en der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden und sang Dich in den Schlaf.[39]
Parghelia, den 20. Juni 1888.
Dein z?rtlicher Vater
Antonino M...
Die Abreise.
Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil dieser Erz?hlung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die Freiheit wieder.
Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, Soldat[40] werden zu müssen, denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf zw?lfj?hrige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment eingestellt.
Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen.
In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A..., Lieutnant; diesem würdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen; und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien mir anzuh?ngen; diese Kompagnie war die meist gequ?lte vom ganzen Regiment und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Führung hervorthaten.
Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft h?rte, kam er in mein Quartier und hielt mir eine Vorlesung über die Art und Weise, wie ich mich zu benehmen h?tte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.
Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den S?bel, die Patronentaschen und was sonst noch dazu geh?rt; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf den Exerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht ausführte, wurde er geschimpft und mi?handelt, und oft h?rte man solche Worte:
?Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund!? und ?hnliche Schm?hungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte.
(Hier fehlen im Manuskript einige Bl?tter.)
Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Gürtel abgelegt und suchte meine Mütze, die ich am Morgen an die Wand geh?ngt hatte. Inzwischen stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter suche, kommt der Korporal C... auf mich zu und fragt mich wütend, weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe.
?Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier aufgeh?ngt habe.?
?Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.?
?Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mütze finde ich nicht.?
?Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel??
Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltblütigkeit, wütend wie eine Hy?ne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine m?chtige Ohrfeige und schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr.
Der Korporal verliert das Gleichgewicht und f?llt hin, ich werfe mich mit voller Kraft auf ihn, halte ihn an der Gurgel fest und ziehe einen Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden – in diesem Augenblick stürzt sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, rei?en uns auseinander und ich werde in die Wachtstube geführt, wo man mich mit Schimpfreden überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gef?ngnis zu führen.
Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thr?nen standen ihm in den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, da? er alles thun werde, um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren gegeben und einen z?rtlichen Blick auf mich geworfen hatte.
Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand; unvertraut mit den milit?rischen Gesetzen wu?te ich nicht, was aus mir werden sollte und machte mich auf alles gefa?t. Signor Pietropaolo kam wieder und sagte l?chelnd:
?Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden, aber versprich mir, da? Du Dich gut führen willst.?
?Je nach den Umst?nden?, antworte ich.
In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thür meines Gef?ngnisses ge?ffnet; ich fürchtete, da? man mir etwas b?ses thun werde und schickte mich an, mich zu verteidigen.
Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er führte mich auf den Hof, eint?niges Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am Himmelsbogen.
?Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu führen, dann werden Sie in drei Monaten die Korporaltressen bekommen.?
?Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden w?re, würde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber –?
?Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. – Korporal, führen Sie den Mann ins Gef?ngnis.?
Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung.
Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Ger?usch gab mir einen Stich ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es wurde Abend, endlich h?re ich den Schlüssel klirren, die Thür ?ffnet sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:
?Auf, M..., schnell, es geht los; alles ist bereit.?
Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten, zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett, standen um den Wagen herum.
?Rasch, M..., steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem,? sagte ein Sergeant in befehlerischem Ton.
Beim Anblick einer solchen bewaffneten Macht ward ich bestürzt und wu?te nicht, was geschah; ein Sergeant lie? mich in den Wagen hinein und nahm an meiner Seite Platz, die beiden anderen Pl?tze nahmen zwei Korporale ein; ich sehe mich verst?ndnislos um und frage mich, ob ich tr?ume, ob man eine Kom?die mit mir aufführen will?... Der Wagen setzt sich in Bewegung, h?lt an, f?hrt weiter, h?lt wieder an und rast dann im Galopp davon; neben mir und vor mir sehe ich die unbeweglichen, kalten Gesichter der Soldaten, deren Augen auf mich gerichtet sind und die schweigend die Gewehre zwischen den Knieen halten. Drau?en sehe ich eine Abteilung Soldaten, die dem Wagen folgte.
Endlich ermanne ich mich, den Sergeanten zu fragen, wohin man mich führt.
?Das werden Sie sp?ter sehen; wir sind jetzt am Ziel.?
?Aber der Herr Hauptmann hat mir doch gesagt, ich würde heute früh in Freiheit gesetzt werden; wozu denn jetzt dieser Unsinn??
?Der Herr Hauptmann hat Sie zum Besten gehabt,? antwortet lachend der Sergeant.
?Zum Besten gehabt!? rufe ich aus.
?Ja, er hat Sie zum Besten gehabt.?
Ich fange an nachzudenken, wo ich dies Wort schon einmal geh?rt habe, und ich erinnere mich, da? es der Karabiniere mir sagte, als ich in die Strafanstalt zu Neapel abgeführt wurde.
?Dies ist das zweite Mal,? denke ich, ?da? man mich zum Besten hat, zum dritten Mal soll es bei Gott nicht geschehen!?
Bald darauf hielt der Wagen an, eine Stimme fragte:
?Wer ist da??
?Ein Gefangener wird eingeliefert,? entgegnete eine andere Stimme.
Darauf entstand ein Fragen und Antworten, das ich nicht unterscheiden konnte; der Wagen setzt sich langsam in Bewegung, h?lt an; der Schlag wird ge?ffnet und ich werde mit unfreundlicher Stimme zum Aussteigen aufgefordert.
Ich steige aus und werde unter Bedeckung ins Gef?ngnis geführt, ein Sergeant tr?gt meinen Namen und mein Signalement in ein Register ein.
?Sie sind der th?tlichen Insubordination angeklagt, begriffen??
?Sehr wohl, aber gestern und heute Nacht habe ich es nicht begriffen!?
?Schweigen Sie, und schwatzen Sie nicht,? sagte der Sergeant wütend.
Die Soldaten von meinem Regiment zogen ab, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Man führte mich in meine Zelle, ein gro?es Zimmer zu ebener Erde in der Festung Abasso, hier war auch das Milit?rgericht. In diesem Zimmer befanden sich etwa zwanzig Angeschuldigte von verschiedenen Waffengattungen.
Als ich den rohen, unwissenden Soldaten entrückt und unter Leidensgef?hrten war,[41] fühlte ich mich von einer schweren Last befreit, ich überblickte meine kritische Position und zermarterte mir das Gehirn, weshalb Signor Pietropaolo und der Hauptmann bei seinem n?chtlichen Besuch mir gesagt haben k?nnten, da? ich befreit werden würde, w?hrend ich jetzt im Gegenteil geheimnisvoll ins Gef?ngnis gebracht wurde. Wozu diese elende Kom?die. Schuftige, lügnerische Menschen, die dafür bezahlt werden, da? sie heucheln!... Wann wird man ihnen ihre von Bosheit befleckte Maske vom Gesicht rei?en k?nnen?
O meine Seele, was trauerst Du? Denke an die Vergangenheit, erinnere Dich an die Seufzer und die Leiden, damit ich dereinst mit den Farben der Wahrheit das Bild meines Unglücks entwerfen und die Unwissenheit der engherzigen, selbstsüchtigen Despoten schildern kann. –
Erinnere Dich an die Thaten eines unseligen, verworfenen Tyrannen! Verkünde, wenn Du es vermagst, die Handlungen des Autokraten, der, v?terliche Gefühle und kindliche Liebe mi?achtend, auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom h?uslichen Heerd hinwegri?, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu sch?nden, und dem Bajonett, dem Galgen und der Galeere das Recht gab, den letzten Gedanken der Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen des Unglücks die Klagen deuten, welche in diesem Kreise ert?nen, wo Leiden, Kummer, Qualen und der Wille eines gesetzlich sanktionierten Vaterm?rders die jugendlichen Hoffnungen aus dem Herzen des jungen Soldaten rei?en, um die fern weilenden Familien in Verzweiflung zu stürzen.
Nach drei Tagen suchte mich der Lieutenant Pietropaolo auf, er war trostlos über mein Schicksal und sagte, da? der Oberst anf?nglich die Absicht gehabt habe, mir zu verzeihen, in Anbetracht meiner Vorstrafen aber vorgezogen h?tte, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen; er fl??te mir Mut ein und sagte, da? er meine Verteidigung vor Gericht übernehmen wolle.
Ich gab meine Aussage vor dem Untersuchungsrichter ab; am 13. Juli 1875 sollte die Verhandlung stattfinden.
Signor Pietropaolo kam wieder zu mir und teilte mir unter Thr?nen mit, da? seine arme Mutter krank sei, da? er infolge dessen Urlaub genommen habe und da? statt seiner der Advokat C..., der erste in Florenz, meine Verteidigung führen werde.
Der 13. Juli erschien; vier Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett unter Führung eines Sergeanten brachten mich zum Gerichtssaal; dort fand ich den Advokaten C..., einen sch?nen Mann mit langem schwarzem Bart. Er trat auf mich zu und sagte:
?Mut, M..., heute werden Sie frei sein; der Vorsitzende und die Richter sind gute Freunde von mir, der Staatsanwalt ist ein Bekannter von mir – was brauchen Sie zu fürchten??
?Ich, Herr Advokat, fürchte nichts, und wenn es auch sicher w?re, da? mir schweres Unglück bevorsteht, ich bin gew?hnt zu leiden, lange habe ich an den Brüsten des Unglücks gelegen; Mut glaube ich zu haben, meine Seele zittert nicht in den Zeiten des Mi?geschicks.?
?Brav, M..., heute werden wir bei mir eine Flasche trinken.?
?Wenn wir nur nicht Fiasko machen!? antwortete ich.
Ich setze mich auf die Anklagebank, zum zweiten Mal in meinem Leben; meine Personalien und Antecedentien werden verlesen; der Staatsanwalt vergleicht mich mit den R?ubern Kalabriens, der Verteidiger empfiehlt mich mit Stentorstimme der Gnade der Richter.
Nach einer Stunde erscheint der Gerichtshof, der sich zur Beratung zurückgezogen hat, wieder, und ich werde wegen Insubordination und th?tlichen Widerstandes gegen einen Vorgesetzten zu drei Jahren Milit?rgef?ngnis und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt.
Der Gerichtshof entfernt sich, ich werde ins Gef?ngnis zurückgeführt; unterwegs treffe ich den Advokaten C...
?Nun, M..., wir müssen Berufung einlegen; das Urteil ist ungerecht, ich werde es aufheben lassen, ich werde –?
?Sachte, Herr Advokat,? unterbreche ich ihn, ?kennen Sie nicht die Fabel von der Katze und der Maus??
?Was Fabel, was Maus? Man hat Ihnen Unrecht gethan, wir müssen appellieren.?
?H?ren Sie mich einen Augenblick an, Herr Advokat, und dann appellieren Sie, so viel Sie wollen.?
?Es war einmal ein Kater, der unter seinen nahen Verwandten eine arme kleine Maus hatte; diese rief: Onkel, Onkel; aber der gerufene Kater h?rte die sanfte Stimme der kleinen Maus nicht. Als die andern M?use das j?mmerliche Rufen h?rten, sagten sie: Ihr eigener Onkel l??t sie so verzweifelt schreien; wenn, was Gott verhüte, wir mit den Grausamen zusammen k?men, die wir fremd sind, würden wir sicher umgebracht werden.?
?Sie, Herr C..., haben gesagt, da? der Vorsitzende und die Richter Ihre besten Freunde, da? der Staatsanwalt ein alter Bekannter von Ihnen w?re, da? also mit Rücksicht auf Sie, auf Ihre Freundschaft, die freundlichen Beamten mich freisprechen würden – nicht wahr??
?Aber erlauben Sie, ich hatte nicht geglaubt –?
?Wenn Sie es nicht geglaubt haben, so doch ich, also –?
?Werden wir appellieren!?
?Weiser Mann, verschonen Sie mich mit dem Appellieren; warten Sie die Moral meiner Fabel ab und dann appellieren Sie zweimal, wenn Sie wollen.?
?Wenn die Richter mit Rücksicht auf Sie mir die gelinde Strafe von drei Jahren auferlegten; wenn, was Gott verhüte, der brave Herr Lieutenant Pietropaolo mich an irgend einen anderen Anwalt empfohlen h?tte, der keine freundschaftlichen Beziehungen mit den gn?digen Beamten unterhalten, was für eine Strafe würde ich dann bekommen haben? Lassen wir die Possen, Herr Advokat, mit dem Milit?rgericht ist nicht zu spa?en, ich bin zu drei Jahren verurteilt und werde sie in Frieden abmachen! Die Schlauheit der Advokaten ist gro?, aber die Schlauheit der Beamten ist gr??er.?
?Nein, bei allen Teufeln, wir müssen appellieren!?
?Noch einmal, appellieren Sie soviel und so oft Sie wollen – ich nicht!?
Nach einigen Tagen wurde ich in das Milit?rgef?ngni? zu Savona gebracht, wo jeder Gefangene zehn Stunden t?glich angestrengt arbeiten mu?te. Es war dort eine Druckerei, eine Weberei, eine Schneider-, Schuhmacher-, Tischler-, Klempner- und Matratzenmacherwerkstatt, eine Falz- und Gummiranstalt und mehrere andere kleinere Betriebe.
Ich kam zuerst in die Schneiderwerkstatt; hier blieb ich acht Monate, n?hte Hosen, Jacken, Hemden, Bettw?sche und Taschentücher und verdiente t?glich zw?lf Centesimi.
Dann kam ich in die Falzerei, wo ich drei Monate blieb und t?glich fünfzehn Centesimi verdiente.
Von da kam ich in die Druckerei, einen gro?en langen Raum mit fünfzehn gro?en und zwanzig kleinen Pressen, ich mu?te das gro?e Rad einer Maschine drehen und bekam t?glich zwanzig Centesimi; sechs Monate blieb ich dabei und im Schwei? meines Angesichts, arbeitend wie ein Ochse am Pflug, verdiente ich mein Brot und meinen K?se; nach diesen schweren sechs Monaten kam ich an eine Presse, wo ich mit einem braven jungen Toskaner zusammen arbeitete.
Meine schwache Feder str?ubt sich, all' die Leiden und Qualen und Kümmernisse aufzuz?hlen, die ich in diesen harten zweieinhalb Jahren erduldet habe, ein Visconti Venosta, ein de Amicis, ein Francesco Mastriani k?nnte hunderte von B?nden damit füllen.
Italien hatte das Unglück, seinen Herrscher Viktor Emanuel II.[42] zu verlieren, und die armen Gefangenen erlebten die Freude, da? ihnen bei der Thronbesteigung K?nig Humbert I. sechs Monate der Strafe durch eine allgemeine Amnestie nachgelassen wurden; am 19. Januar wurde durch das Kriegsgericht meine Strafe um sechs Monate gekürzt.
Da somit meine Strafe am 19. Januar 1878 verbü?t war, verlie? ich das Milit?rgef?ngni? in Savona und wurde nach Nocera bei Salerno geschickt, wo sich mein Regiment befand. In Neapel machte ich Halt, um mich zwei Tage zu ruhen und nach zweieinhalb Jahren die lang entbehrte Freiheit zu genie?en. Ich erreichte mein Regiment; an der Kasernenthür fragte mich der wachthabende Lieutenant:
?Kommen Sie vom Urlaub??
?Nein?, antwortete ich, ?ich komme aus dem Gef?ngnis zu Savona.?
?Kommen Sie herein und gehen Sie zu Ihrer Kompagnie – die wievielte ist es??
?Die achte.?
?Korporal, führen Sie diesen Soldaten zur achten Kompagnie!?
Ein Schurke. – Unschuldig verurteilt.
Als der Feldwebel V... von meiner Kompagnie mich in meiner schlechten Kleidung und in dem durch die langen Leiden verursachten heruntergekommenen Zustand sah, betrachtete er mich einige Minuten lang und sagte dann, sich erhebend:
?Wie, M..., so sind Sie heruntergekommen??
?Das Brot der Unglücklichen schmeckt bitter.?
?Wissen Sie, M...?, sagte er in mi?achtendem Tone, ?da? Sie sich zwei Tage vers?umt haben; alle Soldaten und Offiziere wissen das, denn wir erwarteten mit Ungeduld Ihre Rückkehr. Der Kommandant ist von der Versp?tung unterrichtet, ich kann nichts thun, um Ihnen eine Bestrafung zu ersparen.?
?Ich danke Ihnen, Herr Feldwebel, wenn der Herr Kommandeur meint, da? ich gefehlt habe, so wird er mich bestrafen und ich werde meine Strafe geduldig tragen.?
Tags darauf wurde ich vom Hauptmann dem Obersten vorgeführt.
?Endlich!? rief dieser, als er mich sah, ?endlich! Sie kommen etwas sp?t, zwei Tage zu sp?t!?
?Herr Oberst?, erwiderte ich mit unterwürfiger Stimme, ?ich habe in Neapel Rast gemacht, ich war zu müde, um die Reise fortsetzen zu k?nnen.?
?So reden sich faule Zahler aus?, sagte der Schuft von Hauptmann.
?Nun?, sagte der gütige Oberst in v?terlichem Tone, ohne auf die h?hnische Bemerkung des Hauptmanns einzugehen, ?ich verzeihe Ihnen, aber ich empfehle Ihnen, sich von heute ab gut zu führen; ich wei? es nur zu gut, das Soldatenleben ist voll Leiden; aber wenn Sie brav sind, sollen Sie in drei Monaten die Korporaltressen haben – versprechen Sie es mir.?
?Herr Oberst, ich bin nicht gew?hnt, leicht zu versprechen, aber Ihnen verspreche ich, brav zu sein und meine Pflicht zu thun unter der Bedingung aber, da? ich nicht von meinen Vorgesetzten gereizt und da? ich nicht als Sklave, Dummkopf und Schweinehund behandelt werde, wie es die Korporale zu thun lieben.?
?Sehen Sie, Herr Hauptmann?, wandte sich der Oberst an meinen Vorgesetzten; ?das hei?t nicht kommandieren; die ganze Schuld liegt an den Unteroffizieren, das wei? ich; Sie müssen sie im Auge haben, überwachen und ermahnen. über diesen Soldat wünsche ich t?glich unterrichtet zu werden.?
Dann wendete er sich an mich.
?Haben Sie verstanden? Sie werden hier alle m?gliche Rücksicht finden, aber für Ihre Versp?tung müssen Sie eine leichte Strafe bekommen – einstweilen haben Sie bis auf weiteres Kasernenarrest.?
Der Hauptmann teilte seinen Untergebenen den Wunsch des Obersten mit, ich wollte mich gerade niedersetzen, um meiner Familie meinen neuen Aufenthaltsort zu schreiben, als ich in die Wachtstube gerufen wurde. Ich stelle mich dem dienstthuenden Lieutenant vor, der mir sagt:
?Der Herr Oberst hat befohlen, da? Sie in Arrest müssen.?
?Aber, Herr Lieutenant, ich habe nichts gethan, der Herr Oberst hat mir die Versp?tung verziehen.?
Er zeigt mir eine schriftliche Ordre mit der eigenh?ndigen Unterschrift des Obersten, ich lese sie und sage:
?Es ist richtig, jeder Fehler verdient seine Strafe.?
Der diensthabende Sergeant führte mich in strengen Arrest ab; das Arrestlokal lag neben dem für einfachen Arrest bestimmten Raum.
Hier fand ich einen Korporal aus meiner Kompagnie, mit Namen Alfonso S... Wir sahen uns an und verstanden uns, und unsere Augen schworen sich t?tlichen Ha?.
?Wie hei?en Sie?? fragte der Korporal mich, w?hrend ich in dem Zimmer auf und ab ging. ?Woher kommen Sie, weswegen haben Sie Arrest??
?Was wollen Sie?? antwortete ich gereizt, ?sind Sie Untersuchungsrichter??
Der Korporal S... setzte sich nachl?ssig auf seine Pritsche.
Es kam die Stunde, wo unser Brot gebracht wurde, S... erhielt auch K?se und Cigarren; er lud mich ein, mit ihm zu essen; ich lehnte wiederholt ab – schlie?lich, um nicht unh?flich zu erscheinen, nahm ich widerwillig an; aber mein Herz ekelte sich vor dem gemeinen Zwitter.
Zehn Tage bei Wasser und Brot verbrachte ich mit diesem schweinischen Ungeheuer, zehn N?chte voll sch?ndlichsten Schmutzes, den zu beschreiben die Feder sich str?ubt, der meinen Namen als Sohn Adams mit Kot bedeckt, da? ich mein Antlitz mit schwarzer Larve verhüllen mochte. O Mensch, Du Ebenbild Gottes, Herrscher der Natur, Traum des Idealen, Gottheit des Sch?nen, warum bist Du so verderbt?
Diese zehn Tage und diese zehn h?llischen N?chte kann nur das rohe und schmutzige Gemüt des ausschweifendsten geilsten Lüstlings unter allen h?llischen Wesen sich vorstellen; nein, auch dieses nicht, und wenn es das verm?chte, so würde es erschaudern ob solcher Unfl?tigkeit.
......
Der Korporal S... wurde in Freiheit gesetzt, seine Strafe war abgelaufen, ich mu?te noch fünf Tage im Arrest bleiben.
Endlich war auch meine Strafe verbü?t, ich wurde befreit und der achten Kompagnie wieder zugeführt; dort setzte ich die bisherige geile Freundschaft, die sch?ndliche Buhlerei mit dem S... fort.
Der Lieutnant Pietropaolo war zu uns abkommandiert, er suchte mich auf und machte mir lebhafte Vorstellungen.
Einst als ich mich ihm gegenüber über das Soldatenleben beklagte, sagte er:
?T?te Dich!!?
Ich setzte die heimliche Buhlerei mit dem Korporal S... fort. Abends gingen wir zusammen spazieren, und da ich in Nocera unbekannt war, so führte S... mich; sp?ter gingen wir in eine abgelegene Sch?nke, tranken einen oder zwei Liter herben Wein, wobei S... immer bezahlte;[43] ..................
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.................. Wir traten in die Grotte mit dem dicht belaubten Gestr?uch, und dort, im Dunkeln, unter dem gestirnten Himmelszelt, im Schweigen der Natur, sündigten, sündigten wir entsetzlich![44]
Eines Tages teilte der sch?ndliche Zwitter mir mit, da? er den Feldwebel unserer Kompagnie t?tlich ha?te, weil dieser, der einst sein glühender Liebhaber gewesen, ihn verlassen habe und ihn t?glich tadelte und Strafen aussetzte[45] und weil er, als er bef?rdert werden sollte, durch eine falsche Strafanzeige jenes Feldwebels zu vierzehn Tage strengen Arrestes verurteilt worden war; infolgedessen war seine Bef?rderung ausgeschlossen und sein fester Entschlu? war, sich zu r?chen.
?Nachdem er mir meine Ehre genommen hatte,? sagte er, ?nachdem er mich acht Monate lang betrogen hatte, verlie? er mich, er konnte mich nicht mehr sehen! Der Undankbare! Einst sagte er, da? er mich liebte, er nannte mich seine sü?e Alfonsine; .........
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.........[46] Er ist es gewesen, der mich durch Vorspiegelungen und Versprechungen verführt hat, ach! und wie habe ich ausgehalten; mir war als ob ich mit einem eisernen Pfahl gespalten wurde und mehrere Monate habe ich an Blutungen gelitten; der Sch?ndliche! als er genug hatte, hat er mich verlassen!?
?Was willst Du, mein lieber S...?, sagte ich, ?Du bist sch?n und verführerisch wie ein Weib; der Feldwebel V... hat es verstanden; nachher ist er Deiner überdrüssig geworden und hat Dich sitzen lassen.?
?Ich will mich r?chen. Ich beabsichtige ihm einen anonymen Brief von Beleidigungen und Drohungen zu schreiben.?
?Nein, mein reizender S..., das geht nicht; der Feldwebel V... würde über Deine Thorheit lachen, und wenn es entdeckt wird, würdest Du streng bestraft werden. Ich empfehle Dir einen einfacheren und natürlicheren Weg, um zu Deinem Ziel zu kommen.?
?Und der w?re??
?Ich meine, lieber S..., es w?re das Beste, wenn Du den Feldwebel irgendwo einmal Abends auflauertest, und ihm ein paar ordentliche S?belhiebe über den Kopf und die Schultern giebst; wenn Du da entdeckt würdest, was ich übrigens für sehr schwer halte, so h?ttest Du wenigstens die Genugthuung, da? Du ihm den Sch?del oder die Knochen eingeschlagen h?ttest, und h?ttest Ersatz für Deinen ruinierten K?rperteil.?
?O nein, das kann ich nicht, dazu habe ich weder Mut noch Kraft.?
?Und Du willst Soldat sein!?
?Warum willst Du mich nicht r?chen? Du wei?t, wie sehr ich Dich liebe; und ich meine, es ist die Pflicht des zweiten Liebhabers, die Beleidigungen des ersten zu r?chen.?[47]
?Ich sage es Dir rund heraus, mir fehlt der Mut dazu.?
?Wei?t Du, S..., Du pa?test besser ins Bordell als in die Kaserne; man sollte Dir einen Unterrock anziehen, aber nicht eine Uniform; was meinst Du dazu??
?Du willst immer scherzen, M...; da ich mich Dir hingab, weil ich Dich liebe, meinst Du, ich k?nnte mich auch einem andern hingeben??
?Und wenn Dir ein anderer besser gef?llt, als ich, würdest Du ihn da nicht an meine Stelle rücken lassen??
?Sicher!?
?Du bist wie die K?nigin Karoline von Neapel, die nie müde wurde, ihre Liebhaber zu wechseln.?
?Ich wei? von keiner K?nigin und von keiner Karoline; ich wei? nur, da? ich dem Feldwebel einen Brief schreiben, und ihn beleidigen und bedrohen will.?
?Unsinn mit Deinem Brief, Du wirst thun was ich sage und nicht was Du denkst.?
?Es ist mir unm?glich, ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihn mir abzuschütteln, als er damals bei mir war, – im Gegenteil!?
Er setzte mir so lange mit dem anonymen Brief zu, da? ich seinem Dr?ngen nicht widerstehen konnte; eines Abends sagte ich zu ihm:
?Gieb mir Papier und Bleistift, ich werde Dir den Brief vorschreiben, nachher kannst Du ihn abschreiben.? Er gab mir sein Notizbuch und ich schrieb:
?Denke an den 23ten!!!?
Am 23ten war S... in Folge der falschen Anzeige des V... mit strengem Arrest bestraft worden.
Er nahm das Blatt Papier, las die von meiner Hand geschriebenen Zeilen und sagte:
?Ist das wenig! Ich will es ihm ordentlich besorgen!?
?Nun, acht Monate lang hat er es ja ordentlich verdient!?
?M..., ich lasse mich nicht beleidigen!?
?Na, nachher werde ich es wieder gut machen.?[48]
?Sprich nicht so, wir wollen die Sache mit Verstand machen ...?
?Ganz recht, wir wollen es mit Verstand machen, wie der Feldwebel.?
?Ich mag Dich nicht mehr leiden, ich hasse Dich. Nein, ich liebe Dich, ich liebe Dich..., rasch M..., einen Ku?!?
?Und zitternd kü?te er mich auf die Lippen ...?
?Und zitternd kü?te er mich auf die Lippen ...?
?Wei?t Du, mein liebes Milchgesicht,? und mit der Hand streichelte ich ihm das Kinn und die purpurnen Lippen, ?die eine Zeile sagt soviel wie zwei ganze Seiten.?
Wir gingen zu unserer laubbewachsenen Grotte und besiegelten den Brief an den Feldwebel V... auf unsere Weise.
Nach einigen Tagen wurde ich von einem traurigen Leiden ergriffen, ich stellte mich dem Stabsarzt vor, der mich auf die Krankenstation brachte, die sich in derselben Kaserne befand. Nach fünf Tagen fühlte ich heftige Schmerzen und das übel griff weiter um sich.
Am Morgen des sechsten Tages kam ein Sergeant mit zwei bewaffneten Soldaten zu mir, auf Befehl des Obersten wurde ich ins Gef?ngnis gebracht, in denselben Raum, wo der sch?ndliche S... mich zur Sünde verleitete.
Wer diese einfachen und ungeschminkten Zeilen liest, der m?ge meinen Zustand ermessen: ich raste, ich fluchte, ich raufte mir die Haare, bi? mir in die H?nde, rannte mit dem Kopf gegen die W?nde; wenn mich jemand gesehen h?tte, er h?tte mich für verrückt gehalten – so verbrachte ich den Tag und sah niemand als den Sergeant, der mir meine Suppe und Wasser brachte.
Noch trauriger war die Nacht, die ich auf der alten Pritsche zubrachte; meine Schmerzen nahmen zu, und mir war, als ob der kranke K?rperteil von tausend Nadeln durchbohrt würde.
In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P..., genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner Erz?hlung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen und zu erfahren, weshalb man mich ins Gef?ngnis gebracht hatte, aber es war vergebens.
So vergingen drei Tage und drei N?chte in grausamen Qualen, endlich am vierten Tage ?ffnet sich die Thür, S... tritt l?chelnd und heiter ein, die Thür schlie?t sich und S... bleibt als Gefangener bei mir. Ich fragte ihn:
?Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin??
?Der Soldat Gir... hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verh?ltnis mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir... ist nicht hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie kommen, das thut nichts.?
Wer mich liest, m?ge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen den Gir... ich erfüllt war.[49] Bald darauf wird S... abgerufen, ich bin wieder allein, in der finsteren Ungewi?heit über meine Lage. Ich lasse mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche.
Am Abend l??t man mich heraus, um Luft zu sch?pfen; ich komme mit den andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit dem Blick, um Gir... zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich ihn an, wie ein hungriger L?we seine Beute, ehe er sie im Rachen hat.
Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem Gef?ngnis, ich sp?he in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann Antonio P..., genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und flüstere ihm zu:
?Kannst Du mir ein scharfes Messer geben??
Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und sagt:
?Da, mach' es nicht stumpf!?
Mit diesem alten Messer, ohne Sch?rfe und Spitze gehe ich in meine Zelle zurück, um es zu prüfen, ich finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du ger?cht und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle Mal ein Ende.
Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir..., ich n?herte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge; mehr und mehr überzeugte ich mich, da? er die Ursache meiner Leiden sei, mit einem Sprunge war ich bei ihm, fa?te ihn an der Brust und rief:
?Elender, so r?cht sich Deine Sch?ndlichkeit!?
Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs Gesicht und stie? es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und schneidet mir zwei Finger entzwei; ich mu? meine Beute loslassen, aber verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft ?Heraus!?, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der Hand, der Lieutenant mit gezogenem S?bel ruft:
?Halt, M..., halt, oder ich lasse schie?en!?
Wütend wie eine Hy?ne, der man ihr Opfer entrissen, entbl??e ich meine Brust, wende mich um und brülle, w?hrend der Schaum mir vorm Munde steht:
?Hier ist meine Brust, lassen Sie schie?en, aber rasch, ich sterbe gern, wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben mu?.?[50]
Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:
?M..., kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen ein Haar krümmen, ich schw?re es bei meinen Tressen.?
Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die Thür meiner Zelle schlo? sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trüben Gedanken. Mein erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche, aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hie?e es den Vorgesetzten direkt in die H?nde liefern, denn das Fenster ging auf den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls, Gottes oder des h?llischen Teufels: die Hei?blütigen und Kopflosen werden gew?hnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mi?geschick begünstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen und so das corpus delicti zu entfernen.
Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an H?nden und Fü?en gefesselt und mit Schm?hreden überh?uft, von denen mir nur eine zu Gemüt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den Arm und sagte:
?Wenn ich dabei gewesen w?re, h?tte ich Dich durchbohrt.?
?Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen S?bel noch nicht durchbohrt und werden auch schwerlich dazu kommen?, erwiderte ich rasch.
?M?rder, Lump!? rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige.
?Pfui, Elender?, zischte ich, ?Elender, einen gefesselten Menschen zu ohrfeigen!? Und ich fuhr in die H?he, um ihn zu bei?en.
Die ganze Nacht sa? ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen waren furchtbar, unerh?rt; aber sie drückten mich nicht nieder – ich dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubei?en.
Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem kr?ftigen Maultier bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er h?lt an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt sich von neuem in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich wende mich den schweigenden Truppen zu und grü?e kalt und l?chelnd mit der Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der Bewunderung.[51]
Der Wagen verlie? die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten. Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das Milit?rlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen.
W?hrend ich das that, n?herte sich einer der Sergeanten, die mich eskortiert hatten, und flüsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr.
?Herr Sergeant?, sagte ich, ?es ist überflüssig, da? mein Sergeant mich Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors Kriegsgericht, und wenn es mir glücken sollte, auszurei?en, so würde ich nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.?
Alle lachten und ich lachte mit.
Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt waren, au?erdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepa?t h?tten, sowie ein Rock, der mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so da? mir übel wurde; auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis über die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten vor:
?Nun, was meinen Sie, k?nnte ich nicht auf der Bühne auftreten? Das w?re zu nett! Wenn Sie erlauben, würde ich als wandernder Mime gleich losziehen.?
Und ich tr?llerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse.
Ein Sanit?tskorporal führte mich in meine neue Wohnung. Es war eine Zelle, die etwas l?nger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein anderes gro?es breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine h?lzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus.
Am folgenden Morgen h?re ich einen neapolitanischen Gru? sagen, die Thür meiner Zelle ?ffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem Sergeanten, man rei?t mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und besieht mich und sagt dann:
?Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!?
?Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?? rief ich aus, ?schneiden Sie mir lieber den Kopf ab.?
?Haben Sie den Dreck so lieb??
?Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner armen Nerven.?
Lachend und tr?llernd ging er ab, die Thür wird geschlossen und ich bleibe allein. Der Stabsarzt war ein Drei?iger, heiter und sorglos, er scherzte gern mit mir und oft sagte er:
?Sie haben eine gute Natur, ein fr?hliches und starkes Gemüt; wenn ich in Ihrer Haut steckte, würde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.?
Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine Suppe und mein Brot.
?Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie nur aus dem Fenster.?
Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mu?te ich mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde zu dem Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren! Wenn mir dann oft die Kr?fte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir oft:
Mut, M..., Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte, ich lachte wie ein Wahnsinniger.
Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes Zeug zu erz?hlen, komme ich zum N?tigsten.
Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im Begriff war, einzuschlafen, h?re ich, wie an mein Fenster geklopft wird, ich ?ffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen verbei?end, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke ich? Ein reizendes junges M?dchen, siebenzehn Jahre alt, sch?n wie eine Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Z?pfen gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn marmorwei? und keusch.
?Was wünschen Sie, mein liebes Fr?ulein?? fragte ich.
Und sie sagte:
?Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn Sie wü?ten, wie ich Sie beklage ... haben Sie eine Mutter, einen Vater?... woher sind Sie??
?Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot ... ich bin aus Kalabrien und sehr unglücklich.?
?O Sie Armer!? beklagte mich das reizende Gesch?pf. ?Verwaist! Fern von der Heimat im Gef?ngnis eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen? – sie weinte hei?e Thr?nen – ?aber wissen Sie, verlieren Sie das Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns Unglücklichen und er verl??t uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen Sie, Bruder, und erlauben Sie, da? ich Sie von jetzt ab mit diesem sü?en Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange müssen Sie hier bleiben??
?Ich wei? nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier zwei Monate lang bleiben müssen.?
?Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu tr?sten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa und meine Mama mitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt, so ?ffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.?
?Ich m?chte ein Licht und Streichh?lzer haben, weil man mich Abends im Dunkeln l??t, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.?
?Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.?
Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, K?se, Pasteten, Wein, zwei Cigarren und ich wei? nicht was sonst noch.
Ich ?ffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich, geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort, schmerzerfüllt über mein Mi?geschick.
Ich schrieb mehrere Male an den Ehrenmann, meinen Bruder, und bat ihn, mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen lie?, empfing ich keine Antwort.
Traurig und tr?ge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu, immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.
Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, da? sie mir eine Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten m?chten – sie antworteten:
?Wir k?nnen es nicht!?
Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, t?glich mehrere Male Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:
?Mein lieber Bruder!
Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit Hausarbeiten besch?ftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke ich durch meinen Bruder.
Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut dazu, das pers?nlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.
Sie wissen, da? die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer haben werde, daher rührt, da? ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von allen verlassen sind; der blo?e Gedanke daran erpre?t mir Thr?nen und zerrei?t mir das Herz. Ich wei? aus den Reden meines Vaters, da? mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner, schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere b?sen Absichten h?tten, dann mü?te ich aufh?ren, Ihnen gut zu sein.
Seien Sie nicht traurig, da? Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch? Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.
Ich bete t?glich zu Gott, da? er Ihre Schmerzen lindern m?ge, und mein armes Herz sagt mir, da? Sie bald in Freiheit sein werden. Und beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm Heiland; beten Sie auch für mich.
Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist verg?nglich, alles ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.
Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gru? und denken Sie oft an Ihre arme Schwester
Teresina M...?
Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.
Meine Antwort:
Aus dem Milit?rlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.
?Meine z?rtliche Schwester!
Ich wei? nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll; der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung, die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und verehren k?nnen. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu t?ten, Sie, die Sie die Sch?nheit der Engel tragen, haben mir mein armes Herz wieder ge?ffnet für die Sch?nheit des Sch?pfers; Ihre silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mi?geschick zu tragen und zu überwinden.
Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute vergelten?
Ich werde unaufh?rlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben, da? er Sie beschützt und Sie erh?lt zum Wohle der Unglücklichen und Leidenden.
Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem Trübsinn entrei?t.
Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und erwarte Sie, bei jedem Ger?usch erbebt mein Herz, das Sie so z?rtlich liebt.
Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig unverge?lich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu tr?sten, empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht
Ihren Sie liebenden
Antonino M...?
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
?Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.?
Ich sollte mich ?fein machen!? Seit zwei Monaten hatte ich weder die Bett- noch andere W?sche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir nicht Gesicht und H?nde gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp zugemessen, da? es kaum genügte, den Durst zu l?schen. Ich war voll von L?usen, von L?usen jeder Art und Gr??e; das Bett, die Zelle, meine Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig, der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder.
Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mu?te ich mich setzen, und er fragte mich:
?Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind??
?Weil ich den Soldaten Gir... verwundet habe.?
?Nein, hier handelt es sich nicht um K?rperverletzung, sondern um einen anonymen Brief.?
?Davon wei? ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief geschrieben.?
Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und holte einen Brief heraus, den er mir überreichte.
Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:
?Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.?
Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:
?An den Herrn Feldwebel V... von der 8. Kompagnie 20. Infanterie-Regiments
Nocera.?
Der Leser m?ge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen vorging und welchen Entschlu? ich fa?te.
?Nun?? fragte ich.
?Nun, k?nnen Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23 anspielt? Der Korporal S... hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und erkl?rt, da? Sie ihm denselben gegeben h?tten, damit er ihn zur Post besorgen solle.?
?Herr Auditeur, ich erkl?re, da? das eine Unwahrheit ist; das ist nicht meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben h?tte, wozu h?tte ich ihn dann dem Korporal S... zur Besorgung übergeben? Konnte ich nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick mu? doch klar werden, da? hier ein Geheimnis, eine Sch?ndlichkeit zu Grunde liegt!?
Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und lie? mich zum Vergleich mit der Handschrift des Briefes einige Zeilen schreiben; ich unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was ich in diesen Tagen dachte, wei? nur Gott allein, ich war in eine Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich zermarterte mein Hirn, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses r?tselhaften Dramas ab.
Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, da? die L?use mich beinahe lebendig auffr??en und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling an, da? ich gewaschen und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines Bett, man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung.
Meine Teresina verlie? mich nicht, lange Stunden sa? sie unter meinem Fensterchen und tr?stete mich mit ihren Ermahnungen und sanften Ratschl?gen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der edelmütigen Seele.
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
?M..., nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich empfehle Ihnen, sich anst?ndig zu betragen und nicht soviel zu sprechen.?
?Gut?, sagte ich, ?schon lange wollte ich eins von diesen gro?en Tieren sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser sp?t als nie, sagt ein altes Sprichwort.? Am Mittag h?rte ich Ger?usch und Stimmengewirr auf dem Korridor, die Thür ?ffnet sich und ein gro?er Mensch in Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen ?rzten des Lazaretts tritt herein, w?hrend andere drau?en warten.
?Wie hei?en Sie?? fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er mich vom Kopf bis zum Fu? musterte.
?M..., Antonino M... vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im Lazarett in Behandlung.?
?Weswegen sind Sie angeklagt??
?Ich wei? es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter Weise bü?e ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und B?sen verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von M?chtigen und Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequ?lt, von ...?[52]
?Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt werden.?
?Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht, mit klaren Worten zu antworten.?
?Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst nichts. – Wie geht es Ihnen hier??
?Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von Gott und allen Heiligen verlassen; zwei Monate lang atme ich diese üblen Dünste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde frische Luft zu gestatten – er hat es nicht gew?hrt. Tage lang wurde mein armer K?rper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von L?usen.?
?Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde Sie in Eisen legen lassen!?
?O, Herr, h?ren Sie mich an, erfüllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe Sie an, gew?hren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf dem Hof!?
?Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.?
?O dann, Herr?, rief ich wütend, ?dann lassen Sie mich lieber niederschie?en, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende mit dieser verfluchten Dienstzeit!?
Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend in's Schlo?.
Als ich allein war, erfa?ten mich die Furien der H?lle, ich war entschlossen mich zu t?ten und h?tte mich nicht die Stimme meiner Teresina an's Fenster gerufen, wer wei?, welche Schandthat ich befangen h?tte!
Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thür wurde aufgelassen; ich a? die Suppe und überlegte, endlich stand ich auf und ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.
Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an.
So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefa?t, einen Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch – wie sie von au?en war, das wu?te ich nicht, aber wenn ich auch fürchten mu?te, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen Versuch zu machen.
Am Morgen, nachdem ich diesen Entschlu? gefa?t hatte, kam mein Arzt und teilte mir mit, da? ich in das Krankenhaus des Zivilgef?ngnisses zu Salerno überführt werden würde.
Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, da? mir ein Wagen gestellt werden würde.
Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den Drei?igern, das ich für eine Prostituierte hielt, worin ich mich nicht t?uschte.
Die Karabinieri lie?en das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf den Bock schieben.
Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, da? der Wagen für mich und nicht für sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten, wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte, da? mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der Platz neben dem Weibe einger?umt.
Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten an die Fenster und schreien:
?Seht den Soldaten, mit dem sch?nen Fr?ulein ist er ausgerückt, aber sie haben ihn gefa?t!? Und Lachen, Spotten und Pfeifen t?nt hinter mir her.
Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein Karabiniere meldet mich dem Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den Staatsanwalt Herrn T..., denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft vertrat, wo ich zu drei Jahren Gef?ngnis verurteilt wurde.
Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:
?Das ist das zweite Mal, da? Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech zu haben.?
?Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist unbegreiflich, das Unglück verfolgt mich – und sehen Sie, Herr Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt haben, meine H?nde sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht??
?Lassen Sie sehen?, und er nahm meine Hand, ?nein, sie sind gar nicht eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.?
?Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf einl??t, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verh?ngnis, da? mir alles in die Quere geht.?
Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein b?ses giftiges Lachen.
Er stellt mir den Schein für das Gef?ngnis aus, dann sagt er:
?Seien Sie vernünftig, M..., Sie scheinen unter keinem guten Stern geboren zu sein.?
Ich wurde in das Zivilgef?ngnis eingeliefert, weil es in Salerno kein Milit?rgef?ngnis giebt und ich fühlte mich glücklich, weil es mich an die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war.
Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem jungen zwanzigj?hrigen Mann, der die Advokatenkarrière macht, er empfing mich freundlich und ich erz?hlte ihm alle Einzelheiten meines Verh?ltnisses zu dem elenden Korporal S... und alles, was ich von dem anonymen Brief wu?te. Er machte mir gute Hoffnungen und ging.
Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M... mir entgegengebracht hatte, und es zerri? mir das Herz, wenn ich dachte, da? ich das Lazarett hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen und ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu k?nnen; ich hatte ihr noch einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief:
?Meine liebe Schwester!
Meine Seele ist von Qualen zerrissen, w?hrend ich Ihnen schreibe, um Ihnen mitzuteilen, da? ich ohne jedes Vorwissen in dieses Gef?ngnis gebracht worden bin, so da? ich keine Zeit mehr hatte, Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, mu? ich hier dulden, aber ich vertraue auf die g?ttliche Gerechtigkeit, wie Sie es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.
Sobald ich wei?, was aus meinem Proze? geworden ist, werde ich Sie benachrichtigen.
Empfangen Sie meinen Gru? und vergessen Sie nicht Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder
Antonino M...?
Aus dem Gerichtsgef?ngnis zu Salerno, 20. Juni 78.
Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden get?uscht.
Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Unterstützung zu bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief, der seiner Dummheit ganz würdig war.
?Lieber Bruder!
Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist Du selbst schuld und wer an seinem übel schuld ist, der mu? sich selbst beklagen.
Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie entehrt, so da? ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu gehen. Der Lieutenant P... war hier auf Urlaub und erz?hlte schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, da? wir alle uns nicht auf der Stra?e zeigen m?gen – und das alles um Deinetwillen.
Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zun?chst, wenn ich etwas h?tte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gef?ngnis geschickt; zweitens aber sind wir hier im gr??ten Elend, meine Kinder gehen nackt und blo? und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben – was soll ich Dir da schicken? Freue Dich, da? Du t?glich Deine Suppe und Dein Brot umsonst hast.
Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines.
Dein Bruder
Michele M...?
Parghelia, den 3. Juli 1878.
Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der Donna Michela, genannt die ...-Sau, entworfen und geschrieben hatte.
Wer ihn kennt, der m?ge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als dreckig, falsch, engherzig, b?sartig, als einen Schwindler, einen Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem s?uischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht.
Er sagt, da? er mir ins Gef?ngnis so viel Geld geschickt hat, und ich behaupte und stelle unter Beweis, da? ich w?hrend meiner langen dreizehnj?hrigen Leidenszeit, die ich zum gr??ten Teil wegen seiner Dummheit erdulden mu?te, wie ich es in meinem ?Ersten Unglück? gezeigt habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zw?lf Lire monatlich bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte er mir drei?ig Lire, weil der Elende wu?te, da? ich bald zurückkehren würde.
Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die gottgesegneten zw?lf Lire schickte, hat er das von seinem Verm?gen? Hat mein unglücklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine S?hne Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine Schuld?
Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als unparteiische Richter an.
Der dreckige Brief ?rgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht mehr zu schreiben.
Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich als den Verfasser des anonymen Briefes erkl?rte.
Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri führten mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der erste von Salerno.
Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T... war zur Stelle, mit seiner gro?en schwarzen Toga angethan, und lie? mich nicht aus den Augen.
Nach den gew?hnlichen Formalit?ten fragte mich der Pr?sident:
?Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, da? Sie dem Korporal S... einen Brief zur Besorgung übergeben haben??
?Gro?mütiger Herr Richter?, antwortete ich, ?von dem Verbrechen, dessen man mich anklagt, wei? ich nichts. Es ist unwahr, da? ich dem S... einen Brief zur Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und eine Sünde und Schande; ich schw?re es vor Gott und vor den Menschen. Ich k?nnte mich leicht vor diesem S... schützen, aber ich will von Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuh?rerschaft entsetzen würde; ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.?
?Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende Milit?rs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der niedertr?chtigen Verd?chtigung eines Schurken verurteilen wollen, der nicht wert ist, da? er zur menschlichen Gesellschaft z?hlt.?
?Mein Herz sagt mir, da? Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz sagt mir auch, da? bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird, und dann – o dann ist es zu sp?t und Sie werden es bereuen, da? Sie einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.?
?Und wer sagt Ihnen, da? ich schuldig bin??
?Der Korporal S..., S..., dieses verworfene Gesch?pf, S..., dieser passive P?derast, der sch?ndliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit, der Auswurf der Natur! S..., ein ehrloses, sinnloses Wesen ... Soll ich das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen??
?Und Sie k?nnten wollen, da? ich den Schlingen der Bosheit und Sch?ndlichkeit zum Opfer falle? Mu? ich erst diesen Zwitter S... zeugen lassen??
?O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve mü?te unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen sollte.?
?Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich, der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch Argw?hnungen und betrügerische Verd?chtigungen nicht beeinflu?t ist – der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!?
?Machen Sie, in deren H?nde das Gesetz gelegt ist, da? diese mit dem Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der B?sen und ein Hort der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der F?lschung eines verworfenen Schurken dienstbar werde.?[53]
?Genug M..., genug,? unterbrach mich der Pr?sident, ?das Gesetz ist für alle gleich.?
Der Feldwebel V... wird gerufen und sagt aus:
?Ich hatte mit dem Gemeinen M... nichts zu thun gehabt, er war ein guter Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir sp?ter zurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief h?tte schreiben sollen.?
Der Korporal S... wird gerufen und sagt aus:
?Ich war mit M... sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und dabei schimpfte er auf den Feldwebel V...?
?Weshalb that er das?? fragte der Pr?sident.
?Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen; aber ich wei?, da? er ihn ha?te. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen? Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und vermutete, da? Schm?hungen und Drohungen darin enthalten sein konnten; darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt ich den Brief bei mir, M... fragte mich mehrere Male, ob ich ihn abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M... krank und kam ins Lazarett, und da entschlo? ich mich, die Sache dem Herrn Oberst zu melden.?
Ich lasse den S... fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. ?Herr Pr?sident,? sage ich, ?es scheint mir ein Unding, da? ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei Freistunden vor mir hatte, einen so gef?hrlichen Brief einem Andern zur Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst zur Post? Wer hinderte mich daran??
Die Richter nickten verst?ndnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt erhebt sich, h?lt seine Anklage aufrecht und beantragt schlie?lich vier Jahre Gef?ngnis.
Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den S... einer Beurteilung, in der er ihn in den schw?rzesten Farben schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt; er stellt den Richtern ernste und sorgf?ltige Erw?gung des Falles anheim.
Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit den H?nden bedeckt:
?Man mü?te sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu err?ten, die Schandthaten des S... aufzuz?hlen; und er tr?gt noch die Tressen! Soll ich Ihnen das schmutzige Verh?ltnis dieses Ungeheuers mit dem armen M... vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schlie?en, denn was ich mitzuteilen habe, pa?t nicht für das Ohr der ?ffentlichkeit.?
?Herr Pr?sident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den unglücklichen M... ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert, an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des S... über den Feldwebel V..., der ihm einen Blutflu? verursacht hatte, über das Verh?ltnis Beider, um ihn dann zu verfolgen; ob er sich erinnert, wie er sagte: Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht Monate lang genossen hat, verlie? er mich, um mich zwei Jahre lang zu mi?handeln, er nannte mich seine sü?e Alfonsine u. s. w.?
?Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den Korporal S..., wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er weint! Meinen Sie, da? er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine Herren, solche verworfenen Gesch?pfe empfinden keine Reue, weil sie kein Herz haben.?
Und er schlie?t mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.
Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden wieder. Ich mu? mich erheben, der Pr?sident liest das Urteil vor: wegen Insubordination werde ich zu einem Jahr Milit?rgef?ngnis verurteilt. Meine Verteidiger waren au?er sich, das Publikum ging zischend hinaus, und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Kom?die stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von diesen Dingen sprechen zu h?ren; dann wurde ich in das Gef?ngnis zurückgeführt.
In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein: Antonino M... vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom Milit?rgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gef?ngnis verurteilt, wegen der Sch?ndlichkeit des Korporals Alfonso S...
Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich? Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte hei?e Thr?nen, er brachte mir einen Brief von Teresina, den zun?chst der Chef der Wache las und abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erz?hlte mir, da? seit meiner pl?tzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt habe und t?glich von mir spreche und mein Unglück beklagte.
Als ich ihm mitteilte, da? ich zu einem Jahr verurteilt w?re, drückte der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer verm?chte zu sagen, wie viel Liebe und Schmerz in diesem H?ndedruck lagen.
Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um keinen Preis nehmen, aber da er sagte, da? es Teresina Schmerz bereiten würde, wenn ich sie zurückwiese, so mu?te ich sie wohl oder übel behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thr?nen verbergen zu k?nnen. Teresina schrieb mir:
?Mein hei?geliebter Bruder!
Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.
Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es nicht erlauben wollen.
Ich bete stets zu Gott, da? ich Sie bald wieder gesund und frei sehe, denn erst dann kann ich wieder fr?hlich werden.
Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, sp?ter, wenn Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel mitbringen.
Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren. Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tr?stet. Wir sind allzumal Sünder und müssen bü?en. Die Mutter Gottes m?ge zu Ihrem Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.
Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gru? und vergessen Sie nicht
Ihre arme Schwester
Teresina M...?
Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.
Auf diesen Brief antwortete ich:
?Innig geliebte Schwester!
Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint, wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.
Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller Kraft, denn es thut mir not.
Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre Freundlichkeit.
Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, da? Sie sie mir schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu k?nnen. Das Gericht hat mich verurteilt, aber ich schw?re Ihnen, liebe Schwester, ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für unschuldig h?lt.
Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die h?chst ungerechte Strafe zu verbü?en, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich komme wei? ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben k?nnen, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen geh?rt mein gekr?nktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit, grü?en Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen Gefangenen im Milit?rlazarett zu Cava dei Tirreni.
Ihr ergebenster Bruder
Antonino M...?
Geschrieben im Gerichtsgef?ngnis zu Salerno
25. Juni 1878.
Einen Monat verbrachte ich in diesen Gef?ngnismauern in nicht geringem Schmerz; m?ge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Bl?tter zu lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.
Das Auge des Allm?chtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.
Der Mensch, der seinem Bruder B?ses thut, wird unglücklich, elend, verworfen, und grausam qu?lt ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des eigenen Gewissens und früher oder sp?ter leuchtet ein silberner Glanz in dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks.
Eines Morgens im Monat Juni 1878 sa? ich auf meinem Bett, den Kopf zwischen den H?nden und dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott und seine Vorsehung, dachte an die Sch?ndlichkeit des Korporals S..., an die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die hei?e Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das Milit?rgericht zu Salerno, an den Pr?sidenten, an den Staatsanwalt Herrn T..., an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S...
Da rief eine Stimme an dem Gitter:
?M..., M..., Sie werden verlangt!?
Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.
Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte:
?M..., hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit eigener Hand den Brief an den Feldwebel V... geschrieben hat, S... soll den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe den Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, k?nnen Sie leicht das N?tige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn beim Milit?r kann alles schief gehen.?
?Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri, bis Sie einen gro?en Palast mit gro?em Thorweg sehen, daselbst befindet sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger Bursche von zw?lf bis vierzehn Jahren, blond, blau?ugig und anst?ndig gekleidet, dieser hat den Brief nach S...'s Diktat geschrieben. Sie sind unschuldig, wei? der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.?
Er empfahl mir die gr??te Verschwiegenheit und ging.
Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, würde ich es beweisen k?nnen? Denn beweisen mu?te ich es, wenn ich Anzeige erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung mindestens zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun?
Endlich entschlo? ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren, und ich erstattete die Anzeige gegen S... wegen Meineides, indem ich mitteilte, da? ich die Person des Briefschreibers, die auf S...'s Befehl gehandelt habe, bezeichnen k?nnte, wenn ich nach Nocera geführt werde.
Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri, die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie mir die Fesseln ab und lie?en mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer Entfernung folgten.
Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Stra?e, welche der Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verlie? mich auf den Zufall.
Ich gehe die Hauptstra?e hinunter und dann erinnere ich mich, hier war ich an dem Abend mit S..., wo wir erst Wein tranken und dann so furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thür sitzt:
?Liebe Frau, haben Sie Kinder??
?Ja, zwei S?hne.?
?Wie alt sind Ihre S?hne??
?Einer drei?ig, der andere siebenundzwanzig.?
?Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und blau?ugig, aus guter Familie!?
?Nein, den kenne ich nicht,? antwortete sie trocken.
Nach langem Suchen endlich fand ich einen gro?en Palast mit weitem Eingang, der auch im übrigen nach der Beschreibung pa?te, die jener Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen Burschen, der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird hei? und kalt, meine H?nde zittern, in den Ohren summt es mir.
Ich n?here mich ihm – er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet.
?Bitte,? sagte ich, ?k?nnen Sie mir nicht sagen, ob vor fünf oder sechs Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben lie???
?Ja, ich erinnere mich, da? ein Korporal hier war, der mich eine Zeile auf ein Blatt Papier schreiben lie?; dann mu?te ich die Adresse auf ein Couvert schreiben, den Namen wei? ich nicht mehr, aber es war ein Feldwebel; ich sagte, da? ich mich nicht kompromittieren wollte; er erwiderte, da? es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.?
?Nun sagen Sie, war ich dabei??
?Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen.?
?Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde??
?Drei Jungen, die hier in der N?he wohnen.?
Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte.
?Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist der brave junge Mann, der die Schandthat des S... entlarven wird.?
Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer geführt; der Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll.
Auf dem Korridor macht sich ein Ger?usch bemerkbar, die Thüre ?ffnet sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, da? der Korporal S... zur Stelle ist.
?Er soll hereinkommen,? befiehlt der Beamte.
Und S... trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge und thr?nendem Blick, niedergebeugt und abgefallen.
Ist es zu glauben? Er that mir leid!
Ich sah ihn mitleidig an und sagte:
?Bist Du nun zufrieden, Elender??
?Ruhe,? rief der Beamte.
Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen; S... weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir:
?M..., verzeihe mir, nur aus übergro?er Liebe zu Dir habe ich gefehlt; ich w?re glücklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verbü?en k?nnte, um Dich noch mehr lieben zu k?nnen.?
?Ruhe!? rief der Beamte wieder.
Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jüngling, ein.
?Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fünf Monaten einen anonymen Brief an den Feldwebel V... vom 20. Infanterie-Regiment diktiert hat??
Crudele sah uns an, dann sagte er:
?Ja, ich kenne ihn.?
?Nun, so zeigen Sie ihn.?
Er ging auf den Korporal S... zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte:
?Dieser ist es gewesen.?
?Und kennen Sie den andern Soldaten??
?Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.?
Die anderen Knaben best?tigten seine Aussage.
?Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück gestürzt,? sagte der Beamte zu S..., ?aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.?
?Herr,? sagte ich zu dem Beamten, ?ich verzeihe ihm, er thut mir leid, ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.?
?Haben Sie verstanden, S...? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche Sch?rfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, sch?ndliches Herz zu treffen wissen.?
S... weinte, er bereute, gern h?tte er das Wort im Busen bewahrt, es war zu sp?t.
Die Hand Gottes. – Ungerechtigkeit.
Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden Alfonso S... fort; ich wurde in die Kaserne geleitet.
?Man hat Sie unschuldig verurteilt,? sagte ein Karabiniere, ?wegen der Sch?ndlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gef?ngnis auferlegt; was für eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man beim Milit?r Hals über Kopf verurteilt wird.?
?Ich habe es den Richtern gesagt, da? ich unschuldig sei, und ihnen prophezeit, da? meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen würde.?
?Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil mu? rückg?ngig gemacht werden.?
Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gef?ngnis zurückgeführt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wütend:
?Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer Hartn?ckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof haben Sie in eine sch?ne Verlegenheit gebracht, jetzt müssen Sie an das Ministerium schreiben und um Erla? der Strafe einkommen.?
?Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln. Ich habe es den Richtern geweissagt, da? ich verurteilt werden würde, aber da? bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. Die Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.?
?Sie glaubten nur dem elenden Korporal S...?
?Jetzt kommen Sie und erz?hlen mir Geschichten, die kein Esel glaubt; anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich über mich, da? Sie mich verurteilt haben – wissen Sie, da? unser Herrgott die Geduld dabei verlieren k?nnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht wu?te! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.?
?Und wer hat Ihnen das alles enthüllt??
?Die Hand Gottes.?
?Oder des Teufels,? antwortete er grinsend.
Wenige Tage sp?ter wurde der Korporal S... in das Gef?ngnis eingeliefert und zwar in den oberen Raum, wo die andern milit?rischen Angeschuldigten waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.
Als ich wu?te, da? S... mir nahe war, im selben Hause, als ich überlegte, da? ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden mu?te, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach pers?nlicher Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen hatte, so hatte ich ihm damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen, aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54] Ich war mit dem W?rter befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er verschaffte mir eine gro?e scharfe und spitze Scheere, von der ich den Zapfen herausnahm, so da? ich im Besitz zweier pr?chtiger Dolche war; die eine H?lfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der Innentasche meiner Jacke.
Ich mu? bemerken, da? eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S... sich befand; auf diesem Hof gingen die Gefangenen spazieren.
Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht, bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf, eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S... und mache ihn mit einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchstr?mte mein Blut, mein Kopf glühte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56] Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages ...
Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon war sie halb passiert, als ein W?chter mir begegnete und sagte:
?Wohin, M...??
?In die Küche?, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.
?Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie kommen nicht vorbei.?
?Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.?
?Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!?
Wir umfa?ten uns, er dr?ngte mich zurück, ich stie? ihn vorw?rts. Als ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt zurückri?, so da? ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene Hy?ne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm, die Scheere entfiel meiner Hand.
Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich bewaffnete mich mit der anderen H?lfte der Scheere, entschlossen, den Ersten, der mir den geringsten Anla? geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der Staatsanwalt zu mir und sagte:
?Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung üben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden, aber nicht so, wie Sie es anfangen.?
?Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, der W?chter hat mich schlecht behandelt und ich ...?
?Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, da? Sie pers?nlich der Verhandlung gegen S... beiwohnen k?nnten, aber jetzt sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S... verhandelt wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen bereit.?
?Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von meinen Rachegedanken; ich wollte S... ermorden; aber jetzt verspreche ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir h?tte, würde ich ihm kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.?
?Sie werden morgen reisen; hier würde es ein Unglück geben, wir kennen Sie lange genug.?
Ich mu?te mich fügen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach Taranto.
Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend, das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem Getier wimmelte.
Fl?he gab es wie Sand am Meer, Milliarden gro?er Fl?he, deren Bi? furchtbar war.
Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafr?ume, in denen wir eine Nacht verweilten.
Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten mu?ten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg gro?er schwerer Steine, und w?hrend die eine H?lfte der Strafgefangenen exerzierte, mu?te die andere H?lfte die Steine in die andere Ecke des Hofes tragen; dann mu?ten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder zuschütten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und n?rrischer waren die, welche es uns befahlen.[57]
Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen K?lte, dem klatschenden Regen, dem Sturm ausgesetzt, da? uns H?nde und Gesicht anschwollen, da es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne zu w?rmen – so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene teuflischen Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht seien sie!!!
Fortw?hrend gequ?lt, schlecht gekleidet, ungenügend ern?hrt, unsauber, zehn Stunden t?glich mit schwerer Arbeit geplagt – es war ein Leben, um sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten gelegt und an die Wand gebunden, weil ich w?hrend des zehnstündigen Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es würde ein Mann von Genie, von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, um die Gr?uel dieser elenden Gruft zu schildern, um die sch?ndlichen tyrannischen Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die Ergebenheit der armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen.
Italien! Du gro?er Name, Du gro?e, freie und unabh?ngige Nation! Aber die meisten, die Du so als freigebige Mutter ern?hrst, sind Tyrannen, Despoten, Schinder, und dadurch, da? Du sie duldest, erniedrigst Du Dich zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne.
Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem Kommandanten vor und sagte ihm, da? ich unschuldig verurteilt w?re, er antwortete:
?Faule Ausrede!?
Ich bat ihn, mir zu gestatten, da? ich eine Eingabe an das Milit?rgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es.
Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die Mitteilung, da? der Korporal Alfonso S... am 2. Januar 1879 zu sieben Jahren Gef?ngnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes an den Feldwebel V... und wegen falscher und verleumderischer Aussagen gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden.
Und wer entsch?digte mich für das Jahr Gef?ngnis, das nun bald verbü?t war? Wer tr?stete mich für die Leiden, die ich erduldet?
Die Hand Gottes.
Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschütterlich vertrauen, dann schützen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund des Nichts zu stürzen.
Es ist nicht wahr, da? die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majest?t des Ewigen.
Es ist ein Geheimnis, ein unl?sbares R?tsel wie Belsazars Menetekel.
Ich bat den Kommandanten, da? er mir erlauben m?chte, an Teresina M... zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht zu.
Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefühl jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Sch?ndlichkeit des S... leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben, stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!...
Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig überliefert.
Gem?? Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879 zugeschrieben.
Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche Soldaten einrangiert, welche unwürdig waren, dem Heere anzugeh?ren und welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten.
Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten Gir..., einen Vetter des Gir..., den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch seinen Vetter über mich unterrichtet, so da? man in der Strafkompagnie meine Antecedentien kannte.
Als ich auf dem Lido angekommen und in den ?Serail? genannten Teil der Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung, einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon.
Gir... trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen.
Einige Soldaten, die aus der Gef?ngniszeit her eng mit mir befreundet waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren.
Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ... verriet mir den Anschlag der Piemontesen, die sich r?chen wollten, weil ich ihren Landsmann, den Vetter Gir...'s beim Regiment mi?handelt hatte.
Mir mi?fiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein b?ser Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune.
Was thun?
Wenn ich still bin, so glauben sie, da? ich Furcht habe und reizen mich erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so k?nnen die schlimmsten Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und b?se Gedanken k?mpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken beschlo? ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu stellen: Welchen Schlu? hat dieses
düstere Drama?
Dritter Teil.
In der Strafkompagnie.
Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gew?hnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verst?ndlich zu machen.
Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich ?stlich von der Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und den Namen Lido tr?gt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu hindern. Aber au?er seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche Angriffe und au?er seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie Scharen von Besuchern empf?ngt. Verborgen blüht die Rose zwischen den Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde kü?t und die V?gel ihre sehnsüchtigen Melodien ert?nen lassen – und in den düsteren Zellen der Kaserne seufzt der Verworfene.
Die tr?ge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in wollüstigen Umarmungen die sch?nen venezianischen Sylphiden und erglüht unter ihrem verliebten Blick – und sie führt die Klagen und Thr?nen der Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von meinen Lieben, und k?mpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft wieder aufzurichten.
Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu tr?sten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte – es vermehrte nur die Empfindung meines Leidens.
O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.
Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es vermagst, die Thaten jenes Despoten, der v?terliche Gefühle und kindliche Liebe mi?achtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom h?uslichen Herd hinwegri?, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu sch?nden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen deuten, welche in dieser Sph?re ert?nten, wo Kummer, Qualen, Ketten und der Wille eines gesetzm??igen M?rders den Herzen der jungen Soldaten alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück stürzten.
Wie gesagt mi?fiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat meinen Freund Civ... mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich n?tigenfalls verteidigen zu k?nnen; er brachte mir einen langen dreieckig geschliffenen Dolch.
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schm?hreden, aber ich sagte:
?Herr Kommandant, ich bin nicht gew?hnt, Vorwürfe zu h?ren; wenn Sie meinen, da? ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur Verfügung.?
?Wissen Sie, M..., ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie meine S?hne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und Brot. Ich wünschte von Herzen, da? Ihr alle in B?lde Eure Familien, Freunde und Bekannten wiedersehen k?nntet. Sie sind ein verst?ndiger junger Mann, und es w?re eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen. Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht auf mich.?
Guar... Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus reich, wegen einer unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und war zur Zeit Hauptmann.
Er war ein z?rtlicher Vater den Soldaten gegenüber, menschenfreundlich, wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei S?hne. – Die Strafkompagnie war eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gel?rmt – kurz, wir machten, was wir wollten.
Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:
?M..., nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.?
Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken – wie konnte ich das Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden.
Endlich entschlo? ich mich, der Sache ein Ende zu machen.
Am Abend sa?en die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her – kurz, jeder war auf seine Weise besch?ftigt.
Ich rief meinen Freund C... und lie? mir den Gir... zeigen, der haupts?chlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte.
Er führte mich unter einen S?ulengang und zeigte mir einen langen hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher Entschlu? fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit.
?Also Sie sind die Seele der Verschw?rung gegen mich, Sie wollen mir ans Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute, damit ich denen dasselbe sagen kann!?
Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, w?hrend Gir... angstvoll rief:
?M..., was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen gesprochen.?
?Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.?
Auf unser lautes Gespr?ch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten.
?M..., was machen Sie?? rief der, welcher mich festgehalten hatte. ?Ich bin Esp..., Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M..., Sie machen sich unglücklich.?
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erz?hlte ihm freimütig alles, was vorgekommen war.
Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, da? ich ihn nicht von Anfang an unterrichtet h?tte. Er versammelte die Piemontesen und meine Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein z?rtlicher Vater zu seinen geliebten S?hnen unter so traurigen Umst?nden sprechen kann.
?Und jetzt,? schlo? der würdige Offizier, ?jetzt gebt Euch das Pfand des Friedens, der Eintracht, der Brüderlichkeit. Gir..., umarmen Sie Ihren Kameraden M...?
Wir kü?ten und umarmten uns, Gir... hielt seine Thr?nen mit Mühe zurück.
?Morgen ist Sonntag,? sagte der Hauptmann, ?ein Festtag für Euch. Ihr werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G... hat Befehl, für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel zusammenstellen, die B?nke k?nnen als Sitze dienen, für Tischw?sche, Gl?ser u. s. w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens, der Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, M..., sammeln das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G..., wer kein Geld hat, mag sich an mich wenden. Sie, Gir..., nehmen M... unter den Arm und gehen spazieren. Rührt Euch!?
Ein Beifallsturm, H?ndeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.
Am folgenden Tage wurde eine gro?e Tafel im Hof hergerichtet, wie der edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen Mahl teil, die Becher füllten sich mit sch?umendem Toskanerwein; die Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin – die Gl?ser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere Gesundheit, Hochrufe, H?ndeklatschen und Lachen ert?nte aus der freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in Versen aus.
Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche St?rung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich hatte mich über meine vergangenen Leiden getr?stet und geno? ein friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen Genossen.
Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, da? meine Familie sich beschwert habe, da? ich so lange nicht geschrieben habe und trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach Hause zu geben.
Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe zwei Jahre her, da? die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so hei?es Verlangen nach mir zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als da? er hoffte, ich sei tot, und er k?nne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der th?richten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.
Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht z?gern, wie konnte ich auch, da er mich t?glich mit Beweisen seines Wohlwollens überh?ufte. So schrieb ich denn folgenden Brief:
?Geliebter Schwachkopf!
Denkst Du noch an den sch?nen Brief, den Du mir nach Salerno schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit, deiner Hartherzigkeit? – Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu fühlen. Morgens bekomme ich eine pr?chtige schmackhafte Suppe und ein gro?es Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist; Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und was will man mehr?
Wir leben hier auf einer Insel nahe der K?nigin der Meere, einer gro?en, sch?nen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir sch?kern mit den rosigen, sch?nen Venezianerinnen, wir trinken unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, – was will man mehr!
Wir haben Geld genug, sch?ne Bankscheine, um uns vergnügen zu k?nnen und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den Hunger!
Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenm?nner, was kann man mehr verlangen?
Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das m?ge Dir genügen. Und wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf Erden herumkriecht.
Lido, Venedig 10. April 1879.
Dein (!)
Antonino M...?
Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt nichts, es war alles wahr.
Wir hatten eine pr?chtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen gro?en viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das n?tige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzw?lf Lire und achtundachtzig Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!
Ich erinnere mich, da? ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten Gasparone spielte, ich war als kalabresischer R?uber gekleidet, mit hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit gro?en vergoldeten Kn?pfen geschmückt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppell?ufige Flinte über dem Rücken, einen gro?en Revolver und einen langen Dolch an der Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten, Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in überflu?: Rum, Wermut, Bier, Wein und Cigarren, so da? es für die ganze Woche reichte; alles wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:
?Haben Sie Geld??
?Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.?
?Nein, in Venedig ist das nichts,? und er nahm einen Fünflireschein heraus und gab ihn mir.
Seine B?rse war stets für alle ge?ffnet, und wenn man ihm das Geld wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mu?te er von der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um Luft zu sch?pfen.[58]
Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, da? er achtzigtausend Lire j?hrliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum, den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner gro?en Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und w?re ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erz?hlte mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen ich einige mitteilen will.
Als Hauptmann Guar... noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich in ein M?dchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem Verm?gen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens liebte; die Frucht dieser Liebe war ein S?hnchen, das Ebenbild des Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, da? seine Gattin ihn betrog.
?Unm?glich?, antwortete er, ?Virginie, meine geliebte Virginie kann mich nicht verraten.? Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der ihm mitgeteilt hatte, da? seine Virginie ein unerlaubtes Verh?ltnis mit einem Lasttr?ger hatte – der arme Lieutenant wurde von Guar... erstochen.
Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, da? er verreisen müsse; er kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so da? er h?ren konnte, was dort vorging.
Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren h?uslichen Angelegenheiten besch?ftigt.
Endlich gegen Abend h?rte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende Worte:
?Ettore, sü?er Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich m?chte dich immer in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich liebe ihn nicht. La? uns fliehen, Ettore, nach Verona; da k?nnen wir in Freiheit unser Glück genie?en.?
?Nein sü?e Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu ... Wie sch?n Du bist, gieb mir einen Ku?!?
Er h?rte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern.
Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit einander; G... blickt durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit ihrem Geliebten.
Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, niemand antwortet. Endlich ruft er:
?Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.?
Die Thür wird ge?ffnet, Virginia erscheint und sagt:
?Wie, Du bist nicht fort??
?Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!?
?Hier bin ich,? antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. ?Sie befehlen??
?Nichts, lieber Ettore,? antwortete der Lieutenant, ?nur Ihre Hand.?
Sie reichten sich die H?nde, Virginia lag auf den Knieen und zerflo? in Thr?nen. Herr G... ?ffnete sein Portefeuille, nahm zehn Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte:
?Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei mir.?
Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G... wurde ohnm?chtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt.
Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, da? er sich das Leben nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar... nahm die Kassenschlüssel, ?ffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister sechs Tausendlirescheine und sagte nur:
?Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernünftig!?
Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre sp?ter arm und elend in einem Irrenhaus; G... heiratete ein anderes M?dchen aus dem Volke von schlechten Gewohnheiten und unregelm??igem Lebenswandel. Ehe er sie heiratete, sagte er:
?Clelia? – so hie? sie, ?ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine Ehre, meinen guten Ruf in Deine H?nde; willst Du mir treu sein, willst Du ein neues Leben beginnen??
Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar ihm ein sü?es T?chterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia, der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man, umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.
Folgen wir dem Faden unserer Erz?hlung.
Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein, ich wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann.
?Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom Schlaf übermannen lassen – es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. – Ist Ihnen nicht wohl??
?Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.?
?So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr Gewehr.?
Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm, da? ich krank sei und befahl, mich abl?sen zu lassen.
So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett.
Derartiges kam ?fter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die im sü?esten Schlummer ihr Bett verlassen mu?ten, klagten nicht, sondern erwiesen sich als gute Kameraden.
Man mu? wissen, da? ein Soldat, der auf Wache einschl?ft, mit sechs Monaten Kerker bestraft wird.
Es würde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer M?nner von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer w?hrend der vier langen Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame B?nde lie?en sich darüber schreiben. Ich beschr?nke mich darauf, die bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorf?lle kunstlos niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.
Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine Gef?hrten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen, kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol... Pag..., in der Litteratur unterrichtete mich Luigi Mastr..., ebenfalls ein Neapolitaner, in der Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt...
Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen meiner Gef?ngnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darüber aussprach, da? es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte mir zw?lf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam regelm??ig meine zw?lf Lire.
Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M..., erhob sich ein Streit, in dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte:
?Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchth?usler, eine verkommene Bande!?
Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mu?te ger?cht werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unversch?mten mit aller Gewalt auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flüche und Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten hinzugekommen w?ren und der Wirt sich eingeschlossen h?tte, wer wei? was für Unheil entstanden w?re.
Dem armen Wirt war der Sch?del zerschlagen, ich wurde acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt.
über meiner Zelle sa? ein gewisser Liur... in Arrest, der mir durch eine Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser Scar... aus Bologna und ein Cec... aus Benevento. Der Lieutenannt Gui... war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und als er vor der Kaserne stand, zog er seinen S?bel aus der Hose heraus und zerbrach ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens Per..., der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte:
?Du bist ein elender Hund!?
W?hrend ich im Gef?ngnis sa?, h?rte ich eines Morgens ein Ger?usch, als ob zwei Personen mit einander k?mpften und vernahm die Stimme eines Kameraden, der sagte:
?Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen.?
Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten; w?hrend er sie las, war der aufsichtsführende Sergeant gekommen und hatte ihm das Blatt wegrei?en wollen; Liur... aber hatte das Papier in den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefa?t.
Die Sache wurde gemeldet und Liur... wegen Insubordination vor Gericht gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen.
Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte mich nach dem Schicksal des Liur..., niemand wu?te, da? er das anonyme Schreiben verfa?t hatte, nur Cec... und Scar... traten gegen ihn auf, und beide waren von früherher mit ihm verfeindet.
Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt worden? Hatte denn jenes sch?ndlichste Ungeheuer, der Korporal S..., Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, da? auch Liur... unschuldig verd?chtigt und verleumdet war? Genügt die überzeugung von der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59]
Ich beschlo? der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, da? Cec... und Scar... ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor, den einen durch den andern entlarven zu lassen.
Ich rief den Soldaten Cec... und sagte:
?Cec..., wir sind gute Freunde, ich wei?, da? Du aus guter Familie bist; hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter entlassene Str?flinge (als ob ich aus dem Colleg herk?me); wie w?re es, wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schl?ssen und zusammen lebten??
?Mit Vergnügen, lieber M..., aber ich mu? Scar... sprechen, mit dem ich, wie du wei?t, seit langem zusammen lebe.?
?Sehr wohl, sprich mit Scar...?
Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur... war nach dem Milit?rgef?ngnis zu Venedig geschafft und hatte mich als Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer n?her.
Ich sagte beim Promenieren zu Cec...:
?Cec..., Du giebst viel Geld für den Scar... aus, der ein Schwindler ist; mir, der ich Dein Bestes will, mi?f?llt das; es ist eine Schande, da? Du Dich von dem Heuchler ausbeuten l??t.?
?Wei?t Du, M..., Du hast Recht; Scar... ist ein scheinheiliger Hund, er ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein schneiden kann.?
?Was, ihm, der ?rmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun, heute Abend mu? er sie Dir wieder geben.?
Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem wir unser k?rgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec... sein Geld; Scar... legte sich auf's Beteuern, da? er nichts habe, Cec... wurde wütend und das Ende vom Liede war eine gro?e Schl?gerei zwischen beiden, von der der Wirt den gr??ten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr, Flaschen und Gl?ser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde schieden sie.
Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar... heran und sagte:
?Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr nützlich sein kann, aber verrate mich nicht.?
?Nein, M..., auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec... ist ein ungebildeter Hansnarr.?
?Cec... sagte mir, da? Du ihn angestachelt h?ttest zu sagen, da? Du gesehen h?ttest, wie Liur... die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben hatte; da? er ...?
?Der Sch?ndliche!? unterbrach er mich, ?der M?rder, der Verr?ter; er hat mich verleitet, das zu sagen; ich wu?te von nichts, ich habe nichts gesehen.?
?Nun sch?n, Scar..., h?re mich an und unterbrich mich nicht: Cec... sagte, da? Du die direkte Ursache von Liur...'s Ruin bist, wenn das die Richter wü?ten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit, da? er vor Gericht aussagen will, da? Du ihn zu der falschen Beschuldigung verführt h?ttest.?
?Ganz im Gegenteil, der Verr?ter hat mich verführt, er hat den armen Liur... ruiniert.?
W?hrend ich mit Scar... sprach, beobachtete Cec... uns von weitem und verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt h?tten.
?Scar... hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen?, sagte ich, ?den er dem Verteidiger Liur...'s schicken will, in dem er seine erste Aussage widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.?
Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec... geriet in furchtbare Erregung und wollte von Scar... Genugthuung verlangen, aber ich hielt ihn zurück und sagte:
?Cec..., h?re zu; wir wollen vor dem Milit?rgericht eine sch?ne Posse aufführen: Du darfst nicht sagen, da? Du die Absicht des Scar... kennst; ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar...'s einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall ist, mu?t Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar... erz?hlen und mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt sein und als Verleumder erkannt werden.?
?Vorzüglich, M..., vorzüglich ausgedacht.?
?So bleibt es dabei.?
Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec... zu mir heran und sagte:
?Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, da? er vor einigen Tagen in Scar...'s Auftrag einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat. Vergi? nicht, Cec..., alles vor Gericht zu erz?hlen und rufe mich und den Wirt zu Zeugen an.?
Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus:
?Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur..., der sich fast t?glich beklagte, da? er von den Chargierten so viel auszuhalten h?tte. Eines Morgens h?rte ich ein Ger?usch, als ob zwei Menschen miteinander ringen und h?rte, wie Liur... sagte: Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. – Das ist alles, was ich aussagen kann.?
?Sagen Sie, M...,? fragte der Pr?sident, ?ist es wahr, da? Sie dem Soldaten Cec... gesagt haben, da? der Soldat Scar... Ihnen einen Brief gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur... gerichtet war, und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur... mitzuteilen, da? er seine erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, da? Sie das alles gesagt haben??
?Wie, Herr Pr?sident,? antwortete ich, indem ich den Dummen spielte, ?ich verstehe nicht, was Sie fragen.?
Der Pr?sident wiederholte das ganze Gew?sch.
?Ich!? antwortete ich entrüstet, ?ich soll das dem Cec... gesagt haben? Das ist eine Verleumdung, eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec... über die ganze Angelegenheit gesprochen, er mu? getr?umt haben oder reif für die Zwangsjacke sein!?
Cec... wird aufgerufen und erz?hlt die ganze Geschichte.
?Was?? rufe ich emp?rt, ?Du bist ein Betrüger, ein elender Verleumder, Du hast den armen Liur... auf die Anklagebank gebracht!?[60]
Der Pr?sident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erkl?rt selbst, die Anklage nicht aufrecht erhalten zu k?nnen, der Verteidiger spricht lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten.
Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer Beratung wird Liur... freigesprochen.
Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, da? ich von dem Gericht zu Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu unterstützen, da? mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet würde.
Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, lie? sich Abschriften der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die Antwort, da? ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung aufgehoben werden k?nne, da? meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben werden k?nne.
So waren meine Hoffnungen zerst?rt und ich mu?te mich in das Geschick fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein gro?er Arbeitsraum in dem Kommandogeb?ude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei aus, ich mu?te mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten und bekam au?er der Soldatenkost fünfzig Centesimi t?glich. Hier blieb ich zwei Monate, w?hrend dieser Zeit schlo? ich enge Freundschaft mit dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm:
?Rom...,? so hie? er, ?w?re es nicht m?glich, im Bureau eine hübsche kleine F?lschung zu machen, die mir sehr nützlich sein k?nnte??
?Was für eine F?lschung?? rief er, die Augen aufrei?end und mich anstarrend.
?Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, k?nnten wir daraus nicht 1868 machen??
?Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere bringen??
?Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, da? Du noch ein Neuling in diesen Dingen bist.?
An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich lie? nicht nach, bis ich ihn verführt.
Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranla?te ihn mehr zu trinken als gew?hnlich und als es mir schien, da? der Weinrausch ihn umnebelt hatte, fing ich von neuem von der F?lschung an.
Wir gingen hinaus, er sagte:
?M..., warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.?
Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache ging gut.
?Komm,? sagte er, ?im Bureau ist niemand.?
Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm eine Cigarre, wir traten in das Bureau; er schlug das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei dem die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem Federmesser kratzte ich die unversch?mte 9 aus und setzte eine liebliche 8 an die Stelle.
Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf gingen wir in ein Café und dachten über unsere That nach.
Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom fortgeschickt und kam zum Lido zurück.
Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort einem der Forts zugeteilt, welche Venedig umgeben.
Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten Soldaten war: niemand ohne Erlaubnis des Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke t?glich und einige Male Nachts zu überwachen, zu verhindern, da? irgend wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, niemand an den Festungsgraben kommen zu lassen und das Fischen darin zu verhindern; das Fort sauber zu halten und auf das Losungswort zu antworten.
Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem Lido geschickt; dieses Fort war ganz von Wasser umgeben; ein Boot, das von einigen Schiffern, Soldaten aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der N?he vor Anker; der Chef der Wache war ein alter Veteran.
Hier führten wir ein patriarchalisches Leben, in der fortw?hrenden Einsamkeit betrachtete man t?glich die Schlechtigkeit der Menschen, die Sch?nheit der silbernen Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser b?sen Welt, die Sch?nheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah man Venedig in seiner ganzen Gr??e, die flinken Gondeln huschten zu hunderten über die klare, krystallhelle Flut, man sah den Lido mit seinen hohen Bollwerken und gro?en Kanonen, man sah die anderen Forts, die wie kleine Erdhügel hier und da verstreut lagen.
Ein gro?es Genie würde dazu geh?ren, um diese entzückenden Wunder der Natur und der Menschenhand zu beschreiben.
Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las Romane und schrieb einige Sachen, die ich meinem Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte.
Dann kam Befehl von der Strafabteilung, da? die Detachements in den Forts abwechseln sollten, indem jeder Soldat acht Tage lang dableiben sollte; infolge dessen mu?te ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder zur Kompagnie zurück und ein anderer nahm meinen Posten ein.
Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler Hauptmann Guar... wurde als Direktor des Milit?rgef?ngnisses nach Savona versetzt.
Wir waren darüber sehr ungehalten und beklagten den schmerzlichen Verlust lebhaft.
An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro Ter..., ein bestialischer, b?sartiger Mensch. Dieser Henker hatte Weib und Kinder; er war ein schrecklicher unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine Bestie von Natur und Charakter, launisch, h?misch, bockbeinig wie ein Esel; immer bereit, B?ses zu thun, wurde er eine wahre Gei?el für uns arme Soldaten. Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das menschliche Leben, so ?ndern sich die Dinge in einem Augenblick.
Zehn Stunden t?glich ward exerziert mit dem Gewehr im Arm und dem Tornister auf dem Rücken.
Unsere Soldaten hatten Zündnadelgewehre, ein altes Modell, welches nicht scho?, krumme, unbrauchbare Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen, durften wir nur den Gürtel umschnallen, keinen S?bel, statt des Helmes trugen wir die Mütze.
Wie gesagt: zehn Stunden t?glich exerzieren, im Sommer unter der sengenden Sonnenglut, im Winter im Schnee, im Regen, im Schmutz – und wie auch das Wetter war, immer mu?ten wir zehn Stunden exerzieren.
Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem Ring zusammen, unaufh?rlich regnete es Strafen, die Arrestzellen waren überfüllt, rostige und schimmelige Ketten wurden den ?rmsten angelegt, sechzig Tage mu?ten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zu langj?hrigen Strafen verurteilt.
Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und Scherzen – alles war vorbei; wehe dem, der noch daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte.
Er sei verflucht!
Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, die für k?rglichen Sold gekauft war; die Chargierten folgten dem Beispiel der sch?ndlichen Bestie, sie hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar... in den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen, ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der legitime Schinder verurteilte stets, ohne Erbarmen, er h?rte auf keinen Einwand, sondern sagte: ?Der Soldat legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!?
Er sei verflucht!
Weil ich w?hrend des Exerzierens mit meinem Nachbar ein einziges Wort gesprochen hatte, verurteilte er mich zu drei?ig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.
Er sei verflucht!
Ein so trauriges Leben führten wir unter dem Kommando des Hauptmanns Alessandro Ter... verfluchten Angedenkens, nach soviel Glück, Frieden und Fr?hlichkeit gerieten wir in Trübsal, Kummer und Unglück.
Das Essen war schlecht, ungenie?bar, der Mehlbrei war trocken und schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot trocken, schwarz und ungar, alles war schlecht, nach soviel Glück gerieten wir in soviel übel.[61]
Ich wiederhole es, es würde die Feder der gr??ten M?nner erfordern, um die Sch?ndlichkeiten, die Grausamkeiten, die Schindereien zu schildern, deren der Hauptmann Alessandro Ter... uns aussetzte.
Er sei verflucht!
Meine Freunde Frol..., Mastr..., Perlil..., Ata... und andere junge Leute von Bildung und Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform, dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben hatte, als ihm t?glich ein neues Horn auf den Kopf zu pflanzen; sie hielt es mit dem Feldwebel, und er, der uniformierte Hahnrei wu?te alles und war stolz auf die pr?chtigen H?rner, die auf seiner M?rderstirne prangten.
Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth des Jammers, Gott wei? wie; ich war pünktlich und aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male wurde ich von dem Hauptmann Alessandro Ter... wegen nichtiger Vorw?nde in strengen Arrest geschickt, und verbrachte zwanzig, ja drei?ig Tage bei Wasser und Brot.
Er sei verflucht!
Ein niedertr?chtiger Lieutenant, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein Lilliputaner, Antonio Car..., eine Bestie noch unter dem Vieh, der nicht einmal italienisch sprechen konnte, sondern nur seinen breiten piemontesischen Dialekt kauderw?lschte, hatte es auf mich abgesehen und tadelte und meldete mich, wo er konnte.
Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen hatte, ohne ihn zu grü?en und dieser Schinder, Alessandro Ter..., verurteilte mich zu fünfundzwanzig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.
Er sei verflucht!
Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der verfluchten Dienstzeit einen gro?en, tragischen Abschlu? zu geben, so sehr hatte mich die Strafe erbittert. Ich ging in eine Schenke und go? mir einen Liter Wein in den Magen, und als ich merkte, da? die Weindünste mich umnebelten, ging ich nach Hause, holte meinen Dolch und legte mich angekleidet zu Bett. Der Lieutenant mit dem Affengesicht hatte die Ronde; er mu?te gegen Mitternacht in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles still war und ob die Lampen ordentlich brannten.
Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte mich auf der Treppe auf, wo der Offizier vorbei mu?te, entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in den Rücken zu springen und ihn zu durchbohren.
Ich h?rte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, aber es war mein Kamerad Mastr..., der sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt war, seine Decke geholt hatte – würde er entdeckt, so w?ren ihm vierzehn Tage Wasser und Brot gewi?, auf Anordnung des hochedlen Hahnreis Alessandro Ter...
Er sei verflucht!
Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr... vorbei, kam mit seiner Decke zurück und ging wieder heraus. Es war Winter, es schneite in gro?en Flocken, im Hof lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufh?rlich senkten sich die Flocken herunter.
Alles war still, einf?rmig drangen die Schritte des Nachtpostens an mein Ohr.
Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, die Grabesstille, das Schneien, das Dunkel und die jetzt lauten, jetzt verhallenden Schritte der Schildwache machten mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschlu? wurden Herz und Seele matt.
Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter L?rm entstand in der Wachtstube, ein Kommen und Gehen von Soldaten, Waffengeklirr, ich trat an die Fensterbrüstung und sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich bewaffnete Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie kamen herein unter Anführung des Lieutenants mit dem Affengesicht, sie stiegen die Treppe hinauf.
Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die Stiefel aus und renne barfu? in meine Kammer.
Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete mich rasch und zog die Bettdecke über, dann that ich, als ob ich friedlich schlief. Der Lieutenant trat ein mit seiner Begleitung, die Betten wurden gez?hlt, an mein Bett trat er heran, lüftete die Bettdecke und sah mich an.
Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde das neue Gewehr, Modell 1870 Wetterli, erkl?rt wurde, rief der Lieutenant mich heraus.
?M...?, sagte er, als wir allein waren, ?Sie haben gestern Nacht versucht, mich zu ermorden.?
?Ich, Herr Lieutenant! ich h?tte versucht, Sie, einen Vorgesetzten zu ermorden??
?Genug, M..., ich wei? alles, bedenken Sie, da? ich eine zahlreiche Familie zu ern?hren habe, die ohne mich, da ich kein Verm?gen habe, ihr Brot auf der Stra?e erbetteln mü?te. Ich meinerseits habe gefehlt, indem ich Sie ?fter getadelt und gemeldet habe, Sie, indem Sie das gro?e Verbrechen auf sich luden, mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus, ich werde die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir wollen gute Freunde bleiben, einverstanden, M...??
?Ja, Herr Lieutenant?, antwortete ich.
Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckersü? zu mir und übte alle m?glichen Rücksichten gegen mich.
Und wie hatte er es erfahren, da? ich ihn t?ten wollte?
Mein Kamerad Mastr... hatte mich gesehen, als er seine Decke holte und aus dem Umstande hatte er meine Absicht erraten; er begab sich zu dem Lieutenant und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umst?nden seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt warnte, so gesch?he es, um ihn vor Schaden zu bewahren; morgen k?nne man ihn auf die Folter spannen und er würde kein Wort sagen.
Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und aus nichtigen Gründen wurde ich bestraft, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und gingen jahrelangen Kerkerstrafen entgegen.
Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und qu?lte mein Hirn, um nicht in irgend eine Schlinge zu geraten.
Nie werde ich die Kaltblütigkeit meines Freundes Frol... vergessen.
Eines Abends sa?en wir in der Schenke, mehrere Soldaten und ein Sergeant von unserer Kompagnie, und sprachen bei einem Becher Wein und einem Stück Brot über Politik, dabei war Frol... anderen Sinnes als der Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schlie?lich gab der schuftige Sergeant dem Frol... eine m?chtige Ohrfeige auf die rosige Wange. Frol... blieb ruhig und kalt, l?chelnd bat er den Wirt um eine Schüssel mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch sich das Gesicht, füllte sein Glas und stie? mit dem Sergeanten an, indem er sagte:
?Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf uns armen Sünder!?
Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit schamrotem Gesicht ging er von dannen.
Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er rief Frol..., fa?te ihn am Arm und sagte:
?Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer Trotzkopf, aber wir werden Ihnen Ihren Starrsinn austreiben: Sie haben drei?ig Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... nicht vergessen.?
Er sei verflucht!
Die Entdeckung.
Ein ministerieller Erla? ordnete an, da? die Soldaten der Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten Gef?ngnis bestraft waren und der Aushebungsklasse 1868 angeh?rten, auf dauernden Urlaub entlassen werden sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich und sahen ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser H?lle entrinnen konnten; auch ich freute mich, aber nicht ganz aufrichtig, denn ich wu?te, da? etwas dabei nicht ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit hatte ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, nachdem ich dreizehn Jahre lang von Hause entfernt war, gut gebrauchen konnte. Denn zu Hause war ich sicher, nichts vorzufinden, wie w?re das m?glich, da mein Bruder vor Hunger starb und im tiefsten Elend sa?. Der ?rmste!!...
Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche auf dauernden Urlaub gingen, sie wurden zusammengerufen und ich mit; mein Herz schlug heftig, die Beine trugen mich kaum, mein Geist war trübe und verwirrt. Warum? Ich wu?te es selber kaum.
Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den Drillichanzug behielten wir, auch die Waffen wurden uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben acht Lire und fünfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen Tag herrschte ein Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig Mann.
Am Abend wurde uns der Pa? ausgestellt, unser Guthaben ausgezahlt und das Fahrgeld für die Eisenbahn übergeben. Als der Hauptmann mich sah, sagte er:
?Es thut mir leid, da? Sie schon fortgehen, ich h?tte Sie gerne noch etwas l?nger hier gehabt, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... nicht vergessen.?
Er sei tausend Mal verflucht!
Am n?chsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine Kameraden umarmt hatte, von Venedig dritter Klasse nach Bologna ab; die meisten fuhren nach Florenz, ich allein mit einem Gef?hrten nach Ancona.
Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna gingen wir in eine Schenke, dort lie? ich mir einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen Drillichanzug, w?hrend ich mich in meinen sch?nen Zivilanzug kleidete. Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, Binde, Mütze, ja sogar das Taschentuch, um durch nichts mehr an den Hauptmann Alessandro Ter... erinnert zu werden.
Er sei tausend Mal verflucht!
Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte:
?Da, i? und trink, und wenn jemand Dich fragt, wer Du bist, dann sage, Du bist aus der ersten Strafkompagnie entlassen.?
Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad:
?Dem hast Du was sch?nes eingebrockt!?
?Wieso??
?Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet sein wird.?
?Unm?glich!?
Tags darauf reiste mein Gef?hrte nach Ancona ab; ich fuhr nicht mit, nicht eigentlich um mir Bologna anzusehen, sondern weil es mir Vergnügen machte, allein und von niemandem gekannt, zu reisen.
Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte an meinen Bruder um Geld, worauf ich eine telegraphische Anweisung über zwanzig Lire empfing; dann reiste ich weiter.
In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich in mein Taschenbuch, da? ich auf Ministerialerla? vom 7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf dauernden Urlaub entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage auf, von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen Bruder um Geld; hier blieb ich sechs Tage, da ich einen Unglücksgef?hrten traf, mit dem ich in Lucera zusammen im Gef?ngnis gewesen war. Am siebenten Tage ging ich zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, als der Schaffner, welcher die Fahrkarten zu durchlochen hat, mich nach meinem Billett fragte, und nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte:
?Sie sind Soldat??
?Ja.?
?Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu reisen??
?Nein.?
?Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen wie jeder andere Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren lassen.?
Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und gab mir unrecht. Ich mu?te aussteigen und überlegte was zu thun sei. Ich h?tte mich ja bei der Milit?rbeh?rde melden k?nnen, aber in meinem Pa? war angegeben, da? ich wegen schlechter Führung unter Aufsicht stand.
Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das hatte ich nicht, in Foggia konnte ich nicht bleiben – was war da zu thun?
Endlich fa?te ich mir ein Herz und begab mich zur Milit?rbeh?rde, wo der Oberst mir den Vermerk in den Pa? schrieb, da? ich Zivilkleider tragen dürfe. Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich nach Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach Pizzo. Von hier lie? ich mich in einem Boot nach meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco Antonio, der ?lteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich betrete das Haus meines verstorbenen Vaters, es war Abend und die Nacht brach heran, mein Bruder umarmte mich und weinte vor ?rger, da er gewünscht hatte, da? ich das v?terliche Dach nie wieder gesehen h?tte; aber ihm lachte ja noch der sü?e Trost, da? ich von M?rderhand fiel oder an der Schwindsucht in irgend einem Krankenhause verendete.
?Wie Du elend aussiehst,? sagte er, tiefen Schmerz heuchelnd.
?Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das Unglück aus, es ist das Werk des Hauptmanns Alessandro Ter..., der tausendmal verflucht sei; aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon elender als jetzt, und unter Eurer Pflege werde ich bald wieder frisch und rund sein, eine Zigeunerin hat mir in Genua prophezeit, da? ich ein Baum sei, der in jedem Sturm zerzaust würde, aber da? ich mich bald wieder mit Blüten und hellem Grün bekleiden würde.?
Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, zerlumpt, barfu?, halbtot vor Hunger und Durst – es waren die Kinder meines Bruders.
Ich sah seine würdige Gemahlin, Donna Michela, ein Weib wie ein Kürassier, wenn sie ging, zitterte der Boden unter ihrem gro?en, schweren Fu?, sie war kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie mich ansah; stets hingen ihr die fetten Brüste aus dem ge?ffneten schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus.
Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte Nonnen vor, es waren die Schwestern meines armen verstorbenen Vaters.
Mehrere Tage hindurch qu?lte eine schreckliche Krankheit ein Glied meines K?rpers, ich legte mich zu Bett und rief den Doktor Antonino di Vita, doch die Schmerzen wurden st?rker und zerrissen mir das Herz. Als ich endlich auf dem Wege der Besserung war, erhielt der Bürgermeister unserer Stadt die niederschmetternde Nachricht, da? ich auf Anordnung der Milit?rbeh?rde sofort zurück geschickt werden solle, da ich irrtümlich auf dauernden Urlaub gegangen sei.
Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung kannte keine Grenzen, mehrere Male setzte ich den kalten Lauf meines Revolvers an die Schl?fe und war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber ein anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe und leide!
Ich schickte ein ?rztliches Attest, da? ich nicht reisen k?nne und bekam vierzehn Tage Aufschub.
Nach diesen vierzehn Tagen mu?te ich abreisen, um unter die Knechtschaft des Tyrannen zurückzukehren, um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer und Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser und Brot herrschen und jener sch?ndliche Hauptmann Alessandro Ter...
Er sei tausend Mal verflucht!
Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbüchse über die Schulter, einen Revolver an der Seite, zwei Pistolen in der Tasche, einen langen Dolch und S?bel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer alten Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen Gefilde von Daffina, entschlossen, die Karabinieri über den Haufen zu schie?en, wenn sie mich verfolgen sollten.
Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro h?tte melden müssen, jetzt war ich Deserteur.
Nach sieben Tagen entschlo? ich mich, das Schicksal walten zu lassen, ich ging nach Catanzaro und stellte mich der Milit?rbeh?rde. Hier gab man mir mein Reisegeld und ich machte denselben Weg zurück, den ich vor zwanzig Tagen gefahren war.
Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen dritter Klasse waren voll von Soldaten, die fr?hlich sangen; auf den Stationen war ein Dr?ngen, ein Gehen und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begrü?en; fr?hlich, jauchzend trennten sich die Kameraden, es war die Klasse 1868, die entlassen war; nur ich, der ich derselben Klasse zugeh?rte, mu?te zum Regiment zurück! Welch trübes Verh?ngnis konnte mich erwarten unter der Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des Hauptmanns Alessandro Ter...?
Er sei tausend Mal verflucht!
Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu beschreiben; denn gewisse Schmerzen fühlt man zwar, aber man kann sie nicht ?u?ern; die Furien der H?lle bem?chtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, ich zerbi? mir die H?nde, die Arme, ich ri? mir das Haar aus und rannte mit dem Kopf gegen die Wand, ich schlug mir mit den F?usten vor die Stirn und stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den Gesang, das Stimmengewirr zu h?ren; ich war neidisch auf deren Glück, ich wünschte taub und blind zu sein.
Nach einer langen und anstrengenden Reise kam ich auf dem Lido an, es war ein Uhr Nachts, ich ging zu meiner Kaserne und klopfte an die eisenbeschlagene Thür, ein Fenster ?ffnet sich und der wachthabende Sergeant sagt:
?Wer ist da??
?Ich – ist hier Wohnung für mich??
?Nicht übel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus??
?Ja, aber ein unfreiwilliges.?
?Wer sind Sie denn??
?Wer soll ich sein!?
?Wie hei?en Sie??
?Antonino!?
?Sind Sie verrückt??
?Man m?chte es meinen.?
?Woher kommen Sie??
?Von Hause.?
?Und zum Teufel, was wollen Sie denn??
?Was ich gesagt habe.?
?Und das ist??
?Hier wohnen.?
?Hier wohnen nur Soldaten.?
?Ich bin Soldat.?
?Bei welchem Regiment??
?Ich geh?rte nicht zum Regiment.?
?Also zur Kompagnie??
?Ja.?
?Zu welcher??
?Zur ersten.?
?Zur Strafkompagnie??
?Ja, zur Strafkompagnie!?
?So warten Sie!?
Er ?ffnete die Thür, fuhr mir mit der Nase in's Gesicht und sagte dann:
?Ah, Sie sind es, geliebter M..., seien Sie mir willkommen!?
Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und erscheint mit dem Lieutenant du jour.
?Nun, pa?te es Ihnen nicht zu kommen?, sagte der Hauptmann, ?Sie scheinen zu glauben, da? wir hier dazu da sind, um auf Sie zu warten; Sie miserabler Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Führen Sie ihn sofort in Arrest und schlie?en Sie ihn krumm!?
Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, da? ich vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde und nach einigen Tagen, die mit Schm?hungen seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter... ausgefüllt waren, brachte man mich in das Milit?rgef?ngnis zu Venedig. Der Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, da? ich krank gewesen sei und deshalb meine Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der Untersuchungsrichter wieder und überh?ufte mich mit Schimpfreden; er hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V... und dem Bürgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, da? ich meinen Urlaub überschritten habe.
Nun war ich verloren und erkl?rte mich der Desertion für schuldig.
Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L... und sagte:
?Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich sehe wenig Aussicht für Sie.?
?Herr Lieutenant?, sagte ich, ?ich wei?, da? ich verloren bin, aber man mu? vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu erweichen?, und ich erz?hle ihm in lebhaften Farben meine langen und schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei gro?e helle Thr?nen fielen aus seinem sch?nen Auge.[62]
?Sie ?rmster?, beklagte er mich, ?soviel haben Sie gelitten und Sie leben noch! Ja, braver junger Mann, erz?hlen Sie den Richtern diese rührende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wu?te nicht, da? das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, da? das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie ?rmster!?
Er drückte mir z?rtlich die Hand und ging erschüttert von dannen.
Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, da? der Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister meiner Vaterstadt, den Doktor Antonino di V... und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was für einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte mir nur Schaden bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter Klasse fahren und das mu?te ich bezahlen – wozu nun diese Kosten verursachen?
Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.[63]
Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns wieder an.
Man führte mich in das Gerichtsgeb?ude, das neben dem Gef?ngnis lag; ich nahm auf der Anklagebank Platz, der Staatsanwalt, in seine gro?e schwarze Toga gekleidet, sah mich an und ein sp?ttisches L?cheln umspielte seine krummen Lippen.
Die Richter nahmen ihre Pl?tze ein; der Vorsitzende war der Oberst vom 8. Infanterie-Regiment; mein Verteidiger sah mich mit thr?nenfeuchtem Blick an.
Der Pr?sident sagte:
?Stehen Sie auf, M... und sagen Sie uns, weshalb Sie der Aufforderung, zum Regiment zurückzukehren, nicht Folge geleistet haben.?
?Erlauchter Herr Pr?sident, mein gn?diger Herr Richter! Sie haben einen unglücklichen Menschen vor sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom Geschick grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre lang hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil bin ich zu sechs Jahren Gef?ngnis verurteilt, die ich in düsteren Kerkermauern unter schwersten Entbehrungen verbracht habe – als Soldat bin ich in Florenz aus nichtigen Gründen zu drei Jahren Arrest verurteilt, und in dem Pand?monium zu Savona habe ich sie abgebü?t und mein Leben dadurch um zwanzig Jahre verkürzt.
In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig in Gott, wegen der Sch?ndlichkeit eines Korporals und der Blindheit der Richter, und unschuldig, ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes Jahr in eine entsetzliche Festung.
Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt wei?, da? ich die Wahrheit sage, er kann es bezeugen, da? ich unschuldig war, er hat selbst die Verurteilung des Korporals Alfonso S... beantragt, wegen Verleumdung und falscher Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt kennt meine schmerzensreichen Abenteuer; er war bei allen meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe wie ein wrackes Schiff, das den sch?umenden Wogen überlassen ist, titanenhaft k?mpfen müssen, um nicht unterzugehen. Was wollen Sie jetzt noch, weshalb verfolgt mich die unerbittliche Sch?rfe des Gesetzes?
Wollen Sie mein erb?rmliches Leben?
Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es hin; ich gebe es Ihnen, nehmen Sie mich ganz, diesen Haufen von Knochen, an dem das Unglück sein Werk gethan, die Seele, die ...?
?Genug, M..., genug! Beruhigen Sie sich, wir sind nicht von Stein?, unterbrach mich der Pr?sident gerührt.
Meine glühenden Worte hatten Bresche gelegt in den Herzen der Richter, das zahlreich anwesende Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen.
Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als alles schmerzte mich das Führungszeugnis, das mir der Hauptmann, Alessandro Ter... ausstellte.
Er sei verflucht!
Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen und gefragt:
?Kennen Sie den Soldaten M...??
?Ja, Herr Pr?sident.?
?Wissen Sie, weshalb er desertierte??
?Meines Erachtens, Herr Pr?sident, ist M... kein Deserteur.?
?Wieso??
?Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro sechs Tage gebraucht hat.?
?Wie? Sechs Tage?? rief der Pr?sident aus, ?und er sagt selbst, da? er drei Tage gebraucht hat.?
?Wenn er die Eisenbahn benutzt h?tte, aber diese Linie soll erst gebaut werden.?
Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und holte ein Blatt heraus, das er dem Pr?sidenten mit den Worten reichte:
?Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen von Tropea nach Catanzaro markiert.?
Der Pr?sident sah die Karte an, dann wandte er sich an mich und sagte:
?M..., erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht haben??
?Genau nicht.?
?Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, da? Sie drei Tage gebraucht haben.?
Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinf?llig. Der Pr?sident sagte noch, wie meine soziale Stellung in meiner Heimat sei, was für eine Meinung er von mir habe und der Ehrenmann sagte:
?Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn einen Unglücklichen, vom Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!?
Gott segne ihn!
Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu meinen Gunsten, weil er die Ungerechtigkeit, die er mir vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan hatte, wieder gutmachen wollte, und er schlo? damit, da? er seine Anklage nicht aufrecht erhalten k?nne.
Mein Anwalt sagte bewegt:
?Es ist unn?tig, da? ich spreche; mein Client hat unsere Herzen gerührt und ich empfehle ihn Ihrer Güte und Gnade.?
Der Gerichtshof zog sich zurück, der Staatsanwalt n?herte sich der Schranke der Anklagebank und sagte:
?Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.?
?Das Jahr ist verloren.?
?Sie werden freigesprochen werden.?
?Ich habe nichts verbrochen.?
?Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.?
?Wohl m?glich!?
Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte das gr??te Schweigen; meine Freisprechung wurde durch den Mund des Pr?sidenten verkündet.
Laute Hoch- und Bravorufe ert?nten aus dem Publikum, ich sprang über die Schranken, eilte auf meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten glühenden Ku? auf die Hand, und h?tten die Umst?nde es erlaubt, so h?tte ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea, dem Herrn Luigi Scr... gethan; die Hochrufe und das Beifallklatschen ert?nten von neuem, und so schlo? das rührende Schauspiel.
Ein Jahr.
Ich kam zur Kompagnie zurück, meine Unglücksgef?hrten umarmten mich, aber der Kommandant schm?hte mich heftig und sagte:
?Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... vergessen??
Er sei tausend Mal verflucht!
Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium verurteilte mich zu der harten Strafe von sechzig Tagen Wasser und Brot in Ketten.
Ich mu?te mich fügen, man schlo? mich in eine dunkle Zelle und legte mir schwere Ketten um die Hand- und Fu?gelenke, ich glaube keine Feder und keine Phantasie vermag meinen Zustand zu schildern und ich überlasse es dem gütigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft sich eine Vorstellung davon zu machen. Wiederholt wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein Landsmann von mir, sagte:
?Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, der Sergeant wird aufpassen, da? es geschieht, und es wird Ihnen gut bekommen? – aber Gott, der allgerechte Richter vergalt ihm diese Sch?ndlichkeit nach seinem eigenen Rezept.
Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der sch?ndliche Stabsarzt begab sich an die Seeküste, um seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei F?hrleute, die mit ihrem Boot in der N?he waren, fragten, ob sie ihn begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er lehnte es ab, die Schiffer zogen sich in eine Strohhütte zurück und schliefen ein.
Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, setzte sich einen gro?en Strohhut auf und glitt über das Wasser; die Schiffer wachten auf und sahen den Strohhut auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant mu? viel Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam nicht heraus; endlich fahren sie mit ihrem Boot an den Strohhut heran, der aber hinwegtrieb; einer streckt nun die Hand aus und ergreift den Hut – der Lieutenant war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem Kasino und erz?hlten den Vorfall.
Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich nach der Küste und stellten sich am Ufer auf, und warteten, ob der Lieutenant den Wogen entsteigen wird, wie einst Venus dem Meeresschaum. Fünf Tage und fünf N?chte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig und hielt Vortrag, darauf wurde die ganze Bucht mit Schiffen aller Art nach dem elenden kleinen Lieutenant abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn Kilometer von der Küste aufgefischt – unf?rmig, ein ekler Haufen, ohne Augen.
Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten an seinem Grab vorbeigingen, spuckte jeder aus und sandte ihm einen Fluch in die geweihte Erde nach, dem Stabsarzt Ger..., der Seewasser zu verschreiben liebte.
Er sei verflucht!
Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden nahmen mich unter die Arme und schafften mich nach dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut – zwei Monate lang blieb ich dort.
Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der Oberst mich zu zwanzig Tagen Arrest bei Wasser und Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter... behielt mich drei?ig Tage in Arrest, damit ich mich stets an ihn erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter...
Er sei verflucht!
Ich fügte mich und ging in Arrest, sogleich kam der Hauptmann, schimpfte und schm?hte mich und sagte hohnlachend:
?Sie leben hier wie ein Fürst, Sie werden dick und fett wie ein Schwein, ich werde darüber nachdenken, wie ich Sie hier immer behalten kann.?
Soll ich die Qu?lereien erz?hlen, die er mich erdulden lie?? So h?rt!
Als ich eines Nachts auf Wache stand, n?hert sich eine Gestalt, die Laternen verl?schen, ein heftiger Sturm schien die Kaserne in ihren Grundfesten erschüttern zu wollen.
?Wer da?? rufe ich.
?Ronde!? antwortet die Gestalt.
?Sie dürfen nicht n?her kommen, ich mu? Sie erst dem dienstthuenden Offizier melden.?
?Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.?
?Ich kenne Sie nicht, zurück!?
Er ging, am andern Morgen wurde ich zu drei?ig Tagen Wasser und Brot verurteilt.
Warum?
Weil ich meine Pflicht gethan hatte.
Wer war die Gestalt?
Der Hauptmann Alessandro Ter...
Er sei tausend Mal verflucht!
Weiter!
Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, ich wu?te es nicht, ich ging aus und als ich zurückkam, sagt mir ein Sergeant:
?Sie kommen in Arrest.?
Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot verurteilt, auf Befehl des Hauptmanns Alessandro Ter...
Er sei tausend Mal verflucht!
Weiter!
Eines Sonntags war Inspektion, wir standen paarweise auf dem Hof, auf Kommando mu?ten die Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann durchsuchte alles auf das genaueste.
Als der Schinder mir gegenüber stand, nahm er mir die Mütze ab, um zu sehen, ob das Futter sauber war, dann lie? er mich die ?rmel zurückschlagen und der Teufel wollte, da? die Naht des Futters ein wenig aufgetrennt war.
?Weshalb ist das nicht gen?ht?? sagte er.
?Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.?
?Faule Ausreden; ich werde dafür sorgen, da? Sie es sehen, und Sie werden mir dankbar sein. Sergeant,? sagte er, sich an einen Chargierten wendend, ?führen Sie ihn in Arrest, dort werden seine Augen sch?rfer.?
Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser und Brod, und t?glich kam er in meine Zelle und sagte:
?Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich nicht ein guter Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder nicht sehen k?nnen, dann wenden Sie sich an Ihren Hauptmann Alessandro Ter...?
Er sei tausend Mal verflucht!
Weiter!
Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber und der Arzt verschrieb mir etwas und ordnete zwei Tage Ruhe an.
Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und schickte mich fünfundzwanzig Tage in Arrest bei Wasser und Brot, indem er sagte, ich h?tte das Fieber selbst herbeigeführt, um vom Dienst dispensiert zu werden.
Er besuchte mich im Arrest und sagte:
?Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen fünfundzwanzig bewilligt, ich hoffe Sie werden mir dankbar sein.?
Er sei tausend Mal verflucht!
Ich würde nie fertig werden, wenn ich alle die ungerechten, grausamen Sachen aufz?hlen wollte, die mir der verfluchte Schinder, der gro?e Hahnrei Hauptmann Alessandro Ter... und seine sch?ndlichen Trabanten auferlegt haben.
Sie seien tausend Mal verflucht!
Schlu?.
Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch gek?mpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich für immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller Ergebung die Bedrückung der Vorgesetzten hatte ertragen müssen – in jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglücklichen, die Kranken und Schmachtenden verlassen mu?te, da wieder schnürte sich meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich umarmte meine Leidensgef?hrten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne den hei?en Strom meiner Thr?nen zurückhalten zu k?nnen.
Zwei Empfindungen k?mpften in mir; der Schmerz, die Unglücklichen verlassen zu müssen und die Sehnsucht, meine Angeh?rigen wieder zu umarmen.
Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf, die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen verkündend. Lebe wohl, Lido! Lebewohl, du fruchtbare Küste der K?nigin der Meere. Du allein kennst all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pand?monium der Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gru?, der deinen Opfern Trost bringen m?ge!
O Serraglio (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich grü?e Dich! M?ge in deine düstern H?hlen, wo das Eisen des Despotismus die F?den des Lebens im Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher Hoffnungen zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ert?nen, die unter der Sch?ndlichkeit dulden!
Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt habt und verwelkt seid wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thr?nen betaute.
Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast du im sch?umenden Strudel deiner ewigen Fluten meine Thr?nen, das Echo meiner Leiden, hinabgezogen! Ich grü?e dich, unseliges Gestade!... Und wenn mir eine Erinnerung in die Seele gepr?gt ist, so wird es die von der Qual sein, welche ich erlitt unter der drückenden Herrschaft der Tyrannen und der blutdürstigen Hy?ne, des Hauptmanns Alessandro Ter... –
Er sei tausend Mal verflucht! –
Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, da? die blumige Erde rot von Blut und feuchten Thr?nen wird, jene Erde, welche die Wiege der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelüst nach feilem Ruhme geopfert wurde.
Vierter Teil.
Get?uschte Hoffnungen.[64]
Vorbemerkungen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein schlechtes Weib.
Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem Unterrock beugt.
Wer Pech angreift besudelt sich.
An mein liebes S?hnchen Francesco Antonio.
Mein einzig geliebter Junge![65]
Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner Erz?hlung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines Lebens abschlie?e.
Meine Angeh?rigen qu?lten mich furchtbar, fortw?hrend lebte ich in Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf tausenderlei Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas, die von dem berüchtigten Ruina und den Schweineh?ndlern von Monte Poro gro?gezogen ist.
Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden Scheusal, der mein Bruder hei?t, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen, verr?terischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erz?hlung das Licht erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die des niedertr?chtigen Michele M..., über das unsaubere Betragen seines würdigen Weibes, der Schülerin des berüchtigten Ruina, der berühmten Tochter des berühmten Schweineh?ndlers von Poro, des Weibes, das sittenlos, geschw?tzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten Namen Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erz?hlung sehen werden.
Alles wirst Du h?ren, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden es best?tigen.
T?tlichen Ha? sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es Dir; bek?mpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen S?hnen, Deinen Enkeln übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg mu? zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Spro? mehr übrig ist – dann werde ich vom H?llenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen.
Dein Vater
Antonino M...
Mai, 1888.
Wieder daheim.
So bin ich denn erl?st von den schweren Ketten meines traurigen Unglücks, erl?st von dem grausamen Druck der Milit?rzeit, unter dem ich vierzehn lange Jahre geschmachtet habe.
Ich bin im Scho?e meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlth?ter, meiner lieben Landsleute, die alle freundlich, liebevoll und edelmütig gegen mich sind.
Wir stehen im Monat September 1882.
Ich umarmte meinen Bruder, seine Spr??linge; ich sah seine würdige Gattin an, und ein neues Leben erschlo? sich vor mir, ein Leben voll z?rtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen Liebe.
Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!
Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, da? ich Liebe, Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles hatte entbehren müssen, da? ich physischer und moralischer Hilfe bedürftig sei, und da? Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue Leben gew?hnt hatte; ich erkl?rte ihm rund heraus, da? er allein die Zügel der Familie halten solle, da? er das einzige Oberhaupt sein solle, um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; da? ich alles dazu beitragen wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, da? Harmonie und Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt walten müsse; nur um zwei Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das einzige Laster ist, dem ich ergeben bin.
Ich bin m??ig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglück gelebt hat, mu? es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes Brot genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich mich ein Papst oder ein Prinz – mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glücklich.
Nie bin ich ein Fresser gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen – ob die Suppe zu viel oder zu wenig gesalzen war – stets habe ich sie mit gleichem Appetit verzehrt.
Ich mu? immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gef?ngnis sa?, und der Reis schlecht gekocht und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich meine Portion in einen gro?en Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen pflegten, belegte mir ein gro?es Stück Schwarzbrot damit und verzehrte es mit dem gr??ten Appetit der Welt.
Meine schwache Feder m?ge ein Bild geben von den Familienmitgliedern, ihren Charakterzügen und inneren und ?u?eren Eigenschaften, damit man sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser schmutzigen Kom?die auftreten.
Michele M..., Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas.
Ein Mann in den Vierzigern, mit argw?hnischem, vorsichtigem, unruhigem Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verr?ter, ein kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein Skeptiker, ein Haufen von Scheu?lichkeit. Michela M..., aus Spilinga, die Gattin des erw?hnten Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina, die Tochter des Schweineh?ndlers von Monte Poro, eine abgetakelte Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelm??ig gebaut, dick und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit, sie blickt mit halbge?ffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht über ihre ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist gro? und krumm, die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Z?hne schwarz und schief, der Hals dick und stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig.
Was meint Ihr dazu? Und ich erz?hle die Wahrheit, die reine Wahrheit, die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewi?, ganz gewi?, da? wenn meine Erz?hlung nur einer der Bestien in die H?nde f?llt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz aller ihrer Bestialit?t nur sagen kann: Er erz?hlt nur die reine Wahrheit.
Fünf Kinder, zwei Knaben und drei M?dchen.
Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lümmel, der, wenn er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat; er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn.
Das ?lteste M?dchen, jetzt siebenzehnj?hrig, mit denselben Grunds?tzen wie ihre Mutter, die brave, würdige Donna Michela, geschw?tzig und liederlich.
Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.
Hierauf k?nnen wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder aufnehmen.
Zun?chst begegnete mir mein Bruder und seine würdige Gattin, wie seine S?hne mit Liebe. Wir a?en zusammen, und ich schlief in einem mir geh?rigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.
Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine schmutzigen Kinder; t?glich empfing ich zwei Soldi für Tabak.
Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den blo?en Brüsten herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, w?hrend sie mit den Hinterbacken schaukelte.
Mein Bruder sagte zu ihr:
?Michela, steck' die Kl?tze weg!?
?Das halte ich nicht aus,? sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern liebkoste. Dann zog sie sich die Strümpfe aus, so da? der gro?e, lange und breite Fu? in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich nieder, hob den Rock auf und fing an Fl?he zu fangen: der Sohn und die Tochter standen dabei und lachten und freuten sich über ihre Mama. Welch sch?nes Beispiel, welche Schamhaftigkeit!
Ich ?rgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz gew?hnt war, nahm Ansto? an der ekelhaften Scene.
Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni, einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten; unterwegs fragte ich sie:
?Habt Ihr Euer Testament gemacht??
?Ja?, sagte sie mit erloschener Stimme, ?das haben wir gemacht.?
?In welcher Weise, wenn man fragen darf??
?Wir haben Euch Beiden alles vermacht.?
?Aber in welcher Weise??
?Wir haben Euch Beiden alles vermacht.?
Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf der Stra?e zu lassen und allein nach Hause zu gehen.
Da erfuhr ich, da? sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn des Michele M... vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord..., ihres Beichtvaters, den Michele M... dazu gebraucht hatte, war das erste Testament umgesto?en worden.
Eines Tages sa?en wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie gew?hnlich mit den Fingern aus der Schüssel.
?Scher' Dich vom Tisch, geh und fri?' mit den Schweinen!? rief Donna Michela.
Diese Unversch?mtheit emp?rte mich nicht wenig, und der elende Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche Tochter des Schweineh?ndlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M..., genannt der Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen.
Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unfl?tigen Worten, und er schluckte das alles in stillem ?rger hinunter. Diese h??lichen Szenen mi?fielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur Rede stellte, antwortete er:
?Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des Schweineh?ndlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brüdern umbringen zu lassen.?
?Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, da? die halbblinden Spilingoten Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du fürchtest Dich, da? Deine Michela Dich k?nnte ermorden lassen! Und von wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, da? Donna Michela Dich selbst umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!?
?Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.?
?Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das Leben, wenn Du nicht einmal soviel Mut hast!?
Die elende Bestie erz?hlte mir, in welcher Weise er von den Brüdern der Michela gequ?lt, ge?rgert und geschunden wurde.
Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M... zum Mann, über diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten.
Ich mu?te vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den gro?en, dicken Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein gro?es Tier beim Gericht, ein Kolo? von Knochen, Fleisch und Nerven, eine lebende Maschine; eine gro?e Nase hatte er, mit m?chtiger Brille, die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was w?re, aber es war nur Albernheit, denn ein dicker Mann, ein dummer Mann, wie das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglückszeiten sah ich nicht ein so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den gro?en Giuseppe.
Für gew?hnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme Tier! alle Halbjahr wurde es gepf?ndet und von den Karabinieri nach Tropea gebracht, gepf?ndet wegen rückst?ndiger Steuern, das unglückliche nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein Herr, dies Erzvieh!
Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf, einen nu?farbenen Bart, dicke Lippen, einen gro?en, krummen Mund, h??liche Z?hne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein verunglückter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verr?ter, ein schmutziger Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu verenden.
Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von Schweinereien, Keilereien, Prügeln, Faustschl?gen, Ohrfeigen, Fu?tritten u. s. w.: ?Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du bist.?
Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, Donquixoterien anzuh?ren, ich kehrte zurück, und lachte über ihre Albernheiten und beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.
Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren blo?en Brüsten, die aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu zeigen, immer hatte sie die H?nde im Scho? oder streichelte ihre wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einf?deln. Auch kochen konnte sie nicht, wo h?tte sie in Spilinga kochen lernen sollen; ich mu? noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung geh?rt h?tte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein M?bel abwischen, wie es einer guten, flei?igen Hausfrau zukommt; sie wusch weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und L?usen und Schmutz herumliefen.
Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Fu?tritten und Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachk?pfige Affe sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mu?te er sein liebes Weibchen erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gew?hrte.
Ich, der ich sie kannte und richtig sch?tzte, hütete mich vor ihr und war entschlossen, wenn sie mir zu nahe k?me, ihr einen Schlag ins Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, abzuwerfen. Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er sa? fest drin und lie? sich Leib und Seele fesseln, der ?rmste!
Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als gerade die kr?ftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne dazwischen: ein m?chtiger Fu?tritt schleuderte sie auf das Pflaster, da? sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfü?ig erhob sie sich wieder und sprang wieder zwischen die k?mpfenden Gatten, ein neuer Fu?tritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schu?linie; ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse.
Ein edles Weib!
Nie habe ich in Stadt und Land ein so niedertr?chtiges Weibsstück gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und Schmutz.
O Mastriani, Du h?ttest die Scheu?lichkeit dieses verkommenen Gesch?pfes schildern müssen, und Du h?ttest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine ?Bettlerin?, Deine ?Geheimnisse?, tausendfach übertroffen h?tte; ich wei? nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen würde.
Und noch eines! Ich glaube, da? der Schriftsteller sich dem Thema anpassen mu?, das er darzustellen hat; wenn man über Philosophie schreibt, braucht man Verstand, über Gesch?fte, Ged?chtnis, und über Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und Kenntnisse – aber ich schreibe die Abenteuer der s?uischen Donna Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb mu? ich s?uisch und schmutzig schreiben.
Habe ich recht, Francesco Mastriani?
T?glich sagte ich dem Schwachkopf, da? es so nicht weiter gehe, da? ich Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen m?chte, er war betrübt, trostlos und sagte:
?Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen Satan zum Weib zu haben.?
Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mu?te ich meine Schmerzen dulden.
Der Doktor di V... kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er sagte:
?Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die kr?ftige Donna Michela kümmert sich nicht um Dich??
?Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.?
Er untersuchte mich, verordnete mir Umschl?ge von Lattich und ging betrübt von dannen.
Ich mu?te aufstehen, mich in die Küche schleppen, und selbst die Lattichbl?tter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschl?ge anlegen.
Und w?hrend dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich verhungern lassen, ja verhungern!
Ich wurde wieder gesund und ging meinem gew?hnlichen Leben und h?uslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch sa? die brave Donna Michela, die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis auf die Nase, die H?nde waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten Kinder waren auch da, mit ihren K?pfen voller Patz und L?use, ihren Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden Fra? hinunter.
T?glich beklagte sich der Schwachkopf bei dem üppigen Mahl, da? er etwas im Essen fand, lange Haare, Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder Mistk?fer; dann wieder schimpfte er, da? das Essen nicht gar oder versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen kann, aber Donna Michela sagte:
?Wenn Dir das Essen schmeckt, so i?; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.?
Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und schmutzig zum überma? trug das Essen auf, das sie und die s?uische Donna Michela gekocht hatte.
Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak verfügen, ich durfte kein Stück Brot annehmen; alles ging durch die H?nde der Donna Michela, ich war immer zurückhaltend gegen das b?sartige Weibstück und lie? mich nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze Erb?rmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit des Weibes.
Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden Dummk?pfen begegnen konnte, haupts?chlich von der Verworfenheit und Bosheit der Spilingotin, und ich beschlo?, mich von ihnen zu trennen.
Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, da? ich mich von ihnen trennen und für mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte ein, und so gingen wir auseinander.
Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand sie h?chst traurig; in allem mu?te ich mich allein bedienen, – that ich das nicht, so war ich in vierzehn Tagen voller L?use.
Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er w?re froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen h?tte, damit er noch das Wenige nehmen k?nnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen hatte; um seines Vorteils willen h?tte der hinterlistige Mensch, mit seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine S?hne verraten oder umgebracht, um seines Vorteils willen h?tte er sein Weib zur Hure gemacht, um seines Vorteils willen h?tte er seine Ehre dahingegeben, wenn er eine besessen h?tte, ja sein Leben.
Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?
Du uners?ttliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du würdest Deine Ehre um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein schmutziges Weib verkaufen, Du Erb?rmlicher, Du boshafte Bestie unter den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines Vorteils willen, feile Bestie!
Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und den armen Familienv?tern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was wei?t Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du!
Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute!
Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte mich verrückt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu verzerren und mit stieren, gl?sernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich a? wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig.
Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her, gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib guckten durch die Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt; mein Bruder sagte zu seiner Eheh?lfte: ?Er ist verrückt, total verrückt;? und Donna Michela antwortete lachend.
Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen sch?ndlichen Bestien zu brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken.
Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z... und bat ihn, meinem Bruder mitzuteilen, da? ich die Absicht h?tte, mich von ihm zu trennen.
Mein Bruder war traurig über die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen get?uscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich entschlo? mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fügung droben zu bauen. – Der arme Diego P... teilte meinem Bruder mit, da? ich sein liebes T?chterchen zur Frau verlangt h?tte und da? er nach sorgf?ltiger Erkundigung über mich eingewilligt habe.
Mein Bruder war anf?nglich vernichtet; als er wieder zu sich kam, versuchte er, den P... umzustimmen, indem er ihm sagte, da? ich verrückt, ein Str?fling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold und ich wei? nicht was sonst noch, sei.
Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen.
Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P... und nannte seine Tochter eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten fielen über mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen dieser verfluchten Brut gequ?lt.
Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach der Droguerie Cal..., wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen fanden; ihnen stellte ich mein Unglück vor und bat sie:
?Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, geben Sie mir einen Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer,? und ich erz?hle ihnen, was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschl?gen w?rtlich.
Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V... und auch hier bat ich die Herren um Rat.
Die Donna Michela kam mir ?fter mit den F?usten ins Gesicht, ich litt es geduldig und noch viel, viel mehr, so da? ich tagelang erz?hlen k?nnte. – Mein unglücklicher Onkel starb und hinterlie? mir zwei Zimmer, die mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie mir die Thür, ich klopfte mehrere Male; aber von innen h?rte ich mehrere Stimmen rufen: ?Fort, Du M?rder! Dies ist nicht Dein Haus!? Und sie brüllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, da? ich mich erregte? Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal... und erz?hlte dort den Vorfall und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Bürgermeister zu gehen und im Namen des Gesetzes Einla? zu fordern; das that ich, und so konnte ich unter meinem Dach schlafen.
Als ich im Gef?ngnis war und zu fünf Jahren verurteilt war, heiratete meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das v?terliche Erbteil gelangte zur Verteilung.[66]
An eine Seele.
Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen oder im tiefen Abgrund der Sünde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Sünden sich vereinten, um gegen die Natur zu k?mpfen, trotz der schwachen, irdischen Materie; – sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht? Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich unsere Seelen in der unerme?lichen Leere des ?thers? Und du weissagtest, da? unsere Seelen mit einander k?mpfen werden? Und wer wei? es? Du sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewu?tseins im Spiegel deiner Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen – nein, sch?n und h??lich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der Geist der H?lle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn des Tages erzeugen.
Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort, schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins? Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich nahen?
Wer wei?? Es ist ein Geheimnis.
In dem Traum meiner Tr?ume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt: du hast befohlen und ich habe gehorcht.
Das sind diese Bl?tter, die ich ohne deinen Hauch nicht h?tte verfassen k?nnen. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer alten Schuld entledigen zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind dein, dir geh?ren sie nach Recht und deinem Wunsch.
Wei?t du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile.
Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir unter dem Namen: Mein erstes Unglück.
Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt, betitelte ich: Meine Dienstzeit.
Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich: Get?uschte Hoffnungen.
Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück und in der Trübsal, du hast mir gro?e und edle Gefühle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm diese ?rmlichen Bl?tter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst, wie du es immer warst.
Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so st?nde es mir nicht zu, es zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes Werk zu vollbringen.
Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem Edelmut dem Unglücklichen, der dir so viel Leid zugefügt hat.
Parghelia, 20. Februar 1889.
Stets der Deine
Antonino M...
Erlauchte und gn?dige Richter![67]
Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, um mich gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen Farben mein geliebter Bruder, Michele M..., gegen mich vorgebracht hat. Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Sch?ndlichkeit und Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit, Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich, die h?ufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden müssen.
Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, da ich diese Aufgabe keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Gründen.
um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin, habe ich es für besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stück Brot zu geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.
niemand vermag besser als ich die Kraft und die W?rme der Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequ?ltes Herz die Leiden und die Schm?hungen, die Drohungen und die Kr?nkungen, die mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna Michela mir zugefügt haben.
Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine gro?e Pistole in die Hand und sagte:
?Geh', t?te ihn!?
Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die t?tliche Waffe und habe auf ?ffentlichem Platze einen armen Menschen get?tet.
Die gn?digen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fünf Jahren Gef?ngnis, w?hrend der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich leugnete, da? er mich zu der unseligen That angeregt hatte.
Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, da? ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen düsteren Kerkermauern entgegenging.
Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. Die fünf Jahre verstrichen, ich wurde Soldat im k?niglichen Heer; dort habe ich mich nicht so geführt, wie ich sollte (ich m?chte nicht, da? die ehrenwerten Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darüber abgeben; das hie?e mich feige zeigen; nein, meine mündliche Erkl?rung m?ge Ihnen genügen). Wie gesagt, beim Milit?r habe ich mich nicht brav geführt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen wollen, in dem Glauben, da? sie auf diese Weise Ihre leuchtende Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben.
Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschlu?, bei meinem Bruder zu bleiben.
Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine Z?glinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschlo? sich vor mir, ein Leben voll z?rtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen Liebe.
Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!...[68]
Und nun, meine gn?digen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich erkl?re mich für nichtschuldig, ich fürchte die Anklage meines Bruders und den Einflu? seiner Verwandten nicht.
Er behauptet, da? ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch, eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern lügt, fragen Sie seine Landsleute.
Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil?
Mir erübrigt nur, dem Michele M... eine letzte Antwort zu geben, und ich will mich eines Dichterworts bedienen –
Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen ...
Anhang.
No. 307.
Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M...[69]
Den 18. September 1892.
Teurer, edelmütiger Bruder!
Gern h?tte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt gewesen w?re. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine gro?e edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen Nervenschw?che; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was ich für Schmerzen habe, wei? nur Gott im Himmel, aber gr??er und schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine gro?en Verbrechen, für meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit. Wenn Du mich sehen k?nntest, würde Dein gerechter Zorn dahin schwinden, und Du würdest weinen, da? Du mir nicht verziehen hast – denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine Rache. Mein Leib ist krank und hinf?llig unter seiner Gei?el geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine schwere Sündenschuld denke. Zu gro? ist meine Verworfenheit, und alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu vers?hnen; Tag und Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele.
Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst geschaffen, deshalb leide ich gerecht.
Ich wei?, da? Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und da? Du lieber Bruder, und alle meine Angeh?rigen, die ihr so gut und so edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze Welt wegen eines meinem ?hnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und ich erkenne, da? in allen seinen Werken die furchtbare Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um Mitleid, um Verzeihung.
Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen – und deshalb fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um Verzeihung zu bitten, für alles übel und alle Undankbarkeit, die ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine S?hne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich um Verzeihung, und bereue alles üble, das ich gethan, allen Kummer, den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir die Hand küssen k?nnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch nur Gutes erwiesen hat. Ich erkl?re, da? bei allen unsern Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Misseth?ter gewesen bin. Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die falsch geschworen haben.
Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!! Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von Herzen.
Dein unglücklicher Bruder
Antonino M...
Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.
Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.
[1] Dem Original ist das Bild des M... beigefügt.
[2] Der Bericht entspricht fast vollst?ndig der Darstellung im vierten Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht wiederholt.
[3] Vergl. mein Buch: Degenerazioni psicosessuali, das Kapitel ?Immoralit?t?.
[4] Die Thatsache hat ihm Recht gegeben. Augenblicklich hat Venturi eine Tochter des Bruders des Antonino M... in Behandlung, die an sensoriellem Irrsinn leidet.
[5] Vgl. Lombroso: L'uomo delinquente I, S. 600.
[6] Vgl. Lombroso: Le più recenti scoperte ed applicazioni dell' antropologia criminale, Turin 1893.
[7] Vgl. Archives d'Antropologie und Revue Scientifique.
[8] Biologie et sociologie. Réponse à M. A. G. Bianchi. S. 3–19 der Archives d'Antropologie criminelle, Januar 1893.
[9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.
[10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript gr??er und auff?lliger geschrieben, als ob M... durch dieses Mittel den Worten mehr Nachdruck verleihen wollte.
[11] Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist lehrreich für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.
[12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M... vor denjenigen zeigt, die nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht geschehen w?re.
[13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.
[14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem abergl?ubischen Fatalismus, von dem M... eine Probe in den Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: ?Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.?
Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die M?glichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und Anstrengung des Verstandes, in welche M..., man m?chte sagen durch unbewu?te Intuition, verf?llt. In denselben Vorbemerkungen sagt er: Wer den Verstand nicht zu beherrschen wei?, kommt gar rasch ins Gef?ngnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt er hinzu: Bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.
[15] Hieraus geht hervor, da? der Mord, wegen dessen M... unter Berücksichtigung aller mildernden Umst?nde verurteilt war, nicht seine einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra übergeht.
[16] Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst sagte er, da? er sich anst?ndig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause zurückzukehren, dann i?t und trinkt er vergnügt und spricht von den Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter seiner Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von weiterem zu erz?hlen.
Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte Camorra war in der That sehr abergl?ubisch und religi?s; ihre Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkr?nze und eine der camorristischen Zeremonien, n?mlich die, um sich unsichtbar zu machen, vollzog sich in der Weise, da? man sich eine Wunde am Arm beibrachte und die geweihte Hostie darüber legte.
[17] Diese Thatsache ist von gro?em diagnostischen Wert und l??t in M... einen Epileptiker vermuten. Man mu? beachten, da? er nicht emp?rt ist, weil er sich der Camorra beugen mu?, sondern weil es sich um eine falsche Camorra handelt.
[18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M... war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen Sansosti.
[19] Es ist merkwürdig, wie M... sich hier als R?cher der verletzten Moral aufspielt, man m?chte sagen, da? er die Rolle des Uninteressierten hervorkehren will, w?hrend er vielleicht nur seinem Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, da? der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, da? er die Camorra herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben hatte, ohne es zu sein. Man m?chte glauben, da? M..., obgleich er es nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (Archivio di Psichiatria, V. Jahrgang 1884) und Alongi (La camorra Studio di Sociologia criminale, Torino, Bocca 1890) bei den H?uptern der Camorra beschreiben.
[20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die Gef?ngniswache widerspricht. Es existiert milit?rische Disziplin, aber der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem traurigen Gesch?ft soviel wie m?glich herauszuschlagen.
[21] Das ist das gro?e Verbrechen. M..., der dem Sansosti erkl?rte, da? er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer wei? wie oft zu seinen Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus blo?em Wunsch nach Rache zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem folgenden, war, sich als ?Guappo? aufgespielt zu haben, ohne es wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen, die ihrem Temperament mehr entsprechen.
[22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man m?chte sagen, da? M... die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.
[23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen Gef?ngnissen, dank dieser H?flichkeit der Gef?ngnisdirektoren. Diese armen Büreaukraten wissen, da? in einer Epoche politischer Wandlungen das beste, was sie thun k?nnen, ist, ihren Vorgesetzten keinen ?rger zu machen.
Wenn sie durch die Energie ihrer Ma?regeln üble Laune erregt und sich der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt h?tten, so h?tten sie den Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen. Es ist übrigens nicht lange her, da? infolge eines Aufstandes in einem Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte sich um eine durch das Essen veranla?te Unzufriedenheit. Wenn es sich um einen Bauernaufstand gehandelt h?tte, h?tte man die Leute eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden w?re, w?re die durch die Gerichtsbeh?rde gewesen, welche ihr Urteil ausgesprochen h?tte, ohne da? das Essen besser geworden w?re.
[24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was die positive Schule immer behauptet hat, da? das Gef?ngnis so, wie es in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalit?t war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M... mit den andern zusammen, die Lombroso gesammelt hat (Palimsesti del Carcere): ?Ich bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient. Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.? – ?Triumph! Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen, flieht nicht aus diesem Gef?ngnis, hier i?t, trinkt und schl?ft man und braucht nicht zu arbeiten? – und man wird folgenden Ausruf eines Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: ?Hier behandelt man uns zu gut und übt zu viel Rücksicht.? Und den Schlu? aus diesen Pr?missen hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewu?t, der dem Polizeipr?fekten Gisquet sagen mu?te:
?Wenn ich nicht Dieb aus Beruf w?re, würde ich es aus Neigung sein. Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen einander abgewogen und gefunden, da? das Stehlen immer noch das beste ist ... Ich wei? wohl, da? wir im Gef?ngnis enden k?nnen, aber von 18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gef?ngnis, folglich genie?en wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gef?ngnis. Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?... Und wenn wir schlie?lich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten der andern, man kleidet, speist und w?rmt uns, und alles zu Lasten derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: W?hrend unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gef?ngnis vervollkommnen wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, vor.?
[25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht, sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen auch von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde.
[26] Dies best?tigt die Vermutung, da? M... ein Haupt der Camorra war. Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, da? sie sie gegenüber dem Analphabetismus der Menge stark und m?chtig machte. Es genügt, über diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen: Camorristi letterati e causidici (a. a. O.). Der Titel ?Meister?, der M... gegeben wurde, ist gerade der, den man den H?uptern der Camorra gab.
[27] Und dann sagt man, da? die Gef?ngnisse Strafanstalten sind, bei diesen überm??igen Lobsprüchen!
[28] Die moralische Unempfindlichkeit des M... wird durch seine Ausdrucksweise best?tigt. Für ihn ist nur das sch?ndlich, was zu seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als ?gut? die Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenw?rters niedersausen lie?.
[29] Die ?Erkennungsrechte? sind die Handlungen, durch welche der neuangekommene Camorrist zeigt, da? er die Autorit?t des Vorgesetzten und die camorristische Hierarchie anerkennt.
[30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von einem Gef?ngnis zum andern, die Camorra unterh?lt noch ihre Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar der Versetzung von W?rtern bedient.
?Das Haupt der Camorra?, schreibt Pucci (Archivio di Psichiatria; a. a. O.), ?mu? von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch Billets ermittelt, und wenn das nicht m?glich ist, wird eine Krankheit fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich befindet.? Die Weise, in der M... von diesen Dingen spricht, als ob sie die natürlichsten von der Welt w?ren, ist der beste Beweis, wie sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengef?ngnis ist es nicht m?glich gewesen, das übel zu beseitigen. ?Ich habe in dieser Hinsicht Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt?, schreibt Alongi (La Camorra, Turin, Bocca 1890), ?und alle versicherten mich übereinstimmend, da? die Camorra in den süditalienischen und sizilianischen Gef?ngnissen noch existiert und m?chtig ist.? Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die Mano fraterna beweisen es.
Die Erz?hlung des M... ist ferner ein neuer Beweis für das, was Lombroso in seinen Palimsesti del Carcere (Turin, Bocca 1891) zu beweisen versucht hat, da? gerade die Ziele der Zellengef?ngnisse diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollst?ndige Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit der Verbrecher ank?mpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und n?tigste Element, die Geduld, verleiht. Le génie c'est de la patience, hat Buffon geschrieben, und obgleich diese Maxime bek?mpft worden ist, so ist doch unleugbar, da? die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten Anordnungen, der strengsten überwachung nur raffiniertere Mittel entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von einer Zelle zur andern korrespondiert wird. ?Der Post- und Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gef?ngnis nach au?erhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die bewunderungswürdig w?re, wenn sie nicht entsetzlich w?re. Lange Gespr?che und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern; es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen, da? dies System nur bei zwei aneinandersto?enden S?len bequem ist. Aber man vergi?t, da? jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so da? ein von einem Saal zum andern bef?rdertes Telegramm bequem bis zum entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Mu?e besser anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt. Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der viel?ugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verst?ndigen, sind ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gef?ngnisse. Die S?ume und N?hte der W?sche sind wahre Postkisten, die lange Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der Gefangenen mit einer Pr?zision und Heimlichkeit hin und hergeht, die man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden habt, so k?nnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch Citronens?ure ersetzt, die blos an der W?rme erscheint, und wenn Ihr auch das wi?t, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine n?her vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der Schlüssel fehlt.?
Und dies ist keine übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengef?ngnis zu Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsr?hren der Heizung und die Latrinen waren.
Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schlie?en, will ich hier eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den Gef?ngnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schl?ge an.
1–1=a; 1–2=b; 1–3=c; 2–1=g; 2–3=h; 3–1=m; 3–2=n; 4–1=r; 4–2=s; 4–3=t u. s. w.
[31] Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe Zuneigung. M..., der erst nur begeisterte Worte und Segenswünsche für den Direktor des Gef?ngnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M... glauben, da? er nach Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu bestimmen, da M... in seiner Eigenschaft als einflu?reicher und gefürchteter Camorrist irgend welchen Aufstand h?tte hervorrufen k?nnen.
[32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts rechtfertigen l??t.
[33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des M... fand. Es ist unverst?ndlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen T?towierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen versucht habe.
[34] Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schw?che der Beamten der Camorra gegenüber gesagt habe.
[35] Man beachte, da? er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge zeigen wird.
[36] Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schlie?t, tr?gt unzweifelhaft den Stempel der Verrücktheit an sich; aber man sieht ein, da? der erste Entwurf alles andere als vulg?r ist – es ist derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Pers?nlichkeiten ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt denkt und sie mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der Relativit?t aller seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die Shakespeare'sche Pers?nlichkeit versinnbildlicht die menschliche Th?tigkeit in einer Reihe von Tr?umen.
Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M... nimmt der Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische Themen behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie eine Vorstellung geben.
[37] Derselbe, den er vorher als einen ?gelehrten und geistreichen Mann? bezeichnete.
[38] Ein weiterer Beweis, da? M... ein einflu?reiches Haupt der Camorra war.
[39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.
[40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M... ist ein Beweis zu Gunsten derer, welche behaupten, da? Verbrecher nicht in die Armee aufgenommen werden sollten.
Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darüber nicht verhandeln l??t: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben.
In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralit?t weniger an und niemand würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem Eroismo e criminalità gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schw?cht bei ihm das Gefühl der Gefahr ab.
Ich will mich auf den zweiten Punkt beschr?nken: da? es nutzlos und unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der Basis elementarer Gründe des Positivismus.
Wenn man zugiebt, da? der Verbrecher ein pathologischer und anormaler Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormit?t nicht ebenso in Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind? Individuen, die eine Mi?bildung der Fü?e zeigen, werden ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, welche eine tiefgehende Abnormit?t der Seele zeigen?
Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormit?t festzustellen. Und ich antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der gro?en Mehrzahl der F?lle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben – die Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten haben – oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein antisoziales Element definiert, d. h., er wendet sich gegen die Ordnungsgrunds?tze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet sie für sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng. Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gew?hnlichen Gesellschaft herrscht, regiert wird? Hei?t das nicht, aus einem Narren einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher sind individualistische übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht anpassen k?nnen.
Man wirft ein: Auch das Gef?ngnis und das Irrenhaus sind Institute, die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, da? die Zusammenstellung mit dem Heer nicht m?glich ist. Dieses hat im Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische Funktion. Die Armee wird verschwinden k?nnen und müssen; die Gef?ngnisse werden ihr Aussehen ?ndern, wenn der Begriff der Strafe durch den der Abwehr abgel?st worden ist; die Irrenh?user werden in St?tten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern mu?, weil dies zur Entwickelung der gesunderen und normaleren Kr?fte beitr?gt. Die soziale Disziplin ist ein absolutes Bedürfnis, die milit?rische Disziplin ein relatives Bedürfnis.
Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino, Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, da? das Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will, da? diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem k?niglichen Heer nicht angeh?ren k?nnen, welche zu Kerkerstrafe und zu Gef?ngnis nicht unter fünf Jahren verurteilt sind, w?hrend das zur Zeit in Kraft befindliche Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gef?ngnis wegen Verbrechen schwerer Art Verurteilten ausschlie?t.
Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders behandelt werden, indem sie w?hrend des Dienstes mit der Waffe einer besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und Deutschland üblich ist.
Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfügt, die sich w?hrend der Dienstzeit schwerer Vergehen schuldig machten. Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, indem es hervorhebt, da? man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war.
Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht gel?st. Es schlie?t zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele umfa?t es gar nicht, oder umfa?t sie mit einer Versch?rfung der Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbü?t hat, wird er veranla?t sein, die besondere Behandlung, die er erf?hrt, als eine Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu verst?rken, von dem die Seiten M...'s voll sind. Er wird als Soldat eine strengere Disziplin und daher mit gr??ter Wahrscheinlichkeit die Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch?
Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorit?t einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von einem Bauern verlangen wir gewisse ?u?erungen des Zartgefühls nicht, die wir bei einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser eine Beleidigung w?re.
Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, da? diese Individuen Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet, weil sie sich dem Recht, welches das Land über sie hat, nicht entziehen k?nnen, so mü?te man sie wenigstens dem gew?hnlichen Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den milit?rischen Codex zu bringen.
Der Grundsatz der Ausschlie?ung, nach der vorher erlittenen Strafe beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle m?glichen mildernden Umst?nde zubilligen.
Das sieht man aus der ersten Strafe des M... wegen Mordes, wo die überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, da? die Strafe auf fünf Jahre beschr?nkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem Kerker übergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte vom Dienst befreit werden k?nnen. Die angeblichen fünf Jahre würden in der That zwanzig bis drei?ig Jahren Gef?ngnis gleichkommen. Vier K?rperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die Polizeiorgane würden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar für einen Soldaten, für den das Spezialgesetzbuch des Heeres die Erschie?ung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand seinen Vorgesetzten bedroht.
Die Bl?tter des M... k?nnen dazu ermahnen, eine offene und wirkliche L?sung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und andererseits den Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht.
In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche L?sung nur andeuten k?nnen.
[41] Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengeh?rigkeit, das Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert.
[42] Kurz vorher hat er ihn einen ?Autokraten?, einen ?gesetzlich sanktionirten Vaterm?rder? genannt.
[43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier gen?tigt, eine auf den p?derastischen Umgang bezügliche Stelle zu streichen.
[44] Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten M... mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence, Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M... wird poetisch, wie Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erz?hlt.
Da? sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fr?hnen, ist auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt: Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die P?derasten, ihre Laster mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen Instinkt die Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn sie nicht soweit gehen, da? sie für ihr Leben fürchten m?chten, so suchen sie wenigstens für ihre Ehre etwas zu riskieren.
[45] Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und Ha?. Die natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften und gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche Liebe kann naturgem?? keinen normalen Abschlu? und kein Gleichgewicht haben.
[46] Man erkennt die weibische Natur der passiven P?derasten an ihrer Sprechweise.
[47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum der passiven P?derasten und Tribaden. – Sie bedienen sich der neuen Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der vorhergehenden zu r?chen.
[48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M... geht hervor, wie wenig echt sein Abscheu gegen seinen Gef?hrten war.
[49] Die blutige Rache erscheint bei M... als die natürlichste Sache in der Welt.
[50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, da? die Tyrannei in diesem Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der P?derastie zu behindern. Es ist sehr wohl m?glich, da? M... diese Worte wirklich gesprochen hat; die Thatsache ist bekannt genug, da? der m?rderische Impuls sich in einen selbstm?rderischen verwandelt, besonders bei den Epileptikern.
[51] Klassische Verbrechereitelkeit.
[52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Gro?sprecherei ist für die Wahnsinnigen charakteristisch.
[53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die der Soldat Francesco Torres vor dem Milit?rgericht zu Mailand hielt. Zwischen beiden ist eine gro?e Familien?hnlichkeit. Und das beweist, was Lombroso aufgezeichnet hat, da? n?mlich der Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M... erkl?rt sich als einen ?reinen, unschuldigen Mann?, als ob er nicht an dem p?derastischen Verh?ltnisse beteiligt w?re, das M... dem S... in so glühenden Worten vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch schlimmeres angeraten h?tte.
Es ist derselbe Fall wie bei dem Stra?enr?uber, den Lombroso (Palimsesti del carcere) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu erweisen, den Schauplatz der Stra?enr?uber zeichnete, wobei er den unmittelbaren Empf?nger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen hatte. Und darüber war geschrieben: Ich bin unschuldig. – Das Kriterium der Unschuld bestand darin, da? er als R?uber beider Gegenst?nde angeklagt war, w?hrend er nur die Kette genommen hatte.
[54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um einen verbrecherischen Impuls zu besch?nigen.
[55] Das ist das Mitleid, das er für S... empfindet.
[56] Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers.
[57] Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen ?Erinnerungen aus dem Hause der Toten? aus. Er sagt, da?, wenn man jemand n?tigen würde, dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerst?ren, er wahnsinnig werden würde, weil die Nützlichkeit, sei sie auch im Verh?ltnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit rechtfertigt.
[58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M... die übertreibung des Hasses mit der übertreibung der Zuneigung, und so wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erz?hlung des M... in nicht wenigen Punkten widersprechen.
[59] Der gew?hnliche Refrain, der immer zum Vorteil des übelth?ters ausschl?gt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls angeklagt, antwortete: Die Verh?ltnisse sprechen freilich gegen mich, aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache zeigt, die ich gestohlen haben soll. – Und als er sp?ter eines Mordes angeklagt war, wollte er, da? man ihm die Person zeige, die ihn hatte morden sehen.
[60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur... retten will, und weil dieser unter ?hnlicher Anklage steht, wie M... selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwürdige Auffassung vom Guten!
[61] Diese übertreibung in pejus bildet den logischen Gegensatz zu der vorherigen optimistischen übertreibung. Jeder begreift, da? die Lebensbedingungen sich nicht so sehr ?ndern konnten. Dieser leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die Epileptiker.
[62] Wiederum die gew?hnliche übertreibung der Zuneigung, die der übertreibung des Hasses entspricht.
[63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, da? die Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?
[64] In diesem letzten Teil der Schrift des M... wird der Leser einen wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung und einen Verfall des Intellekts beobachten. Ich ver?ffentliche ihn, weil er die Psychologie des Typus mit gro?er Treue zeigt, den leidenschaftlichen Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker ist, wiedergiebt, und gleichzeitig die Geschichte des M... abschlie?t, indem er sein letztes Verbrechen in gewisser Weise erkl?ren hilft.
Dieser Teil entbehrt auch der sinngem??en Anordnung; er besteht aus leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und augenf?lligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen sind, wie sich aus dem Proze? ergab und wie M... in einem Augenblick der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofür der Brief an den Bruder, der am Schlusse ver?ffentlicht ist, Beweis ablegt.
[65] Da? er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen.
[66] Hier bricht die Erz?hlung ab.
[67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M..., als er wegen Mordversuches auf seine Schw?gerin vor Gericht stand.
[68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses Kapitels sich befinden.
[69] Dieser Brief des Antonino M... bildet ein merkwürdiges und wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine ziemlich einfache Deutung, da? er n?mlich dazu dienen soll, sein Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich zu erreichen, aber es ist unleugbar, da? im Stil eine gewisse überzeugung sich bemerkbar macht. M... hat immer einen Hang zur Religiosit?t, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die vollst?ndige Einsamkeit und etwaige religi?se Lektüre müssen auf seinen – was Form und Abstraktion anbelangt – leicht suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich hervorgehoben hat, und welche überg?nge und halbe Ma?regeln nicht zul??t, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exze? geführt zu haben.
Vielleicht war der m?chtigste Faktor die Unm?glichkeit, sich zu bewegen. Wenn der Teufel alt wird, so wird er Eremit, sagt das Sprichwort, und es ist bekannt, da? die Dirnen, wenn sie altern, unter die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M... der Fall zu sein. Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen beh?ngt, im Namen der Religion den K?nig schm?ht.
Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich besch?ftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen wurden, um zu begreifen, da? das Ph?nomen nicht ungew?hnlich ist und in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.
[70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain r?chte.