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Chapter 8 No.8

Und hiermit will ich schlie?en.

Die Schule Lombrosos schreitet ihren Siegespfad weiter und schl?gt die neidische Polemik durch Thatsachen.

Und w?hrend auf dem Kriminalisten-Kongre? in Brüssel das Ende des Verbrechertypus Lombrosos verkündet wurde, erschienen die Degenerazioni psicosessuali Venturis und lieferten den Beweis, da? die italienischen Gelehrten nicht auf eine Formel eingeschworen waren; und bei Schlu? des Kongresses zeigte die franz?sische übersetzung der Sociologia criminale Ferris in ihrem neuen erweiterten Gewande, da? nicht allein der biologische, sondern auch der soziologische Faktor von den Mitarbeitern Lombrosos studiert wurde, und dieser hat mit seinen Nuove Scoperte geantwortet, welche in ihrem Aufbau und in der Masse der Thatsachen den Gang der italienischen Wissenschaft kennzeichnen. Und w?hrend dieser Band erscheint, wird la donna delinquente die Gegner ermahnen, wofern sie nicht blind sind, im Negieren vorsichtig zu sein, und dieses Werk wird den Beweis liefern, da? hinter dem Meister eine Reihe hoffnungsvoller Jünger stehe, unter denen mein Freund Guglielmo Ferrero als der Ersten einer hervorragt.

Als ich nach Schlu? des Kongresses meine Bemerkungen Gabriele Tarde dargelegt hatte, und lange Erwiderungen von ihm empfing,[7] da brannte ich vor Begier, wieder in die Arena hinabzusteigen, – aber Lombroso sagte mir: Nein, man mu? mit Thaten, nicht mit Worten k?mpfen!

Diese Ermahnungen haben mich ganz besonders zu dieser Ver?ffentlichung veranla?t, in der Hoffnung, da? auch ich dazu beitragen k?nnte, der Wahrheit eine Gasse zu ?ffnen, um die Zweifel und Spottreden zu entkr?ften, welche verurteilen, ehe sie noch geprüft haben; da? auch ich helfen k?nnte, unsere Strafgesetzbücher und Strafanstalten in einer den Bedürfnissen des wirklichen Lebens angepa?ten Weise umzugestalten.

Besser als ich es vermag, wird die Selbstbiographie des M... den Leser überzeugen, wie schlecht diese Institute funktionieren, die den Verbrecher nicht blos bestraft, sondern auch gebessert der menschlichen Gesellschaft zurückgeben sollten.

Antonino M... ist nicht durchweg der geborene Verbrecher Lombrosos, denn, wie ich schon sagte, dieser ist ein Typus und jener ein Individuum. Er beweist aber, wie Epilepsie und moralischer Irrsinn sich im Verbrecher zusammenfinden. Und die direkten sozialen Ursachen seines Verbrechertums wird man schwer finden k?nnen.

Als Gabriele Tarde[8] zusammen mit dem Dr. Lacassagne die Leitung der neunten Serie des franz?sischen Archives übernahm, da er?ffnete er sie mit einer Verteidigung der soziologischen Kriterien, die den Stolz der franz?sischen Schule ausmachen, und er schlo? mit der Weissagung einer Vers?hnung in der objektiven Forschung nach der Wahrheit, die nur auf Thatsachen sich gründen kann.

Gabriele Tarde wird nicht leugnen k?nnen, da? die Italiener sich bemühen, ein gutes Beispiel der positiven Methode zu geben, vom grundlegenden Werk des Meisters bis herab zu dem bescheidenen popularisierenden Beitrag des letzten unter seinen Schülern.

25. April 1893.

A. G. Bianchi.

Es konnte nicht die Aufgabe der übersetzung sein, die M?ngel, welche die ungenügende allgemeine und litterarische Bildung des M... seiner Darstellung anhaften lie?, zu besch?nigen. Wenn der Herausgeber die Selbstbiographie mit Recht ein wissenschaftliches Dokument nennt, so durfte der übersetzer sich Kürzungen und Milderungen des Ausdrucks nur in m??igem Umfange gestatten. Von einer übersetzung der Dichtungen des M... ist Abstand genommen, weil die pathologische Pers?nlichkeit des Verfassers aus dem Gebotenen hinl?nglich erhellt, und das eingehende litterarische Studium, dessen das Werk des M... nach dem Hinweise Bianchi's wert ist, derselben entbehren kann.

Dr. F. R.

Antonino M...

Selbstbiographie.

Erster Teil.

Mein erstes Unglück.

Vorbemerkungen.

Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben.

Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.

Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel schauen.

Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du morgen zum Galgen geschickt.

Der erste Fehler führt zu einem Abgrund von Unheil.

Wer den Verstand nicht zu beherrschen wei?, kommt gar rasch ins Gef?ngnis.

Meinem lieben S?hnchen Fernando Antonio.

Mein geliebter Junge!

Ich bin sehr unglücklich geworden und das rauhe Schicksal hatte niemals Mitleid mit mir, nie wurde es müde, mich zu verfolgen, und von der Wiege bis zum Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine st?ndige Marter.

Dir erz?hle ich die Verh?ngnisse meines bejammernswerten Lebens, und wenn Betrug und die Schmach dieser b?sen Welt Dir die Schritte zu dem rauhen Pfad in der menschlichen Gesellschaft erschlie?en werden, dann weine keine Thr?ne um das Andenken Deines unglücklichen Erzeugers, nein, denn Weinen kommt den schwachen, feigen Herzen zu. – Deines mu? stark und ruhig sein bei dem Anblick meines Unglücks; stark, stolz und weltverachtend; aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg der Tugend und der Ehre wandeln, lerne, mein sü?es S?hnchen[9] geduldig, ruhig und kalt sein, im Einverst?ndnis und im Gegensatz mit der menschlichen Gesellschaft, lerne, vorausschauend für die Zukunft sein, ein Ver?chter der Feigen, ein Sp?tter der Heuchler, eifere den gro?en und edlen Thaten nach, sei ein liebreicher Bruder der Bekümmerten, ein Freund der Gerechten und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen alle, besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein Freund der Armen, und Deine Hand strecke sich gerne aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und anst?ndig im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.

Liebe und achte Gott den H?chsten, bete zu ihm von Herzen in n?chtlicher Stille und mit der Stirn im Staube, bete zu ihm an den heiligen St?tten; denn er, unser Gott, der Herrgott unserer V?ter, wird Dir ein Führer und ein Tr?ster sein in den Widerw?rtigkeiten des Lebens. Wende Dich an ihn in Deinen N?ten, in Deiner Bedr?ngnis, und Du wirst Trost, Kraft und Ergebung finden.

Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem N?chsten, er ist von Deinem Fleisch und Blut, er ist unglücklich und betrübt wie Du.

Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir an's Herz, und ich beschw?re Dich bei der Liebe, die ich zu Dir habe, bei den Thr?nen, die ich um Dich vergossen habe, bei den Küssen voll unaussprechlicher Z?rtlichkeit, die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf ihnen in ihren N?ten und sei ihnen ein z?rtlicher Vater. Ja, nicht wahr, mein lieber Junge, Du wirst Deine armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn ich liebe sie, so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, und tausend und abertausend Mal wagen; wenn nicht, verfluche[10] ich Dich!!

Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne geduldig leiden und Deine Schritte zum Sch?nen, Guten, Besten lenken.

Führe Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur Weisheit.

Lies oft meine Briefe und klage mich der übertreibung, der überspanntheit, der Unversch?mtheit, der Tollheit an, wie es die thaten, die mich kannten, und ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir vergeben, Dir, der Du der k?stliche Edelstein meiner Seele warst, Dir, dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner Tr?ume.

Parghelia, im Januar 1889.

Dein Vater

Antonino M...

Der Mord.

Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem ?ffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von hei?em Sinn, und ob aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, da? ich einen Menschen ermordete und mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte.

Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses abgefallen, w?hrend ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain über das Feld zu laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, w?hrend ein entsetzliches R?cheln mir zu folgen schien, das mir sagte:

?Was hast Du gethan, Du M?rder?!?

Am Abend jenes verh?ngnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu meinem Onkel, dem Doktor V..., der mich aufnahm und mich in einem kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man schlo? mich in meinem Versteck ein, so da? ich in v?lliger Dunkelheit blieb; bald h?rte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die Karabinieri, die, nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend.

Sp?t am Abend lie? man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die Uniform eines Fu?j?gers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen.

Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenb?umen, ?fter machte ich n?chtliche Ausflüge nach den benachbarten D?rfern und nach Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbündeln oder am Fu?e eines Feigenbaumes.

Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch geschildert. Drei?ig schlecht gebaute und gedeckte Hütten, alt und von elendester Bauart, die Stra?en ein Haufen tierischen Unrats, so da? man sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fu? hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schlo?turm des Barons Fabiani, des Herrn und Beschützers der l?ndlichen Hütten und ihrer Bewohner.

Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenb?umen, deren schmackhafte Früchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem erb?rmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem verwandt. Die Einwohner beider D?rfer sind elende Ackerarbeiter, zwei oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stück Land besitzen, mit Feigenb?umen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und wei?, bepflanzt.

Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrügt die armen Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen Korb mit Früchten.

Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und liebenswürdig gegen Fremde, aber unwissend und abergl?ubisch.

W?hrend ich in Coccorino im Hause meines Onkels Domenico weilte, eines guten Alten, der dem Bacchus sehr ergeben war, waren mir diese Verwandten sehr gewogen und wetteiferten darin, mir mein Versteck weniger unertr?glich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das Faktotum der Lagerr?ume und des Hauses des Barons Fabiani, regalierte mich oft mit schmackhaftem Kuchen oder K?se oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr gerne und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, da? ein wenig irdische Liebe darin steckte. Sie war jung und nicht h??lich, aber in meiner kritischen Lage konnte ich mich um ihre bangen Seufzer wenig kümmern.

Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine Schwester meiner Mutter, mit ihrer Tochter Vincenzina, einer achtzehnj?hrigen Jungfrau, sch?n wie die Sonne, sch?n und verführerisch in der That, und wer sie kennt, wird mich nicht Lügen strafen; sie kamen Gesch?fte halber aus Parghelia hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase in die Angelegenheiten der Mutter und der Tochter zu stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus ehrbar schienen.

Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, in einen Vetter von mir, Antonino del V... aus Coccorino; als ich sie sah, so frisch und rosig, kam mir die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir l?chelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; eines Tages, als wir gerade allein waren, sagte ich ihr zitternd:

?Vincenzina, ich liebe Dich!?

?Ich liebe Dich auch,? antwortete sie err?tend.

?So wollen wir uns immer lieben?? fragte ich.

?Immer, immer,? antwortete sie mit Thr?nen in den Augen; ?aber Du wirst nicht fortgehen, nicht wahr, Antonino??

Eine dichte Wolke flog über meine Seele, mein Herz wurde kalt, ich war vernichtet und stotterte:

?Die Zeit ... die Wechself?lle des Lebens ... es w?re m?glich ...?

Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand dachte daran, da? ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt, eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand dachte daran, nicht einmal ich.

Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die H?nde; Vincenzina und ich kü?ten uns und unsere Wangen bedeckten sich mit hei?en Thr?nen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Hei? und z?rtlich waren die Briefe Vincenzinas, und hei?er und verliebter waren die meinen, die ich ihr t?glich zukommen lie?. Es entstand eine m?chtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten Liebhaber Vincenzinas, den sie pl?tzlich verlie?, indem sie mich an die Stelle ihres ersten Liebhabers treten lie?. Wenn nicht die Verh?ltnisse gewesen w?ren, wer wei?, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern vorgekommen w?re.

Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend, schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue.

Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.

Ich verga? mitzuteilen, da? w?hrend meiner Verborgenheit meine beiden Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M... und Giuseppe M..., beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne da? ich etwas davon wu?te. Mein Onkel, der Priester Girolami M..., Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der R?nke dieser Welt und einf?ltig wie ein Kind, m?chte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man lockte ihn dadurch, da? man ihm zu verstehen gab, jene gewaltth?tigen M?nner seien Mordkerle und von allen gefürchtet, und da? dadurch, da? er mit ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und gefürchtet sein würde. Armer blinder Herr!!...

Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung.

Zu Hause fand ich Domenico M..., den Vater des eben erw?hnten Antonio, der trotzdem die Mütze eines Kapit?ns der Nationalgarde trug. An jenem Tage a?en und tranken wir vergnügt, aber am Abend gingen meine Vettern von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes Mahl mit Vincenzina zu feiern.

Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe für mich gewesen; die hübsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flügel des Huhnes dar, dann einen Becher voll sch?umenden Weins, indem sie mit der gr??ten Anmut von der Welt sagte:

?Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.? Und ich trank begeistert, berückt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute.

Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erw?gen, wie Vincenzina und ich uns durch unl?sbare Banden knüpfen sollten. Nach verschiedenen Meinungs?u?erungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es. Nachdem der ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein alter und hinf?lliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranla?t, sich zu setzen. Kaum sa? er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm:

?Hochwürden, diese? – indem ich Vincenzina zeigte, ?ist meine rechtm??ige Gattin.?

Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme:

?Dies, Hochwürden,? – indem sie auf mich zeigte, ?Antonino M... ist mein rechtm??iger Gatte.?

Wütend erhebt sich der Hochwürdige und fluchend und gestikulierend geht er seiner Wege.

Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten und sie gab mir einen Ring mit ihrem goldenen Haar.

Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro abreisen und mich dem Pr?fekten vorstellen mu?te.

Es wurde beschlossen, da? Domenico M... alias Stadtvorsteher und Vincenzo M... alias Beigeordneter mich nach Catanzaro begleiten sollten. Es giebt in jenem Parghelia einige Bürschchen, die sich als Helden, als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich für Wunder was halten und nachher der Polizei Hülfe leisten, sie verteidigen und beschützen: gemeine, dumme, falsche Seelen! Sage ich unrecht, meine teuren Landsleute?

Folgen wir dem Faden unserer Erz?hlung und besch?ftigen wir uns nicht mit jenen Dummk?pfen, jenen Kanaillen von Spionen.

Von den Karabinieri begleitet, mu?te ich mitten durchs Dorf gehen, um zu Vincenzina zu kommen und ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir kü?ten uns und unsere Thr?nen flossen zusammen, sie fiel ohnm?chtig in meine Arme ...

Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten begleitet. In Tropea empfing ein viersp?nniger Wagen Domenico M..., Vincenzo M... und mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, ohne da? jemand den Mund aufthat.

In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anw?lten, den Herren Bruno Chimirri und Giacinto Oliverio.

Ich wurde dem Herrn Pr?fekten vorgeführt, und nachdem dieser den Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen W?chter der ?ffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgef?ngnis S. Giovanni geleitet.

Der Wachtmeister, Luigi S..., früher ein berüchtigtes Mitglied der Camorra, jetzt ein wütender Verfolger derselben, zeichnet mein Signalement, Namen und Vornamen in ein gro?es Register ein, ein Gefangenenw?rter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgf?ltige und gründliche Untersuchung ergeht über meine Kleider und über meine Person; dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue Gef?ngnis geführt, wo man mich im Kassenzimmer l??t. Es waren drei Zimmer, von ungef?hr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter M?nch und zwei Priester, die wegen Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und mehrere andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster, wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war, war ein kleiner Hofraum, wo ungef?hr zwanzig berüchtigte Briganten Luft sch?pften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum Tode verurteilt, die sich hier w?hrend der Berufung befanden, um nach Best?tigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu kosten bekommen, als Strafe für ihre R?uberei[12].

Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich, da? ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte:

?Antonino M..., zum Tode verurteilt.?

Aus dem Neuen Gef?ngnis kam ich ins Alte Gef?ngnis, das demselben benachbart ist; dort fand ich eine zweite H?lle, eine neue Brut elender Gefangener.

Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es würde die Feder eines Eugène Sue oder eines Francesco Mastriani n?tig sein, um hundert dicke B?nde zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die Herzen der Menschen zu schildern.

Ein gro?er und ger?umiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle H?hlen. Ein einziges enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man drau?en nichts als eine hohe massive Mauer; L?use und andere ekelhafte Insekten kriechen scharenweise an den feuchten W?nden herum, ein widriger F?ulnisgeruch entstr?mt dem Pflaster. Am Eingang der H?hle waren zwei gro?e Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein h?llischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der H?hle.

Schlecht gekleidet, schlecht ern?hrt, unsauber – trotzdem waren diese elenden Gesch?pfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner gütigen Vorsehung.

Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fünfj?hriger, zu lebensl?nglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten, zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren, Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten, alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und unter der schweren Gei?el der Gef?ngnisw?chter. Das war der Raum zu ebener Erde.

Der obere Raum setzte sich aus fünf gro?en Zimmern zusammen, die an dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein gro?er S?ulengang mit langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft sch?pften, und diente als Durchgang für die W?rter und die Gefangenen; zur linken des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei h?her gelegenen Zimmern wohnten die W?rter. Um die oberen R?ume kennen zu lernen, braucht man nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und Lebensführung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, da? man zu ebener Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohs?cke nahmen drei Gefangene auf.

Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer, ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben wurde.[13]

Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde, befand ich mich im S?ulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer geschickt; es ert?nt die Glocke als Zeichen, da? die zum Luftsch?pfen gew?hrte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurück mu?te. Beim gewohnten Ger?usch rührt sich keiner, als ob man das Klingeln der Glocke nicht geh?rt h?tte; es l?utet zum zweiten Mal; dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die W?chter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl aus tausend Kehlen.

?Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den Wachtmeister tot, schlagt die W?chter tot!? Und zweitausend Augen funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst, vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die Mündung nach dem Schlo? S. Giovanni gerichtet.

Der Pr?fekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den S?ulengang, dem wütenden Haufen gebietend, da? jeder sich in seine Zelle begeben solle.

?Herunter!? so ert?nte es, ?hinaus mit dem Schurken!? und tausend Eisen leuchteten drohend zu dem Pr?fekten empor. Nun ersuchte der Beamte die Menge einen Augenblick um Ruhe; er lie? den Gefangenen Diogene Pierre rufen und sprach mit ihm, w?hrend ein triumphierendes Lachen seine trockenen Lippen umspielte.

?Brüder und Freunde?, rief Pierre der schweigenden Menge zu, ?geht alle hinein!?

Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurück, wie eine Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum Tode verurteilt war, ein berüchtigter R?uber und Mitglied der Camorra, seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genie?en; wenige Tage sp?ter durchbrach er ein Gitter des Gef?ngnisses und entfloh auf das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins Rückgrat gejagt wurde, soda? er alsbald vor seinem Teufel stand, eine Rechnung über seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem Gef?ngnis fort war, verlor die Verschw?rung ihre Kraft und Kühnheit; die Camorristen, ungef?hr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen düsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal überliefert, wenn sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, zu leiden.

Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir wenig Hoffnung über den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.

Ich blieb acht Monate in der Misth?hle zu Catanzaro, bis eine Abteilung der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der Assisen er?ffnet und wurden alle, welche an der Ueberführung teilnahmen, in ?ffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen.

Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fu?. In diesen Hundstagen mu?te ich sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und Durst; ich hatte nur Schwarzbr?tchen, die man mir gegeben hatte, als ich den Kerker zu Catanzaro verlie?, aber was nützten sie mir?

Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, da? ich mit Mühe und Not etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in der Richtung nach Maida geführt und machte wieder fünf oder sechs Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine H?hle, welche die H?hle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit zwei ungeheueren Gittern versehen, ?ffnet sich nach einer Terrasse hin, gegenüber lag eine Spinnerei; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von innen wie von au?en. Da lag ich in der finsteren H?hle, gewi? würde ich sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer Magen v?llig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, da? ich kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen, wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder sechs Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich über Gott und seine Vorsehung.

Ich Dummkopf!

Die Vorsehung Gottes verl??t die Gesch?pfe nie, nein, sie verl??t sie nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des g?ttlichen Sch?pfers verfolgt.[14]

Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und l?chelte mich an, indem sie sagte: ?Du hier! Dein Papa und Deine Mama wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!? Und hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder albern, und gab nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.

Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem wei?en Bart sich vor mein Fenster stellte und mich l?chelnd ansah. Ich fragte ihn:

?Herr! wünschen Sie etwas von mir??

?Nichts?, antwortete er freundlich, ?aber bitte, k?nnten Sie mir sagen, woher Sie sind und wie Sie hei?en?? Nachdem ich ihn befriedigt hatte, fragte ich ihn:

?Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen??

?Wissen Sie, braver Jüngling?, sagte er, ?Sie ?hneln vollst?ndig meinem Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus k?men, würden meine Frau und meine S?hne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem Sohne so ?hnlich hat machen k?nnen; wissen Sie?, fügte er hinzu, nachdem er mich aufmerksam angesehen hatte, ?ich beglückwünsche mich dazu, ich bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem Sohn; nachher werde ich ihn hierher führen, ich will, da? er Sie umarme.?

Er ging dann, nachdem er mir die Hand gereicht hatte, indem er kaum die Thr?nen zurückhielt, die ihm in seine himmlisch sch?nen Augen traten.

Nicht lange darauf lie? der W?rter mich in sein Zimmer treten, ein Jüngling und jener edle Greis waren da, sie sahen mich zwei Minuten lang an, dann wandte sich der Vater an den Sohn und sagte:

?Wohlan, Peppino, umarme ihn!?

Der liebe junge Mann warf sich in meine Arme, wir kü?ten uns wiederholt innig, der Greis, dem die Thr?nen über die blassen Wangen rannen, kü?te mich mehrere Male, indem er sagte:

?Mein Sohn, ich segne Dich!?

Sie wollten von meinem Unglück h?ren, und als sie erfuhren, da? ich seit drei Tagen nichts gegessen hatte, waren sie sehr betrübt. Ich sagte zu ihm:

?Herr, k?nnte ich Ihren Namen wissen, damit er sich meiner Seele einpr?ge, weil ich Ihnen hei?en Dank schulde??

?Ja, mein Sohn, ich hei?e Francesco R..., dies?, auf seinen Sohn zeigend, ?ist mein geliebter Sohn Peppino, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.?

?Dank, Herr, Dank für Ihr edles Herz; mir genügt die v?terliche Z?rtlichkeit, die Sie mir erwiesen haben und zu wissen, da? die Vorsehung ihre elenden Gesch?pfe nicht verl??t.?

Sie gingen, indem sie sagten, da? sie bald zurückkehren würden.

Am Mittag kamen sie mit einem Diener zurück, der einen gro?en Korb auf dem Kopf trug.

Herr Francesco sagte zu mir:

?Mein Sohn, ich gehe zu meiner Familie zurück, ich habe heute viel zu thun, wir werden uns heute Abend wiedersehen; mein Sohn bleibt hier, um mit Dir zu speisen und zu plaudern.? Er drückte mir die Hand und ging.

Der Gefangenenw?rter machte eine sch?ne Tafel zurecht, wir setzten uns zu Dreien nieder und fingen heiter an zu essen und von dem ausgezeichneten Wein zu trinken. Eine sch?ne Geflügelsuppe, zwei gesottene Hühner, ein Kalbsbraten, gebratene Eier, K?se und viel Obst machten unser Mahl aus. Wir sprachen von vielerlei Dingen und Peppino sagte oft zu dem W?rter:

?Geben Sie mir diesen teuren Gefangenen, damit er heute Abend bei mir schl?ft und da? ich ihn meiner lieben Mama zeigen kann.?

Der W?rter wollte es nicht zugeben.

Peppino schenkte mir ein Paket toskanischer Cigarren.

Abends kam der edle Herr wieder und sagte zu mir:

?Ich habe mit dem Offizier der Karabinieri, einem guten Freunde von mir, gesprochen, und habe ihn gebeten, alles daran zu setzen, da? Sie morgen nicht abreisen müssen und ein paar Tage hier bleiben k?nnen. Wir begaben uns zu der Station der Karabinieri, wo er, nachdem man meine Papiere untersucht, mich zu seinem Leidwesen wissen lie?, da? er mir nicht dienlich sein k?nne, da es unm?glich sei; Sie müssen übermorgen auf dem Gericht zu Monteleone sein, da Ihre Sache verhandelt wird. Das schmerzte mich nicht wenig, denn ich hatte den Vorschlag gemacht, morgen meine Frau mitzubringen; da ich ihr von Ihnen erz?hlt hatte, ?u?erte sie den lebhaftesten Wunsch, Sie zu sehen.?

Er erkundigte sich, ob ich gegessen und getrunken habe; wenn ich etwas ben?tigte, solle ich es ihn wissen lassen.

?Herr?, sagte ich, ?ich mi?brauche Ihre Menschenfreundlichkeit, aber die absolute Notwendigkeit, in der ich bin, l??t mich anspruchsvoll sein ...?

?Nein, nein?, antwortete er erregt, ?sprechen Sie, sprechen Sie, wir stehen ganz zu Ihrer Verfügung.?

?Ich brauche fünf Lire, um den dringendsten Bedürfnissen zu begegnen, wenn ich in Pizzo und in Monteleone sein werde.?

?Peppino?, sagte der Vater zu dem Sohn, ?geh' nach Hause und versorge den braven Jüngling mit Geld.? Peppino steckt die Hand in die Tasche, leert seine Geldtasche, nimmt zwei Fünflirenoten und giebt sie mir.

?Nein, nein?, ruft der Vater, ?mein Sohn, das ist zu wenig, geh' nach Hause und versorge Deinen Bruder mit Geld.?

?Ich danke, Herr?, sage ich, ?ich danke, das ist zu viel, fünf Lire genügen mir.?

?Und ich sage, da? es zu wenig ist?, sagte Herr Francesco erregt, ?geh' nach Hause, sonst ...?

?Herr, ich nehme nicht einen Centesimo mehr an; wenn Sie auf Ihren Vorschlag bestehen, bin ich gezwungen, die zehn Lire zurückzugeben.?

?Nun wohl, dann nehmen Sie dies kleine Geschenk an, als Pfand meiner Liebe für Sie?, und indem er einen goldenen Ring vom Finger nahm, steckte er ihn an meine Hand – ?und ich bitte Sie, ihn oft anzusehen und sich meiner zu erinnern. Wenn Sie etwas bedürfen sollten, so erinnern Sie sich an Francesco R..., und wenn ich die wenigen Tage, die mir noch verbleiben, vollendet habe, dann werde ich es meinen S?hnen als Verm?chtnis lassen, Ihrer zu gedenken, um Ihnen bei jeder Not beizustehen. Morgen werden Sie nach Pizzo abreisen, mein Sohn wird Sie vor dem Gef?ngnis mit einem Wagen und einem Kutscher erwarten, ich habe Sie den Karabinieri warm empfohlen und hoffe, Sie werden keine unangenehme Reise haben.? Er umarmte mich und kü?te mich mehrere Male, mich mit v?terlicher Z?rtlichkeit an die Brust drückend.

Tags darauf in der Frühe reiste ich, nachdem ich Peppino umarmt hatte, von dannen.

In Monteleone kam ich am Abend des vierten August an, am folgenden Tage sollte ich den Assisen vorgeführt werden.

Der Anwalt Herr Chimirri kam zu mir und sagte mir, da? er in Gesch?ften in Monteleone sei und da? er aus reinem Zufall erfahren habe, da? meine Sache verhandelt werden solle. Meine Verwandten waren nicht gekommen, Entlastungszeugen waren nicht vorhanden; so erwarteten mich denn zwanzig Jahre Zwangsarbeit.

Herr Chimirri kam nicht in Verlegenheit, die Schlauheit der Advokaten geht weit.

?Geben Sie mir rasch vier Personen aus Ihrer Heimat an, die entweder tot oder im Ausland sind.?

?Pasquale Colace fu Francesco, Leonardo Calzona di Francesco Antonio, Marco Colace fu Francesco Antonio, Antonino Mazzitelli di Vincenzo.?

Er schrieb die armen Verstorbenen in sein Notizbuch und ging.

Ich werde in den Gerichtssaal geführt, nehme auf der Anklagebank Platz, die Geschworenen werden ausgelost, als alles in Ordnung ist und ich verh?rt worden bin, werden die Belastungszeugen gerufen, deren acht waren, die Rache gegen mich schnoben und mich als einen wahren M?rder hinstellten. Es werden die Entlastungszeugen gerufen, der Gerichtsdiener ?ffnet die Thür des Zeugenzimmers und ruft:

?Pasquale Colace fu Francesco.?

?Nicht erschienen.?

?Marco Colace fu Francesco Antonio.?

?Nicht erschienen.?

?Leonardo Calzona di Francesco Antonio.?

?Nicht erschienen.?

?Antonino Mazzitelli di Vincenzo.?

?Nicht erschienen.?

?Beim Aufruf fehlen alle, Herr Vorsitzender.?

Wer wei?, ob diese armen Toten wissen, da? sie vor dem Gericht zu Monteleone eine l?cherliche unsinnige Macht darstellen.

Mein Verteidiger erhebt sich und protestiert.

?Die Entlastungszeugen fehlen, ich kann die Verhandlung nicht fortsetzen.?

?Herr Pr?sident!? ruft einer der gegnerischen Partei, ?diese Zeugen sind lange vorher gestorben, ehe der Angeklagte das Verbrechen beging.?

?Sie sind tot?? sagte mein Verteidiger, ?so werden wir sehen, ob sie auf Kosten des Angeklagten aus dem H?llenrachen gezogen werden sollen, um ihre Aussage abzugeben, oder ob ein anderer Entlastungsbeweis angetreten werden soll.?

Alle lachten bei dieser Rede des Herrn Chimirri, der Vorsitzende l?utet und sagt:

?Die Verhandlung ist geschlossen.?

Alle blieben mit langer Nase sitzen und ich wurde ins Gef?ngnis geführt.

Ich erinnere mich nicht, welcher Streit sich zwischen mir und einem Gefangenenw?rter entspann, – ich geriet in Zorn und gab ihm eine Ohrfeige, wodurch ich mir vierzehn Tage Wasser und Brot zuzog, w?hrend der Oberw?chter De Cola, der halb blind war, mir sagte:

?Das haben Sie gut gemacht, der W?rter war eine Kanaille.?

Fünf Jahre.

Am Mittag des 17. November 1869, vierzehn Monate nach dem blutigen Ereignis, verurteilte der Hof der Assisen zu Monteleone mich zu der Strafe von fünf Jahren Gef?ngnis und zu den Kosten des Urteils, wegen Totschlags, begangen im Zorn und infolge schwerer Aufreizung.

Ich schrieb an Herrn Francesco R... in Tiriolo, teilte ihm die gegen mich erkannte Strafe mit und schickte ihm eine Anweisung über zehn Lire, das Geld, welches er mir geliehen hatte, als ich das dortige Gef?ngnis verlie?.

Ich bewahre noch seinen Brief auf, als heiliges Pfand meiner Dankbarkeit gegen ihn.

Folgenderma?en lautet der Brief des Herrn R...:

Mein gottgesegneter Sohn!

?Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, und betrübt sind auch meine Frau und meine S?hne.

Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, da? unsere Liebe zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst das Glück hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung über zehn Lire zurück, und mir mi?f?llt Ihre Handlungsweise; ich hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich m?chte Ihr Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfühlend erkannt habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu wenden, wo Sie etwas n?tig haben, mit Vergnügen und ohne jeden Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein z?rtlicher Vater es vermag.

Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben werden. Ihr z?rtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen. Fassen Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf die g?ttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Gesch?pfe nie verl??t.

Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen Sie und überraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte, werden meine S?hne Sie statt meiner umarmen.

Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie immer etwas von mir. Meine Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu haben, sie weint bei Ihrem Brief.

Empfangen Sie die Grü?e meiner Familie, Peppino umarmt Sie und sagt, da? er Sie dort besuchen will.

Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie.

Maida, den 2. Dezember 1869.

Ihr z?rtlicher Vater

Francesco R...?

In der Zwischenzeit, w?hrend ich mich im Gef?ngnis zu Catanzaro befand, heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit Micheline M..., einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die meine Schwestern geheiratet hatten. W?hrend diese Brut und der Dummkopf, mein Bruder, sich auf den Festen Hymens erg?tzten, Wein tranken und das halbe Erbteil verpra?ten, das mein unglücklicher Vater ihnen hinterlassen hatte, seufzte ich ?rmster in den finsteren H?hlen zu San Giovanni in Catanzaro.

Ich wei? nicht, wie lange ich im Gef?ngnis zu Monteleone blieb. Jener gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M... kam oft, mich besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel schilderte, und er pflegte sie einen ?himmlischen Engel? zu nennen, und sagte, da? sie sch?n und kr?ftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, da? er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder da? er etwas elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. Der arme Thor!

Micheline M..., die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schülerin der Grunds?tze des berüchtigten Ruina, ein Engel an Leib und Seele!!

Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Es kam Befehl vom Ministerium, da? achtzig Gefangene aus dem Gef?ngnis Calabriens nach Lucera do Puglia geführt werden sollten, um dort ihre Strafe zu verbü?en, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.

In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten über Pizzo und in jenem Gef?ngnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam, der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie meinen Verwandten, Michela M..., damit, alles m?gliche zu thun vermittelst ?rztlicher Zeugnisse, da? ich an jenem Tage nicht mit abreiste. Ich blieb einen Monat im Gef?ngnis zu Pizzo, alle andern Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gef?ngnis zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno geführt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter schwerem Verdacht.

Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu arbeiten, es war nur n?tig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, da? ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends der W?rter kam, um die Gefangenen zu z?hlen, dann leuchtete er auch mit einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, da? es aussah, als sei nichts zerst?rt; nachher, nach der abendlichen Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten fünf oder sechs Tage, so da? an der Au?enseite nur noch der Kalk an der Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben h?tte.

Wir hielten Rat: diese Nacht mu?ten wir fliehen, aber ein starkes Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht statthaben sollte, stand die Schildwache.

Was war zu thun?

Wir beschlossen, das Los zu werfen, und wer herauskam, sollte die Mauer sprengen, sich rasch auf die Schildwache stürzen und sie niederschlagen, ohne da? sie Alarm machen konnte. Nachdem wir gelost hatten, wollte das Schicksal, da? ein gewisser Luigi Martelli aus Catanzaro bestimmt wurde, der zu zwanzigj?hriger Zwangsarbeit verurteilt war; der zweite sollte ich sein, dann die andern der Reihe nach.

Den ganzen Tag beratschlagten wir, jeder von uns war mit einem langen dreieckigen Dolch bewaffnet.

Abends kam der W?rter zu dem gew?hnlichen Besuch, z?hlte die Gefangenen, und als er vor dem Gefangenen Farabella vorbeikommt, ?ffnet dieser die Tabaksdose, die er in der Hand hatte und sagt zu dem W?rter:

?Herr Ciccio, nehmen Sie eine Prise??

Ciccio nahm die Prise und sagte:

?Ich danke, Farabella.?

Er ging auf den Abtritt, untersuchte die Mauern und entfernte sich.

Es konnte ungef?hr sechs Uhr sein, als eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri das Haus umstellten. Die Thür unseres Zimmers ?ffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri mit aufgepflanztem Bajonett herein, wir müssen uns paarweise in Reihen aufstellen, wir werden untersucht und es wird entdeckt, da? wir mit langen Dolchen bewaffnet sind.

Der Anführer st??t von au?en mit einem Gewehrkolben gegen die Mauer des Abtritts und die schwache Kalkkruste geht in Stücke.

Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, man findet die Mei?el, die Stangen und H?mmer, die im Kot begraben lagen. Wir werden mit Eisen und Handschellen und starken Ketten gebunden und der Chef der Wache fr?gt:

?Wer hei?t hier Antonino M...??

?Ich, Herr?, antwortete ich.

?W?chter?, befiehlt der Anführer, ?lassen Sie den Gefangenen M... in das obere Zimmer gehen, aber bewachen Sie ihn gut!?

Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging ich frei aus, denn nachher habe ich erfahren, da? die armen Teufel tüchtig geprügelt wurden und als am folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, mu?ten sie unter strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort abreisen; die Angeschuldigten nach Monteleone mit warmen Empfehlungen von dem Direktor und dem Chef.

Ich verga? dem Leser mitzuteilen, da? ich w?hrend der Zeit, da ich in dem Gef?ngnis zu Catanzaro war, eine lebhafte Korrespondenz mit Vincenzina unterhielt und da?, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel, der Priester und meine Verwandten mir drohten, da? sie mich meinem Schicksal überlassen würden, wenn ich Vincenzina nicht verlie?e – alles nur Verschw?rung der Schurken aus Spilinga, die hofften, da? ich mit der Zeit eine ihrer T?chter heiraten würde, um mich in Schimpf und Schande zu bringen, wie sie es mit dem Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten.

Ich war gezwungen, mich zu fügen, und dann dachte ich: Ich komme vor Gericht unter einer nicht leichten Anschuldigung, wer wei?, was für Folgen mir in der Hinsicht begegnen k?nnen. Die arme Vincenzina mu?te inzwischen warten, wer wei? wie lange. Wer kann die Wechself?lle des Lebens erforschen?

Wenn ich die Strafe verbü?t hatte, mu?te ich Soldat werden und zwar erster Klasse des Jahrgangs 1850. Was konnte mir beim Milit?r begegnen? Unter einem so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren Temperament leicht m?glich, da? ich neuer Schande entgegenging.

Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich ihr mein trauriges Mi?geschick und die harte Folgezeit, die mir bevorstand, mitteilte; ich bat sie, mir meine Schw?che zu verzeihen, und sagte, da? wenn die Vorsehung mir geholfen h?tte, bald in meine Heimat zurückzukehren, ich nicht verfehlt haben würde, ihr die Hand zu reichen, und da? ich sie noch immer liebte.

Ich sandte ihr ihren Ring zurück, indem ich sie bat, den meinen meiner Familie zuzustellen, um meine Verwandten zu befriedigen, die so emp?rt gegen uns seien.

Die arme Vincenzina antwortete mir, da? sie alles so gemacht, wie ihr befohlen, da? sie meine traurige Lage beklage, da? sie mich als ihren Vetter immer lieben werde und da? für mich, als ihren Verlobten, ihre Liebe ewig, unerschütterlich sei, da? sie über mein trauriges Mi?geschick weine und da? sie für meine Befreiung bete.

Jetzt wollen wir den Faden meiner Erz?hlung wieder aufnehmen. Am Sonntag nach dem, an welchem meine Gef?hrten abgereist waren, reiste ich nach Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu fünfzehnj?hriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in Favignana bestimmt und hie? Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und war aus wohlhabender Familie; als Angeh?riger der Camorra war er wegen gewisser Vergehen, die er im Gef?ngnis zu Cosenza verübt hatte, von dieser Sekte dazu verurteilt, da? ihm das Gesicht zerschnitten werde, aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt, das fertig zu bekommen.

Er gestand mir, da? er in Neapel im Gef?ngnis del Carmina nicht mit mir in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, da? ich ihn verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt waren und da? er dem Oberw?chter davon Mitteilung machen wolle.

Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen würde, da? ihm nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich für einen anst?ndigen Picciotto, sich mit dem Oberw?rter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch schlimmere Sache k?nne für ihn eintreten, wenn er im Bagno sein würde; da? es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15]

Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gef?ngnis del Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein gro?es Gemach mit gew?lbten Bogen und S?ulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine Klosterkirche gewesen; hier waren ungef?hr zweihundert Passagiere, die Tag für Tag, ja Augenblick für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort abreisten, w?hrend andere Züge von drei?ig oder fünfzig Gefangenen, ihre Stelle einnahmen – es war ein h?llisches Kommen und Gehen.

Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S. Bruno, einen berüchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu lebensl?nglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und Mütze und grüne Hosen; an den Fü?en schleppte er mühsam zwei lange Ketten und gro?e eiserne Ringe, die ein h?llisches Ger?usch machten. Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu flüstern:

?Das Stichwort??

?Liebe und Achtung den Gef?hrten, blinder Gehorsam dem Masto.?

?Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenüber beobachten.? Wir kü?ten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten uns auf die Pritsche.

?Nun, teurer Genosse?, sagte er, ?erz?hle mir, wie es den Gef?hrten in Catanzaro und Monteleone geht, ich m?chte über gar vieles unterrichtet sein.?

?Lieber Sansosti, die Gef?hrten sind zerstreut, jener Verr?ter Diogene Perri hat sie verraten.?

Dann erz?hlte ich ihm das ganze Abenteuer mit Perri, seinen Tod und wie es den Camorristen in Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau über viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. Dann sagte er:

?Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht vorbeikommen sehen??

Es mu? erw?hnt werden, da? Sansosti den Perrone nur dem Namen nach kannte; denn als Perrone sich im Gef?ngnis zu Catanzaro befand, war er allein in einer Zelle eingeschlossen, aus Furcht, da? die Camorristen ihn ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen.

?Mir scheint, er ist abgereist?, antwortete ich Sansosti.

?Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs Monaten erwarte ich ihn schon, jeden Gefangenenzug, der ankommt, beobachte ich und erkundige mich nach jedem, der ankommt und abgeht; man sagte mir, da? er noch nicht fort sei und Du M..., hol's der Teufel, hast ihn in keinem Gef?ngni? getroffen? Wei?t Du, was unsere Brüder im Gef?ngnis zu Cosenza beschlossen haben? ?Wer den Picciotto Luigi Perrone verstümmelt, wird, wenn er nicht Camorrist ist, sofort Picciotto di mala vita; geh?rt er zur Camorra, so avanziert er zwei Grade; ist er Picciotto, so wird er Camorrist, ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; ist es der Masto oder auch ein Haupt der Gesellschaft, so soll er von allen und für alles unantastbar sein und überall in seinem Kreise als Haupt der Gesellschaft anerkannt werden.? Noch hat keiner von uns das Glück gehabt, aber beim Blute der Madonna, er mu? hier vorbei, noch ist er nicht zurück ..., und jener Jüngling, der mit Dir kam, wer ist er??

?Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied der Camorra; zu zehn Jahren Gef?ngnis verurteilt und nach der Anstalt in Aversa bestimmt.?

?Aber sage mir, M..., glaubst Du, da? dieser ehrlose Perrone noch lange hat, ehe er hier durchkommt??

?Ich glaube, da? er mit einer anderen Abteilung kommen wird, denn in Pizzo habe ich erfahren, da? er in Catanzaro krank lag.?

?Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfüge auch über uns; wir sind hier elf Genossen, mit Dir sind wir zw?lf.?

?Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich darum bitte??

?Sicher, bei Gott, mein Bruder!?

?Wohlan, h?re mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich, lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt hast; ich bin zu fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es müde, von der Camorra sprechen zu h?ren, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine Strafe verbü?t und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu genie?en, anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen H?hlen alt zu werden.?

?Mir recht, mein lieber M..., ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du willst; ich will Dir Deinen sch?nen Entschlu? nicht von der Seele rei?en; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der Gesellschaft vorstellen kann.?

?Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde besser sein, mich von dieser Vorstellung zu entbinden.?

?Nein, nein; ich will es.?

Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer starrende Zimmer. Perrone, der ?rmste, sa? in einem Winkel, in seinem Mantel eingehüllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch nicht vor K?lte, sondern vor Furcht.

Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen k?nnen, dem Ver?chter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone n?herte; ich fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, da? er von niemand gekannt sei und da? die Dinge eine gute Wendung n?hmen. Der ?rmste kü?te mir die H?nde und umklammerte meine Knie, w?hrend zwei hei?e Thr?nen auf meine Finger niederfielen.

Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. W?hrend die Z?hne und die Magen arbeiteten, sagte Sansosti:

?Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M..., vor, meinen Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise.? Die Camorristen drückten mir die H?nde und kü?ten mir die Wange, dasselbe that ich. Wir a?en vergnügt und tranken viel, das Mahl war reichlich, der Wein vorzüglich; dann zündeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer umher und sprachen von Schandthaten der Camorra.

Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen Kom?die? Es waren die armen Unglücklichen, die nicht der berüchtigten Sekte der Camorra angeh?rten.

Ich k?nnte viele Episoden mitteilen, welche die verh?rtetsten Gemüter erschauern machen würden, aber meine Absicht, meine Pflicht, und weil ich nicht meineidig werden will, erlauben es mir nicht, und ich übergehe sie, um nicht den Menschen und seinen Sch?pfer zu verfluchen.[16]

Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden Tage geschehen sollte, wenn er mit lauter Stimme von dem Gefangenenw?rter zum Aufbruch aufgerufen werden würde.

Am Morgen n?herte ich mich dem Ausgangsgitter und sprach mit dem W?rter, den ich fragte, ob er heute beim Aufruf der Gefangenen, die fort müssen, zugegen sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich ihm mit, da? ein Gef?hrte von mir, der heute abreisen mü?te, sich gro?er Gefahr aussetzte, wenn er entdeckt würde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu thun, wenn der Name Perrone an die Reihe k?me, statt dessen den meinigen zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan unterrichtet sei, das Zimmer verlassen würde; auf diese Weise würde er für heute gerettet sein. Der W?rter gab meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die Namen auf der Karte und sagte:

?Es ist in Ordnung, fürchten Sie nichts, Sie sind ein heller Kopf.?

Mittag kam heran, das Gitter wird ge?ffnet, der W?rter tritt mit einer Abteilung von zwanzig Gefangenen herein, er h?lt ein Blatt Papier in den H?nden und ruft drohend:

?Ruhe, Ruhe!?

Als die Ruhe hergestellt ist, h?lt er sich das Blatt vor Augen und liest laut das Verzeichnis der Gefangenen vor, die abreisen mu?ten. Perrone stand an dem Ausgangsgitter, der W?rter rief ungef?hr zehn Namen auf, dann rief er:

?M...?

Perrone stürzte hinaus und stieg eilig die Treppe hinauf, w?hrend ein anderer W?rter unten rief:

?Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!?

Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das Gitter wird geschlossen, ich ging mit Sansosti auf und ab, der zu mir sagte:

?Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, soviel ist sicher. Der elende Perrone, hier mu? er durch; hier werden wir unsere Rechnung glatt machen, da es in Calabrien nicht m?glich war, was sagst Du, M...??

?Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch nicht durch ist, mu? er noch kommen, – wenn er nicht mit der Eisenbahn transportiert wird.?

?Mit der Eisenbahn? Du meinst, da? ihn die Regierung zum Vergnügen in Italien herumreisen lassen wird??

?Wenn er noch nicht durch ist?, erwiderte ich, ?mu? er sicher hier vorbei – aber, lieber Sansosti, was geht es Dich an, da? Perrone dem Haupt der Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem Messer aufschnitt? Was für ein Interesse hast Du daran, Dich in diese Dinge zu mischen! Genügen Dir nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er jetzt duldet??

?Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du M..., der so spricht? Hast Du Dich seit den zwei Jahren so ver?ndert? Haben wir nicht geschworen, die Schmach zu bek?mpfen? Habe ich Dir nicht die Worte auf die Brust eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast Du nicht mit Deinen Genossen geschworen, die Schmach auszurotten!??

?O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz schlug mir damals in der Brust, und glaube mir, Sansosti, nachdem ich die Strafe erhalten habe, habe ich Mitleid mit allen Unglücklichen und Entehrten, ich liebe sie alle wie meine Brüder, die Guten und die B?sen, die Armen und die Reichen, ob sie Genossen der Camorra sind oder nicht.?

?Nein, M..., nein; die Schmachvollen sind immer schmachvoll, sie verdienen keine Rücksicht und kein Mitleid. Erinnerst Du Dich, als ich Dir im Gef?ngnis zu Catanzaro einen Sto? gab? Damals kannte ich Dich nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest Dir ein scharfes Eisen, um mich zu ermorden, w?hrend ich auf dem Abtritt meine Bedürfnisse verrichtete. Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, und heute willst Du nicht, da? ein Elender, der die ganze Camorra beleidigt, verstümmelt wird.?

Das waren die Gespr?che, die ich mit diesem Galeerenhunde führte in den drei Tagen, die ich im Gef?ngnis del Carmine war.

Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, fuhr mit der Eisenbahn in einem Wagen dritter Klasse nach Foggia, machte in Benevento Rast und setzte Tags darauf meine Reise fort. Im Gef?ngnis zu Foggia wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; hier traf ich einige drei?ig Gefangene.

Man mu? wissen, da? ich ein gro?es dickes Buch bei mir trug, in dessen Einband eine lange Messerschneide verborgen war, ?hnlich der, mit welcher die L?mmer geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte mir ein Camorrist im Gef?ngnis zu Pizzo geschenkt. Ich trug es bei mir, um unter Umst?nden Gebrauch davon zu machen ... Kaum war ich in dem Zimmer, als ich mir einen halben Liter Wein bringen lie?, den ich mit zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier Soldi, ein ausgezeichneter Barlettawein, denn damals war die Traubenkrankheit noch nicht in Apulien aufgetreten.

Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das von au?en mit Holzfachwerk verkleidet ist, damit man nicht sehen soll, was drau?en vorgeht; ruhig und friedlich trinke ich meinen halben Liter Wein, um den Magen zu w?rmen, der seit zw?lf Stunden trocken war. W?hrend ich den G?ttertrank schlürfte, freute ich mich, da? ich müde war und mich an einem mir unbekannten Ort befand. Ein hübscher bartloser Jüngling von sechszehn bis siebzehn Jahren, anst?ndig gekleidet und aufgeputzt wie ein D?mchen, mit einer schief auf den Kopf gestülpten roten Kappe, wie sie im Gef?ngnis zu Catanzaro angefertigt werden, mit Flittern von verschiedener Farbe geschmückt, n?hert sich mir und sagt:

?Freund, k?nnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen??

?Auch hundert,? antwortete ich mit verdrie?licher Stimme.

?Hier ist die Societa del Diritto, sie m?chte etwas von Ihnen beanspruchen.?

?Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, nachher werden Sie bedient, aber sagen Sie mir, wer sind Sie??

?Ich bin ein Picciotto di sgarro.?

?Sch?n. Haben die das Amt des Picciotto du jour??

?Zu dienen.?

?Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie dem Camorristen du jour, da? ich um eine Unterredung mit ihm bitten lasse.?

?Wir haben hier keinen Camorristen du jour, das Haupt der Gesellschaft macht hier alles.?

?Wie?? rief ich verwundert aus, ?eine Societa del Diritto, die aus mehr als zwei Genossen besteht, hat keinen Camorristen du jour? Das ist mir neu, sehr neu, trotzdem ich nicht gerade wenig wei?.?

?Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles zusammen, und je mehr einer wei?, desto besser ist es für ihn.?

?Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! Wir machen alles selbst – also alles macht ihr selbst! Ihr braucht niemand Rechenschaft zu geben von dem, was ihr thut. Was für eine Bande seid ihr denn? Nicht übel: ?wir machen alles selbst?. Dann werden also auch die Picciotti bei Euch zur Versammlung zugelassen??

?Natürlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.?

?Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind die Pflichten eines Picciotto di sgarro, seine Funktionen und die Beziehungen, die er zur Gesellschaft haben soll??

?Das wei? ich nicht, denn ich kann weder lesen noch schreiben, ich gehorche den Befehlen, die mir meine Genossen geben.?

?Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten eines Picciotto di sgarro sind, entweder zu betrügen oder betrogen zu werden; haben Sie verstanden?... Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!?

Er ging verdrie?lich ab. Fünfzehn Gefangene nahmen ihn in die Mitte und umringten ihn. Es waren die Camorristen, welche die Gesellschaft ausmachten und ich glaube, da? der elende Picciotto erz?hlte, was ihm bei mir begegnet war.

Ich ma? den Kreis mit den Blicken und sch?tzte die Hallunken ab. Ich bin allein, dachte ich, aber ich habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann ich es darauf ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fünfzehn Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet seien, und bessere Waffen haben als ich? Sie sind fünfzehn, ich allein; wenn ich einen Genossen h?tte, der mir den Rücken decken würde – ja, dann würde sich das Schauspiel ?ndern. Dann k?nnte man es wagen; aber allein, allein geht es nicht; ich mu? die Klugheit siegen lassen und abwarten.

Der Picciotto erscheint wieder und sagt:

?Die Gesellschaft m?chte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.?

?Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt??

?Noch nicht.?

?Sind Sie angeschuldigt??

?Zu dienen.?

?Wo wird Ihre Sache verhandelt??

?In Lucera.?

?Sch?n, k?nnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren??

?Paolo Pescari, zu dienen.?

?Sehr sch?n.?

Ich kn?pfte meine Weste auf, ?ffnete das Hemd und zog ein Amulet der Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich ?ffnete es und nahm eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten reichte:

?Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich, da? sie Ihnen ein Calabreser Namens M... gegeben hat.?

?Ich danke, ich werde es nicht vergessen.?

Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit Delirien.[17]

Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine Gef?hrten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren, da? ich im Gef?ngnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen müssen?

Wo sollte ich mich verbergen?[18]

Sie werden sagen: ?Jeder Vogel liebt sein Nest.?

Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg mir das Blut zum Kopfe.

In Lucera angekommen, schlo? man mich in das Gef?ngnis San Domenico, in ein Zimmer, wo zwanzig Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man mu? beachten, da? in Lucera drei Gef?ngnisse waren: das Gerichtsgef?ngnis, das Gef?ngnis San Francesco und San Domenico, die alle dicht bei einander liegen.

Folgenderma?en war das Gef?ngnis San Domenico beschaffen: Zwei lange Zimmer mit je einem Fenster, die auf den Bürgersteig an der sch?nen breiten Stra?e inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster waren mannshoch, mit zwei gro?en Gittern und einem Netz aus Gu?eisen versehen; zwei andere Fenster gingen auf einen kleinen Hof hinaus; zwischen den beiden Zimmern lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der W?rter mit dem Amtszimmer des Oberw?rters, des Peppino Crigna.

Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als gute Unglücksgef?hrten und halfen uns gegenseitig.

Von dem, was mir damals im Gef?ngnis zu Foggia begegnete, sagte ich meinen Genossen nichts, denn ich konnte einem camorristischen Gericht unterworfen und bestraft werden.

Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen ausführlich von der Camorra, aber die Camorra der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als die von heute, alles ist ver?ndert, die Gesetze, Einrichtungen, Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; nur der alte Name ist von früherher geblieben und sonst nichts. Jedes mal, wenn eine Abteilung von Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia ank?me, aber zwei Monate lang erwartete ich ihn vergebens. Eines Tages, als ein Zug von nur wenigen Gefangenen ankommt, h?re ich einen W?rter rufen:

?Transport aus Foggia!?

Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem Auge und sehe den Picciotto aus Foggia, mit seiner schief aufgestülpten roten Kappe.

Ich rufe den W?rter Peppino, der mein Freund ist, da ich ihm t?glich zwei Brote liefere, die er mir mit fünfzehn Centesimi bezahlt.

?Peppino?, sprach ich, ?jener Bursche mit der schiefen roten Mütze ist Paolo Pescari, mein lieber Freund; haben Sie die Güte, ihn nach der Untersuchung in mein Zimmer zu schicken.?

?W?rter Cicciotto?, sagt der Oberw?rter zu einem in der N?he stehenden W?rter, ?wenn Sie den Paolo Pescari durchsucht haben, lassen Sie ihn hier hereinkommen.?

?Sehr wohl?, antwortet der W?rter.

Ich begab mich wieder zu meinen Gef?hrten und erz?hlte ihnen mein Abenteuer im Gef?ngnis zu Foggia, wobei ich nicht die fünf Lire verga?, die ich dem falschen Picciotto gegeben hatte.

Die wackeren Genossen gerieten in gro?e Wut, der eine wollte ihn t?ten, der andere die Nase abschneiden, der dritte das Gesicht verstümmeln – alle fluchten und drohten durcheinander, die F?uste streckten sich in die H?he und die Messer wurden hervorgezogen.

Ich mu?te sie bitten, sich zu beruhigen und das zu thun, was ich dachte.

?Liebe Genossen?, sagte ich, ?wir wollen ihn weder t?ten, noch verstümmeln; das thut man nicht mit einem armen Burschen, der so elend ist wie wir; ich will Euch ein Mittel angeben, eine famose Posse aufzuführen, wobei keiner zu leiden braucht. – Bildet eine camorristische Gesellschaft, ernennt ein Haupt, w?hlt die Camorristen, die Picciotti, die Novizen, stellt eine richtige Societa di diritto dar; wenn der Picciotto Pescari eintritt, dann fragt ihn erst nach den Aufnahmerechten, dann nach den Wohnungsrechten; das übrige werde ich machen: wenn Ihr in Zukunft Rechenschaft über Euer Benehmen ablegen mü?t, so stehe ich für alles ein; ich bürge für alles, was daraus folgen kann; aber ich bitte Euch, die Hand in der Tasche zu lassen und nicht das Messer gegen den gemeinen falschen Picciotto zu gebrauchen; ich werde mich beiseite halten und keinen Anteil an der Kom?die nehmen und ihr mü?t mich gleichgiltig behandeln.?

Sie traten zusammen und thaten, was ich angeordnet hatte.

Der Picciotto Paolo Pescari tritt ein und sagt:

?Heil den Genossen!?

Er verhunzte das Losungswort oder kannte es nicht, es lautete statt dessen:

?Heil und Frieden den Genossen, Achtung Allen!?

Statt sich das Haar zu gl?tten oder das Kinn zu berühren, rückte er die Mütze auf dem Kopf zurecht. Im Zimmer wurde er von den hungrigen Kerlen umzingelt, in der Hand trug er einen gro?en Sack, der von einem ergriffen wurde, der das Amt des Zimmerkehrers hatte und der den Sack auf das Bett warf.

Die Kerle erkundigten sich, woher er k?me, wessen er angeklagt sei, wer sein Verteidiger w?re, ob er diesen oder jenen Camorristen oder Picciotto kannte. Zitternd und nachdenklich antwortete er auf die Fragen.

Ich lag auf meinem Bette, mit dem Rücken auf dem Strohsack und rauchte eine Pfeife. Als mir der Bursche reif und durch das Hin- und Herfragen genügend verwirrt schien, erhob ich mich, trat an das Fenster und rief:

?Frau M..., Frau M...!?

Es war die W?rterin, die auf Kosten der Gefangenen gehalten wurde, und die mir wegen verschiedener kleiner Gef?lligkeiten zugethan war.

Die M... kommt, tritt an das Gitter und sagt:

?Was giebt es, mein lieber M...??

?Nichts, aber ich m?chte wissen, wieviel Geld der Gefangene Paolo Pescari im Bureau deponiert hat.?

?Sofort?, sagte sie und ging. Bald kam sie wieder und sagte:

?Der Gefangene Paolo Pescari hat im Bureau drei?ig Lire deponiert.?

?Ich wei?, liebe M..., ich kann mich auf Dich verlassen, wie Du auf mich und meine Genossen. Wenn Du nachher kommst, um die Rechnungen zu schreiben, so beachte, da? Paolo Pescari Dir eine Nota von drei?ig Lire überreichen wird, fünfzehn sind für Dich, die andern fünfzehn werde ich für Essen, Trinken und Rauchen ausgeben, hast Du begriffen??

?M..., Du wirst mich um meine Stellung bringen.?

?Du wirst nichts verlieren, verla?' Dich auf mich.?

?Ich rechne darauf, M...?

?Sch?n, sind wir einig??

?Ja, wir sind einig.?

Ich setzte mich auf mein Bett, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit gro?er deutlicher Schrift:

Kostenrechnung für den Gefangenen Paolo Pescari. Kalbfleisch, 20 Portionen L. 5,–

Kuchen, 20 Portionen " 5,–

20 Liter Wein à 5 Soldi " 10,–

Gemüse " 2,–

Rauch- und Schnupftabak, Cigarren " 8,–

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