Das ist der Mann, dessen Biographie ich ver?ffentliche; das ist sein Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen unterdrücken und sogar bessern zu k?nnen.
Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite seiner Individualit?t aufschlagen, ich meine die physische und psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi, welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen Charakteristika des M... darlegen wird.
Physische Untersuchung.
Wenige Tage nach der Einlieferung des M... in die Irrenanstalt zu Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes Resultat ergab.
Allgemeiner Befund: Kr?ftiger Knochenbau, starkes Fettpolster, Dolicocephale, Haar etwas sp?rlich, dunkelbraun, ab und zu mit wei?en F?den durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit L?ngs- und Querfurchen. Die Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelf?rmig, Gegenleisten kaum vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen H?ckers. Die Augen in gleicher H?he, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen normal, rechts st?rker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist schlaff und welk. Die Z?hne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine in der Leistendrüsengegend. Mehrfache T?towierungen, auf dem rechten Arm: ors fuduli, auf der Brust: a morte l'infame (Tod der Schmach), auf dem linken Arm V und K, auf dem Rücken der rechten Hand O und F.
Craniometrie: Diameter ant. post. maximus mm 191
Diameter transversalis " 153
Kopfindex " 80
Horizontaler Umfang " 550
Vorderer (halber) Umfang " 275
Hinterer (halber) Umfang " 275
Curva longitudinalis " 300
Curva transversalis " 220
Diameter bifrontalis minimus " 95
Stirnh?he " 60
Prosopometrie: Gesichtsh?he mm 127
Diameter bizigomaticus " 115
Gesichtsindex " 30
Anthropometrie: Gr??e m 1,56
Weite der ausgestreckten Arme " 1,58
Brustumfang cm 85
Linea jugulo-xifoidea " 16
Linea xifo-umbilicalis " 25
Linea umbilico-pubica " 15,05
Linea biiliaca " 29
L?nge des Oberschenkels " 68,05
L?nge des Unterschenkels " 30
K?rpergewicht kg 75,00
Kurzer dicker Hals – die fossae ober- und unterhalb des Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt – breite Brust, die interkostalen Zwischenr?ume wenig sichtbar. – Ausatmung auf beiden Seiten der Brust gleichm??ig – Anzahl der Atmungen siebzehn in der Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.
Blutumlauf: Herzd?mpfung von normaler Gr??e – Herzt?ne rein – regelm??iger und kr?ftiger Pulsschlag – normale Funktion der Arterien.
Verdauungsapparat: Zunge rein und feucht. – Ab und zu leidet er an Schmerzen in den Eingeweiden. – Stuhlgang regelm??ig. – Bauch weich und unempfindlich gegen Druck.
Geschlechtsapparat: Geschlechtsorgane normal – gro?e Hoden. Die Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe – saure Reaktion – Eiwei? und Zucker nicht vorhanden – kohlensaure Salze in geringer Menge – alkalische und erdige Phosphate in normaler Menge – Chloride ziemlich selten. – Bei mikroskopischer Untersuchung erscheinen keine organischen Gebilde.
Leberd?mpfung von normalem Umfang, indolent.
Milzd?mpfung normal.
Vasomotorische Erscheinungen: Die hyperh?mischen Linien des Trousseau'schen Ph?nomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust wie auf dem Unterleib.
W?rmeerzeugung normal.
Sensibilit?t:
Tastgefühl: Er fühlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei
auf der Stirn rechts in der Entfernung von 42 mm
" " " links " " " " 37 "
" " Schulter rechts " " " " 86 "
" " " links " " " " 72 "
" " Brust rechts " " " " 89 "
" " " links " " " " 82 "
" dem Unterleib rechts " " " " 77 "
" " " links " " " " 63 "
" " Schenkel rechts " " " " 73 "
" " " links " " " " 69 "
" der Zunge rechts " " " " 39 "
" " " links " " " " 50 "
Ortssinn: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der Brust berührt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist eine Differenz von 4–5 cm vorhanden.
Schmerzempfindung: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen K?rpergegenden gleich gut.
W?rmeempfindung: Er fa?t rasch und sicher die W?rmeunterschiede verschiedener Gegenst?nde.
Sehverm?gen: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert. – Farbensinn normal.
Geh?r: Auf dem rechten Ohr h?rt er das Ticken der Uhr nicht, selbst wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer Entfernung von 15–20 cm.
Geruch: Scheint nicht beeintr?chtigt.
Geschmack: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den Geschmack nicht angeben. – Bei Chinin sagte er nach verschiedenen Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.
Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.
Abnormale subjektive Sensationen: Er klagt oft über Schwindel und heftigen Kopfschmerz – in der linken Schl?fe empfindet er auf einem Raum von der Gr??e einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als ob die Haare sich daselbst str?uben.
Bewegungen.
Der Gang ist im Ganzen regelm??ig. Jede willkürliche Bewegung geschieht leicht und vollst?ndig.
Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht gleichm??ig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der H?nde.
Reflexivbewegungen: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts st?rker als links, Kniescheibenreflex lebhaft.
Dynamometer: r. H. 35; l. H. 35; beide H?nde 45.
Psychische Funktionen.
Psychosensorielle Erscheinungen: Die Wahrnehmung ist in der Periode der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesst?rungen unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.
Gedankengang: Wenn er ruhig ist, regelm??ig; in der Erregung zeigt er fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Ged?chtnis. Er erinnert sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft.
Stimmung: Gew?hnlich trübe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen Verbrechen, so wird er zerknirscht, stützt den Kopf und weint. Er denkt liebevoll seiner Familie und sagt, da? um seinetwillen Weib und Kinder werden betteln gehen müssen.
Willen und Instinkt: Er ist gelehrig, h?flich, flei?ig. Er verkehrt mit den ruhigeren seiner Gef?hrten und vertr?gt sich mit den andern. Wenn ihn die gew?hnlichen Anf?lle überkommen, ist er heftig, sonst ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist.
Bewu?tsein: Er wei?, da? er im Irrenhaus ist, und auch, da? er beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu überzeugen, da? er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns vollbrachte.
Sprache und Schrift: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll, ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrühren. Er macht Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgf?ltiger Form. Die Stimme hat tiefe und kr?ftige F?rbung.
Gesichtsausdruck: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkr?mer. Die Augen h?lt er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten.
Schlaf und Traum: Er schl?ft gut und spricht nie im Traum.
M... wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich reproduziere seine Beobachtungen w?hrend dieses Zeitraums.
Februar 1890. Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er erregt. Er sprach mit sich selbst, haupts?chlich nachts, und fluchte auf ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt, weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: wegen einer verfluchten Sau, die mich verfolgt. Da? ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle, aber diese Hure, meine Schw?gerin, hat die Schuld. Er behauptet, sich an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schüttelt er den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage wurde er ruhig, bat, da? man die Zwangsjacke ihm abnehmen m?chte und versprach, sich gut zu führen. Er m?chte in der Schneiderstube besch?ftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im Gef?ngnis etwas gelernt zu haben.
M?rz 1890. Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist h?flich und flei?ig. Am 11. M?rz erwachte er schlechter Laune, sprach mit sich selbst, behauptete Stimmen zu h?ren und jene Frau zu sehen, die er als sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte mit den Z?hnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gef?ngnis verholfen h?tte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen beruhigte er sich. Sp?ter erkl?rte er auf Befragen, da? er starkes Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am 12. ging er wieder in die Werkstatt.
April 1890. Immer ruhig, h?flich, antwortet verst?ndig auf alle Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt, zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann fügte er hinzu: ?Sei unbesorgt und denke, da? ich bald komme. Du wei?t, was ich Dir mitteilen will. Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse die Verwandten grü?en. Ich küsse und segne meine Kinder, grü?e Vetter S... Ich umarme Dich.?
Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich selbst wie gew?hnlich, so da? man ihn nachts allein unterbringen mu?te; er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, da? sein Nervensystem in Aufregung sei und da? er Ruhe brauche. Er schien innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und L?rmen der Gef?hrten verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte nach Arbeit.
Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem man ihm gesagt hatte, da? es ihm von Nutzen sein k?nnte, lie? er sich dazu bereit finden.[2] – Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schw?gerin und Verwandte zu bedrohen und zu verwünschen. Man mu?te ihn unsch?dlich machen. Auf mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte, da? er es mit den Spilingoten zu thun h?tte, mit denen er sich schlagen wollte.
Sp?ter wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurück. Er sagte, da? er von den Schl?gen, die er bekommen hatte, vollst?ndig gebrochen sei und gro?e Schmerzen leide.
Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. Sie, sagte er, lassen mich prügeln, da? es eine Art hat, w?hrend ich mich um meine Angelegenheiten kümmere; aber Sie werden es bereuen. Sp?ter wurde er ruhig wie gew?hnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben sollte.
7. Mai. Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei Ver?nderungen wahrgenommen.
Man sagte ihm, da? er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch: Was nützt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital. Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, da? ihm die Umst?nde nicht gegenw?rtig seien, welche zu dem Mord, den er in seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, führten.
17. Mai. Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgef?hrte, er prügelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht emp?rt darüber. Seit einigen Tagen sucht er einen Gef?hrten zur Flucht zu überreden. Auf Fragen antwortet er zusammenh?ngend, spricht gut von seinen Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm geha?te Person nennt, st??t er Flüche und Verwünschungen aus. Er arbeitet in der Schneiderstube und führt sich gut.
Juni 1890. Betragen wie gew?hnlich; h?flich, dienstfertig, gehorsam; er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es wollen. Er verlangt Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, da? ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rühren, indem er sagt, da? seine Familie ohne ihn betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante: und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: ?Der Gedanke?.
Juli 1890. Er arbeitet flei?ig in der Schneiderstube, und sein Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt er die Vorgesetzten, da? sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. ?Sorge für das Wohl unserer Kinder und achte darauf, da? ihnen kein Schaden zust??t.? ?Ich empfehle Dir,? sagt er ein anderes Mal, ?immer heiter zu sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,? und er prophezeit ihr eine glückliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und verlangt und wünscht nichts. –
Damit schlie?t die Beobachtungsperiode des M...
Diagnostische Erw?gungen.
Nachdem so die Pers?nlichkeit des Antonino M... dargestellt ist, nachdem auch seine physische Beschaffenheit mit Rücksicht auf die k?rperliche Entwickelung und die Funktionen des vegetativen Lebens genau untersucht ist, nachdem alles in Erw?gung gezogen ist, was w?hrend der Zeit, wo er in Observation war, in die Erscheinung getreten ist, wobei keine Gelegenheit und kein Mittel unbenutzt gelassen sind, um normale Veranlagung und krankhafte Neigungen zu entdecken, werden wir jetzt alles darlegen, was zu einem diagnostischen Urteil über den Geisteszustand des M... führen kann.
Wir fanden bei Antonino M...:
Erbliche krankhafte Veranlagung. Wir wollen auf die Mitteilungen über diesen Punkt kein Gewicht legen, da sie von der Ehefrau des M... herstammen, die an der Verteidigung interessiert ist. Dennoch ist eine Wahrscheinlichkeit vorhanden. Wie wir sp?ter sehen werden, l??t sich der krankhafte Charakter des M... als ein Komplex von Anomalien der Entwickelung darstellen, der nicht individuellen Ursprung haben kann, sondern ihm von seiner Familie überkommen sein mu?, insofern er n?mlich, abgesehen davon, da? er sie schon in sehr jugendlichem Alter zeigt, einen angestammten Mangel an dem Halt zeigt, vermittelst dessen Leute aus gesunden Familien gew?hnlich zum Gleichgewicht der geistigen Kr?fte und der Nervenfunktionen gelangen.
Gewohnheitsm??igen Hang zum Verbrechen. M... hat von seinem 18. Jahr bis heute in einer ununterbrochenen Kette von Verbrechen gelebt, die ohne Ausnahme alle nicht durch genügende, der Gesamtwirkung entsprechende Motive erkl?rt sind.
Deshalb ist kein Zweifel, da? man in M... eine Disposition zum Verbrechen annehmen mu?, die an seine Konstitution gebunden ist. Es giebt keinen Fall, an dem man besser zeigen kann, da? es Verbrecher giebt, die es erst durch natürlichen Hang zum Verbrechen geworden sind. Das zeigt auch die Erw?gung, da? er eine gewisse Art von Verbrechen und keine anderen begeht; in seiner Pers?nlichkeit ist immer das Movens zu einem Verbrechen gegeben, er findet in jeder gegebenen Bedingung der Umgebung oder der Gesellschaft einen Anla?, mit Gewaltth?tigkeiten, Aufruhr und Blutthaten zu antworten, und er kann deshalb aus den verschiedensten Gesichtspunkten als der pr?gnanteste Typus des antisozialen Menschen bezeichnet werden. Strafen, Leiden, Vorwürfe, Entfernung vom Vaterland und den Angeh?rigen hatten keinen Einflu? auf die Ausbrüche seiner Natur. Er war und ist eine Gestalt des instinktiven Verbrechers, aus der Klasse der unmoralischen blutdürstigen Verbrecher. Ich hebe die bemerkenswerte Thatsache hervor, da? M... keinen Hang zum Diebstahl gehabt zu haben scheint. Unter den geborenen Verbrechern, den krankhaften Produkten individueller Entwickelung oder konstitutioneller Krankheit mu? man mehrere Typen unterscheiden, welche gemeinsame und verschiedene Charakterzüge haben, die die Grenze zwischen den einzelnen bezeichnen, ohne deshalb die Thatsache auszuschlie?en, da? in demselben Individuum ein gemischter Typus auftreten kann. Nach den Ermittelungen hervorragender Kriminalisten sondern sich die Diebe von den M?rdern und den Verbrechern gegen die guten Sitten, welche letztere auch M?rder und Diebe sein k?nnen, aber die Unterscheidung zwischen den beiden ersteren ist h?ufiger. Das entspricht mit gro?er Deutlichkeit dem klinischen Typus, den M... als Verbrecher der zweiten Klasse darstellt. Wir sagen das, weil seine p?derastischen Anwandlungen von besonderen Umst?nden hervorgerufen und vorübergehend waren, und nicht zu anderen sexuellen Scheu?lichkeiten sich entwickelten, die sonst den Sexualperversen eigen sind. Auch die F?lschung, die er einmal beging, kann man nicht als dem Diebestypus zuzuz?hlen bezeichnen, denn die Absicht, in der er sie beging, war vielmehr der Ausdruck eines Mangels an moralischem Gefühl, als eine Tendenz zu den Verbrechen, zu welchen Verstellung, Vorbereitung, Z?higkeit und gemeiner Charakter geh?ren. Der Umstand, da? M... sich auch in seiner Straf- und Dienstzeit wiederholt über Geldmangel beklagt, ohne da? er, wenigstens soviel wir wissen, sich zum Stehlen hat hinrei?en lassen, zeigt, wie sehr der besondere und unbezwingliche Hang zum Verbrechen der natürliche Effekt seiner Konstitution und nicht au?erhalb seines Organismus wirkender Bedingungen war. M... zeigt, abgesehen von einer besonderen Hartn?ckigkeit und einer raschen Auffassungsgabe, die ihn unter seinen Gef?hrten hervorragen l??t und ihm leicht die Mittel zum Verbrechen und zur Verteidigung in die Hand giebt, eine der gew?hnlichen Intelligenz der Verbrecher überlegene Intelligenz, welche seinen Geist zu Urteilen allgemeinerer Art führt, so da? er den Rohstoff zu einem Schriftsteller und Philosophen in sich tr?gt.
M... war und ist auch besonderer Affekte des Hasses und der Liebe f?hig, die an Intensit?t, Art und F?rbung sich sehr von denen unterscheiden, welche bisweilen einen weniger unedlen Zug des gew?hnlichen Verbrechers bilden, bei dem es schon viel ist, wenn er inmitten der vielen Beweise für einen weitgehenden Mangel an moralischem Gefühl irgend eine z?rtliche Neigung oder eine anscheinende Edelmütigkeit entwickelt, wenn er Personen oder Umst?nden sich gegenüber befindet, die sein Gelüst oder sein Interesse nicht reizen.
Man wei?, in welche übertreibung eine gewisse Bewunderung für die Affekte und den Gro?mut der Verbrecher, besonders der Briganten, ausgeartet ist. M... ist ein geborener Verbrecher, bei dem die Perioden, wo er wild, grausam, heftig, falsch, verworfen, zornig, hochmütig, argw?hnisch &c. &c. ist, mit anderen abwechseln, wo er weniger wild gewesen und sogar teilweise edelmütig und liebevoll ist. Deshalb mu? man festhalten, da? M... als Verbrecher nicht von der Geburt allein den ganzen Umfang seiner krankhaften moralischen Disposition habe. Der geborene Verbrecher hat als krankhafte Individualit?t seine Analogien mit stark nervenkranken und seelenkranken Personen, bei denen die Krankheit eine Folge von Entwickelungsanomalien infolge ererbter Ursachen oder eine Folge von Einflüssen degenerierender Art ist, die sich im Verlauf des Lebens geltend machen. Insbesondere hat der geborene Verbrecher Analogie mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren. Wir wollen sehen, worin bei M... diese Analogien bestehen.
Anzeichen epileptischer Natur. Diese finden sich überall in M...'s Leben, und es genügt ganz allgemein, auf die exzessiven Zust?nde hinzuweisen, die immer die Handlungen und Gedanken des M... begleiteten.
M... hat alle moralischen Eigenschaften der Epileptiker – er ist cholerisch, aufbrausend, ausschweifend, grausam, verleumderisch, argw?hnisch, neidisch, eitel und übertrieben im Ha? und in der Liebe. Man kann sagen, da? jede gute That und jedes Verbrechen aus der einen oder der anderen krankhaften Eigenschaft seines Temperaments hergeleitet werden kann. Und wenn M... ein geborener Verbrecher ist, weil bei ihm das Verbrechen nicht nur gewohnheitsm??ig und unwiderstehlich und durch unverh?ltnism??ige Anl?sse hervorgerufen erscheint, sondern auch, weil die Neigung zum Verbrechen mit der Entwickelung seiner physischen und psychischen Pers?nlichkeit wuchs, und er sie erblich überkommen hatte als Ausdruck einer unst?ten und krankhaften Naturanlage, so kann man sagen, da? sein Verbrechertum sich in seinen einzelnen Zügen immer durch den Mechanismus epileptischer Momente manifestierte: M... ist ein geborener Verbrecher, der regelm??ig unter der Wirkung epileptischer Anf?lle Verbrechen begeht. Er stellt mit einem Wort die Form des gewohnheitsm??igen epileptischen Verbrechertums dar.
Ein Beweis für die epileptische Natur des M... ist die Periodizit?t, in welcher sich sein krankhaftes Temperament ?u?ert, indem die Zeiten, wo er ganz Zorn, Ha? und Rachsucht ist, mit solchen abwechseln, wo er sanft, freundlich, milde, verliebt &c. ist.
Aber nicht nur auf Ausdrücke des Temperaments beschr?nkte sich die psychische Epilepsie des M..., um diese psychische Epilepsie zu best?tigen, hatte er auch zuweilen wirkliche heftige Anf?lle einer epileptischen Verrücktheit. Einmal, zur Zeit der Cholera, hatte M... einen Augenblick des Deliriums, das man als eine vorübergehende Verrücktheit epileptischer Natur bezeichnen kann. Ein ander Mal wurde er zu Hause in seinem Zimmer aufgefunden als Opfer einer geistigen St?rung, die bald nachher sich entfernte.
In meiner Anstalt litt er dreimal an Anf?llen weitergehender Verrücktheit, die heftig auftraten und sich als St?rungen des Gedankenganges, Wutausbrüche, schreckhafte Hallucinationen des Gefühls und des Geh?rs, Mordgelüste charakterisierten, denen Schlafsucht, Abgespanntheit, Niedergeschlagenheit und Kopfschmerz folgten.
Diese Anf?lle waren unzweifelhaft epileptischer Natur, weil sie sich mehrere Male wiederholten und auf der Basis eines epileptischen Temperaments und ererbter krankhafter Anlagen sich entwickelten. Abgesehen davon, da? sie im wesentlichen in schreckhaften Fiebern und Gefühlshallucinationen bestanden.
Ver?nderungen des moralischen Gefühls. Das Leben des M... ist übervoll von Verst??en gegen die Gefühle der Menschlichkeit, der Verwandtschaftlichkeit und der Gerechtigkeit. Alle seine Verbrechen stehen in keinem Verh?ltnis zu der Schuld des Opfers, in jedem Fall zeigte er einen Mangel an Gerechtigkeitsgefühl und Mitleid. Er ha?te seinen Bruder und seine Schw?gerin, ohne da? er in seinen Schriften auch nur einen einzigen Grund dafür angeben kann und nur, weil er neidisch auf sie ist, die frei und ruhig leben k?nnen; w?hrend der Bruder nie seine verwandtschaftlichen Pflichten vers?umt zu haben scheint. Sein Benehmen gegen seine Genossen im Gef?ngnis und im Heer, seine Zugeh?rigkeit zur Camorra zeigen seine Perversit?t zur Genüge. Aber auch hier greift dieselbe Ausnahme statt wie bei der verbrecherischen Natur des M...; nicht in allen F?llen und nicht allen Dingen gegenüber zeigte er den Mangel an moralischem Gefühl. Unter gewissen Umst?nden war er menschlich, anst?ndig, edelmütig, und gewissen Personen zeigte er lebhafte und andauernde Z?rtlichkeit. In Foggia, wo er in enger Freundschaft mit den Camorristen lebte, rettete er einen Gef?hrten vor der Rache der Camorra, er liebte und bewunderte den Hauptmann der Strafkompagnie, war im allgemeinen ein guter Kamerad und liebte sein Weib und seine Kinder mit seltener Kraft. Dies zeigt einerseits, da? M... nicht an einem vollst?ndigen Mangel moralischer Gefühlt litt, der Bl?dsinn gewesen w?re, und andererseits beweist es zur Evidenz, da? die Ver?nderungen des moralischen Gefühls an die Bedingungen geknüpft waren, die ich als epileptische bezeichnet habe und die bisweilen die ganze Pers?nlichkeit des M... nach der einen oder anderen Richtung hin ver?ndern. Deshalb stützen auch die ?nderungen des moralischen Gefühls die Ansicht, da? der gewohnheitsm??ige Hang zum Verbrechen, der stets in ihm lebendig war, das Produkt bestimmter krankhafter Konditionen gewesen sei, die sich auf die Manifestation der epileptischen Art beziehen, welche intensive periodische ?nderungen der Pers?nlichkeit bewirken und besondere Arten zu empfinden, zu wollen und zu handeln hervorbringen. M... ist demnach nicht der geborene Verbrecher, der Verwandtschaft mit dem Epileptiker und dem moralisch Irren hat, er ist vielmehr im wesentlichen ein Epileptiker, welcher gewohnheitsm??ig kraft der Anreizungen und der krankhaften Empfindungsart seiner epileptischen Natur Verbrechen begeht.
Mit anderen Worten, in seinem Fall sind es nicht die Epilepsie oder der moralische Irrsinn, welche das angeborene Verbrechertum vervollst?ndigen, sondern umgekehrt, das Verbrechertum und der moralische Irrsinn sind Ausdrucksweisen seiner Epilepsie.
Geniale Momente. Die Lektüre der umfangreichen Schrift M...'s l??t erkennen, da? er eine lebhafte Intelligenz besitzt, die über das Mittelma? hinausgeht und von Zeit zu Zeit zu Geistesprodukten gelangt, die genial genannt werden k?nnen. Das zeigt sich in seiner wirkungsvollen, pr?zisen, energischen Schreibweise, in der glücklichen Wiedergabe einer Situation durch ein einziges Wort, in einzelnen Dichtungen, in denen die kr?ftige und glühende Auffassung geradezu wunderbar ist. Auch darin zeigt sich wieder sein Temperament, welches in jedem Fall excessiv, gigantisch ist, und welches sich gelegentlich zu dem erhebt, was man gew?hnlich Augenblicke der Inspiration nennt.
Verfolgungs- und Gr??enwahnideen. M... war ein Individuum, das die Dinge von hervorragend subjektivem Standpunkt ansah. Er hatte seltene Augenblicke der Ruhe, wo er bis zu einem gewissen Grad von seiner eigenen Individualit?t zu abstrahieren und die Dinge gerecht und billig zu beurteilen vermochte.
Alle Personen, so uninteressant und unwichtig sie für sein Leben auch gewesen sein m?gen, er beurteilte sie immer als Freunde oder Feinde seines Ichs. Die Vorgesetzten, Gef?hrten, Beamten, W?chter waren entweder sehr schlechte oder sehr gute Leute. Entweder thaten sie ihm Unbill an, oder sie erwiesen ihm H?flichkeiten. Eine solche Art zu denken und zu urteilen ist den Personen eigen, die wir erblich belastet nennen, und die nicht genügend M??igung und Halt besitzen, soda? sie automatischen Handlungen und Reflexen leicht unterworfen sind. Es sind Individuen, bei denen, wenn man so sagen darf, der Wille durch eine besondere Art zu empfinden beherrscht wird, wodurch alle ihre Handlungen eine gewisse Widerstandslosigkeit bekommen. Das klare Bewu?tsein l??t sie oft im Stich, wenn auch sonst Intelligenz und Urteilskraft vorhanden ist, und sie urteilen über eine Fülle von Eindrücken, die durch ihre vorschnelle, übertriebene und irrige Art zu empfinden gef?lscht werden. In diesen F?llen hat das den Dingen gegenübergestellte ?Ich? das ausschlie?liche übergewicht, und die Dinge sind oder sind nicht, je nachdem wie dieser oder jener Empfindungsmodus in dem Individuum es bestimmt. Je nachdem, ob sie entschlossen sind, die Dinge schmerzlich oder angenehm zu erfassen, schaffen sie sich eine systematische Disposition von gr??erer oder geringerer Intensit?t, um von schwierigem oder leichtem Temperament zu sein und sich verfolgt oder befriedigt zu fühlen. Im allgemeinen wird jedoch aus der eben beschriebenen Hyper?sthesie eine Gemütslage geschaffen, welche je nach den Augenblicken oder den Dingen wechselt, und so folgen sich abwechselnd angenehme und unangenehme Dispositionen. Der Exzessive, der von Natur argw?hnisch ist, ist gew?hnlich auch hochmütig, der Verfolgte ist auch stolz. Abgesehen von der Abnormit?t des Geistes w?re die Logik vollkommen. M... hatte, gleichzeitig mit dem Glauben, überall verfolgt oder geachtet, verraten oder geliebt zu werden, immer eine hohe Meinung von seinem Wert und seinen Verdiensten, und eine Art selbstherrlicher Gerechtigkeit, welches ihm oft das Verbrechen, welches er begeht, als eine gerechte That erscheinen l??t. Zuweilen erreicht seine Disposition zum Argwohn und zum Hochmut den Grad eines wirklichen Deliriums. Der Ha? gegen den Bruder und die Schw?gerin ist nicht mehr und nicht weniger als ein Verfolgungswahn, denn er wuchs ohne einen Schatten genügenden Grunds und n?hrte sich von rein imagin?ren Ansichten. Der Zorn gegen den zweiten Hauptmann der Strafkompagnie steigerte sich zur wahnsinnigen Heftigkeit. Seine Beredsamkeit in der Verteidigungsrede vor dem Milit?rgericht und dem Gerichtshof zu Monteleone zeigte krankhafte Selbstüberhebung. Welche Beziehungen hat nun diese Disposition zur Verfolgungs- und Selbstüberhebungswahnidee mit der epileptischen Natur, dem gewohnheitsm??igen Verbrechertum und dem moralischen Irrsinn des M...? Wir haben gezeigt, da? die Epilepsie nicht jene gew?hnliche unverhüllte war, die sich in konvulsivischer Manifestation ?u?ert, sondern da? sie sich vielmehr darauf beschr?nkt, eine sogenannte psychische Epilepsie zu sein, die sich in gelegentlichen psychischen St?rungen ?u?ert.
Anstatt der Konvulsionen ist sie vorwiegend eine auf den Ausdruck des epileptischen Temperaments beschr?nkte Epilepsie. Sie ist eine, wie ich es nenne, diffuse Epilepsie, will sagen, die Wirkung eines Moments unvollst?ndiger Entwicklung der Epilepsie selbst, welche durch eine Serie epileptischer Individualit?ten hindurch sich ausgestaltet, bis sie den Gipfel der selbstth?tigen Impulsion erreicht hat, die auf einen beschr?nkten Zeitraum (epileptischer Anfall) und einen bestimmten Sitz im Gehirn beschr?nkt ist; anderenteils ist sie bei M... auf der Staffel der Ausgestaltung nicht mehr soweit zurück, da? sie nicht in gewissen epileptischen Anf?llen zum Ausdruck gelangt, die als Zeichen ihrer Unreife die M?glichkeit zeitlicher Beschr?nkung und die rasche und leichte Ver?nderlichkeit des Temperaments aufweisen. Daher die seltsame Wandelbarkeit des M..., unmoralisch, grausam, sanft und poetisch. Der argw?hnische und selbstgef?llige Habitus des M... ist nichts anderes als der rudiment?re Ausdruck jener psychischen Manifestationen, die w?hrend des epileptischen Anfalls hyperbolische Wahnsinnsformen annehmen und neue und akute Bewu?tseinszust?nde und Handlungen schaffen.
Auch die Thatsache, da? M...'s Dispositionen zum Delirieren nicht in einem gew?hnlichen Anfall ihren Ursprung hatten, sondern im Laufe der Entwickelung seiner Person wuchsen und hierbei Gestalt und Intensit?t aus den Konditionen der anderen krankhaften Anzeichen gewannen, zusammen mit der Erw?gung, da? die beiden Formen des Deliriums nicht wie bei der gew?hnlichen Entwickelung der Paranoia auf einander folgten, sondern ohne logische Beziehung neben einander aufwuchsen als ?u?erungen der besonderen Disposition zur Reaktion, beweist, da? sie nur ?u?erungen der degenerierten erblich überkommenen konstitutionellen Natur des M... sind.
Dieser M... leidet demnach, um unser Urteil zusammen zu fassen, soweit die historischen und psychologischen Beweise ergeben, an nerv?s-psychischer Degeneration, welche sich durch dunkle, rudiment?re und vielf?ltige Manifestationen ?u?ert. Wenn die Epilepsie des M... sich in der einen oder der anderen Weise mit gro?er Intensit?t ge?u?ert h?tte, so würde sie eine geringere Mannigfaltigkeit der ?u?erungen und sich als isolierte Form gezeigt haben. So ist zu schlie?en, da? M..., der im Grunde und haupts?chlich Epileptiker ist, auch ein Verbrecher, ein moralisch Irrsinniger, ein Genie und ein an Verfolgungs- und Gr??enwahn Leidender ist.
Vielleicht würden, wenn die degenerierte Natur des M... weniger ausgesprochen w?re, als sie es wirklich ist, die einzelnen krankhaften Erscheinungen von der Epilepsie weniger in Abh?ngigkeit gestanden haben, und würden anstatt die Schwestern, vielmehr die T?chter einer krankhaften Gesamterscheinung sein, die wegen der Differenzierung und Entwicklung der einzelnen Symptome sich aufgel?st h?tte, ohne uns zur Erkenntnis zu gelangen. In dem Grade, wie die Epilepsie bei M... herrschte, konnte sie, wenn nicht als die Wurzel, so doch als der Stamm erscheinen, um den die krankhaften Erscheinungen hervortreten. Daher die wichtige Erw?gung, da? die Disposition zum Verfolgungs- und Gr??enwahn m?chtig dazu beitrug, den epileptischen Mechanismus in Bewegung zu setzen, durch den das Verbrechen ihm entsprang, insofern als diese Disposition in ihm den Boden schuf für die falsche Absch?tzung, der die Reaktion entsprach, die ihrerseits mit der Gr??e der Beleidigung in keinem Verh?ltnis stand.
Wir wollen sehen, ob unser Urteil durch die physische Untersuchung gestützt wird, die wir wiederholt an M... angestellt haben.
Anomalien im K?rperbau. Unsere sorgf?ltigen Untersuchungen haben zun?chst einige Anomalien im K?rperbau entdeckt, welche zwar keinen hohen Grad erreichen, die dennoch nicht übersehen werden dürfen. Es liegen vor:
Leicht henkelf?rmige Ohren.
Spuren von Darwin'schem H?cker.
Kurzsch?del.
Unterbrochene Z?hne.
Diese Anomalien sind hervorragend atavistischer Natur, sie enthüllen ein Zurückbleiben in der k?rperlichen Entwicklung und erinnern an anatomische Gebilde, die bei den Tieren ersichtlich sind, mit denen der Mensch m?glicherweise gleichen Ursprung hat. Der Kurzsch?del würde an und für sich wenig Bedeutung haben, aber sie gewinnt, weil M... Kalabreser ist, wo der Langsch?del die Regel ist, so da? das Gegenteil eine gewisse Rassendegeneration andeutet.
Anomalien in der Sinnesempfindung. Hier finden wir die gr??ten Anomalien. M... hat:
Suban?sthesie des Tastgefühls am ganzen K?rper, aber mehr auf der rechten Seite, mit Ausnahme der Zunge, wo sie auf der linken Seite gr??er ist.
Verringerte Sehkraft auf dem rechten Auge.
Fehlen des Geh?rs auf der rechten und sehr schwaches Geh?r auf der linken Seite.
Sehr schwaches Geschmacksverm?gen.
Diese Anomalien der Sinnesempfindungen haben Wert als funktionelle Anomalien, die oft mit der Epilepsie verbunden sind.
T?towierungen. Die T?towierung ist bei M... ein klinisches Ph?nomen, und hat einen hervorragenden psychologischen, soziologischen und pathologischen Wert. Die T?towierung erscheint bei den Gef?ngnisinsassen, selten bei den Soldaten, welche Rachepl?ne und Erkennungszeichen unter der verbrecherischen Gesellschaft verabreden. Für den Schmerz, den die T?towierung mit sich bringt und der gesunde Personen davon zurückh?lt, zeigen die Verbrecher eine gewisse Unempfindlichkeit und setzen sich demselben freiwillig aus. Die T?towierung zeigt deutlich die Leichtfertigkeit und die Eitelkeit, die dem gewohnheitsm??igen Verbrecher eigen sind, und die in ihm Gewissensbisse nicht aufkommen lassen und ihm eine Empfindung des eitlen Ruhms und der überlegenheit verleihen.
Subjektive Empfindungsst?rungen. Er leidet an Schwindel, heftigen Kopfschmerzen, glaubt, da? das Haar sich ihm str?ubt, und empfindet nerv?se Abspannung in mehr oder minder naher Beziehung mit epileptischen Vorkommnissen.
Anomalien der Bewegung. Unter dieser Rubrik verzeichnen wir:
Schwachen Reflex der Pupillen;
Zittern der H?nde;
geringe dynamometrische Kraft.
Alle diese Eigentümlichkeiten sind den Familien der erblich Degenerierten mit ungenügender Entwickelung gemeinsam, von denen die Bl?dsinnigen, die Nerv?sen, die Verbrecher, die moralisch Irrsinnigen und die, welche leicht in frühzeitige Paranoia verfallen, herstammen.
Alle diese Anomalien vervollst?ndigen das Bild, welches die historisch-psychische Betrachtung des M... ergab. Sie beweisen, da? der K?rper des M... eine Verz?gerung und Ungleichheit der Entwickelung erfahren hat, aber diese Anomalien sind im einzelnen nicht genügend entwickelt, um eine derselben besonders hervortreten zu lassen. Auch hier hat sich die reversive Degeneration des M... auf einen rudiment?ren Grad beschr?nkt; daher das gleichzeitige Auftreten so vieler funktioneller Manifestationen verschiedener oder unentwickelter Natur.
Das pathologische Fundament der nerv?s-psychischen Anomalien des M... haben wir haupts?chlich in der Epilepsie gefunden, um welche sich als symptomatische oder coordinierte Erscheinungen alle anderen reihen: Verbrechertum, moralischer Irrsinn, Genialit?t, Verfolgungs- und Gr??enwahn. Das pathologisch-anatomische Fundament der Anomalie des K?rperbaues, der Sinnesempfindungen und der Bewegungen tritt nicht so evident hervor, aber es ist ohne Zweifel die gehemmte Entwickelung der morphologischen Konstitution der Nervenzentren. Wie die psychische Epilepsie nicht bis zu den konvulsivischen St?rungen vorschritt, so sind auch die St?rungen des anatomischen Baues rudiment?r, auch mit Beziehung zur Epilepsie, da sie nicht so weit gehen, dem Sch?del die sonst bei den anderen Formen der Epilepsie gew?hnliche Form des Plattkopfes zu geben. Das Benehmen des M... in dem Irrenhause war ein solches, wie man es nach Kenntnis und Sch?tzung seiner Antecedentien erwarten konnte. M... war intelligent, vielleicht glaubte er, da? das Irrenhaus und das Urteil der Irren?rzte allein ihn der Justiz entziehen k?nnte. Zuversichtlich und selbstvertrauend hatte er den festen Vorsatz, zum Ziel zu gelangen. Auch er hatte seine Periode gew?hnlichen Simulantentums, worin sich die Eile, das gewünschte Urteil zu erlangen, ?u?erte. Aber sein scharfer Verstand mag ihm gesagt haben, da? er seine Position verdarb, und da? in den Augen der Psychiater die Simulation l?cherlich und unwirksam ist. Deshalb wechselte er seine Taktik und suchte durch sein Benehmen das Wohlwollen und das Mitleid derer, die direkt oder indirekt einen Einflu? auf sein Urteil üben k?nnten, für sich zu gewinnen.
Aber sein Leiden enthüllte sich uns ohnehin, weil wir in den unnachahmlichen und physischen Anomalien die volle übereinstimmung mit den psychischen Anomalien fanden. Jeder begreift, wie sehr seine Manuskripte Zeugnisse sind, die unser volles Vertrauen verdienen. In ihnen zeigt sich, ohne da? der Schreiber es gewollt hatte, die ganze krankhafte Anlage seines Temperaments, und sie sind eine treue Wiedergabe seines Charakters und eine genaue Formel der ganzen Dynamik, die ihn immer wieder zum Verbrechen hintrieb.
Gesamturteil.
Wir halten es für voll erwiesen, da? M... ein durch erbliche Veranlagung degenerierter Mensch ist, welcher Zeichen einer leichten anatomischen und funktionellen Entwickelungshemmung und atavistische und pathologische Zeichen aufweist, welche auf das Gebiet der nicht zur vollen Reife gelangten Entwickelung geh?ren.
Genau gesprochen halten wir ihn befallen von Formen des instinktiven Verbrechertums, des moralischen Irrsinns, des Verfolgungs- und Gr??enwahns, welche alle, obgleich ursprünglich die Erzeugnisse der reversiven Degeneration, von der Epilepsie beherrscht werden, an der M... auch leidet, und auch diese ist, wie die anderen krankhaften Erscheinungen, im rudiment?ren Zustande vorhanden.
Wir haben vorher gesagt, wie aus der Gesamtheit der krankhaften Natur des M... die Beweggründe zu seinen verbrecherischen Thaten entspringen mu?ten, denn er empfand und urteilte exzessiv, wie er auch subjektiv im Handeln und Reagieren war. Er t?tete, verwundete und beleidigte, weil er sich beleidigt und verfolgt glaubte. Er t?tete, verwundete und beleidigte ohne Erregung und ohne Mitleid, weil er keine normale Empfindung für Moral und Mitleid hatte. Er t?tete, verwundete und beleidigte, wo kein genügender Grund dazu vorlag, denn in seinem heftigen impulsiven Charakter kamen die hemmenden und m??igenden Faktoren nicht genügend zur Geltung. Der Fall des versuchten Brudermordes wird durch unsere Definierung des M... vollst?ndig erkl?rt. Er ha?te seinen Bruder infolge seiner Verfolgungswahnidee und der mangelhaften Art, verwandtschaftliche Liebe, Dankbarkeit und Vertr?glichkeit zu empfinden. Er bereitete das Verbrechen z?he und umsichtig vor, infolge seines exzessiv reizbaren und rachsüchtigen Temperaments. Er scho? den unschuldigen Bruder mitten in die Brust, weil in ihm Zorn und Ha? blind, die Empfindungen verworren waren und jedes Ma? fehlte. Er bereitete seine Verteidigung mit Z?higkeit und Verlogenheit vor, weil in ihm das ursprüngliche Gefühl der Selbsterhaltung riesenhaft überwog, jenes riesenhafte Gefühl, welches alle anderen sozialen Gefühle in ihm verdr?ngt, soweit sie nicht seiner, dem bürgerlichen Leben widerstrebenden Natur sich anpassen. Er handelte stets zum augenf?lligen Nachteil für sich und die andern, oft auch unter der Illusion des unmittelbaren eigenen Nutzens. Er war kein Verbrecher aus Dummheit, denn er war intelligent; er war ein Verbrecher aus Instinkt, in ihm war ein Charakter der Unordnung, des Schadens, des sozialen Umsturzes personifiziert.
Er ist der Typus des Verbrechers, den die Gesellschaft b?sartig nennt, jener Typus, den die Lombrososche Doktrin zu leugnen drohte, und welcher der gew?hnlichen Ansicht von der Gei?el entspricht, die Gott entsendet, um die sündige Gesellschaft zu strafen.
In meinen Augen ist das in Wirklichkeit der Fall, denn wissenschaftlich gesprochen ist er einer der Faktoren des sozialen Gleichgewichts, und er blüht und gedeiht in der Gesellschaft, wo sich die biologische Notwendigkeit der Beschr?nkung der Bev?lkerung geltend macht. Die flüchtigen und seltenen Anzeichen des Genies in ihm deuten darauf hin, da? die Natur von demselben Stoff wie für die abnormale Entwickelung die Elemente jedes für die Erhaltung des Gleichgewichts in der menschlichen Gesellschaft bestimmten Instruments nimmt. M..., in dem die Charakteristik des Verbrechers vorherrscht, wurde ein vorwiegend negatives Element.
War M..., als er den Brudermord versuchte, in einem Zustand, da? er nicht das vom Gesetz erforderliche Bewu?tsein seiner strafbaren Handlung hatte? Das würde au?er Zweifel sein, wenn er die That w?hrend einer den epileptischen Anf?llen vorausgehenden Verrücktheit begangen h?tte. Aber er gebrauchte lange Vorbereitungen dazu, und in dieser Zeit wu?te er, was er thun wollte und was er auch gethan hat, er wu?te es bis auf den Tag und die Minute.
Aber war es wirkliches Bewu?tsein von seiner That, das M... hatte?
Wir unterscheiden zwei Bewu?tseinsformen, eine intellektuelle und eine moralische. Da? er die erstere hatte, ist klar – aber die zweite? Hier mu? man das sogenannte moralische Bewu?tsein in der Erkenntnis der Immoralit?t einer Handlung und in der Empfindung dieser Immoralit?t unterscheiden.
Bei der ersten wei? ein Individuum, da? eine gewisse Handlung nicht nur andern sch?dlich ist, sondern auch, da? sie in der Gesellschaft, in der er lebt, für tadelnswert und verdammungswürdig gehalten wird; bei der zweiten empfindet er einen instinktiven Schauder, die That zu begehen, welche die Gesellschaft tadelt und verdammt. In der Regel existieren bei der bürgerlichen Erziehung beide Formen gleichzeitig neben einander. Aber es ist m?glich, da? die Erkenntnis der Immoralit?t vorhanden und die Empfindung derselben nicht zur Ausbildung gelangt ist. Dies ist der Fall bei dem Zustande der Anomalie in der Formation der geistigen Pers?nlichkeit; bei den entgegengesetzten Zust?nden der Dekadenz kann das moralische Empfinden vorhanden sein, w?hrend die Erkenntnis verschwunden oder ver?ndert oder verdunkelt ist – oder umgekehrt; diese kann bleiben, w?hrend die Empfindung der Moralit?t verloren, abgeschw?cht oder ver?ndert sein kann. Auch k?nnen beide nicht gebildet, oder schlecht gebildet, oder verfallen oder ver?ndert sein.[3]
Von grundlegender Bedeutung für die strafgesetzliche Verantwortlichkeit ist die Erkenntnis der Handlung; demgem?? mu? diese Verantwortlichkeit die Erkenntnis der Immoralit?t voraussetzen und der Empfindung der Immoralit?t allm?hlich n?her kommen.
Hatte nun M... in dem Augenblick, wo er den Brudermord versuchte, die Erkenntnis der Immoralit?t seiner Handlung? Gewi?, aber nicht entsprechend der Erkenntnis, welche in der Gesellschaft, in der er lebte, gew?hnlich ist. Er wu?te, da? die Gesellschaft seine Handlung tadeln würde, aber er wu?te bei sich selbst, da? die anderen und nicht er Unrecht hatten, und da? er natürlicher Weise das Recht habe, das zu thun, was er that. Ein Mensch von seinem Charakter hatte sich eine eigene Welt gestaltet, die seinen eigenen Gedanken entspricht, und er handelte in der Ueberzeugung, etwas zu thun, was von den andern getadelt werden würde, aber nicht von den Gesetzen der Gerechtigkeit, wie er sie auffa?te. Er hatte, um es so auszudrücken, das intellektuelle Bewu?tsein der juristischen Immoralit?t seines Verbrechens, aber nicht die eigentliche überzeugung der Immoralit?t der That selbst. Es ist genau die Sache wie mit einem Menschenfresser, der hier zu Lande einen Menschen verzehren würde: Er wei?, da? dies für sch?ndlich gehalten wird, aber er selbst findet es in der Ordnung. Und da dieser Wilde nicht von der Immoralit?t überzeugt ist, als welche die andern seine Handlung erkl?ren, so kann sich in ihm, so lange diese seine Meinung andauert, nicht eine Empfindung festsetzen, welche ihn spontan von seiner Handlung zurückschrecken lassen würde.
Das moralische Empfinden des M... wurde sicherlich nach dem Muster des speziellen Begriffs der Moralit?t, die er in sich trug, gebildet.
Heutzutage will das Gesetz, da? nur die im intellektuellen Bewu?tsein begangenen Handlungen bestraft werden, oder meint es mit dem allgemeinen Wort ?Bewu?tsein? auch das moralische Bewu?tsein? Wenn es auch dieses fordert, so ist klar, da? es dasselbe nach dem Muster desjenigen verlangt, wie es das Erbteil der gesunden und normalen Gesellschaft ist, und nicht wie es als Produkt irgend welcher krankhaften Geisteszust?nde erscheinen kann, und ohne Zweifel soll das Gesetz auch die Existenz des moralischen Bewu?tseins fordern; denn das natürliche Fundament eines jeden Gesetzes ist bei einem freien Volke die allgemeine überzeugung von seiner moralischen Nützlichkeit.
Hatte nun M..., als er die That beging, die volle Freiheit des Handelns?
Man kann sagen, er hatte sie weder ganz, noch fehlte sie ihm vollst?ndig. Die freiwillige Handlung ist nicht ein freies Produkt des Geistes. Sie ist das Resultat vorhergehender psychologischer Motive, deren Intensit?t einen analogen freiwilligen Akt als Resultat giebt, und die Intensit?t der psychologischen Motive und der darauf folgenden Handlung steht in Beziehung mit der gew?hnlichen Art zu empfinden und zu urteilen und entspricht der Pers?nlichkeit.
Wir haben gesagt, da? M... durch seine epileptische Anlage exzessiv, heftig und impulsiv war. Daraus geht hervor, da? die Freiheit, über welche M... anscheinend verfügte, keine eigentliche, sondern durch sein Temperament beeinflu?t war. Es ist bekannt, da? die Epileptiker leicht zu übertriebener Reaktion hingerissen werden.
Der Wille ist der Ausdruck einer kordialen Funktion, er ist das Produkt einer langsamen Evolutionsarbeit, welche als entfernte Antecedentien die automatischen Bewegungen und als Vermittler die Reflexhandlungen hat. Das, was automatisch und reflexiv ist, ist eine Nervenkraft, die noch nicht so weit ausgestaltet ist, da? sie ein Ausdruck bewu?ter Funktion ist. Das, was in den Willensakten exzessiv ist, ist eine Nervenkraft, die unter dem Impuls automatischer oder reflexiver Aktionen handelt. Zwischen dem Willensakt und dem Urteil, das ihm vorhergeht, besteht bei normalen Bedingungen ein ?quivalent der Intensit?t; der Exze? des Willens stellt ein Gewicht dar, welches von au?en dem Gleichgewicht hinzugefügt ist, ebenso wie das Gegenteil bei der Willenlosigkeit der Fall ist.
Die Epilepsie ist an sich selbst eine krankhafte Thatsache, welche einen Zustand der ungenügenden Willensentwickelung darstellt; sie ist der Ausdruck der Permanenz automatischer oder halbreflexiver Einflüsse. Um so eher mischt sie sich in diejenigen Willensakte, die von dem Urteil oder der Empfindung hervorgerufen sind, je weniger sie voll entwickelt, d. h. je mehr sie diffus ist.
M... leidet an dem, was ich diffuse Epilepsie nenne, und was gew?hnlich epileptisches Temperament genannt wird, und deshalb k?nnen seine Willensakte niemals richtig an der Intensit?t der logischen Motive, die sie hervorrufen, gemessen werden. Wenn er gegen seinen Bruder gerechten Grund zum Ha? zu haben glaubte, und wenn seine Vernunft ihm das Urteil eingegeben hatte, sich zu r?chen, so ging sein Wille au?erordentlich über die Vorschriften der Vernunft hinaus, bis zum Mord.
Und deshalb war M... am Tage des Verbrechens nicht freier Herr seiner Handlungen.
Demnach würde M... im Sinne des Gesetzes nicht für das begangene Verbrechen verantwortlich gewesen sein, sondern entweder unverantwortlich oder halb verantwortlich.
Ist er unverantwortlich oder halb verantwortlich?
Das sind Fragen, die gew?hnlich dem Richter vorgelegt werden, der sie l?st, indem er die Umst?nde, Thatsachen und Folgerungen sich in seiner Weise zurechtlegt.
Der Irrenarzt hat nicht die subtilen und endlosen Unterscheidungen des Rhetorikers oder Metaphysikers zur Verfügung, die ihm gestatten, die Schuld oder das Verdienst an einer gegebenen Handlung zum Teil auf die Seele und zum Teil auf den K?rper zu verteilen.
Als ich mich dem dunklen Abgrund n?herte, wo die Seelenth?tigkeit sich vollzieht, da hat mir die schwache Leuchte der Wissenschaft flüchtig einige der Faktoren enthüllt, welche die gr?bsten ?u?erungen des Geistes bestimmen. Und dieses geringe Ergebnis genügte, um mich zu überzeugen, da? auch in der Th?tigkeit des Geistes ein unab?nderlicher Determinismus herrscht, da? unter gegebenen Umst?nden besondere Aktionen bestimmte notwendige Wirkungen hervorrufen. Aber in der langen Kette von Reizen, welche jede Bewegung des Geistes bestimmt, vermag man nicht zu sagen, wie weit eine Aktion durch eine andere aufgehoben oder beeinflu?t werden kann.
Wenn in M... beim Begehen seines Verbrechens der Einflu? realer ?u?erer Motive die Reaktion bestimmt, so wissen wir nicht, einerseits inwieweit diese Motive Unterstützung oder Widerstand in seinem habituellen Charakter fanden (d. h. in seiner gew?hnlichen Art zu denken und zu reagieren, die durch erbliche und erworbene Neigungen, welche allm?hlich aus der Erfahrung hergenommen werden, bewirkt ist), und inwieweit andererseits die realen Motive einen Antrieb oder eine mehr oder minder starke F?rbung durch jenes Mittelma? empfangen haben, welches gew?hnlichen Menschen zukommen würde, die ungef?hr in seiner Lage und seinen Verh?ltnissen sich befinden. Wenn man also sagen wollte, da? M... bis zu dem oder jenem Grade die moralische Verantwortung für sein Verbrechen trage, so hie?e das glauben machen, da? man den Vorgang, der sich in der Seele bis zum Zustandekommen eines bestimmten Willensaktes abspielt, genau übersieht.
Der Wissenschaft soll man solche Fragen nicht vorlegen, sie geh?ren den Metaphysikern und den Theologen, welche den Fu? auf den festen Boden setzen, der ihnen durch ein Axiom oder ein Dogma gegeben wird, und von wo aus sie durch Syllogismen weiter schlie?en. Uns fehlen beide Pr?missen.
Was hei?t verantwortlich oder unverantwortlich für den Gelehrten?
Wir k?nnen bezüglich des M... nur die Erkl?rung abgeben: das Verbrechen erfolgte als Reaktion auf Motive, die zum gro?en Teil delirienartiger Natur waren, und die in dem krankhaften Temperament des M... günstige Konditionen gefunden haben, um exzessive und unmoralische Wirkungen hervorzubringen.
Ist M... strafbar oder nicht?
Auch auf diese Frage hat der Irrenarzt nicht zu antworten.
Der Begriff der Strafe, wie er vom Gesetzbuch verstanden wird, ist eine soziale Konvention, welche, um angenommen zu werden, als notwendige Voraussetzung die allgemeinen und besonderen Bedingungen hat, unter welchen im allgemeinen Vertr?ge als giltig anerkannt werden. Dazu geh?rt in erster Linie die geistige Gesundheit des Kontrahenten.
In unserm Fall ist M... nicht gesund; folglich hat man mit Bezug auf ihn nicht von einer ?Strafe? zu sprechen. Vielmehr hat der Irrenarzt sich zu fragen: Ist es m?glich und wahrscheinlich, da? er unter denselben oder ?hnlichen Umst?nden die That wiederholt, und glaubt die Beh?rde eventuell ein Mittel zu finden, ihn für die Gesellschaft unsch?dlich zu machen?
Auf diese Frage antworten wir: M... wird nie von seiner Krankheit gesunden und wird deshalb immer geneigt sein, die Verbrechen zu wiederholen, von denen seine Existenz bis heute voll ist. Und deshalb hat die Beh?rde, in der Ueberzeugung, da? in dem vorliegenden Fall den M... keine Schuld trifft und ihn darum keine Strafe treffen kann, dafür zu sorgen, da? er unsch?dlich gemacht werde.
Soll sie ihn in die Verbrecherirrenanstalt schicken?
Er mü?te an einen sicheren Ort gebracht werden, den er nicht eher verlassen dürfte, bis er unsch?dlich ist.
Wird das nie eintreten?
Man wird im Ernst nicht glauben, da? das vermittelst der Heilkunst geschehen kann, aber vielleicht k?nnte in dem Laufe der organischen Entwicklung des M... ein Moment kommen, wo M... für die Gesellschaft unsch?dlich ist. Vielleicht k?nnte das Alter das herbeiführen.
Der erfahrene Mann, der mit der überwachung des M... vertraut ist, k?nnte seiner Zeit beurteilen, ob der Fall eingetreten ist.
Und ohne den Makel der Schuld und ohne irgend eine Form der Strafe mü?te M... der ?ffentlichkeit die Sicherheit bieten, da? von ihm jetzt keine den Mitmenschen nachteilige Handlung mehr ausgehen wird.
Wenn übrigens der Gerichtshof die Sache anders auffa?t und M... zu einer langen Kerkerstrafe verurteilt, so würde der Irrenarzt sich dabei beruhigen, da? dem gef?hrlichen Menschen, wenn auch vermittelst des Gef?ngnisses, die Gelegenheit, weitere Verbrechen zu begehen, entzogen wird.
Wenn über der Kerkerthür nicht das Wort ?Strafe? geschrieben st?nde, oder wenn, besser noch, diesem Wort eine vernünftigere Bedeutung beigelegt würde, wie etwa Besserung oder Abwehr, wieviel besser würde dann dieser Kerker sein als die Verbrecherirrenanstalt, aus der ein gef?lliger Richter nach einem unqualifizierbaren Artikel des gegenw?rtigen Gesetzbuchs die gef?hrlichen Menschen entlassen kann, welche Mittel haben, sich ihm zu empfehlen.
Girifalco, Juli 1891.
Prof. Silvio Venturi,
Direktor des Provinzial-Irrenhauses.