Evas Hochzeit.
Ich war 15 Jahre alt, als meine zwei Jahre ?ltere Schwester verlobt wurde. Ja, sie wurde verlobt und nicht (wie es jetzt bei den M?dchen hei?t) sie haben sich verlobt. Unsere Eltern und die des Br?utigams unterhandelten durch den Heiratsvermittler ?schadchen? miteinander und besprachen, wieviel Mitgift, Kleider und Schmuck von beiden Teilen der Heiratspartei gegeben werden solle. Meine Schwester bekam ihren Br?utigam, ihren Lebensgef?hrten, vorerst überhaupt nicht zu Gesicht und konnte sich nicht überzeugen, ob sie ihn lieben k?nnte, und ob er ihrem Geschmack und den Idealen entspr?che, die sich ein M?dchen von ihrem Zukünftigen heimlich bildet. Unsere Eltern teilten ihr nur mit, da? ein gewisser Herr F. aus der Stadt S. um sie werbe. Und da er aus gutem Hause, reich, nicht h??lich, und schon ein selbst?ndiger Kaufmann (zwar schon einmal geschieden) w?re, fanden unsere Eltern diese Partie zweckm??ig und gaben ihre Zustimmung. Nun sollte es auch meine Schwester tun. Weit entfernt, den mindesten Zweifel in die Worte der Eltern zu setzen, machte meine Schwester keinerlei Einwendungen. Mit dem, was die Eltern bestimmten, war man eben einverstanden! Da? sie mit der Wahl zufrieden war, war selbstverst?ndlich; war es doch üblich, in dieser Form die T?chter zu verheiraten und - sie waren in der Ehe glücklich. Die M?dchen von anno damals wu?ten, da? der Mann, den ihnen die Eltern bestimmten, von Gott bestimmt war. Gott wollte, da? er ihr Lebensgef?hrte wurde, und so fügte man sich vom ersten Augenblick in alle Schicksale des Ehelebens mit Geduld und Ergebung, richtete danach Sinn und Tun ein. So wurde die damalige Ehe von Frau und Mann als ein heiliges Band betrachtet, das nur der Tod trennen kann, und nicht wie jetzt, wo die Ehe lediglich auf dem guten Willen der Ehegatten basiert ist. Bei einer auf die alte Weise geschlossenen Ehe kamen selten Zwist oder Uneinigkeit unter den Gatten vor; meistenteils haben sie ein glückliches, zufriedenes Leben bis zum hohen Alter geführt, und ein solches war auch meiner Schwester vom lieben Gott beschieden.
Meine Schwester wurde also Braut, bekam von ihrem Br?utigam hübsche Brillanten zum Geschenk geschickt und sehr oft Briefe, auf die sie sofort antwortete. Der Briefwechsel war zwar nicht ohne gewisse innere Anteilnahme, Anh?nglichkeit und Liebe, aber durchaus nicht schw?rmerisch. Immerhin kam doch darin zum Ausdruck, da? man sich nacheinander sehnte und mit Herzenslust einen Brief erwartete und empfing.
So vergingen fünf Monate. Eines Morgens, da meine Mutter mit uns allen beim Frühstückstisch sa?, sagte sie zu meiner Schwester: ?Ich hoffe, da? deine Hochzeit nach drei Monaten stattfinden wird.? Meine Schwester wurde bei den Worten der Mutter bla?. Die Mutter fing an, sie mit einschmeichelnden Worten zu beruhigen. Mit l?chelnden Mienen, aber doch ganz ernst, sagte sie: ?Es ist schon Zeit, du bist bereits achtzehn Jahr!? Meine Schwester aber antwortete nichts, stand rasch vom Stuhl auf, ging in ihr Zimmer, wo sie heftig zu schluchzen anfing. Welche Gefühle ihr diesen Tr?nenstrom erpre?t haben, konnte man wohl erraten. Unsere Mutter legte jedenfalls weiter kein Gewicht darauf. Meine Schwester selbst konnte sich über ihre Tr?nen wohl keine Rechenschaft geben. Vielleicht hat verletzter Stolz sie erpre?t; sie kannte nicht einmal ihren Br?utigam pers?nlich und sollte ihn erst zur Hochzeit zu sehen bekommen.
Nun fingen die Vorbereitungen zur Hochzeit an. Zuerst Garderobe! Es wurden von den Gesch?ften Stoffe, Zeuge, Leinwand usw. gebracht. Meine Schwester aber kümmerte sich scheinbar nur wenig darum. Sie wurde nachdenklich, still, und ging in sich gekehrt herum. Meine Mutter und die ?lteren Schwestern bestellten die N?harbeit. Die Braut aber schrieb jetzt ?fter an ihren Br?utigam, wohl um ihre erschütterte Ruhe wiederzufinden. Die Antworten waren sehr liebenswürdig.
Unsere Eltern und die des Br?utigams setzten bei der Verlobung als den Tag der Hochzeit einen Donnerstag im Septembermonat des Jahres 1848 fest. (Es war ein Rausch Chaudesch.) Ich sollte schon ein langes Kleid zu dieser Hochzeit bekommen - als ?lteres M?dchen im Hause, folglich auch Kandidatin der Ehe. Die Wirtschaft und Vorbereitung zur Hochzeit nahm mich sehr in Anspruch. Tagelang hatte ich in der Küche mit Backen, Braten, Kochen zu tun. Aber ich liebte diese Besch?ftigung, w?hrend meine Schwester das Lesen und N?hen vorzog. Meine ?lteren Schwestern besorgten den Hausrat und die Kleidungsstücke für die Braut. Sie bekam ein hell-lila Seidenkleid, mit wei?en Blendenspitzen besetzt, zum Brautkleid, einen Myrtenkranz und langen Schleier dazu. (Der Anzug war im Vergleich mit den damaligen Sitten auff?llig modern!) Sonnabend vor dem festgesetzten Termin war Polterabend, damals nannte man ihn ?smires?. Alle Freundinnen und Bekannten kamen, und wir waren lustig und tanzten uns müde, da wir M?dchen auch die Kavaliere vorstellen mu?ten. Mit einem Mann zu tanzen, verbot unsere religi?se Erziehung. Vater und die bekannten Herren sahen zu und erg?tzten sich an dem sch?nen Anblick des Solotanzes der russischen ?Kasatzke?, der so reich ist an künstlerischen Tanzfiguren, an grazi?sen Bewegungen und Schwenkungen. Bald war die im raschen Tempo getanzte Galoppade an der Reihe, die zu zweien in der Runde des Salons getanzt und wobei in jeder der vier Zimmerecken für einen Moment Halt gemacht wurde. Dazwischen kam auch das lustige T?nzel Bègele, eine Art Rundtanz, dann ?chosidl?, zu dem eine h?chst muntere Weise mit Fanfarenmusik und Tamburin gespielt wurde. Endlich wurde auch der Contredanse gar zierlich-manierlich getanzt. Der Walzer aber war nicht sonderlich beliebt.
Die Tage von Sonnabend bis Donnerstag waren unruhig und reich an Arbeit. Aber an jedem Abend dieser Tage kam die Musik, um der Braut einen ?guten Abend? aufzuspielen, einen ?dobri weczer? und an jedem Morgen h?rten wir ein ?Guten-Morgen-St?ndchen?, ?dobri dsen?, wobei wir M?dchen ein lustiges T?nzchen machten. Es herrschte ganz die patriarchalische Sitte, die fordert, da? die jüdische Hochzeit vier Wochen dauern soll. Meine Schwester hoffte, da? ihr Br?utigam wenigstens zwei Tage vor der Hochzeit kommen würde und war in den letzten Tagen munterer geworden. Als jedoch schon der Mittwoch der letzten Woche nahte, und ihre Hoffnung sich nicht erfüllte, wurde sie verstimmt und weinte im Geheimen oft, und ihr ganzes Wesen sprach von Ungeduld. Die Vorbereitungen zur Hochzeit nahmen ihren Fortgang, und der festgesetzte Hochzeitstag, ein Donnerstag, lie? sich mit pr?chtigem Wetter und Sonnenschein an - ohne jedoch den Br?utigam in unsere Stadt zu führen.
Doch kaum war es 11 Uhr geworden, als eine Estafette die ungeduldig erwartete, frohe Nachricht brachte, da? der Br?utigam und seine Begleitung auf der letzten Poststation angelangt seien und weiterreisten. Eilig kleideten wir uns an; das Frühstück wurde bereitet. Ich mu?te helfen und wurde darum nur zur H?lfte mit der Festtoilette fertig. Die Braut aber wollte sich nicht eher ankleiden, bis sie erst ihren Br?utigam gesprochen h?tte - ein Verlangen, das uns heute nur recht und billig klingt. Allein ein strenger Blick unserer Mutter und ein Wort der Schwestern waren hinreichend, diese Forderung aufzugeben. Bald erschien die Schwester br?utlich gekleidet; in den Spiegel freilich hatte sie kaum geschaut! Ihre Seufzer lie?en den Sturm ihrer Gefühle ahnen! Es lag in der Wucht der Sitten jener Zeit, da? sie ruhiger wurde und sich damit abfand, erst im Trauungskleide zum ersten Male ihren Lebensgef?hrten zu Gesicht zu bekommen.
Es war 12 Uhr geworden. Die Einladungen zur Trauung an die Freunde und Bekannten waren in der Frühe desselben Tages verschickt worden, und einige G?ste fanden sich schon ein. Musik erklang und unsere Eltern traten mit ernsten Gesichtern, bewegten Herzens und tr?nenvollen Augen in den Hochzeitssaal, in ihrer Mitte die jugendliche, hübsch geschmückte, erregte Braut am Arm haltend. Meine Schwester war keine ausgesprochene Sch?nheit, aber ihre hohe Statur, ihr stolzes, hochragendes Haupt, die hohe Stirn und klugen Augen lie?en auf ihren Verstand schlie?en. Der Ernst dieser Stunde war bei ihr, wie es schien, von einem romantischen Glanz umleuchtet und go? über ihre strengen Gesichtszüge die milde Hingebung und Ergebung, die wir in der letzten Zeit bei ihr vermi?ten. - Mein Vater hatte inzwischen den Br?utigam in seinem Logis begrü?t, und er konnte meine Schwester mit überzeugung versichern, da? der junge Mann ein liebenswürdiger Mensch sei. Unter den Kl?ngen einer zu Tr?nen rührenden Musik, wie es bei ?hnlichen Gelegenheiten üblich und passend ist, führten unsere Eltern die Braut bis in die Mitte des Hochzeitssaales, wo auf einem Teppich ein Armstuhl mit einer Fu?bank stand, und mit tr?nenerfüllten Augen lie?en sie die Braut aus ihren Armen darauf nieder. Sie blieb nachdenkend, in sich gekehrt, sitzen. Bange Erwartung, freudige Erregung, der Gedanke, sich fürs ganze Leben zu fesseln, durchtobten sie..... Ach! Ein Frauenleben!... Wieviel sagt doch dieses eine Wort ... Der Vater entfernte sich, die Mutter aber und wir alle, reich geschmückt, blieben in ihrer N?he. Es dauerte auch nur kurze Zeit, als wir aus dem Vorzimmer den Bedienten melden h?rten, da? der Br?utigam vorgefahren sei. Meine Mutter erhob sich und warf einen unruhigen, aber von mütterlichem Stolz erfüllten Blick auf die Braut, die bla? und starr vor sich hinsah. Sie sprach ihr nochmals mit z?rtlichen Worten Mut zu und begab sich dann in den zweiten Salon, um die willkommenen G?ste zu empfangen. Der Vater trat ihnen schon im Vorzimmer entgegen, umarmte und kü?te den Br?utigam und führte ihn ins zweite Zimmer zur Mutter, die nach damaliger Sitte weder durch einen H?ndedruck noch durch einen Ku? ihre Freude oder Zufriedenheit ?u?ern durfte. Aber ihre Augen und ihre hastigen Worte sagten, da? sie zufrieden war. Der Br?utigam schien der z?rtlichen Umarmung des Vaters und der freundlichen Worten der Mutter nur wenig zu achten; seine Augen suchten gierig und gespannt die, nach der sein Herz sich sehnte. Er sah über alle, die neben ihm standen, hinweg in den zweiten Salon, von wo ihm der Stern seines künftigen Lebens entgegenleuchtete. Die Festgenossen, geleitet von unserm Vater, gingen nun in das Hochzeitzimmer. Meine Schwester hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und stand in ihrer ganzen Würde dem Br?utigam gegenüber, das Auge beharrlich auf ihn gerichtet, vor dessen Blick er die seinigen, wie ich denke, senken mu?te, da sein Charakter nachgiebig, mild und friedfertig war und der ihrige zwar nur wenig Sentimentalit?t besa?, aber kernig gesund, kalt, hell wie der Wintertag war. Auch zwischen Braut und Br?utigam durfte selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit kein H?ndedruck gewechselt werden. Ihre ganze Erscheinung jedoch wirkte auf ihn elektrisierend; er konnte sich kaum fassen und murmelte einige unverst?ndliche Worte, worauf meine Schwester eine ma?volle Antwort gab. Es wurde dem Brautpaar gestattet, sich ins zweite Zimmer zu begeben, zun?chst in Begleitung der beiderseitigen Eltern, die sich übrigens bald entfernten, damit die jungen Leute endlich ohne Zeugen miteinander sprechen k?nnten. Wenn das Dictum: ?Gekommen, gesehen, gesiegt? irgendwo berechtigt ist, so hier! Es verging kaum eine halbe Stunde, da traten die jungen Leute freudestrahlend in den Hochzeitssaal zurück.
Man beeilte sich zu frühstücken; es geschah in gro?er Gesellschaft und in sehr munterer Weise. Schon sammelte sich die Menge der geladenen G?ste; und da es im sp?ten Herbst war und der Tag kurz, so mu?te man eilen. Unterdessen war es drei Uhr geworden. Im Hochzeitssaal wurde getanzt, und die Braut auch in den Wirbel hineingezogen, was nach den damaligen Begriffen ganz in der Ordnung war. Der Br?utigam bat sich die Erlaubnis aus, im Tanzsaal zu bleiben; es wurde erlaubt, aber nicht für lange! Unsere Mutter zeigte sich bei ?hnlichen Gelegenheiten viel milder als der Vater. Sie setzte sich in einen Winkel des Hochzeitssaales und bat ihren künftigen Schwiegersohn, neben ihr Platz zu nehmen.
Eine Stunde mochte in Tanz und Lust vergangen sein, da mahnte meine Mutter den Br?utigam, da? es Zeit sei, zu gehen. Er tat es mit einer sehr langen Verbeugung und einem L?cheln gegen die Braut. Und nun fing die Zeremonie des sogenannten Besetzens und Bedeckens an, die darin besteht, da? man Brautkranz und Schleier vom Kopfe der Braut herunternahm, und die Frauen und die Freundinnen die Haare der Braut, die eigens heute zu kleinen Z?pfchen geflochten waren, aufl?sten und über Hals und Nacken breiteten, wobei die Musik nur stille T?ne anschl?gt. Die noch vor einer kleinen Weile so lustig tanzende Hochzeitsgesellschaft wurde still. Eine traurige Stimmung umhüllte alle. Der Batchen oder Marschalik - wie man diese Kasualienredner damals nannte - erinnerte die Braut, da? der heutige Tag für sie einen Lebensabschnitt markiere; sie trete in ein neues Stadium und dieser Tag solle ihr heilig wie der Vers?hnungstag sein. Sie sollte Gott anflehen, ihr die Sünden zu vergeben. Der damalige Jude glaubte, da? die Eltern die Sünden eines jeden Kindes bis zu seiner Verm?hlung vor Gott zu verantworten haben. Nach der Hochzeit ist aber jedes Kind selbst für sich verantwortlich. Bei meiner Schwester bedurfte es keiner Ermahnung! Ihre Tr?nen flossen reichlich und innig. Nach dieser Rede kam, in Begleitung der Eltern und G?ste, geführt von dem Ortsrabbiner, der Br?utigam in den Hochzeitssaal, nahm von der vorbereiteten, mit Hopfen und Blumen gefüllten Platte den Schleier, und auf die Aufforderung des Rabbiners bedeckte er damit das Haupt der tiefbewegten Braut. Bei dieser Handlung bestreuten ihn alle Umstehenden mit Hopfen und Blumen, und unter lauten Glückwünschen, Umarmungen und munterer Musik verging noch eine gute halbe Stunde, in welcher man die Braut von der schweren Brauttoilette befreite, ihr ein leichtes, lichtes Kleid anlegte, eine leichte Mantille überwarf und den Schleier auf dem Kopf zurechtlegte und befestigte. Nun ging es in die Synagoge, jedoch nicht wie jetzt in Equipagen, sondern zu Fu? durch die oft sehr schmutzigen Gassen. - Die Trauung wird von den Juden als ?ffentlicher Akt betrachtet und mu? daher unter freiem Himmel vollzogen werden. Das Volk soll Braut und Br?utigam sehen k?nnen, vielleicht wei? jemand, da? einer der Brautleute schon verheiratet ist!
Der Br?utigam wurde bald nach dem ?Bedecken? mit Musik - ein Marsch wurde gespielt - vor die Synagoge geführt, wo er unter den dort aufgestellten Baldachin gestellt wurde. Und die Musikanten begleiteten nun auch die Braut unter die ?Chuppe? mit demselben Marsch. Die Braut wurde von den ?Unterführerinnen? (Brautschwestern) an die linke Seite des Br?utigams gestellt; die Musik schwieg. Die Zeremonie der Einweihung des Brautpaares begann. Der ?Schammes? (Synagogendiener) füllte ein Glas mit Wein, über den den Segen zu sprechen, ein geachteter Mann beehrt wurde. Bei einem bestimmten Satze hielt er inne. Der Synagogendiener übergab dem Br?utigam den Trauring, den dieser in die H?he hielt, und mit den gesetzlichen Worten in bestimmtem Rhythmus: ?Hare ad mekudesches li betabas sukedas Mausche w' Isroel? steckte er den Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand der Braut. Dann rezitierte der den Wein segnende Mann die sogenannten ?schiwo broches? - die 7 Segenssprüche - auf die sch?nsten Tugenden und edelsten Regungen des Menschenherzens, wie Liebe, Freundschaft, Treue, Bruderschaft des Ehepaares. Dann wurde die ?ksube? (Heiratsurkunde) vorgelesen. Diese lautete wie folgt: ?Dieser Herr N. heiratet dieses Frauenzimmer N. Er verpflichtet sich, ihr Mann zu sein, sie zu ern?hren, standesgem?? zu kleiden und sie zu beschützen. Sie bekommt von dem Herrn N. drei?ig Goldmünzen.? Die ?ksube? wird der Braut hier unter der ?chuppe? überreicht. Nachdem das Gebet über den Wein zu Ende gesprochen war, mu?ten Br?utigam und Braut aus dem Glase trinken. Das Glas aber legte man auf die Erde, und der Br?utigam mu?te es mit dem Fu?e zerstampfen! Die Hochzeitgesellschaft rief ?Masel tow? (Gut Glück), und das Brautpaar trat Arm in Arm den Heimweg an, von der rauschenden, bet?ubenden Fanfarenmusik und dem gesamten Publikum begleitet, wobei besonders die ?lteren Weiber einen Reigen dicht vor dem Brautpaar tanzten, denn als gr??te ?Mizwe? (d. h. gottgef?llige Tat) galt: ?M'ssameach chosen wekalo? (d. h. Braut und Br?utigam belustigen!). Sie tanzten bis zu unserem Hause. Dort schwieg die Musik und nun galt es, zu sehen und zum Teil zu bewirken, da? die Braut zuerst über die Schwelle trete. Ein alter Aberglauben lehrte n?mlich, da?, wer von dem Ehepaare zuerst über die Schwelle tritt, durchs ganze Leben die Oberhand im Eheleben behalten würde. S?mtliche Frauen nahmen ihren Schmuck ab und legten ihn hier auf die Schwelle; darüber sollte das neuverm?hlte Ehepaar schreiten. Hier bei uns vollzogen sich alle diese Br?uche in gemütlicher Ordnung, w?hrend es bei dem einfachen Volk bei dieser Gelegenheit sehr oft zu einem Handgemenge kam, in dem bald die Verwandten der Braut ihrem Schützling den Vortritt zu erk?mpfen suchten, w?hrend ihrerseits die Verwandten des Br?utigams dasselbe Man?ver übten.
Man denke sich diesen ganzen ?Chuppegang? (Trauungszug) mit allen oben geschilderten Szenen bei Regenwetter unter freiem Himmel, wo wenige von den Tanzenden Schirme besa?en. Da gab es schlumpige Weiberr?cke und Pantoffeln, und die arme Braut mu?te laut die bittersten Vorwürfe h?ren, da sie, wenn es zu ihrer ?chuppe? regnete, wohl naschhaft gewesen sein und aus den Kasserollen geleckt haben mu?te. -
In gro?em Gedr?nge kamen die Brautleute zu Hause an, wo das junge Paar in sein Zimmer geführt wurde und bei Tee, Bouillon und Leckerbissen sich von den Strapazen des Chuppeganges erholte. Es war auch hohe Zeit! Denn das Brautpaar fastete bis nach der Trauung. Man nannte die erste Bouillon, die man dem Brautpaar gab, die ?goldene Suppe?. Nur die intimeren Freundinnen und die Brautschwestern wurden in das Zimmer der Brautleute hineingelassen. Die übrigen G?ste verabschiedeten sich, um sich zwei Stunden sp?ter zum Abendbrot, das sich ?chuppewetschere? nannte, einzufinden. Bei diesem Mahle führte die Gesellschaft allerlei leichtsinnige Gespr?che, die nicht der Frivolit?t entbehrten. Nach der luxuri?sen Mahlzeit, die mit einer grossen Zecherei endete, blieb die Gesellschaft noch bei Tisch sitzen. Es war Brauch, dass der Br?utigam das Mahl durch eine talmudische Rede (Drosche) würzen musste. Nun wurden die ?Droschegeschenke?, d. h. Hochzeitsgeschenke, von den Verwandten, Eltern und Freunden den Neuverm?hlten dargebracht. - Der ?batchen? trat wieder in Aktion. Aber er zeigte sich jetzt von einer gemütlicheren Seite. Er mu?te das Publikum mit allen m?glichen Possen und improvisierten Anekdoten in Versen unterhalten, auf jeden Gast, je nach der Spende, ein launiges ?W?rtchen? sagen, und endlich auch dem Brautpaar Scherze, aber auch bittere Wahrheiten in humoristischer Form erz?hlen. Unter diesen Batchonim gab es oft geniale Leute. Einer, Sender (Alexander) Fiedelmann, hat eine k?stliche Sammlung seiner launigen Verse hinterlassen. Fiedelmann hat in Minsk ?gewirkt?, w?hrend in Wilna ein gewisser Motche Chabad und Elijokum Batchen beliebt waren.
Der ?batchen? stellte sich auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme, das ihm eingeh?ndigte Hochzeitsgeschenk in die H?he haltend, den Namen des Gebers und pries mit vielen übertreibungen den Wert und die besonderen Qualit?ten des Geschenkes. Seine ?Chochmes? brachte er in singenden Rezitativen vor, wobei die angeheiterte Tischgesellschaft herzlich lachte. Diese Possen dauerten bis sp?t in der Nacht. Das Tischgebet wurde gesagt, das mit den ?schiwo broches? über einem Becher Wein endigte, von dem man dem Brautpaar zu nippen gab. Dann kam der sogenannte Koschertanz an die Reihe. Die Braut unter ihrem Schleier setzte man in die Mitte der Brautschwestern, von denen eine ein seidenes, viereckiges Taschentuch in der Hand hatte. Der ?batchen? forderte einen der Herren auf, mit der Braut zu tanzen, wobei die Brautschwester einen Zipfel des Tuches der Braut in die Hand gab und den zweiten Zipfel dem T?nzer reichte. Auf diese Weise machten sie zweimal die Runde und der Batchen rief: ?Schon getanzt!? und die Braut setzte sich wieder zwischen die Brautschwestern. Auf solche Weise tanzte die Braut mit allen anwesenden Herren. Das dauerte bis sp?t nach Mitternacht. Die arme Braut aber durfte den Schleier nicht lüpfen.... Endlich, vor Tagesanbruch, mahnte die gro?e Müdigkeit zur Ruhe. Ein jeder suchte sich irgend ein Pl?tzchen und nickte selig ein. Am n?chsten Morgen wurde es sp?t Tag. Die Braut blieb in ihrem Zimmer, bis meine Mutter und die ?lteren Schwestern in Begleitung einer einfachen Frau, der sogenannten ?Gollerke?, kamen. Diese Frau war mit einer gro?en Schere bewaffnet und nahm auf der Mutter Gehei? dreist den armen Kopf meiner Schwester in Besitz, lehnte ihn gegen ihre Brust, und unter ihrer m?rderischen Schere fiel bald eine Str?hne des sch?nen Haares nach der andern vom Kopf meiner Schwester - wie das Gesetz es befiehlt! Nach kaum 10 Minuten war das Lamm geschoren. Man lie? ihr nur ein wenig Haar über der Stirn, um es besser nach hinten streichen zu k?nnen. Denn es durfte keine Spur von ihrem eigenen Haar zum Vorschein kommen. Dann bekam sie eine glatt anliegende seidene Haube, an der sich vorn ein breites, seidenes Stirnband in der Farbe des Haares befand, wodurch nach damaligen Begriffen das Haar sehr gut imitiert wurde. In den frommen jüdischen H?usern, wie dem meiner Eltern, hat man die altjüdischen Br?uche, die mit der Zeit als Gesetz betrachtet wurden, m?glichst streng beobachtet. Der Braut wurde ein hübsches, kokettes H?ubchen aufgesetzt, wenn auch darunter das jugendliche Gesicht bedeutend ?lter erschien. Man führte sie in den Salon, wo bereits alle Herren des Hauses und viele G?ste versammelt waren. Die Brautschwestern bedeckten ihr Gesicht mit einem wei?en, seidenen Tuch, und wer ihr Gesicht zum ersten Male unter der Haube sehen wollte, mu?te ein Almosen für die Armen geben; auch der Br?utigam und die beiderseitigen Eltern mu?ten es tun. Da gab es verschiedene Meinungen über ihr ver?ndertes Aussehen, und bald war ein gemütlicher Streit im Gange. -
Meine Schwester blieb auf Kosten der Eltern mit ihrem Manne bei uns wohnen. Seine Eltern reisten, nachdem sie ihr viele hübsche Pr?sente zurückgelassen hatten, nach ihrer Heimatsstadt Sa?law zurück.
Und ein junges Paar lebte das alte Leben....
Nur noch diese Schwester wurde in der hier geschilderten Weise verlobt und verheiratet. Schon meine Verlobung, zwei Jahre sp?ter hatte ein wesentlich verschiedenes Gepr?ge, hatte doch die Reform unter der Regierung Nicolaus I. die jüdische Lebensweise stark beeinflu?t.
* * *
Die Ver?nderung der Tracht.
Es will mir scheinen, da? es kein Zufall sein kann, wenn heute das Wort ?Tracht? fast ganz aus dem Wortschatze verschwunden ist. Es ist eigentlich nur noch in der Schriftsprache üblich. In der Umgangssprache ist es kaum noch zu h?ren. Es hat dem Worte ?Mode? weichen müssen. Darin scheint mir aber mehr zu liegen als ein nur rein ?u?erlicher Ersatz des einen Wortes durch ein anderes. Es liegt Psychologie, Zeitpsychologie in diesem Wandel. Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, da? das Wort ?Mode? zumeist in einem ganz pr?gnanten Sinne gebraucht wird? Bezeichnet es ursprünglich nur, da? irgendein Etwas - ein Kleidungsstück, ein Buch, ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt ist, so hat es jetzt seinen Hauptsinn in der Vorherrschaft einer besonderen Kleidung! Die Frühjahrsmode schlechtweg bezeichnet die neue Form, die die Kleidung im Frühjahr hat. Und wenn wieder ?eine neue Mode herauskommt?, so denkt man lediglich an eine neue Tracht. Mit dem Begriff Mode ist uns wie durch eine feste Ideenverbindung der Begriff des schnellen Wechsels verknüpft. Was modern ist, will nur den Erfolg eines Tages haben. Mode und Tracht stehen zueinander wie hastige Abwechslung und Dauer.
In einem Punkte freilich finden die Begriffe ?Mode und Tracht? eine gewisse Einigung! Sie haben beide einen imperatorischen Charakter. Sie zwingen unter ein Joch. Und wenn auch dem einzelnen Menschen ein Spielraum für die Bet?tigung seines individuellen Geschmacks bleibt, so fordert das Gesetz der Tracht doch Einheitlichkeit und Uniformiertheit.
In früheren Zeiten hatte die Tracht freilich auch die Aufgabe, bestimmte Gruppen von Menschen voneinander zu differenzieren. Die Pariser Mode hatte noch nicht alle feineren und gr?beren Nuancen verwischt. Jeder Volksstamm, jede scharf abgesonderte Klasse von Menschen hatte ihre eigene Tracht; man wollte nicht in den gro?en Menschheitsbrei untertauchen, sondern sofort erkannt werden als das, was man ist. So bekam die Tracht den Charakter des Z?hen, Stabilen, Traditionellen, und die Gloriole der Ehrwürdigkeit umleuchtete sie.
Nur so kann man verstehen, wie der im Jahre 1845 ver?ffentlichte Ukas der russischen Regierung auf die russischen Juden wirkte, welcher die Juden zwang, ihre alte Tracht abzulegen und sich der modernen zu fügen.
Die Wirkung auf die gro?e Masse war so furchtbar wie die einer Katastrophe. Eine wilde Erbitterung war die Folge. Und nur das Gefühl der eigenen Ohnmacht, der Wehrlosigkeit, die Golusangst lie? diese Erbitterung nicht zu rasender Wut sich steigern. W?ren die Juden damals stark, organisiert, m?chtig gewesen, so h?tte die Ver?nderung der Tracht zu Aufst?nden und Revolutionen geführt. So aber blieb es bei schmerzhafter Resignation. Man trauerte um die eigene Tracht wie um einen lieben Toten. Und tiefer blickende Geister begriffen bald, da? die Anpassung an die modische Kleidung nur der erste Schritt sei auf dem Wege tiefer greifender Assimilationen, die nicht nur die Lebenshaltung, sondern auch Kulturanschauungen und die überlieferten Lehren einer spezifischen Religion, Sitte, Gewohnheit und der Br?uche des jüdischen Volksstammes würden ummodeln müssen. Der Ukas wurde als ?Gesere? bezeichnet; nicht als eine von den vielen Geseraus, die das jüdische Volk überfielen, sondern als die ?Gesere? schlechtweg. Viele waren der Ansicht, da? das jüdische Gesetz - Jehorek wéal ja'wor (man mu? sich opfern) - unter diesen Umst?nden erfüllt werden müsse. Allein die russische Regierung kümmerte sich wenig um jüdische Gesetze, um die erregten Debatten in den Gemeinden, um die Trauer und das Wehklagen der Frommen, sondern setzte kurzerhand eine Frist fest, nach deren Ablauf alle Juden in Ru?land, M?nner und Frauen, sich nur in europ?isch-russischer Tracht durften sehen lassen. Und diese Frist war natürlich sehr kurz bemessen. So mu?te denn die jüdische Bev?lkerung von ihrer liebgewordenen Tracht lassen. Und wer wie ich den hastigen Wandel der Moden durch viele Jahrzehnte miterlebt hat, und wie ich oft hat erkennen müssen, da? die Tyrannin Mode nicht immer gerade die ?sthetik als Genossin hat, der mu? gestehen, da? das Opfer der alten Tracht in manchem Belange die Aufgabe einer nicht nur hygienischen, sondern auch recht kleidsamen Tracht war.
Die M?nner trugen ein wei?es Hemd, dessen ?rmel durch B?ndchen geschlossen wurden. Am Halse lief das Hemd in eine Art Umlegekragen aus, der aber nicht gesteift und gest?rkt wurde. Auch am Halse war das Hemd durch wei?e B?ndchen geschlossen und es wurde in der Art der Schleifenbindung besondere Sorgfalt aufgewandt, wie auch ein gewisser Luxus bei der Auswahl des Stoffes für diese Krawatten ?hnlichen B?ndchen entfaltet wurde. Selbst ?ltere Herren aus vornehmen H?usern lie?en eine leise Koketterie bei dem Schlingen dieser Schleifen h?ufig erkennen. Erst sp?ter kamen breite, schwarze Halstücher auf. Aber in den Familien, die Gewicht auf die Tradition legten, waren diese Binden verfehmt, und da? sie als ?goijisch? bezeichnet wurden, zeigt schon die starke Empfindlichkeit an, mit der selbst so kleine und doch eigentlich recht harmlose Abweichungen von der üblichen Tracht aufgenommen wurden.
Die Beinkleider reichten nur bis zum Knie und waren gleichfalls durch B?nder unten verschnürt. Die Strümpfe waren von wei?er Farbe und ziemlich lang. Den Fu? bekleideten niedrige Lederschuhe, die aber keine Abs?tze hatten. Die Stelle des Rockes vertrat der lange Chalat - der aus kostbaren Wollstoffen bestand. Die niedere Klasse trug an Werktagen Kleider aus Demi-cotton, an Festtagen aus Rissel - einem billigen Wollstoff - , w?hrend sich die Armen im Sommer mit Nanking, einem Baumwollstoff mit schmalen, dunkelblauen Streifen, im Winter mit grauem, dickem Tuch bekleideten. Dieser Chalat war sehr lang und reichte fast bis auf die Erde. Allein der Anzug w?re nur unvollst?ndig gewesen, wenn nicht über die Hüften ein Gürtel herumgeschlungen w?re. Auf diesen Gürtel wurde besondere Sorgfalt verwandt; galt er doch für die Erfüllung eines religionsgesetzlichen Gebotes. Er sollte sinnf?llig den reinen Oberk?rper von dem mehr unreinliche Funktionen ausübenden Unterk?rper scheiden. Besonders am Sabbath und an den Feiertagen wurde mit dem Gürtel ein besonderer Luxus getrieben. Selbst M?nner niedrigen Standes pflegten zur Weihe der Feste einen seidenen Gürtel zu w?hlen.
Die Kopfbedeckung der Armen war an Wochentagen eine Mütze, die an beiden Seiten Klappen hatte, die meistens aufgeschlagen waren, im Winter aber über die Ohren heruntergezogen werden konnten. An der Stirnpartie hatten diese Mützen ebenso wie an den Seitenfl?chen dreieckige Pelzflecke. Diese Mütze nannte man ?Lappenmütze?. Ich wei? nicht, woher dieser Name stammt; vielleicht gaben die Ohrenklappen diese Bezeichnung, vielleicht aber hat auch die ?hnlichkeit mit der Kopfbedeckung der Lappl?nder diesen Namen gezeitigt. Unter dieser Mütze trug jeder Jude, welchen Standes oder Berufes er auch sein mochte, ein Sammetk?ppchen, das eigentlich niemals vom Haupte verschwand, galt es doch fast als ein schweres Vergehen, b'kalaus rosch, mit entbl??tem Haupte umherzugehen. Natürlich wurde dieses K?ppchen vom Kopfe auch nicht entfernt, wenn man bei Nachbarn zu Gaste war.
Sommer und Winter trugen die Wohlhabenden eine Zobelmütze, die ?Streimel? hie?. Sie war hoch, lief spitz aus und war eine, wenn nicht immer mit Zobel, so doch mit teuren Pelzstreifen besetzte Sammetmütze. Unter diesen Mützen lugten die Pejes hervor, breite Haarstr?hnen, die sich fast bis unters Kinn hinschl?ngelten. Als besonders sch?n galten gekr?uselte Pejes und es war ein edler Ehrgeiz, nicht nur der glücklichen Besitzer von lockigem Haar, sondern auch der Straffhaarigen, lieblich geringelte Pejes zu besitzen. Die Pejes waren direkt ein Requisit des denkenden Menschen. Eine ernsthafte Diskussion war gar nicht m?glich, ohne da? die M?nner mit dem Zeigefinger die Pejes drehten. Und nun gar beim Lernen des Talmuds war dieses Spiel eine fast automatische Besch?ftigung. Man zog die besten Gedanken gewisserma?en aus den Pejes. Und ich habe so manches Mal die Empfindung gehabt, als habe das Talmudstudieren seine Intensit?t, seine logische Sch?rfe deswegen verloren, weil die Pejes dem grübelnden Forscher nicht mehr zur - Hand sind.
Es gab Leute, die mit besonderem Wohlgefallen sich m?glichst lange, bis auf die Schultern reichende Pejes wachsen lie?en. In unserer Stadt gab es einen gro?en Gelehrten, einen Iluj, der den ganzen Tag die T'fillim schel rosch trug, freilich bedeckt von den darüber gestrichenen langen Pejes. So ?hnlich tr?gt auch Reb Jankew Meyer aus Minsk die Pejes über den T'fillim schel rosch, dieser fromme Mann, der fast wie ein Heiliger verehrt wird und dessen Gespr?che nie enden, ohne da? er mahne: ?Kinder, gibt Geld far orme Leut?.
Der lange Rock aus Seide, der Gürtel, die Pelzmütze und die berühmten Pejes mu?ten nun entfernt werden. Schwer fanden die M?nner sich in ihr Schicksal. Sie h?tten es vielleicht leichter getragen, wenn man ihnen wenigstens die Schl?fenlocken gelassen h?tte. Sie erst gaben den Juden - in der damaligen Auffassung - die Gott?hnlichkeit. Nun war das Zelem elohim dem jüdischen Volk genommen.
An die Stelle der alten Tracht trat nun eine modische. Die M?nner mu?ten einen schwarzen Rock tragen, der aber nur bis zu den Knien reichen durfte. An die Stelle der kurzen Kniehosen traten lange Beinkleider, die bis über die Stiefel fielen. Im Sommer mu?ten die M?nner einen Hut tragen, im Winter eine Mütze. Sie war aus schwarzem Tuche plump gefertigt und hatte vorne einen Schirm. Man nannte sie Kartus. Die strengen Befehle der russischen Regierung galten freilich nur den Stra?enkleidern. Bis ins Haus drang das Kleider-Reglement nicht. Und man wird ohne weiteres begreifen, da? sich es sehr, sehr viele Juden nicht nehmen lie?en, daheim die Kleidung zu tragen, die ihnen allein gefiel - die alte Tracht. Auch wenn es dunkel war, sah man oft Juden umherlaufen wie einst.
Dagegen wurden, scheints, von den russischen Beh?rden keine Einwendungen erhoben. Bei der elenden Beleuchtung, die in jenen Zeiten die relativ kleinen St?dtchen abends und nachts hatten, konnte ja die Tracht ohnehin nicht auffallen. Da? Ausnahmen von den allgemeinen Bestimmungen m?glich waren, kann bei der damaligen Verwaltungstechnik durchaus nicht Wunder nehmen; konnte man sich doch durch eine bestimmte Abgabe für die Dauer von zwei Jahren die Beibehaltung der alten Tracht erkaufen!
Ebenso tiefgreifende ?nderungen wie die Tracht der M?nner erfuhr die Kleidung der Frauen. Und man kann wohl behaupten, ohne da? man dem Vorwurfe eines Lobredners der alten Zeit zu verfallen braucht, da? der Tausch nicht gerade ein günstiger war. Die Tracht der jüdischen Frauen in litauisch Ru?land wies bis dahin bis in viele Einzelheiten hinein orientalischen Charakter auf. Sie war bunt und bei den Reichen sehr kostbar, es wurden recht gro?e Summen auf kostbare Stoffe und künstlerisches Geschmeide verwandt. Das sehr lange Hemd war hoch geschlossen und aus feinstem Linnen gefertigt. Unterr?cke und Beinkleider waren selbst den Frauen der vornehmsten Familien unbekannt. Die langen Strümpfe der heutigen Mode waren damals nicht üblich. Sie reichten nur bis zum Knie herauf. Ihre Farbe war immer wei? und bei den Damen der reicheren Familien waren durchbrochene Strümpfe beliebt. - Gummiband war damals noch garnicht im Gebrauch. Und so hielt man denn die Strümpfe durch breite Atlasb?nder, die sich oft an mit Kreuzstichen bestickten Strumpfb?ndern befanden. Auch gestrickte und geh?kelte Strumpfb?nder wurden vorn mit solchen Schleifen geschlossen. Mechanische Verschlüsse aus bronziertem Blech oder anderm Metall stellte die damals noch kaum entwickelte Eisenkurzwarenindustrie den Damen nicht zur Verfügung. - Die Schuhe hatten eine gro?e ?hnlichkeit mit Sandalen. Sie waren sehr niedrig und hatten keine Abs?tze. Am Fu? wurden sie durch schmale, schwarze B?ndchen festgehalten, die kreuzweis verschlungen, oft bis zu den Waden hinaufgeführt wurden. Diese Schuhe waren aus schwarzem Wollstoff oder Saffianleder gefertigt und wurden zu allen Jahreszeiten getragen. Von hohen Stiefelchen und Galoschen hatte damals niemand eine Ahnung. So sehr auch bis in alle Einzelheiten die Fu?bekleidung der alten Zeit verschieden war von den Formen, die man in den n?chsten achtzig Jahren im Gebrauch sah, so hatten sie doch eine prinzipielle übereinstimmung. Die weibliche Natur konnte sich auch damals nicht verleugnen und, dem Charakter jener Tracht entsprechend, die mit ihrem Goldschmuck die Eitelkeit besonders betonte, w?hlte man die Sandalen sehr klein und sehr eng und manche Frauen hatten einen etwas trippelnden Gang.
über dem Hemd trugen die Frauen ein Mieder aus Seide. Rosa und rot waren hierfür als Farben besonders beliebt. Vorne war das Mieder zum Schlie?en. Durch gro?e silberne ?sen wurde ein breites, seidenes Band geführt mit Hilfe einer oft bis 8 cm langen silbernen Nadel, in die das Band endigte.
Die Obertaille war sehr kurz. An ihrem unteren Rande waren drei Rollen angen?ht, die aus Watte bestanden, welche mit steifem Kattun überzogen war. Auf diesen Rollen ruhte der Rock. Ruhte ist eigentlich falsch gesagt: er war vielmehr von einer b?sartigen Unruhe und hatte die natürliche Tendenz, von diesen Rollen herabzugleiten. Und so wie bei der heutigen Mode die Frauen vielfach gezwungen sind, an ihren Blusen herumzunesteln, so mühten sich die damaligen Jüdinnen ab, den Rock auf die Rollen zu ziehen. Und es war nichts seltenes, da? die Geplagten sich bei dem ununterbrochenen Zurechtschieben des Rockes die Finger wund rieben. Die ?rmel waren sehr eng und so lang, da? sie oft bis an die Finger reichten. Die ganze Obertaille war ringsum mit Pelzwerk eingefa?t und es war natürlich, da? mit diesem Pelzwerk ein besonderer Luxus getrieben wurde. Vornehme Frauen w?hlten immer Zobel. Die Halspartie war abgeschlossen durch einen Stehkragen, der auch im Sommer niemals fehlen durfte.
Diese Obertaille hatte ungef?hr die Form der heutigen Figaro- oder Bolero-J?ckchen. Sie war vorn offen, so da? das Mieder so weit zu sehen war, als es nicht von dem Brusttuch verdeckt war. Als Stoff für diese Obertaille diente das Karpo-Voluska (Karpfenschuppen). Dieser Name war durchaus zutreffend. Es waren silberne, mattvergoldete Schüppchen so dicht nebeneinander befestigt, da? das Wollgewebe fast garnicht mehr zu sehen war. Heut sieht man derartige Stoffe eigentlich nur noch an Maskenkostümen.
Auf das Brusttuch wurde ganz besondere Sorgfalt verwandt. Man w?hlte dazu silber- und goldgestickte Stoffe, die eine echt orientalische Zeichnung hatten. Halbmonde waren eigentlich am beliebtesten.
Die obere Partie war mit wei?en Spitzen bedeckt, die aus Frankreich bezogen wurden. Diese Blonden waren meist aus Flock- und Cordon-Seide und wiesen au?erordentlich künstlerische Muster auf.
Einen ganz besonderen Schnitt hatte der Rock. Er war au?erordentlich eng, kaum einen Schritt weit und natürlich immer fu?frei. Am meisten bevorzugt für diesen Rock wurde der Atlas. In Zwischenr?umen von etwa zwei Querfingern zogen sich L?ngsstreifen den Rock herab aus feinsten, golddurchwirkten Stoffen. Ich entsinne mich noch ganz genau des Kleides meiner Mutter. Da waren die Muster dieser Borte übereinandergereihte Ellipsen, die ein feines Bl?ttchen einschlossen. Nur die vorderen Teile des Rockes waren nicht mit diesen kostbaren Goldborten versehen, soweit sie von der Schürze überdeckt waren. Die Schürze war ein unbedingtes Erfordernis für ein vollst?ndiges Kostüm. Sie wurde auch auf der Stra?e und selbstverst?ndlich bei allen Festlichkeiten getragen. Sie war lang und reichte bis zum Saum des Rockes. Die wohlhabenden Frauen verwandten bunten Seidenstoff oder einen wei?en, kostbaren Battist, der mit Samtblumen und künstlerisch feinen Mustern und Goldf?den bestickt war. (Die ?rmeren begnügten sich mit Wollstoffen oder farbigen Kattunen.) Den Stoff des Rockes mit seiner Abwechslung zwischen bestickten L?ngsstreifen und Atlasstreifen nannte man ganz allgemein in Littauen ?Güldengestick?.
über diesem Anzug wurde eine Art Mantel getragen, die Katinka. Die ?rmel dieses Kleidungsstückes hatten eine weite Glockenform. Sie waren oben bauschig und unten schmal. Diese Katinka war sehr lang und hatte vorn ganz glatte Breiten. Der Rücken war in der Taille anschlie?end. Als Stoff wurde meistens Atlas verwandt, und da es sich bei der Katinka meist um ein Kleidungsstück für die k?ltere Jahreszeit handelte, war sie wattiert und mit Wollstoff gefüttert. Reichere Damen lie?en sie mit Atlas füttern. Und ich entsinne mich noch, da? meine Mutter, die besonderen Wert auf sorgsame Kleidung legte, eine mit blauem Atlas gefütterte Katinka trug.
Dieser Mantel wurde aber nur selten wie ein überzieher getragen. Wahrscheinlich, weil er den besonders kostbaren Anzug verdeckte und nicht zur Geltung brachte. So war es üblich, den Mantel einfach über die Schultern zu werfen, so da? die ?rmel auf dem Rücken herunterhingen. Manche Frauen, besonders die Gabbetes, diese Helferinnen der Armen, pflegten nur einen ?rmel überzuziehen, den andern aber über die Schulter fallen zu lassen. Wir würden das heute als recht leger und einer vornehmen Dame unwürdig bezeichnen. Damals galt es aber als standesgem??. So ?ndern sich eben die Zeiten und so wandelt sich der Geschmack.
Weitaus die gr??te Aufmerksamkeit verwandten Reiche und Arme auf den Kopfputz. Bei den Reichen stellte er sogar eines der wesentlichsten Verm?gensstücke dar. Dieser Kopfputz bestand aus einer schwarzen Sammetbinde, die dem Kokoschnik der Russinnen sehr ?hnlich sah. Der Rand war in grotesken Formen ausgezackt und mit gro?en Perlen und Brillantsteinen reich besetzt. Dieser Kopfputz wurde oberhalb der Stirn getragen. Den Hinterkopf bedeckte eine glatt anliegende Haube, die man Kopke hie?. In der Mitte dieser Kopke war eine Schleife aus Tüllband und Blumen befestigt. über den Nacken zog sich von einem Ohre bis zum andern eine Spitzenkrause, an der in der N?he der Augen, an den Schl?fen kleine Brillantohrringe angebracht waren. Natürlich fehlten auch Ohrringe nicht, und es war bei den vornehmen Frauen üblich, sehr gro?e Brillanten in den Ohren zu tragen. Die hübschen Frauen sahen au?erordentlich vorteilhaft in diesem Schmuck aus, aber man mu? auch gestehen, da? die - sagen wir: weniger hübschen durch den Kopfputz recht schmuck erschienen. Diese kostbare Binde bildete einen Hauptbestandteil der Ausstattung einer Frau. Und man konnte niemals eine Frau ohne diesen Zierrat sehen.
Am Halse wurden Ketten aus gro?en Perlen getragen, die oft einen wundersamen, silbergrauen Schimmer hatten. Da? die Finger mit Brillantringen geziert waren, versteht sich nach alledem von selbst. Ja, man kann sagen, da? oft des Guten und Sch?nen beinah zu viel war: die Finger verschwanden ganz unter dem glitzernden, kunstvoll gearbeiteten Geschmeide.
Man wird sich vielleicht über dieses Prunken mit Edelsteinen, Perlen und kostbaren Metallen wundern und die jüdische Frau jener Zeit als geschmacklos eitel und unertr?glich putzsüchtig bezeichnen. Gewi?, sie verstanden sich zu kleiden und zu schmücken. Aber die überladenheit war gewisserma?en aus gesch?ftlichen Gründen geboten. Da die ungewisse Lage jener Zeit, dieses bohrende Gefühl der Unsicherheit und weiterhin die unsicheren Rechtsverh?ltnisse den Besitz von Immobilien fast ausschlossen, so wurde ein gro?er Teil des beweglichen Kapitals in leicht transportablen Wertstücken angelegt. Nach dem Reichtum an Schmuck, den die Frau trug, wurde die Kreditf?higkeit des Mannes eingesch?tzt.
Festliche Gelegenheiten gaben den Anla?, diesen ganzen Reichtum zu entfalten: Die hohen Feiertage und Hochzeiten. Am Lag b'omer, dem 33. Tage der S'fire-Zeit zwischen Pesach und Sch'wuaus, an dem die strenge Trauer der S'fire-Zeit unterbrochen werden konnte und an dem immer eine gr??ere Anzahl sommerlicher Hochzeitsfeste begangen wurde, konnte man so recht die ganze Pracht bewundern. Und man kann vielleicht sagen, da? die Frauen den ganzen, leicht transportablen Reichtum des Hauses mit sich herumtrugen. Ich betone: die Frauen, denn bei den M?nnern war jeder Schmuck arg verp?nt, war doch auch damals die Sitte im allgemeinen nicht in übung, da? die M?nner auch nur Trauringe trugen.
Der Kopfputz der jungen Frauen (?Schleier?) war natürlich ungleich bescheidener, aber auch recht bunt und fast abenteuerlich: Eine gelbe, grüne oder rote Haube aus Wollenstoff oder Kattun mit einem Tüll- oder Mousselin-Schleier bedeckt, der im Nacken zu einer Schleife gebunden war und dessen Enden lang herabhingen. Man nannte diese Enden Foches. Viele alte Frauen trugen gro?e rote Wolltücher wie einen Turban um den Kopf gewunden. Dieses turbanartige Tuch hie? Knup.
Die Ohrenkrause fehlte am ?Schleier? niemals. Gerade in der Mitte über der Stirn war mit Stecknadeln ein zu einer Spitze zusammengelegtes Seidenb?ndchen befestigt. Auf dem Scheitel waren Tüllspitzen in Form eines K?rbchens festgesteckt, die man Koischel nannte. Auch bei den Armen fehlte weder ein haarfarbenes Band an der Stirngrenze, noch die beiden in der N?he der Augen angebrachten Ringe.
Die Kopfbekleidung der M?dchen war nur unwesentlich von der Frauentracht verschieden, nur da? sich die M?dchen ihres sch?nen Haarschmuckes noch erfreuten. Auch sie trugen eine Art Binde aus schmalem, rotem Wollstoff mit einer Schleife aus dem gleichen Stoffe, den man Tezub nannte. Der Schnitt der Kleider und der Schürzen war ebenso wie bei den Frauen. Sie trugen auch die niedrigen Sandalen. Aber das Brustl?tzchen und die Halsspitze, das sogenannte Kreindel schmückten sie nicht. Bei den reichen M?dchen war die Kopfbinde aus schwarzem Seidentüll, in den mit roter, blauer oder rosenfarbener Seide sch?ne Knospen eingestickt waren. In der Form unterschieden sich die Binden der Reichen und Armen nicht. Die einfachen nannte man ?Greischel?, die Seidentüllbinden ?Wilnaer Knipel?.
Die armen Frauen hingen an ihrer Tracht mit au?erordentlicher Liebe, und selbst in der gr??ten Not legte man sich bei allen Bedürfnissen Zwang an, die Kleidung wurde aber nie ver?ndert. Ich hatte gerade in einem Hungerjahre Gelegenheit, diese Z?higkeit zu beobachten. Viele Leute kamen da in unser Haus, um sich dort Brot zu holen. Man verteilte damals in sehr decenter Form milde Gaben. Meine gute Mutter lie? t?glich 5-6 Pfund schwere Laibe Brot backen, die in einem Flurschrank, dessen Tür absichtlich offen gelassen wurde, für die armen Leute niedergelegt waren. Ebenso stand damals bei uns im E?zimmer immer die Büffettür offen, damit der eine oder der andere unserer Besucher, die in der schweren Zeit verarmt waren, sich an den dort aufbewahrten Sch?tzen: Brot, Butter, Schnaps, K?se gütlich tun k?nnten. Uns Kindern war zwar streng untersagt worden, nachzusehen, wer da k?me. Aber wer kann kindliche Neugier ganz niederhalten? Von unseren sicheren Verstecken aus sahen wir die Leute kommen, an deren Haltung, Geberde und Aussehen die bittere Not so manches ver?ndert hatte, nicht aber an deren Tracht.....
Was für oft so tragikomische Szenen haben sich damals doch abgespielt! Noch in der Erinnerung wandelt mich ein Lachen an, aber es ist untermischt mit tiefem Weh, Emp?rung und Wut über die Entwürdigung des Menschen.
So ereignete sich an einem Freitag Vormittag im Sommer des Jahres 1845 folgendes: Ich befand mich auf dem Marktplatz der Stadt Brest, wo viele jüdische Weiber zum Einkauf für den bevorstehenden Sabbath sich versammelt hatten, als pl?tzlich ein gro?er Tumult entstand. Alles lief durcheinander und str?mte dabei doch einem und demselben Punkt zu. Natürlich beeilte ich mich, auch dahin zu gelangen, um die Ursache des Aufruhrs zu erfahren. Aus der Menge h?rte man bald Gel?chter, bald Seufzen. Endlich erreichte ich den Schauplatz und ein emp?render Anblick bot sich mir dar. Ich sah eine jüdische Frau mit (im buchst?blichen Sinne des Wortes) entbl??tem Kopfe, da ihr Haar, nach der talmudischen Vorschrift für verheiratete Frauen, abrasiert war. Dies unglückliche Opfer stand so umringt von der Volksmenge, ganz entsetzt da, einerseits wegen der Sünde, barh?uptig unter freiem Himmel zu sein (was nach jüdischer Anschauung ein gro?es Vergehen war), andrerseits voll Scham vor den gaffenden Menschen, und flehte mit vor Tr?nen erstickter Stimme den neben ihr stehenden Polizeimann um Gnade an, der ihr mit nicht allzu zarter Hand den Kopfputz abgerissen hatte und ihn jetzt als Troph?e hoch empor hielt und schüttelte, was das Publikum zu unaufh?rlichem Gel?chter anregte. Die bedauernswerte Frau suchte mit der einen Hand den kahlen Kopf mit dem Zipfel ihrer Schürze zuzudecken, w?hrend die zweite Hand in der Tasche herumst?berte, um die dort aufbewahrte Haube nach der neuen, russischen Vorschrift herauszuholen. Dabei schrie die Unglückliche unaufh?rlich im j?mmerlichsten Ton: ?Panotzik Panotzik! Hier, da hab ich, da ist ja in der Tasche der Lappen!? Sie hatte endlich die Haube auf den nackten Kopf gesetzt, was sie entsetzlich verunstaltete. Da erst beruhigte sich der Scherge und ging fort.
Bald führte ihm das Schicksal ein zweites Opfer zu. Diesmal war es ein armer Jude, der in einem langsch??igen Kaftan auf den Marktplatz kam. Der Polizeimann empfing ihn mit nicht sehr schmeichelhaften Ausdrücken. Indem er einen zweiten Polizisten herbeirief, hie? er den vor Angst zitternden Juden stehen bleiben, griff nach einer gro?en Schere, die er stets bei sich trug, und nun schnitt er, unterstützt von seinem zweiten Amtskollegen, dem Juden die langen Sch??e des Kaftans nach Art eines Fracks ab, wodurch die (Unter-) Beinkleider zum Vorschein kamen. Dann ri? er dem Bedauernswerten die Kopfbedeckung ab und schnitt ihm die Pejes so nahe am Ohr ab, da? der Arme vor Schmerz aufschrie. Alsdann gab er sein Opfer frei, und das Marktvolk gab dem so zugerichteten Juden unter lautem Gejohle das Geleit.
Derartige Exekutionen kamen auch auf der gro?en Landstra?e vor. Begegnete ein Polizist da einem Juden in alter Tracht und hatte er gerade keine Schere bei sich, so war er der Ansicht, da? er sich durch diesen Umstand von der Ausübung seiner Pflicht nicht zurückhalten lassen dürfe. Statt der Schere bediente er sich zweier Steine und zwar so, da? er den Juden seitlich zur Erde legte, die Peje über einen Stein spannte, der dicht neben der Wange zu liegen kam, und mit einem zweiten Stein so lang auf die Peje losrieb, bis sie durchgewetzt war. Der arme Jude litt dabei natürlich schreckliche Qualen.
Diese Vorg?nge klingen heute unglaublich. Aber diese ?u?erlichen Leiden und Trag?dien waren doch nur im kleinen ein Bild der gro?en Umw?lzungen, die sich vorbereiteten.
Druck: Beyer & Boehme, Berlin S. 42, Wasserthorstr. 50.
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Fu?noten:
[A] Dokumentarisch ist es, da? mein Gro?vater, dem auch der Ehrenbürger-Titel verliehen wurde, von General Deen, dem Chef der Arbeiten bei dem Bau der Festung in Medlin bei Warschau, Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, aus der Provinzstadt Bobrujisk nach Warschau berufen wurde, um Arbeiten an den grossen Festungsbauten zu übernehmen. Die Uebernahme solcher Arbeiten hat meinen Vater auch zur Uebersiedlung nach Brest veranlasst.
[B] Die Einladung lautete ?Zu Latkes geladen?.
[C] Die damaligen Sittenregeln forderten, dass der jüngere Mann oder die jüngere Frau den ?lteren zuerst Scholachmones schicken musste.
[D] Der dazu verwandte Weizen wird auf dem Felde in Gegenwart des Rabbiners und mehrerer Juden geschnitten, gedroschen und gemahlen. Er wird also unter Obhut verarbeitet, daher gehütete Mazzes.
[E] Wahrscheinlich ein Zeichen der Befreiung von der Sklaverei - als freier Herr den Ruhesitz zu benützen, oder erhielt sich in dieser Form die orientalische Sitte, Festmahle überhaupt halb liegend auf gepolsterten Sitzen abzuhalten?
[F] Ueber die Trachten und ihre Ver?nderung bringt das Schlusskapitel dieser Memoiren n?here Angaben.
[G] dünne, breite Sp?ne aus sehr harzigem Holz, die in ein eigens dazu im Schornstein gemachtes Loch hineingesteckt wurden. Ein erstickender Qualm verdunkelte zur H?lfte dieses flackernde Licht.
[H] ein Schüsselchen mit flüssigem Schweinefett mit einem, dünnen Holzsplitterchen, das als Docht angezündet wurde.
[I] die Gebetbücher, welche die Geschichte des Auszuges der Juden aus Mizraim enthalten.
[J] Jeder Jude muss am Freitag Abend, am Sonnabend und anderen Festtagen mit einem Becher Wein das Fest einweihen, das Gebet hei?t Kidusch. Der Becher muss ein bestimmtes Ma? enthalten und nennt sich Row-Ko?.
[K] Sphirez?hlen: Es werden die Tage von Pesach bis Schewuaus gez?hlt. Die Zeit gilt als Trauerzeit zur Erinnerung an die Belagerung Jerusalems durch Titus. Eine Volkssage erz?hlt, dass in derselben Zeit an der Talmudhochschule jeden Tag ein hervorragender Schüler starb, weil eine Seuche in der Stadt herrschte.
[L] Eine lange, spitz zulaufende Pelzmütze.
[M] Ein viereckiges Stück Zeug, an dessen Enden die Zizes (Wollf?den) angebracht sind.
[N] Ein ver?chtliches Benennen, das so viel wie Gassenjungen für M?dchen bedeutet.
[O] M'susele, ein Amulett, das bei frommen Juden als Schutz wohl gegen b?se Geister an jedem Türpfosten angebracht ist.
[P] Diese Frühandacht in der Synagoge nennt der Jude ?Zu Gotts Name?.
[Q] Ein viereckiges, weisses Wolltuch mit dunkelblauen Streifen an den zwei Enden und an allen vier Ecken mit Zizis, den heiligen F?den, versehen. Dieses Tuch legen sich die Juden beim Beten um die Schultern.
[R] Bocher, Jüngling; unverheirateter.
[S] Wohl aus Billet entstanden.
[T] Die Inschriften der Grabsteine sind dem Werke von Mayer Jechiel Halter: ?Die berühmte Stadt Brest? entnommen.
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Notizen des Bearbeiters: Die hebr?ischen Schriftzeichen auf S.22 und S.23 wurden durch die entsprechenden Unicode-Zeichen ersetzt.
Nicht konsistente Schreibweisen wurden so belassen, wie sie gedruckt wurden (Bsp.: Zizes und Zizis)
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