Lilienthal.
Von der hohen Altersstufe aus, die ein gütiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rückblick auf die für die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der drei?iger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glück an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die gro?zügigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeiführten.
Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religi?sen K?mpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schlie?lich den gro?en Fortschritt beobachtet hat, der darf und mu? seiner Bewunderung für die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die zumeist unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europ?isch gebildete M?nner gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an ?u?eren Ehren und Titeln nicht fehlt.
Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines gro?en Ereignisses vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich pl?tzlich das Gerücht, den Chedarim (jüdischen Volksschulen) stehe eine gründliche Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im jüdischen Jargon Unterricht erteilten, werde künftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in diese Sprache übersetzen k?nnten.
Dieses Gerücht brachte den ?lteren M?nnern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, da? das Hebr?ische, das Wort Gottes, wohl allm?hlich vernachl?ssigt werden sollte. Die Jüngeren aber, darunter meine beiden ?lteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flüsternd über die kommende Neugestaltung zu sprechen.
Die Melamdim waren einfach verzweifelt ...
Eines Tages brachte mein Vater, vom Vorabendgebet zurückkehrend, aus der Synagoge die hochinteressante Mitteilung, da? das unl?ngst aufgetauchte Gerücht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal, sei vom Ministerium für Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Ru?land zu bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prüfen, sich über die Melamdim zu informieren, in deren H?nden der Unterricht der jüdischen Jugend lag; in Petersburg sei ein gro?artiger Reformplan entworfen worden und mit den Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen Vater, der strenggl?ubig war, betrübte jedoch eine bevorstehende Reform nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets über die schlechte Unterrichtsweise in den jüdischen Schulen von Brest und wünschte mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete.
In der Tat war mit der Aufgabe, westeurop?ische Bildung unter den Juden zu verbreiten, der Inspektor der Rigaer Volksschulen, Dr. phil. Lilienthal, betraut worden, weil er europ?isch gebildeter Jude und zugleich mit der hebr?ischen Sprache vertraut war und einiges talmudische Wissen besa?.
Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, da? er sich zun?chst mit den angesehensten, jüdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die w?hrend ihres ganzen Lebens in engster Fühlung mit dem Volke standen. So wandte er sich an den berühmten Rabbi Reb Mendele Libawitzer, das Haupt der Chassidim-Sekte, die mehr als 100 000 Anh?nger in Litauen und Kleinru?land z?hlte. Er hoffte, diese Autorit?t für seine kulturellen Reformen gewinnen zu k?nnen. Ebenso eindringlich bemühte er sich um Reb Chaim Woloshiner, den Leiter der dortigen Jeschiwa. Beide M?nner berief der Minister nach Petersburg zur Beratung.
Einen Erfolg hatte Lilienthal damit nicht, denn die gro?e Menge der Anh?nger des Libawitzer Rabbi lie?en aus Furcht ihren verg?tterten Rabbi diesem Rufe nicht folgen, da sie erfahren hatten, da? es sich um gro?e Reformen im Talmud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eifern, unbekümmert um die Folgen (cf. Zeitschrift Woschod 1903).
In Petersburg war man entrüstet, aber Reb Mendele wurde nur mit einem kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Woloshiner weigerte sich auch, dem Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen Alter: die Reise nach Petersburg sei für ihn zu beschwerlich. Er empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen; und so trat Dr. Lilienthal die Reise nach dem Niederlassungsgebiete der Juden an. -
Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater die Kunde brachte, Dr. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort, eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, dem Doktor einen Besuch abstatten.
Meine Mutter ?u?erte ihr nicht geringes Erstaunen über diese Absicht; der Vater erkl?rte ihr kurz und bündig: Wenn er selbst die jungen Leute nicht zu Dr. Lilienthal führen werde, so f?nden sie schon selbst den Weg. Ich glaube aber, das war blo? eine Ausrede: mein Vater war selbst sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu machen, um so rasch wie m?glich Genaueres über die bevorstehende Umw?lzung im Schulwesen zu erfahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser ganzen Angelegenheit tiefer und sch?rfer als das meines Vaters, was sich in der Folge auch best?tigt hat.
Den Jubel der jungen M?nner zu schildern, da? sie bald den interessanten Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unm?glich. Besonders glücklich war mein ?lterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und ungew?hnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermüdlichen Flei? besa?. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines Rabbiners inne. - - -
Der Besuch bei Dr. Lilienthal war vorüber. Mein Vater hat viel, sehr viel erfahren: Erstens: Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen und deutsch lesen zu k?nnen; ferner ist der Melamed verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen und endlich darf der Melamed mit den Schülern, die bereits im Talmud Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba Mezia (Feldschaden), Baba Kama (Wechselrecht), Baba Basra (Baugesetze).
Dr. Lilienthal hielt sich einige Zeit in Brest auf und besuchte auch seinem Auftrag gem?? viele Chedarim. Er war entsetzt und niedergedrückt von dem verwilderten Aussehen der Melamdim, aber überrascht und entzückt von der semitischen Rassenreinheit der Z?glinge, insbesondere von ihren schwarzen, klugen Augen. Er war auch Zeuge einer Szene, die ihn tief bewegt hat, denn er überzeugte sich, von welch gro?er Wichtigkeit für jeden Juden, selbst für die ?rmsten, der Unterricht der Kinder ist. Dr. Lilienthal besuchte eines Tages ein Stadt-Cheder und bemerkte, da? sowohl der Melamed, als auch die Schüler aufgeregt ein unbestimmtes Etwas erwarteten. Bald darauf trat in das Cheder ein ?rmlich gekleideter Jude ein, der seinen Knaben im Alter von etwa sechs Jahren, in einen gro?en Talles[Q] ganz eingewickelt, auf dem Arm trug. Dem Vater folgte die Mutter auf den Fersen. Beide weinten vor Freude und aufrichtiger Dankbarkeit gegen Gott, da? er sie diesen sch?nen, bedeutungsvollen Augenblick hatte erleben lassen, ihren Sohn zum erstenmal in das Cheder bringen zu k?nnen. Die Schar der Schüler stürmte von drau?en herein, um dem Vorgang gaffend beizuwohnen. Der Melamed rief den Fremden ein lautes Scholem aleichem (Friede mit euch!) entgegen, stand von seinem Sitz auf und nahm den Helden dieser Szene in seine Arme, seinen neuen Schüler. Nun wurde der Kleine auf den Tisch gestellt, und er weinte beinahe vor überraschung und Aufregung. Hierauf setzte man ihn auf die n?chste Bank, und da erhielt er vor allem Kuchen, Nüsse, Rosinen und Naschwerk, wovon die glückliche Mutter eine Schürze voll mitgebracht hatte. Alle Zuschauer gratulierten den glückseligen Eltern zum ersten Schulgang ihres Sohnes. Der Melamed setzte sich zu dem Kleinen, ergriff das auf eine Kartontafel aufgeklebte gedruckte Alef-Beis (Alphabet), legte es vor den Kleinen hin, nahm sodann das gro?e Deitelholz zur Hand, und nun segnete er den Anfang des Unterrichts mit dem Wunsche ein: Der Junge m?ge zu Thora-Lernen (d. h. Gelehrsamkeit), zu Chupe (Trauung) und zu Maassim-towim (guten Taten) erzogen werden. ?Amen? sagten die Eltern und alle Umstehenden. Hierauf zeigte der Melamed dem angehenden Schüler zum ersten Male das ?Alef? (?A?), und nachdem der Junge das wie ein Papagei einige Male nachgesagt hatte, auch das ?Beis? (?B?) und dann auch das ?Gimel? (?G?). Die freudestrahlende Mutter hatte alle Anwesenden vergessen. Sie fühlte sich in den Himmel versetzt. Mit vollen H?nden verteilte sie die mitgebrachten Leckerbissen, wobei ein Malach (Engel) dem künftigen Gelehrten für jeden Buchstaben das Beste und Schmackhafteste von der H?he herab, gerade vor seine Nase warf. In solcher Weise begann der Knabe mit seinem sechsten Lebensjahr seine Schulpflicht zu erfüllen.....
W?hrend seines Brester Aufenthaltes versammelte Dr. Lilienthal t?glich viele junge Leute um sich, denen er von der Notwendigkeit sprach, sich westeurop?ische Bildung anzueignen. Er gab ihnen nützliche Ratschl?ge, schilderte ihnen in sch?nen Bildern ihre eigene Zukunft als M?nner der Bildung und gewann sich damit die Herzen der empf?nglichen Jugend, die wohl auf religi?sem Gebiete den Br?uchen der Eltern treu blieb, sonst aber neue Bahnen einschlug und sich immer mehr von den kulturellen Anschauungen der ?lteren Generation entfernte - das charakteristische Merkmal der Lilienthalschen Epoche!
Von Brest reiste Dr. Lilienthal sodann nach Wilna, um auch dort seine Mission zu erfüllen. Eine Deputation der Gouvernementsstadt Minsk begrü?te ihn und lud ihn zu sich ein. Dr. Lilienthal leistete der Einladung Folge und ging nach Minsk, wo er von den angesehensten Juden mit den gr??ten Ehren empfangen wurde. Gleich nach seiner Ankunft wurde eine Assiphe (allgemeine Versammlung) einberufen, in der er wichtige Fragen beantworten sollte. Die Herren S. Rapaport und O. Lurie führten in der Versammlung das Wort. Die wichtigste Frage war: Was beabsichtigt der Minister für Volksbildung eigentlich mit der Reform? Sollten am Ende alle Juden Ru?lands lediglich zur Taufe vorbereitet werden? Dann würden sich alle Juden wie ein Mann gegen diese Reformen auflehnen und sie zum Scheitern bringen. Denn n?hme man dem Juden seine Religion, so wankte der feste Boden unter seinen Fü?en und er sei verloren. Seine eigenen Kinder würden sich gegen ihn emp?ren. Dr. Lilienthal war entsetzt. Er schwur bei einer Sepher-Thora (heiligen Rolle), da? er den Juden Volkstum und Religion erhalten wolle und die Taufe verabscheue. Vor Aufregung weinend, versicherte er immer wieder, da? er nur das Beste für die Juden anstrebe. Schlie?lich gelang es ihm, die Versammelten zu beruhigen.
Auch nach der Stadt Woloschin, in der damals die Jeschiba (Talmudische Hochschule) in h?chster Blüte stand, kam er in Erfüllung des ministeriellen Auftrages.
Jeschiba ist eine Lehranstalt für erwachsene Jünglinge, die in dem Talmudwissen bald zur h?chsten Stufe gelangt und zur Rabbinerstelle reif sind. Solche Talmudlehranstalten gab es damals drei, in Woloschin, in Mir und in Minsk. Für diese Anstalten wird noch bis jetzt von der gesamten Judenschaft gesammelt. In einer jeden dieser Anstalten bekamen dann mehr als 200 Jünglinge ihren Unterricht. Ein besonders gro?es Geb?ude mit einigen gro?en, ger?umigen Zimmern! Ein ?Haupt?, eine Art Direktor, ein gro?er Talmudist, ein religi?ser, kluger, sehr ehrlicher Mann leitet diese Anstalt, w?hrend viele Melamdim - erprobte Talmudisten - den jungen Leuten Unterricht erteilen. Das Kontingent der Schüler besteht aus allen Klassen des jüdischen Volks, meistens aus der mittleren Klasse, deren bares Kapital das geistige Verm?chtnis ausmacht. Diese leben meistenteils auf Kosten der Anstalt. Junge Leute aus reichen Kreisen sind hier auch zahlreich vertreten, meist sind es schon verheiratete M?nner, die, V?ter einiger Kinder, auf eigene Kosten hier leben. Mein Vater selbst hatte schon drei Kinder, w?hrend er in der Woloschiner Jeschiba das ganze Jahr ?lernte?. Nur zu den Feiertagen kam er nach Hause.
In Woloschin musste Lilienthal, um die Gemüter zu bes?nftigen, wiederholt beschw?ren, da? er allen Bestrebungen, die Juden der Taufe n?her zu führen, fern stünde. - - - - - - - - - - - -
In aller Stille nahm unter den Juden Ru?lands die Kulturbewegung ihren Anfang. Die Jugend regte sich energisch; die geistige Arbeit begann. Es kostete wenig Zeit und verh?ltnism??ig geringe Mühe, die angedeuteten Reformen durchzuführen. Eine erfrischende Luft wehte durch die jüdische Gesellschaft der Stadt Brest, wie aller anderen russisch-jüdischen Orte.
Ich habe schon erz?hlt, wie gro? der Jubel meiner Schwager über die bevorstehenden Reformen war. Aber sie mu?ten an sich halten, um sich nicht zu verraten und meine Mutter nicht zu verletzen, die ihr prophetisches Urteil über diese Wandlung hatte. Indessen waren meine Schwager nicht die einzigen in Brest, die sich für die westeurop?ische Kultur begeisterten. Es gab auch eine Gruppe von mehr als 20 jungen M?nnern, welche die Lilienthalsche Bewegung sehr ernst nahmen und in ihrem Kreise eifrig für die Sache wirkten - stie?en sie auf einen beschr?nkten Menschen, so waren sie der Ansicht, da? es schlie?lich auch genügen würde, wenn dieser wenigstens eine Adresse in russischer Sprache schreiben k?nnte.
Man darf nicht vergessen, da? die Kenntnisse meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen in den europ?ischen Sprachen jener Zeit sehr begrenzt waren und in Lesen, Schreiben, ein wenig Russisch und Polnisch bestanden. Die deutsche Sprache war ihnen gel?ufiger. Sie hatten eine Ahnung von der klassischen Literatur dieser Sprachen und mancher Wissenschaften. Die niedere, jüdische Klasse aber verstand weder zu schreiben, noch zu lesen oder eine europ?ische Sprache zu sprechen; sie sprachen ein dürftiges Polnisch, und ein Kauderwelsch von Deutsch und Russisch wurde von der jüdischen Kaufmannschaft notgedrungen gebraucht; w?hrend der P?bel ein Gemisch von Polnisch, Russisch, Lettisch sprach, dessen sie sich auf den M?rkten mit den Dorfbewohnern bedienten.
Tiefgreifend konnten die Umw?lzungen erst werden durch die Begründung in neuem Geiste geleiteter Rabbinerschulen. So entstanden die Schulen in Wilna und Schitomir. Die ersten Schüler waren zumeist junge Leute, die sich alle Mühe gegeben hatten, bei Er?ffnung der Schulen aufgenommen zu werden. Nur selten war ihnen der Eintritt in diese Schulen ohne K?mpfe in der Familie m?glich. Wem es nicht leicht wurde, der ri? sich von Weib und Kind los und flüchtete sich nach Deutschland, wo er oft mit harter Not Medizin, Pharmacie, Philologie oder anderes mit gl?nzendem Resultate studierte. Die Stadt Rossieni in Kurland kann mehr als 10 solcher Ritter vom Geiste nennen, ?rzte, Juristen, Apotheker, Philosophen und Dichter, die teils in Ru?land, teils im Auslande studiert hatten. Noch jetzt lebt und wirkt in Ru?land ein Professor der orientalischen Sprachen, der seine Jugend beim Talmudfolianten verbracht hat und sich sp?ter in dieser Weise ausgebildet hat. Freilich er und seine Kinder sind getauft. Auch den jüdischen Astronomen Ch. S. Slonimsky haben seine bedeutenden, talmudischen Kenntnisse nicht gehindert - vielleicht haben sie sogar dazu beigetragen, in der Mathematik berühmt zu werden. - Die Mehrzahl der Z?glinge in den neuen Rabbinerschulen waren früher Talmudisten. Sie lernten leicht, und die meisten erhielten beim Abgang von der Schule die goldene Medaille, ebenso diejenigen, die sp?ter die Universit?t besuchten! Das Studium des Talmuds ist eben eine in jeder Hinsicht gute, geistige übung, wozu noch die Wi?begier, der temperamentvolle Charakter und der geistige Schwung des damaligen Juden kamen. - - - - - - - - - - - -
Einen Tag nach dem Besuch bei Dr. Lilienthal finden wir die jungen Leute, meine Schwager, in ihrem Studierzimmer nachdenklich beieinander sitzend. ?Die Bücher werden schon zu finden sein?, sagte mein wi?begieriger, ?lterer Schwager. ?Wir müssen nur darauf bedacht sein, vom Talmudlernen Zeit für unser neues Studium zu erübrigen, ohne die Aufmerksamkeit der Eltern zu erregen ...?, worauf der andere in seiner phlegmatischen Weise antwortete: ?Ja, gewi?! Wenn du zu studieren beginnst, halte ich auch mit.? Dr. Lilienthal hatte ihnen in erster Linie das Studium der russischen Sprache empfohlen; dann, als gleichfalls sehr wichtig, Naturgeschichte, sowie die deutsche Literatur.
Einige Zeit darauf gab es mehrere st?rende Zwischenf?lle, die der Komik nicht entbehrten. Meine Mutter war seit dem Besuche der jungen Leute bei Dr. Lilienthal fest überzeugt, da? ein neues, fremdes Element in ihr Haus, ebenso wie bei den anderen Juden in Ru?land, eingezogen sei, wobei das Wort Gottes wirklich hintenangesetzt werden sollte. Und sie ward sehr traurig. Unauff?llig, aber scharf beobachtete sie das Verhalten und die Handlungen der jungen Leute. Die Schwager hatten sich die n?tigen Lehrbücher verschafft und zu studieren begonnen, was natürlich auf Kosten des Talmudstudiums geschehen mu?te. ?u?erlich blieben sie ruhig und schienen sich wie gewohnt, mit dem Talmud zu besch?ftigen. Doch konnte ein aufmerksamer Beobachter unter den gro?en Talmudsfolianten nicht selten einen Band von Schillers oder Zschokke-Werken entdecken; im letzteren erfüllte besonders die idyllische Lebensweise Engelberts die jüdische Jugend mit Begeisterung, w?hrend die Prinzessin von Wolfenbüttel - zumal bei den jüdischen Frauen - Sympathie und Mitleid erregte. Und Schillers Marquis Posa galt allen jüngeren M?nnern als Vorbild. Die nüchterne, russische Grammatik war auch zur Hand, und in der Büchersammlung fehlte auch eine Naturgeschichte nicht.
Mein Vater lie? seit dem Besuche bei Dr. Lilienthal keine Gelegenheit unbenützt vorübergehen, von ihm und seiner wichtigen und gro?en Aufgabe zu sprechen. Es tat ihm ordentlich wohl, mit jedem Gast und besonders mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, die gro?artigen Reformen zu er?rtern. Er geriet in Eifer bei solchen Gespr?chen, lobte, da? endlich auf dem Gebiete des Unterrichts der jüdischen Jugend Ordnung geschaffen werden sollte, grollte aber doch, da? Dr. Lilienthal so gottlos gesprochen habe, da? man die früher erw?hnten Talmudabschnitte der jüdischen Jugend entziehen müsse, und man sich gegebenenfalls nicht nach den Talmudgesetzen richten solle.
... Es war eines Morgens in dem denkwürdigen Sommer des Jahres 1842, als meine Schwager, ohne zu ahnen, da? jemand sie h?ren k?nnte, die neuen Bücher aus ihrem Versteck holten, auf den offenen Talmudfolianten legten und im Vereine mit dem dritten, Reb Herschel, einem Melamed aus der Kehila Orlo, der genial war und gro?e talmudische Kenntnisse besa?, laut schreiend über einen Satz im ?Don Carlos? disputierten. Um einer immerhin m?glichen überraschung vorzubeugen, lasen und sprachen sie genau in derselben singenden Weise, in der sie sonst den Talmud zu lernen pflegten. Meine Mutter schien seit dem Erscheinen Dr. Lilienthals wie von einem Gespenst verfolgt, und nun wollte sie in das Studierzimmer der jungen Leute gehen in der Hoffnung, sich überzeugen zu k?nnen, da? ihre qu?lenden Gedanken doch unbegründet seien, und da? der Teufel in Gestalt Dr. Lilienthals sich doch noch nicht v?llig ihrer Schwiegers?hne bem?chtigt h?tte. Sie blieb unten an der Treppe, die zum Studierzimmer führte, lauschend stehen. Dann stieg sie die Treppe hinan, blieb wieder stehen, lauschte und h?rte mit Freude, wie flei?ig drin gelernt wurde. Als sie aber das Ohr der geschlossenen Tür n?herte und aufmerksamer horchte, erfa?te sie Schreck und Erstaunen. Ein furchtbarer Ausdruck von Entt?uschung und ?rger verst?rte ihre Gesichtszüge. Von ?Omar abaje?, mit welchen Worten viele Traktate des Talmud beginnen, h?rte sie nichts. Blo? Marquis Posa, Herzog Alba usw.
?Sind es also wirklich nur die sündigen Büchlech, mit denen sich die jungen Leute befassen?? dachte sie mit einem gro?en Weh im Herzen.
Es verstrich eine geraume Zeit, ehe meine Mutter sich fassen konnte. Dann ergriff sie mit zitternder Hand die Klinke, ?ffnete die Tür und blieb wortlos vor ?rger auf der Schwelle stehen. Beim Ger?usche der sich ?ffnenden Türe wandten die drei überraschten die K?pfe um, und sie h?tten sicherlich aufgeschrieen, wenn ihnen der Atem nicht versagt h?tte. Ihre erste Bewegung war, da? sie s?mtliche Bücher unter den Tisch gleiten lie?en; sie wollten ja der Mutter nicht trotzen. Es tat ihnen sogar weh, da? diese ?Büchlech? ihr soviel Kummer bereiteten. Allein der Reiz des Neuen, das Anziehende im Studium der fremden Sprachen und der Wissenschaften nach dem Einerlei des Talmudlernens war von einem unwiderstehlichen Zwange. Meine Mutter gewann zuerst wieder die Herrschaft über sich und rief laut: ?O Himmel, ich soll in meinem eigenen Hause das Wort Gottes so verh?hnt sehen! In demselben Nigen (Tonfall), in dem ihr den Talmud lernt, verh?hnt ihr ihn jetzt durch das Lesen dieser apikorssischen (abtrünnigen) Büchlech!! Und auch Ihr, Reb Herschel, Ihr habt es auch n?tig?! Was wollt Ihr damit in Eurer Kehile Orlo machen! Ihr wollt auch ein Apikaures (Abtrünniger) werden, wie meine jungen Leute?? Sie war bei dieser Rede so aufgeregt, da? ihre Fü?e ihr schier den Dienst versagten. Die jungen M?nner blieben stumm; ihre nach links dem Fenster zugewendeten K?pfe waren unbeweglich. Da keine Antwort, folglich auch kein Widerspruch kam, beruhigte sich die Mutter einigerma?en, und sie entfernte sich schweigend.
Es verging nicht lange Zeit, da überraschte sie meinen ?lteren Schwager allein bei dem neuen Studium. Es war am frühen Morgen desselben Sommers. Der Berg in der N?he unseres Hauses stand noch in düsterem Nebel. Ich befand mich zuf?llig im Hof und sah meine Mutter aus dem Hause kommen. Sie ging zum gro?en Tor hinaus. Ich folgte ihr. Sie machte einige Schritte an dem Gitter des Blumengartens entlang, der sich an dem Hause befand und blieb erstaunt stehen. ?Wer steht dort?? sprach sie wie zu sich selbst - oder war es an mich gerichtet? Sie machte noch ein paar Schritte und sagte mit lauter Stimme: ?Doch, doch, ich glaube David (mein ?lterer Schwager) ist es! Was tut er dort??, rief sie aus und n?herte sich rasch dem Winkel des Gartens, wo eine gro?e alte Pappel stand. Sie hatte sich nicht geirrt: es war David. Mein Schwager hatte nur einen leichten Chalat (Schlafrock) an, dessen Gürtelenden lose übereinander geworfen waren, statt zu einer Schleife gebunden zu sein; seine Brust war entbl??t, das Haar zerzaust, eine Peje (Ohrlocke) war ganz hinter das Ohr geraten, w?hrend die andere sich auf der Wange wie eine kleine Schlange bewegte; das schwarze Sammetk?ppchen zeigte reichliche Spuren der Daunenkissen, die nackten Fü?e staken in den Pantoffeln. Der Morgennebel lag auf der vor K?lte und N?sse zitternden Gestalt. Die rechte Hand arbeitete kr?ftig, sie beseitigte die Rinde der Pappel und holte kleine Insekten heraus, die mein Schwager nicht ohne Ekel in ein K?stchen mit einem Glasdeckel warf. Der Anblick mu? recht komisch gewesen sein, denn meine Mutter rief halb verwundert, halb belustigt: ?Wos tust du do??
?Gur nischt? (gar nichts), gab er lakonisch zur Antwort, ohne sich in seiner Arbeit st?ren zu lassen.
?Wos is do im K?stchen auf der Erd?? fragte die Mutter weiter.
?Gur nischt!? meinte der überraschte Naturforscher.
?Warum biste so früh do?? forschte meine Mutter.
?Früh! S'es gur nischt früh!? antwortete der junge Mann in der Hoffnung, sich so aus der Affaire zu ziehen. Aber das nützte nichts, denn die Mutter beugte sich über das Gitter und entdeckte nicht ohne ?rger auch ein Buch neben dem K?stchen. Nun begriff sie, da? beides einem und demselben Zwecke diente, und sie verwünschte im Stillen Dr. Lilienthal. Ein verzweifelter, vielsagender Seufzer entrang sich dem tiefbetrübten Herzen meiner armen Mutter. Sie blieb eine Weile starr, die Dinge vor sich anblickend. Dann wandte sie sich nach rechts und trat in den Garten. Der halbnackte Naturforscher erriet ihre Absichten und suchte rasch das Weite, indem er alles als Beute zurücklie?. Bei der Flucht verlor er einen Schuh, die anderen notwendigen Kleidungsstücke hielt er mit beiden H?nden fest. Meine Mutter n?herte sich rasch der Pappel, blickte in das K?stchen und entdeckte darin zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen eine gew?hnliche Fliege, einen Maik?fer, ein Marienk?ferchen (?Gottes Kühele?), eine Ameise, einen Holzwurm und noch viele andere Insekten auf Stecknadeln gespie?t. Sie traute ihren Augen nicht, und ihr Achselzucken deutete mehr als gesprochene Worte es h?tten tun k?nnen, auf die Frage hin: ?Wozu braucht ein Mensch solches Gewürm?? Sie erschrak aber f?rmlich, als sie das Buch in die H?nde nahm und darin neben den Erkl?rungen auch die Abbildungen von einigen Insekten erblickte. Der Zufall wollte es, da? ihr Blick auf einem ?h?uslichen Insekt? haften blieb, das gemütlich hingestreckt dalag - sie schüttelte sich vor Ekel. - Da? die jungen Leute Deutsch und Russisch lernen wollten, leuchtete ihr am Ende ein. Sie begriff schlie?lich das Vergnügen an Lektüre, sie selbst war in der hebr?ischen Literatur sehr belesen; allein, da? sich jemand und gar ihre Schwiegers?hne dafür interessierten, wie sich die Ameise fortbewegt, oder wieviele Fü?e der Maik?fer oder welche Augen ein grüner Wurm hat, das konnte sie nicht verstehen! Sie ergriff die Troph?en des am frühen Morgen gewonnenen Treffens und kehrte auf demselben Wege ins Haus zurück, den wenige Minuten vorher der flüchtige Held genommen und auf dem er den einen Schuh als Zeichen seiner Niederlage zurückgelassen hatte. Sie nahm auch den Schuh mit, brachte alles ins Speisezimmer und plazierte alles auf dem Fensterbrett. Inzwischen war mein Vater aufgestanden; als er von der Sache erfuhr, lachte er herzlich. -
Solche Szenen spielten sich nicht blo? in unserem Hause ab: alle anderen Genossen meiner Schwager hatten ?hnliche oder noch gr??ere Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten zu erdulden. - Meinem Schwager David waren solche Verfolgungen doch zu bunt geworden. Als man ihn einmal zum Mittagessen rief, meldete er sich krank, und er reiste noch an demselben Abend, ohne irgend jemand, selbst seiner Frau, etwas zu sagen, zu seinem Vater, der Rabbiner war, nach Semjatitcz, einem St?dtchen in Polen. Dort hielt er sich einige Zeit auf; darüber freuten sich im Anfang meine Schwestern und meine Eltern, denn sie wu?ten ihn nun fern von der stetig anwachsenden Lilienthalschen Bewegung. Sp?ter hatte man gro?e Mühe, ihn zur Rückkehr nach Brest zu bewegen.
Meine Schwager suchten nun nach Mitteln, solchen Szenen, wie ich sie oben geschildert habe, vorzubeugen, und sie w?hlten sich ein stilles Pl?tzchen, das zwischen den Hügeln, unserem Hause genügend fern, lag. Dort versammelten sich die Gesinnungsgenossen, um über manches Buch zu debattieren, Beschlüsse über die brennende Frage der Bildungsbestrebungen zu fassen. Trotz alles flei?igen Bemühens und einer ungew?hnlichen Wi?begierde unter dieser Jugend ging in der ersten Periode aus Brest doch keine einzige hervorragende Pers?nlichkeit hervor, obgleich wir den gro?en Verdiensten meiner Schwager und ihrer Zeitgenossen Gerechtigkeit widerfahren lassen und sie als Pioniere, die manche Wege ebneten, bezeichnen müssen: Hierdurch wurde der kommenden Generation die M?glichkeit zu studieren bedeutend erleichtert und manches Vorurteil beseitigt.
Die erw?hnten drei jungen Leute waren wohl die ersten in Brest, welche ihre jugendkr?ftigen H?nde nach dem Apfel der Erkenntnis, den ihnen Lilienthal reichte, ausstreckten und ihn mit Lust ergriffen. Mein ?lterer Schwager bemühte sich trotz seines gro?en Flei?es und aller F?higkeiten vergeblich, die Stelle, wo er in den Apfel bei?en sollte, zu finden - an seiner asiatischen Erziehung scheiterten alle europ?ischen Versuche. Er h?tte mit seinen talmudischen Kenntnissen viel H?heres für sich und die Gesellschaft leisten k?nnen. Mein jüngerer Schwager konnte vom Apfel genie?en und ward in kurzer Zeit ein nach damaligen Begriffen gebildeter Mann, w?hrend Reb Herschel, der Melamed, nach dem erw?hnten Apfel der Erkenntnis seine plebejischen H?nde ausstreckte, ihn ergriff und einen tiefen Bi? tat.... Es dauerte nicht lange, so verwandelte er sich aus einem ?Orler Menschen? in einen interessanten, gebildeten Herrn Hermann Blumberg. Mit einem Worte: die jüdische Jugend von Brest geno? von dem Apfel der Erkenntnis mehr oder weniger; aber ein jeder hat doch davon gekostet, und der Samen, den Dr. Lilienthal in Brest ausgestreut, hat je nach der Beschaffenheit des Bodens ansehnliche Früchte getragen. Die ersten Bildungspioniere in Brest beherrschten nur das erste Dezennium jener Epoche und waren zur kulturellen Unfruchtbarkeit verdammt, da sie leider, wie ich mich erinnern kann, sich als Muster unter den Weisen des alten Griechenlands Epikur und seine Ethik erw?hlt hatten....
Wenn aber Dr. Lilienthal so reiche Erfolge hatte, so geschah es nur, weil der geistige Boden in Ru?land sehr gut vorbereitet war: Das jüdische Kind m?nnlichen Geschlechtes (nicht aber die M?dchen) wurde damals von frühester Jugend an zum Lernen angehalten und sp?ter, im Knabenalter schon, mit scholastischem Gespinst, mit vielen talmudischen Spitzfindigkeiten und ernster Lebensanschauung bekannt gemacht. Da kein anderes Studium ablenkte, so konnte der jugendliche Schüler sich t?glich dem Studium des Talmuds ganz hingeben. Unterhaltung fand er auch nur zu Hause im Familienkreise (daher auch die Anh?nglichkeit), sowie in dem bescheidenen Familienleben seiner Kameraden. Die zahllosen Vergnügungen von heute kannte die damalige Jugend nicht. Und so war damals der Jude schon in seinem Jünglingsalter in geistiger Hinsicht ein ganzer, wenn auch einseitiger Mensch. Mit Leib und Seele hing er an seiner Tradition und seiner Religion, die für ihn die Moral, die Ethik - die ganze Welt in sich schlossen. Seine Bibel bot ihm hinreichendes Wissen in der Weltgeschichte bis zum grauen Altertum hinauf und bis zu der christlichen Aera herunter; seine Propheten adelten seinen Geist, erg?tzten seine Seele, verliehen ihr Schwung, erfüllten sie mit Begeisterung, und der Stolz des Kindes und so auch des jüdischen Mannes, das Selbstbewu?tsein, fa?te schon in seiner Jugend Wurzel - was die Andersgl?ubigen mit Dünkel und Frechheit zu bezeichnen pflegen. Die Ethik der jüdischen Weisen, ihre kernige und zugleich erhabene Lebensanschauung machten den damaligen Juden frühzeitig zum Denker und Philosophen, der auch die Sch?nheit in seiner Religion fand. Das jüdische Volk lebte damals wie auf einer Insel, fern von der übrigen Welt, aber nicht wild wie die Insulaner. Es war hier auf der Insel glücklich, wo es für sich allein die Welt des Geistigen besa?: seinen Glauben, seine Tradition, die ihm allen Genu? im zeitlichen Leben gew?hrte. Und die Hoffnung auf ein künftiges Leben lie? ihn die Leiden des gegenw?rtigen ertragen. Aus diesem geistigen Reich konnte ihn keine menschliche Macht verjagen. Hier war er Herr und Meister.
Die Sturm- und Drangperiode des damaligen jüdischen Jünglings vollzog sich auf der Schulbank. Keine Revolution, keine Liebesabenteuer rissen ihn von seinem beschaulichen Wege fort; auch das Gesch?ft nicht, denn es galt den Eltern als heilige Pflicht, für den Sohn bis weit über die Jünglingsjahre, selbst nachdem er schon Ehemann und Familienvater war, zu sorgen, da es h?chstes Glück war, wenn der junge Ehemann ununterbrochen den Talmud studierte. Unter diesem Gesichtspunkte w?hlten wohlhabende Leute für ihre T?chter und ihre S?hne: die Braut mu?te vor allem hübsch von Gestalt, klug und gesittet sein. In erster Reihe aber eine ?Bas towim?, d. h. die Tochter eines gelehrten und religi?sen Mannes. Ich kann beteuern, da? die Wahl der Eltern, die nicht von dem Gott Mammon beirrt war, selten ein Fehlgriff war. Im gro?en und ganzen gab es damals, wie ich mich zu entsinnen wei?, viele sehr glückliche Ehen, in denen die Sittlichkeit der jungen Eheleute dem Bunde Weihe verlieh und für immer die Treue sicherte. Keine Entt?uschungen, keine übers?ttigung, kein Hasten nach Ver?nderung st?rten die Eintracht des Paares, und der wahre g?ttliche Funke der Liebe n?hrte die heilige Flamme auf dem h?uslichen Herd, die Flamme, die kein Sturm im Leben auszul?schen vermochte. Und in den trüben Tagen des Herbstes oder gar in den kalten, kurzen, einsamen Wintertagen - im hohen Alter, wenn das Feuer l?ngst ausgebrannt ist, w?rmt und erh?lt dieser unter der Asche noch glimmende Funke die oft frierende Seele.
Wenn an diesem geheiligten Eheleben die Aufkl?rung rüttelte und manches kostbare Gut zerbrach, so vergesse man nicht, da? das zu starke Licht der europ?ischen Bildung zu schnell ohne die milde Vermittlung der D?mmerung hereinbrach und die verblüffte Jugend blendete. Waren doch die ersten Adepten der Bildung schon gereifte M?nner, die bis zu diesem Augenblick ein fast asketisches Leben geführt hatten. -
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