Genre Ranking
Get the APP HOT

Chapter 7 Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transzendentalen Scheins

A. Von der Vernunft überhaupt

Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da zum Verstande, und endigt bei der Vernunft, über welche nichts H?heres in uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die h?chste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser obersten Erkenntniskraft eine Erkl?rung geben soll, so finde ich mich in einiger Verlegenheit. Es gibt von ihr, wie von dem Verstande, einen blo? formalen, d.i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, aber auch einen realen, da sie selbst den Ursprung gewisser Begriffe und Grunds?tze enth?lt, die sie weder von den Sinnen, noch vom Verstande entlehnt. Das erstere Verm?gen ist nun freilich vorl?ngst von den Logikern durch das Verm?gen mittelbar zu schlie?en (zum Unterschiede von den unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis,) erkl?rt worden; das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch nicht eingesehen. Da nun hier eine Einteilung der Vernunft in ein logisches und transzendentales Verm?gen vorkommt, so mu? ein h?herer Begriff von dieser Erkenntnisquelle gesucht werden, welcher beide Begriffe unter sich befa?t, indessen wir nach der Analogie mit den Verstandesbegriffen erwarten k?nnen, da? der logische Begriff zugleich den Schlüssel zum transzendentalen, und die Tafel der Funktionen der ersteren zugleich die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand geben werde.

Wir erkl?rten, im ersteren Teile unserer transzendentalen Logik, den Verstand durch das Verm?gen der Regeln; hier unterscheiden wir die Vernunft von demselben dadurch, da? wir sie das Verm?gen der Prinzipien nennen wollen.

Der Ausdruck eines Prinzips ist zweideutig, und bedeutet gemeiniglich nur ein Erkenntnis, das als Prinzip gebraucht werden kann, ob es zwar an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Prinzipium ist. Ein jeder allgemeiner Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung (durch Induktion) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem Vernunftschlusse dienen; er ist darum aber nicht selbst ein Prinzipium. Die mathematischen Axiome (z.B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie sein,) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a priori, und werden daher mit Recht, relativisch auf die F?lle, die unter ihnen subsumiert werden k?nnen, Prinzipien genannt. Aber ich kann darum doch nicht sagen, da? ich diese Eigenschaft der geraden Linien überhaupt und an sich, aus Prinzipien erkenne, sondern nur in der reinen Anschauung.

Ich würde daher Erkenntnis aus Prinzipien diejenige nennen, da ich das Besondere im allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn ein jeder Vernunftschlu? eine Form der Ableitung einer Erkenntnis aus einem Prinzip. Denn der Obersatz gibt jederzeit einen Begriff, der da macht, da? alles, was unter der Bedingung desselben subsumiert wird, aus ihm nach einem Prinzip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntnis zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand dergleichen allgemeine S?tze a priori darbietet, so k?nnen diese denn auch, in Ansehung ihres m?glichen Gebrauchs, Prinzipien genannt werden.

Betrachten wir aber diese Grunds?tze des reinen Verstandes an sich selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als Erkenntnisse aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a priori m?glich sein, wenn wir nicht die reine Anschauung, (in der Mathematik,) oder Bedingungen einer m?glichen Erfahrung überhaupt herbeiz?gen. Da? alles, was geschieht, eine Ursache habe, kann gar nicht aus dem Begriffe dessen, was überhaupt geschieht, geschlossen werden; vielmehr zeigt der Grundsatz, wie man allererst von dem, was geschieht, einen bestimmten Erfahrungsbegriff bekommen k?nne.

Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also gar nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich schlechthin Prinzipien nenne; indessen, da? alle allgemeinen S?tze überhaupt komparative Prinzipien hei?en k?nnen.

Es ist ein alter Wunsch, der, wer wei? wie sp?t, vielleicht einmal in Erfüllung gehen wird: da? man doch einmal, statt der endlosen Mannigfaltigkeit bürgerlicher Gesetze, ihre Prinzipien aufsuchen m?ge; denn darin kann allein das Geheimnis bestehen, die Gesetzgebung, wie man sagt, zu simplifizieren. Aber die Gesetze sind hier auch nur Einschr?nkungen unserer Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie durchg?ngig mit sich selbst zusammenstimmt; mithin gehen sie auf etwas, was g?nzlich unser eigen Werk ist, und wovon wir durch jene Begriffe selbst die Ursache sein k?nnen. Wie aber Gegenst?nde an sich selbst, wie die Natur der Dinge unter Prinzipien stehe und nach blo?en Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht etwas Unm?gliches, wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung. Es mag aber hiermit bewandt sein, wie es wolle, (denn darüber haben wir die Untersuchung noch vor uns,) so erhellt wenigstens daraus: da? Erkenntnis aus Prinzipien (an sich selbst) ganz etwas anderes sei, als blo?e Verstandeserkenntnis, die zwar auch anderen Erkenntnissen in der Form eines Prinzips vorgehen kann, an sich selbst aber (sofern sie synthetisch ist) nicht auf blo?em Denken beruht, noch ein Allgemeines nach Begriffen in sich enth?lt.

Der Verstand mag ein Verm?gen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Verm?gen der Einheit der Verstandesregeln unter Prinzipien. Sie geht also niemals zun?chst auf Erfahrung, oder auf irgendeinen Gegenstand, sondern auf den Verstand, um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a priori durch Begriffe zu geben, welche Vernunfteinheit hei?en mag, und von ganz anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden kann.

Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftverm?gen, so weit er, bei g?nzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben werden sollen), hat begreiflich gemacht werden k?nnen.

B. Vom logischen Gebrauche der Vernunft

Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar erkannt, und dem, was nur geschlossen wird. Da? in einer Figur, die durch drei gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar erkannt; da? diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist nur geschlossen. Weil wir des Schlie?ens best?ndig bedürfen und es dadurch endlich ganz gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen Unterschied nicht mehr, und halten oft, wie bei dem sogenannten Betruge der Sinne, etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur geschlossen haben. Bei jedem Schlusse ist ein Satz, der zum Grunde liegt, ein anderer, n?mlich die Folgerung, die aus jenem gezogen wird, und endlich die Schlu?folge (Konsequenz), nach welcher die Wahrheit des letzteren unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren verknüpft ist. Liegt das geschlossene Urteil schon so in dem ersten, da? es ohne Vermittlung einer dritten Vorstellung daraus abgeleitet werden kann, so hei?t der Schlu? unmittelbar (consequentia immediata); ich m?chte ihn lieber den Verstandesschlu? nennen. Ist aber, au?er der zum Grunde gelegten Erkenntnis, noch ein anderes Urteil n?tig, um die Folge zu bewirken, so hei?t der Schlu? ein Vernunftschlu?. In dem Satze: alle Menschen sind sterblich, liegen schon die S?tze: einige Menschen sind sterblich, oder einige Sterbliche sind Menschen, oder nichts, was unsterblich ist, ist ein Mensch, und diese sind also unmittelbare Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen liegt der Satz: alle Gelehrten sind sterblich, nicht in dem untergelegten Urteile (denn der Begriff der Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor), und er kann nur vermittelst eines Zwischenurteils aus diesem gefolgert werden.

In jedem Vernunftsschlusse denke ich zuerst eine Regel (major) durch den Verstand. Zweitens subsumiere ich ein Erkenntnis unter die Bedingung der Regel (minor) vermittelst der Urteilskraft. Endlich bestimme ich mein Erkenntnis durch das Pr?dikat der Regel (conclusio), mithin a priori durch die Vernunft. Das Verh?ltnis also, welches der Obersatz, als die Regel, zwischen einer Erkenntnis und ihrer Bedingung vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus. Sie sind also gerade dreifach, so wie alle Urteile überhaupt, sofern sie sich in der Art unterscheiden, wie sie das Verh?ltnis des Erkenntnisses im Verstande ausdrücken, n?mlich: kategorische oder hypothetische oder disjunktive Vernunftschlüsse.

Wenn, wie mehrenteils geschieht, die Konklusion als ein Urteil aufgegeben worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen Urteilen, durch die n?mlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird, flie?e: so suche ich im Verstande die Assertion dieses Schlu?satzes auf, ob sie sich nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach einer allgemeinen Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Bedingung und l??t sich das Objekt des Schlu?satzes unter der gegebenen Bedingung subsumieren, so ist dieser aus der Regel, die auch für andere Gegenst?nde der Erkenntnis gilt, gefolgert. Man sieht daraus: da? die Vernunft im Schlie?en die gro?e Mannigfaltigkeit der Erkenntnis des Verstandes auf die kleinste Zahl der Prinzipien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen und dadurch die h?chste Einheit derselben zu bewirken suche.

Previous
            
Next
            
Download Book

COPYRIGHT(©) 2022