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Chapter 5 No.5

Der Sommer hatte pl?tzlich begonnen, in zwei hei?en Tagen hatte er die Welt ver?ndert, die W?lder vertieft, die N?chte verzaubert. Hei? dr?ngte sich Stunde an Stunde, schnell lief die Sonne ihren glühenden Halbkreis ab, schnell und hastig folgten ihr die Sterne, Lebensfieber glühte hoch, eine lautlose gierige Eile jagte die Welt.

Ein Abend kam, da wurde Teresinas Tanz im Kursaal durch ein rasend hertobendes Gewitter unterbrochen. Lampen erloschen, irre Gesichter grinsten sich im wei?en Flackern der Blitze an, Weiber schrien, Kellner brüllten, Fenster zerklirrten im Sturm.

Klein hatte Teresina sofort zu sich an den Tisch gezogen, wo er neben dem alten Komiker sa?.

?Herrlich!" sagte er. ?Wir gehen. Du hast doch keine Angst?"

?Nein, nicht Angst. Aber du darfst heut nicht mit mir kommen. Du hast drei N?chte nicht geschlafen, und du siehst scheu?lich aus. Bring mich nach Haus, und dann geh schlafen in dein Hotel! Nimm Veronal, wenn du es brauchst. Du lebst wie ein Selbstm?rder."

Sie gingen, Teresina im geborgten Mantel eines Kellners, mitten durch Sturm und Blitze und aufheulende Staubwirbel durch die leer gefegten Stra?en, hell und frohlockend knallten die prallen Donnerschl?ge durch die aufgewühlte Nacht, pl?tzlich brauste Regen los, auf dem Pflaster zerspritzend, voll und voller mit dem erl?senden Schluchzen wilder Güsse im dicken Sommerlaub.

Na? und durchschüttelt kamen sie in die Wohnung der T?nzerin, Klein ging nicht nach Hause, es wurde nicht mehr davon gesprochen. Aufatmend traten sie ins Schlafzimmer, taten lachend die durchn??ten Kleider ab, durchs Fenster schrillte grell das Licht der Blitze, in den Akazien wühlte Sturm und Regen sich müde.

?Wir waren noch nicht wieder in Castiglione," spottete Klein. ?Wann gehen wir?"

?Wir werden wieder gehen, verla? dich drauf. Hast du Langeweile?"

Er zog sie an sich, beide fieberten, und Nachglanz des Gewitters loderte in ihrer Liebkosung. In St??en kam durchs Fenster die gekühlte feuchte Luft, mit bittrem Geruch von Laub und stumpfem Geruch von Erde. Aus dem Liebeskampf fielen sie beide schnell in Schlummer. Auf dem Kissen lag sein ausgeh?hltes Gesicht neben ihrem frischen, sein dünnes trocknes Haar neben ihrem vollen blühenden. Vor dem Fenster glühte das Nachtgewitter in letzten Flammen auf, wurde müde und erlosch, der Sturm schlief ein, beruhigt rann ein stiller Regen in die B?ume.

Bald nach ein Uhr erwachte Klein, der keinen l?ngern Schlaf mehr kannte, aus einem schweren schwülen Traumgewirre, mit wüstem Kopf und schmerzenden Augen. Regungslos lag er eine Weile, die Augen aufgerissen, sich besinnend, wo er sei. Es war Nacht, jemand atmete neben ihm, er war bei Teresina.

Langsam richtete er sich auf. Nun kamen die Qualen wieder, nun war ihm wieder beschieden, Stunde um Stunde zu liegen, Weh und Angst im Herzen, allein, nutzlose Leiden leiden, nutzlose Gedanken denken, nutzlose Sorgen sorgen. Aus dem Alpdrücken, das ihn geweckt hatte, krochen schwere fette Gefühle ihm nach, Ekel und Grauen, übers?ttigung, Selbstverachtung.

Er tastete nach dem Licht und drehte an. Die kühle Helligkeit flo? übers wei?e Kissen, über die Stühle voll Kleider, schwarz hing das Fensterloch in der schmalen Wand. über Teresinas abgewandtes Gesicht fiel Schatten, ihr Nacken und Haar gl?nzte hell.

So hatte er einst auch seine Frau zuweilen liegen sehen, auch neben ihr war er zu Zeiten schlaflos gelegen, ihren Schlummer beneidend, von ihrem satten zufriedenen Atemholen wie verh?hnt. Nie, niemals war man von seinem N?chsten so ganz und gar, so vollkommen verlassen, als wenn er schlief! Und wieder, wie schon oft, fiel ihm das Bild des leidenden Jesus ein, im Garten Gethsemane, wo die Todesangst ihn ersticken will, seine Jünger aber schlafen, schlafen.

Leise zog er das Kissen mehr zu sich herüber, samt dem schlafenden Kopf Teresinas. Nun sah er ihr Gesicht, im Schlaf so fremd, so ganz bei sich selbst, so ganz von ihm abgewandt. Eine Schulter und Brust lag blo?, unter dem Leintuch w?lbte sich sanft ihr Leib bei jedem Atemzug. Komisch, fiel ihm ein, wie man in Liebesworten, in Gedichten, in Liebesbriefen immer und immer von den sü?en Lippen und Wangen sprach, und nie von Bauch und Bein! Schwindel! Schwindel! Er betrachtete Teresina lang. Mit diesem sch?nen Leib, mit dieser Brust und diesen wei?en, gesunden, starken, gepflegten Atmen und Beinen würde sie ihn noch oft verlocken und ihn umschlingen und Lust von ihm nehmen und dann ruhen und schlafen, satt und tief, ohne Schmerzen, ohne Angst, ohne Ahnung, sch?n und stumpf und dumm wie ein gesundes schlafendes Tier. Und er würde neben ihr liegen, schlaflos, mit flackernden Nerven, das Herz voll Pein. Noch oft? Noch oft? Ach nein, nicht oft mehr, nicht viele Male mehr, vielleicht keinmal mehr! Er zuckte zusammen. Nein, er wu?te es: keinmal mehr!

St?hnend bohrte er den Daumen in seine Augenh?hle, wo zwischen Auge und Stirn diese teuflischen Schmerzen sa?en. Gewi?, auch Wagner hatte diese Schmerzen gehabt, der Lehrer Wagner. Er hatte sie gehabt, diese wahnsinnigen Schmerzen, gewi? jahrelang, und hatte sie getragen und erlitten, und sich dabei reifen und Gott n?her kommen gemeint in seinen Qualen, seinen nutzlosen Qualen. Bis er eines Tages es nicht mehr ertragen konnte - so wie auch er, Klein, es nicht mehr ertragen konnte. Die Schmerzen waren ja das wenigste, aber die Gedanken, die Tr?ume, das Alpdrücken! Da war Wagner eines Nachts aufgestanden und hatte gesehen, da? es keinen Sinn habe, noch mehr, noch viele solche N?chte voll Qual aneinander zu reihen, da? man dadurch nicht zu Gott komme, und hatte das Messer geholt. Es war vielleicht unnütz, es war vielleicht t?richt und l?cherlich von Wagner, da? er gemordet hatte. Wer seine Qualen nicht kannte, wer seine Pein nicht gelitten hatte, der konnte es ja nicht verstehen.

Er selbst hatte vor kurzem, in einem Traum, eine Frau mit dem Messer erstochen, weil ihr entstelltes Gesicht ihm unertr?glich gewesen war. Entstellt war freilich jedes Gesicht, das man liebte, entstellt und grausam aufreizend, wenn es nicht mehr log, wenn es schwieg, wenn es schlief. Da sah man ihm auf den Grund und sah nichts von Liebe darin, wie man auch im eigenen Herzen nichts von Liebe fand, wenn man auf den Grund sah. Da war nur Lebensgier und Angst, und aus Angst, aus dummer Kinderangst vor der K?lte, vor dem Alleinsein, vor dem Tode floh man zueinander, kü?te sich, umarmte sich, rieb Wange an Wange, legte Bein zu Bein, warf neue Menschen in die Welt. So war es. So war er einst zu seiner Frau gekommen. So war die Frau des Wirtes in einem Dorf zu ihm gekommen, einst, am Anfang seines jetzigen Weges, in einer kahlen steinernen Kammer, barfu? und schweigend, getrieben von Angst, von Lebensgier, von Trostbedürfnis. So war auch er zu Teresina gekommen, und sie zu ihm. Es war stets derselbe Trieb, dasselbe Begehren, dasselbe Mi?verst?ndnis. Es war auch stets dieselbe Entt?uschung, dasselbe grimme Leid. Man glaubte, Gott nah zu sein, und hielt ein Weib in den Armen. Man glaubte, Harmonie erreicht zu haben, und hatte nur seine Schuld und seinen Jammer weggew?lzt, auf ein fernes zukünftiges Wesen! Ein Weib hielt man in den Armen, kü?te ihren Mund, streichelte ihre Brust und zeugte mit ihr ein Kind, und einst würde das Kind, vom selben Schicksal ereilt, in einer Nacht ebenso neben einem Weibe liegen und ebenso aus dem Rausch erwachen und mit schmerzenden Augen in den Abgrund sehen, und das Ganze verfluchen. Unertr?glich, das zu Ende zu denken!

Sehr aufmerksam betrachtete er das Gesicht der Schlafenden, die Schulter und Brust, das gelbe Haar. Das alles hatte ihn entzückt, hatte ihn get?uscht, hatte ihn verlockt, das alles hatte ihm Lust und Glück vorgelogen. Nun war es aus, nun wurde abgerechnet. Er war in das Theater Wagner eingetreten, er hatte erkannt, warum jedes Gesicht, sobald die T?uschung dahinfiel, so entstellt und unausstehlich war.

Klein stand vom Bett auf und ging auf die Suche nach einem Messer. Im Vorbeischleichen streifte er Teresinas lange hellbraune Strümpfe vom Stuhl - dabei fiel ihm blitzschnell ein, wie er sie das erstemal gesehen, im Park, und wie von ihrem Gang und von ihrem Schuh und straffen Strumpf der erste Reiz ihm zugeflogen war. Er lachte leise, wie schadenfroh, und nahm Teresinas Kleider, Stück um Stück, in die Hand, befühlte sie und lie? sie zu Boden fallen. Dann suchte er weiter, dazwischen für Momente alles vergessend. Sein Hut lag auf dem Tisch, er nahm ihn gedankenlos in die H?nde, drehte ihn, fühlte, da? er na? war, und setzte ihn auf. Beim Fenster blieb er stehen, sah in die Schw?rze hinaus, h?rte Regen singen, es klang wie aus verschollenen anderen Zeiten her. Was wollte das alles von ihm, Fenster, Nacht, Regen - was ging es ihn an, das alte Bilderbuch aus der Kinderzeit?

Pl?tzlich blieb er stehen. Er hatte ein Ding in die Hand genommen, das auf einem Tische lag, und sah es an. Es war ein silberner ovaler Handspiegel, und aus dem Spiegel schien ihm sein Gesicht entgegen, das Gesicht Wagners, ein irres verzogenes Gesicht mit tiefen schattigen H?hlen und zerst?rten, zersprungenen Zügen. Das geschah ihm jetzt so merkwürdig oft, da? er sich unversehens in einem Spiegel sah, ihm schien, er habe früher jahrzehntelang nie in einen geblickt. Auch das, schien es, geh?rte zum Theater Wagner.

Er blieb stehen und blickte lang in das Glas. Dies Gesicht des ehemaligen Friedrich Klein war fertig und verbraucht, es hatte ausgedient, Untergang schrie aus jeder Falte. Dies Gesicht mu?te verschwinden, es mu?te ausgel?scht werden. Es war sehr alt, dies Gesicht, viel hatte sich in ihm gespiegelt, allzu viel, viel Lug und Trug, viel Staub und Regen war darüber gegangen. Es war einmal glatt und hübsch gewesen, er hatte es einst geliebt und gepflegt und Freude daran gehabt, und hatte es oft auch geha?t. Warum? Beides war nicht mehr zu begreifen.

Und warum stand er jetzt da, nachts in diesem kleinen fremden Zimmer, mit einem Glas in der Hand und einem nassen Hut auf dem Kopf, ein seltsamer Hanswurst - was war mit ihm? Was wollte er? Er setzte sich auf den Tischrand. Was hatte er gewollt? Was suchte er? Er hatte doch etwas gesucht, etwas sehr Wichtiges gesucht?

Ja, ein Messer.

Pl?tzlich ungeheuer erschüttert sprang er empor und lief zum Bett. Er beugte sich über das Kissen, sah das schlafende M?dchen im gelben Haare liegen. Sie lebte noch! Er hatte es noch nicht getan! Grauen überflo? ihn eisig. Mein Gott, nun war es da! Nun war es so weit, und es geschah, was er schon immer und immer in seinen furchtbarsten Stunden hatte kommen sehen. Nun war es da. Nun stand er, Wagner, am Bett einer Schlafenden, und suchte das Messer! - Nein, er wollte nicht. Nein, er war nicht wahnsinnig. Gott sei Dank, er war nicht wahnsinnig! Nun war es gut.

Es kam Friede über ihn. Langsam zog er seine Kleider an, die Hosen, den Rock, die Schuhe. Nun war es gut.

Als er nochmals zum Bett treten wollte, fühlte er Weiches unter seinem Fu?. Da lagen Teresinas Kleider am Boden, die Strümpfe, das hellgraue Kleid. Sorgf?ltig hob er sie auf und legte sie über den Stuhl.

Er l?schte das Licht und ging aus dem Zimmer. Vor dem Hause troff Regen still und kühl, nirgends Licht, nirgends ein Mensch, nirgends ein Laut, nur der Regen. Er wandte das Gesicht nach oben und lie? sich den Regen über Stirn und Wangen laufen. Kein Himmel zu finden. Wie dunkel es war! Gern, gern h?tte er einen Stern gesehen.

Ruhig ging er durch die Stra?en, vom Regen durchweicht. Kein Mensch, kein Hund begegnete ihm, die Welt war ausgestorben. Am Seeufer ging er von Boot zu Boot, sie waren alle hoch ans Land gezogen und stramm mit Ketten befestigt. Erst ganz in der Vorstadt au?en fand er eins, das locker am Strick hing und sich l?sen lie?. Das machte er los und h?ngte die Ruder ein. Schnell war das Ufer vergangen, es flo? ins Grau hinweg wie nie gewesen, nur Grau und Schwarz und Regen war noch auf der Welt, grauer See, nasser See, grauer See, nasser Himmel, alles ohne Ende.

Drau?en, weit im See, zog er die Ruder ein. Es war nun so weit, und er war zufrieden. Früher hatte er, in den Augenblicken, wo Sterben ihm unvermeidlich schien, doch immer gern noch ein wenig gez?gert, die Sache auf morgen verschoben, es erst noch einmal mit dem Weiterleben probiert. Davon war nichts mehr da. Sein kleines Boot, das war er, das war sein kleines, umgrenztes, künstlich versichertes Leben - rundum aber das weite Grau, das war die Welt, das war All und Gott, dahinein sich fallen zu lassen war nicht schwer, das war leicht, das war froh.

Er setzte sich auf den Rand des Bootes nach au?en, die Fü?e hingen ins Wasser. Er neigte sich langsam vor, neigte sich vor, bis hinter ihm das Boot elastisch entglitt. Er war im All.

In die kleine Zahl von Augenblicken, welche er von da an noch lebte, war viel mehr Erlebnis gedr?ngt als in den vierzig Jahren, die er zuvor bis zu diesem Ziel unterwegs gewesen war.

Es begann damit: Im Moment, wo er fiel, wo er einen Blitz lang zwischen Bootsrand und Wasser schwebte, stellte sich ihm dar, da? er einen Selbstmord begehe, eine Kinderei, etwas zwar nicht Schlimmes, aber Komisches und ziemlich T?richtes. Das Pathos des Sterbenwollens und das Pathos des Sterbens selbst fiel in sich zusammen, es war nichts damit. Sein Sterben war nicht mehr notwendig, jetzt nicht mehr. Es war erwünscht, es war sch?n und willkommen, aber notwendig war es nicht mehr. Seit dem Moment, seit dem aufblitzenden Sekundenteil, wo er sich mit ganzem Wollen, mit ganzem Verzicht auf jedes Wollen, mit ganzer Hingabe hatte vom Bootsrand fallen lassen, in den Scho? der Mutter, in den Arm Gottes - seit diesem Augenblick hatte das Sterben keine Bedeutung mehr. Es war ja alles so einfach, es war ja alles so wunderbar leicht, es gab ja keine Abgründe, keine Schwierigkeiten mehr. Die ganze Kunst war: sich fallen lassen! Das leuchtete als Ergebnis seines Lebens hell durch sein ganzes Wesen: sich fallen lassen! Hatte man das einmal getan, hatte man einmal sich dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, hatte man einmal auf alle Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, h?rte man ganz und gar nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen, dann war alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr.

Dies war erreicht, dies Gro?e, Einzige: er hatte sich fallen lassen! Da? er sich ins Wasser und in den Tod fallen lie?, w?re nicht notwendig gewesen, ebensogut h?tte er sich ins Leben fallen lassen k?nnen. Aber daran lag nicht viel, wichtig war dies nicht. Er würde leben, er würde wieder kommen. Dann aber würde er keinen Selbstmord mehr brauchen und keinen von all diesen seltsamen Umwegen, keine von all diesen mühsamen und schmerzlichen Torheiten mehr, denn er würde die Angst überwunden haben.

Wunderbarer Gedanke: ein Leben ohne Angst! Die Angst überwinden, das war die Seligkeit, das war die Erl?sung. Wie hatte er sein Leben lang Angst gelitten, und nun, wo der Tod ihn schon am Halse würgte, fühlte er nichts mehr davon, keine Angst, kein Grauen, nur L?cheln, nur Erl?sung, nur Einverstandensein. Er wu?te nun pl?tzlich, was Angst ist, und da? sie nur von dem überwunden werden kann, der sie erkannt hat. Man hatte vor tausend Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem eigenen Herzen, man hatte Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor der K?lte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode - namentlich vor ihm, vor dem Tode. Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg über all die Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal hingegeben hatte, wer einmal das gro?e Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das verstehen, konnte das wissen.

Er dachte dies nicht, wie man Gedanken denkt, er lebte, fühlte, tastete, roch und schmeckte es. Er schmeckte, roch, sah und verstand, was Leben war. Er sah die Erschaffung der Welt, er sah den Untergang der Welt, beide wie zwei Heerzüge best?ndig gegeneinander in Bewegung, nie vollendet, ewig unterwegs. Die Welt wurde immerfort geboren, sie starb immerfort. Jedes Leben war ein Atemzug, von Gott ausgesto?en. Jedes Sterben war ein Atemzug, von Gott eingesogen. Wer gelernt hatte, nicht zu widerstreben, sich fallen zu lassen, der starb leicht, der wurde leicht geboren. Wer widerstrebte, der litt Angst, der starb schwer, der wurde ungern geboren.

Im grauen Regendunkel über dem Nachtsee sah der Untersinkende das Spiel der Welt gespiegelt und dargestellt: Sonnen und Sterne rollten herauf, rollten hinab, Ch?re von Menschen und Tieren, Geistern und Engeln standen gegeneinander, sangen, schwiegen, schrien, Züge von Wesen zogen gegeneinander, jedes sich selbst mi?kennend, sich selbst hassend, und sich in jedem andern Wesen hassend und verfolgend. Ihrer aller Sehnsucht war nach Tod, war nach Ruhe, ihr Ziel war Gott, war die Wiederkehr zu Gott und das Bleiben in Gott. Dies Ziel schuf Angst, denn es war ein Irrtum. Es gab kein Bleiben in Gott! Es gab keine Ruhe! Es gab nur das ewige, ewige, ewige, herrliche, heilige Ausgeatmetwerden und Eingeatmetwerden, Gestaltung und Aufl?sung, Geburt und Tod, Auszug und Wiederkehr, ohne Pause, ohne Ende. Und darum gab es nur eine Kunst, nur eine Lehre, nur ein Geheimnis: sich fallen lassen, sich nicht gegen Gottes Willen str?uben, sich an nichts klammern, nicht an Gut noch B?se. Dann war man erl?st, dann war man frei von Leid, frei von Angst, nur dann.

Sein Leben lag vor ihm wie ein Land mit W?ldern, Talschaften und D?rfern, das man vom Kamm eines hohen Gebirges übersieht. Alles war gut gewesen, einfach und gut gewesen, und alles war durch seine Angst, durch sein Str?uben zu Qual und Verwicklung, zu schauerlichen Kn?ueln und Kr?mpfen von Jammer und Elend geworden! Es gab keine Frau, ohne die man nicht leben konnte - und es gab auch keine Frau, mit der man nicht h?tte leben k?nnen. Es gab kein Ding in der Welt, das nicht ebenso sch?n, ebenso begehrenswert, ebenso beglückend war wie sein Gegenteil! Es war selig zu leben, es war selig zu sterben, sobald man allein im Weltraum hing. Ruhe von au?en gab es nicht, keine Ruhe im Friedhof, keine Ruhe in Gott, kein Zauber unterbrach je die ewige Kette der Geburten, die unendliche Reihe der Atemzüge Gottes. Aber es gab eine andere Ruhe, im eigenen Innern zu finden. Sie hie?: La? dich fallen! Wehre dich nicht! Stirb gern! Lebe gern!

Alle Gestalten seines Lebens waren bei ihm, alle Gesichter seiner Liebe, alle Wechsel seines Leidens. Seine Frau war rein und ohne Schuld wie er selbst, Teresina l?chelte kindlich her. Der M?rder Wagner, dessen Schatten so breit über Kleins Leben gefallen war, l?chelte ihm ernst ins Gesicht, und sein L?cheln erz?hlte, da? auch Wagners Tat ein Weg zur Erl?sung gewesen war, auch sie ein Atemzug, auch sie ein Symbol, und da? auch Mord und Blut und Scheu?lichkeit nicht Dinge sind, welche wahrhaft existieren, sondern nur Wertungen unsrer eigenen, selbstqu?lerischen Seele. Mit dem Morde Wagners hatte er, Klein, Jahre seines Lebens hingebracht, in Verwerfen und Billigen, Verurteilen und Bewundern, Verabscheuen und Nachahmen hatte er sich aus diesem Morde unendliche Ketten von Qualen, von ?ngsten, von Elend geschaffen. Er hatte hundertmal voll Angst seinem eigenen Tode beigewohnt, er hatte sich auf dem Schafott sterben sehen, er hatte den Schnitt des Rasiermessers durch seinen Hals gefühlt und die Kugel in seiner Schl?fe - und nun, da er den gefürchteten Tod wirklich starb, war es so leicht, war es so einfach, war es Freude und Triumph! Nichts in der Welt war zu fürchten, nichts war schrecklich - nur im Wahn machten wir uns all diese Furcht, all dies Leid, nur in unsrer eignen, ge?ngsteten Seele entstand Gut und B?se, Wert und Unwert, Begehren und Furcht.

Die Gestalt Wagners versank weit in der Ferne. Er war nicht Wagner, nicht mehr, es gab keinen Wagner, das alles war T?uschung gewesen. Nun, mochte Wagner sterben! Er, Klein, würde leben.

Wasser flo? ihm in den Mund, und er trank. Von allen Seiten, durch alle Sinne flo? Wasser herein, alles l?ste sich auf. Er wurde angesogen, er wurde eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedr?ngt, so eng beisammen wie die Tropfen im Wasser, schwammen andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der alte S?nger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater, seine Mutter und Schwester, und tausend, tausend, tausend andre Menschen, und auch Bilder und H?user, Tizians Venus und der Münster von Stra?burg, alles schwamm, eng aneinander, in einem ungeheuren Strom dahin, von Notwendigkeit getrieben, rasch und rascher, rasend - und diesem ungeheuern, rasenden Riesenstrom der Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen, ungeheuer, rasend, ein Strom von Gesichtern, Beinen, B?uchen, von Tieren, Blumen, Gedanken, Morden, Selbstmorden, geschriebenen Büchern, geweinten Tr?nen, dicht, dicht, voll, voll, Kinderaugen und schwarze Locken und Fischk?pfe, ein Weib mit langem starren Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst ?hnlich, das Gesicht voll heiliger Leidenschaft, das war er selbst, zwanzigj?hrig, jener verschollene Klein von damals! Wie gut, da? auch diese Erkenntnis nun zu ihm kam: da? es keine Zeit gab! Das einzige, was zwischen Alter und Jugend, zwischen Babylon und Berlin, zwischen Gut und B?se, Geben und Nehmen stand, das einzige, was die Welt mit Unterschieden, Wertungen, Leid, Streit, Krieg erfüllte, war der Menschengeist, der junge ungestüme und grausame Menschengeist im Zustand der tobenden Jugend, noch fern vom Wissen, noch weit von Gott. Er erfand Gegens?tze, er erfand Namen. Dinge nannte er sch?n, Dinge h??lich, diese gut, diese schlecht. Ein Stück Leben wurde Liebe genannt, ein andres Mord. So war dieser Geist, jung, t?richt, komisch. Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine feine Erfindung, ein raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu qu?len und die Welt vielfach und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle Erfindung! Sie war eine der Stützen, eine der Krücken, die man vor allem fahren lassen mu?te, wenn man frei werden wollte.

Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von Gott eingesogene, und der andere, ihm entgegen, der ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem Strom widersetzten, die sich unter furchtbaren Kr?mpfen aufb?umten und sich grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher, Wahnsinnige, Denker, Liebende, Religi?se. Andre sah er, gleich ihm selbst, rasch und leicht in inniger Wollust der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben, Selige wie er. Aus dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der Unseligen baute sich über den beiden Weltstr?men eine durchsichtige Kugel oder Kuppel aus T?nen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte sa? Gott, sa? ein heller, vor Helle unsichtbarer Glanzstern, ein Inbegriff von Licht, umbraust von der Musik der Weltch?re, in ewiger Brandung.

Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verkünder. ?Siehe, das ist Gott der Herr, und sein Weg führt zum Frieden", rief einer, und viele folgten ihm. Ein andrer verkündete, da? Gottes Bahn zum Kampf und Kriege führe. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater, einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als Kühle, als Richter, als Tr?ster, als Sch?pfer, als Vernichter, als Verzeiher, als R?cher. Gott selbst nannte sich nicht. Er wollte genannt, er wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, geha?t, angebetet sein, denn die Musik der Weltch?re war sein Gotteshaus und war sein Leben - aber es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder ha?te, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder konnte suchen. Jeder konnte finden.

Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen, gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut, sang er laut und hallend Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen, inmitten der Millionen Gesch?pfe, ein Prophet und Verkünder. Laut schallte sein Lied, hoch stieg das Gew?lbe der T?ne auf, strahlend sa? Gott im Innern. Ungeheuer brausten die Str?me hin.

Klingsors letzter Sommer

Vorbemerkung

Den letzten Sommer seines Lebens brachte der Maler Klingsor, im Alter von zweiundvierzig Jahren, in jenen südlichen Gegenden in der N?he von Pampambio, Kareno und Laguno hin, die er schon in frühern Jahren geliebt und oft besucht hatte. Dort entstanden seine letzten Bilder, jene freien Paraphrasen zu den Formen der Erscheinungswelt, jene seltsamen, leuchtenden und doch stillen, traumstillen Bilder mit den gebogenen B?umen und pflanzenhaften H?usern, welche von den Kennern denen seiner ?klassischen" Zeit vorgezogen werden. Seine Palette zeigte damals nur noch wenige, sehr leuchtende Farben: Kadmium gelb und rot, Veronesergrün, Emerald, Kobalt, Kobaltviolett, franz?sischer Zinnober, Geraniumlack und helles Eilidorot.

Die Nachricht von Klingsors Tode erschreckte seine Freunde im Sp?therbst. Manche seiner Briefe hatten Vorahnungen oder Todeswünsche enthalten. Hieraus mag das Gerücht entstanden sein, er habe sich selbst das Leben genommen. Andre Gerüchte, wie sie eben einem umstrittenen Namen anfliegen, sind kaum weniger haltlos als jenes. Viele behaupten, Klingsor sei schon seit Monaten geisteskrank gewesen, und ein wenig einsichtiger Kunstschriftsteller hat versucht, das Verblüffende und Ekstatische in seinen letzten Bildern aus diesem angeblichen Wahnsinn zu erkl?ren! Mehr Grund als diese Redereien hat die anekdotenreiche Sage von Klingsors Neigung zum Trunk. Diese Neigung war bei ihm vorhanden, und niemand nannte sie offenherziger mit Namen als er selbst. Er hat zu gewissen Zeiten, und so auch in den letzten Monaten seines Lebens, nicht nur Freude am h?ufigen Pokulieren gehabt, sondern auch den Weinrausch bewu?t als Bet?ubung seiner Schmerzen und einer oft schwer ertr?glichen Schwermut gesucht. Li Tai Pe, der Dichter der tiefsten Trinklieder, war sein Liebling, und im Rausche nannte er oft sich selbst Li Tai Pe und einen seiner Freunde Thu Fu.

Seine Werke leben fort, und nicht minder lebt, im kleinen Kreis seiner N?chsten, die Legende seines Lebens und jenes letzten Sommers weiter.

Klingsor

Ein leidenschaftlicher und raschlebiger Sommer war angebrochen. Die hei?en Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen, den kurzen schwülen Mondn?chten folgten kurze schwüle Regenn?chte, wie Tr?ume schnell und mit Bildern überfüllt fieberten die gl?nzenden Wochen dahin.

Klingsor stand nach Mitternacht, von einem Nachtgang heimgekehrt, auf dem schmalen Steinbalkon seines Arbeitszimmers. Unter ihm sank tief und schwindelnd der alte Terrassengarten hinab, ein tief durchschattetes Gewühl dichter Baumwipfel, Palmen, Zedern, Kastanien, Judasbaum, Blutbuche, Eukalyptus, durchklettert von Schlingpflanzen, Lianen, Glyzinen. über der Baumschw?rze schimmerten bla?spiegelnd die gro?en blechernen Bl?tter der Sommermagnolien, riesige schneewei?e Blüten dazwischen halbgeschlossen, gro? wie Menschenk?pfe, bleich wie Mond und Elfenbein, von denen durchdringend und beschwingt ein inniger Zitronengeruch herüberkam. Aus unbestimmter Ferne her mit müden Schwingen kam Musik geflogen, vielleicht eine Gitarre, vielleicht ein Klavier, nicht zu unterscheiden. In den Geflügelh?fen schrie pl?tzlich ein Pfau auf, zwei- und dreimal, und durchri? die waldige Nacht mit dem kurzen, b?sen und h?lzernen Ton seiner gepeinigten Stimme, wie wenn das Leid aller Tierwelt ungeschlacht und schrill aus der Tiefe schellte. Sternlicht flo? durch das Waldtal, hoch und verlassen blickte eine wei?e Kapelle aus dem endlosen Walde, verzaubert und alt. See, Berge und Himmel flossen in der Ferne ineinander.

Klingsor stand auf dem Balkon, im Hemde, die nackten Arme auf die Eisenbrüstung gestützt, und las halb unmutig, mit hei?en Augen, die Schrift der Sterne auf dem bleichen Himmel und der milden Lichter auf dem schwarzen klumpigen Gew?lk der B?ume. Der Pfau erinnerte ihn. Ja, es war wieder Nacht, sp?t, und man h?tte nun schlafen sollen, unbedingt und um jeden Preis. Vielleicht, wenn man eine Reihe von N?chten wirklich schlafen würde, sechs oder acht Stunden richtig schlafen, so würde man sich erholen k?nnen, so würden die Augen wieder gehorsam und geduldig sein, und das Herz ruhiger, und die Schl?fen ohne Schmerzen. Aber dann war dieser Sommer vorüber, dieser tolle flackernde Sommertraum, und mit ihm tausend ungetrunkene Becher verschüttet, tausend ungesehene Liebesblicke gebrochen, tausend unwiederbringliche Bilder ungesehen erloschen!

Er legte die Stirn und die schmerzenden Augen auf die kühle Eisenbrüstung, das erfrischte für einen Augenblick. In einem Jahr vielleicht, oder früher, waren diese Augen blind, und das Feuer in seinem Herzen gel?scht. Nein, kein Mensch konnte dies flammende Leben lang ertragen, auch nicht er, auch nicht Klingsor, der zehn Leben hatte. Niemand konnte eine lange Zeit hindurch Tag und Nacht alle seine Lichter, alle seine Vulkane brennen haben, niemand konnte mehr als eine kurze Zeit lang Tag und Nacht in Flammen stehen, jeden Tag viele Stunden glühender Arbeit, jede Nacht viele Stunden glühender Gedanken, immerzu genie?end, immerzu schaffend, immerzu in allen Sinnen und Nerven hell und überwach wie ein Schlo?, hinter dessen s?mtlichen Fenstern Tag für Tag Musik erschallt, Nacht für Nacht tausend Kerzen funkeln. Es wird zu Ende gehen, schon ist viel Kraft vertan, viel Augenlicht verbrannt, viel Leben hingeblutet.

Pl?tzlich lachte er und reckte sich auf. Ihm fiel ein: oft schon hatte er so empfunden, oft schon so gedacht, so gefürchtet. In allen guten, fruchtbaren, glühenden Zeiten seines Lebens, auch in der Jugend schon, hatte er so gelebt, hatte seine Kerze an beiden Enden brennen gehabt, mit einem bald jubelnden, bald schluchzenden Gefühl von rasender Verschwendung, von Verbrennen, mit einer verzweifelten Gier, den Becher ganz zu leeren, und mit einer tiefen, verheimlichten Angst vor dem Ende. Oft schon hatte er so gelebt, oft schon den Becher geleert, oft schon lichterloh gebrannt. Zuweilen war das Ende sanft gewesen, wie ein tiefer bewu?tloser Winterschlaf. Zuweilen auch war es schrecklich gewesen, unsinnige Verwüstung, unleidliche Schmerzen, ?rzte, trauriger Verzicht, Triumph der Schw?che. Und allerdings war von Mal zu Mal das Ende einer Glutzeit schlimmer geworden, trauriger, vernichtender. Aber immer war auch das überlebt worden, und nach Wochen oder Monaten, nach Qual oder Bet?ubung war die Auferstehung gekommen, neuer Brand, neuer Ausbruch der unterirdischen Feuer, neue glühendere Werke, neuer gl?nzender Lebensrausch. So war es gewesen, und die Zeiten der Qual und des Versagens, die elenden Zwischenzeiten waren vergessen worden und untergesunken. Es war gut so. Es würde gehen, wie es oft gegangen war.

L?chelnd dachte er an Gina, die er heut abend gesehen hatte, mit der auf dem ganzen n?chtlichen Heimweg seine z?rtlichen Gedanken gespielt hatten. Wie war dies M?dchen sch?n und warm in seiner noch unerfahrenen und ?ngstlichen Glut! Spielend und z?rtlich sagte er vor sich hin, als flüstere er ihr wieder ins Ohr: ?Gina! Gina! Cara Gina! Carina Gina! Bella Gina!"

Er trat ins Zimmer zurück und drehte das Licht wieder an. Aus einem kleinen wirren Bücherhaufen zog er einen roten Band Gedichte; ein Vers war ihm eingefallen, ein Stück eines Verses, der ihm uns?glich sch?n und liebevoll schien. Er suchte lange, bis er ihn fand:

La? mich nicht so der Nacht, dem Schmerze,

Du Allerliebstes, du mein Mondgesicht!

O, du mein Phosphor, meine Kerze,

Du meine Sonne, du mein Licht!

Tief genie?end schlürfte er den dunklen Wein dieser Worte. Wie sch?n, wie innig und zauberhaft war das: O, du mein Phosphor! Und: Du mein Mondgesicht!

L?chelnd ging er vor den hohen Fenstern auf und ab, sprach die Verse, rief sie der fernen Gina zu: ?O, du mein Mondgesicht!" und seine Stimme wurde dunkel vor Z?rtlichkeit.

Dann schlo? er die Mappe auf, die er nach dem langen Arbeitstage noch den ganzen Abend mit sich getragen hatte. Er ?ffnete das Skizzenbuch, das kleine, sein liebstes, und suchte die letzten Bl?tter, die von gestern und heut, auf. Da war der Bergkegel mit den tiefen Felsenschatten; er hatte ihn ganz nahe an ein Fratzengesicht heran modelliert, er schien zu schreien, der Berg, vor Schmerz zu klaffen. Da war der kleine Steinbrunnen, halbrund im Berghang, der gemauerte Bogen schwarz mit Schatten gefüllt, ein blühender Granatbaum drüber blutig glühend. Alles nur für ihn zu lesen, nur Geheimschrift für ihn selbst, eilige gierige Notiz des Augenblicks, rasch herangerissene Erinnerung an jeden Augenblick, in dem Natur und Herz neu und laut zusammenklangen. Und jetzt die gr??ern Farbskizzen, wei?e Bl?tter mit leuchtenden Farbfl?chen in Wasserfarben: die rote Villa im Geh?lz, feurig glühend wie ein Rubin auf grünem Sammet, und die eiserne Brücke bei Castiglia, rot auf blaugrünem Berg, der violette Damm daneben, die rosige Stra?e. Weiter: der Schlot der Ziegelei, rote Rakete vor kühlhellem Baumgrün, blauer Wegweiser, hellvioletter Himmel mit der dicken wie gewalzten Wolke. Dies Blatt war gut, das konnte bleiben. Um die Stalleinfahrt war es schade, das Rotbraun vor dem st?hlernen Himmel war richtig, das sprach und klang; aber es war nur halb fertig, die Sonne hatte ihm aufs Blatt geschienen und wahnsinnige Augenschmerzen gemacht. Er hatte nachher lange das Gesicht in einem Bach gebadet. Nun, das Braunrot vor dem b?sen metallenen Blau war da, das war gut, das war um keine kleine T?nung, um keine kleinste Schwingung gef?lscht oder mi?glückt. Ohne caput mortuum h?tte man das nicht herausbekommen. Hier, auf diesem Gebiet lagen die Geheimnisse. Die Formen der Natur, ihr Oben und Unten, ihr Dick und Dünn konnte verschoben werden, man konnte auf alle die biederen Mittel verzichten, mit denen die Natur nachgeahmt wird. Auch die Farben konnte man f?lschen, gewi?, man konnte sie steigern, d?mpfen, übersetzen, auf hundert Arten. Aber wenn man mit Farbe ein Stück Natur umdichten wollte, so kam es darauf an, da? die paar Farben genau, haargenau in gleichem Verh?ltnis, in der gleichen Spannung zueinander standen wie in der Natur. Hier blieb man abh?ngig, hier blieb man Naturalist, einstweilen, auch wenn man statt grau Orange und statt schwarz Krapplack nahm.

Also, ein Tag war wieder vertan, und der Ertrag sp?rlich. Das Blatt mit dem Fabrikschlot und der rotblaue Klang auf dem andern Blatt und vielleicht die Skizze mit dem Brunnen. Wenn morgen bedeckter Himmel war, ging er nach Carabbina; dort war die Halle mit den W?scherinnen. Vielleicht regnete es auch wieder einmal, dann blieb er zu Haus und fing das Bachbild in ?l an. Und jetzt zu Bett! Es war wieder ein Uhr vorbei.

Im Schlafzimmer ri? er das Hemd ab, go? sich Wasser über die Schultern, da? es auf dem roten Steinboden klatschte, sprang ins hohe Bett und l?schte das Licht. Durchs Fenster sah der blasse Monte Salute herein, tausendmal hatte Klingsor vom Bett aus seine Formen abgelesen. Ein Eulenruf aus der Waldschlucht tief und hohl, wie Schlaf, wie Vergessen.

Er schlo? die Augen und dachte an Gina, und an die Halle mit den W?scherinnen. Gott im Himmel, so viel tausend Dinge warteten, so viel tausend Becher standen eingeschenkt! Kein Ding auf der Erde, das man nicht h?tte malen müssen! Keine Frau in der Welt, die man nicht h?tte lieben müssen! Warum gab es Zeit! Warum immer nur dies idiotische Nacheinander, und kein brausendes, s?ttigendes Zugleich? Warum lag er jetzt wieder allein im Bett, wie ein Witwer, wie ein Greis? Das ganze kurze Leben hindurch konnte man genie?en, konnte man schaffen, aber man sang immer nur Lied um Lied, nie klang die ganze volle Symphonie mit allen hundert Stimmen und Instrumenten zugleich.

Vor langer Zeit, im Alter von zw?lf Jahren, war er Klingsor mit den zehn Leben gewesen. Es gab da bei den Knaben ein R?uberspiel, und jeder von den R?ubern hatte zehn Leben, von denen er jedesmal eines verlor, wenn er vom Verfolger mit der Hand oder mit dem Wurfspeer berührt wurde. Mit sechs, mit drei, mit einem einzigen Leben konnte man noch davonkommen und sich befreien, erst mit dem zehnten war alles verloren. Er aber, Klingsor, hatte seinen Stolz darein gesetzt, sich mit allen, allen seinen zehn Leben durchzuschlagen, und es für eine Schande erkl?rt, wenn er mit neun, mit sieben davonkam. So war er als Knabe gewesen, in jener unglaublichen Zeit, wo nichts auf der Welt unm?glich, nichts auf der Welt schwierig war, wo alle Klingsor liebten, wo Klingsor allen befahl, wo alles Klingsor geh?rte. Und so hatte er es weiter getrieben und immer mit zehn Leben gelebt. Und wenn auch nie die S?ttigung, niemals die volle brausende Symphonie zu erreichen war - einstimmig und arm war sein Lied doch nicht gewesen, immer doch hatte er ein paar Saiten mehr auf seinem Spiel gehabt als andere, ein paar Eisen mehr im Feuer, ein paar Taler mehr im Sack, ein paar Rosse mehr am Wagen! Gott sei Dank!

Wie klang die dunkle Gartenstille voll und durchpulst herein, wie Atem einer schlafenden Frau! Wie schrie der Pfau! Wie brannte das Feuer in der Brust, wie schlug das Herz und schrie und litt und jubelte und blutete. Es war doch ein guter Sommer hier oben in Castagnetta, herrlich wohnte er in seiner alten noblen Ruine, herrlich blickte er auf die raupigen Rücken der hundert Kastanienw?lder hinab, sch?n war es, je und je aus dieser edlen alten Wald- und Schlo?welt gierig hinabzusteigen und das farbige frohe Spielzeug drunten anzuschauen und in seiner guten frohen Grellheit zu malen: die Fabrik, die Eisenbahn, den blauen Tramwagen, die Plakats?ule am Kai, die stolzierenden Pfauen, Weiber, Priester, Automobile. Und wie sch?n und peinigend und unbegreiflich war dies Gefühl in seiner Brust, diese Liebe und flackernde Gier nach jedem bunten Band und Fetzen des Lebens, dieser sü?e wilde Zwang zu schauen und zu gestalten, und doch zugleich heimlich, unter dünnen Decken, das innige Wissen von der Kindlichkeit und Vergeblichkeit all seines Tuns!

Fiebernd schmolz die kurze Sommernacht hinweg, Dampf stieg aus der grünen Taltiefe, in hunderttausend B?umen kochte der Saft, hunderttausend Tr?ume quollen in Klingsors leichtem Schlummer auf, seine Seele schritt durch den Spiegelsaal seines Lebens, wo alle Bilder vervielfacht und jedesmal mit neuem Gesicht und neuer Bedeutung sich begegneten und neue Verbindungen eingingen, als würde ein Sternhimmel im Würfelbecher durcheinander geschüttelt.

Ein Traumbild unter den vielen entzückte und erschütterte ihn: Er lag in einem Walde und hatte ein Weib mit rotem Haar auf seinem Scho?, und eine Schwarze lag an seiner Schulter, und eine andere kniete neben ihm, hielt seine Hand und kü?te seine Finger, und überall und rundum waren Frauen und M?dchen, manche noch Kinder, mit dünnen hohen Beinen, manche in voller Blüte, manche reif und mit den Zeichen des Wissens und der Ermüdung in den zuckenden Gesichtern, und alle liebten ihn, und alle wollten von ihm geliebt sein. Da brach Krieg und Flamme zwischen den Weibern aus, da griff die Rote mit rasender Hand in das Haar der Schwarzen und ri? sie daran zu Boden und ward selber hinabgerissen, und alle stürzten sich aufeinander, jede schrie, jede ri?, jede bi?, jede tat Weh, jede litt Weh, Gel?chter, Wutschrei und Schmerzgeheul klang ineinander verwickelt und verknotet, Blut flo? überall, Krallen schlugen blutig in feistes Fleisch.

Mit einem Gefühl von Weh und Beklemmung erwachte Klingsor für Minuten, weit offen starrten seine Augen nach dem lichten Loch in der Wand. Noch standen die Gesichter der rasenden Weiber vor seinem Blick, und viele von ihnen kannte und nannte er mit Namen: Nina, Hermine, Elisabeth, Gina, Edith, Bertha und sagte mit heiserer Stimme noch aus dem Traum heraus: ?Kinder, h?rt auf! Ihr lügt ja, ihr lügt mich ja an; nicht euch müsset ihr zerrei?en, sondern mich, mich!"

Louis

Louis der Grausame war vom Himmel gefallen, pl?tzlich war er da, Klingsors alter Freund, der Reisende, der Unberechenbare, der in der Eisenbahn wohnte und dessen Atelier sein Rucksack war. Gute Stunden tropften vom Himmel dieser Tage, gute Winde wehten. Sie malten gemeinsam, auf dem ?lberg und in Cartago.

?Ob diese ganze Malerei eigentlich einen Wert hat?" sagte Louis auf dem ?lberg, nackt im Grase liegend, den Rücken rot von der Sonne. ?Man malt doch blo? faute de mieux, mein Lieber. H?ttest du immer das M?dchen auf dem Scho?, das dir gerade gef?llt, und die Suppe im Teller, nach der heute dein Sinn steht, du würdest dich nicht mit dem wahnsinnigen Kinderspiel plagen. Die Natur hat zehntausend Farben, und wir haben uns in den Kopf gesetzt, die Skala auf zwanzig zu reduzieren. Das ist die Malerei. Zufrieden ist man nie, und mu? noch die Kritiker ern?hren helfen. Hingegen eine gute Marseiller Fischsuppe, caro mio, und ein kleiner lauer Burgunder dazu, und nachher ein Mail?nder Schnitzel, zum Dessert Birnen und einen Gorgonzola, und ein türkischer Kaffee - das sind Realit?ten, mein Herr, das sind Werte! Wie i?t man schlecht in eurem Pal?stina hier! Ach Gott, ich wollte, ich w?r' in einem Kirschbaum, und die Kirschen wüchsen mir ins Maul, und grade über mir auf der Leiter stünde das braune heftige M?dchen, dem wir heut früh begegnet sind. Klingsor, gib das Malen auf! Ich lade dich zu einem guten Essen in Laguno ein, es wird bald Zeit."

?Gilt es?" fragte Klingsor blinzelnd.

?Es gilt. Ich mu? nur vorher noch schnell an den Bahnhof. N?mlich, offen gestanden, ich habe einer Freundin telegraphiert, da? ich am Sterben sei, sie kann um elf Uhr da sein."

Lachend ri? Klingsor die begonnene Studie vom Brett.

?Recht hast du, Junge. Gehen wir nach Laguno! Zieh dein Hemd an, Luigi. Die Sitten hier sind von gro?er Unschuld, aber nackt kannst du leider nicht in die Stadt gehen."

Sie gingen ins St?dtchen, sie gingen zum Bahnhof, eine sch?ne Frau kam an, sie a?en sch?n und gut in einem Restaurant, und Klingsor, der dies in seinen l?ndlichen Monaten ganz vergessen hatte, war erstaunt, da? es alle diese Dinge noch gab, diese lieben heiteren Dinge: Forellen, Lachsschinken, Spargeln, Chablis, Waliser D?le, Benediktiner.

Nach dem Essen fuhren sie, alle drei, in der Seilbahn durch die steile Stadt hinauf, quer durch die H?user, an Fenstern und h?ngenden G?rten vorüber, es war sehr hübsch, sie blieben sitzen und fuhren wieder hinab, und noch einmal hinauf und hinab. Sonderbar sch?n und seltsam war die Welt, sehr farbig, etwas fragwürdig, etwas unwahrscheinlich, jedoch wundersch?n. Klingsor nur war ein wenig befangen, er trug Kaltblütigkeit zur Schau, wollte sich nicht in Luigis sch?ne Freundin verlieben. Sie gingen nochmals in ein Kaffee, sie gingen in den leeren mitt?glichen Park, legten sich am Wasser unter die Riesenb?ume. Vieles sahen sie, was h?tte gemalt werden müssen: rote edelsteinerne H?user in tiefem Grün, Schlangenb?ume und Perückenb?ume, blau und braun berostet.

?Du hast sehr liebe und lustige Sachen gemalt, Luigi," sagte Klingsor, ?die ich alle sehr liebe: Fahnenstangen, Clowns, Zirkusse. Aber das Liebste von allem ist mir ein Fleck auf deinem n?chtlichen Karussellbild. Wei?t du, da weht über dem violetten Gezelt und fern von all den Lichtern hoch oben in der Nacht eine kühle kleine Fahne, hellrosa, so sch?n, so kühl, so einsam, so scheu?lich einsam! Das ist wie ein Gedicht von Li Tai Pe oder von Paul Verlaine. In dieser kleinen, dummen Rosafahne ist alles Weh und alle Resignation der Welt, und auch noch alles gute Lachen über Weh und Resignation. Da? du dieses F?hnchen gemalt hast, damit ist dein Leben gerechtfertigt, ich rechne es dir hoch an, das F?hnchen."

?Ja, ich wei?, da? du es gern hast."

?Du selber hast es auch gern. Schau, wenn du nicht einige solche Sachen gemalt h?ttest, dann würden alle guten Essen und Weine und Weiber und Kaffees dir nichts helfen, du w?rest ein armer Teufel. So aber bist du ein reicher Teufel, und bist ein Kerl, den man lieb hat. Sieh, Luigi, ich denke oft wie du: unsre ganze Kunst ist blo? ein Ersatz, ein mühsamer und zehnmal zu teuer bezahlter Ersatz für vers?umtes Leben, vers?umte Tierheit, vers?umte Liebe. Aber es ist doch nicht so. Es ist ganz anders. Man übersch?tzt das Sinnliche, wenn man das Geistige nur als einen Notersatz für fehlendes Sinnliches ansieht. Das Sinnliche ist um kein Haar mehr wert als der Geist, so wenig wie umgekehrt. Es ist alles eins, es ist alles gleich gut. Ob du ein Weib umarmst oder ein Gedicht machst, ist dasselbe. Wenn nur die Hauptsache da ist, die Liebe, das Brennen, das Ergriffensein, dann ist es einerlei, ob du M?nch auf dem Berge Athos bist oder Lebemann in Paris."

Louis blickte langsam aus den sp?ttischen Augen herüber. ?Junge, brich dir man keene Verzierungen ab!"

Mit der sch?nen Frau durchstreiften sie die Gegend. Im Sehen waren sie beide stark, das konnten sie. Im Umkreis der paar St?dtchen und D?rfer sahen sie Rom, sahen Japan, sahen die Südsee und zerst?rten die Illusionen wieder mit spielendem Finger; ihre Laune zündete Sterne am Himmel an und l?schte sie wieder aus. Durch die üppigen N?chte lie?en sie ihre Leuchtkugeln steigen; die Welt war Seifenblase, war Oper, war froher Unsinn.

Louis, der Vogel, schwebte auf seinem Fahrrad durch die Hügelgegend, war da und dort, w?hrend Klingsor malte. Manche Tage opferte Klingsor, dann sa? er wieder verbissen drau?en und arbeitete. Louis wollte nicht arbeiten. Louis war pl?tzlich abgereist, samt der Freundin, schrieb eine Karte aus weiter Ferne. Pl?tzlich war er wieder da, als Klingsor ihn schon verloren gegeben hatte, stand im Strohhut und offnen Hemde vor der Tür, als w?re er nie weggewesen. Noch einmal sog Klingsor aus dem sü?esten Becher seiner Jugendzeit den Trank der Freundschaft. Viele Freunde hatte er, viele liebten ihn, vielen hatte er gegeben, vielen sein rasches Herz ge?ffnet, aber nur zwei von den Freunden h?rten auch in diesem Sommer noch den alten Herzensruf von seinen Lippen: Louis der Maler, und der Dichter Hermann, genannt Thu Fu.

An manchen Tagen sa? Louis im Feld auf seinem Malstuhl, im Birnbaumschatten, im Pflaumenbaumschatten, und malte nicht. Er sa? und dachte und hielt Papier auf das Malbrett geheftet und schrieb, schrieb viel, schrieb viele Briefe. Sind Menschen glücklich, die so viele Briefe schreiben? Er schrieb angestrengt, Louis, der Sorglose, sein Blick hing eine Stunde lang peinlich am Papier. Viel Verschwiegenes trieb ihn um. Klingsor liebte ihn dafür.

Anders tat Klingsor. Er konnte nicht schweigen. Er konnte sein Herz nicht verbergen. Von den heimlichen Leiden seines Lebens, von denen wenige wu?ten, lie? er doch die N?chsten wissen. Oft litt er an Angst, an Schwermut, oft lag er im Schacht der Finsternis gefangen, Schatten aus seinem frühern Leben fielen zu Zeiten übergro? in seine Tage und machten sie schwarz. Dann tat es ihm wohl, Luigis Gesicht zu sehen. Dann klagte er ihm zuweilen.

Louis aber sah diese Schw?chen nicht gerne. Sie qu?lten ihn, sie forderten Mitleid. Klingsor gew?hnte sich daran, dem Freund sein Herz zu zeigen, und begriff zu sp?t, da? er ihn damit verliere.

Wieder begann Louis von Abreise zu sprechen. Klingsor wu?te, nun würde er ihn noch für Tage halten k?nnen, für drei, für fünf; pl?tzlich aber würde er ihm den gepackten Koffer zeigen und abreisen, um lange Zeit nicht wieder zu kommen. Wie war das Leben kurz, wie unwiederbringlich war alles! Den einzigen seiner Freunde, der seine Kunst ganz verstand, dessen eigene Kunst der seinen nah und ebenbürtig war, diesen einzigen hatte er nun erschreckt und bel?stigt, ihn verstimmt und abgekühlt, blo? aus dummer Schw?che und Bequemlichkeit, blo? aus dem kindlichen und unanst?ndigen Bedürfnis, einem Freund gegenüber sich keine Mühe geben zu müssen, keine Geheimnisse vor ihm zu hüten, keine Haltung vor ihm zu bewahren. Wie dumm, wie knabenhaft war das gewesen! So strafte sich Klingsor, zu sp?t.

Den letzten Tag wanderten sie zusammen durch die goldenen T?ler, Louis war sehr guter Laune, Abreise war Lebenslust für sein Vogelherz. Klingsor machte mit, sie hatten wieder den alten, leichten, spielenden und sp?ttischen Ton gefunden, und lie?en ihn nimmer los. Abends sa?en sie im Garten des Wirtshauses. Fische lie?en sie sich backen, Reis mit Pilzen kochen, und gossen Maraschino über Pfirsiche.

?Wohin reisest du morgen?" fragte Klingsor.

?Ich wei? nicht."

?F?hrst du zu der sch?nen Frau?"

?Ja. Vielleicht. Wer kann das wissen? Frage nicht so viel. Wir wollen jetzt, zum Schlu?, noch einen guten Wei?wein trinken. Ich bin für Neuenburger."

Sie tranken; pl?tzlich rief Louis: ?Es ist schon gut, da? ich abreise, alter Seehund. Manchmal, wenn ich so neben dir sitze, zum Beispiel jetzt, f?llt mir pl?tzlich etwas Dummes ein. Es f?llt mir ein, da? jetzt da die zwei Maler sitzen, die unser gutes Vaterland hat, und dann habe ich ein scheu?liches Gefühl in den Knien, wie wenn wir beide aus Bronze w?ren und Hand in Hand auf einem Denkmal stehen mü?ten, wei?t du, so wie der Goethe und der Schiller. Die k?nnen schlie?lich auch nichts dafür, da? sie ewig dastehen und einander an der Bronzehand halten müssen, und da? sie uns allm?hlich so fatal und verha?t geworden sind. Vielleicht waren sie ganz feine Kerle und reizende Burschen, vom Schiller habe ich früher einmal ein Stück gelesen, das war direkt hübsch. Und doch ist jetzt das aus ihm geworden, da? er ein berühmtes Vieh ist, und neben seinem siamesischen Zwilling stehen mu?, Gipskopf neben Gipskopf, und da? man ihre gesammelten Werke herumstehen sieht und sie in den Schulen erkl?rt. Es ist schauderhaft. Denke dir, ein Professor in hundert Jahren, wie er den Gymnasiasten predigt: Klingsor, geboren 1877, und sein Zeitgenosse Louis, genannt der Vielfra?, Erneuerer der Malerei, Befreiung vom Naturalismus der Farbe, bei n?herer Betrachtung zerf?llt dies Künstlerpaar in drei deutlich unterscheidbare Perioden! Lieber komme ich noch heut unter eine Lokomotive."

?Gescheiter w?re es, es k?men alle Professoren darunter."

?So gro?e Lokomotiven gibt es nicht. Du wei?t, wie kleinlich unsre Technik ist."

Schon kamen Sterne herauf. Pl?tzlich stie? Louis sein Glas an das des Freundes.

?So, wir wollen ansto?en und austrinken. Dann setze ich mich auf mein Rad und adieu. Nur keinen langen Abschied! Der Wirt ist bezahlt. Prosit, Klingsor!"

Sie stie?en an, sie tranken aus, im Garten stieg Louis aufs Zweirad, schwang den Hut, war fort. Nacht, Sterne. Louis war in China. Louis war eine Legende.

Klingsor l?chelte traurig. Wie liebte er diesen Zugvogel! Lange stand er im Kies des Wirtsgartens, sah die leere Stra?e hinab.

Der Kareno-Tag

Zusammen mit den Freunden aus Barengo und mit Agosto und Ersilia unternahm Klingsor die Fu?reise nach Kareno. Sie sanken in der Morgenstunde, zwischen den stark duftenden Spir?en und umzittert von den noch betauten Spinngeweben der Waldr?nder, durch den steilen warmen Wald hinab in das Tal von Pampambio, wo vom Sommertag bet?ubt an der gelben Stra?e grelle gelbe H?user schliefen, vornübergeneigt und halbtot, und am versiegten Bach die wei?en metallenen Weiden hingen mit schweren Flügeln über den goldenen Wiesen. Farbig schwamm die Karawane der Freunde auf der rosigen Stra?e durch das dampfende Talgrün: die M?nner wei? und gelb in Leinen und Seide, die Frauen wei? und rosa, der herrliche veronesergrüne Sonnenschirm Ersilias funkelte wie ein Kleinod im Zauberring.

Melancholisch klagte der Doktor, mit der menschenfreundlichen Stimme: ?Es ist ein Jammer, Klingsor, Ihre wunderbaren Aquarelle werden in zehn Jahren alle wei? sein; diese Farben, die Sie bevorzugen, halten alle nicht."

Klingsor: ?Ja, und was noch schlimmer ist: Ihre sch?nen braunen Haare, Doktor, werden in zehn Jahren alle grau sein, und eine kleine Weile sp?ter liegen unsere hübschen frohen Knochen irgendwo in einem Loch in der Erde, leider auch Ihre so sch?nen und gesunden Knochen, Ersilia. Kinder, wir wollen nicht so sp?t im Leben noch anfangen vernünftig zu werden. Hermann, wie spricht Li Tai Pe?"

Hermann der Dichter blieb stehen und sprach:

Das Leben vergeht wie ein Blitzstrahl,

Dessen Glanz kaum so lange w?hrt, da? man ihn sehen kann.

Wenn die Erde und der Himmel ewig unbeweglich stehen,

Wie rasch fliegt die wechselnde Zeit über das Antlitz der Menschen.

O du, der du beim vollen Becher sitzest und nicht trinkst,

O sage mir, auf wen wartest du noch?

?Nein," sagte Klingsor, ?ich meine den andern Vers, mit Reimen, von den Haaren, die am Morgen noch dunkel waren -"

Hermann sagte alsbald den Vers:

Noch am Morgen gl?nzten deine Haare wie schwarze Seide,

Abend hat schon Schnee auf sie getan,

Wer nicht will, da? er lebendigen Leibes sterbend leide,

Schwinge den Becher und fordre den Mond als Kumpan!

Klingsor lachte laut, mit seiner etwas heiseren Stimme.

?Braver Li Tai Pe! Er hatte Ahnungen, er wu?te allerlei. Auch wir wissen allerlei, er ist unser alter kluger Bruder. Dieser trunkene Tag würde ihm gefallen, es ist gerade so ein Tag, an dessen Abend es sch?n w?re, den Tod Li Tai Pes zu sterben, im Boot auf dem stillen Flu?. Ihr werdet sehen, alles wird heut wunderbar sein."

?Was war das für ein Tod, den Li Tai Pe auf dem Flu? gestorben ist?" fragte die Malerin.

Aber Ersilia unterbrach, mit ihrer guten tiefen Stimme: ?Nein, jetzt h?ret auf! Wer noch ein Wort von Tod und Sterben sagt, den habe ich nicht mehr lieb. Finisca adesso, brutto Klingsor!"

Klingsor kam lachend zu ihr herüber: ?Wie haben Sie recht, bambina! Wenn ich noch ein Wort vom Sterben sage, dürfen Sie mir mit dem Sonnenschirm in beide Augen sto?en. Aber im Ernst, es ist heut wunderbar, liebe Menschen! Ein Vogel singt heut, der ist ein M?rchenvogel, ich hab' ihn schon am Morgen geh?rt. Ein Wind geht heut, der ist ein M?rchenwind, das himmlische Kind, der weckt die schlafenden Prinzessinnen auf und schüttelt den Verstand aus den K?pfen. Heut blüht eine Blume, die ist eine M?rchenblume, die ist blau und blüht nur einmal im Leben, und wer sie pflückt, der hat die Seligkeit."

?Meint er etwas damit?" fragte Ersilia den Doktor. Klingsor h?rte es.

?Ich meine damit: Dieser Tag kommt niemals wieder, und wer ihn nicht i?t und trinkt und schmeckt und riecht, dem wird er in aller Ewigkeit kein zweites Mal angeboten. Niemals wird die Sonne so scheinen wie heut, sie hat eine Konstellation am Himmel, eine Verbindung mit Jupiter, mit mir, mit Agosto und Ersilia und uns allen, die kommt nie, niemals wieder, nicht in tausend Jahren. Darum m?chte ich jetzt, weil das Glück bringt, ein wenig an Ihrer linken Seite gehen und Ihren smaragdenen Sonnenschirm tragen, in seinem Licht wird mein Sch?del aussehen wie ein Opal. Sie aber müssen auch mittun und müssen ein Lied singen, eines von Ihren sch?nsten."

Er nahm Ersilias Arm, sein scharfes Gesicht tauchte weich in den blaugrünen Schatten des Schirmes, in den er verliebt war und dessen grellsü?e Farbe ihn entzückte.

Ersilia fing zu singen an:

Il mio papa non vuole,

Ch' io spos' un bersaglier -

Stimmen schlossen sich an, man schritt singend bis zum Walde und in den Wald hinein, bis die Steigung zu gro? wurde, der Weg führte wie eine Leiter steil bergan durch die Farnkr?uter den gro?en Berg empor.

?Wie wundervoll gradlinig ist dieses Lied!" lobte Klingsor. ?Der Papa ist gegen die Liebenden, wie er es immer ist. Sie nehmen ein Messer, das gut schneidet, und machen den Papa tot. Weg ist er. Sie machen es in der Nacht, niemand sieht sie als der Mond, der verr?t sie nicht, und die Sterne, die sind stumm, und der liebe Gott, der wird ihnen schon verzeihen. Wie sch?n und aufrichtig ist das! Ein heutiger Dichter würde dafür gesteinigt werden."

Man klomm im durchsonnten spielenden Kastanienschatten den engen Bergweg hinan. Wenn Klingsor aufblickte, sah er vor seinem Gesicht die dünnen Waden der Malerin rosig aus durchsichtigen Strümpfen scheinen. Sah er zurück, so w?lbte sich über dem schwarzen Negerkopf Ersilias der Türkis des Sonnenschirmes. Darunter war sie violett in Seide, die einzige Dunkle unter allen Figuren.

Bei einem Bauernhaus blau und orange lagen gefallene grüne Sommer?pfel in der Wiese, kühl und sauer, von denen probierten sie. Die Malerin erz?hlte schw?rmend von einem Ausflug auf der Seine, in Paris, einst, vor dem Kriege. Ja, Paris, und das selige Damals!

?Das kommt nicht wieder. Nie mehr."

?Es soll auch nicht," rief der Maler heftig und schüttelte grimmig den scharfen Sperberkopf. ?Nichts soll wiederkommen! Wozu denn? Was sind das für Kinderwünsche! Der Krieg hat alles, was vorher war, zu einem Paradies umgemalt, auch das Dümmste, auch das Entbehrlichste. Gut so, es war sch?n in Paris und sch?n in Rom und sch?n in Arles. Aber ist es heut und hier weniger sch?n? Das Paradies ist nicht Paris und nicht die Friedenszeit, das Paradies ist hier, da oben liegt es auf dem Berg, und in einer Stunde sind wir mitten drin und sind die Sch?cher, zu denen gesagt wird: Heut wirst du mit mir im Paradiese sein."

Sie brachen aus dem durchsprenkelten Schatten des Waldpfades auf die offene breite Fahrstra?e hinaus, die führte licht und hei? in gro?en Spiralen zur H?he. Klingsor, die Augen mit der dunkelgrünen Brille geschützt, ging als letzter und blieb oft zurück, um die Figuren sich bewegen und ihre farbigen Konstellationen zu sehen. Er hatte nichts zum Arbeiten mitgenommen, absichtlich, nicht einmal das kleine Notizbuch, und stand doch hundertmal still, bewegt von Bildern. Einsam stand seine hagere Gestalt, wei? auf der r?tlichen Stra?e, am Rand des Akaziengeh?lzes. Sommer hauchte hei? über den Berg, Licht flo? senkrecht herab, Farbe dampfte hundertf?ltig aus der Tiefe herauf. über die n?chsten Berge, die grün und rot mit wei?en D?rfern aufklangen, schauten bl?uliche Bergzüge, und lichter und blauer dahinter neue und neue Züge und ganz fern und unwirklich die kristallnen Spitzen von Schneebergen. über dem Wald von Akazien und Kastanien trat freier und m?chtiger der Felsrücken und h?ckrige Gipfel des Salute hervor, lila und hellviolett. Sch?ner als alles waren die Menschen, wie Blumen standen sie im Licht unterm Grün, wie ein riesiger Skarab?us leuchtete der smaragdne Sonnenschirm, Ersilias schwarzes Haar darunter, die wei?e schlanke Malerin, mit rosigem Gesicht, und alle andern. Klingsor trank sie mit durstigem Auge, seine Gedanken aber waren bei Gina. Erst in einer Woche konnte er sie wieder sehen, sie sa? in einem Büro in der Stadt und schrieb auf der Maschine, selten nur glückte es, da? er sie sah, und nie allein. Und sie liebte er, gerade sie, die nichts von ihm wu?te, die ihn nicht kannte, nicht verstand, für die er nur ein seltner seltsamer Vogel, ein fremder berühmter Maler war. Wie seltsam war das, da? gerade an ihr sein Verlangen h?ngen blieb, da? kein anderer Liebesbecher ihm genügte. Er war es nicht gewohnt, lange Wege um eine Frau zu gehen. Um Gina ging er sie, um eine Stunde neben ihr zu sein, ihre schlanken kleinen Finger zu halten, seinen Schuh unter ihren zu schieben, einen schnellen Ku? auf ihren Nacken zu drücken. Er sann darüber nach, sich selbst ein drolliges R?tsel. War dies schon die Wende? Schon das Alter? War es nur das, nur der Johannistrieb des Vierzigj?hrigen zur Zwanzigj?hrigen?

Der Bergrücken war erreicht, und jenseits brach eine neue Welt dem Blick entgegen: hoch und unwirklich der Monte Gennaro, aufgebaut aus lauter steilen spitzen Pyramiden und Kegeln, die Sonne schr?g dahinter, jedes Plateau emailgl?nzend auf tief violetten Schatten schwimmend. Zwischen dort und hier die flimmernde Luft, und unendlich tief verloren der schmale blaue Seearm, kühl hinter grünen Waldflammen ruhend.

Ein winziges Dorf auf dem Berggrat: ein Herrschaftsgut mit kleinem Wohnhaus, vier, fünf andere H?user, steinern, blau und rosig bemalt, eine Kapelle, ein Brunnen, Kirschb?ume. Die Gesellschaft hielt in der Sonne am Brunnen, Klingsor ging weiter, durch einen Torbogen in ein schattiges Geh?ft, drei bl?uliche H?user standen hoch, mit wenig kleinen Fenstern, Gras und Ger?ll dazwischen, eine Ziege, Brennesseln. Ein Kind lief vor ihm fort, er lockte es, zog Schokolade aus der Tasche. Es hielt, er fing es ein, streichelte und fütterte es, es war scheu und sch?n, ein kleines schwarzes M?dchen, erschrockene schwarze Tieraugen, schlanke nackte Beine braun und gl?nzend. ?Wo wohnt ihr?" fragte er, sie lief zur n?chsten Tür, die in dem H?usergeklüft sich ?ffnete. Aus einem finstern Steinraum wie aus H?hlen der Urzeit trat ein Weib, die Mutter, auch sie nahm Schokolade. Aus schmutzigen Kleidern stieg der braune Hals, ein festes breites Gesicht, sonnverbrannt und sch?n, breiter voller Mund, gro?es Auge, roher sü?er Liebreiz, Geschlecht und Mutterschaft sprach breit und still aus gro?en asiatischen Zügen. Er neigte sich verführend zu ihr, sie wich l?chelnd aus, schob das Kind zwischen sich und ihn. Er ging weiter, zu einer Wiederkehr entschlossen. Diese Frau wollte er malen, oder ihr Geliebter sein, sei es nur eine Stunde lang. Sie war alles: Mutter, Kind, Geliebte, Tier, Madonna.

Langsam kehrte er zur Gesellschaft zurück, das Herz voll von Tr?umen. Auf der Mauer des Gutes, dessen Wohnhaus leer und geschlossen schien, waren alte rauhe Kanonenkugeln befestigt, eine launische Treppe führte durch Gebüsch zu einem Hain und Hügel, zu oberst ein Denkmal, da stand barock und einsam eine Büste, Kostüm Wallenstein, Locken, gewellter Spitzbart. Spuk und Phantastik umglühte den Berg, im glei?enden Mittagslicht, Wunderliches lag auf der Lauer, auf eine andere, ferne Tonart war die Welt gestimmt. Klingsor trank am Brunnen, ein Segelfalter flog her und sog an den verspritzten Tropfen auf dem kalksteinernen Brunnenrand.

Dem Grat nach führte die Bergstra?e weiter, unter Kastanien, unter Nu?b?umen, sonnig, schattig. An einer Biegung, eine Wegkapelle, alt und gelb, in der Nische verblichene alte Bilder, ein Heiligenkopf engelsü? und kindlich, ein Stück Gewand rot und braun, der Rest verbr?ckelt. Klingsor liebte alte Bilder sehr, wenn sie ihm ungesucht entgegenkamen, er liebte solche Fresken, er liebte die Wiederkehr dieser sch?nen Werke zum Staub und zur Erde.

Wieder B?ume, Reben, hei?e Stra?e blendend, wieder eine Biegung: da war das Ziel, pl?tzlich, unverhofft: ein dunkler Torgang, eine gro?e hohe Kirche aus rotem Stein, froh und selbstbewu?t in den Himmel hinan geschmettert, ein Platz voll Sonne, Staub und Frieden, rot verbrannter Rasen, der unterm Fu?e brach, Mittagslicht von grellen W?nden zurückgeworfen, eine S?ule, eine Figur darauf, unsichtbar vor Sonnenschwall, eine Steinbrüstung um weiten Platz über blaue Unendlichkeit. Dahinter das Dorf, Kareno, uralt, eng, finster, sarazenisch, düstere Steinh?hlen unter verblichen braunem Ziegelstein, Gassen bedrückend traumschmal und voll Finsternis, kleine Pl?tze pl?tzlich in wei?er Sonne aufschreiend, Afrika und Nagasaki, darüber der Wald, darunter der blaue Absturz, wei?e, fette, satte Wolken oben.

?Es ist komisch," sagte Klingsor, ?wie lange man braucht, bis man sich in der Welt ein bi?chen auskennt! Als ich einmal nach Asien fuhr, vor Jahren, kam ich im Schnellzug in der Nacht sechs Kilometer von hier vorbeigefahren, oder zehn, und wu?te nichts. Ich fuhr nach Asien, und es war damals sehr notwendig, da? ich es tat. Aber alles, was ich dort fand, das finde ich heut auch hier: Urwald, Hitze, sch?ne fremde Menschen ohne Nerven, Sonne, Heiligtümer. Man braucht so lang, bis man lernt, an einem einzigen Tage drei Erdteile zu besuchen. Hier sind sie. Willkommen, Indien! Willkommen, Afrika! Willkommen, Japan!"

Die Freunde kannten eine junge Dame, die hier oben hauste, und Klingsor freute sich auf den Besuch bei der Unbekannten sehr. Er nannte sie die K?nigin der Gebirge, so hatte eine geheimnisvolle morgenl?ndische Erz?hlung in den Büchern seiner Knabenjahre gehei?en.

Erwartungsvoll brach die Karawane durch die blaue Schattenschlucht der Gassen, kein Mensch, kein Laut, kein Huhn, kein Hund. Aber im Halbschatten eines Fensterbogens sah Klingsor lautlos eine Gestalt stehen, ein sch?nes M?dchen, schwarz?ugig, rotes Kopftuch um schwarzes Haar. Ihr Blick, still nach den Fremden lauernd, traf den seinen, einen langen Atemzug lang schauten sie, Mann und M?dchen, sich in die Augen, voll und ernst, zwei fremde Welten einen Augenblick lang einander nah. Dann l?chelten sich beide kurz und innig den ewigen Gru? der Geschlechter zu, die alte, sü?e, gierige Feindschaft, und mit einem Schritt um die Kante des Hauses war der fremde Mann hinweggeflossen, und lag in des M?dchens Truhe, Bild bei vielen Bildern, Traum bei vielen Tr?umen. In Klingsors nie ers?ttigtem Herzen stach der kleine Stachel, einen Augenblick z?gerte er und dachte umzukehren, Agosto rief ihn, Ersilia fing zu singen an, eine Schattenmauer schwand hinweg, und ein kleiner greller Platz mit zwei gelben Pal?sten lag still und blendend im verzauberten Mittag, schmale steinerne Balkone, geschlossene L?den, herrliche Bühne für den ersten Akt einer Oper.

?Ankunft in Damaskus," rief der Doktor. ?Wo wohnt Fatme, die Perle unter den Frauen?"

Antwort kam überraschend aus dem kleineren Palast. Aus der kühlen Schw?rze hinter der halbgeschlossenen Balkontür sprang ein seltsamer Ton, noch einer und zehnmal der gleiche, dann die Oktave dazu, zehnmal - ein Flügel, der gestimmt wurde, ein singender Flügel voller T?ne mitten in Damaskus.

Hier mu?te es sein, hier wohnte sie. Das Haus schien aber ohne Tor zu sein, nur rosig gelbe Mauer mit zwei Balkonen, darüber am Verputz des Giebels eine alte Malerei: Blumen blau und rot und ein Papagei. Eine gemalte Tür h?tte hier sein müssen, und wenn man dreimal an sie pochte und den Schlüssel Salomonis dazu sprach, ging die gemalte Pforte auf, und den Wanderer empfing der Duft von persischen ?len, hinter Schleiern thronte hoch die K?nigin der Gebirge. Sklavinnen kauerten auf den Stufen zu ihren Fü?en, der gemalte Papagei flog kreischend auf die Schulter der Herrin.

Sie fanden eine winzige Tür in einer Nebengasse, eine heftige Glocke, teuflischer Mechanismus, schrillte b?se auf, eng wie eine Leiter führte eine steile Treppe empor. Unausdenklich, wie der Flügel in dies Haus gekommen war. Durchs Fenster? Durchs Dach?

Ein gro?er schwarzer Hund kam gestürzt, ein kleiner blonder L?we ihm nach, gro?er L?rm, die Stiege klapperte, hinten sang der Flügel elfmal den gleichen Ton. Aus einem rosig getünchten Raum quoll sanftsü?es Licht, Türen schlugen. War da ein Papagei?

Pl?tzlich stand die K?nigin der Gebirge da, schlanke elastische Blüte, straff und federnd, ganz in Rot, brennende Flamme, Bildnis der Jugend. Vor Klingsors Auge stoben hundert geliebte Bilder hinweg, und das neue sprang strahlend auf. Er wu?te sofort, da? er sie malen würde, nicht nach der Natur, sondern den Strahl in ihr, den er empfangen hatte, das Gedicht, den holden herben Klang: Jugend, Rot, Blond, Amazone. Er würde sie ansehen, eine Stunde lang, vielleicht mehrere Stunden lang. Er würde sie gehen sehen, sitzen sehen, lachen sehen, vielleicht tanzen sehen, vielleicht singen h?ren. Der Tag war gekr?nt, der Tag hatte seinen Sinn gefunden. Was weiter dazu kommen mochte, war Geschenk, war überflu?. Immer war es so: das Erlebnis kam nie allein, immer flogen ihm V?gel voraus, immer gingen ihm Boten und Vorzeichen voran, der mütterlich asiatische Tierblick unter jener Tür, die schwarze Dorfsch?ne im Fenster, dies und das.

Eine Sekunde lang empfand er aufzuckend: ?W?re ich zehn Jahre jünger, zehn kurze Jahre, so k?nnte diese mich haben, mich fangen, mich um den Finger wickeln! Nein, du bist zu jung, du kleine rote K?nigin, du bist zu jung für den alten Zauberer Klingsor! Er wird dich bewundern, er wird dich auswendig lernen, er wird dich malen, er wird das Lied deiner Jugend für immer aufzeichnen; aber er wird keine Wallfahrt um dich tun, keine Leiter nach dir steigen, keinen Mord um dich begehen und kein St?ndchen vor deinem hübschen Balkon bringen. Nein, leider wird er dies alles nicht tun, der alte Maler Klingsor, das alte Schaf. Er wird dich nicht lieben, er wird nicht den Blick nach dir werfen, den er nach der Asiatin, den er nach der Schwarzen im Fenster warf, die vielleicht keinen Tag jünger ist als du. Für sie ist er nicht zu alt, nur für dich, K?nigin der Gebirge, rote Blume am Berg. Für dich, Steinnelke, ist er zu alt. Für dich genügt die Liebe nicht, die Klingsor zwischen einem Tag voll Arbeit und einem Abend voll Rotwein zu verschenken hat. Desto besser wird mein Auge dich trinken, schlanke Rakete, und von dir wissen, wenn du mir lang erloschen bist."

Durch R?ume mit Steinb?den und offenen Bogen kam man in einen Saal, wo barocke wilde Stuckfiguren über hohen Türen emporflackerten und rundum auf dunklem gemalten Fries Delphine, wei?e Rosse und rosenrote Amoretten durch ein dicht bev?lkertes Sagenmeer schwammen. Ein paar Stühle und am Boden die Teile des zerlegten Flügels, sonst war nichts in dem gro?en Raum, aber zwei verlockende Türen führten auf die zwei kleinen Balkone über dem strahlenden Opernplatz hinaus, und gegenüber über Eck brüsteten sich die Balkone des Nachbarpalastes, auch sie mit Bildern bemalt, dort schwamm ein roter feister Kardinal wie ein Goldfisch in der Sonne.

Man ging nicht wieder fort. Im Saale wurden Vorr?te ausgepackt und ein Tisch gedeckt, Wein kam, seltener Wei?wein aus dem Norden, Schlüssel für Heere von Erinnerungen. Der Klavierstimmer hatte die Flucht ergriffen, der zerstückte Flügel schwieg. Nachdenklich starrte Klingsor in das entbl??te Saitenged?rme, dann tat er leise den Deckel zu. Seine Augen schmerzten, aber in seinem Herzen sang der Sommertag, sang die sarazenische Mutter, sang blau und schwellend der Traum von Kareno. Er a? und stie? mit seinem Glase an Gl?ser, er sprach hell und froh, und hinter all dem arbeitete der Apparat in seiner Werkstatt, sein Blick war um die Steinnelke, um die Feuerblume ringsum wie das Wasser um den Fisch, ein flei?iger Chronist sa? in seinem Gehirn und schrieb Formen, Rhythmen, Bewegungen genau wie in ehernen Zahlens?ulen auf.

Gespr?ch und Gel?chter füllten den leeren Saal. Klug und gütig lachte der Doktor, tief und freundlich Ersilia, stark und unterirdisch Agosto, vogelleicht die Malerin, klug sprach der Dichter, spa?haft sprach Klingsor, beobachtend und ein wenig scheu ging die rote K?nigin unter ihren G?sten, Delphinen und Rossen umher, war hier und dort, stand am Flügel, kauerte auf einem Kissen, schnitt Brot, schenkte Wein mit unerfahrener M?dchenhand. Freude scholl im kühlen Saal, Augen gl?nzten schwarz und blau, vor den lichten hohen Balkontüren lag starr der blendende Mittag auf Wache.

Hell flo? der edle Wein in die Gl?ser, holder Gegensatz zum einfachen kalten Mahl. Hell flo? der rote Schein vom Kleid der K?nigin durch den hohen Saal, hell und wachsam folgten ihm die Blicke aller M?nner. Sie verschwand, kam wieder und hatte ein grünes Brusttuch umgebunden. Sie verschwand, kam wieder und hatte ein blaues Kopftuch umgebunden.

Nach Tische ermüdet und ges?ttigt brach man fr?hlich auf, in den Wald, legte sich in Gras und Moos, Sonnenschirme leuchteten, unter Strohhüten glühten Gesichter, glei?end brannte der Sonnenhimmel. Die K?nigin der Gebirge lag rot im grünen Gras, hell stieg ihr feiner Hals aus der Flamme, satt und belebt sa? ihr hoher Schuh am schlanken Fu?. Klingsor, ihr nahe, las sie, studierte sie, füllte sich mit ihr, wie er als Knabe die Zaubergeschichte von der K?nigin der Gebirge gelesen und sich mit ihr erfüllt hatte. Man ruhte, man schlummerte, man plauderte, man k?mpfte mit Ameisen, glaubte Schlangen zu h?ren, stachliche Kastanienschalen blieben in Frauenhaaren h?ngen. Man dachte an abwesende Freunde, die in diese Stunde gepa?t h?tten, es waren nicht viele. Louis der Grausame wurde herbeigesehnt, Klingsors Freund, der Maler der Karusselle und Zirkusse, sein phantastischer Geist schwebte nah über der Runde.

Der Nachmittag ging hin, wie ein Jahr im Paradiese. Beim Abschied wurde viel gelacht, Klingsor nahm alles in seinem Herzen mit: die K?nigin, den Wald, den Palast und Delphinensaal, die beiden Hunde, den Papagei.

Im Bergabwandern zwischen den Freunden überkam ihn allm?hlich die frohe und hingerissene Laune, die er nur an den seltenen Tagen kannte, an denen er freiwillig die Arbeit hatte ruhen lassen. Hand in Hand mit Ersilia, mit Hermann, mit der Malerin tanzte er die besonnte Stra?e hinab, stimmte Lieder an, erg?tzte sich kindlich an Witzen und Wortspielen, lachte hingegeben. Er rannte den andern voraus und versteckte sich in einen Hinterhalt, um sie zu erschrecken.

So rasch man ging, die Sonne ging rascher, schon bei Palazzetto sank sie hinter den Berg, und unten im Tale war es schon Abend. Sie hatten den Weg verfehlt und waren zu tief gestiegen, man war hungrig und müde und mu?te die Pl?ne aufgeben, die man für den Abend gesponnen hatte: Spaziergang durchs Korn nach Barengo, Fischessen im Wirtshaus des Seedorfes.

?Liebe Leute," sagte Klingsor, der sich auf eine Mauer am Wege gesetzt hatte, ?unsre Pl?ne waren ja sehr sch?n, und ein gutes Abendessen bei den Fischern oder im Monte d'oro würde gewi? mich dankbar finden. Aber wir kommen nicht mehr so weit, ich wenigstens nicht. Ich bin müde, und ich habe Hunger. Ich gehe von hier aus keinen Schritt mehr weiter als bis zum n?chsten Grotto, der gewi? nicht weit ist. Dort gibt es Wein und Brot, das genügt. Wer kommt mit?"

Sie kamen alle. Der Grotto wurde gefunden, im steilen Bergwald auf schmaler Terrasse standen Steinb?nke und Tische im Baumdunkel, aus dem Felsenkeller brachte der Wirt den kühlen Wein, Brot war da. Nun sa? man schweigend und essend, froh, endlich zu sitzen. Hinter den hohen Baumst?mmen erlosch der Tag, der blaue Berg wurde schwarz, die rote Stra?e wurde wei?, man h?rte unten auf der n?chtlichen Stra?e einen Wagen fahren und einen Hund bellen, da und dort gingen am Himmel Sterne und an der Erde Lichter auf, nicht voneinander zu unterscheiden.

Glücklich sa? Klingsor, ruhte, sah in die Nacht, füllte sich langsam mit Schwarzbrot, leerte still die bl?ulichen Tassen mit Wein. Ges?ttigt fing er wieder zu plaudern und zu singen an, schaukelte sich im Takt der Lieder, spielte mit den Frauen, witterte im Duft ihrer Haare. Der Wein schien ihm gut. Alter Verführer, redete er leicht die Vorschl?ge zum Weitergehen nieder, trank Wein, schenkte Wein ein, stie? z?rtlich an, lie? neuen Wein kommen. Langsam stiegen aus den irdenen bl?ulichen Tassen, Sinnbild der Verg?nglichkeit, die bunten Zauber, wandelten die Welt, f?rbten Stern und Licht.

Hoch sa?en sie in schwebender Schaukel überm Abgrund der Welt und Nacht, V?gel in goldenem K?fig, ohne Heimat, ohne Schwere, den Sternen gegenüber. Sie sangen, die V?gel, sangen exotische Lieder, sie phantasierten aus berauschten Herzen in die Nacht, in den Himmel, in den Wald, in das fragwürdige, bezauberte Weltall hinein. Antwort kam von Stern und Mond, von Baum und Gebirg, Goethe sa? da und Hafis, hei? duftete ?gypten und innig Griechenland herauf, Mozart l?chelte, Hugo Wolf spielte den Flügel in der irren Nacht.

L?rm krachte erschreckend auf, Licht blitzte knallend: unter ihnen mitten durch das Herz der Erde flog mit hundert blendenden Lichtfenstern ein Eisenbahnzug in den Berg und in die Nacht hinein, oben vom Himmel her l?uteten Glocken einer unsichtbaren Kirche. Lauernd stieg der halbe Mond über den Tisch, blickte spiegelnd in den dunkeln Wein, ri? Mund und Auge einer Frau aus der Finsternis, l?chelte, stieg weiter, sang den Sternen zu. Der Geist Louis des Grausamen hockte auf einer Bank, einsam, schrieb Briefe.

Klingsor, K?nig der Nacht, hohe Krone im Haar, rückgelehnt auf steinernem Sitz, dirigierte den Tanz der Welt, gab den Takt an, rief den Mond hervor, lie? die Eisenbahn verschwinden. Fort war sie, wie ein Sternbild übern Rand des Himmels f?llt. Wo war die K?nigin der Gebirge? Klang nicht ein Flügel im Wald, bellte nicht fern der kleine mi?trauische L?we? Hatte sie nicht eben noch ein blaues Kopftuch getragen? Halloh, alte Welt, trage Sorge, da? du nicht zusammenf?llst! Hierher, Wald! Dorthin, schwarzes Gebirg! Im Takt bleiben! Sterne, wie seid ihr blau und rot, wie im Volkslied: ?Deine roten Augen und dein blauer Mund!"

Malen war sch?n, Malen war ein sch?nes, ein liebes Spiel für brave Kinder. Anders war es, gr??er und wuchtiger, die Sterne zu dirigieren, Takt des eigenen Blutes, Farbenkreise der eigenen Netzhaut in die Welt hinein fortzusetzen, Schwebungen der eigenen Seele ausschwingen zu lassen im Wind der Nacht. Weg mit dir, schwarzer Berg! Sei Wolke, fliege nach Persien, regne über Uganda! Her mit dir, Geist Shakespeares, sing uns dein besoffenes Narrenlied vom Regen, der regnet jeglichen Tag!

Klingsor kü?te eine kleine Frauenhand, er lehnte sich an eine wohlig atmende Frauenbrust. Ein Fu? unterm Tische spielte mit seinem. Er wu?te nicht, wessen Hand oder wessen Fu?, er spürte Z?rtlichkeit um sich, fühlte alten Zauber neu und dankbar: er war noch jung, es war noch weit vom Ende, noch ging Strahlung und Verlockung von ihm aus, noch liebten sie ihn, die guten ?ngstlichen Weibchen, noch z?hlten sie auf ihn.

Er blühte h?her auf. Mit leiser, singender Stimme begann er zu erz?hlen, ein ungeheures Epos, die Geschichte einer Liebe, oder eigentlich einer Reise nach der Südsee, wo er in Begleitung von Gauguin und Robinson die Papageieninsel entdeckt und den Freistaat der glückseligen Inseln begründet hatte. Wie hatten die tausend Papageien im Abendlicht gefunkelt, wie hatten ihre blauen Schw?nze sich in der grünen Bucht gespiegelt! Ihr Geschrei, und das hundertstimmige Geschrei der gro?en Affen hatte ihn wie ein Donner begrü?t, ihn, Klingsor, als er seinen Freistaat ausrief. Dem wei?en Kakadu hatte er die Bildung eines Kabinetts aufgetragen, und mit dem mürrischen Nashornvogel hatte er Palmwein aus schweren Kokosbechern getrunken. O, Mond von damals, Mond der seligen N?chte, Mond über der Pfahlhütte im Schilf! Sie hie? Kül Kalüa, die braune scheue Prinzessin, schlank und langgliedrig schritt sie im Pisanggeh?lz, honiggl?nzend unterm saftigen Dach der Riesenbl?tter, Rehauge im sanften Gesicht, Katzenglut im starken biegsamen Rücken, Katzensprung im federnden Kn?chel und sehnigen Bein. Kül Kalüa, Kind, Urglut und Kinderunschuld des heiligen Südostens, tausend N?chte lagst du an Klingsors Brust, und jede war neu, jede war inniger, war holder als alle gewesenen. O, Fest des Erdgeistes, wo die Jungfern der Papageieninsel vor dem Gotte tanzten!

über Insel, Robinson und Klingsor, über Geschichte und Zuh?rer w?lbte sich die wei? gestirnte Nacht, z?rtlich schwoll der Berg wie ein sanfter atmender Bauch und Busen unter den B?umen und H?usern und Fü?en der Menschen, im Eilschritt tanzte fiebernd der feuchte Mond über die Himmelshalbkugel, von den Sternen im wilden schweigenden Tanz verfolgt. Ketten von Sternen waren aufgereiht, glei?ende Schnur der Drahtseilbahn zum Paradiese. Urwald dunkelte mütterlich, Schlamm der Urwelt duftete Verfall und Zeugung, Schlange kroch und Krokodil, ohne Ufer ergo? sich der Strom der Gestaltungen.

?Ich werde doch wieder malen," sagte Klingsor, ?schon morgen. Aber nicht mehr diese H?user und Leute und B?ume. Ich male Krokodile und Seesterne, Drachen und Purpurschlangen, und alles im Werden, alles in der Wandlung, voll Sehnsucht, Mensch zu werden, voll Sehnsucht, Stern zu werden, voll Geburt, voll Verwesung, voll Gott und Tod."

Mitten durch seine leisen Worte und durch die aufgewühlte trunkne Stunde klang tief und klar Ersilias Stimme, still sang sie das Lied vom bel mazzo di fiori vor sich hin, Friede str?mte von ihrem Liede aus, Klingsor h?rte es wie von einer fernen schwimmenden Insel über Meere von Zeit und Einsamkeit herüber. Er drehte seine leere Weintasse um, er schenkte nimmer ein. Er h?rte zu. Ein Kind sang. Eine Mutter sang. War man nun ein verirrter und verruchter Kerl, im Schlamm der Welt gebadet, ein Strolch und Luder, oder war man ein kleines dummes Kind?

?Sora Ersilia," sagte er mit Ehrerbietung, ?du bist unser guter Stern."

Durch steilen finstern Wald bergan, an Zweig und Wurzel geklammert, quoll man hinweg, den Heimweg suchend. Lichter Waldrand ward erreicht, Feld geentert, schmaler Weg im Maisfeld atmete Nacht und Heimkehr, Mondblick im spiegelnden Blatt des Maises, Rebenreihen schr?g entfliehend. Nun sang Klingsor, leise, mit der etwas heiseren Stimme, sang leise und viel, deutsch und malayisch, mit Worten und ohne Worte. Im leisen Gesang str?mte er gestaute Fülle aus, wie eine braune Mauer am Abend gesammeltes Tageslicht ausstrahlt.

Hier nahm einer der Freunde Abschied, und dort einer, schwand im Rebenschatten auf kleinem Pfad dahin. Jeder ging, jeder war für sich, suchte Heimkehr, war allein unterm Himmel. Eine Frau kü?te Klingsor zur guten Nacht, brennend sog ihr Mund an seinem. Weg rollten sie, weg schmolzen sie, alle. Als Klingsor allein die Treppe zu seiner Wohnung erstieg, sang er noch immer. Er besang und lobte Gott und sich selbst, er pries Li Tai Pe und pries den guten Wein von Pampambio. Wie ein G?tze ruhte er auf Wolken der Bejahung.

?Inwendig," sang er, ?bin ich wie eine Kugel von Gold, wie die Kuppel eines Domes, man kniet darin, man betet, Gold strahlt von der Wand, auf altem Bilde blutet der Heiland, blutet das Herz der Maria. Wir bluten auch, wir Anderen, wir Irrgegangenen, wir Sterne und Kometen, sieben und vierzehn Schwerter gehn durch unsre selige Brust. Ich liebe dich, blonde und schwarze Frau, ich liebe alle, auch die Philister; ihr seid arme Teufel wie ich, ihr seid arme Kinder und fehlgeratene Halbg?tter wie der betrunkne Klingsor. Sei mir gegrü?t, geliebtes Leben! Sei mir gegrü?t, geliebter Tod!"

Klingsor an Edith

Lieber Stern am Sommerhimmel!

Wie hast Du mir gut und wahr geschrieben, und wie ruft Deine Liebe mir schmerzlich zu, wie ewiges Leid, wie ewiger Vorwurf. Aber Du bist auf gutem Wege, wenn Du mir, wenn Du Dir selbst jede Empfindung des Herzens eingestehst. Nur nenne keine Empfindung klein, keine Empfindung unwürdig! Gut, sehr gut ist jede, auch der Ha?, auch der Neid, auch die Eifersucht, auch die Grausamkeit. Von nichts andrem leben wir als von unsern armen, sch?nen, herrlichen Gefühlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein Stern, den wir ausl?schen.

Ob ich Gina liebe, wei? ich nicht. Ich zweifle sehr daran. Ich würde kein Opfer für sie bringen. Ich wei? nicht, ob ich überhaupt lieben kann. Ich kann begehren, und kann mich in andern Menschen suchen, nach Echo aushorchen, nach einem Spiegel verlangen, kann Lust suchen, und alles das kann wie Liebe aussehen.

Wir gehen beide, Du und ich, im selben Irrgarten, im Garten unsrer Gefühle, die in dieser üblen Welt zu kurz gekommen sind, und wir nehmen dafür, jeder nach seiner Art, Rache an dieser b?sen Welt. Wir wollen aber einer des andern Tr?ume bestehen lassen, weil wir wissen, wie rot und sü? der Wein der Tr?ume schmeckt.

Klarheit über ihre Gefühle und über die ?Tragweite" und Folgen ihrer Handlungen haben nur die guten, gesicherten Menschen, die an das Leben glauben und keinen Schritt tun, den sie nicht auch morgen und übermorgen werden billigen k?nnen. Ich habe nicht das Glück, zu ihnen zu z?hlen, und ich fühle und handle so, wie einer, der nicht an morgen glaubt und jeden Tag für den letzten ansieht.

Liebe schlanke Frau, ich versuche ohne Glück meine Gedanken auszudrücken. Ausgedrückte Gedanken sind immer so tot! Lassen wir sie leben! Ich fühle tief und dankbar, wie Du mich verstehst, wie etwas in Dir mir verwandt ist. Wie das im Buch des Lebens zu buchen sei, ob unsre Gefühle Liebe, Wollust, Dankbarkeit, Mitleid, ob sie mütterlich oder kindlich sind, das wei? ich nicht. Oft sehe ich jede Frau an wie ein alter gewiegter Wüstling und oft wie ein kleiner Knabe. Oft hat die keuscheste Frau für mich die gr??te Verlockung, oft die üppigste. Alles ist sch?n, alles ist heilig, alles ist unendlich gut, was ich lieben darf. Warum, wie lange, in welchem Grad, das ist nicht zu messen.

Ich liebe nicht Dich allein, das wei?t Du, ich liebe auch nicht Gina allein, ich werde morgen und übermorgen andre Bilder lieben, andre Bilder malen. Bereuen aber werde ich keine Liebe, die ich je gefühlt, und keine Weisheit oder Dummheit, die ich ihretwegen begangen. Dich liebe ich vielleicht, weil Du mir ?hnlich bist. Andre liebe ich, weil sie so anders sind als ich.

Es ist sp?t in der Nacht, der Mond steht überm Salute. Wie lacht das Leben, wie lacht der Tod!

Wirf den dummen Brief ins Feuer, und wirf ins Feuer

Deinen Klingsor.

Die Musik des Untergangs

Der letzte Tag des Juli war gekommen, Klingsors Lieblingsmonat, die hohe Festzeit Li Tai Pes, war verblüht, kam nimmer wieder, Sonnenblumen schrien im Garten golden ins Blau empor. Zusammen mit dem treuen Thu Fu pilgerte Klingsor an diesem Tage durch eine Gegend, die er liebte: verbrannte Vorst?dte, staubige Stra?en unter hoher Allee, rot und orange bemalte Hütten am sandigen Ufer, Lastwagen und Ladepl?tze der Schiffe, lange violette Mauern, farbiges armes Volk. Am Abend dieses Tages sa? er am Rand einer Vorstadt im Staube und malte die farbigen Zelte und Wagen eines Karussells, am Stra?enbord auf kahlem, versengtem Anger sa? er hingekauert, angesogen von den starken Farben der Zelte. Tief bi? er sich fest im verschossenen Lila einer Zeltborte, im freudigen Grün und Rot der schwerf?lligen Wohnwagen, in den blau-wei? gestrichnen Gerüststangen. Grimmig wühlte er im Kadmium, wild im sü?kühlen Kobalt, zog die verflie?enden Striche Krapplack durch den gelb und grünen Himmel. Noch eine Stunde, o, weniger, dann war Schlu?, die Nacht kam, und morgen begann schon der August, der brennende Fiebermonat, der so viel Todesfurcht und Bangnis in seine glühenden Becher mischt. Die Sense war gesch?rft, die Tage neigten sich, der Tod lachte versteckt im br?unenden Laub. Klinge hell und schmettre, Kadmium! Prahle laut, üppiger Krapplack! Lache grell, Zitrongelb! Her mit dir, tiefblauer Berg der Ferne! An mein Herz ihr, staubgrüne matte B?ume! Wie seid ihr müd, wie la?t ihr ergebene fromme ?ste sinken! Ich trinke euch, ich schlucke, ich fresse euch, holde Erscheinungen! Ich t?usche euch Dauer und Unsterblichkeit vor, ich, der Verg?nglichste, der Ungl?ubigste, der Traurigste, der mehr als ihr alle an der Angst vor dem Tode leidet. Juli ist verbrannt, August wird schnell verbrannt sein, pl?tzlich fr?stelt uns aus gelbem Laub am betauten Morgen das gro?e Gespenst entgegen. Pl?tzlich fegt November über den Wald. Pl?tzlich lacht das gro?e Gespenst, pl?tzlich friert uns das Herz, pl?tzlich f?llt uns das liebe rosige Fleisch von den Knochen, in der Wüste heult der Schakal, heiser singt sein verfluchtes Lied der Aasgeier. Ein verfluchtes Blatt der Gro?stadt bringt mein Bild und darunter steht: ?Vortrefflicher Maler, Expressionist, gro?er Kolorist, starb am 16. dieses Monats."

Voll Ha? ri? er eine Furche Pariserblau unter den grünen Zigeunerwagen. Voll Erbitterung schlug er die Kante Chromgelb auf die Prellsteine. Voll tiefer Verzweiflung setzte er Zinnober in einen ausgesparten Fleck, vertilgte das fordernde Wei?, k?mpfte blutend um Fortdauer, schrie hellgrün und neapelgelb zum unerbittlichen Gott. St?hnend warf er mehr Blau in das fade Staubgrün, flehend zündete er innigere Lichter im Abendhimmel an. Die kleine Palette voll reiner, unvermischter Farben von hellster Leuchtkraft, sie war sein Trost, sein Turm, sein Arsenal, sein Gebetbuch, seine Kanone, aus der er nach dem b?sen Tode scho?. Purpur war Leugnung des Todes, Zinnober war Verh?hnen der Verwesung. Gut war sein Arsenal, gl?nzend stand seine kleine tapfere Truppe, strahlend l?uteten die raschen Schüsse seiner Kanonen auf. Es half ja nichts, alles Schie?en war ja vergebens, aber Schie?en war doch gut, war Glück und Trost, war noch Leben, war noch Triumphieren.

Thu Fu war gegangen, einen Freund zu besuchen, der dort zwischen Fabrik und Ladeplatz seine Zauberburg bewohnte. Nun kam er und brachte ihn mit, den armenischen Sterndeuter.

Klingsor, mit dem Bilde fertig, atmete tief auf, als er die beiden Gesichter bei sich sah, das blonde gute Haar Thu Fus, den schwarzen Bart und den mit wei?en Z?hnen l?chelnden Mund des Magiers. Und da kam mit ihnen auch der Schatten, der lange, dunkle, mit den weit zurückgeflohenen Augen in den tiefen H?hlen. Willkommen auch du, Schatten, lieber Kerl!

?Wei?t du, was für ein Tag heut ist?" fragte Klingsor seinen Freund.

?Der letzte Juli, ich wei?."

?Ich stellte heut ein Horoskop," sagte der Armenier, ?und da sah ich, da? dieser Abend mir etwas bringen wird. Saturn steht unheimlich, Mars neutral, Jupiter dominiert. Li Tai Pe, sind Sie nicht ein Julikind?"

?Ich bin am zweiten Juli geboren."

?Ich dachte es. Ihre Sterne stehen verwirrt, Freund, nur Sie selbst k?nnten sie deuten. Fruchtbarkeit umgibt Sie wie eine Wolke, die nahe am Bersten ist. Seltsam stehen Ihre Sterne, Klingsor, Sie müssen es fühlen."

Li packte sein Ger?t zusammen. Erloschen war die Welt, die er gemalt hatte, erloschen der gelb und grüne Himmel, ertrunken die blaue helle Fahne, ermordet und verwelkt das sch?ne Gelb. Er war hungrig und durstig, die Kehle hing ihm voll Staub.

?Freunde," sagte er herzlich, ?wir wollen diesen Abend beisammen bleiben. Wir werden nicht mehr zusammen sein, wir alle vier, ich lese das nicht aus den Sternen, es steht mir im Herzen geschrieben. Mein Julimond ist vorüber, dunkel glühn seine letzten Stunden, in der Tiefe ruft die gro?e Mutter. Nie war die Welt so sch?n, nie war ein Bild von mir so sch?n, Wetterleuchten zuckt, Musik des Untergangs ist angestimmt. Wir wollen sie mitsingen, die sü?e bange Musik, wir wollen hier beisammen bleiben und Wein trinken und Brot essen."

Neben dem Karussell, dessen Zelt eben abgedeckt und für den Abend gerüstet wurde, standen einige Tische unter B?umen, eine hinkende Magd ging ab und zu, ein kleines Wirtshaus lag im Schatten. Hier blieben sie und sa?en am Brettertisch, Brot wurde gebracht und Wein in die irdenen Schalen geschenkt, unter den B?umen glommen Lichter auf, drüben begann die Orgel des Karussells zu erdr?hnen, heftig warf sie ihre br?ckelnde gelle Musik in den Abend.

?Dreihundert Becher will ich heute leeren," rief Li Tai Pe und stie? mit dem Schatten an. ?Sei gegrü?t, Schatten, standhafter Zinnsoldat! Seid gegrü?t, Freunde! Seid gegrü?t, elektrische Lichter, Bogenlampen und funkelnde Pailletten am Karussell! O, da? Louis da w?re, der flüchtige Vogel! Vielleicht ist er uns schon vorausgeflogen in den Himmel. Vielleicht auch kommt er morgen wieder, der alte Schakal, und findet uns nicht mehr und lacht und pflanzt Bogenlampen und Fahnenstangen auf unser Grab."

Still ging der Magier und holte neuen Wein, froh l?chelten seine wei?en Z?hne aus dem roten Mund.

?Schwermut," sagte er mit einem Blick zu Klingsor hinüber, ?ist eine Sache, die man nicht mit sich tragen sollte. Es ist so leicht - es ist das Werk einer Stunde, einer kurzen intensiven Stunde mit zusammengebissenen Z?hnen, dann ist man mit der Schwermut für immer fertig."

Klingsor sah aufmerksam auf seinen Mund, auf die hellen klaren Z?hne, welche einst in einer glühenden Stunde die Schwermut erwürgt und totgebissen hatten. War auch ihm m?glich, was dem Sterndeuter m?glich gewesen war? O, kurzer sü?er Blick in ferne G?rten: Leben ohne Angst, Leben ohne Schwermut! Er wu?te, diese G?rten waren ihm unerreichbar. Er wu?te, ihm war andres bestimmt, anders blickte zu ihm Saturn herüber, andre Lieder wollte Gott auf seinen Saiten spielen.

?Jeder hat seine Sterne," sagte Klingsor langsam, ?jeder hat seinen Glauben. Ich glaube nur an Eines: an den Untergang. Wir fahren in einem Wagen überm Abgrund, und die Pferde sind scheu geworden. Wir stehen im Untergang, wir alle, wir müssen sterben, wir müssen wieder geboren werden, die gro?e Wende ist für uns gekommen. Es ist überall das Gleiche: der gro?e Krieg, die gro?e Wandlung in der Kunst, der gro?e Zusammenbruch der Staaten des Westens. Bei uns im alten Europa ist alles das gestorben, was bei uns gut und unser eigen war; unsre sch?ne Vernunft ist Irrsinn geworden, unser Geld ist Papier, unsre Maschinen k?nnen blo? noch schie?en und explodieren, unsre Kunst ist Selbstmord. Wir gehen unter, Freunde, so ist es uns bestimmt, die Tonart Tsing Tse ist angestimmt."

Der Armenier schenkte Wein ein.

?Wie Sie wollen," sagte er. ?Man kann ja sagen, und man kann nein sagen, das ist nur Kinderspiel. Untergang ist etwas, das nicht existiert. Damit Untergang oder Aufgang w?re, mü?te es unten und oben geben. Unten und oben aber gibt es nicht, das lebt nur im Gehirn des Menschen, in der Heimat der T?uschungen. Alle Gegens?tze sind T?uschungen: wei? und schwarz ist T?uschung, Tod und Leben ist T?uschung, gut und b?se ist T?uschung. Es ist das Werk einer Stunde, einer glühenden Stunde mit zusammengebissenen Z?hnen, dann hat man das Reich der T?uschungen überwunden."

Klingsor h?rte seiner guten Stimme zu.

?Ich spreche von uns," gab er Antwort, ?ich spreche von Europa, von unsrem alten Europa, das zweitausend Jahre lang das Gehirn der Welt zu sein glaubte. Dies geht unter. Meinst du, Magier, ich kenne dich nicht? Du bist ein Bote aus dem Osten, ein Bote auch an mich, vielleicht ein Spion, vielleicht ein verkleideter Feldherr. Du bist hier, weil hier das Ende beginnt, weil du hier Untergang witterst. Aber wir gehen gerne unter, du, wir sterben gerne, wir wehren uns nicht."

?Du kannst auch sagen: gerne werden wir geboren," lachte der Asiate. ?Dir scheint es Untergang, mir scheint es vielleicht Geburt. Beides ist T?uschung. Der Mensch, der an die Erde glaubt als an die feststehende Scheibe unterm Himmel, der sieht und glaubt Aufgang und Untergang - und alle, fast alle Menschen glauben an diese feste Scheibe! Die Sterne selbst wissen kein Auf und Unter."

?Sind nicht Sterne untergegangen?" rief Thu Fu.

?Für uns, für unsre Augen."

Er schenkte die Tassen voll, immer machte er den Schenken, immer war er dienstfertig und l?chelte dazu. Er ging mit dem leeren Kruge weg, neuen Wein zu holen. Schmetternd schrie die Karussellmusik.

?Gehen wir hinüber, es ist so sch?n," bat Thu Fu, und sie gingen hin, standen an der bemalten Barriere, sahen im stechenden Glanz der Pailletten und Spiegel das Karussell im Kreise wüten, hundert Kinder mit den Augen gierig am Glanze h?ngen. Einen Augenblick fühlte Klingsor tief und lachend das Urtümliche und Negerhafte dieser kreiselnden Maschine, dieser mechanischen Musik, dieser grellen wilden Bilder und Farben, Spiegel und irrsinnigen Schmucks?ulen, alles trug Züge von Medizinmann und Schamane, von Zauber und uralter Rattenf?ngerei, und der ganze wilde wüste Glanz war im Grund nichts andres als der zuckende Glanz des Blechl?ffels, den der Hecht für ein Fischlein h?lt und an dem man ihn herauszieht.

Alle Kinder mu?ten Karussell fahren. Allen Kindern gab Thu Fu Geld, alle Kinder lud der Schatten ein. In Kn?ueln umgaben sie die Schenkenden, hingen sich an, flehten, dankten. Ein sch?nes blondes M?dchen, zw?lfj?hrig, dem gaben sie alle, sie fuhr jede Runde. Im Lichterglanz wehte hold der kurze Rock um ihre sch?nen Knabenbeine. Ein Knabe weinte. Knaben schlugen sich. Peitschend knallten zur Orgel die Tschinellen, gossen Feuer in den Takt, Opium in den Wein. Lange standen die Vier im Getümmel.

Wieder sa?en sie dann unterm Baume, in die Tassen go? der Armenier den Wein, schürte Untergang, l?chelte hell.

?Dreihundert Becher wollen wir heute leeren," sang Klingsor; sein verbrannter Sch?del glühte gelb, laut schallte sein Gel?chter hin; Schwermut kniete, ein Riese, auf seinem zuckenden Herzen. Er stie? an, er pries den Untergang, das Sterbenwollen, die Tonart Tsing Tse. Brausend erscholl die Karussellmusik. Aber innen im Herzen sa? Angst, das Herz wollte nicht sterben, das Herz ha?te den Tod.

Pl?tzlich klirrte eine zweite Musik wütend in die Nacht, schrill, hitzig, aus dem Hause her. Im Erdgescho?, neben dem Kamin, dessen Gesimse voll sch?n geordneter Weinflaschen stand, knallte ein Maschinenklavier los, Maschinengewehr, wild, scheltend, überstürzt. Leid schrie aus verstimmten T?nen, Rhythmus bog mit schwerer Dampfwalze st?hnende Dissonanzen nieder. Volk war da, Licht, L?rm, Burschen tanzten und M?dchen, auch die hinkende Magd, auch Thu Fu. Er tanzte mit dem blonden kleinen M?dchen, Klingsor sah zu, leicht und hold wehte ihr kurzes Sommerkleid um die dünnen sch?nen Beine, freundlich l?chelte Thu Fus Gesicht, voll Liebe. An der Kaminecke sa?en die andern, vom Garten hereingekommen, nah bei der Musik, mitten im L?rm. Klingsor sah T?ne, h?rte Farben. Der Magier nahm Flaschen vom Kamin, ?ffnete, schenkte ein. Hell stand sein L?cheln auf dem braunen klugen Gesicht. Furchtbar donnerte die Musik im niedern Saal. In die Reihe der alten Flaschen überm Kamin brach der Armenier langsam eine Bresche, wie ein Tempelr?uber Kelch um Kelch die Ger?te eines Altars wegnimmt.

?Du bist ein gro?er Künstler," flüsterte der Sterndeuter Klingsor zu, indem er seine Tasse füllte. ?Du bist einer der gr??ten Künstler dieser Zeit. Du hast das Recht, dich Li Tai Pe zu nennen. Aber du bist, Li Tai, du bist ein gehetzter, armer, ein gepeinigter und angstvoller Mensch. Du hast die Musik des Untergangs angestimmt, du sitzest singend in deinem brennenden Haus, das du selber angezündet hast, und es ist dir nicht wohl dabei, Li Tai Pe, auch wenn du jeden Tag dreihundert Becher leerst und mit dem Monde anst??t. Es ist dir nicht wohl dabei, es ist dir sehr weh dabei, S?nger des Untergangs, willst du nicht innehalten? Willst du nicht leben? Willst du nicht fortdauern?"

Klingsor trank und flüsterte mit seiner etwas heisern Stimme zurück: ?Kann man denn Schicksal wenden? Gibt es denn Freiheit des Wollens? Kannst denn du, Sterndeuter, meine Sterne anders lenken?"

?Nicht lenken, nur deuten kann ich sie. Lenken kannst nur du dich selbst. Es gibt Freiheit des Wollens. Sie hei?t Magie."

?Warum soll ich Magie treiben, wenn ich Kunst treiben kann? Ist Kunst nicht ebenso gut?"

?Alles ist gut. Nichts ist gut. Magie hebt T?uschungen auf. Magie hebt jene schlimmste T?uschung auf, die wir ?Zeit' hei?en."

?Tut das Kunst nicht auch?"

?Sie versucht es. Ist dein gemalter Juli, den du in deinen Mappen hast, dir genug? Hast du Zeit aufgehoben? Bist du ohne Angst vor dem Herbst, vor dem Winter?"

Klingsor seufzte und schwieg, schweigend trank er, schweigend füllte der Magier seine Tasse. Irrsinnig tobte die entfesselte Klaviermaschine, zwischen den Tanzenden schwebte engelhaft Thu Fus Gesicht. Der Juli war zu Ende.

Klingsor spielte mit den leeren Flaschen auf dem Tische, ordnete sie im Kreise.

?Dies sind unsre Kanonen," rief er, ?mit diesen Kanonen schie?en wir die Zeit kaputt, den Tod kaputt, das Elend kaputt. Auch mit Farben habe ich auf den Tod geschossen, mit dem feurigen Grün, mit dem knallenden Zinnober, mit dem sü?en Geraniumlack. Oft habe ich ihn auf den Sch?del getroffen, Wei? und Blau habe ich ihm ins Auge gejagt. Oft habe ich ihn in die Flucht geschlagen. Noch oft werde ich ihn treffen, ihn besiegen, ihn überlisten. Seht den Armenier, wieder ?ffnet er eine alte Flasche, und die eingeschlossene Sonne vergangener Sommer schie?t uns ins Blut. Auch der Armenier hilft uns, auf den Tod zu schie?en, auch der Armenier wei? keine andre Waffe gegen den Tod."

Der Magier brach Brot und a?.

?Gegen den Tod brauche ich keine Waffe, weil es keinen Tod gibt. Es gibt aber eines: Angst vor dem Tode. Die kann man heilen, gegen die gibt es eine Waffe. Es ist die Sache einer Stunde, die Angst zu überwinden. Aber Li Tai Pe will nicht. Li liebt ja den Tod, er liebt ja seine Angst vor dem Tode, seine Schwermut, sein Elend, nur die Angst hat ihn ja all das gelehrt, was er kann und wofür wir ihn lieben."

Sp?ttisch stie? er an, seine Z?hne blitzten, immer heiterer ward sein Gesicht, Leid schien ihm fremd. Niemand gab Antwort. Klingsor scho? mit der Weinkanone gegen den Tod. Gro? stand der Tod vor den offenen Türen des Saales, der von Menschen, Wein und Tanzmusik geschwollen war. Gro? stand der Tod vor den Türen, leise rüttelte er am schwarzen Akazienbaum, finster stand er im Garten auf der Lauer. Alles war drau?en voll Tod, voll von Tod, nur hier im engen schallenden Saal ward noch gek?mpft, ward noch herrlich und tapfer gek?mpft gegen den schwarzen Belagerer, der nah durch die Fenster greinte.

Sp?ttisch blickte der Magier über den Tisch, sp?ttisch schenkte er die Schalen voll. Viele Schalen schon hatte Klingsor zerbrochen, neue hatte er ihm gegeben. Viel hatte auch der Armenier getrunken, aber aufrecht sa? er wie Klingsor.

?La? uns trinken, Li," h?hnte er leise. ?Du liebst ja den Tod, gerne willst du ja untergehen, gerne den Tod sterben. Sagtest du nicht so, oder habe ich mich get?uscht - oder hast du mich und dich selber am Ende get?uscht? La? uns trinken, Li, la? uns untergehen!"

Zorn quoll in Klingsor empor. Auf stand er, stand aufrecht und hoch, der alte Sperber mit dem scharfen Kopf, spie in den Wein, zerschmi? seine volle Tasse am Boden. Weithin spritzte der rote Wein in den Saal, die Freunde wurden bleich, fremde Menschen lachten.

Aber schweigend und l?chelnd holte der Magier eine neue Tasse, schenkte sie l?chelnd voll, bot sie l?chelnd Li Tai an. Da l?chelte Li, da l?chelte auch er. über sein verzerrtes Gesicht lief das L?cheln wie Mondlicht.

?Kinder," rief er, ?la?t diesen Fremdling reden! Er wei? viel, der alte Fuchs, er kommt aus einem versteckten und tiefen Bau. Er wei? viel, aber er versteht uns nicht. Er ist zu alt, um Kinder zu verstehen. Er ist zu weise, um Narren zu verstehen. Wir, wir Sterbenden, wissen mehr vom Tode als er. Wir sind Menschen, nicht Sterne. Seht da meine Hand, die eine kleine blaue Schale voll Wein h?lt! Sie kann viel, diese Hand, diese braune Hand. Sie hat mit vielen Pinseln gemalt, sie hat neue Stücke der Welt aus dem Finstern gerissen und vor die Augen der Menschen gestellt. Diese braune Hand hat viele Frauen unterm Kinn gestreichelt, und hat viele M?dchen verführt, viel ist sie gekü?t worden, Tr?nen sind auf sie gefallen, ein Gedicht hat Thu Fu auf sie gedichtet. Diese liebe Hand, Freunde, wird bald voll Erde und voll Maden sein, keiner von euch würde sie mehr anrühren. Wohl, eben darum liebe ich sie. Ich liebe meine Hand, ich liebe meine Augen, ich liebe meinen wei?en, z?rtlichen Bauch, ich liebe sie mit Bedauern und mit Spott und mit gro?er Z?rtlichkeit, weil sie alle so bald verwelken und verfaulen müssen. Schatten du, dunkler Freund, alter Zinnsoldat auf dem Grabe Andersens, auch dir ergeht es so, lieber Kerl! Sto? mit mir an, unsre lieben Glieder und Eingeweide sollen leben!"

Sie stie?en an, dunkel l?chelte der Schatten aus seinen tiefen H?hlenaugen - und pl?tzlich ging etwas durch den Saal, wie ein Wind, wie ein Geist. Verstummt war unversehens die Musik, pl?tzlich, wie erloschen, weggeflossen waren die T?nzer, von der Nacht verschlungen, und die H?lfte der Lichter war verl?scht. Klingsor blickte nach den schwarzen Türen. Drau?en stand der Tod. Er sah ihn stehen. Er roch ihn. Wie Regentropfen in Landstra?enstaub, so roch der Tod.

Da rückte Li die Schale von sich weg, stie? den Stuhl von sich und ging langsam aus dem Saal, in den dunkeln Garten hinaus und fort, im Finstern, Wetterleuchten überm Haupt, allein. Schwer lag ihm das Herz in der Brust, wie der Stein auf einem Grab.

Abend im August

Im sinkenden Abend kam Klingsor - er hatte den Nachmittag in Sonne und Wind bei Manuzzo und Veglia gemalt - sehr müde im Wald über Veglia zu einem kleinen, schlafenden Canvetto. Es gelang ihm, eine greise Wirtsfrau herbeizurufen, sie brachte ihm eine irdene Tasse voll Wein, er setzte sich auf einen Nu?baumstumpf vor der Tür und packte den Rucksack aus, fand noch ein Stück K?se und einige Pflaumen darin, und hielt sein Nachtmahl. Die alte Frau sa? dabei, wei?, gebückt und zahnlos, und erz?hlte mit faltig arbeitendem Halse und stillgewordenen alten Augen vom Leben ihres Weilers und ihrer Familie, vom Krieg und der Teuerung und vom Stand der Felder, von Wein und Milch und was sie kosten, von gestorbenen Enkeln und ausgewanderten S?hnen; alle Lebenszeiten und Sternbilder dieses kleinen Bauernlebens lagen klar und freundlich ausgebreitet, rauh in dürftiger Sch?nheit, voll Freude und Sorge, voll Angst und Leben. Klingsor a?, trank, ruhte, h?rte zu, fragte nach Kindern und Vieh, Pfarrer und Bischof, lobte freundlich den ?rmlichen Wein, bot eine letzte Pflaume an, gab die Hand, wünschte eine glückliche Nacht und stieg, am Stock und mit dem Sack beschwert, langsam in den lichten Wald bergaufw?rts, dem Nachtlager entgegen.

Es war die sp?tgoldene Stunde, noch glühte Licht des Tages überall, doch gewann der Mond schon Schimmer, und erste Flederm?use schwammen in der grünen Flimmerluft. Ein Waldrand stand sanft im letzten Licht, helle Kastanienst?mme vor schwarzem Schatten, eine gelbe Hütte strahlte leise das eingesogene Tageslicht von sich, sanftglühend wie ein gelber Topas, rosenrot und violett führten die kleinen Wege durch Wiesen, Reben und Wald, da und dort schon ein gelber Akazienzweig, der Westhimmel golden und grün über sammetblauen Bergen.

O, jetzt noch arbeiten zu k?nnen, in der letzten, verzauberten Viertelstunde des reifen Sommertages, der nie wieder kam! Wie namenlos sch?n war alles jetzt, wie ruhig, gut und spendend, wie voll von Gott!

Klingsor setzte sich ins kühle Gras, griff mechanisch nach dem Bleistift und lie? die Hand l?chelnd wieder sinken. Er war todmüde. Seine Finger betasteten das trockene Gras, die trockene mürbe Erde. Wie lange noch, dann war dies liebe erregende Spiel vorbei! Wie lange noch, dann hatte man Hand und Mund und Augen voll Erde! Thu Fu hatte ihm dieser Tage ein Gedicht gesandt, dessen erinnerte er sich und sagte es langsam vor sich hin:

Vom Baum des Lebens f?llt

Mir Blatt um Blatt.

O taumelbunte Welt,

Wie machst du satt,

Wie machst du satt und müd,

Wie machst du trunken!

Was heut noch glüht,

Ist bald versunken.

Bald klirrt der Wind

über mein braunes Grab,

über das kleine Kind

Beugt sich die Mutter herab.

Ihre Augen will ich wiedersehn,

Ihr Blick ist mein Stern,

Alles andre mag gehn und verwehn,

Alles stirbt, alles stirbt gern;

Nur die ewige Mutter bleibt,

Von der wir kamen.

Ihr spielender Finger schreibt

In die flüchtige Luft unsre Namen.

Nun, es war gut so. Wie viele hatte Klingsor noch von seinen zehn Leben? Drei? Zwei? Mehr als eines war es immer noch, immer noch mehr als ein braves, gew?hnliches Allerwelts- und Bürgerleben. Und viel hatte er getan, viel gesehen, viel Papier und Leinwand bemalt, viele Herzen in Liebe und Ha? erregt, in Kunst und Leben viel ?rgernis und frischen Wind in die Welt gebracht. Viel Frauen hatte er geliebt, viele Traditionen und Heiligtümer zerst?rt, viel neue Dinge gewagt. Viele volle Becher hatte er leergesogen, viel Tage und Sternenn?chte geatmet, unter vielen Sonnen gebrannt, in vielen Wassern geschwommen. Nun sa? er hier, in Italien oder Indien oder China, der Sommerwind stie? launisch in die Kastanienkronen, gut und vollkommen war die Welt. Es war gleichgültig, ob er noch hundert Bilder malte oder zehn, ob er noch zwanzig Sommer lebte oder einen. Müde war er geworden, müde. Alles stirbt, alles stirbt gern. Braver Thu Fu!

Es war Zeit, nach Hause zu kommen. Er würde ins Zimmer wanken, vom Wind durch die Balkontür empfangen. Er würde Licht machen und seine Skizzen auspacken. Das Waldinnere mit dem vielen Chromgelb und Chinesischblau war vielleicht gut, es würde einmal ein Bild geben. Auf denn, es war Zeit.

Er blieb dennoch sitzen, den Wind im Haar, in der wehenden, beschmierten Leinenjacke, L?cheln und Weh im abendlichen Herzen. Weich und schlaff wehte der Wind, weich und lautlos taumelten die Flederm?use im erl?schenden Himmel. Alles stirbt, alles stirbt gern. Nur die ewige Mutter bleibt.

Er konnte auch hier schlafen, wenigstens eine Stunde, es war ja warm. Er legte den Kopf auf den Rucksack und sah in den Himmel. Wie ist die Welt sch?n, wie macht sie satt und müd!

Schritte kamen den Berg herab, kr?ftig auf losen h?lzernen Sohlen. Zwischen den Farren und Ginstern erschien eine Gestalt, eine Frau, schon waren die Farben ihrer Kleider nicht mehr zu erkennen. Sie kam n?her, in gesundem, gleichm??igem Tritt. Klingsor sprang auf und rief guten Abend. Sie erschrak ein wenig und blieb einen Augenblick stehen. Er sah ihr ins Gesicht. Er kannte sie, er wu?te nicht, woher. Sie war hübsch und dunkel, hell blitzten ihre sch?nen, festen Z?hne.

?Sieh da!" rief er und gab ihr die Hand. Er spürte, da? ihn etwas mit dieser Frau verband, irgendeine kleine Erinnerung. ?Kennt man sich noch?"

?Madonna! Ihr seid ja der Maler von Castagnetta! Habt Ihr mich noch gekannt?"

Ja, jetzt wu?te er. Sie war eine Bauernfrau vom Taverne-Tal, bei ihrem Hause hatte er einst, in der schon so schattentiefen und verwirrten Vergangenheit dieses Sommers, einige Stunden gemalt, hatte Wasser an ihrem Brunnen gesch?pft, eine Stunde im Schatten des Feigenbaumes geschlummert, und zum Schlu? einen Becher Wein und einen Ku? von ihr bekommen.

?Ihr seid nie mehr wiedergekommen," klagte sie. ?Ihr hattet es mir doch so sehr versprochen."

Mutwille und Herausforderung klang in ihrer tiefen Stimme. Klingsor wurde lebendig.

?Ecco, desto besser, da? du nun zu mir gekommen bist! Was für ein Glück ich habe, grade jetzt, wo ich so allein und traurig war!"

?Traurig? Machet mir nichts vor, Herr, Ihr seid ein Spa?macher, kein Wort darf man Euch glauben. Na, ich mu? aber weiter."

?O, dann begleite ich dich."

?Es ist nicht Euer Weg und ist auch nicht n?tig. Was soll mir passieren?"

?Dir nichts, aber mir. Wie leicht k?nnte einer kommen und dir gefallen und ginge mit dir und kü?te deinen lieben Mund und deinen Hals und deine sch?ne Brust, ein andrer statt meiner. Nein, das darf nicht sein."

Er hatte die Hand um ihren Nacken gelegt und lie? sie nicht mehr los.

?Stern, mein kleiner! Schatz! Meine kleine sü?e Pflaume! Bei? mich, sonst esse ich dich."

Er kü?te sie, die sich lachend zurückbog, auf den offnen, starken Mund, zwischen Str?uben und Widerreden gab sie nach, kü?te wieder, schüttelte den Kopf, lachte, suchte sich freizumachen. Er hielt sie an sich gezogen, seinen Mund auf ihrem, seine Hand auf ihrer Brust, ihr Haar roch wie Sommer, nach Heu, Ginster, Farnkraut, Brombeeren. Einen Augenblick tief Atem sch?pfend, bog er den Kopf zurück, da sah er am verglühten Himmel klein und wei? den ersten Stern aufgegangen. Die Frau schwieg, ihr Gesicht war ernst geworden, sie seufzte, sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie fester um ihre Brust. Er bückte sich sanft, drückte ihr den Arm in die Kniekehlen, die nicht widerstrebten, und bettete sie ins Gras.

?Hast du mich lieb?" fragte sie wie ein kleines M?dchen. ?Povera me!"

Sie tranken den Becher, Wind strich über ihr Haar und nahm ihren Atem mit.

Ehe sie Abschied nahmen, suchte er im Rucksack, in seinen Rocktaschen, ob er ihr nichts zu schenken habe, fand eine kleine silberne Taschendose, noch halb voll von Zigarettentabak, die leerte er aus und gab sie ihr.

?Nein, kein Geschenk, gewi? nicht!" versicherte er. ?Nur ein Andenken, da? du mich nicht vergi?t."

?Ich vergesse dich nicht," sagte sie. Und: ?Kommst du wieder?"

Er wurde traurig. Langsam kü?te er sie auf beide Augen.

?Ich komme wieder," sagte er.

Noch eine Weile h?rte er, regungslos stehend, ihre Schritte auf den Holzsohlen bergabw?rts klingen, über den Wiesengrund, durch den Wald, auf Erde, auf Fels, auf Laub, auf Wurzeln. Nun war sie fort. Schwarz stand der Wald in der Nacht, lau strich der Wind über die erloschene Erde. Irgend etwas, vielleicht ein Pilz, vielleicht ein welkes Farnkraut, roch scharf und bitter nach Herbst.

Klingsor konnte sich nicht zur Heimkehr entschlie?en. Wozu jetzt den Berg hinaufsteigen, wozu in seine Zimmer zu all den Bildern gehen? Er streckte sich ins Gras und lag und sah die Sterne an, schlief endlich ein und schlief, bis sp?t in der Nacht ein Tierschrei oder ein Windsto? oder die Kühle des Taus ihn erweckte. Dann stieg er nach Castagnetta hinauf, fand sein Haus, seine Tür, seine Zimmer. Briefe lagen da und Blumen, es war Freundesbesuch dagewesen.

So müde er war, er packte doch, nach der alten z?hen Gew?hnung, in aller Nacht noch seine Sachen aus und sah beim Lampenlicht die Skizzenbl?tter des Tages an. Das Waldinnere war sch?n, Gekr?ut und Gestein im lichtdurchzuckten Schatten gl?nzte kühl und k?stlich wie eine Schatzkammer. Es war richtig gewesen, da? er nur mit Chromgelb, Orange und Blau gearbeitet und das Zinnobergrün weggelassen hatte. Lange sah er das Blatt an.

Aber wozu? Wozu alle die Bl?tter voll Farbe? Wozu all die Mühe, all der Schwei?, all die kurze, trunkene Schaffenslust? Gab es Erl?sung? Gab es Ruhe? Gab es Frieden?

Ersch?pft sank er, kaum entkleidet, ins Bett, l?schte das Licht, suchte nach Schlaf und summte leise die Verse Thu Fus vor sich hin:

Bald klirrt der Wind

über mein braunes Grab.

Klingsor schreibt an Louis den Grausamen

Caro Luigi! Lange hat man Deine Stimme nicht mehr geh?rt. Lebst Du noch am Lichte? Nagt schon der Geier Dein Gebein?

Hast Du einmal mit einer Stricknadel in einer stehengebliebenen Wanduhr gestochert? Ich tat es einmal, und habe es erlebt, da? pl?tzlich der Teufel in das Werk fuhr und die ganze vorhandene Zeit abrasselte, die Zeiger machten Wettrennen ums Zifferblatt, mit einem unheimlichen Ger?usch drehten sie sich wahnsinnig fort, prestissimo, bis ebenso pl?tzlich alles abschnappte und die Uhr den Geist aufgab. Genau so ist es zurzeit hier bei uns: Sonne und Mond rennen gehetzt wie Amokl?ufer über den Himmel, die Tage jagen sich, die Zeit l?uft einem davon, wie durch ein Loch im Sack. Hoffentlich wird auch das Ende dann ein pl?tzliches sein und diese betrunkene Welt untergehen, statt wieder in ein bürgerliches Tempo zu fallen.

Die Tage über bin ich zu sehr besch?ftigt, als da? ich etwas denken k?nnte (wie wahnsinnig komisch das übrigens klingt, wenn man einen solchen sogenannten ?Satz" einmal laut vor sich hin sagt: ?als da? ich etwas denken k?nnte")! Aber am Abend fehlst Du mir oft. Ich sitze dann meistens irgendwo im Wald in einem der vielen Keller und trinke den beliebten Rotwein, der zwar meistens nicht gut ist, aber doch auch das Leben tragen hilft und den Schlaf bef?rdert. Einige Male bin ich sogar am Tisch im Grotto eingeschlafen und habe unter dem Grinsen der Eingeborenen bewiesen, da? es mit meiner Neurasthenie doch nicht so schlimm stehen kann. Manchmal sind Freunde und M?dchen dabei, und man übt seine Finger am Plastizin weiblicher Glieder und spricht über Hüte und Abs?tze und die Kunst. Manchmal glückt es, da? eine gute Temperatur erreicht wird, dann schreien und lachen wir die ganze Nacht, und die Leute freuen sich, da? Klingsor so ein lustiger Bruder ist. Es gibt hier eine sehr hübsche Frau, die jedesmal, wenn ich sie sehe, heftig nach Dir fragt.

Die Kunst, die wir beide treiben, h?ngt, wie ein Professor sagen würde, noch immer zu eng am Gegenstand (w?re fein als Bilderr?tsel darzustellen). Wir malen immer noch, wenn auch mit etwas freier Handschrift und für den Bourgeois aufregend genug, die Dinge der ?Wirklichkeit": Menschen, B?ume, Jahrm?rkte, Eisenbahnen, Landschaften. Darin fügen wir uns noch einer Konvention. ?Wirklich" nennt ja der Bürger die Dinge, die von allen oder doch vielen ?hnlich wahrgenommen und beschrieben werden. Ich habe im Sinn, sobald dieser Sommer herum ist, eine Zeitlang nur noch Phantasien zu malen, namentlich Tr?ume. Es wird darin zum Teil auch nach Deinem Sinn zugehen, n?mlich wahnsinnig lustig und überraschend, etwa so wie in den Geschichten Collofinos des Hasenj?gers vom K?lner Dom. Wenn ich auch fühle, da? der Boden unter mir etwas dünn geworden ist, und wenn ich auch im ganzen mich wenig nach weitern Jahren und Taten sehne, ich m?chte doch immerhin noch einige heftige Raketen dieser Welt in den Rachen jagen. Ein Bilderk?ufer schrieb mir kürzlich, er sehe mit Bewunderung, wie ich in meinen neuesten Arbeiten eine zweite Jugend erlebe. Etwas daran ist ja richtig. Zu malen habe ich eigentlich erst dies Jahr recht angefangen, scheint mir. Aber es ist weniger ein Frühling, was ich da erlebe, als eine Explosion. Erstaunlich, wie viel Dynamit in mir noch steckt; aber Dynamit l??t sich schlecht im Sparherd brennen.

Lieber Louis, schon oft habe ich mich im stillen darüber gefreut, da? wir zwei alten Wüstlinge im Grunde so rührend schamhaft sind und einander lieber die Gl?ser an den Kopf schmei?en, als etwas von unsern Gefühlen gegeneinander merken zu lassen. M?ge es so bleiben, alter Igel!

Wir haben dieser Tage in jenem Grotto bei Barengo ein Fest mit Brot und Wein gefeiert, herrlich klang unser Gesang im hohen Wald in der Mitternacht, die alten r?mischen Lieder. Man braucht so wenig zum Glück, wenn man ?lter wird und an den Fü?en zu frieren beginnt: acht bis zehn Stunden Arbeit im Tag, einen Liter Piemonteser, ein halbes Pfund Brot, eine Virginia, ein paar Freundinnen, und allerdings W?rme und gutes Wetter. Die haben wir, die Sonne funktioniert prachtvoll, mein Sch?del ist verbrannt wie der einer Mumie.

An manchen Tagen habe ich das Gefühl, mein Leben und Arbeiten beginne eben erst, manchmal aber kommt es mir vor, ich habe achtzig Jahre schwer gearbeitet und habe bald einen Anspruch auf Ruhe und Feierabend. Jeder kommt einmal an ein Ende, mein Louis, auch ich, auch Du. Wei? Gott, was ich Dir da schreibe, man sieht, da? ich etwas unwohl bin. Es sind wohl Hypochondrien, ich habe viel Augenschmerzen, und manchmal verfolgt mich die Erinnerung an eine Abhandlung über Netzhautabl?sung, die ich vor Jahren gelesen habe.

Wenn ich durch meine Balkontür hinuntersehe, die Du kennst, dann wird mir klar, da? wir noch eine gute Weile flei?ig sein müssen. Die Welt ist uns?glich sch?n und mannigfaltig, durch diese grüne hohe Tür l?utet sie Tag und Nacht zu mir herauf und schreit und fordert, und immer wieder renne ich hinaus und rei?e ein Stück davon an mich, ein winziges Stück. Die grüne Gegend hier ist durch den trocknen Sommer jetzt wunderbar licht und r?tlich geworden, ich h?tte nie gedacht, da? ich wieder zu Englischrot und Siena greifen würde. Dann steht der ganze Herbst bevor, Stoppelfelder, Weinlese, Maisernte, rote W?lder. Ich werde das alles noch einmal mitmachen, Tag für Tag, und noch einige hundert Studien malen. Dann aber, das fühle ich, werde ich den Weg nach Innen gehen und noch einmal, wie ich es als junger Kerl eine Weile tat, ganz aus der Erinnerung und Phantasie malen, Gedichte machen und Tr?ume spinnen. Auch das mu? sein.

Ein gro?er Pariser Maler, den ein junger Künstler um Ratschl?ge bat, hat ihm gesagt: ?Junger Mann, wenn Sie ein Maler werden wollen, so vergessen Sie nicht, da? man vor allem gut essen mu?. Zweitens ist die Verdauung wichtig, sorgen Sie für einen regelm??igen Stuhlgang! Und drittens: halten Sie sich stets eine hübsche kleine Freundin!" Ja, man sollte meinen, diese Anf?nge der Kunst habe ich gelernt, und es k?nne mir hierin eigentlich kaum fehlen. Aber dies Jahr, es ist verflucht, stimmt es bei mir auch in diesen einfachen Dingen nicht mehr recht. Ich esse wenig und schlecht, oft ganze Tage nur Brot, ich habe zu Zeiten mit dem Magen zu tun (ich sage Dir: das Unnützeste, was man zu tun haben kann!), und ich habe auch keine richtige kleine Freundin, sondern habe mit vier, fünf Frauen zu tun und bin ebensooft ersch?pft wie hungrig. Es fehlt etwas am Uhrwerk, und seit ich mit der Nadel hineingestochen habe, l?uft es zwar wieder, aber rasch wie der Satan, und rasselt so unvertraut dabei. Wie einfach ist das Leben, wenn man gesund ist! Du hast noch nie einen so langen Brief von mir bekommen, au?er vielleicht damals in der Zeit, wo wir über die Palette disputierten. Ich will aufh?ren, es geht gegen fünf Uhr, das sch?ne Licht f?ngt an. Sei gegrü?t von Deinem Klingsor.

Nachschrift:

Ich erinnere mich, da? Du ein kleines Bild von mir gern hattest, das am meisten chinesische, das ich gemacht habe, mit der Hütte, dem roten Weg, den veronesergrünen Zackenb?umen und der fernen Spielzeugstadt im Hintergrund. Ich kann es jetzt nicht schicken, wei? auch nicht, wo Du bist. Aber es geh?rt Dir, das m?chte ich Dir für alle F?lle sagen.

Klingsor schickt seinem Freunde Thu Fu ein Gedicht

(Aus den Tagen, in welchen er an seinem Selbstbildnis malte)

Trunken sitz ich des Nachts im durchwehten Geh?lz,

An den klagenden Zweigen hat Herbst genagt,

Murmelnd l?uft in den Keller,

Meine leere Flasche zu füllen, der Wirt.

Morgen, morgen haut mir der bleiche Tod

Seine klirrende Sense ins rote Fleisch,

Lange schon auf der Lauer

Wei? ich ihn liegen, den falschen Hund.

Ihn zu h?hnen, sing ich die halbe Nacht,

Lalle mein trunkenes Lied in den müden Wald;

Seiner Drohung zu spotten

Ist meines Liedes und meines Trinkens Sinn.

Vieles tat und erlitt ich, Wandrer auf langem Weg,

Nun am Abend sitz ich, trinke und warte bang,

Bis die blitzende Sichel

Mir das Haupt vom zuckenden Herzen trennt.

Das Selbstbildnis

In den ersten Septembertagen, nach vielen Wochen einer ungew?hnlichen trocknen Sonnenglut, gab es einige Regentage. In diesen Tagen malte Klingsor, in dem hochfenstrigen Saal seines Palazzos in Castagnetta, sein Selbstportr?t, das jetzt in Frankfurt h?ngt.

Dies furchtbare und doch so zauberhaft sch?ne Bild, sein letztes ganz zu Ende geführtes Werk, steht am Ende der Arbeit jenes Sommers, am Ende einer unerh?rt glühenden, rasenden Arbeitszeit, als deren Gipfel und Kr?nung. Vielen ist es aufgefallen, da? jeder, der Klingsor kannte, ihn auf diesem Bilde sofort und unfehlbar wiedererkannte, obwohl niemals ein Bildnis sich so weit von jeder naturalistischen ?hnlichkeit entfernte.

Wie alle sp?teren Werke Klingsors, so kann man auch dies Selbstbildnis aus den verschiedensten Standpunkten betrachten. Für manche, zumal solche, die den Maler nicht kannten, ist das Bild vor allem ein Farbenkonzert, ein wunderbar gestimmter, trotz aller heftigen Buntheit still und edel wirkender Teppich. Andre sehen darin einen letzten kühnen, ja verzweifelten Versuch zur Befreiung vom Gegenst?ndlichen: ein Antlitz wie eine Landschaft gemalt, Haare an Laub und Baumrinde erinnernd, Augenh?hlen wie Felsspalten - sie sagen, dies Bild erinnere an die Natur nur so wie mancher Bergrücken an ein Menschengesicht, mancher Baumast an H?nde und Beine erinnert, nur von ferne her, nur gleichnishaft. Viele aber sehen im Gegenteil gerade in diesem Werk nur den Gegenstand, das Gesicht Klingsors, von ihm selbst mit unerbittlicher Psychologie zerlegt und gedeutet, eine riesige Konfession, ein rücksichtsloses, schreiendes, rührendes, erschreckendes Bekenntnis. Noch andere, und darunter einige seiner erbittertsten Gegner, sehen in diesem Bildnis lediglich ein Produkt und Zeichen von Klingsors angeblichem Wahnsinn. Sie vergleichen den Kopf des Bildes mit dem naturalistisch gesehenen Original, mit Photographien, und finden in den Deformationen und übertreibungen der Formen negerhafte, entartete, atavistische, tierische Züge. Manche von diesen halten sich auch über das G?tzenhafte und Phantastische dieses Bildes auf, sehen eine Art von monomanischer Selbstanbetung darin, eine Blasphemie und Selbstverherrlichung, eine Art von religi?sem Gr??enwahn. Alle diese Arten der Betrachtung sind m?glich und noch viele andere.

W?hrend der Tage, die er an diesem Bilde malte, ging Klingsor nicht aus, au?er des Nachts zum Wein, a? nur Brot und Obst, das ihm die Hauswirtin brachte, blieb unrasiert und sah mit den unter der verbrannten Stirn tief eingesunkenen Augen in dieser Verwahrlosung in der Tat erschreckend aus. Er malte sitzend und auswendig, nur von Zeit zu Zeit, fast nur in den Arbeitspausen, ging er zu dem gro?en, altmodischen, mit Rosenranken bemalten Spiegel an der Nordwand, streckte den Kopf vor, ri? die Augen auf, schnitt Gesichter.

Viele, viele Gesichter sah er hinter dem Klingsor-Gesicht im gro?en Spiegel zwischen den dummen Rosenranken, viele Gesichter malte er in sein Bild hinein: Kindergesichter sü? und erstaunt, Jünglingsschl?fen voll Traum und Glut, sp?ttische Trinkeraugen, Lippen eines Dürstenden, eines Verfolgten, eines Leidenden, eines Suchenden, eines Wüstlings, eines enfant perdu. Den Kopf aber baute er majest?tisch und brutal, einen Urwaldg?tzen, einen in sich verliebten, eifersüchtigen Jehova, einen Popanz, vor dem man Erstlinge und Jungfrauen opfert. Dies waren einige seiner Gesichter. Ein andres war das des Verfallenden, des Untergehenden, des mit seinem Untergang Einverstandenen: Moos wuchs auf seinem Sch?del, schief standen die alten Z?hne, Risse durchzogen die welke Haut, und in den Rissen stand Schorf und Schimmel. Das ist es, was einige Freunde an dem Bilde besonders lieben. Sie sagen: es ist der Mensch, ecce homo, der müde, gierige, wilde, kindliche und raffinierte Mensch unsrer sp?ten Zeit, der sterbende, sterbenwollende Europamensch: von jeder Sehnsucht verfeinert, von jedem Laster krank, vom Wissen um seinen Untergang enthusiastisch beseelt, zu jedem Fortschritt bereit, zu jedem Rückschritt reif, ganz Glut und auch ganz Müdigkeit, dem Schicksal und dem Schmerz ergeben wie der Morphinist dem Gift, vereinsamt, ausgeh?hlt, uralt, Faust zugleich und Karamasow, Tier und Weiser, ganz entbl??t, ganz ohne Ehrgeiz, ganz nackt, voll von Kinderangst vor dem Tode und voll von müder Bereitschaft, ihn zu sterben.

Und noch weiter, noch tiefer hinter all diesen Gesichtern schliefen fernere, tiefere, ?ltere Gesichter, vormenschliche, tierische, pflanzliche, steinerne, so als erinnere sich der letzte Mensch auf Erden im Augenblick vor dem Tode nochmals traumschnell an alle Gestaltungen seiner Vorzeit und Weltenjugend.

In diesen rasend gespannten Tagen lebte Klingsor wie ein Ekstatiker. Nachts füllte er sich schwer mit Wein und stand dann, die Kerze in der Hand, vor dem alten Spiegel, betrachtete das Gesicht im Glas, das schwermütig grinsende Gesicht des S?ufers. Den einen Abend hatte er eine Geliebte bei sich, auf dem Diwan im Studio, und w?hrend er sie nackt an sich gedrückt hielt, starrte er über ihre Schulter weg in den Spiegel, sah neben ihrem aufgel?sten Haar sein verzerrtes Gesicht, voll Wollust und voll Ekel vor der Wollust, mit ger?teten Augen. Er hie? sie morgen wiederkommen, aber Grauen hatte sie gefa?t, sie kam nicht wieder.

Nachts schlief er wenig. Oft erwachte er aus angstvollen Tr?umen, Schwei? im Gesicht, wild und lebensmüde, und sprang doch alsbald auf, starrte in den Schrankspiegel, las die wüste Landschaft dieser verst?rten Züge ab, düster, ha?voll, oder l?chelnd, wie schadenfroh. Er hatte einen Traum, in dem sah er sich selbst, wie er gefoltert wurde, in die Augen wurden N?gel geschlagen, die Nase mit Haken aufgerissen; und er zeichnete dies gefolterte Gesicht, mit den N?geln in den Augen, mit Kohle auf einen Buchdeckel, der ihm zur Hand lag; wir fanden das seltsame Blatt nach seinem Tode. Von einem Anfall von Gesichtsneuralgien befallen, hing er krumm über die Lehne eines Stuhles, lachte und schrie vor Pein, und hielt sein entstelltes Gesicht vor das Glas des Spiegels, betrachtete die Zuckungen, verh?hnte die Tr?nen.

Und nicht sein Gesicht allein, oder seine tausend Gesichter, malte er auf dies Bild, nicht blo? seine Augen und Lippen, die leidvolle Talschlucht des Mundes, den gespaltenen Felsen der Stirn, die wurzelhaften H?nde, die zuckenden Finger, den Hohn des Verstandes, den Tod im Auge. Er malte, in seiner eigenwilligen, überfüllten, gedr?ngten und zuckenden Pinselschrift sein Leben dazu, seine Liebe, seinen Glauben, seine Verzweiflung. Scharen nackter Frauen malte er mit, im Sturm vorbeigetrieben wie V?gel, Schlachtopfer vor dem G?tzen Klingsor, und einen Jüngling mit dem Gesicht des Selbstm?rders, ferne Tempel und W?lder, einen alten b?rtigen Gott m?chtig und dumm, eine Frauenbrust vom Dolch gespalten, Schmetterlinge mit Gesichtern auf den Flügeln, und zuhinterst im Bilde, am Rande des Chaos den Tod, ein graues Gespenst, der mit einem Speer, klein wie eine Nadel, in das Gehirn des gemalten Klingsor stach.

Wenn er stundenlang gemalt hatte, trieb Unruhe ihn auf, rastlos lief er und flackernd durch seine Zimmer, die Türen wehten hinter ihm, ri? Flaschen aus dem Schrank, ri? Bücher aus den Sch?ften, Teppiche von den Tischen, lag lesend am Boden, lehnte sich tief atmend aus den Fenstern, suchte alte Zeichnungen und Photographien und füllte B?den und Tische und Betten und Stühle aller Zimmer mit Papieren, Bildern, Büchern, Briefen an. Alles wehte wirr und traurig durcheinander, wenn der Regenwind durch die Fenster kam. Er fand sein Kinderbildnis unter alten Sachen, Lichtbild aus seinem vierten Jahr, in einem wei?en Sommeranzug, unterm wei?lich hellblonden Haar ein sü?trotziges Knabengesicht. Er fand die Bilder seiner Eltern, Photographien von Jugendgeliebten. Alles besch?ftigte, reizte, spannte, qu?lte ihn, ri? ihn hin und her, alles ri? er an sich, warf es wieder hin, bis er wieder davon zuckte, über seiner Holztafel hing und weiter malte. Tiefer zog er die Furchen durch das Geklüft seines Bildnisses, breiter baute er den Tempel seines Lebens auf, m?chtiger sprach er die Ewigkeit jedes Daseins aus, schluchzender seine Verg?nglichkeit, holder sein l?chelndes Gleichnis, h?hnischer seine Verurteilung zur Verwesung. Dann sprang er wieder auf, gejagter Hirsch, und lief den Trab des Gefangenen durch seine Zimmer. Freude durchzuckte ihn und tiefe Sch?pfungswonne wie ein feuchtes frohlockendes Gewitter, bis Schmerz ihn wieder zu Boden warf und ihm die Scherben seines Lebens und seiner Kunst ins Gesicht schmi?. Er betete vor seinem Bild, und er spie es an. Er war irrsinnig, wie jeder Sch?pfer irrsinnig ist. Aber er tat im Irrsinn des Schaffens unfehlbar klug wie ein Nachtwandler alles, was sein Werk f?rderte. Er fühlte gl?ubig, da? in diesem grausamen Kampf um sein Bildnis nicht nur Geschick und Rechenschaft eines Einzelnen sich vollziehe, sondern Menschliches, sondern Allgemeines, Notwendiges. Er fühlte, nun stand er wieder vor einer Aufgabe, vor einem Schicksal, und alle vorhergegangene Angst und Flucht und aller Rausch und Taumel war nur Angst und Flucht vor dieser seiner Aufgabe gewesen. Nun gab es nicht Angst noch Flucht mehr, nur noch Vorw?rts, nur noch Hieb und Stich, Sieg und Untergang. Er siegte, und er ging unter und litt und lachte und bi? sich durch, t?tete und starb, gebar und wurde geboren.

Ein franz?sischer Maler wollte ihn besuchen, die Wirtin führte ihn ins Vorzimmer, Unordnung und Schmutz grinste im überfüllten Raum. Klingsor kam, Farbe an den ?rmeln, Farbe im Gesicht, grau, unrasiert, mit langen Schritten rannte er durch den Raum. Der Fremde brachte Grü?e aus Paris und Genf, sprach seine Verehrung aus. Klingsor ging auf und ab, schien nicht zu h?ren. Verlegen schwieg der Gast und begann sich zurückzuziehen, da trat Klingsor zu ihm, legte ihm die farbenbedeckte Hand auf die Schulter, sah ihm nah ins Auge. ?Danke," sagte er langsam, mühsam, ?danke, lieber Freund. Ich arbeite, ich kann nicht sprechen. Man spricht zu viel, immer. Seien Sie mir nicht b?se, und grü?en Sie mir meine Freunde, sagen Sie ihnen, da? ich sie liebe." Und verschwand wieder ins andre Zimmer.

Das fertige Bild stellte er, am Ende dieser gepeitschten Tage, in die unbenützte leere Küche und schlo? ab. Er hat es nie gezeigt. Dann nahm er Veronal und schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Dann wusch er sich, rasierte sich, legte neue W?sche und Kleider an, fuhr zur Stadt und kaufte Obst und Zigaretten, um sie Gina zu schenken.

Werke von Hermann Hesse

Peter Camenzind.

Roman. 98. Auflage.

Diesseits.

Erz?hlungen. 23. Auflage.

Nachbarn.

Erz?hlungen. 13. Auflage

Umwege.

Erz?hlungen. 13. Auflage.

Aus Indien.

Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage.

Ro?halde.

Roman. 42. Auflage.

M?rchen.

21. Auflage.

Unterm Rad.

Roman.

Knulp.

Drei Geschichten aus dem Leben Knulps.

Sch?n ist die Jugend.

Wanderung.

Mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser.

* * *

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden unter Verwendung sp?terer Ausgaben korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... und Zwischenb?den und dem glatten, harth?lzenen Gel?nder, ...

... und Zwischenb?den und dem glatten, harth?lzernen Gel?nder, ...

... Dann stie? ich, in pl?tzlichem hellen Schrecken, die Lade ...

... Dann stie? ich, in pl?tzlichem hellem Schrecken, die Lade ...

... in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem Estrich, ...

... in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem Estrich. ...

... ausgesehen, genau so gro?, so grau und wei?, so grell bebeleuchtet. ...

... ausgesehen, genau so gro?, so grau und wei?, so grell beleuchetet. ...

... 5 ...

... V ...

... und schrill aus der Tiefe schelte. Sternlicht flo? durch das ...

... und schrill aus der Tiefe schellte. Sternlicht flo? durch das ...

... Arme auf die Eisenbrüstung gestützt, und las halb anmutig, ...

... Arme auf die Eisenbrüstung gestützt, und las halb unmutig, ...

... Klingsor kam lachend zur ihr herüber: ?Wie haben Sie ...

... Klingsor kam lachend zu ihr herüber: ?Wie haben Sie ...

... Il mio papa non vole, ...

... Il mio papa non vuole, ...

... fest im verschlossenen Lila einer Zeltborte, im freudigen ...

... fest im verschossenen Lila einer Zeltborte, im freudigen ...

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