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Chapter 2 No.2

Den Vormittag lief Klein durch die Stadt. Er kam vor ein Hotel, dessen Garten ihm gefiel, ging hinein, sah Zimmer an und mietete eines. Erst im Weggehen sah er sich nach dem Namen des Hauses um und las: Hotel Kontinental. War ihm dieser Name nicht bekannt? Nicht vorausgesagt worden? Ebenso wie Hotel Milano? Er gab es indessen bald auf, zu suchen, und war zufrieden in der Atmosph?re von Fremdheit, Spiel und eigentümlicher Bedeutsamkeit, in die sein Leben geraten schien.

Der Zauber von gestern kam allm?hlich wieder. Es war sehr gut, da? er im Süden war, dachte er dankbar. Er war gut geführt worden. W?re dies nicht gewesen, dieser liebenswerte Zauber überall, dies ruhige Schlendern und Sichvergessenk?nnen, dann w?re er Stunde um Stunde vor dem furchtbaren Gedankenzwang gestanden und w?re verzweifelt. So aber gelang es ihm, stundenlang in angenehmer Müdigkeit dahin zu vegetieren, ohne Zwang, ohne Angst, ohne Gedanken. Das tat ihm wohl. Es war sehr gut, da? es diesen Süden gab, und da? er ihn sich verordnet hatte. Der Süden erleichterte das Leben. Er tr?stete. Er bet?ubte.

Auch jetzt am hellen Tage sah die Landschaft unwahrscheinlich und phantastisch aus, die Berge waren alle zu nah, zu steil, zu hoch, wie von einem etwas verschrobenen Maler erfunden. Sch?n aber war alles Nahe und Kleine: ein Baum, ein Stück Ufer, ein Haus in sch?nen heitern Farben, eine Gartenmauer, ein schmales Weizenfeld unter Reben stehend, klein und gepflegt wie ein Hausgarten. Dies alles war lieb und freundlich, heiter und gesellig, es atmete Gesundheit und Vertrauen. Diese kleine, freundliche, wohnliche Landschaft samt ihren stillheitern Menschen konnte man lieben. Etwas lieben zu k?nnen - welche Erl?sung!

Mit dem leidenschaftlichen Willen, zu vergessen und sich zu verlieren, schwamm der Leidende, auf der Flucht vor den lauernden Angstgefühlen, hingegeben durch die fremde Welt. Er schlenderte ins Freie, in das anmutige, flei?ig bestellte Bauernland hinein. Es erinnerte ihn nicht an das Land und Bauerntum seiner Heimat, sondern mehr an Homer und an die R?mer, er fand etwas Uraltes, Kultiviertes und doch Primitives darin, eine Unschuld und Reife, die der Norden nicht hat. Die kleinen Kapellen und Bildst?cke, die farbig und zum Teil zerfallend, fast alle von Kindern mit Feldblumen geschmückt, überall an den Wegen zu Ehren von Heiligen standen, schienen ihm denselben Sinn zu haben und vom selben Geist zu stammen wie die vielen kleinen Tempel und Heiligtümer der Alten, die in jedem Hain, Quell und Berg eine Gottheit verehrten und deren heitere Fr?mmigkeit nach Brot und Wein und Gesundheit duftete. Er kehrte in die Stadt zurück, lief unter hallenden Arkaden, ermüdete sich auf rauhem Steinpflaster, blickte neugierig in offene L?den und Werkst?tten, kaufte italienische Zeitungen, ohne sie zu lesen, und geriet endlich müde in einen herrlichen Park am See. Hier schlenderten Kurg?ste und sa?en lesend auf B?nken, und alte ungeheure B?ume hingen wie in ihr Spiegelbild verliebt überm schwarzgrünen Wasser, das sie dunkel überw?lbten. Unwahrscheinliche Gew?chse, Schlangenb?ume und Perückenb?ume, Korkeichen und andre Seltsamkeiten standen frech oder ?ngstlich oder trauernd im Rasen, der voll Blumen war, und an den fernen jenseitigen Seeufern schwammen wei? und rosig lichte D?rfer und Landh?user.

Als er auf einer Bank zusammengesunken sa? und nah am Einnicken war, ri? ein fester elastischer Schritt ihn wach. Auf hohen rotbraunen Schnürstiefeln, im kurzen Rock über dünnen durchbrochenen Strümpfen lief eine Frau vorbei, ein M?dchen, kr?ftig und taktfest, sehr aufrecht und herausfordernd, elegant, hochmütig, ein kühles Gesicht mit geschminkter Lippenr?te und einem hohen dichten Haarbau von hellem, metallischem Gelb. Ihr Blick traf ihn im Vorbeigehen eine Sekunde, sicher und absch?tzend wie die Blicke der Portiers und Boys im Hotel, und lief gleichgültig weiter.

Allerdings, dachte Klein, sie hat recht, ich bin kein Mensch, den man beachtet. Unsereinem schaut so eine nicht nach. Dennoch tat die Kürze und Kühle ihres Blickes ihm heimlich weh, er kam sich abgesch?tzt und mi?achtet vor von jemand, der nur Oberfl?che und Au?enseite sah, und aus den Tiefen seiner Vergangenheit wuchsen ihm Stacheln und Waffen empor, um sich gegen sie zu wehren. Schon war vergessen, da? ihr feiner belebter Schuh, ihr so sehr elastischer und sicherer Gang, ihr straffes Bein im dünnen Seidenstrumpf ihn einen Augenblick gefesselt und beglückt hatte. Ausgel?scht war das Rauschen ihres Kleides und der dünne Wohlgeruch, der an ihr Haar und an ihre Haut erinnerte. Weggeworfen und zerstampft war der sch?ne holde Hauch von Geschlecht und Liebesm?glichkeit, der ihn von ihr gestreift hatte. Statt dessen kamen viele Erinnerungen. Wie oft hatte er solche Wesen gesehn, solche junge, sichere und herausfordernde Personen, seien es nun Dirnen oder eitle Gesellschaftsweiber, wie oft hatte ihre schamlose Herausforderung ihn ge?rgert, ihre Sicherheit ihn irritiert, ihr kühles, brutales Sichzeigen ihn angewidert! Wie manchmal hatte er, auf Ausflügen und in st?dtischen Restaurants, die Emp?rung seiner Frau über solche unweibliche und het?renhafte Wesen von Herzen geteilt!

Mi?mutig streckte er die Beine von sich. Dieses Weib hatte ihm seine gute Stimmung verdorben! Er fühlte sich ?rgerlich, gereizt und benachteiligt, er wu?te: wenn diese mit dem gelben Haar nochmals vorüberkommen und ihn nochmals mustern würde, dann würde er rot werden und sich in seinen Kleidern, seinem Hut, seinen Schuhen, seinem Gesicht, Haar und Bart unzul?nglich und minderwertig vorkommen! Hole sie der Teufel! Schon dies gelbe Haar! Es war falsch, es gab nirgends in der Welt so gelbe Haare. Geschminkt war sie auch. Wie nur ein Mensch sich dazu hergeben konnte, seine Lippen mit Schminke anzumalen - negerhaft! Und solche Leute liefen herum, als geh?rte ihnen die Welt, sie besa?en das Auftreten, die Sicherheit, die Frechheit und verdarben anst?ndigen Leuten die Freude.

Mit den wieder aufwogenden Gefühlen von Unlust, ?rger und Befangenheit kam abermals ein Schwall von Vergangenheit heraufgekocht, und pl?tzlich dazwischen der Einfall: du berufst dich ja auf deine Frau, du gibst ihr ja recht, du ordnest dich ihr wieder unter! Einen Augenblick lang überflo? ihn ein Gefühl wie: ich bin ein Esel, da? ich noch immer mich unter die ?anst?ndigen Menschen" rechne, ich bin ja keiner mehr, ich geh?re gerade so wie diese Gelbe zu einer Welt, die nicht mehr meine frühere und nicht mehr die anst?ndige ist, in eine Welt, wo anst?ndig oder unanst?ndig nichts mehr bedeutet, wo jeder für sich das schwere Leben zu leben sucht. Einen Augenblick lang empfand er, da? seine Verachtung für die Gelbe ebenso oberfl?chlich und unaufrichtig war wie seine einstige Emp?rung über den Schullehrer und M?rder Wagner, und auch seine Abneigung gegen den andern Wagner, dessen Musik er einst als allzu sinnenschwül empfunden hatte. Eine Sekunde lang tat sein verschütteter Sinn, sein verlorengegangenes Ich die Augen auf und sagte ihm mit seinem alleswissenden Blick, da? alle Emp?rung, aller ?rger, alle Verachtung ein Irrtum und eine Kinderei sei und auf den armen Kerl von Ver?chter zurückfalle.

Dieser gute, alleswissende Sinn sagte ihm auch, da? er hier wieder vor einem Geheimnis stehe, dessen Deutung für sein Leben wichtig sei, da? diese Dirne oder Weltdame, da? dieser Duft von Eleganz, Verführung und Geschlecht ihm keineswegs zuwider und beleidigend sei, sondern da? er sich diese Urteile nur eingebildet und eingeh?mmert habe, aus Angst vor seiner wirklichen Natur, aus Angst vor Wagner, aus Angst vor dem Tier oder Teufel, den er in sich entdecken konnte, wenn er einmal die Fesseln und Verkleidungen seiner Sitte und Bürgerlichkeit abwürfe. Blitzhaft zuckte etwas wie Lachen, wie Hohnlachen in ihm auf, das aber alsbald wieder schwieg. Es siegte wieder das Mi?gefühl. Es war unheimlich, wie jedes Erwachen, jede Erregung, jeder Gedanke ihn immer wieder unfehlbar dorthin traf, wo er schwach und nur zu Qualen f?hig war. Nun sa? er wieder mitten darin und hatte es mit seinem fehlgeratenen Leben, mit seiner Frau, mit seinem Verbrechen, mit der Hoffnungslosigkeit seiner Zukunft zu tun. Angst kam wieder, das allwissende Ich sank unter wie ein Seufzer, den niemand h?rt. O welche Qual! Nein, daran war nicht die Gelbe schuld. Und alles, was er gegen sie empfand, tat ihr ja nicht weh, traf nur ihn selber.

Er stand auf und fing zu laufen an. Früher hatte er oft geglaubt, er führe ein ziemlich einsames Leben, und hatte sich mit einiger Eitelkeit eine gewisse resignierte Philosophie zugeschrieben, galt auch unter seinen Kollegen für einen Gelehrten, Leser und heimlichen Sch?ngeist. Mein Gott, er war nie einsam gewesen! Er hatte mit den Kollegen, mit seiner Frau, mit den Kindern, mit allen m?glichen Leuten geredet, und der Tag war dabei vergangen und die Sorgen ertr?glich geworden. Und auch wenn er allein gewesen war, war es keine Einsamkeit gewesen. Er hatte die Meinungen, die ?ngste, die Freuden, die Tr?stungen vieler geteilt, einer ganzen Welt. Stets war um ihn her und bis in ihn hinein Gemeinsamkeit gewesen, und auch noch im Alleinsein, im Leid und in der Resignation hatte er stets einer Schar und Menge angeh?rt, einem schützenden Verband, der Welt der Anst?ndigen, Ordentlichen und Braven. Jetzt aber, jetzt schmeckte er Einsamkeit. Jeder Pfeil fiel auf ihn selber, jeder Trostgrund erwies sich als sinnlos, jede Flucht vor der Angst führte nur in jene Welt hinüber, mit der er gebrochen hatte, die ihm zerbrochen und entglitten war. Alles, was sein Leben lang gut und richtig gewesen war, war es jetzt nicht mehr. Alles mu?te er aus sich selber holen, niemand half ihm. Und was fand er denn in sich selber? Ach, Unordnung und Zerrissenheit!

Ein Automobil, dem er auswich, lenkte seine Gedanken ab, warf ihnen neues Futter zu; er fühlte im unausgeschlafenen Sch?del Leere und Schwindel. ?Automobil", dachte er, oder sagte es, und wu?te nicht, was es bedeute. Da sah er, einen Augenblick im Schw?chegefühl die Augen schlie?end, ein Bild wieder, das ihm bekannt schien, das ihn erinnerte und seinen Gedanken neues Blut zuführte. Er sah sich auf einem Auto sitzen und es steuern, das war ein Traum, den er einmal getr?umt hatte. In jenem Traumgefühl, da er den Lenker hinabgesto?en und sich selber der Steuerung bem?chtigt hatte, war etwas wie Befreiung und Triumph gewesen. Es gab da einen Trost, irgendwo, schwer zu finden. Aber es gab einen. Es gab, und sei es auch nur in der Phantasie oder im Traum, die wohlt?tige M?glichkeit, sein Fahrzeug ganz allein zu steuern, jeden andern Führer hohnlachend vom Bock zu werfen, und wenn das Fahrzeug dann auch Sprünge machte und über Trottoirs oder in H?user und Menschen hineinfuhr, so war es doch k?stlich und war viel besser, als geschützt unter fremder Führung zu fahren und ewig ein Kind zu bleiben.

Ein Kind! Er mu?te l?cheln. Es fiel ihm ein, da? er als Kind und Jüngling seinen Namen Klein manchmal verflucht und geha?t hatte. Jetzt hie? er nicht mehr so. War das nicht von Bedeutung - ein Gleichnis, ein Symbol? Er hatte aufgeh?rt, klein und ein Kind zu sein und sich von andern führen zu lassen.

Im Hotel trank er zu seinem Essen einen guten, sanften Wein, den er auf gut Glück bestellt hatte und dessen Namen er sich merkte. Wenige Dinge gab es, die einem halfen, wenige, die tr?steten und das Leben erleichterten; diese wenigen Dinge zu kennen war wichtig. Dieser Wein war so ein Ding, und die südliche Luft und Landschaft war eines. Was noch? Gab es noch andre? Ja, das Denken war auch so ein tr?stliches Ding, das einem wohltat und leben half. Aber nicht jedes Denken! O nein, es gab ein Denken, das war Qual und Wahnsinn. Es gab ein Denken, das wühlte schmerzvoll im Unab?nderlichen und führte zu nichts als Ekel, Angst und Lebensüberdru?. Ein anderes Denken war es, das man suchen und lernen mu?te. War es überhaupt ein Denken? Es war ein Zustand, eine innere Verfassung, die immer nur Augenblicke dauerte und durch angestrengtes Denkenwollen nur zerst?rt wurde. In diesem h?chst wünschenswerten Zustand hatte man Einf?lle, Erinnerungen, Visionen, Phantasien, Einsichten von besonderer Art. Der Gedanke (oder Traum) vom Automobil war von dieser Art, von dieser guten und tr?stlichen Art, und die pl?tzlich gekommene Erinnerung an den Totschl?ger Wagner und an jenes Gespr?ch, das er vor Jahren über ihn geführt hatte. Der seltsame Einfall mit dem Namen Klein war auch so. Bei diesen Gedanken, diesen Einf?llen wich für Augenblicke die Angst und das scheu?liche Unwohlsein einer rasch aufleuchtenden Sicherheit - es war dann, als sei alles gut, das Alleinsein war stark und stolz, die Vergangenheit überwunden, die kommende Stunde ohne Schrecken.

Er mu?te das noch erfassen, es mu?te sich begreifen und lernen lassen! Er war gerettet, wenn es ihm gelang, h?ufig Gedanken von jener Art in sich zu finden, in sich zu pflegen und hervorzurufen. Und er sann und sann. Er wu?te nicht, wie er den Nachmittag verbrachte, die Stunden schmolzen ihm weg wie im Schlaf, und vielleicht schlief er auch wirklich, wer wollte das wissen. Immerzu kreisten seine Gedanken um jenes Geheimnis. Er dachte sehr viel und mühsam über seine Begegnung mit der Gelben nach. Was bedeutete sie? Wie kam es, da? in ihm diese flüchtige Begegnung, das sekundenkurze Wechseln eines Blickes mit einem fremden, sch?nen, aber ihm unsympathischen Weibe für lange Stunden zur Quelle von Gedanken, von Gefühlen, von Erregungen, Erinnerungen, Selbstpeinigungen, Anklagen wurde? Wie kam das? Ging das andern auch so? Warum hatte die Gestalt, der Gang, das Bein, der Schuh und Strumpf der Gelben ihn einen winzigen Moment entzückt? Warum hatte dann ihr kühl abw?gender Blick ihn so sehr ernüchtert? Warum hatte dieser fatale Blick ihn nicht blo? ernüchtert und aus der kurzen erotischen Bezauberung geweckt, sondern ihn auch beleidigt, emp?rt und vor sich selbst entwertet? Warum hatte er gegen diesen Blick lauter Worte und Erinnerungen ins Feld geführt, welche seiner einstigen Welt angeh?rten, Worte die keinen Sinn mehr hatten, Gründe an die er nicht mehr glaubte? Er hatte Urteile seiner Frau, Worte seiner Kollegen, Gedanken und Meinungen seines einstigen Ich, des nicht mehr vorhandenen Bürgers und Beamten Klein, gegen jene gelbe Dame und ihren unangenehmen Blick aufgeboten, er hatte das Bedürfnis gehabt, sich gegen diesen Blick mit allen erdenklichen Mitteln zu rechtfertigen, und hatte einsehen müssen, da? seine Mittel lauter alte Münzen waren, welche nicht mehr galten. Und aus allen diesen langen, peinlichen Erw?gungen war ihm nichts geworden als Beklemmung, Unruhe und leidvolles Gefühl des eigenen Unwerts! Nur einen einzigen Moment aber hatte er jenen andren, so sehr zu wünschenden Zustand wieder empfunden, einen Moment lang hatte er innerlich zu all jenen peinlichen Erw?gungen den Kopf geschüttelt und es besser gewu?t. Er hatte gewu?t, eine Sekunde lang: Meine Gedanken über die Gelbe sind dumm und unwürdig, Schicksal steht über ihr wie über mir, Gott liebt sie, wie er mich liebt.

Woher war diese holde Stimme gekommen? Wo konnte man sie wiederfinden, wie sie wieder herbeilocken, auf welchem Ast sa? dieser seltne, scheue Vogel? Diese Stimme sprach die Wahrheit, und Wahrheit war Wohltat, Heilung, Zuflucht. Diese Stimme entstand, wenn man im Herzen mit dem Schicksal einig war und sich selber liebte; sie war Gottes Stimme, oder war die Stimme des eigenen, wahrsten, innersten Ich, jenseits von allen Lügen, Entschuldigungen und Kom?dien.

Warum konnte er diese Stimme nicht immer h?ren? Warum flog die Wahrheit an ihm immer vorbei wie ein Gespenst, das man nur mit halbem Blick im Vorbeihuschen sehen kann und das verschwindet, wenn man den vollen Blick darauf richtet? Warum sah er wieder und wieder diese Glückspforte offenstehen, und wenn er hineinwollte, war sie doch geschlossen!

In seinem Zimmer aus einem Schlummer aufwachend, griff er nach einem B?ndchen Schopenhauer, das auf dem Tischchen lag und das ihn meistens auf Reisen begleitete. Er schlug blindlings auf und las einen Satz: ?Wenn wir auf unsern zurückgelegten Lebensweg zurücksehn und zumal unsre unglücklichen Schritte, nebst ihren Folgen, ins Auge fassen, so begreifen wir oft nicht, wie wir haben dieses tun, oder jenes unterlassen k?nnen; so da? es aussieht, als h?tte eine fremde Macht unsre Schritte gelenkt. Goethe sagt im Egmont: Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksal gezogen." - Stand da nicht etwas, was ihn anging? Was mit seinen heutigen Gedanken nah und innig zusammenhing? - Begierig las er weiter, doch es kam nichts mehr, die folgenden Zeilen und S?tze lie?en ihn unberührt. Er legte das Buch weg, sah auf die Taschenuhr, fand sie unaufgezogen und abgelaufen, stand auf und blickte durchs Fenster, es schien gegen Abend zu sein.

Er fühlte sich etwas angegriffen wie nach starker geistiger Anstrengung, aber nicht unangenehm und fruchtlos ersch?pft, sondern sinnvoll ermüdet wie nach befriedigender Arbeit. Ich habe wohl eine Stunde oder mehr geschlafen, dachte er, und trat vor den Spiegelschrank, um sein Haar zu bürsten. Es war ihm seltsam frei und wohl zumute, und im Spiegel sah er sich l?cheln! Sein bleiches, überanstrengtes Gesicht, das er seit langem nur noch verzerrt und starr und irr gesehen hatte, stand in einem sanften, freundlichen, guten L?cheln. Verwundert schüttelte er den Kopf und l?chelte sich selber zu.

Er ging hinab, im Restaurant wurde an einigen Tischen schon soupiert. Hatte er nicht eben erst gegessen? Einerlei, er hatte gro?e Lust, es sofort wieder zu tun, und er bestellte, mit Eifer den Kellner befragend, eine gute Mahlzeit.

?Will der Herr vielleicht heut abend nach Castiglione fahren?" fragte ihn der Kellner beim Vorlegen. ?Es geht ein Motorboot vom Hotel."

Klein dankte mit Kopfschütteln. Nein, solche Hotelveranstaltungen waren nichts für ihn. - Castiglione? Davon hatte er schon sprechen h?ren. Es war ein Vergnügungsort mit einer Spielbank, so etwas wie ein kleines Monte Carlo. Lieber Gott, was sollte er dort tun?

W?hrend der Kaffee gebracht wurde, nahm er aus dem Blumenstrau?, der in einer Kristallvase vor ihm stand, eine kleine wei?e Rose und steckte sie an. Von einem Nebentische her streifte ihn der Rauch einer frisch angezündeten Zigarre. Richtig, eine gute Zigarre wollte er auch haben.

Unschlüssig stieg er dann vor dem Hause hin und her. Ganz gerne w?re er wieder in jene d?rfliche Gegend gegangen, wo er gestern abend beim Gesang der Italienerin und dem magischen Funkentanz der Leuchtk?fer zum erstenmal die sü?e Wirklichkeit des Südens gespürt hatte. Aber es zog ihn auch zum Park, an das schattig überlaubte stille Wasser, zu den seltsamen B?umen, und wenn er die Dame mit dem gelben Haar wieder angetroffen h?tte, so würde ihr kalter Blick ihn jetzt nicht ?rgern noch besch?men. übrigens - wie unausdenklich lang war es seit gestern! Wie fühlte er sich in diesem Süden schon heimisch! Wieviel hatte er erlebt, gedacht, erfahren!

Er schlenderte eine Stra?e weit, umflossen von einem guten, sanften Sommerabendwind. Nachtfalter kreisten leidenschaftlich um die eben entzündeten Stra?enlaternen, flei?ige Leute schlossen sp?t ihre Gesch?fte zu und klappten Eisenstangen vor die L?den, viele. Kinder trieben sich noch herum und rannten bei ihren Spielen zwischen den kleinen Tischen der Kaffees herum, an denen mitten auf der Stra?e Kaffee und Limonaden getrunken wurden. Ein Marienbild in einer Wandnische l?chelte im Schein brennender Lichter. Auch auf den B?nken am See war noch Leben, wurde gelacht, gestritten, gesungen, und auf dem Wasser schwamm hier und dort noch ein Boot mit hemd?rmeligen Ruderern und M?dchen in wei?en Blusen.

Klein fand leicht den Weg zum Park wieder, aber das hohe Tor stand geschlossen. Hinter den hohen Eisenstangen stand die schweigende Baumfinsternis fremd und schon voll Nacht und Schlaf. Er blickte lang hinein. Dann l?chelte er, und es wurde ihm nun erst der heimliche Wunsch bewu?t, der ihn an diese Stelle vor das verschlossene Eisentor getrieben hatte. Nun, es war einerlei, es ging auch ohne Park.

Auf einer Bank am See sa? er friedlich und sah dem vorübertreibenden Volk zu. Er entfaltete im hellen Laternenlicht eine italienische Zeitung und versuchte zu lesen. Er verstand nicht alles, aber jeder Satz, den er zu übersetzen vermochte, machte ihm Spa?. Erst allm?hlich begann er, über die Grammatik weg, auf den Sinn zu achten, und fand mit einem gewissen Erstaunen, da? der Artikel eine heftige, erbitterte Schm?hung seines Volkes und Vaterlandes war. Wie seltsam, dachte er, das alles gibt es noch! Die Italiener schrieben über sein Volk, genau so wie die heimischen Zeitungen es immer über Italien getan hatten, genau so richtend, genau so emp?rt, genau so unfehlbar vom eigenen Recht und fremden Unrecht überzeugt! Auch da? diese Zeitung mit ihrem Ha? und ihrem grausamen Aburteilen ihn nicht zu emp?ren und zu ?rgern vermochte, war ja seltsam. Oder nicht? Nein, wozu sich emp?ren? Das alles war ja die Art und Sprache einer Welt, zu der er nicht mehr geh?rte. Sie mochte die gute, die bessere, die richtige Welt sein - es war nicht mehr die seine.

Er lie? die Zeitung auf der Bank liegen und ging weiter. Aus einem Garten strahlten über dicht blühende Rosenst?mme hinweg hundert bunte Lichter. Menschen gingen hinein, er schlo? sich an, eine Kasse, Aufw?rter, eine Wand mit Plakaten. Mitten im Garten war ein Saal ohne W?nde, nur ein gro?es Zeltdach, von welchem alle die zahllosen vielfarbigen Lampen niederhingen. Viele halbbesetzte Gartentische füllten den lustigen Saal; im Hintergrunde silbern, grün und rosa in grellen Farben glitzerte überhell eine schmale erh?hte Bühne. Unter der Rampe sa?en Musikanten, ein kleines Orchester. Beschwingt und licht atmete die Fl?te in die bunte warme Nacht hinaus, die Oboe satt und schwellend, das Cello sang dunkel, bang und warm. Auf der Bühne darüber sang ein alter Mann komische Lieder, sein gemalter Mund lachte starr, in seinem kahlen bekümmerten Sch?del spiegelte das üppige Licht.

Klein hatte nichts dergleichen gesucht, einen Augenblick fühlte er etwas wie Entt?uschung und Kritik und die alte Scheu vor dem einsamen Sitzen inmitten einer frohen und eleganten Menge; die künstliche Lustbarkeit schien ihm schlecht in den duftenden Gartenabend zu stimmen. Doch setzte er sich, und das aus so vielen buntfarbigen ged?mpften Lampen niederrinnende Licht vers?hnte ihn alsbald, es hing wie ein Zauberschleier über dem offenen Saal. Zart und innig glühte die kleine Musik herüber, gemischt mit dem Duft der vielen Rosen. Die Menschen sa?en heiter und geschmückt in ged?mpfter Fr?hlichkeit; über Tassen, Flaschen und Eisbechern schwebten, von dem milden farbigen Licht hold behaucht und bepudert, helle Gesichter und schillernde Frauenhüte, und auch das gelbe und rosige Eis in den Bechern, die Gl?ser mit roten, grünen, gelben Limonaden klangen in dem Bilde festlich und juwelenhaft mit.

Niemand h?rte dem Komiker zu. Der dürftige Alte stand gleichgültig und vereinsamt auf seiner Bühne und sang, was er gelernt hatte, das k?stliche Licht flo? an seiner armen Gestalt herab. Er endete sein Lied und schien zufrieden, da? er gehen konnte. An den vordersten Tischen klatschten zwei, drei Menschen mit den H?nden. Der S?nger trat ab und erschien bald darauf durch den Garten im Saale, an einem der ersten Tische beim Orchester nahm er Platz. Eine junge Dame schenkte ihm Sodawasser in ein Glas, sie erhob sich dabei halb, und Klein blickte hin. Es war die mit den gelben Haaren.

Jetzt t?nte von irgendwo her eine schrille Klingel lang und dringlich, es entstand Bewegung in der Halle. Viele gingen ohne Hut und Mantel hinaus. Auch der Tisch beim Orchester leerte sich, die Gelbe lief mit den andern hinaus, ihr Haar gl?nzte hell noch drau?en in der Gartend?mmerung. An ihrem Tisch blieb nur der alte S?nger sitzen.

Klein gab sich einen Sto? und ging hinüber. Er grü?te den Alten h?flich, der nickte nur.

?K?nnen Sie mir sagen, was dies Klingeln bedeutet?" fragte Klein.

?Pause," sagte der Komiker.

?Und wohin sind all die Leute gegangen?"

?Spielen. Jetzt ist eine halbe Stunde Pause, und so lange kann man im Kursaal drüben spielen."

?Danke. - Ich wu?te nicht, da? auch hier eine Spielbank ist."

?Nicht der Rede wert. Nur für Kinder, h?chster Einsatz fünf Franken."

?Danke sehr."

Er hatte schon wieder den Hut gezogen und sich umgedreht. Da fiel ihm ein, er k?nnte den Alten nach der Gelben fragen. Der kannte sie.

Er z?gerte, den Hut noch in der Hand. Dann ging er weg. Was wollte er eigentlich? Was ging sie ihn an? Doch spürte er, sie ging ihn trotzdem an. Es war nur Schüchternheit, irgendein Wahn, eine Hemmung. Eine leise Welle von Unmut stieg in ihm auf, eine dünne Wolke. Schwere war wieder im Anzug, jetzt war er wieder befangen, unfrei, und über sich selbst ?rgerlich. Es war besser, er ging nach Hause. Was tat er hier, unter den vergnügten Leuten? Er geh?rte nicht zu ihnen.

Ein Kellner, der Zahlung verlangte, st?rte ihn. Er war ungehalten.

?K?nnen Sie nicht warten, bis ich rufe?"

?Entschuldigen, ich dachte, der Herr wolle gehen. Mir ersetzt es niemand, wenn einer drausl?uft."

Er gab mehr Trinkgeld, als n?tig war.

Als er die Halle verlie?, sah er aus dem Garten her die Gelbe zurückkommen. Er wartete und lie? sie an sich vorübergehen. Sie schritt aufrecht, stark und leicht wie auf Federn. Ihr Blick traf ihn, kühl, ohne Erkennen. Er sah ihr Gesicht hell beleuchtet, ein ruhiges und kluges Gesicht, fest und bla?, ein wenig blasiert, der geschminkte Mund blutrot, graue Augen voll Wachsamkeit, ein sch?nes, reich ausgeformtes Ohr, an dem ein grüner l?nglicher Stein blitzte. Sie ging in wei?er Seide, der schlanke Hals sank in Opalschatten hinab, von einer dünnen Kette mit grünen Steinen umspannt.

Er sah sie an, heimlich erregt, und wieder mit zwiesp?ltigem Eindruck. Etwas an ihr lockte, erz?hlte von Glück und Innigkeit, duftete nach Fleisch und Haar und gepflegter Sch?nheit, und etwas anderes stie? ab, schien unecht, lie? Entt?uschung fürchten. Es war die alte, anerzogene und ein Leben lang gepflegte Scheu vor dem, was er als dirnenhaft empfand, vor dem bewu?ten Sichzeigen des Sch?nen, vor dem offenen Erinnern an Geschlecht und Liebeskampf. Er spürte wohl, da? der Zwiespalt in ihm selbst lag. Da war wieder Wagner, da war wieder die Welt des Sch?nen, aber ohne Zucht, des Reizenden, aber ohne Verstecktheit, ohne Scheu, ohne schlechtes Gewissen. Da steckte ein Feind in ihm, der ihm das Paradies verbot.

Die Tische in der Halle wurden jetzt von Dienern umgestellt und ein freier Raum in der Mitte geschaffen. Ein Teil der G?ste war nicht wiedergekommen.

?Dableiben," rief ein Wunsch in dem einsamen Mann. Er spürte voraus, was für eine Nacht ihm bevorstand, wenn er jetzt fortging. Eine Nacht wie die vorige, wahrscheinlich eine noch schlimmere. Wenig Schlaf, mit b?sen Tr?umen, Hoffnungslosigkeit und Selbstqu?lerei, dazu das Geheul der Sinne, der Gedanke an die Kette von grünen Steinen auf der wei?en und perlfarbigen Frauenbrust. Vielleicht war schon bald, bald der Punkt erreicht, wo das Leben nicht mehr auszuhalten war. Und er hing doch am Leben, sonderbar genug. Ja, tat er das? W?re er denn sonst hier? H?tte er seine Frau verlassen, h?tte er die Schiffe hinter sich verbrannt, h?tte er diesen ganzen b?sartigen Apparat in Anspruch genommen, alle diese Schnitte ins eigene Fleisch, und w?re er schlie?lich in diesen Süden hergereist, wenn er nicht am Leben hinge, wenn nicht Wunsch und Zukunft in ihm waren? Hatte er es nicht heut gefühlt, klar und wundersch?n, bei dem guten Wein, vor dem geschlossenen Parktor, auf der Bank am Kai?

Er blieb und fand Platz am Tisch neben jenem, wo der S?nger und die Gelbe sa?en. Dort waren sechs, sieben Menschen beisammen, welche sichtlich hier zu Hause waren, gewisserma?en ein Teil dieser Veranstaltung und Lustbarkeit waren. Er blickte best?ndig zu ihnen hinüber. Zwischen ihnen und den Stammg?sten dieses Gartens bestand Vertraulichkeit, auch die Leute vom Orchester kannten sie und gingen an ihrem Tische ab und zu oder riefen Witze herüber, sie nannten die Kellner du und mit den Vornamen. Es wurde deutsch, italienisch und franz?sisch durcheinander gesprochen.

Klein betrachtete die Gelbe. Sie blieb ernst und kühl, er hatte sie noch nicht l?cheln sehen, ihr beherrschtes Gesicht schien unver?nderlich. Er konnte sehen, da? sie an ihrem Tische etwas galt, M?nner und M?dchen hatten gegen sie einen Ton von kameradschaftlicher Achtung. Er h?rte nun auch ihren Namen nennen: Teresina. Er besann sich, ob sie sch?n sei, ob sie ihm eigentlich gefalle. Er konnte es nicht sagen. Sch?n war ohne Zweifel ihr Wuchs und ihr Gang, sogar ungew?hnlich sch?n, ihre Haltung beim Sitzen und die Bewegungen ihrer sehr gepflegten H?nde. An ihrem Gesicht und Blick aber besch?ftigte und irritierte ihn die stille Kühle, die Sicherheit und Ruhe der Miene, das fast maskenhaft Starre. Sie sah aus wie ein Mensch, der seinen eigenen Himmel und seine eigene H?lle hat, welche niemand mit ihm teilen kann. Auch in dieser Seele, welche durchaus hart, spr?de und vielleicht stolz, ja b?se schien, auch in dieser Seele mu?te Wunsch und Leidenschaft brennen. Welcherlei Gefühle suchte und liebte sie, welche floh sie? Wo waren ihre Schw?chen, ihre ?ngste, ihr Verborgenes? Wie sah sie aus, wenn sie lachte, wenn sie schlief, wenn sie weinte, wenn sie kü?te?

Und wie kam es, da? sie nun seit einem halben Tage seine Gedanken besch?ftigte, da? er sie beobachten, sie studieren, sie fürchten, sich über sie ?rgern mu?te, w?hrend er noch nicht einmal wu?te, ob sie ihm gefalle oder nicht?

War sie vielleicht ein Ziel und Schicksal für ihn? Zog eine heimliche Macht ihn zu ihr, wie sie ihn nach dem Süden gezogen hatte? Ein eingeborener Trieb, eine Schicksalslinie, ein lebenslanger unbewu?ter Drang? War die Begegnung mit ihr ihm vorbestimmt? über ihn verh?ngt?

Er h?rte ein Bruchstück ihres Gespr?chs mit angestrengtem Lauschen aus dem vielstimmigen Geplauder heraus. Zu einem hübschen, geschmeidigen, eleganten Jüngling mit gewelltem schwarzen Haar und glattem Gesicht h?rte er sie sagen: ?Ich m?chte noch einmal richtig spielen, nicht hier, nicht um Pralinés, drüben in Castiglione oder in Monte Carlo." Und dann, auf seine Antwort hin, nochmals: ?Nein, Sie wissen ja gar nicht, wie das ist! Es ist vielleicht h??lich, es ist vielleicht nicht klug, aber es ist hinrei?end."

Nun wu?te er etwas von ihr. Es machte ihm gro?es Vergnügen, sie beschlichen und belauscht zu haben. Durch ein erleuchtetes kleines Fenster hatte er, der Fremde, von au?en her, auf Posten stehend, einen kurzen Sp?herblick in ihre Seele werfen k?nnen. Sie hatte Wünsche. Sie wurde von Verlangen gequ?lt nach etwas, was erregend und gef?hrlich war, nach etwas, an das man sich verlieren konnte. Es war ihm lieb, das zu wissen. - Und wie war das mit Castiglione? Hatte er davon nicht heut schon einmal reden h?ren! Wann? Wo?

Einerlei, er konnte jetzt nicht denken. Aber er hatte jetzt wieder, wie schon mehrmals in diesen seltsamen Tagen, die Empfindung, da? alles, was er tat, h?rte, sah und dachte, voll von Beziehung und Notwendigkeit war, da? ein Führer ihn leite, da? lange, ferne Ursachenreihen ihre Früchte trugen. Nun, mochten sie ihre Früchte tragen. Es war gut so.

Wieder überflog ihn ein Glücksgefühl, ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit des Herzens, wunderbar entzückend für den, der die Angst und das Grauen kennt. Er erinnerte sich eines Wortes aus seiner Knabenzeit. Sie hatten, Schulknaben, miteinander darüber gesprochen, wie es wohl die Seilt?nzer machen, da? sie so sicher und angstlos auf dem Seil gehen konnten. Und einer hatte gesagt: ?Wenn du auf dem Stubenboden einen Kreidestrich ziehst, ist es grade so schwer, genau auf diesem Kreidestrich vorw?rtszugehen, wie auf dem dünnsten Seil. Und doch tut man es ruhig, weil keine Gefahr dabei ist. Wenn du dir vorstellst, es sei blo? ein Kreidestrich, und die Luft daneben sei Fu?boden, dann kannst du auf jedem Seil sicher gehen." Das fiel ihm ein. Wie sch?n war das! War es bei ihm nicht vielleicht umgekehrt? Ging es ihm nicht so, da? er auch auf keinem ebenen Boden mehr ruhig und sicher gehen konnte, weil er ihn für ein Seil hielt?

Er war innig froh darüber, da? solche tr?stliche Sachen ihm einfallen konnten, da? sie in ihm schlummerten und je und je zum Vorschein kamen. In sich innen trug man alles, worauf es ankam, von au?en konnte niemand einem helfen. Mit sich selbst nicht im Krieg liegen, mit sich selbst in Liebe und Vertrauen leben - dann konnte man alles. Dann konnte man nicht nur seiltanzen, dann konnte man fliegen.

Eine Weile hing er, alles um sich her vergessend, diesen Gefühlen auf weichen, schlüpfrigen Pfaden der Seele in sich nachtastend wie ein J?ger und Pfadfinder, mit auf die Hand gestütztem Kopfe wie entrückt über seinem Tisch. In diesem Augenblick sah die Gelbe herüber und sah ihn an. Ihr Blick verweilte nicht lang, aber er las aufmerksam in seinem Gesicht, und als er es fühlte und ihr entgegenblickte, spürte er etwas wie Achtung, etwas wie Teilnahme und auch etwas wie Verwandtschaft. Diesmal tat ihr Blick ihm nicht weh, tat ihm nicht Unrecht. Diesmal, so fühlte er, sah sie ihn, ihn selbst, nicht seine Kleider und Manieren, seine Frisur und seine H?nde, sondern das Echte, Unwandelbare, Geheimnisvolle an ihm, das Einmalige, G?ttliche, das Schicksal.

Er bat ihr ab, was er heut Bittres und H??liches über sie gedacht hatte. Aber nein, da war nichts abzubitten. Was er B?ses und T?richtes über sie gedacht, gegen sie gefühlt hatte, das waren Schl?ge gegen ihn selbst gewesen, nicht gegen sie. Nein, es war gut so.

Pl?tzlich erschreckte ihn der Wiederbeginn der Musik. Das Orchester stimmte einen Tanz an. Aber die Bühne blieb leer und dunkel, statt auf sie waren die Blicke der G?ste nach dem leeren Viereck zwischen den Tischen gerichtet. Er erriet, es würde getanzt werden.

Aufblickend sah er am Nebentisch die Gelbe und den jungen bartlosen Elegant sich erheben. Er l?chelte über sich, als er bemerkte, wie er auch gegen diesen Jüngling Widerst?nde fühlte, wie er mit Widerwillen seine Eleganz, seine sehr netten Manieren, sein hübsches Haar und Gesicht anerkannte. Der Jüngling bot ihr die Hand, führte sie in den freien Raum, ein zweites Paar trat an, und nun tanzten die beiden Paare elegant, sicher und hübsch einen Tango. Er verstand nicht viel davon, aber er sah bald, da? Teresina wunderbar tanze. Er sah: sie tat etwas, was sie verstand und bemeisterte, was in ihr lag und natürlich aus ihr herauskam. Auch der Jüngling mit dem gewellten schwarzen Haar tanzte gut, sie pa?ten zusammen. Ihr Tanz erz?hlte den Zuschauern lauter angenehme, lichte, einfache und freundliche Dinge. Leicht und zart lagen ihre H?nde ineinander, willig und froh taten ihre Knie, ihre Arme, ihre Fü?e und Leiber die zartkr?ftige Arbeit. Ihr Tanz drückte Glück und Freude aus, Sch?nheit, Luxus, gute Lebensart und Lebenskunst. Er drückte auch Liebe und Geschlechtlichkeit aus, aber nicht wild und glühend, sondern eine Liebe voll Selbstverst?ndlichkeit, Naivit?t und Anmut. Sie tanzten den reichen Leuten, den Kurg?sten das Sch?ne vor, das in deren Leben lag und das diese selber nicht ausdrücken und ohne eine solche Hilfe nicht einmal empfinden konnten. Diese bezahlten, geschulten T?nzer dienten der guten Gesellschaft zu einem Ersatz. Sie, die selber nicht so gut und geschmeidig tanzten, die angenehme Spielerei ihres Lebens nicht recht genie?en konnten, lie?en sich von diesen Leuten vortanzen, wie gut sie es hatten. Aber das war es nicht allein. Sie lie?en sich nicht nur eine Schwerelosigkeit und heitere Selbstherrlichkeit des Lebens vorspielen, sie wurden auch an Natur und Unschuld der Gefühle und Sinne gemahnt. Aus ihrem überhasteten und überarbeiteten oder auch faulen und übers?ttigten Leben, das zwischen wilder Arbeit, wildem Vergnügen und erzwungener Sanatoriumsp?nitenz pendelte, blickten sie l?chelnd, dumm und heimlich gerührt auf den sch?nen Tanz dieser hübschen und gewandten jungen Menschen wie auf einen holden Lebensfrühling hin, wie auf ein fernes Paradies, das man verloren hat und von dem man nur noch an Feiertagen den Kindern erz?hlt, an das man kaum mehr glaubt, von dem man aber nachts mit brennendem Begehren tr?umt.

Und nun ging w?hrend des Tanzes mit dem Gesicht der Gelbhaarigen eine Ver?nderung vor, welcher Friedrich Klein mit reinem Entzücken zuschaute. Ganz allm?hlich und unmerklich, wie das Rosenrot über einen Morgenhimmel, kam über ihr ernstes, kühles Gesicht ein langsam wachsendes, langsam sich erw?rmendes L?cheln. Gradaus vor sich hinblickend, l?chelte sie wie erwachend, so als sei sie, die Kühle, erst nun durch den Tanz zum vollen Leben erw?rmt worden. Auch der T?nzer l?chelte, und auch das zweite Paar l?chelte, und auf allen vier Gesichtern war es wunderhübsch, obwohl es wie maskenhaft und unpers?nlich erschien - aber bei Teresina war es am sch?nsten und geheimnisvollsten, niemand l?chelte so wie sie, so unberührt von au?en, so im eigenen Wohlgefühl von innen her aufblühend. Er sah es mit tiefer Rührung, es ergriff ihn wie die Entdeckung eines heimlichen Schatzes.

?Was für wundervolles Haar sie hat!" h?rte er in der N?he jemand leise rufen. Er dachte daran, da? er dies wundervolle blondgelbe Haar geschm?ht und bezweifelt hatte.

Der Tango war zu Ende, Klein sah Teresina einen Augenblick neben ihrem T?nzer stehen, der ihre linke Hand mit den Fingern noch in Schulterh?he hielt, und sah den Zauber auf ihrem Gesicht nachleuchten und langsam schwinden. Es wurde halblaut geklatscht, und jedermann blickte den beiden nach, als sie mit schwebendem Schritt an ihren Tisch zurückkehrten.

Der n?chste Tanz, der nach einer kurzen Pause begann, wurde nur von einem einzigen Paar ausgeführt, von Teresina und ihrem hübschen Partner. Es war ein freier Phantasietanz, eine kleine komplizierte Dichtung, beinahe schon eine Pantomime, die jeder T?nzer für sich allein spielte und die nur in einigen aufleuchtenden H?hepunkten und im galoppierend raschen Schlu?satz zum Paartanz wurde.

Hier schwebte Teresina, die Augen voll von Glück, so aufgel?st und innig dahin, folgte mit schwerelosen Gliedern so selig den Werbungen der Musik, da? es still in der Halle wurde und alle hingegeben auf sie schauten. Der Tanz endete mit einem heftigen Wirbel, wobei T?nzer und T?nzerin sich nur mit H?nden und Fu?spitzen berührten und sich, weit hintenüber h?ngend, bacchantisch im Kreise drehten.

Bei diesem Tanz hatte jedermann das Gefühl, da? die beiden Tanzenden in ihren Geb?rden und Schritten, in Trennung und Wiedervereinigung, in immer erneutem Wegwerfen und Wiedergreifen des Gleichgewichtes Empfindungen darstellten, die allen Menschen vertraut und zutiefst erwünscht sind, die aber nur von wenigen Glücklichen so einfach, stark und unverbogen erlebt werden: die Freude des gesunden Menschen an sich selber, die Steigerung dieser Freude in der Liebe zum andern, das gl?ubige Einverstandensein mit der eigenen Natur, die vertrauensvolle Hingabe an die Wünsche, Tr?ume und Spiele des Herzens. Viele empfanden für einen Augenblick nachdenkliche Trauer darüber, da? zwischen ihrem Leben und ihren Trieben so viel Zwiespalt und Streit bestand, da? ihr Leben kein Tanz, sondern ein mühsames Keuchen unter Lasten war - Lasten, die schlie?lich nur sie selber sich aufgebürdet hatten.

Friedrich Klein blickte, w?hrend er dem Tanz folgte, durch viele vergangene Jahre seines Lebens hindurch wie durch einen finstern Tunnel, und jenseits lag in Sonne und Wind grün und strahlend das Verlorene, die Jugend, das starke einfache Fühlen, die gl?ubige Bereitschaft zum Glück - und all dies lag wieder seltsam nah, nur einen Schritt weit, durch Zauber herangezogen und gespiegelt.

Das innige L?cheln des Tanzes noch auf dem Gesicht, kam Teresina jetzt an ihm vorüber. Ihn durchflo? Freude und entzückte Hingabe. Und als habe er sie gerufen, blickte sie ihn pl?tzlich innig an, noch nicht erwacht, die Seele noch voll Glück, das sü?e L?cheln noch auf den Lippen. Und auch er l?chelte ihr zu, dem nahen Glücksschimmer, durch den finstern Schacht so vieler verlorener Jahre.

Zugleich stand er auf, und gab ihr die Hand, wie ein alter Freund, ohne ein Wort zu sagen. Die T?nzerin nahm sie und hielt sie einen Augenblick fest, ohne stehenzubleiben. Er folgte ihr. Am Tisch der Künstler wurde ihm Platz gemacht, nun sa? er neben Teresina und sah die l?nglichen grünen Steine auf der hellen Haut ihres Halses schimmern.

Er nahm nicht an den Gespr?chen teil, von denen er das wenigste verstand. Hinter Teresinas Kopf sah er, im grelleren Licht der Gartenlaternen, die blühenden Rosenst?mme, dunkle volle Kugeln, abgezeichnet, hier und da von Leuchtk?fern überflogen. Seine Gedanken ruhten, es gab nichts zu denken. Die Rosenkugeln schaukelten leicht im Nachtwind, Teresina sa? neben ihm, an ihrem Ohr hing glitzernd der grüne Stein. Die Welt war in Ordnung.

Jetzt legte Teresina die Hand auf seinen Arm.

?Wir werden miteinander sprechen. Nicht hier. Ich erinnere mich jetzt, Sie im Park gesehen zu haben. Ich bin morgen dort, um die gleiche Zeit. Ich bin jetzt müde und mu? bald schlafen. Gehen Sie lieber vorher, sonst pumpen meine Kollegen Sie an."

Da ein Kellner vorüberlief, hielt sie ihn an:

?Eugenio, der Herr will zahlen."

Er zahlte, gab ihr die Hand, zog den Hut, und ging davon, dem See nach, er wu?te nicht wohin. Unm?glich, jetzt sich in sein Hotelzimmer zu legen. Er lief die Seestra?e weiter, zum St?dtchen und den Vororten hinaus, bis die B?nke am Ufer und die Anlagen ein Ende nahmen. Da setzte er sich auf die Ufermauer und sang vor sich hin, ohne Stimme, verschollene Liederbruchstücke aus Jugendjahren. Bis es kalt wurde und die steilen Berge eine feindselige Fremdheit annahmen. Da ging er zurück, den Hut in der Hand.

Ein verschlafener Nachtportier ?ffnete ihm die Tür.

?Ja, ich bin etwas sp?t," sagte Klein, und gab ihm einen Franken.

?O, wir sind das gewohnt. Sie sind noch nicht der Letzte. Das Motorboot von Castiglione ist auch noch nicht zurück."

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