Die T?nzerin war schon da, als Klein sich im Park einfand. Sie ging mit ihrem federnden Schritt im Innern des Gartens um die Rasenstücke und stand pl?tzlich am schattigen Eingang eines Geh?lzes vor ihm.
Teresina musterte ihn aufmerksam mit den hellgrauen Augen, ihr Gesicht war ernst und etwas ungeduldig. Sofort im Gehen fing sie zu sprechen an.
?K?nnen Sie mir sagen, was das gestern war? Wie kommt das, da? wir uns so in den Weg liefen? Ich habe darüber nachgedacht. Ich sah Sie gestern im Kursaalgarten zweimal. Das erstemal standen Sie am Ausgang und sahen mich an, Sie sahen gelangweilt oder ge?rgert aus, und als ich Sie sah, fiel mir ein: Dem bin ich schon einmal im Park begegnet. Es war kein guter Eindruck, und ich gab mir Mühe, Sie gleich wieder zu vergessen. Dann sah ich Sie wieder, kaum eine Viertelstunde sp?ter. Sie sa?en am Nebentisch und sahen pl?tzlich ganz anders aus, ich merkte nicht gleich, da? Sie derselbe seien, der mir vorher begegnet war. Und dann, nach meinem Tanz, standen Sie auf einmal vor mir und hielten mich an der Hand, oder ich Sie, ich wei? nicht recht. Wie ging das zu? Sie müssen doch etwas wissen. Aber ich hoffe, Sie sind nicht etwa gekommen, um mir Liebeserkl?rungen zu machen?"
Sie sah ihn befehlend an.
?Ich wei? nicht," sagte Klein. ?Ich bin nicht mit bestimmten Absichten gekommen. Ich liebe Sie, seit gestern, aber wir brauchen ja nicht davon zu sprechen."
?Ja, sprechen wir von anderm. Es war gestern einen Augenblick etwas zwischen uns da, was mich besch?ftigt und auch erschreckt hat, als h?tten wir irgend etwas ?hnliches oder Gemeinsames. Was ist das? Und, die Hauptsache: Was war das für eine Verwandlung mit Ihnen? Wie war es m?glich, da? Sie innerhalb einer Stunde zwei so ganz verschiedene Gesichter haben konnten? Sie sahen aus wie ein Mensch, der sehr Wichtiges erlebt hat."
?Wie sah ich aus?" fragte er kindlich.
?O, zuerst sahen Sie aus wie ein ?lterer, etwas vergr?mter, unangenehmer Herr. Sie sahen aus wie ein Philister, wie ein Mann, der gewohnt ist, den Zorn über seine eigene Unf?higkeit an andern auszulassen."
Er h?rte mit gespannter Teilnahme zu und nickte lebhaft. Sie fuhr fort:
?Und dann, nachher, das l??t sich nicht gut beschreiben. Sie sa?en etwas vorgebückt; als Sie mir zuf?llig in die Augen fielen, dachte ich in der ersten Sekunde noch: Herrgott, haben diese Philister traurige Haltungen! Sie hatten den Kopf auf die Hand gestützt, und das sah nun pl?tzlich so seltsam aus: es sah aus, als w?ren Sie der einzige Mensch in der Welt, und als sei es Ihnen ganz und gar einerlei, was mit Ihnen und mit der ganzen Welt gesch?he. Ihr Gesicht war wie eine Maske, schauderhaft traurig oder auch schauderhaft gleichgültig -"
Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, sagte aber nichts.
?Sie haben recht," sagte Klein bescheiden. ?Sie haben so richtig gesehen, da? ich erstaunt sein mü?te. Sie haben mich gelesen wie einen Brief. Aber eigentlich ist es ja nur natürlich und richtig, da? Sie das alles sahen."
?Warum natürlich?"
?Weil Sie, auf eine etwas andere Art, beim Tanzen ganz das gleiche ausdrücken. Wenn Sie tanzen, Teresina, und auch sonst in manchen Augenblicken, sind Sie wie ein Baum oder ein Berg oder Tier, oder ein Stern, ganz für sich, ganz allein, Sie wollen nichts anders sein, als was Sie sind, einerlei ob gut oder b?se. Ist es nicht das gleiche, was Sie bei mir sahen?"
Sie betrachtete ihn prüfend, ohne Antwort zu geben.
?Sie sind ein wunderlicher Mensch," sagte sie dann z?gernd. ?Und wie ist das nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich alles einerlei, was mit Ihnen geschieht?"
?Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder, und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark. Oder vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist k?stlich und willkommen, es sei, was es sei."
?Einen Augenblick hielt ich es sogar für m?glich, da? Sie ein Verbrecher w?ren."
?Auch das ist m?glich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein ?Verbrecher', das sagt man so, und man meint damit, da? einer etwas tut, was andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur, was in ihm ist. - Sehen Sie, das ist die ?hnlichkeit, die wir beide haben: wir beide tun hier und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist. Nichts ist seltener, die meisten Menschen kennen das überhaupt nicht. Auch ich kannte es nicht, ich sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis es eines Tages damit zu Ende war. Ich konnte nicht mehr, ich mu?te fort, das Gute war nimmer gut, das Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht mehr zu ertragen. Aber ich m?chte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar, obwohl es soviel Qualen bringt."
?Wollen Sie mir sagen, wie Sie hei?en und wer Sie sind?"
?Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen und keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mu?te das alles aufgeben. Mit mir steht es so, da? ich nach einem langen braven und flei?igen Leben eines Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt mu? ich untergehen oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich bin jetzt ganz allein."
Etwas verlegen fragte sie: ?Waren Sie in einer Anstalt?"
?Verrückt, meinen Sie? Nein. Obwohl auch das ja m?glich w?re." Er wurde zerstreut, Gedanken packten ihn von innen. Mit beginnender Unruhe sprach er fort: ?Wenn man darüber redet, wird auch das Einfachste gleich kompliziert und unverst?ndlich. Wir sollten gar nicht davon sprechen! - Man tut das ja auch nur, man spricht nur dann darüber, wenn man es nicht verstehen will."
?Wie meinen Sie das? Ich will wirklich verstehen. Glauben Sie mir! Es interessiert mich sehr."
Er l?chelte lebhaft.
?Ja, ja. Sie wollen sich darüber unterhalten. Sie haben etwas erlebt und wollen jetzt darüber reden. Ach, es hilft nichts. Reden ist der sichere Weg dazu, alles mi?zuverstehen, alles seicht und ?de zu machen. - Sie wollen mich ja nicht verstehen und auch sich selber nicht! Sie wollen blo? Ruhe haben vor der Mahnung, die Sie gespürt haben. Sie wollen mich und die Mahnung damit abtun, da? Sie die Etikette finden, unter der Sie mich einreihen k?nnen. Sie versuchen es mit dem Verbrecher und mit dem Geisteskranken, Sie wollen meinen Stand und Namen wissen. Das alles führt aber nur weg vom Verstehen, das alles ist Schwindel, liebes Fr?ulein, ist schlechter Ersatz für Verstehen, ist vielmehr Flucht vor dem Verstehenwollen, vor dem Verstehenmüssen."
Er unterbrach sich, strich gequ?lt mit der Hand über die Augen, dann schien ihm etwas Freundliches einzufallen, er l?chelte wieder. ?Ach sehen Sie, als Sie und ich gestern einen Augenblick lang genau das gleiche fühlten, da sagten wir nichts und fragten nichts und dachten auch nichts - auf einmal gaben wir einander die Hand, und es war gut. Jetzt aber - jetzt reden wir und denken und erkl?ren - und alles ist seltsam und unverst?ndlich geworden, was so einfach war. Und doch w?re es ganz leicht für Sie, mich ebenso gut zu verstehen wie ich Sie."
?Sie glauben mich so gut zu verstehen?"
?Ja, natürlich. Wie Sie leben, wei? ich nicht. Aber Sie leben, wie ich es auch getan habe und wie alle es tun, meistens im Dunkeln und an sich selber vorbei, irgendeinem Zweck, einer Pflicht, einer Absicht nach. Das tun fast alle Menschen, daran ist die ganze Welt krank, daran wird sie auch untergehen. Manchmal aber, beim Tanzen zum Beispiel, geht die Absicht oder Pflicht Ihnen verloren, und Sie leben auf einmal ganz anders. Sie fühlen auf einmal so, als w?ren Sie allein auf der Welt, oder als k?nnten Sie morgen tot sein, und da kommt alles heraus, was Sie wirklich sind. Wenn Sie tanzen, stecken Sie damit sogar andere an. Das ist Ihr Geheimnis."
Sie ging eine Strecke weit rascher. Zu ?u?erst auf einem Vorsprung überm See blieb sie stehen.
?Sie sind sonderbar," sagte sie. ?Manches kann ich verstehen. Aber - was wollen Sie eigentlich von mir?"
Er senkte den Kopf und sah einen Augenblick traurig aus.
?Sie sind es so gewohnt, da? man immer etwas von Ihnen haben will. Teresina, ich will von Ihnen nichts, was nicht Sie selber wollen und gerne tun. Da? ich Sie liebe, kann Ihnen gleichgültig sein. Es ist kein Glück, geliebt zu werden. Jeder Mensch liebt sich selber, und doch qu?len sich Tausende ihr Leben lang. Nein, geliebt werden ist kein Glück. Aber lieben, das ist Glück!"
?Ich würde Ihnen gern irgendeine Freude machen, wenn ich k?nnte," sagte Teresina langsam, wie mitleidig.
?Das k?nnen Sie, wenn Sie mir erlauben, Ihnen irgendeinen Wunsch zu erfüllen."
?Ach, was wissen Sie von meinen Wünschen!"
?Allerdings, Sie sollten keine haben. Sie haben ja den Schlüssel zum Paradies, das ist Ihr Tanz. Aber ich wei?, da? Sie doch Wünsche haben, und das ist mir lieb. Und nun wissen Sie: da ist einer, dem macht es Spa?, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen."
Teresina besann sich. Ihre wachsamen Augen wurden wieder scharf und kühl. Was konnte er von ihr wissen? Da sie nichts fand, begann sie vorsichtig:
?Meine erste Bitte an Sie w?re die, da? Sie aufrichtig sind. Sagen Sie mir, wer Ihnen etwas von mir erz?hlt hat."
?Niemand. Ich habe niemals mit einem Menschen über Sie gesprochen. Was ich wei? - es ist sehr wenig - wei? ich von Ihnen selbst. Ich h?rte Sie gestern sagen, da? Sie sich wünschen, einmal in Castiglione zu spielen."
Ihr Gesicht zuckte.
?Ach so, Sie haben mich belauscht."
?Ja, natürlich. Ich habe Ihren Wunsch verstanden. Weil Sie nicht immer einig mit sich sind, suchen Sie nach Erregung und Bet?ubung."
?O nein, ich bin nicht so romantisch, wie Sie meinen. Ich suche beim Spiel nicht Bet?ubung, sondern einfach Geld. Ich m?chte einmal reich sein oder doch sorgenfrei, ohne mich dafür verkaufen zu müssen. Das ist alles."
?Das klingt so richtig, und doch glaube ich es nicht. Aber wie Sie wollen! Sie wissen ja im Grunde ganz gut, da? Sie sich nie zu verkaufen brauchen. Reden wir nicht davon! Aber wenn Sie Geld haben wollen, sei es nun zum Spielen oder sonst, so nehmen Sie es doch von mir! Ich habe mehr, als ich brauche, glaube ich, und lege keinen Wert darauf."
Teresina zog sich wieder zurück.
?Ich kenne Sie ja kaum. Wie soll ich Geld von Ihnen nehmen?"
Er zog pl?tzlich den Hut, wie von einem Schmerz befallen, und brach ab.
?Was haben Sie?" rief Teresina.
?Nichts, nichts. - Erlauben Sie, da? ich gehe! Wir haben zuviel gesprochen, viel zuviel. Man sollte nie soviel sprechen."
Und da lief er schon, ohne Abschied genommen zu haben, rasch und wie von Verzweiflung hingeweht durch den Baumgang fort. Die T?nzerin sah ihm mit gestauten, uneinigen Empfindungen nach, aufrichtig verwundert über ihn und über sich.
Er aber lief nicht aus Verzweiflung, sondern nur aus unertr?glicher Spannung und Gefülltheit. Es war ihm pl?tzlich unm?glich geworden, noch ein Wort zu sagen, noch ein Wort zu h?ren, er mu?te allein sein, mu?te notwendig allein sein, denken, horchen, sich selber zuh?ren. Das ganze Gespr?ch mit Teresina hatte ihn selbst in Erstaunen gesetzt und überrascht, die Worte waren ohne seinen Willen so gekommen, es hatte ihn wie ein Würgen das heftige Bedürfnis befallen, seine Erlebnisse und Gedanken mitzuteilen, zu formen, auszusprechen, sie sich selber zuzurufen. Er war erstaunt über jedes Wort, das er sich sagen h?rte, aber mehr und mehr fühlte er, wie er sich in etwas hineinredete, was nicht mehr einfach und richtig war, wie er unnützerweise das Unbegreifliche zu erkl?ren versuchte - und mit einemmal war es ihm unertr?glich geworden, er hatte abbrechen müssen.
Jetzt aber, wo er sich der vergangenen Viertelstunde wieder zu erinnern suchte, empfand er dies Erlebnis freudig und dankbar. Es war ein Fortschritt, eine Erl?sung, eine Best?tigung.
Die Zweifelhaftigkeit, in welche die ganze gewohnte Welt für ihn gefallen war, hatte ihn furchtbar ermüdet und gepeinigt. Er hatte das Wunder erlebt, da? das Leben am sinnvollsten wird in den Augenblicken, wo alle Sinne und Bedeutungen uns verloren gehen. Immer wieder aber war ihm der peinliche Zweifel gekommen, ob diese Erlebnisse wirklich wesentlich seien, ob sie mehr seien als kleine zuf?llige Kr?uselungen an der Oberfl?che eines ermüdeten und erkrankten Gemütes, Launen im Grunde, kleine Nervenschwankungen. Jetzt hatte er gesehen, gestern abend und heute, da? sein Erlebnis wirklich war. Es hatte aus ihm gestrahlt und ihn ver?ndert, es hatte einen andern Menschen zu ihm hergezogen. Seine Vereinsamung war durchbrochen, er liebte wieder, es gab jemand, dem er dienen und Freude machen wollte, er konnte wieder l?cheln, wieder lachen!
Die Welle ging durch ihn hin wie Schmerz und wie Wollust, er zuckte vor Gefühl, Leben klang in ihm auf wie eine Brandung, unbegreiflich war alles. Er ri? die Augen auf und sah: B?ume an einer Stra?e, Silberflocken im See, ein rennender Hund, Radfahrer - und alles war sonderbar, m?rchenhaft und beinahe allzu sch?n, alles wie nagelneu aus Gottes Spielzeugschachtel genommen, alles nur für ihn da, für Friedrich Klein, und er selbst nur dazu da, diesen Strom von Wunder und Schmerz und Freude durch sich hinzucken zu fühlen. überall war Sch?nheit, in jedem Dreckhaufen am Weg, überall war tiefes Leiden, überall war Gott. Ja, das war Gott, und so hatte er ihn, vor unausdenklichen Zeiten, als Knabe einst empfunden und mit dem Herzen gesucht, wenn er ?Gott" und ?Allgegenwart" dachte. Herz, brich nicht vor Fülle!
Wieder schossen aus allen vergessenen Sch?chten seines Lebens frei gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unz?hlbare: an Gespr?che, an seine Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte: um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den M?rder Wagner, um Teresina. Stellen aus klassischen Schriftstellern fielen ihm ein und lateinische Sprichw?rter, die ihn als Schüler einst ergriffen hatten, und t?richte sentimentale Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters stand hinter ihm, er erlebte wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles, was je durch Auge und Ohr, durch Menschen und Bücher, mit Wonne oder Leid in ihn eingegangen und in ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu sein, alles zugleich, aufgerührt und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung, doch voller Sinn, alles wichtig, alles bedeutungsvoll, alles unverloren.
Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von h?chster Wollust nicht zu unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Tr?nen standen ihm in den Augen. Er begriff, da? er nahe am Wahnsinn stehe, und wu?te doch, da? er nicht wahnsinnig werden würde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland des Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzücken wie in die Vergangenheit, wie in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles zauberhaft, wohllaut und voll Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler V?lker der Wahnsinn für heilig galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm, alles war ihm erschlossen. Es gab keine Worte dafür, es war falsch und hoffnungslos, irgend etwas in Worten ausdenken und verstehen zu wollen! Man mu?te nur offenstehen, nur bereit sein: dann konnte jedes Ding, dann konnte in unendlichem Zug wie in eine Arche Noahs die ganze Welt in einen hineingehen, und man besa? sie, verstand sie und war eins mit ihr.
Trauer ergriff ihn. O, wenn alle Menschen dies wü?ten, dies erlebten! Wie wurde drauflos gelebt, drauflos gesündigt, wie blind und ma?los wurde gelitten! Hatte er nicht gestern noch sich über Teresina ge?rgert? Hatte er nicht gestern noch seine Frau geha?t, sie angeklagt und für alles Leid seines Lebens verantwortlich machen wollen? Wie traurig, wie dumm, wie hoffnungslos! Alles war doch so einfach, so gut, so sinnvoll, sobald man es von innen sah, sobald man hinter jedem Ding das Wesen stehen sah, ihn, Gott.
Hier bog ein Weg zu neuen Vorstellungsg?rten und Bilderw?ldern ein. Wendete er sein heutiges Gefühl der Zukunft zu, sprühten hundert Glückstr?ume auf, für ihn und für alle. Sein vergangenes, dumpfes, verdorbenes Leben sollte nicht beklagt, nicht angeklagt, nicht gerichtet werden, sondern erneut und ins Gegenteil verwandelt, voll Sinn, voll Freude, voll Güte, voll Liebe. Die Gnade, die er erlebt, mu?te widerstrahlen und weiter wirken. Bibelsprüche kamen ihm in den Sinn, und alles, was er von begnadeten Frommen und Heiligen wu?te. So hatte es immer begonnen, bei allen. Sie waren denselben harten und finstern Weg geführt worden wie er, feig und voll Angst, bis zur Stunde der Umkehr und Erleuchtung. ?In der Welt habet ihr Angst," hatte Jesus zu seinen Jüngern gesagt. Wer aber die Angst überwunden hatte, der lebte nicht mehr in der Welt, sondern in Gott, im tausendj?hrigen Reich.
So hatten alle gelehrt, alle Weisen der ganzen Welt, Buddha und Schopenhauer, Jesus, die Griechen. Es gab nur eine Weisheit, nur einen Glauben, nur ein Denken: das Wissen von Gott in uns. Wie wurde das in den Schulen, Kirchen, Büchern und Wissenschaften verdreht und falsch gelehrt!
Mit weiten Flügelschl?gen flog Kleins Geist durch die Bezirke seiner innern Welt, seines Wissens, seiner Bildung. Auch hier, wie in seinem ?u?ern Leben, lag Gut um Gut, Schatz um Schatz, Quelle um Quelle, aber jedes für sich, abgesondert, tot und wertlos. Nun aber, mit dem Strahl des Wissens, mit der Erleuchtung, zuckte auch hier pl?tzlich Ordnung, Sinn und Formung durch das Chaos, Sch?pfung begann, Leben und Beziehung sprang von Pol zu Pol. Sprüche entlegenster Kontemplation wurden selbstverst?ndlich, Dunkles wurde hell, und das Einmaleins wurde zum mystischen Bekenntnis. Beseelt und liebeglühend ward auch diese Welt. Die Kunstwerke, die er in jüngeren Jahren geliebt hatte, klangen mit neuem Zauber herauf. Er sah: die r?tselhafte Magie der Kunst ?ffnete sich demselben Schlüssel. Kunst war nichts andres als Betrachtung der Welt im Zustand der Gnade, der Erleuchtung. Kunst war: hinter jedem Ding Gott zeigen.
Flammend schritt der Beseligte durch die Welt, jeder Zweig an jedem Baume hatte teil an einer Ekstase, strebte edler empor, hing inniger herab, war Sinnbild und Offenbarung. Dünne violette Wolkenschatten liefen über den Seespiegel, schaudernd in z?rtlicher Sü?e. Jeder Stein lag bedeutungsvoll neben seinem Schatten. So sch?n, so tief und heilig liebenswert war die Welt noch nie gewesen, oder nie mehr seit den geheimnisvollen, sagenhaften Jahren der ersten Kindheit. ?So ihr nicht werdet wie die Kinder," fiel ihm ein, und er fühlte: ich bin wieder Kind geworden, ich bin ins Himmelreich eingegangen.
Als er Müdigkeit und Hunger zu spüren begann, fand er sich weit von der Stadt. Nun erinnerte er sich, woher er kam, was gewesen war, und da? er ohne Abschied von Teresina weggelaufen war. Im n?chsten Dorf suchte er ein Wirtshaus. Ein kleiner l?ndlicher Weinschank, mit einem eingepflockten Holztisch im G?rtchen unterm Kirschlorbeer, zog ihn an. Er verlangte Essen, man hatte aber nichts als Wein und Brot. Eine Suppe, bat er, oder Eier, oder Schinken. Nein, es gab solche Sachen hier nicht. Niemand a? hier dergleichen bei der teuren Zeit. Er hatte erst mit der Wirtin, dann mit einer Gro?mutter verhandelt, die auf der Steinschwelle der Haustür sa? und W?sche flickte. Nun setzte er sich in den Garten untern tiefschattenden Baum, mit Brot und herbem Rotwein. Im Nachbargarten, unsichtbar hinter Reblaub und aufgeh?ngter W?sche, h?rte er zwei M?dchenstimmen singen. Pl?tzlich fuhr ein Wort des Liedes ihm ins Herz, ohne da? er es doch festhalten konnte. Es kam im n?chsten Vers wieder, es war der Name Teresina. Das Lied, ein Couplet von halb komischer Art, handelte von einer Teresina. Er verstand:
La sua mama a la finestra
Con una voce serpentina:
Vieni a casa, o Teresina,
Lasc' andare quel traditor!
Teresina! Wie liebte er sie! Wie herrlich war es, zu lieben!
Er legte den Kopf auf den Tisch und d?mmerte, schlummerte, ein und erwachte wieder, mehrmals, oftmals. Es war Abend. Die Wirtin kam und stellte sich vor den Tisch, über den Gast verwundert. Er legte Geld hin, erbat noch ein Glas Wein, fragte sie nach jenem Liede. Sie wurde freundlich, brachte den Wein und blieb bei ihm stehen. Er lie? sich das ganze Teresina-Lied vorsagen, und hatte gro?e Freude an dem Vers:
Jo non sono traditore
E ne meno lusinghero,
Jo son' figlio d'un ricco Signore,
Son' venuto per fare l'amor.
Die Wirtin meinte, jetzt k?nnte er eine Suppe haben, sie koche ohnehin für ihren Mann, den sie erwarte.
Er a? Gemüsesuppe und Brot, der Wirt kam heim, an den grauen Steind?chern des Dorfes verglühte die sp?te Sonne. Er fragte nach einem Zimmer, es wurde ihm eines angeboten, eine Kammer mit dicken nackten Steinw?nden. Er nahm es. Noch nie hatte er in einer solchen Kammer geschlafen, sie kam ihm vor wie das Gela? aus einem R?uberdrama. Nun ging er durch das abendliche Dorf, fand einen kleinen Kramladen noch offen, bekam Schokolade zu kaufen und verteilte sie an Kinder, die in Mengen durch die Gasse schw?rmten. Sie liefen ihm nach, Eltern grü?ten ihn, jedermann wünschte ihm gute Nacht, und er gab es zurück, nickte allen den alten und jungen Menschen zu, die auf den Schwellen und Vortreppen der H?user sa?en.
Mit Freude dachte er an seine Kammer im Wirtshaus, an diese primitive, h?hlenhafte Unterkunft, wo der alte Kalk von den grauen Mauern bl?tterte und nichts Unnützes an den nackten W?nden hing, nicht Bild noch Spiegel, nicht Tapete noch Vorhang. Er lief durch das abendliche Dorf wie durch ein Abenteuer, alles war begl?nzt, alles voll geheimer Versprechung.
In die Osteria zurückkehrend, sah er vom leeren und dunkeln Gastzimmer aus Licht in einem Türspalt, ging ihm nach und kam in die Küche. Der Raum erschien ihm wie eine M?rchenh?hle, das wenige dünne Licht flo? über einen roten steinernen Boden und verlief sich, ehe es die W?nde und Decke erreichte, in dichte warme D?mmerung, und von dem ungeheuer und tiefschwarz herabh?ngenden Rauchfang schien eine unersch?pfliche Quelle von Finsternis auszuflie?en.
Die Frau sa? da mit der Gro?mutter, sie sa?en beide gebückt, klein und schwach auf niederen demütigen Schemeln, die H?nde auf den Knien ausruhend. Die Wirtsfrau weinte, niemand kümmerte sich um den Eintretenden. Er setzte sich auf den Rand eines Tisches neben Gemüseresten, ein stumpfes Messer blinkte bleiern auf, im Lichtschein glühte blankes Kupfergeschirr rot an den W?nden. Die Frau weinte, die alte Graue stand ihr bei und murmelte mit ihr in der Mundart, er verstand allm?hlich, da? Hader im Hause und der Mann nach einem Streit wieder fortgegangen war. Er fragte, ob er sie geschlagen habe, bekam aber keine Antwort. Allm?hlich fing er an zu tr?sten. Er sagte, der Mann werde gewi? schon bald wiederkommen. Die Frau sagte scharf: ?Heut nicht und vielleicht auch morgen nicht." Er gab es auf, die Frau setzte sich aufrechter, man sa? schweigend, das Weinen war verstummt. Die Einfachheit des Vorgangs, zu dem keine Worte gemacht wurden, schien ihm wundervoll. Man hatte Streit gehabt, man hatte Schmerz empfangen, man hatte geweint. Jetzt war es vorbei, jetzt sa? man still und wartete. Das Leben würde schon weiter gehen. Wie bei Kindern. Wie bei Tieren. Nur nicht reden, nur nicht das Einfache kompliziert machen, nur nicht die Seele nach au?en drehen.
Klein lud die Gro?mutter ein, Kaffee zu kochen, für sie alle drei. Die Frauen leuchteten auf, die Alte legte sofort Reisig in den Kamin, es knisterte von brechenden Zweigen, von Papier, von aufprasselnder Flamme. Im j?h aufflammenden Feuerschein sah er das Gesicht der Wirtin, von unten her beleuchtet, etwas vergr?mt und doch beruhigt. Sie schaute ins Feuer, zwischenein l?chelte sie, pl?tzlich stand sie auf, ging langsam zum Wasserhahn und wusch sich die H?nde.
Dann sa?en sie alle drei am Küchentisch und tranken den hei?en schwarzen Kaffee, und einen alten Wacholderlik?r dazu. Die Weiber wurden lebendiger, sie erz?hlten und fragten, lachten über Kleins mühsame und fehlerhafte Sprache. Ihm schien, er sei schon sehr lange hier. Wunderlich, was in diesen Tagen alles Platz hatte! Ganze Zeitr?ume und Lebensabschnitte fanden Raum in einem Nachmittag, jede Stunde schien mit Lebensfracht überladen. Sekundenlang zuckte Furcht in ihm wetterleuchtend auf, es k?nnte pl?tzlich Müdigkeit und Verbrauch der Lebenskraft ihn verhundertfacht überfallen und ihn aussaugen, wie Sonne einen Tropfen vom Felsen leckt. In diesen sehr flüchtigen, doch zuweilen wiederkehrenden Augenblicken, in diesem fremden Wetterleuchten sah er sich selbst leben, fühlte und sah in sein Gehirn und sah dort in beschleunigten Schwingungen einen uns?glich komplizierten, zarten, kostbaren Apparat vor tausendfacher Arbeit vibrieren, wie hinter Glas ein h?chst sensibles Uhrwerk, das zu st?ren ein St?ubchen genügt.
Es wurde ihm erz?hlt, da? der Wirt sein Geld in unsichere Gesch?fte stecke, viel au?er Hause sei und da und dort Verh?ltnisse mit Frauen unterhalte. Kinder waren nicht da. W?hrend Klein sich Mühe gab, die italienischen Worte für einfache Fragen und Auskünfte zu finden, arbeitete hinterm Glas das zarte Uhrwerk rastlos in seinem Fieber fort, jeden gelebten Moment sofort in seine Abrechnungen und Abw?gungen einbeziehend.
Zeitig erhob er sich, um schlafen zu gehen. Er gab den beiden Frauen die Hand, der alten und der jungen, die ihn durchdringend ansah, w?hrend die Gro?mutter mit dem G?hnen k?mpfte. Dann tastete er sich die dunkle Steintreppe hinauf, erstaunlich hohe Riesenstufen, in seine Kammer. Dort fand er Wasser in einem Tonkrug bereit, wusch sich das Gesicht, vermi?te einen Augenblick Seife, Hausschuhe, Nachthemd, lag noch eine Viertelstunde im Fenster, auf das granitne Gesimse gestützt, zog sich dann vollends aus und legte sich in das harte Bett, dessen grobe Leinwand ihn entzückte und einen Schwall von holden l?ndlichen Vorstellungen weckte. War es nicht das einzig Richtige, stets so zu leben, in einem Raum aus vier Steinw?nden, ohne den l?cherlichen Kram der Tapeten, des Schmucks, der vielen M?bel, ohne all das übertriebene und im Grund barbarische Zubeh?r? Ein Dach überm Kopf, gegen den Regen, eine einfache Decke um sich, gegen die K?lte, etwas Brot und Wein oder Milch, gegen den Hunger, morgens die Sonne zum Wecken, abends die D?mmerung zum Einschlafen - brauchte der Mensch mehr?
Aber kaum hatte er das Licht gel?scht, so war Haus und Kammer und Dorf in ihm versunken. Er stand wieder am See bei Teresina und sprach mit ihr, konnte sich des heutigen Gespr?ches nur mit Mühe erinnern und wurde zweifelhaft, was er ihr eigentlich gesagt habe, ja ob nicht das ganze Gespr?ch nur ein Traum und Phantom von ihm gewesen sei. Die Dunkelheit tat ihm wohl - wei? Gott, wo er morgen aufwachen würde?
Ein Ger?usch an der Tür weckte ihn. Leise wurde die Klinke gedreht, ein Faden dünnen Lichtes sank herein und z?gerte im Spalt. Verwundert und doch im Augenblick wissend, blickte er hinüber, noch nicht in der Gegenwart. Da ging die Türe auf, mit einem Licht in der Hand stand die Wirtsfrau, barfu?, lautlos. Sie blickte zu ihm her, durchdringend, und er l?chelte und streckte die Arme aus, tief erstaunt, gedankenlos. Da war sie schon bei ihm, und ihr dunkles Haar lag neben ihm auf dem rauhen Kissen.
Sie sprachen kein Wort. Von ihrem Ku? entzündet, zog er sie an sich. Die pl?tzliche N?he und W?rme eines Menschen an seiner Brust, der fremde starke Arm um seinen Nacken erschütterte ihn seltsam - wie war diese W?rme ihm unbekannt, wie fremd, wie schmerzlich neu war ihm diese W?rme und N?he - wie war er allein gewesen, wie sehr allein, wie lang allein! Abgründe und Flammenh?llen hatten zwischen ihm und aller Welt geklafft - und nun war da ein fremder Mensch gekommen, in wortlosem Vertrauen und Trostbedürfnis, eine arme, vernachl?ssigte Frau, so wie er selbst jahrelang ein vernachl?ssigter und verschüchterter Mann gewesen war, und hing an seinem Hals und gab und nahm und sog mit Gier den Tropfen Wonne aus dem kargen Leben, suchte trunken und doch schüchtern seinen Mund, spielte mit traurig z?rtlichen Fingern in den seinen, rieb ihre Wange an seiner. Er richtete sich über ihrem blassen Gesichte auf und kü?te sie auf beide geschlossene Augen, und dachte: Sie glaubt zu nehmen und wei? nicht, da? sie gibt, sie flüchtet ihre Vereinsamung zu mir und ahnt die meine nicht! Erst jetzt sah er sie, neben der er den ganzen Abend blind gesessen hatte, sah, da? sie lange, schlanke H?nde und Finger hatte, hübsche Schultern und ein Gesicht voll von Schicksalsangst und blindem Kinderdurst, und ein halb ?ngstliches Wissen um kleine, holde Wege und übungen der Z?rtlichkeit.
Er sah auch und wurde traurig darüber, da? er selbst in der Liebe ein Knabe und Anf?nger geblieben war, in langer, lauer Ehe resigniert, schüchtern und doch ohne Unschuld, begehrlich und doch voll von schlechtem Gewissen. Noch w?hrend er mit durstigen Küssen an Mund und Brust des Weibes hing, noch w?hrend er ihre Hand z?rtlich und fast mütterlich auf seinen Haaren fühlte, empfand er im voraus Entt?uschung und Druck im Herzen, er fühlte das Schlimme wiederkommen: die Angst, und es durchflo? ihn schneidend kalt die Ahnung und Furcht, da? er tief in seinem Wesen nicht zur Liebe f?hig sei, da? Liebe ihm nur Qual und b?sen Zauber bringen k?nne. Noch ehe der kurze Sturm der Wollust vertobt war, schlug in seiner Seele Bangigkeit und Mi?trauen das b?se Auge auf, Widerwille dagegen, da? er genommen worden sei statt selbst zu nehmen und zu erobern, und Vorgefühl von Ekel.
Lautlos war die Frau wieder davongeschlüpft, samt ihrem Kerzenlicht. Im Dunkeln lag Klein, und es kam mitten in der S?ttigung der Augenblick, den er schon vorher, schon vor Stunden in so viel ahnenden wetterleuchtenden Sekunden gefürchtet, der schlimme Augenblick, wo die überreiche Musik seines neuen Lebens in ihm nur noch müde und verstimmte Saiten fand und tausend Lustgefühle pl?tzlich mit Müdigkeit und Angst bezahlt werden mu?ten. Mit Herzklopfen fühlte er alle Feinde auf der Lauer liegen, Schlaflosigkeit, Depression und Alpdruck. Das rauhe Linnen brannte an seiner Haut, bleich sah die Nacht durchs Fenster. Unm?glich, hier zu bleiben und wehrlos den kommenden Qualen standzuhalten! Ach, es kam wieder, die Schuld und Angst kam wieder und die Traurigkeit und die Verzweiflung! Alles überwundene, alles Vergangene kam wieder. Es gab keine Erl?sung.
Hastig kleidete er sich an, ohne Licht, suchte vor der Tür seine staubigen Stiefel, schlich hinab und aus dem Hause und lief, auf müden, einsinkenden Beinen, verzweifelt durch Dorf und Nacht davon, von sich selbst verh?hnt, von sich selbst verfolgt, von sich selbst geha?t.