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Chapter 6 No.6

Herr und Frau Doktor He?ling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift des Züricher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das Ergebnis des Blickes, den der Gesch?ftsführer schnell und schonend über sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam den Meldezettel aus; erst als der Oberkellner fort war, ?u?erte er seine Entrüstung über den Betrieb hier und über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld.

Guste wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn zum Lunch mit hochroten K?pfen. An der Tür machten sie halt und schnauften unter den Blicken der G?ste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem Hut, der B?nder, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der unzweifelhaft in die Beletage geh?rte. Ihr Bekannter, der Oberkellner, führte sie im Triumph zu ihren Pl?tzen.

Mit Zürich und auch mit dem Hotel vers?hnten sie sich am Abend. Denn erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und dann hing gerade gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgro?e Odaliske, der br?unliche Leib hinschwellend auf üppigem Polster, mit den H?nden unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen. In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anla? zu Scherzen gab. Am n?chsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern, verschlangen [pg 388]riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen w?re, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz gewesen w?re. Aus Müdigkeit vers?umten sie den Zug und kehrten am Abend, so früh wie m?glich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen schweren Lidern in der Zeitung, da? der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum Besuch des K?nigs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste jammern, da? ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig, Diederich schleifte Guste schon hinaus. ?Mu? es denn sein?" klagte sie, ?wo doch das Bett so gut ist!" Aber Diederich hinterlie? nur noch einen h?hnischen Blick für die Odaliske. ?Amüsieren Sie sich weiter gut, meine Gn?digste!"

Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken ?u?ern dürfen, die auf mystische Art mit denen des Allerh?chsten Herrn zusammenzufallen schienen, vielleicht wu?te Seine Majest?t zu dieser Stunde um Diederich: wu?te, da? sein treuer Untertan ihm zur Seite über die Alpen zog, um den feigen Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue hei?t. Er blitzte die Schl?fer auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!

Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Rei[pg 389]sende aus, was Diederich nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den übriggebliebenen beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten sich empf?nglicher, worauf Diederich triumphierend: ?Na, Sie beneiden uns wohl auch um unseren Kaiser!" Da sahen die Amerikaner einander an, mit einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.

Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden T?tigkeitsdrang über. Den Finger in einem Sprachführer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in Erfahrung zu bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er. Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet. ?Diedel!" rief sie. ?Ich bin imstande und werf' ihm meinen Reiseschleier auf den Weg, damit da? er darüber geht, und die Rosen von meinem Hut schmei?' ich auch hin!" – ?Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?" fragte Diederich und l?chelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie senkte die Lider. Diederich, der keuchte, ri? sich los aus der furchtbaren Spannung. ?Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In diesem Falle aber –" Und er schlo? mit einer knappen Geste.

Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es ertr?umt hatten. In gr??ter Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof gedr?ngt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Stra?en dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt die Arme reckte, lie? er mit allem Handgep?ck dastehen und stürzte drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten jagten ihm nach, da? ihre bunten Fracksch??e flogen. Da schritten die Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und [pg 390]alsbald fuhr ein Wagen auf Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er brüllte auf, da? die Herren im Wagen ihr Gespr?ch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor – und sie sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser l?chelte kalt prüfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund lie? er ein wenig herab. Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie, indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.

Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten Stra?e, die Hochrufe schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die Augen schlo?, setzte den Hut wieder auf.

Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden, klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen ging in seiner Teilnahme so weit, da? er einen Kutscher herbeirief. Wie er abfuhr, grü?te Diederich die Menge. ?Sie sind wie die Kinder", erkl?rte er seiner Gattin. ?Na, aber auch entsprechend schlapp", setzte er hinzu, und er gestand: ?In Berlin w?re das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war 'n bi?chen sch?rfer." Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock.

Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Stra?en. ?Der Kaiser steht früh auf", hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen grunzte. übrigens [pg 391]konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schr?gen Strahlen, grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast – und gegenüber Diederich, der Majest?t gew?rtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen Rosseb?ndigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die Passanten wurden h?ufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte sich n?her an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins Innere sp?hend. Bei seinem dritten Erscheinen führte der Portier, ein wenig z?gernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und zurückgrü?te, ward er vertraulich. ?Alles in Ordnung", sagte er hinter der Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverst?ndnisses entgegen. Es schien ihm nur natürlich, da? man ihn über das Wohlergehen seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von selbst darauf, da? Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein H?uflein Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon, Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: ?Es lebe der [pg 392]Kaiser!" Und gef?llig schrie das H?uflein mit ... Diederich aber, ein Sprung in den Einsp?nner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerh?chste Wagen. Als der Kaiser ausstieg, war wieder ein H?uflein da, und wiederum schrie Diederich auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte! Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die N?he traute! Nach zehn Minuten war das H?uflein neu vervollst?ndigt, der Wagen entrollte dem Tor, und Diederich: ?Es lebe der Kaiser!" – und, im Echo des H?ufleins, wildbrausend zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das H?uflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine neue Uniform, und wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie hatte Diederich ein sch?neres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier, unterrichtete ihn zuverl?ssig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, da? ein salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend entgegennahm, oder da? einer Direktiven zu erbitten schien – und dann erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne stieg hoch und h?her; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden, hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter Klasse ... Der Kutscher, der immer h?ufiger die n?chste Kneipe betrat, empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte Pflichtgefühl des Deutschen und brachte ihm Wein mit. [pg 393]Neues Feuer in den Adern, machten sich beide an das n?chste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf; um ihnen vorauszukommen, mu?te man Gassen durchjagen, die aussahen wie Kan?le und deren sp?rliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer drückten; oder es hie? aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe nehmen. Dann aber stand Diederich pünktlich an der Spitze seines H?ufleins, sah die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den Kopf und l?chelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor Hochgefühl über die Allerh?chste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand.

Erst die Versicherung des Portiers, da? Seine Majest?t nun frühstücke, erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. ?Wie siehst du aus!" rief sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot wie eine Tomate, v?llig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch Welschland. ?Dies ist ein gro?er Tag für die nationale Sache!" versetzte er mit Wucht. ?Seine Majest?t und ich, wir machen moralische Eroberungen!" Wie er dastand! Guste verga? ihren Schrecken und den ?rger über das lange Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte sie sich an ihm hinauf.

Aber kaum das Stündchen zum Essen g?nnte Diederich sich. Er wu?te wohl, nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hie? es, unter seinen Fenstern Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem [pg 394]Portal gegenüber, nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, da? ein verd?chtig aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des Portiers sich einschlich, sich hinter eine S?ule drückte und im lauernden Schatten Pl?ne barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz tosen. Aufgescheuchtes Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle bewunderten Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend hervorzerrte. Die beiden schlugen derma?en um sich, da? nicht einmal die bewaffnete Macht an sie herankam. Pl?tzlich sah man Diederichs Gegner, dem es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Büchse schwingen. Atemlose Sekunden – dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles lagen die n?chsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: wei? auf Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach Pfefferminz. Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase; ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel mehr darüber, da? er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht entronnen war. Der Attent?ter suchte – ganz vergebens – an ihm vorbei das Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust überlieferte ihn den Polizeiw?chtern. [pg 395]Diese stellten fest, da? es sich um einen Deutschen handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit h?chster Korrektheit. Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Künstler war, hatten keine ausgesprochen politische F?rbung, verrieten aber durch ihre abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die W?chter führten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten zu lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs pers?nlicher Dienst begann wieder.

Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das Geb?ude der deutschen Botschaft, wo Seine Majest?t Empfang hielt. Ein l?ngerer Aufenthalt des Allerh?chsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, beim n?chsten Wirt seine Stimmung zu erh?hen. Er erklomm vor der Tür einen Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste getragen war und der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen ihn, rot überstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund aufrei?en, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren – was ihnen offenbar genügte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und lie?en den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben lie?. Mit einem Ernst, der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen Herrn und die furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen, worauf er von dem [pg 396]Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die Geistesgegenwart eines Beamten im pers?nlichen Dienst des Kaisers war Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die ?hnlichkeit auch nur allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu gen?hrt ward, bewirkten, da? die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch vermochte, um seiner Pflicht zu genügen. Er scho? im Zickzack das Kapitol hinab, stolperte und rollte über die Stufen weiter. Drunten in der Gasse holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt hin, wo er stand. Zwei st?dtische W?chter fanden ihn, an die Mauer gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im pers?nlichen Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich über ihn. Gleich darauf aber sahen sie [pg 397]einander an und brachen in ungeheure Fr?hlichkeit aus. Der pers?nliche Beamte war gottlob nicht tot, denn er schnarchte; und die Lache, in der er sa?, war kein Blut.

Am n?chsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser ungew?hnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: ?Jetzt wei? ich doch, wozu ich das viele Geld hab' ausgegeben. Pa? auf, wir erleben einen historischen Moment!" Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die Abendbl?tter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgel?st! Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erkl?rte allen, die in der N?he sa?en, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht entbl?det, die Milit?rvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen für ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem n?chsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. ?Endlich ist man mal woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie komm' ich dazu, da? ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann gleich wieder retour, blo? wegen –." Der Blick, den sie nach der kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, da? Diederich mit ?u?erster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot, sah er sich von ihnen veranla?t, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr Zug ging. ?Komment hat das Pack nun mal nicht", stellte er drau?en fest und schnaufte stark. ?überhaupt, was ist hier los, m?cht' ich mal wissen. Sch?nes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug an, das da 'rumsteht!" heischte er. [pg 398]Guste, wieder geb?ndigt, sagte klagend: ?Ich genie?' es ja." Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schw?mme und Bürsten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie sechsunddrei?ig Stunden Geduld hatte, mu?te Diederich ihr unermüdlich die nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fu? fa?te, ihre erste Sorge die Schw?mme. Am Sonntag hatte man ankommen müssen! Zum Glück war wenigstens die L?wenapotheke offen. Indes Diederich vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinüber. Da sie aber nicht zurückkam, folgte er ihr.

Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen sp?hten hinein und w?lzten sich. Diederich, der über sie wegsah, erstarrte vor Staunen – denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit düsterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung. Guste sagte gerade: ?Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine Zahnbürste kriege", da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor, die Arme immer verschr?nkt und Guste in seinen düsterm Blick fassend. ?Sie werden meiner Miene angesehen haben," begann er mit Rednerstimme, ?da? ich weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu verkaufen." – ?Nanu!" machte Guste und wich zurück. ?Aber Sie haben doch das ganze Glas hier voll." Gottlieb Hornung l?chelte wie Luzifer. ?Der Onkel dort oben" – er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der wohl sein Prinzipal hauste – ?der kann hier feilbieten, was ihm beliebt. Ich fühle mich dadurch nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester studiert [pg 399]und einer hochfeinen Korporation angeh?rt, damit ich mich jetzt hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe." – ?Wozu sind Sie denn da?" fragte Guste, merklich eingeschüchtert. Da versetzte Hornung, majest?tisch rollend: ?Ich bin für die Rezeptur da!" Und Guste fühlte wohl, sie sei zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein. ?Mit den Schw?mmen w?re es wohl dasselbe?" – ?Ganz dasselbe", best?tigte Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, da? die Würde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst nehmen und den Betrag hinlegen – was Diederich hiermit tat. Gottlieb Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des Freundes. Leider war viel Mi?geschick dabei; denn da Hornung niemals Schw?mme und Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fünf Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter für seine überzeugung einzustehen, auf die Gefahr, da? es ihn auch hier wieder seine Stellung kostete. ?Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!" sagte Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.

Diederich hielt seinerseits nicht l?nger zurück mit dem, was er erlebt und erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Verm?gens. Der Kaiser, dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schlo? und Riegel sa?en, war in Rom ganz kürzlich und gleich[pg 400]falls dank Diederich einer pers?nlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an den H?fen und an der B?rse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines Halbwahnsinnigen, ?aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anla?, zu glauben, da? ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen, Hornung, da? das nationale Interesse die gr??te Zurückhaltung gebietet, denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann." Hornung war es natürlich, und so konnte Diederich sich über die hochwichtige Aufgabe verbreiten, die ihn gen?tigt hatte, von seiner Hochzeitsreise pl?tzlich zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen. Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz rüttelte an den Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, da? sie mit dem Gep?ck nach Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die drau?en gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste verlangen. Diederich bedachte, da? Gottlieb Hornung eben verm?ge seiner aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schw?mmen und Zahnbürsten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein wertvoller Bundesgenosse werden k?nne. Aber dies war die geringste seiner schleunigen Sorgen. Der alten Frau He?ling wurden nur schnell ein paar Tr?nen erlaubt, dann mu?te sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo früher nur das Dienstm?dchen und die nasse W?sche untergebracht waren und wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ru? von der [pg 401]Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Pr?sidenten von Wulckow, lie? darauf, nicht weniger unauff?llig, Napoleon Fischer zu sich kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine Zusammenkunft mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken.

Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit Mühe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor mu?te man an einem Familienausflug mit K?thchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der Professor befand sich in den H?nden seiner beiden Pension?re, die ihn schon halb betrunken gemacht hatten. Schlie?lich gelang es, alle im Lokal des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich er?ffnete ihnen ohne weiteren Zeitverlust, da? ein nationaler Kandidat aufgestellt werden müsse und da? nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, n?mlich Herr Major Kunze. ?Hurra!" rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn für naiv halte, knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. ?Ein nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht neugierig. Wenn alles so gewi? w?re wie der nationale Durchfall!" Diederich lie? dies keineswegs gelten. ?Wir haben den Kriegerverein, den wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine unsch?tzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und dort wird die Schlacht gewonnen." ?Hurra!" schrie Kühnchen wieder, die beiden anderen aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei, und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung – wobei er lieber darüber hinwegging, da? das Denkmal [pg 402]der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und Napoleon Fischer sei. Das freisinnige S?uglingsheim, so viel verriet er, war nicht popul?r, eine Menge W?hler lie?en sich zu der nationalen Sache herüberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachla? des alten Kühlemann ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker besch?ftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu rücken. Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, über den er auch lieber hinging. ?Dem Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht und errungen hat" – er zeigte schwungvoll auf Kunze – ?dem Manne wird unsere liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und Kaiser Wilhelm der Gro?e werden einander anblicken –" ?Und die Zunge zeigen", schlo? der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. ?Wenn Sie meinen, die Netziger warten nur auf den gro?en Mann, der sie mit klingendem Spiel in das nationale Lager führt, warum spielen Sie dann nicht selbst den gro?en Mann?" Und er bohrte sich in Diederichs Augen. Aber Diederich ri? sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das Herz. ?Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon schwerere Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag, und die Prüfungen, das darf ich sagen, hab' ich bestanden! Dabei hab' ich mich nicht gescheut, als Vork?mpfer der guten Sache, allen Ha? der Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab' es mir dadurch unm?glich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich würden die Netziger nicht w?hlen, meine Sache [pg 403]werden sie w?hlen, und darum trete ich zurück, denn sachlich sein hei?t deutsch sein, und lasse Ihnen, Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!" Allgemeine Bewegung. Kühnchens Bravo klang tr?nenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze starrte, sichtlich erschüttert, unter den Tisch. Diederich aber fühlte sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun behaarte des Majors schlug z?gernd, doch kr?ftig hinein.

Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier M?nnern wieder die Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn zu entsch?digen für die ideellen und materiellen Verluste, von denen er bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels in die Schranken trete und ihm unterliege. ?Sehen Sie wohl!" – und er reckte den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht gleich Worte fand. ?So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch nicht vor, und da? Sie mich durchaus 'rankriegen wollen, wie ich Sie kenne, Herr Doktor, h?ngt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe." Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu versprechen, und da er sein Einverst?ndnis mit Wulckow durchblicken lie?, war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos gewonnen.... Inzwischen aber hatte Pastor Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu übernehmen. Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man statt [pg 404]des Denkmals eine Kirche gebaut h?tte! ?Denn wahrlich, Gottesh?user tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der Stadt so sehr vernachl?ssigt, da? sie heute oder morgen mir und meinen Christen auf den Kopf fallen kann." Ohne S?umen verbürgte Diederich sich für alle gewünschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, da? der Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen Elemente fernhalte, die schon durch gewisse ?u?erlichkeiten berechtigte Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. ?Ohne in Familienverh?ltnisse eingreifen zu wollen", setzte Diederich hinzu und sah K?thchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht.... Aber auch Kühnchen, der l?ngst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die beiden anderen hatten ihn, w?hrend sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf seinem Sitz festgehalten; kaum da? sie ihn loslie?en, ri? er stürmisch die Debatte an sich. Wo mu?te die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In der Jugend? Wie aber war das m?glich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein Freund des Herrn Buck war. ?Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig..." Genug, Kühnchen wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm gro?mütig.

Nachdem derma?en die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erkl?rte, von Gott kam und auch der besten Sache erst die h?here Weihe lieh, und so begab man sich in den Ratskeller.

In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern zwischen den wei?en Wahlaufrufen Heu[pg 405]teufels und den roten des Genossen Fischer die schwarzwei?rot ger?nderten Plakate, die Herrn Major Kunze als Kandidaten der ?Partei des Kaisers" empfahlen. Diederich pflanzte sich so fest, als es ihm m?glich war, davor auf und las mit schneidiger Tenorstimme. ?Vaterlandslose Gesellen des aufgel?sten Reichstages haben es gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er zur Gr??e des Reiches bedarf.... Wollen uns des gro?en Monarchen würdig erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser! Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!" Kühnchen, Zillich und Kunze bekr?ftigten alles mit Geschrei; und da einige Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte Diederich sich um und erl?uterte ihnen das nationale Manifest. ?Leute!" rief er. ?Ihr wi?t gar nicht, was ihr für ein Schwein habt, da? ihr Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe mich soeben im Ausland pers?nlich davon überzeugt." Hier schlug Kühnchen mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. ?Wollt ihr, da? euer Kaiser euch Kolonien schenkt?" fragte Diederich sie. ?Na also. Dann sch?rft ihm gef?lligst das Schwert! W?hlt keinen vaterlandslosen Gesellen, das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick für unsere Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, da? ihr mit zwanzig Mark weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!" Hier sahen die Arbeiter stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung.

Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst [pg 406]ging auf steifen Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt klarzumachen. ?Wenn die Kerls glauben," erkl?rte er, ?sie k?nnen künftig noch den freien Gewerkschaften angeh?ren! Den Freisinn treiben wir ihnen auch aus! Von heute ab greift 'ne sch?rfere Tonart Platz!" Pastor Zillich verhie? eine verwandte T?tigkeit in den christlichen Vereinen, indes Kühnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner schw?rmte, die auf Fahrr?dern die Stadt durcheilen und W?hler herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefühl aber beseelte doch Diederich. Er verschm?hte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und ihn mit Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: ?Mein Kaiser hat ans Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schl?gt, dann gibt es keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?" Worauf Guste sich schroff herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett wie einen Turm zwischen sich und den Ungef?lligen stellte. Diederich unterdrückte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb unges?umt einen Warnruf gegen das freisinnige S?uglingsheim. Die ?Netziger Zeitung" brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des Herrn Doktors Heuteufel eine überaus warme Empfehlung des S?uglingsheims gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede neu auftauchende Idee vor allem den Prüfstein seines Kulturgewissens zu legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen war so ein S?uglingsheim naturgem?? in erster Linie bestimmt? Für die unehelichen Kinder. Was begünstigte es also? Das Laster. Hatten wir das n?tig? Nicht die [pg 407]Spur; ?denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die m?gen uneheliche Geburten preiskr?nen, weil sie sonst keine Soldaten mehr haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines unersch?pflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!" Und Diederich rechnete den Abonnenten der ?Netziger Zeitung" vor, bis wann sie und ihresgleichen hundert Millionen betragen würden, und wie lange es h?chstens noch dauern k?nne, bis die Erde deutsch sei.

Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung der ?Partei des Kaisers". Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch aufgemacht hatte. In Tannenkr?nzen glühten Transparente: ?Der Wille des K?nigs ist das h?chste Gebot." ?Es gibt für euch nur einen Feind, und der ist mein Feind." ?Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich." ?Mein Kurs ist der richtige." ?Bürger, erwacht aus dem Schlummer!" Für das Erwachen sorgten Klappsch und Fr?ulein Klappsch, indem sie überall immer frisches Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuh?ufen. So ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der Rauchwolke, in der das Bureau sa?, machte die unliebsame Bemerkung, da? auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es hatte ihn zu gro?e Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. [pg 408]So viele Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal starb! Geschwollene H?nde hatte Hornung von den Begrü?ungen all der neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Da? er sich mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an Distanz. Der Besitzer der L?wenapotheke hatte ihm soeben gekündigt, und er war entschlossener als je, weder Schw?mme noch Zahnbürsten zu verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn seine finstere Miene t?uschte Diederich nicht darüber, da? der Major dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und da? der Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben würde. Er sagte: ?Meine Herren, das Heer ist die einzige S?ule", da jedoch einer aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: ?Schon faul!", verwirrte Kunze sich sogleich und setzte hinzu: ?Aber wer bezahlt es? Der Bürger." Worauf die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung gedr?ngt, erkl?rte Kunze: ?Darum sind wir alle S?ulen, das dürfen wir wohl verlangen, und wehe dem Monarchen –" ?Sehr richtig!" antworteten freisinnige Stimmen, und die gutgl?ubigen Patrioten schrien mit. Der Major wischte sich den Schwei?; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf, als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am Rockscho?, er beschwor ihn, Schlu? zu machen, aber Kunze versuchte es vergebens: den übergang zur Wahlparole der ?Partei des Kaisers" fand er nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward j?h dunkelrot und stie? mit unver[pg 409]mittelter Wildheit hervor: ?Ausrotten bis auf den letzten Stumpf! Hurra!" Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde, erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fr?ulein Klappsch.

Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb Hornung kam ihm zuvor. Diederich für seine Person blieb lieber im Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Pr?sidiums. Er hatte Hornung zehn Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen. Knirschend trat er an den Rand der Bühne und erl?uterte die Rede des verehrten Herrn Majors dahin, da? das Heer, für das wir alle zu jedem Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie sei. ?Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten", stellte der Apotheker fest. ?Die Wissenschaft hat sie überwunden." ?Sehr richtig!" rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte. ?Herren und Knechte wird es immer geben!" bestimmte Gottlieb Hornung, ?denn in der Natur ist es auch so. Und es ist da? einzig Wahre, denn jeder mu? über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der vor ihm Angst hat. Wohin k?men wir sonst! Wenn der erste beste sich einbildet, er ist ganz für sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem Volk, dessen überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den demokratischen Mischmasch aufl?sen, und wo der zersetzende Standpunkt der Pers?nlichkeit das übergewicht bekommt!" Hier verschr?nkte Gottlieb Hornung die Arme und schob den Nacken vor. ?Ich," rief er, ?der ich einer hochfeinen Verbindung angeh?rt habe und den freudigen Blutverlust für die Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafür, da? ich Zahnbürsten verkaufen soll!"

[pg 410] ?Und Schw?mme auch nicht?" fragte jemand.

?Auch nicht!" entschied Hornung. ?Ich verbitte mir ganz energisch, da? noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will. Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!"

Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den Unterkiefer vorgeschoben, aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein lie? es sich nicht nehmen, mit geschwungenen Biergl?sern an ihm und Kunze vorbeizudefilieren. Kunze nahm H?ndedrücke entgegen, Hornung stand ehern da – und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, da? diese beiden zweitklassigen Pers?nlichkeiten den Vorteil hatten von einer Gelegenheit, die sein Werk war. Er mu?te ihnen die Volksgunst des Augenblicks wohl lassen, denn er wu?te besser als die beiden Gimpel, wo dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht l?nger verweigern, sofort begann er vom S?uglingsheim. Das S?uglingsheim sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanit?t. Was aber sei das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der anst?ndigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort unten h?rten zu in einer Stille voll peinlicher Gefühle, denen hier und da ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. ?Es gibt Leute," behauptete Heuteufel, ?denen es auf hundert Millionen mehr für das [pg 411]Milit?r nicht ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es für ihre Person wieder hereinbringen." Da schnellte Diederich auf: ?Ich bitte ums Wort!" und mit Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie gr?lten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.

Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Emp?rung sich beruhigte. Dann begann er. ?Meine Herren!" ?Bravo!" schrien die Lieferanten, und Diederich mu?te weiter warten in der Atmosph?re gleichgestimmter Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn reden lie?en, gab er der allgemeinen Emp?rung Worte, da? der Vorredner es habe wagen k?nnen, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu verd?chtigen. ?Unerh?rt!" riefen die Lieferanten. ?Das beweist uns nur," rief Diederich, ?wie zeitgem?? die Gründung der ?Partei des Kaisers' war! Der Kaiser selbst hat befohlen, da? alle diejenigen sich zusammenschlie?en, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verd?chtigungen derer, die selbst blo? eine Vorfrucht des Umsturzes sind!" Noch bevor der Beifall losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: ?Abwarten! Stichwahl!" Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Get?se ihrer H?nde erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gef?hrliche Andeutungen versteckt, da? er schnell ablenkte. Das S?uglingsheim war ein weniger verf?ngliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens sollte es sein? Ein Ausflu? des Lasters war es! ?Wir Deutschen überlassen so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!" Diederich brauchte nur seinen Artikel aus der ?Netziger Zeitung" herzusagen. [pg 412]Der vom Pastor Zillich geleitete Jünglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen klatschten bei jedem Wort. ?Der Germane ist keusch!" rief Diederich, ?darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!" Jetzt war die Reihe am Kriegerverein, von Begeisterung zu dr?hnen. Hinter dem Tisch des Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: ?Nu verklobben mer sie bald noch emal!" Diederich hob sich auf die Zehen. ?Meine Herren!" schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, ?das Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den erhabenen Gro?vater sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren, und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen jungen Kaiser, da? wir so bleiben wollen wie wir sind, n?mlich keusch, freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!"

Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen schwelgten sie im Idealen – und auch Diederich war sich keiner weltlichen Hintergedanken mehr bewu?t, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner Verschw?rung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten für die Stichwahl. Reine Begeisterung entführte seine Seele auf einen Flug, von dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien. ?Abzuweisen und mit aller Sch?rfe hinter die ihnen gebührenden Schranken zurückzud?mmen sind daher die Anwürfe derer, die weiter nichts wollen, als uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanit?t!" – ?Wo haben Sie Ihre echte sitzen?" fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, da? Diederich nur noch stellenweise zu h?ren war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden, denn das war ein Traum und nicht einmal ein sch?ner. Da[pg 413]gegen wollte er eine spartanische Zucht der Rasse. Bl?dsinnige und Sittlichkeitsverbrecher waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu verhindern. Bei diesem Punkt verlie? Heuteufel mit den Seinen das Lokal. Von der Tür rief er noch her: ?Den Umsturz kastrieren Sie auch!" Diederich antwortete: ?Machen wir, wenn Sie noch lange n?rgeln!" ?Machen wir!" t?nte es zurück von allen Seiten. Alle waren pl?tzlich auf den Fü?en, prosteten, jauchzten und vermischten ihre Hochgefühle. Diederich, umbraust von Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher H?nde, die die seinen schütteln wollten, und nationaler Biergl?ser, die mit ihm anstie?en, sah von seiner Bühne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getrübten Blick weiter und h?her schien. Aus den h?chsten Tabakswolken glühten ihn mystisch die Gebote seines Herrn an: ?Der Wille des K?nigs!" ?Mein Feind!" ?Mein Kurs!" Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien – aber er griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. ?Ich h?tte ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt."

Die schlimmste Rache Heuteufels war, da? er Diederich das Ausgehen verbot. Drau?en tobte der Kampf t?glich wilder, und alle standen in der Zeitung, weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur Nothgroschen, zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete. Nur Diederich in seinem neu altdeutsch m?blierten Salon gurgelte stumm. Von der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel Lebensgr??e ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von S?ckingen. [pg 414]Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn das He?lingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen. Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.

Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr übelkeiten, w?hrend deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau He?ling pflegen lie?. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte daran, da? hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau He?ling verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schlu? war Guste rot aufgebl?ht und schnaufte, Frau He?ling aber vergo? Tr?nen. Diederich hatte den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen.

Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tür zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schr?ge Decke hatte. Guste sann darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die W?sche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, mu?te man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker! Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus, sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten, Emmi ward zu den Fr?ulein von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde Guste, von den Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben, aber nur der zweite Stock des He?lingschen Hauses ward von ihm für würdig be[pg 415]funden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge behüteten Emmi freilich nicht vor Tagen gro?er Niedergeschlagenheit; dann verlie? sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile, hinauf zu ihr, Emmi schlo? aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer hinflie?enden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam, versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich j?h zusammen, sie w?lzte sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der Tür. Guste blieb den Ausdruck ihrer Emp?rung nicht schuldig; Emmi, j?h aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte; und als die alte Frau He?ling hinzukam, war es schon beschlossene Sache, da? die beiden Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich, dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von den Weibergeschichten. Zum Glück kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zun?chst mal Ruhe zu schaffen. Da er wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu Emmi und verkündete ihr seinen Entschlu?, sie für einige Zeit nach Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er nicht nachlie?, wollte sie aufbegehren, ward aber pl?tzlich wie von Angst befallen und begann leise und inst?ndig zu bitten, da? sie dableiben dürfe. Diederich, dem, er wu?te nicht was, ans Herz griff, lie? ratlos die Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück.

Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen, frisch ger?tet und in bester Laune. Guste, die um so zurückhaltender blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein Glas [pg 416]gegen Emmi und sagte schalkhaft: ?Prost, Frau von Brietzen". Da erbla?te Emmi. ?Mach' dich nicht l?cherlich!" rief sie zornig, warf die Serviette hin und schlug die Tür zu. ?Nanu", knurrte Diederich; aber Guste hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau He?ling fort war, sah sie Diederich merkwürdig in die Augen und fragte: ?Glaubst du wirklich?" Er erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. ?Ich meine," erkl?rte Guste, ?dann k?nnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Stra?e grü?en. Aber heute hat er einen Bogen gemacht." Diederich bezeichnete dies als Unsinn. Guste erwiderte: ?Wenn ich es mir blo? einbilde, dann bilde ich mir noch mehr ein, weil ich n?mlich in der Nacht schon ?fter was durchs Haus schleichen geh?rt habe, und heute sagte auch Minna –." Weiter kam Guste nicht. ?Aha!" Diederich schnob. ?Mit den Dienstboten steckst du zusammen! Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, da? ich das nicht dulde. über der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber gleich beide zu, da? ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen seid!" Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur ducken, aber sie l?chelte ihm von unten nach, wie er davonging.

Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon unterrichtet, da? die ?Partei des Kaisers" ihm zu stark werde und da? sie neuerdings [pg 417]zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen Umst?nden –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen müssen, gleich heute werde er die übernommenen Verpflichtungen erfüllen und von den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die Versammlung – und hier mu?te er erleben, da? der Antrag betreffend das Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er ging durch, so glatt, als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn und Genossen laut gei?eln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, lie? er sich Napoleon Fischer kommen.

?Sie sind entlassen!" bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste verd?chtig. ?Sch?n", sagte er und wollte abziehen.

?Halt!" bellte Diederich. ?Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los. Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, da? ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!"

?Politik ist Politik", bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat Napoleon Fischer vertraulich n?her, fast h?tte er Diederich auf die Schulter geklopft. ?Herr Doktor," sagte er wohlwollend, ?tun Sie doch nur nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage blo?, wir beide ..." Und sein Grinsen war so voll Mahnungen, da? Diederich erschauerte. Schnell bot er Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:

?Wenn einer von uns beiden erst anf?ngt zu reden, wo [pg 418]h?rt dann der andere auf! Hab' ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel der Herr Buck."

?Wieso?" fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere. Der Maschinenmeister tat erstaunt. ?Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck erz?hlt doch überall, da? Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm meinen. Sie m?chten blo? Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen es billiger, wenn Klüsing Angst wegen gewisser Auftr?ge hat, weil er nicht national ist."

?Das sagt er?" fragte Diederich, zu Stein geworden.

?Das sagt er", wiederholte Fischer. ?Und er sagt auch, er tut Ihnen den Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing. Dann werden Sie sich wohl wieder beruhigen, sagt er."

Da wich der Bann von Diederich. ?Fischer!" versetzte er mit kurzem Gebell. ?Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafür werd' ich sorgen, Fischer. Adieu."

Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter allen Widerst?nden stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt. Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen – und jetzt die infame Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere b?umte sich auf, in der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. ?Und woher wei? er es?" dachte er mit zornigem Entsetzen. ?Hat Wulckow mich verkauft? Sie glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?" Denn Kunze und die anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen; sie hielten es scheinbar nicht mehr für n?tig, ihn einzuweihen in das, was vorging? Diederich geh?rte nicht dem [pg 419]Komitee an, er hatte der Sache das Opfer seines pers?nlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?... Verrat überall, Intrigen, feindseliger Verdacht – und nirgends schlichte deutsche Treue.

Da er nur bellen konnte, mu?te er in der n?chsten Wahlversammlung hilflos zusehen, wie Zillich – es war klar, aus welchem pers?nlichen Interesse – Jadassohn reden lie?, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon Fischer w?hlen würden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsm?nnische Vorgehen, er wu?te sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war es nicht zu verkennen, da? Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg hinrei?en lie?, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuh?rern fand, die keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel geh?rten. Sie waren in verd?chtiger Menge erschienen – und Diederich, überreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Man?vers wieder den Erzfeind stehen, ihn, der überall das B?se lenkte, den alten Buck.

Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches L?cheln, und er war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten; er führte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte es ihn, da? er den Alten für einen schon zahnlosen Schw?tzer gehalten hatte, und jetzt zeigte er die Z?hne. Nach all seinen humanit?ren Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, da? er sich nun doch nicht einfach fressen [pg 420]lie?. Die heuchlerische Milde, mit der er getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes! Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung gebracht? Nur damit Diederich sich Bl??en gebe und leichter zu fassen sei. Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstück verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gef?hrlichste Falle heraus. Diederich fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei seiner geheimen Unterredung mit dem Pr?sidenten von Wulckow der alte Buck, unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgesp?ht ... Im Geiste sah Diederich den Alten sich über ihn beugen und die wei?e, weiche Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Güte in seinen Zügen war krasser Hohn, sie war das Unertr?glichste. Er dachte Diederich kirre zu machen und mit seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schlie?lich die Treber fra?!

?Was hast du, mein lieber Sohn?" fragte Frau He?ling, denn Diederich hatte vor Ha? und Angst schwer aufgest?hnt. Er erschrak; in diesem Augenblick betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei sie allein, und begab sich auf den Rückweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi an Diederich vorbeikam, umfa?te Gustes sp?ttischer Blick sie beide, und Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das L?cheln des Umsturzes, das er an Napoleon Fischer kannte. So l?chelte Guste. Vor Schrecken runzelte er die Stirn und rief [pg 421]barsch: ?Was gibt es!" Schleunigst verkroch sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. ?Was ist mit dir?" fragte er, und da sie stumm blieb: ?Wen suchst du auf der Stra?e?" Sie hob nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. ?Nun?" wiederholte er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt und dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie lie? sich endlich herbei zu sprechen.

?Es h?tte sein k?nnen, da? die beiden Fr?ulein von Brietzen noch gekommen w?ren."

?Am sp?ten Abend?" fragte Diederich. Da sagte Guste: ?Weil wir an die Ehre doch gew?hnt sind. Und überhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht kennen, braucht man blo? an der Villa vorbeizugehen."

?Wie?" machte Emmi.

?Na gewi? doch!" Und das Gesicht übergl?nzt, triumphierend lie? Guste das Ganze los. ?Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt." Eine Pause, ein Blick. ?Er hat sich versetzen lassen."

?Du lügst", sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und lie? hinter sich den Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau He?ling auf ihrem Sofa faltete die H?nde, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend umherlief. Als er wieder bei der Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch den Spalt erblickte er Emmi, die im E?zimmer auf einem Stuhl sa? oder hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen. Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz wei? ge[pg 422]wesen und war jetzt stark ger?tet, der Blick sah nichts – und pl?tzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen, unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu fühlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte stramm hinter Emmi her.

Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die Tür versperrt, mit Schlüssel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so stark zu klopfen, da? er anhalten mu?te. Als er hinaufgelangt war, blieb ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einla? zu verlangen. Keine Antwort, aber er h?rte etwas klirren auf dem Waschtisch, – und pl?tzlich schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unf?rmlich. Vor seinem eigenen L?rm h?rte er nicht, wie sie ?ffnete, und schrie noch, als sie schon vor ihm stand. ?Was willst du?" fragte sie zornig, worauf Diederich sich sammelte. Von der Treppe sp?hten mit fragendem Entsetzen Frau He?ling und Guste hinauf. ?Unten bleiben!" befahl er, und er dr?ngte Emmi in das Zimmer zurück. Er schlo? die Tür. ?Das brauchen die anderen nicht zu riechen", sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem Arm von sich fort und heischte: ?Woher hast du das?" Sie warf den Kopf zurück und sah ihn an, sagte aber nichts. Je l?nger dies dauerte, um so weniger wichtig fühlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts wegen die erste war. Schlie?lich ging er einfach zum Fenster und warf den Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen. Diederich seufzte erleichtert.

[pg 423] Jetzt hatte Emmi eine Frage. ?Was führst du hier eigentlich auf? La? mich gef?lligst machen, was ich will!"

Dies kam ihm unerwartet. ?Ja, was – was willst du denn?"

Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: ?Dir kann es gleich sein."

?Na, h?re mal!" Diederich emp?rte sich. ?Wenn du vor deinem himmlischen Richter dich nicht mehr genierst, was ich pers?nlich durchaus mi?billige: ein bi?chen Rücksicht k?nntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist nicht allein auf der Welt."

Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. ?Einen Skandal in meinem Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft."

Pl?tzlich sah sie ihn an. ?Und ich?"

Er schnappte. ?Meine Ehre –!" Aber er h?rte gleich wieder auf; ihre Miene, die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und h?hnte zugleich. In seiner Verwirrung ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene sei.

?Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natürlich voll und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, da? du dir inzwischen die ?u?erste Zurückhaltung auferlegst." Mit einem Blick nach der Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam.

?Dein Ehrenwort!"

?La? mich in Ruhe", sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurück.

?Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewu?t zu sein. Du hast, wenn das, was ich fürchten mu?, wahr ist –"

?Es ist wahr", sagte Emmi.

[pg 424] ?Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich hintrete –"

?Dann ist es auch noch so", sagte Emmi.

Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie durchschaut und abgetan hinter sich lie?. Vor der überlegenheit ihrer Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte hervor: ?So sag' mir doch nur –. Ich will dir auch –." Er sah an Emmis Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. ?Ich will dir helfen", sagte er. Sie sagte müde: ?Wie willst du das wohl machen?" und sie lehnte sich drüben an die Wand.

Er sah vor sich nieder. ?Du mu?t mir freilich einige Aufkl?rungen geben: ich meine, über gewisse Einzelheiten. Ich vermute, da? es schon seit deinen Reitstunden dauert?..."

Sie lie? ihn weiter vermuten, sie best?tigte nicht, noch widersprach sie – wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich ge?ffnete Lippen, und ihr Blick hing an ihm mit Staunen. Er begriff, da? sie staunte, weil er vieles, das sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein unbekannter Stolz erfa?te sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich: ?Verla? dich auf mich. Gleich morgen früh gehe ich hin."

Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.

?Du kennst das nicht. Es ist aus."

Da machte er seine Stimme wohlgemut. ?Ganz wehrlos sind wir auch nicht! Ich m?chte doch sehen!"

[pg 425] Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurück.

?Du wirst ihn fordern?" Sie ri? die Augen auf und hielt die Hand vor den Mund.

?Wieso?" machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.

?Schw?re mir, da? du ihn nicht forderst!"

Er versprach es. Zugleich err?tete er, denn er h?tte gern noch gewu?t, für wen sie fürchtete, für ihn oder für den anderen. Dem anderen würde er es nicht geg?nnt haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort ihr peinlich sein konnte; und er verlie? das Zimmer beinahe auf den Fu?spitzen.

Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief. Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren! Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder ein gedrungener Mann mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste und ganz zusammenbrach: Herr G?ppel, Agnes G?ppels Vater. Jetzt verstand Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. ?Du kennst das nicht", meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.

?Gott bewahre!" sagte er laut und w?lzte sich herum. ?Ich lasse mich auf die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die Weiber sind raffiniert genug dafür. Ich werf' sie hinaus, wie es sich geh?rt!" Da stand vor ihm auf regnerischer Stra?e Agnes und starrte, das Gesicht wei? von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch über seine Augen. [pg 426]?Ich kann sie nicht auf die Stra?e jagen!" Es ward Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.

?Ein Leutnant steht früh auf", dachte er und entwischte, bevor Guste wach wurde. Hinter dem Sachsentor die G?rten zwitscherten und dufteten zum Frühlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus und als seien lauter Neuverm?hlte hineingezogen. ?Wer wei?," dachte Diederich und atmete die gute Luft ein, ?vielleicht ist es gar nicht schwer. Es gibt anst?ndige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich günstiger als –" Er lie? den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein Wagen – vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die Tür. Der Bursche kam ihm entgegen. ?Lassen Sie nur," sagte Diederich, ?ich sehe den Herrn Leutnant schon." Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von Brietzen einen Koffer. ?So früh?" fragte er, lie? den Deckel des Koffers fallen und klemmte sich den Finger ein. ?Verdammt." Diederich dachte entmutigt: ?Er ist auch beim Packen."

?Welchem Zufall verdanke ich denn –" begann Herr von Brietzen, aber Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, da? dies unnütz sei. Trotzdem natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete sogar l?nger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich an, denn wenn es auf die Ehre eines M?dchens ankam, hatte ein Leutnant immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man endlich über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was von ihm gewi? nicht anders zu erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen er[pg 427]übrige sich, wenn n?mlich Herr von Brietzen –. Und Herr von Brietzen machte eben das Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fürchtete und der, er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein M?dchen, das ihre Ehre nicht mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich antwortete darauf, was Herr G?ppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie Herr G?ppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine gro?e Drohung gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg versprach.

?Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich leider veranla?t, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen."

Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher: ?Was wollen Sie damit erreichen? Da? ich eine Moralpredigt kriege? Na sch?n. Im übrigen aber –" Herr von Brietzen festigte sich wieder, ?was Ritterlichkeit ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders als ein Herr, der sich nicht schl?gt."

Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen m?ge gef?lligst seine Zunge hüten, sonst k?nne es ihm passieren, da? er es mit der Neuteutonia zu tun bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant wünschen, da? er einmal in den Fall komme, einen Grafen von Tauern-B?renheim zu fordern! ?Ich hab' ihn glatt gefordert!" Und im selben Atem behauptete er, da? er so einem frechen Junker noch lange nicht das Recht einr?ume, einen bürgerlichen Mann und Familienvater nur so abzuschie?en. ?Die Schwester [pg 428]verführen und den Bruder abschie?en, das m?chten Sie wohl!" rief er, au?er sich. Herr von Brietzen, in einem ?hnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon bereitstand, r?umte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten Schu?. ?Wenn Sie meinen, für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch noch die Milit?rvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!"

Drau?en in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte dem unsichtbaren Feinde die Faust und stie? Drohungen aus. ?Das kann euch schlecht bekommen! Wenn wir mal Schlu? machen!" Pl?tzlich bemerkte er, da? die G?rten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Z?hne zeigen, war ohne Einflu? auf die Macht, die Macht über uns, die ganz unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, mu?te sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen Schauer dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front, bereit zu grü?en. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich, trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. ?Den macht uns niemand nach", stellte er fest.

Freilich, nun er die Meisestra?e betrat, ward ihm beklommen. Von weitem sah er Emmi nach ihm aussp?hen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mu?te. Arme Emmi, nun war es entschieden. [pg 429]Die Macht war wohl erhebend, aber wenn es die eigene Schwester traf –. ?Ich habe nicht gewu?t, da? es mir so nahegehen würde." Er nickte hinauf, so ermunternd wie m?glich. Sie war viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem bla? flimmernden Haar hatte sie gro?e schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte, als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst. Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte laut: ?Oh! noch ist nichts verloren." Darauf erschrak er und schlo? die Augen. Da er aufst?hnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte, um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.

Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich sagte ihr auf den Kopf zu, da? sie Emmis Unglück nur mi?brauche, um sich zu r?chen für die ihr nicht gerade günstigen Umst?nde, unter denen sie selbst geheiratet worden war. ?Emmi l?uft wenigstens keinem nach." Guste kreischte auf. ?Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?" Er schnitt ab. ?überhaupt ist sie meine Schwester!" ... Und da sie nun unter seinem Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine ungew?hnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen kü?te er ihr die Hand, mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste! Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war durch ihr Unglück feiner und gewisserma?en ungreifbarer geworden. Wenn ihre Hand so bleich [pg 430]und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich berührt von der Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und ver?chtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung. Gl?nzender zugleich und rührender war nun Emmi.

Der Leutnant, der das alles veranla?t hatte, verlor erheblich gegen sie – und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich erfuhr, da? sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten k?nne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre, Gesinnung. Er sah Emmi an und mu?te zweifeln an dem Wert dessen, was er erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals, der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und ?mter. Er sah Emmi an und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er h?tte es festhalten sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er sa? manchmal da, den Kopf in den H?nden. Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal versagte alles, alle verrieten ihn, mi?brauchten seine reinsten Absichten, und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das erleichterte ihn, aber irgendwie entt?uschte es ihn auch.

Aber w?hrend er, den Kopf in den H?nden, dasa?, kam der Wahltag herbei. Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was vorging, nichts mehr sehen [pg 431]wollen, auch nicht, da? die Miene seines Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl, frühmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: ?Ein ernstes Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!" Diesmal war er es, der Verrat witterte und sich auf den Pakt berief. ?Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern blo? gegen den Freisinn."

?Wir auch", behauptete Diederich.

?Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert. Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit fliegenden Fahnen zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der Stichwahl und treiben schn?den Volksverrat."

Napoleon Fischer tat, die Arme verschr?nkt, noch einen langen Schritt auf das Bett zu. ?Sie sollen blo? wissen, Herr Doktor, da? wir die Augen offen halten."

Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner ausgeliefert. Er suchte ihn zu bes?nftigen. ?Ich wei?, Fischer, Sie sind ein gro?er Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen."

?Stimmt." Napoleon blinzte von unten. ?Denn wenn ich nicht hineinkomme, dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor." Er machte kehrt. Von der Tür her fa?te er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn gerutscht war, nochmals ins Auge. ?Und darum hoch die internationale Sozialdemokratie!" rief er und ging ab.

Diederich rief aus seinen Federn: ?Seine Majest?t, der Kaiser hurra!" Dann aber blieb nichts übrig, als [pg 432]der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Stra?e, in den Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mu?te er erkennen, da? in den Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische Taktik des alten Buck weitere Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verw?ssert durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von Heuteufel unbetr?chtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen versch?mten Gru? austauschte, erkl?rte, da? die Partei des Kaisers mit ihrem Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des Freisinns, wenn er schlie?lich siege, das nationale Gewissen gest?rkt. Da Professor Kühnchen sich ?hnlich ?u?erte, war der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, da? ihnen die von Diederich und Wulckow erpre?ten Versprechungen noch nicht genügten, und da? sie sich durch weitere pers?nliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption des demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so wollte er auf jeden Fall selbst gew?hlt werden, notfalls mit Hilfe der Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin gebracht, zu versprechen, da? er für das S?uglingsheim eintreten werde! Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als irgendein Prolet; und er spielte auf die düsteren Folgen an, die eine so unpatriotische Haltung haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher werden – und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Trümmer des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Tr?ume, lief er im Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte W?hler herbei, [pg 433]im vollen Bewu?tsein, da? ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch, kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrückt durch den L?rm des langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel, sechstausend und einige für Napoleon Fischer, Kunze aber hatte dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und Fischer. ?Hurra!" schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war gewonnen.

Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, da? er fortan das ?u?erste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es eilte, denn Pastor Zillich h?tte am liebsten sofort alle Mauern mit Zetteln bedeckt, die den Anh?ngern der Partei des Kaisers empfahlen, in der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche Verblendung! Gleich am Morgen las man die wei?en Zettel, auf denen der Freisinn heuchlerisch erkl?rte, national sei auch er, die nationale Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum –. Der Trick des alten Buck enthüllte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des Kaisers in den Scho? des Freisinns zurückkehren sollte, hie? es handeln. M?chtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. ?Danke," dachte er, ?es ist durchaus nicht gleich. Wohin k?men wir." Und er grü?te Emmi verstohlen und mit einer Art von Scheu.

Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte S?tbier verschwunden war und wo nun Diederich, sein eigener [pg 434]Prokurist und nur seinem Gott verantwortlich, seine folgenschweren Entschlüsse fa?te. Er trat zum Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Brieftr?ger legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er h?ngte wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, da? er seinen Freunden Buck und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe, und da? man n?tigenfalls imstande sei, ihn pers?nlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerri? Diederich den Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was für eine überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen natürlichen Nachfolger in Diederich!

Was hie? dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hie? vor allem, da? Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser Angst wegen der Regierungsauftr?ge, und der Streik, mit dem Napoleon Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers für die ?Netziger Zeitung" anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! ?Man ist eine Macht", stellte Diederich fest – und es ging ihm auf, da? Klüsings Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, wie die Dinge lagen, einfach l?cherlich sei. Worauf er wirklich laut lachte ... Da nahm er wahr, da? am Schlusse des Briefes, nach der Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das übrige und so unscheinbar, da? Diederich ihn vorhin übersehen hatte. Er entzifferte – und der Mund ging ihm von selbst auf. Pl?tzlich tat er einen Sprung. ?Na also!" rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. ?Da haben wir sie!" Hierauf bemerkte [pg 435]er tiefernst: ?Es ist schauerlich. Ein Abgrund." Er las noch einmal, Wort für Wort, den verh?ngnisvollen Zusatz, legte den Brief in den Geldschrank und schlo? mit hartem Griff. Dort innen schlummerte nun das Gift für Buck und die Seinen – geliefert von ihrem Freund. Nicht nur, da? Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch Schonung übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. ?Schonung w?re geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier hei?t es rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterrei?en und es mit eisernem Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des ?ffentlichen Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun mal eine harte Zeit!"

Den Abend darauf war eine gro?e ?ffentliche Volksversammlung, einberufen vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der ?Walhalla". Mit der regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, da? die W?hler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnütz, die Programmrede des Kandidaten mit anzuh?ren; er ging hin, als schon die Diskussion begonnen haben mu?te. Gleich im Vorraum stie? er auf Kunze, der in übler Verfassung war. ?Ausrangierter Schlagetot!" rief er. ?Sehen Sie mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das sagen l??t!" Da er vor Aufregung sich nicht weiter erkl?ren konnte, l?ste Kühnchen ihn ab. ?Zu mir h?tte Heuteufel das sagen sollen!" schrie er. ?Da h?tte er nun aber Kühnchen kennengelernt!" Diederich empfahl dem Major dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze [pg 436]brauchte keinen Ansporn mehr, er verma? sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen lie?, da? er unter diesen Umst?nden lieber mit dem ?rgsten Umsturz gehe als mit dem Freisinn. Hiergegen ?u?erten Kühnchen und auch Pastor Zillich, der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des Kaisers! ?Bestochene Feiglinge!" sagte Diederichs Blick – indes der Major fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Tr?nen sollte die Bande weinen! ?Und zwar noch heute abend", verhie? darauf Diederich mit einer so eisernen Bestimmtheit, da? alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden einzeln an. ?Was würden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ..." Pastor Zillich war erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. ?Betrügerische Manipulationen mit ?ffentlichen Geldern ..." Kühnchen hüpfte. ?Nu leg' sich eener lang hin!" rief er schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. ?An mein Herz!" und er ri? Diederich in seine Arme. ?Ich bin ein schlichter Soldat", versicherte er. ?Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt. Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden h?tten bei Marslatuhr!"

Der Major hatte Tr?nen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah überall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier und dort schrie eine Brust: ?Pfui!" ?Sehr richtig!" oder ?Gemeinheit!" Der Wahlkampf war auf der H?he, Diederich stürzte sich hinein, mit unerh?rter Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, [pg 437]wer stand am Rand der Bühne und redete? S?tbier, Diederichs entlassener Prokurist! Aus Rache hielt S?tbier eine Hetzrede, worin er über die Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abf?lligste urteilte. Sie sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser pers?nlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und dem Umsturz W?hler zutreiben wolle. Früher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben. ?Pfui!" riefen die Organisierten. Diederich stie? um sich, bis er unter der Bühne stand. ?Gemeine Verleumdung!" schrie er S?tbier ins Gesicht. ?Sch?men Sie sich, seit Ihrer Entlassung sind Sie unter die N?rgler gegangen!" Der von Kunze kommandierte Kriegerverein brüllte wie ein Mann: ?Gemeinheit!" und ?H?rt, h?rt!" – indes die Organisierten pfiffen und S?tbier eine zitterige Faust machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da erhob der alte Buck sich und klingelte.

Als man wieder h?ren konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll und erw?rmte: ?Mitbürger! Wollt doch dem pers?nlichen Ehrgeiz einzelner nicht Nahrung gew?hren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen? Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu geh?ren alle, nur die Herren nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs neue den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, da? wir unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht wollen. Da? wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen."

?Sehr wahr!"

[pg 438] ?Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu behaupten gegen Herren, die uns nur noch rüsten, damit wir unfrei sind. Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen sollen, uns allen!"

?Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!" Inmitten bewegter Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem ?u?ersten Kampf nahe und im voraus schwei?triefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen, der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. ?Der Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!" schrie er mit Todesverachtung. ?Ein Vaterlandsverr?ter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er" – ?Hu, hu!" riefen die Vaterlandsverr?ter; aber Diederich, unter den Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme überschnappte. ?Ein franz?sischer General hat Revanche verlangt!" Vom Bureau her fragte jemand: ?Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?" Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte er in die Luft steigen. ?Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale! Starkes Kaisertum!" Seine Kraftworte stie?en rasselnd aneinander, uml?rmt vom Get?se der Gutgesinnten. ?Festes Regiment! Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie!"

?Ihr Bollwerk hei?t Wulckow!" rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich fuhr herum, er erkannte Heuteufel. ?Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner Majest?t –?"

[pg 439] ?Auch ein Bollwerk!" sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach ihm. ?Sie haben den Kaiser beleidigt!" rief er mit ?u?erster Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: ?Spitzel!" Es war Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen. Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverhei?ender Weise. ?Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen! 'raus!" Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den schwielige F?uste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt um Hilfe. Der alte Buck gew?hrte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen Feinden erretteten. Kaum da? er sich rühren konnte, schwang Diederich den Finger gegen den alten Buck. ?Die demokratische Korruption!" schrie er, tanzend vor Leidenschaft. ?Ich will sie ihm beweisen!" ?Bravo! Reden lassen!" – und das Lager der nationalen M?nner setzte sich in Bewegung, überrannte die Tische und ma? sich Aug' in Auge mit dem Umsturz. Ein Handgemenge schien bevorzustehen: schon fa?te der Polizeileutnant dort oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer Moment – da h?rte man von der Bühne herab befehlen: ?Ruhe! Er soll sprechen!" Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, gr??er als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft, vom Ha? war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der Atem stockte einem.

?Er soll sprechen!" wiederholte der Alte. ?Auch Verr?ter haben das Wort, bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verr?ter an der Nation aus. Sie haben sich [pg 440]nur ?u?erlich ver?ndert seit den Zeiten, da mein Geschlecht k?mpfte, fiel, ins Gef?ngnis und auf die Richtst?tte ging."

?Haha", machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen Spottes. Zu seinem Unglück sa? er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar nach ihm ausholte, da? Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel mitsamt seinem Stuhl.

?Schon damals", rief der Alte, ?gab es solche, die statt der Ehre den Nutzen w?hlten und denen keine Herrschaft demütigend schien, wenn sie sie bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –"

Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei seines Gewissens.

?Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute zu werden! Dieser Mensch soll sprechen."

?Nein!"

?Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde betr?gt. Fragt ihn, wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!"

?Wulckow!" Der Ruf kam von der Bühne, aber der Saal nahm ihn auf. Diederich, gebieterische F?uste hinter sich, gelangte nicht ganz freiwillig die Stufen zur Bühne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der alte Buck sa? regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und lie? ihn nicht aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und ?Wulckow!" rief der Saal ihm zu, ?Wulckow!" Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm, einen Augenblick schlo? er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen und der Sache über[pg 441]hoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts anderes mehr m?glich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er ma? kampfesfreudig den Feind, jenen tückischen Alten, der nun endlich die Maske des v?terlichen G?nners verloren hatte und seinen Ha? bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stie? vor ihm beide F?uste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal her.

?Wollen Sie was verdienen?" brüllte er wie ein Ausrufer in den Tumult – und es ward still, wie auf ein Zauberwort. ?Jeder kann bei mir verdienen!" brüllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. ?Jedem, der mir nachweist, wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!"

Hierauf schien niemand gefa?t. Die Lieferanten zuerst riefen ?Bravo", dann entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte Zuversicht, denn es ward wieder ?Wulckow!" gerufen, noch dazu nach dem Takt von Biergl?sern, die man auf die Tische stie?. Diederich erkannte, da? dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit h?heren M?chten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zückte der Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der Hand, da? er es schon machen werde, und er brüllte:

?Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige S?uglingsheim! Dafür h?tte ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich kann es beschw?ren. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den Raub zu teilen mit einem gewissenlosen Magistratsrat!"

?Sie lügen!" rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich flammte noch h?her, im Vollgefühl seines [pg 442]Rechtes und seiner sittlichen Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendk?pfigen Drachen dort unten, der ihn anspritzte: ?Lügner! Schwindler!" schwenkte er furchtlos seinen Schein. ?Beweis!" brüllte er und schwenkte so lange, bis sie h?rten.

?Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbürger! In Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein gewisses Terrain, für den Fall, da? das S?uglingsheim dorthin kommt."

?Namen! Namen!"

Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klüsing hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend fa?te er die Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. ?Wer wagt, gewinnt", dachte Diederich, und er brüllte:

?Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!"

Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn entgegen und kü?te ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: ?Beweis!" oder ?Schwindel!" Aber ?Cohn soll reden!", das wollten alle, Cohn konnte sich den Anforderungen unm?glich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr, mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Sto? versehen, kam ohne rechte überzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte die Fü?e nach und hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er l?chelte entschuldigend. ?Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner doch nicht glauben," sagte er so sanft, da? fast [pg 443]niemand es verstand. Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. ?Ich will den Herrn Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht."

?Aha! Er gibt es zu!" – und j?h brach ein Aufruhr los, da? Cohn, auf nichts vorbereitet, einen Sprung rückw?rts tat. Der Saal war nur noch ein Fuchteln und Sch?umen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander her. ?Hurra!" kreischte Kühnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem Haar, die F?uste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der Bühne war alles auf den Beinen, au?er dem Polizeileutnant. Der alte Buck hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk, über das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war, abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, da? sie weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant ein, der sich von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber darüber belehrt, da? der Beamte allein entscheide, ob und wann er aufl?se. Es brauchte nicht gerade in dem Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht stand! Worauf Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke führte. Dazu schrie er: ?Der zweite Name!" Und da alle Herren auf der Bühne mitschrien, h?rte man es endlich und Heuteufel konnte fortfahren.

?Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kühlemann! Stimmt. Kühlemann selbst. Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachla? das S?uglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kühlemann bestiehlt seinen eigenen Nachla?? Na also!" – und Heuteufel zuckte die Achseln, woraus beif?llig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften pfauchten schon wieder. ?Beweise! Kühlemann soll selbst reden! [pg 444]Diebe!" Herr Kühlemann sei schwerkrank, erkl?rte Heuteufel. Man werde hinschicken, man telephoniere schon. ?Auweh", raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu. ?Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und k?nnen einpacken." ?Noch lange nicht!" verhie? Diederich, tollkühn. Pastor Zillich seinerseits setzte seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner Tollkühnheit sagte: ?Brauchen wir gar nicht!" – und er machte sich über einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu entschiedener Stellungnahme, ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um ihren Ha? gegen die bürgerliche Korruption zu verst?rken – und überall hielt er den Leuten Klüsings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit dem Handrücken auf das Papier, da? niemand lesen konnte, und rief: ?Steht da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann noch japsen kann, wird er zugeben müssen, da? er es nicht war. Buck war es!"

Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig still geworden war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie flüsterten nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. ?Was ist los?" Auch im Saal ward es ruhiger, noch wu?te man nicht, warum. Pl?tzlich hie? es: ?Kühlemann soll tot sein." Diederich fühlte es mehr, als da? er es h?rte. Er gab es pl?tzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum ein wesenloses Gewirr von Lauten und wu?te nicht mehr deutlich, wo er war. Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: ?Er ist wei? Gott tot. Ich war oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben."

?Im richtigen Moment", sagte Diederich und sah sich [pg 445]um, erstaunt, als erwachte er. ?Der Finger Gottes hat sich wieder mal bew?hrt", stellte Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewu?t, da? dieser Finger doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf angewiesen h?tte?... Die Parteien im Saale l?sten sich auf; das Eingreifen des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen ged?mpft und verzogen sich. Als er schon drau?en war, erfuhr Diederich noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.

Die ?Netziger Zeitung" berichtete über die ?tragisch verlaufene Wahlversammlung" und schlo? daran einen ehrenvollen Nachruf für den hochverdienten Mitbürger Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufkl?rung bedurften ... Das weitere geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die ?Partei des Kaisers" eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen waren. Diederich trat auf und gei?elte mit flammenden Worten die demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei – aber er nannte es doch lieber nicht. ?Denn, meine Herren, das Hochgefühl schwellt mir die Brust, da? ich mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem gef?hrlichsten Feinde die Maske abrei?e und Ihnen beweise, da? er auch nur verdienen will." Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er wu?te nicht. ?Seine Majest?t haben das erhabene Wort gesprochen: ?Mein afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!' Ich aber, meine Herren, liefere [pg 446]Seiner Majest?t die n?chsten Freunde Richters!" Er lie? die Begeisterung verrauschen; dann, mit verh?ltnism??ig ged?mpfter Stimme: ?Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gründe, zu vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers erwartet." Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort auch diesmal die Entscheidung; und pl?tzlich aus voller Lunge: ?Wer jetzt noch seine Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!" Da die Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen. Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen W?hler würden schweren Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere übel w?hlen. ?Aber ich bin der erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!" Er schlug so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand. Und da? Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der Frühe des Stichwahltages aus der sozialdemokratischen ?Volksstimme", die unter h?hnischen Ausf?llen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er über den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. ?He?ling f?llt hinein," sagten die W?hler, ?denn jetzt mu? Buck ihn verklagen." Aber viele antworteten: ?Buck f?llt hinein, der andere wei? zuviel." Auch die Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zug?nglich waren, fanden jetzt, es sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen nicht zu spa?en schien, nun einmal meinten, man solle für den Sozialdemokraten stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gew?hlt, dann war es gut, da? man ihn mitgew?hlt hatte, sonst ward man noch boykottiert von den Arbeitern ... [pg 447]Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In der Kaiser-Wilhelm-Stra?e erscholl Alarmgebl?se, alles stürzte an die Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm den Weg der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte die Pickelhaube wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen. Diederich in Reih' und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, da? nun in Reih' und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am anderen Ende der Stra?e holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verl?ngert durch die Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche'sche Lokal. Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl ?Küren". Der Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich gekleidet, im Hausflur. Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: ?Auf, Kameraden, zur Wahl! Wir w?hlen Fischer!" – worauf es vom rechten Flügel ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie f?hig war, kam noch, von Hurra empfangen, der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er lie? sich ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, und bei der Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. ?Endlich!" sagte er und drückte Diederich die Hand. [pg 448]?Heute haben wir den Drachen besiegt." Diederich erwiderte schonungslos: ?Sie, Herr Bürgermeister? Sie stecken noch halb in seinem Rachen. Da? er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er verreckt!" W?hrend Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra. Wulckow!...

Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der Sozialdemokrat. Die ?Netziger Zeitung" stellte einen Sieg der ?Partei des Kaisers" fest, denn ihr verdanke man es, da? eine Hochburg des Freisinns gefallen sei – womit aber Nothgroschen weder gro?e Befriedigung noch lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hie? es nun wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der Mittelpunkt eines Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige Zwecke vermacht, sehr anst?ndig. S?uglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es war wie Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, da? die Sozialdemokraten für das Denkmal waren, also sch?n. Irgend jemand schlug vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspr?sidenten von Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine Niederlage wohl doch ge?rgert hatte, und ?u?erte Bedenken, ob der Regierungspr?sident, der einem gewissen Grundstücksgesch?ft nicht fernstehe, sich selbst für berufen halten werde, das Grundstück mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und zwinkerte ein [pg 449]wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt, wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand rüttelte. Er h?tte nicht sagen k?nnen, was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er sich stramm und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen eine Unterstellung, die er schon einmal ?ffentlich widerlegt habe. Die andere Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mi?br?uche bisher nicht im mindesten entkr?ftet. ?Tr?sten Sie sich," erwiderte Heuteufel, ?Sie werden es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht."

Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich abgeschw?cht, als Heuteufel gestehen mu?te, da? sein Freund Buck nicht den Stadtverordneten Doktor He?ling, sondern nur die ?Volksstimme" verklagt habe. ?He?ling wei? zuviel", wiederholte man – und neben Wulckow, dem der Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese Beschlüsse in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit gl?nzte. Wenn er seine Sache selbst nicht h?her einsch?tzte! Heuteufel sagte: ?Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch noch pers?nlich ansehen?" Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst. Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah man voraus, der Proze? gegen die ?Volksstimme" werde seine dritte sein. Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben würde, pa?te jeder schon im voraus den gegebenen Umst?nden an. He?ling war natürlich zu weit gegangen, sagten vernünftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher kannten, war [pg 450]kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit w?re ihm vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun wirklich mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes Gesch?ft: – es h?tte nur nicht herauskommen dürfen! Und warum mu?te Kühlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund h?tte freischw?ren sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der kaufm?nnische Leiter der ?Netziger Zeitung", der in Gausenfeld ein und aus ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst, wenn man für Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt h?tten. Auch machte Tietz darauf aufmerksam, da? der alte Klüsing, der mit einem Wort die ganze Sache h?tte beenden k?nnen, sich hütete zu reden. Er war krank, nur seinetwegen mu?te die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das Neueste, dies waren die ?einschneidenden Ver?nderungen in einem gro?en, für das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen", von denen die ?Netziger Zeitung" dunkel meldete. Klüsing war mit einem Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem anderen, den Kauf angeboten hatte. ?Und zwar unter Bedingungen, die nie wiederkommen", setzte er hinzu. ?Leider bin ich stark engagiert bei meinem Schwager in Eschweiler, ich wei? nicht einmal, ob ich nicht von Netzig wegziehen mu?." Aber als Sachverst?ndiger erkl?rte er auf Befragen Nothgroschens, der seine Antwort ver?ffentlichte, da? der Prospekt eher noch hinter der Wahrheit zurückbleibe. [pg 451]Gausenfeld sei tats?chlich eine Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der B?rse zugelassen seien, k?nne nur auf das w?rmste empfohlen werden. Tats?chlich wurden die Aktien in Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von pers?nlichem Interesse unbeeinflu?t Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer besonderen Gelegenheit, als n?mlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn glücklich so weit gebracht, da? auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek für sein Haus in der Fleischhauergrube. ?Er mu? es verzweifelt n?tig gehabt haben", bemerkte Diederich, sooft er davon erz?hlte. ?Wenn er es von mir, seinem entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer h?tte das früher von ihm gedacht!" Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle. Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. Und auch dies zeigte, da? er auf Gausenfeld nicht rechnete ... ?Aber", erkl?rte Diederich, ?der Alte ist nicht auf Rosen gebettet, wer wei?, wie sein Proze? ausgeht – und gerade weil ich ihn politisch bek?mpfen mu?, wollte ich zeigen – Sie verstehen." Man verstand, und man beglückwünschte Diederich zu seinem mehr als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. ?Er hat mir Mangel an Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen." M?nnliche Rührung zitterte in seiner Stimme.

Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf Terrainschwierigkeiten sto?en sah, durfte man um so freudiger anerkennen, da? das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Milit?rvorlage abzu[pg 452]lehnen. Die ?Volksstimme" hatte eine Massendemonstration angekündigt, der Bahnhof sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es, dabei zu sein. Unterwegs stie? Diederich auf Jadassohn. Man begrü?te einander so f?rmlich, wie die kühl gewordenen Beziehungen es vorschrieben. ?Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?" fragte Diederich.

?Ich gehe in Urlaub – nach Paris." Tats?chlich trug Jadassohn Kniehosen. Er setzte hinzu: ?Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die hier begangen worden sind."

Diederich beschlo?, vornehm hinwegzuh?ren über die Ver?rgerung eines Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. ?Man dachte eigentlich," sagte er, ?Sie würden jetzt Ernst machen."

?Ich? Wieso?"

?Fr?ulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante."

?Tante ist gut", Jadassohn feixte. ?Und man dachte. Sie wohl auch?"

?Mich lassen Sie nur aus dem Spiel." Diederich machte ein Gesicht voll Einverst?ndnis. ?Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?"

?Durchgegangen", sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und schnaufte. K?thchen Zillich durchgegangen! In was für Abenteuer h?tte man verwickelt werden k?nnen!... Jadassohn sagte weltm?nnisch:

?Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin weiter nicht b?se mit ihr, Sie verstehen, es mu?te mal zum Klappen kommen."

?So oder so", erg?nzte Diederich, der sich gefa?t hatte.

?Lieber so als so", berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich die Stimme gesenkt: ?Jetzt kann [pg 453]ich es Ihnen ja sagen, mir kam das M?dchen schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde."

Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. ?Was glauben Sie denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie macht Karriere in Berlin."

?Daran zweifle ich nicht." Diederich zwinkerte. ?Ich kenne ihre Qualit?ten ... Sie allerdings haben mich für naiv gehalten." Jadassohns Abwehr lie? er nicht gelten. ?Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es ja sagen." Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein Erlebnis mit K?thchen im Liebeskabinett – berichtete es so vollst?ndig, wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem L?cheln befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schlie?lich entschied er sich dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlüsse. ?Die Sache bleibt natürlich streng unter uns ... So ein M?dchen mu? man auch gerecht beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich erg?nzen ... Die Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so wei? man doch, woran man ist." ?Es h?tte sogar einen gewissen Reiz", bemerkte Diederich, in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gep?ck sah, nahmen sie Abschied. ?Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in Paris."

?Vergnügen kommt nicht in Frage." Jadassohn wandte sich um, mit einem Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs beunruhigte Miene sah, [pg 454]kam er zurück. ?In vier Wochen", sagte er merkwürdig ernst und gefa?t, ?werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist es vorzuziehen, wenn Sie die ?ffentlichkeit schon jetzt darauf vorbereiten." Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: ?Was haben Sie vor?" Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem L?cheln eines opfervollen Entschlusses: ?Ich stehe im Begriff, meine ?u?ere Erscheinung in Einklang zu bringen mit meinen nationalen überzeugungen" ... Als Diederich den Sinn dieser Worte erfa?t hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! – auf, wie zwei Kirchenfenster im Abendschein.

Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von M?nnern, in deren Mitte eine Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfü?ig die Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der Macht erfolgreich zurückgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett erfrischte man sich nach diesen, in der Julisonne für die Sache des Umsturzes bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, da der Zug ohnedies Versp?tung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte Tasche hin und fletschte die Z?hne. Wie Diederich ihn kannte, war er im Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich auf einen untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber [pg 455]abwandte, wenn man um ihn herumging. Er hielt einen gro?en Blumenstrau? vor sich hin und sah dem Zug entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem Teufel zu! Aus einem Coupé grü?te Judith Lauer, ihr Mann half ihr herunter, ja, er überreichte ihr den Blumenstrau?, und sie nahm ihn mit dem ernsten L?cheln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er war wieder frei. Nicht da? von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin mu?te man sich erst wieder daran gew?hnen, ihn drau?en zu wissen ... Und mit einem Bukett holte er sie ab! Wu?te er denn nichts? Er hatte doch Zeit gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er fertig gesessen hatte! Es gab Verh?ltnisse, von denen man sich als anst?ndiger Mensch nichts tr?umen lie?. übrigens stand Diederich den Dingen nicht n?her als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. ?Alle werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm allerseits zu verstehen geben, da? er am besten zu Hause bleibt ... Denn wie man sich bettet, liegt man." K?thchen Zillich hatte es begriffen und die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.

Diederich selbst, der von achtungsvollen Grü?en geleitet durch die Stadt schritt, nahm jetzt auf die natürlichste Weise den Platz ein, den seine Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun so weit hindurchgek?mpft, da? blo? noch die Früchte zu pflücken waren. Die anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen Zweifel mehr ... [pg 456]über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte um, und die Aktien fielen. Woher wu?te man, da? die Regierung der Fabrik ihre Auftr?ge entzogen und sie dem He?lingschen Werk übertragen hatte? Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wu?te es, noch bevor die Arbeiterentlassungen kamen, die die ?Netziger Zeitung" so sehr bedauerte. Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mu?te sie leider pers?nlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu w?hlen. überhaupt h?tte er mit dem Geld, das He?ling ihm anst?ndigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst ?u?erte überall diese Ansicht. ?Wer h?tte das früher von ihm gedacht!" bemerkte er auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das Schicksal. ?Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den Fü?en verliert." Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte Buck werde auch ihn selbst, als Aktion?r von Gausenfeld, in seinen Ruin hineinrei?en. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde. Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte. Keiner gestand es gern dem anderen ein, da? er Gausenfelder hatte und hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, da? jener schon verkauft habe. Seine pers?nliche Meinung war, da? es hohe Zeit sei. Ein Makler, den er übrigens nicht kannte, sa? dann und wann im Café und kaufte. Einige Monate sp?ter brachte die Zeitung ein t?gliches Inserat des Bankhauses Sanft & Co. Wer noch Gausen[pg 457]felder hatte, konnte sie hier mühelos absto?en. Tats?chlich besa? zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen Papiere. Dagegen ging das Gerede, He?ling und Gausenfeld sollten fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. ?Und der alte Herr Buck?" fragte er. ?Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?" – ?Der hat mehr Sorgen", hie? es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die ?Volksstimme" war jetzt die Verhandlung anberaumt. ?Er wird wohl hineinfliegen", meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit: ?Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen."

In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing hatte schon l?ngst zu jedem vom Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders gesprochen? Und hatte er als den Unterh?ndler den alten Buck genannt? Dies alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt gewesen, da? das Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht genommene S?uglingsheim. War Buck dafür gewesen? Jedenfalls nicht dagegen. Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich für den Platz interessierte. Klüsing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem für Buck ehrenrührigen Sinne aufgefa?t ... Der Kl?ger Buck wünschte festgestellt zu sehen, da? der verstorbene Kühlemann es gewesen sei, der mit Klüsing verhandelt habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes. Aber die [pg 458]Feststellung mi?lang, Klüsings Aussage war unentschieden auch hierin. Da? Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte. War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:

?Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest, da? ich, was alle Zeugen best?tigen, niemals ?ffentlich den Namen des Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der Stadt, die nicht durch einzelne gesch?digt werden sollte. Ich bin für die politische Moral eingetreten. Pers?nliche Geh?ssigkeit liegt mir fern, und es würde mir leid tun, wenn der Herr Kl?ger aus dieser Verhandlung nicht ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte."

Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben, welches seine pers?nliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der tragisch verlaufenen Wahlversammlung.

?Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben über meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zug?nglich, auch dem Herrn Zeugen. Mein Leben geh?rt seit mehr als fünfzig Jahren nicht mir, es geh?rt einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war verm?gend, als ich in die ?ffentlichkeit trat. Wenn ich [pg 459]sie verlasse, werde ich arm sein. Ich brauche keine Verteidigung!"

Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich zuckte nur die Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon l?ngst keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den R?dern. Konnte ein Mensch seine Lage so sehr verkennen? ?Wenn einer von uns den anderen von oben herab zu behandeln hat –" Und Diederich blitzte. Er blitzte den Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgültig, mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl – und gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, da? dies für alle feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder, er bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den Sch?ffen gewendet, sagte er: ?Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbürger."

Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck. Seit dem Proze? Lauer fand man ihn durchaus günstig ver?ndert; er hatte an überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück hie?, da er jetzt ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der ?Netziger Zeitung": es war Tatsache, He?ling, Gro?aktion?r von Gausenfeld, war als Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn – und ihm gegenüber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam [pg 460]er nun mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Da? der Alte sich für das Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von He?ling und tr?stete im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grü?e drückten Achtung in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit übergeht. Die Hereingefallenen grü?ten den Erfolg.

Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur fünfzig Mark für den Redakteur der ?Volksstimme"! Der Beweis war nicht vollst?ndig erbracht, guter Glaube ward zugebilligt. Vernichtend für den Kl?ger, sagten die Juristen – und wie Buck das Gerichtsgeb?ude verlie?, wichen auch die Freunde ihm aus. Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten, schüttelten die F?uste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des Gerichts die Erleuchtung, da? sie mit ihrer Meinung über den alten Buck eigentlich schon l?ngst fertig waren. Ein Gesch?ft wie das mit dem Terrain für das S?uglingsheim mu?te wenigstens glücken: das Wort war von He?ling, und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein Gesch?ft geglückt. Er dünkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und Parteiführer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der gesch?ftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die moralische, dafür zeugte die nie recht aufgekl?rte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes, desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für demagogische Zwecke, aber wie Hund und Katz' mit der Regierung, was dann wieder auf die Gesch?fte zurückwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts mehr zu [pg 461]verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit gebricht. Entrüstet erkannte man, da? man sich auf Gedeih und Verderb in der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unsch?dlich zu machen, war der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden Urteil die Folgerungen nicht zog, mu?ten andere sie ihm nahelegen. Das Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und au?er dem Amte der Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck diese Bestimmung erfüllte? Die Frage aufwerfen, hie? sie verneinen, wie die ?Netziger Zeitung", ohne natürlich seinen Namen zu nennen, feststellte. Aber es mu?te erst so weit kommen, da? die Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befa?t ward. Da endlich, einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn hiernach, bei Gefahr, die letzten Anh?nger zu verlieren, nicht l?nger an der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren n?tig, bevor in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die er für verg?nglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, trete er zurück. ?Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den ungerechten Makel, den der get?uschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen, im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder von mir nehmen wird."

Dies fa?te man als Heuchelei und überhebung auf; die Wohlmeinenden entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. [pg 462]übrigens hatte, was er schrieb oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm pl?tzlich ins Gesicht, ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen: es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen geno?. Statt der alten Freunde aber, die auf seinem t?glichen Spaziergang sich niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er heimkehrte und es schon d?mmerte, und es war etwa ein kleiner Gesch?ftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken sa?, oder ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein die H?user entlang streichender Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer oder frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl z?gernd ihre Kopfbedeckung, dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten ward, nahm er, ganz gleich welche.

Da die Zeit verging, beachtete auch der Ha? ihn nicht mehr. Wer mit Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig vorbei, und manchmal grü?te er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorüber, erkl?rte er dem Kinde: ?Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus einem Menschen die Schande machen kann." Und das Kind ward fortan beim Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen überlaufen, gleich wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen unerkl?rten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der herrschenden Meinung nicht folgten. [pg 463]Manchmal, wenn der Alte das Haus verlie?, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt rückhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem Unglück mit K?thchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für den Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den Kopf entbl??ten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt an und sah in diese zukunftstr?chtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.

Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu wenden an nebens?chliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die ?Netziger Zeitung", jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, da? Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor He?ling zum Generaldirektor befürworten mu?te. An der Tatsache spürte mancher einen eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, da? Herr Generaldirektor Doktor He?ling sich ein gro?es und unbestrittenes Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die H?lfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, w?ren sie sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur Herrn Doktor He?ling, da? sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der Streik war durch die Energie des neuen [pg 464]Generaldirektors glücklich beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, da? die Regierungssonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde. Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaftliche Leben Netzigs und besonders für die Papierindustrie – zumal das Gerücht von einer Fusion des He?lingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, da? Herr Doktor He?ling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen, die Leitung Gausenfelds zu übernehmen.

Tats?chlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das Aktienkapital erh?hen zu lassen. Für das neue Kapital ward das He?lingsche Werk erworben. Diederich hatte ein gl?nzendes Gesch?ft gemacht. Seine erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekr?nt, er war Herr der Lage, mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen M?nnern, und konnte daran gehen, der inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken. Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und Angestellten. ?Einige von euch", sagte er, ?kennen mich schon, vom He?lingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab' ich das einem kleinen Teil von euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem Befehle habe. Ihr k?nnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verla?t euch auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu wecken und euch zu treuen Anh?ngern der bestehenden Ordnung zu machen." Und er verhie? ihnen eigene Wohnh?user, Krankenunterstützungen, billige [pg 465]Lebensmittel. ?Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in Zukunft anders w?hlt, als ich will, fliegt!" Auch dem Unglauben, sagte Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich überzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. ?Solange in der Welt die unerl?ste Sünde herrscht, wird es Krieg und Ha?, Neid und Zwietracht geben. Und darum: einer mu? Herr sein!"

Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle R?ume der Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkündeten. Durchgang verboten! Wasserholen mit den Eimern der Feuerl?schapparate verboten! Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht vers?umt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schlie?en, der ihm Vorteile sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder mitbringen, ?Poussieren, Sch?kern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht" strengstens verboten! In den Arbeiterh?usern waren, noch bevor sie wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe dahinlebendes Paar, das unter Klüsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung zu entziehen gewu?t hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war für Diederich sogar der Anla?, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten lie? er ein in Gausenfeld selbst erzeugtes Papier aufh?ngen, bei dessen Benutzung niemand umhin konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit denen es bedruckt war. Zuweilen h?rte er die Arbeiter einen von hoher Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege überzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich ihnen bei derselben Gelegenheit eingepr?gt hatte. Ermutigt durch diese Erfolge, brachte Diederich seine Er[pg 466]findung in den Handel. Sie trat unter dem Zeichen ?Weltmacht" auf, und wirklich trug sie, wie eine gro?zügige Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt auf deutsche Technik, siegreich durch die Welt.

Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich veranla?t, bekanntzugeben, da? er vom Versicherungsgeld nur Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte sich ein ganzes Gebi? verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine, freilich erst nachtr?glich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward er zum Aufwiegler, verkam sittlich und w?re unter anderen Umst?nden unbedingt entlassen worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschlie?en, das Gebi?, das ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann.... Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der Arbeiterschaft nicht zutr?glich. Hinzu kam die Einwirkung gef?hrlicher politischer Ereignisse. Als im neu er?ffneten Reichstagsgeb?ude mehrere sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war bewiesen. Diederich machte in der ?ffentlichkeit dafür Stimmung; seine Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit düsterem Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug, die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg lie? nicht warten, ein Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der M?rder behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber [pg 467]das kannte Diederich von seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und wochenlang ?ffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter schon gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse, und gemeinsam mit Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung ausgehen, vom Vorstand der ?Partei des Kaisers", vom Unternehmerverband oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den Allerh?chsten Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen Ma?nahmen, milit?rischem Schutz der Autorit?t und des Eigentums, nach Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die ?Netziger Zeitung", die alles dies pünktlich wiedergab, verga? aber keinesfalls hinzuzufügen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor He?ling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus führte Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einflu? in Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem sie sie am Gewinn beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor He?ling vertretenen Grunds?tze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar beste Verh?ltnis, wie Seine Majest?t der Kaiser es überall in der deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein kr?f[pg 468]tiger Widerstand gegen die unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der Arbeitgeber geh?rten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn Generaldirektor Doktor He?ling war. – Und daneben stand Diederichs Bild.

Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Bet?tigung an – trotz der unerl?sten Sünde, die ihre verheerende Wirkung übrigens nicht nur gesch?ftlich, sondern auch in der Familie ?u?erte. Hier war es leider Kienast, der Neid und Zwietracht s?te. Er behauptete, da? ohne ihn und seine unauff?llige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine gl?nzende Stellung gar nicht erlangt haben würde. Worauf Diederich erwiderte, da? Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden Aktienbesitz entsch?digt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an, vielmehr verma? er sich, für seine piet?tlosen Ansprüche eine rechtliche Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten He?lingschen Fabrik gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen. Kienast verlangte ein Achtel der Kapitalrente und der j?hrlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf dieses unerh?rte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, da? er weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig sei. ?Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom j?hrlichen Gewinn meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld geh?rt nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das ist mein Privatverm?gen. Ihr habt nichts zu fordern." – Kienast nannte dies einen offenen Raub, Die[pg 469]derich, durch die eigenen Argumente vollkommen überzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Proze?.

Der Proze? dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung geführt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen, seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten S?tbier aufgestellt, der in seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, da? Diederich schon früher an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt habe. Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch dieses Vorgehen gen?tigt, zu verschiedenen Malen gr??ere Betr?ge für die sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen, sein pers?nlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht reichte, schürte den Streit der M?nner mehr aus weiblichen Motiven. Ihr Erstes war ein M?dchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda, die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte, leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit einem aus Berlin bezogenen unerh?rten Hut erschien. Magda stellte fest, da? Emmi jetzt von Diederich in der emp?rendsten Weise bevorzugt wurde. Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die H?he ihres Toilettegeldes stellte eine Unversch?mtheit gegen die verheiratete Schwester dar. Magda mu?te sehen, da? der Vorrang, den ihre Verheiratung ihr eingetragen hatte, [pg 470]sich in das Gegenteil verkehrte; und sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner Glanzzeit, heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann fand, schien dies besondere Gründe zu haben – die man sich in Netzig denn auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen. Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie n?mlich bei Kienasts der Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofür man Stoff sammelte, indem jede der beiden Frauen das Zimmerm?dchen der anderen anwarb.

Und bald nachdem Diederich und Kienast mit m?nnlicher Besonnenheit den ?u?ersten Familienskandal für diesmal noch verhütet hatten, brach er dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem Dritten und sogar voreinander verstecken mu?ten, so grenzenlos frivol war ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte Ma? einer wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich jeden Morgen lagen die harmlos grauen Umschl?ge auf dem Frühstückstisch, und jeder lie? den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. ?Du wirst wohl wissen, wer sie dir schreibt!" brachte sie hervor, erstickt und rot angelaufen. Magda sagte, sie k?nne es sich denken, und darum sei [pg 471]sie gekommen. ?Wenn du es n?tig hast," erwiderte Guste und zischte, ?da? du dir selbst mu?t solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann schreib' sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht n?tig haben!" Magda protestierte und stie? ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt, sie rief Diederich aus dem Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe zurück. Gegenüber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei. Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann fa?ten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art, da? auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe sie vernichtet. Die alte Frau He?ling sogar war nicht verschont geblieben! Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt ... Da dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht kl?rte, trennte man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zun?chst herausstellte, da? auch Inge Tietz zu den Empf?ngern der unpassenden Darbietungen geh?rte. Was hiernach zu vermuten stand, best?tigte sich. Der unheimliche Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister und den Seinen. Soweit man blickte, hatte er um das [pg 472]Haus He?ling und alle guten H?user, die ihm nahestanden, eine Atmosph?re der krassesten Obsz?nit?t geschaffen. Wochenlang wagte Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem Vertrautesten. Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Scho? der Familie He?ling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument, unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke fest, die in ihrer Eigentümlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief verschwiegen, bewu?t waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst h?rte alles auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch einen prüfenden Blick zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein Blick prüfte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.

Der Verr?ter war überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich. Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage gestellt. Dank seiner T?tigkeit w?re in Netzig jedes moralische Selbstgefühl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt gewesen, h?tte man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenma?regeln getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendf?ltigen ?ngste, unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans Licht führte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergie?en über einen Mann. Gottlieb Hornung wu?te nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit Diederich hatte er nach seiner Weise gro? getan und sich gewisser Briefe gerühmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es sei Mode, [pg 473]ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nützlichen Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, w?re es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgem?? anzeigte. Und als Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, da? er schon l?ngst überall verd?chtigt war. Er hatte w?hrend der Wahlen zahlreiche Einblicke erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das Recht, weder Schw?mme noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse h?hnische ?u?erungen entrissen, über Herrschaften, die die Schw?mme wohl nicht nur au?en n?tig h?tten, und bei denen mit Z?hneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward angeklagt und gab in mehreren F?llen seine Urheberschaft ohne weiteres zu. In den meisten freilich leugnete er sie um so kr?ftiger, aber dafür gab es Schreibsachverst?ndige. Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel, der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach für diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand der ?ffentliche Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der seit seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt bef?rdert war. Der Erfolg und das Bewu?tsein, einwandfrei dazustehen, hatten ihn sogar M??igung gelehrt; er sah ein, da? Rücksicht auf das gro?e Ganze es gebiete, den Stimmen Geh?r zu schenken, die Hornung für nerv?s überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der für seinen unglücklichen Jugendfreund [pg 474]in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich ihn, wenn er nur Netzig verlie?, mit Mitteln, die ihn gegen die Schw?mme und Zahnbürsten für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren sie wohl die St?rkeren, und ein gutes Ende lie? sich kaum vorhersagen für Gottlieb Hornung.... Natürlich h?rten, sobald er wohlverwahrt in der Anstalt sa?, die Briefe auf. Oder wenigstens lie? man sich, wenn noch einer kam, nichts mehr merken, die Aff?re war abgetan.

Diederich durfte wieder sagen: ?Mein Haus ist meine Burg." Die Familie, nicht l?nger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blühte auf das reinste empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte 1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste. Horst kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war, erkl?rte Diederich seiner Gattin, da? er, vor die Wahl gestellt, sie glatt h?tte sterben lassen. ?So peinlich es mir gewesen w?re", setzte er hinzu. ?Aber die Rasse ist wichtiger, und für meine S?hne bin ich dem Kaiser verantwortlich." Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolit?ten und Ungeh?rigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen Erhebung und Erholung zu g?nnen. ?Halte dich an die drei gro?en G", bedeutete er Guste. ?Gott, Gafee und G?ren." Auf dem rotgewürfelten Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Würfeln, lag neben der Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus [pg 475]vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. ?Es ist oben erwünscht", sagte Diederich ernst, wenn Guste sich str?ubte. Wie Diederich in der Furcht seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt ins Zimmer war es ihr bewu?t, da? dem Gatten der Vortritt gebühre. Die Kinder wieder mu?ten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel M?nne hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern, sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, da? man ihn ungest?rt lasse, oder aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden nur für den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein Stück davon über den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es erwischte, Gretchen, Guste oder M?nne. Sein Nachmittagsschlaf war ?fters durch eine Verdauungsst?rung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann, ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhie? ihr, ?chzend und schwer be?ngstet, da? er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde. Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. ?Ich hab' für meine S?hne gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amüsierst!" Guste machte geltend, ihr eigenes Verm?gen sei die Grundlage von allem, aber sie kam sch?n an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht erwarten, da? Diederich nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte sich dann nach M?glichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand gro?er L?rm, weil die K?chin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber hatte. [pg 476]?Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!" befahl Diederich; und als sie fort war, irrte er noch lange, keimt?tende Flüssigkeiten verspritzend, durch die Wohnung.

Am Abend bei der Lektüre des ?Lokal-Anzeigers" erkl?rte er seiner Gattin immer wieder, da? leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren – was Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von gewissen h?uslichen Zust?nden in Schlo? Friedrichskron, die Guste lebhaft mi?billigte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es mu?te unbedingt zerschmettert werden, es war der ?rgste Feind des Kaisers. Und warum? Man wu?te es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majest?t einst in angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Au?erdem kamen aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden w?re. über die Zeitung hinweg sagte Diederich zu Guste: ?So wie ich England hasse, hat nur Friedrich der Gro?e dies Volk von Dieben und H?ndlern geha?t. Das ist ein Wort Seiner Majest?t, und ich unterschreibe es." Er unterschrieb jedes Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, st?rkeren Form, nicht in der abgeschw?chten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese Kernworte deutschen und zeitgem??en Wesens – Diederich lebte und webte in ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Ged?chtnis bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei ?ffentlichen Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer unterschied, was von ihm [pg 477]kam und was von einem H?heren ... ?Dies ist sü?", sagte Guste, die das Vermischte las. ?Der Dreizack geh?rt in unsere Faust", behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel sich die hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. Ein Brieftr?ger, dem sie sich auf der Landstra?e zu erkennen gab, hatte ihr nicht geglaubt, da? sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies entzückte auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz griff, da? der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Stra?e ging, um mit 57 Mark neugepr?gten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und wie es ihn ahnungsvoll erschauern lie?, da? Seine Majest?t Ehrenbailli des Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschlo? der ?Lokal-Anzeiger", und dann wieder brachte er einem die Allerh?chsten Herrschaften gemütlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgro?en Bronzefiguren der Majest?ten schienen l?chelnd n?her zu rücken, und den Trompeter von S?ckingen, der sie begleitete, h?rte man traulich blasen. ?Himmlisch mu? es bei Kaisers sein," meinte Guste, ?wenn gro?e W?sche ist. Sie haben hundert Leute zum Waschen!" Wohingegen Diederich von tiefem Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte in ihm, bei seiner n?chsten Soiree seinem M?nne volle diesbezügliche Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der Kaiser und der Zar sich treffen würden. ?Wenn es nicht bald kommt," sagte [pg 478]er gewichtig, ?müssen wir uns auf alles gefa?t machen. Die Weltgeschichte l??t nicht mit sich spa?en." Gern hielt er sich l?nger bei drohenden Katastrophen auf, denn ?die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch", stellte er fest.

Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie g?hnte immer h?ufiger. Unter dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedr?ngte ihn sogar mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken ?u?ern, da sagte Guste mit ungewohnt strenger Stimme ?Quatsch"; Diederich aber, weit entfernt, diesen übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie vollends ihre Müdigkeit, und pl?tzlich hatte er eine m?chtige Ohrfeige – worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter einen Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich, da? seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen. Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstf?rmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: ?Auf die Knie, elender Schklafe!" Und Diederich tat, was sie heischte! In einer unerh?rten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm befehlen: ?Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!" – und dann auf den Rücken gelagert, lie? er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich unterbrach sie sich inmitten dieser T?tigkeit und fragte pl?tzlich ohne ihr grausames Pathos und streng sachlich: ?Haste genug?" Diederich rührte sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. [pg 479]?Ich bin die Herrin, du bist der Untertan", versicherte sie ausdrücklich. ?Aufgestanden! Marsch!" – und sie stie? ihn mit ihren Grübchenf?usten vor sich her nach dem ehelichen Schlafgemach. ?Freu' dich!" verhie? sie ihm schon, da gelang es Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anst?ndigen Namen gab, wobei sie freilich schon wieder g?hnte. Etwas sp?ter lag sie vielleicht schon und schlief – Diederich aber, noch immer des ?u?ersten gew?rtig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich hinter dem bronzenen Kaiser ...

Regelm??ig nach solchen n?chtlichen Phantasien lie? er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging. Durch ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls sie noch eine Erinnerung daran bewahrte, ein j?hes Ende. Autorit?t und Sitte triumphierten wieder. Auch sonst war dafür gesorgt, da? die ehelichen Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden zweiten, dritten Abend, manchmal noch ?fter, ging Diederich fort – zum Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen, in dem zu lesen stand: ?Je sch?ner die Kneip', desto schlimmer das Weib, je schlimmer das Weib, desto sch?ner die Kneip'." Und auch die kernigen alten Sinnsprüche in den übrigen Bogen r?chten einen in wohltuender Weise für die Zugest?ndnisse, die man, durch die Natur gen?tigt, der Frau daheim zuweilen machte. ?Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein Leben lang", oder ?Behüt [pg 480]euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor b?sen Weibern und b?sen Hunden". Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und Heuteufel die Augen zur Decke erhob: ?Friedliche Rast am traulichen Herd, und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt' in deutscher Mitt', kommt trinkt euch aller Sorgen quitt". Was allerseits geschah, ohne Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt ihren n?heren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben auf die Dauer niemandem m?glich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu übersehen, der den nationalen Gedanken beflügelte und immer h?her trug. Das Verh?ltnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor unter Mi?helligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch unübersteigbare Schranken, und ?in seine religi?sen überzeugungen l??t sich der Deutsche nicht hineinreden", wie man auf beiden Seiten feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom übel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende M?nner gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. übrigens milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, da? das Deutschland der Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. ?Aber es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist." Heuteufel mu?te es zugeben. Seine ?u?erungen über den Kaiser, über Wirksamkeit und Bedeutung Seiner Majest?t klangen wesentlich zurückhaltender als ehedem; bei jedem neuen Auf[pg 481]treten des allerh?chsten Redners stutzte er, versuchte zu n?rgeln und lie? doch erkennen, da? er am liebsten sich einfach angeschlossen h?tte. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der Energie des nationalen Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete und bei zielbewu?tem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht g?nnten, ein unerbittliches quos ego zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unversch?mten Engl?ndern rückte n?her! Die Flotte, für deren Ausbau die geniale Propaganda unseres genialen Kaisers unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere Zukunft lag tats?chlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein gen?hrt, ihrem Sch?pfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblüffende Maschinen bürgerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses ?Weltmacht" benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen, und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den gotischen Gew?lben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die Beschie?ung Londons ward verhandelt. Die Beschie?ung von Paris war eine Begleiterscheinung und vollendete die Pl?ne, die Gott mit uns vorhatte. Denn ?die christlichen Kanonen tun gute Arbeit", wie Pastor Zillich sagte. Nur Major Kunze be[pg 482]zweifelte dies, er erging sich in den düstersten Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war, hielt er jede Niederlage für m?glich. Aber er blieb der einzige N?rgler. Wer am meisten triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche kleine Greis einst im gro?en Krieg vollführt hatte, jetzt endlich, ein Vierteljahrhundert sp?ter, fanden sie ihre wahre Best?tigung in der allgemeinen Gesinnung. ?Die Saat," sagte er, ?die wir dunnemals ges?t haben, na nu geht se auf. Da? meine alten Augen das noch sehen dürfen!" – und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.

Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verh?ltnis zu Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sph?re der ges?ttigten Existenzen vorgerückt, beeintr?chtigten einander weder politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen Dame, die selten ?ffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fu?. In einer Proszeniumsloge der ?Walhalla" sa? sie zuweilen in gro?er Aufmachung, ward allgemein durch die Operngl?ser betrachtet, aber von niemand gegrü?t; und ihrerseits verhielt sie sich wie eine K?nigin, die ihr Inkognito wahrt. Natürlich wu?te trotz der Aufmachung alle Welt, das war K?thchen Zillich, die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen Villa nunmehr erfolgreich ausübte. Auch verkannte niemand, da? dieser Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu heben. Die Gemeinde nahm schweres ?rgernis, zu schweigen [pg 483]von den Sp?ttern, die entzückt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor bei der Polizei die Beseitigung des übels, stie? aber auf einen Widerstand, der nur erkl?rlich schien, wenn man gewisse Zusammenh?nge annahm zwischen der Villa von Brietzen und den h?chsten Stellen der Stadt. An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der g?ttlichen verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen, und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die verlorene Tochter einer Züchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte K?thchen ihr nacktes Leben, wie die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schw?che nach für die Tochter in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf, so erkl?rte er von der Kanzel herab K?thchen für tot und verfault, wodurch er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit verst?rkte die ihm widerfahrene Prüfung seine Autorit?t ... Diederich seinerseits kannte von den Herren, die an K?thchens Lebenswandel mit Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine. Jadassohns Beziehungen zu K?thchen lagen eben, noch von früher her, als Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: ?Was einem Mann zur Lust ein minnig Weiblein br?t, gar wohl ger?t"; und mit der gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon über die christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der Villa von [pg 484]Brietzen. Diederich beklagte sich über K?thchens uners?ttliche Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen günstigen Einflu? auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: ?Wozu haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?" Und dies war auch wieder richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, K?thchen auf diesem Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto. ?Meine Stellung," sagte er zu Jadassohn, ?erfordert eine gro?zügige Repr?sentation. Sonst würde ich, offen gestanden, das ganze Gesch?ft fallen lassen, denn unter uns, K?thchen bietet nicht genug." Hier l?chelte Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. ?überhaupt," fuhr Diederich fort, ?ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau" – er hielt die Hand vor – ?ist leistungsf?higer. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann man nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tats?chlich schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auff?llt!" Jadassohn lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon l?ngst für seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor He?ling aufzukl?ren über diese Zusammenh?nge.

Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn ein ?hnlich ersprie?liches Zusammenwirken wie bei K?thchen; denn gemeinsam beeiferten sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von solchen, die die Pest der Majest?tsbeleidigungen weiter verbreiteten. Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf Jadassohn sie ans Messer lieferte. [pg 485]Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir gestaltete sich ihre T?tigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den Sang an Aegir einen –! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erkl?rte die Verurteilung für durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefühl. ?Einen Freispruch h?tte das Volk nicht verstanden", sagte er am Stammtisch. ?Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend veranlagt ist, verlangt, da? etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht gedient." Hier err?tete Diederich ... Leider bekundete Buck solche Gesinnungen nur, solange er nüchtern war. Sp?terhin gab er durch seine von früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter in den Schmutz zu ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anst?ndigen Gesellschaft auszuschlie?en. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. Er verteidigte seinen Freund. ?Die Herren müssen bedenken, er ist erblich belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es für einen gesunden Kern in ihm, da? das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht befriedigt hat und da? er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgefunden hat." Man erwiderte, es sei verd?chtig, wenn Buck sich über seine fast dreij?hrigen Erfahrungen beim Theater so v?llig ausschweige. War er überhaupt noch satisfaktionsf?hig? Diese Frage konnte Diederich nicht beantworten; es war ein logisch nicht begründeter, aber tiefsitzender Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder n?herte. Immer wieder [pg 486]nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach, nachdem sie die sch?rfsten Gegens?tze blo?gelegt hatte. Er führte Buck sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine überraschung. Denn wenn Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich über Diederich hinweg und in einer Art, die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe Gespr?che, anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen Faktoren, die der Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte Verh?ltnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem eigenen Erstaunen entschied er sich für das letztere. ?Sie haben beide sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren", sagte er sich mit der überlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf zu achten, da? er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verst?ndigen. ?Wer wei?", dachte er z?gernd, und dann entschlossen: ?Warum nicht! Bismarck hat es auch so gemacht, mit ?sterreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Bündnis!"

Aus diesen noch dunklen überlegungen heraus widmete Diederich auch dem Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemüht, zu verbergen, da? er nicht atmen konnte. Was [pg 487]dachte er? Wie urteilte er über die neue gesch?ftliche Blüte Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt die Macht hatten? War er überzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, da? Generaldirektor Doktor He?ling, der m?chtigste Mann der Bürgerschaft, sich heimlich in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu schleichen hinter diesem einflu?losen, schon halb vergessenen Alten: er auf seiner H?he r?tselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Versp?tung zahlte, schlug Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich dürfe der alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater, anzunehmen.

Inzwischen ging der 22. M?rz vorüber, Wilhelm der Gro?e war hundert Jahre alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende, mehrmals waren unter schweren K?mpfen Nachtragskredite bewilligt und wieder überschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde getroffen, als Seine Majest?t den h?chstseligen Gro?vater als Fu?g?nger ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld getrieben, ging des ?fteren am Abend in die Meisestra?e, um sich vom Stand der Arbeiten zu überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der D?mmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem gl?nzenden Gesch?ft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgesch?fte waren kein Kunststück, wenn der Vetter [pg 488]Regierungspr?sident war. Die Stadt mu?te ihm einfach das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und mu?te zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebüsch zurück.

?Hier l??t sich atmen", sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:

?Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb Millionen Schulden gemacht, um dieses Müllager zu schaffen." Und er zeigte auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundb?nken, L?wen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend ihre Krallen in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die Rundb?nke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch L?wen zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmsh?he die Rückwand des Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war überdies immer in Gefahr, von einem L?wen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm, auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte – wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierk?fig wie zu Hause, vom Fu? des Sockels mit allen H?nden hinauflangten, um mit anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.

?Wer mü?te nun dort oben einhersprengen?" fragte Wolfgang Buck. ?Der Alte war nur ein Vorl?ufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes."

[pg 489] Nach einer Weile – die D?mmerung graute – sagte der Vater: ?Und du, mein Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen."

?Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr k?nnen wir nicht. Wir sollten uns leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der Zukunft; und ich sage nicht, da? es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich die Bühne wieder verlassen habe. L?cherlich, Vater, ich bin gegangen, weil einmal, als ich spielte, ein Polizeipr?sident geweint hatte. Aber bedenke auch, ob dies ertr?glich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in Herzen, hohe Moral, Modernit?t des Intellektes und der Seele stelle ich für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolution?re aus und schie?en auf Streikende. Denn mein Polizeipr?sident steht für alle."

Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.

?Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des Geistes rührt nie an euer Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen h?tten wie ich, würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren." Und er zeigte nach den L?wen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er sagte:

?Sie sind sehr m?chtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir waren scheinbar umsonst da." Er blickte auf den Sohn. ?Dennoch dürft ihr ihnen das Feld nicht lassen."

Wolfgang seufzte schwer. ?Worauf hoffen, Vater? Sie hüten sich, die Dinge auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus der Geschichte [pg 490]haben sie leider M??igung gelernt. Ihre soziale Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie s?ttigt das Volk gerade so weit, da? es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu k?mpfen, um Brot, geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?"

Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. ?Der Geist der Menschheit", sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den Kopf gesenkt hielt:

?Du mu?t ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie auszuweichen denken, vorüber sein wird, sei gewi?, die Menschheit wird das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser nennen, als die Zust?nde, die die unseren waren."

Er sagte leise wie aus der Ferne: ?Der würde nicht gelebt haben, der nur in der Gegenwart lebte."

Pl?tzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das Gefühl, aus einem b?sen, wenn auch gr??tenteils unbegreiflichen Traum zu kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt worden war. Und trotz dem Unwirklichen, das alles Geh?rte an sich hatte, schien hier tiefer gerüttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem einen dieser beiden waren die Tage gez?hlt, der andere hatte auch nicht viel vor sich, aber Diederich fühlte, es w?re besser gewesen, sie h?tten einen gesunden L?rm im Lande geschlagen, als da? sie hier im Dunkeln diese Dinge flüsterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.

In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam mit dem Sch?pfer des Denkmals ent[pg 491]warf Diederich das künstlerische Arrangement für die Feier der Enthüllung – wobei der Sch?pfer mehr Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben würde. überhaupt kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, n?mlich Genie und vornehme Gesinnung, w?hrend er sich im übrigen durchaus korrekt und gesch?ftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Bürgermeisters Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafür, da? es, veralteter Vorurteile ungeachtet, überall Anst?ndigkeit gibt, und da? noch kein Grund zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium zu faul ist und Künstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besa? er schon einen Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majest?t entdeckt und durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten Zeitgenossen, des M?nches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten lehrte, wenn sie ihn dann auch h?ngten. Auf die Verdienste des Ritters Klitzenzitz hatten Seine Majest?t den Oberbürgermeister noch besonders aufmerksam gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte auf die Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben für einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch das Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kr?fte spielen zu lassen – und welche Aussichten, als der berühmte Gast die ersten Zeichenversuche des kleinen Horst [pg 492]vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden Fu?es Horst der Kunst, dieser so zeitgem??en Laufbahn.

Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich mit dem Günstling Seiner Majest?t nicht zu stellen wu?te, bekam vom Denkmalskomitee die Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte; die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber übertrug das Komitee seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Sch?pfer des Denkmals und Begründer der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt hatte, Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor He?ling, bravo! Diederich, bewegt und geschwellt, sah sich am Fu?e neuer Erh?hungen. Der Oberpr?sident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er sich sogar, auf der Tribüne der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. ?Es bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab' ihn Gott sei Dank nicht mehr n?tig, aber er vielleicht mich." – Und so kam es, denn als das n?chste Heft der ?Woche" erschien, was brachte es au?er den gewohnten Kaiserbildern? Zwei Portr?taufnahmen, die eine den Sch?pfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts – was allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, da? seine Stel[pg 493]lung erschüttert sei. Er selbst mu?te es fühlen, denn er tat Schritte, um doch noch in die ?Woche" zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich lie? sich verleugnen. Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da geschah es tats?chlich, da? Wulckow auf der Stra?e an Guste herantrat. Die Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein Mi?verst?ndnis ... ?Sch?n hat er gemacht wie unser M?nne", berichtete Guste. ?Aber nun gerade nicht!" entschied Diederich, und er nahm keinen Anstand, die Geschichte umherzuerz?hlen. ?Soll man sich Zwang antun," sagte er zu Wolfgang Buck, ?wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst von Haffke gibt ihn auch schon auf." Kühn setzte er hinzu: ?Jetzt sieht er, es gibt noch andere M?chte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer gro?zügigen ?ffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel aufdrücken." – ?Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht", erg?nzte Buck.

Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer anst??iger. Seine Entrüstung nahm einen solchen Umfang an, da? der Besuch, den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, für Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und Immunit?t hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich umgehend im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne da? ihm das geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspr?sidenten von Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstück des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der Stadt erpre?t war, und das Ehrengeschenk von angeblich [pg 494]5000 Mark, dem er den Titel ?Schmiergeld" gab. Der Zeitung zufolge bem?chtigte hier der Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow, sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich zitterte, in der n?chsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewu?t. Statt dessen redete der Minister, er überlie? den unerh?rten, leider unter dem Schutze der Immunit?t begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall erledigt, es erübrigte nur noch, da? auch die Presse ihren Abscheu ?u?erte und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Bl?tter, die die Vorsicht au?er acht gelassen hatten, mu?ten ihren verantwortlichen Redakteur den Gerichten ausliefern, so auch die Netziger ?Volksstimme". Diederich benutzte diesen Anla?, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn Regierungspr?sidenten hatten zweifeln k?nnen, glatt das Tischtuch zu zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. ?Ich wei? aus erster Quelle," sagte er nachher, ?dem Mann ist die gr??te Zukunft gewi?. Er war neulich auf der Jagd mit Majest?t und hat einen gro?artigen Witz gerissen." Acht Tage sp?ter brachte die ?Woche" ein ganzseitiges Bildnis, Glatze und Bart auf der einen H?lfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu die Unterschrift: ?Regierungspr?sident von Wulckow, der geistige Sch?pfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kürzlich ein allgemein als emp?rend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernenn[pg 495]ung zum Oberpr?sidenten bevorsteht" ... Das Bild des Generaldirektors He?ling mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich überzeugte sich, da? der gebührende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb, auch unter den modernen Lebensbedingungen einer gro?zügigen ?ffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz allem tief befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das günstigste vorbereitet für seine Festrede.

Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener N?chte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit K?thchen Zillich, die für die Gr??e des kommenden Ereignisses ein merkwürdig klares Verst?ndnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich, das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der Milit?rkordon war schon gezogen! – und gelangte man auch nur nach Gew?hrung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter unseren Soldaten und am Fu? einer gro?en schwarzen Brandmauer in der Sonne die schwitzenden H?lse reckte. Die Tribünen, links und rechts von den langen wei?en Tüchern, hinter denen man Wilhelm den Gro?en vermuten durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltd?cher sowie zahlreicher Fahnen. Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre ins Blut übergegangene Disziplin bef?higt, sich und ihre Damen ohne fremde Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen überwachung war nach rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich nicht zufrieden mit dem ihren, einzig [pg 496]das offizielle Festzelt gegenüber dem Denkmal schien ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mu?te hin mit ihr, wenn er kein Feigling war, aber natürlich ward sein tollkühner Angriff so nachdrücklich zurückgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den Ton des Polizeileutnants und w?re beinahe verhaftet worden. Sein Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzwei?rote Sch?rpe und die Rede, die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten für die Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und Diederich mu?te auch hier wieder bemerken, da? man ohne Uniform, trotz sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.

Im Zustand der Aufl?sung trat das Ehepaar He?ling seinen allseitig bemerkten Rückzug an, Guste bl?ulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kr?ften den Bauch mit der Sch?rpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben über seine Niederlage. So mu?ten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der, Eichenkr?nze um die Zylinderhüte, unterhalb der Milit?rtribüne stand, an seiner Spitze Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen drüben, wei? mit schwarzwei?roten Sch?rpen und befehligt von Pastor Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer sa?, in der Haltung einer K?nigin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: K?thchen Zillich. Hier fühlte Diederich sich denn doch bemü?igt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen. ?Die Dame hat sich geirrt, der [pg 497]Platz ist nicht für die Dame", sagte er, keineswegs zu K?thchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig zu halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – und h?tten ihm auch nicht die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier für die stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher w?re die Tribüne eingestürzt, als da? K?thchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah das Au?erordentliche, da? der Beamte unter K?thchens ironischem L?cheln die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt ab für den übergriff der Unmoral. Diederich, bet?ubt vor einer Welt, deren Betrieb gest?rt schien, lie? es geschehen, da? Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz oben, wobei sie mit K?thchen Zillich einige die Gegens?tze betonende Worte wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte über und drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der G?ste auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es m?glich? Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben, Sternenblitzen und ein Wuchs! ?Wer ist der Gelbe, der Lange?" forschte Guste innig. ?Ist das ein sch?ner Mann!" – ?Wollen Sie mich gef?lligst nicht treten!" verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. ?Sieh sie dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, da? sie nicht mitwollte. Das ist das einzige, erstklassige Theater, es ist das H?chste, da kann man nichts machen!" – ?Aber der mit den gelben [pg 498]Aufschl?gen!" schw?rmte Guste. ?Der Schlanke! Der mu? ein echter Aristokrat sein, das seh' ich gleich." Diederich lachte wollüstig. ?Da ist überhaupt keiner dabei, der nicht ein echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage, ein Flügeladjutant Seiner Majest?t ist hier!" – ?Der Gelbe!" – ?Pers?nlich hier!"

Man suchte sich zurecht. ?Der Flügeladjutant! Zwei Divisionsgenerale, Donnerwetter!" Und die schneidige Anmut der Begrü?ungen; sogar der Bürgermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend ihm selbst geh?rt hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle Bedeutung eines Regierungspr?sidenten erst jetzt zur Geltung, wo er salutierend das gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren K?rperteile hervorkehrte. ?Das sind die S?ulen unserer Macht!" rief Diederich in die wuchtigen Kl?nge des Einzugsmarsches. ?Solange wir solche Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!" Und voll überw?ltigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stürzte er hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte, trat ihm entgegen. ?Nee, nee, Sie komm' noch nich'ran", sagte der Schutzmann. J?h in seinem Schwunge gehemmt, stie? Diederich gegen einen Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame mit den gelben Haaren geh?re dem Herrn Stadt[pg 499]verordneten, ?aber auf h?heren Befehl hat ihn die Dame gekriegt". Das weitere verriet der Mann in ersterbendem Flüsterton, und Diederich entlie? ihn mit einer Bewegung, die sagte: ?Dann allerdings." Der Flügeladjutant Seiner Majest?t! Dann allerdings! Diederich überlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und K?thchen Zillich ?ffentlich seine Huldigung zu entbieten.

Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie Rührt euch, und auch Kühnchen lie? seine Krieger sich rühren; hinter dem Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah, sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kühnchen in seiner historischen Landwehruniform, die au?er vom Eisernen Kreuz von einem ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine franz?sische Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Gel?ndes auf Pastor Zillich in seinem Talar – auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribüne ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren Offiziere taten es von selbst. überdies stimmte die Kapelle ?Ein' feste Burg" an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der Oberpr?sident, offenbar in der Annahme, da? der alte Alliierte nun genug habe, lie? sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von ihm der blühende Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen gruppiert war, sah man den Regierungspr?sidenten von Wulckow einen Wink erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium [pg 500]bewachte, worauf dieser das Wort an Diederich richtete. ?Na, nu komm Se man 'ran", sagte der Schutzmann.

Diederich gab acht, da? er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die Beine waren ihm pl?tzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein B?umchen, das keine Bl?tter hatte, aber mit schwarzwei?roten Blüten aus Papier übers?t war. Der Anblick des B?umchens gab ihm Ged?chtnis und Kraft zurück; er begann.

?Eure Exzellenzen! H?chste, hohe und geehrte Herren!

Hundert Jahre sind es, da? der gro?e Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung harrt durch den Vertreter Seiner Majest?t, uns und dem Vaterlande geschenkt ward; gleichzeitig aber – das macht diese Stunde noch bedeutsamer – ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein gro?er Enkel den Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die gro?e Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren Rückblick werfen."

Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. L?ngere Zeit verweilte er beim Ozean. ?Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Gr??e. Der Ozean beweist uns, da? auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das Weltgesch?ft ist heute das Hauptgesch?ft!" Aber nicht nur vom gesch?ftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn früher aus mit uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des ?lteren Geschlechts, das durch eine einseitige humanit?re Bildung zu zuchtlosen Anschauungen verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment [pg 501]gehabt hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden war, wenn wir, im berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk Europas und der Welt zu sein, von N?rglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majest?t, antwortete Diederich. ?Er hat den Bürger aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!" – wobei Diederich sich auf die Brust schlug. ?Seine Pers?nlichkeit, seine einzige, unvergleichliche Pers?nlichkeit ist stark genug, da? wir allesamt uns efeuartig an ihr emporranken dürfen!" rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand. ?Was Seine Majest?t der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschlie?t, dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!" fügte er wieder aus dem Stegreif hinzu, j?h inspiriert durch den Geruch des schwitzenden Volkes hinter dem Milit?rkordon; denn der Wind, der aufkam, trug ihn her.

?In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver Bet?tigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und bezeichnen eine zum ersten Male erreichte H?he germanischer Herrenkultur, die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird überboten werden k?nnen!"

Hier sah man den Oberpr?sidenten mit dem Kopf nicken, indes der Flügeladjutant die H?nde gegeneinander bewegte: da brachen die Tribünen in Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste lie? es im Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch K?thchen Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie [pg 502]die wehenden Taschentücher, nahm seinen hohen Flug wieder auf.

?Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemu?t, und schlie?lich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere Fahnen aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu schmieden!"

Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms des Gro?en, woraus wir, wie Diederich feststellte, erkannten, da? der Weltensch?pfer das Volk im Auge beh?lt, das er sich erw?hlt hat, und sich auch das entsprechende Instrument baut. Der gro?e Kaiser seinerseits hatte sich hierüber niemals Irrtümern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem gro?en historischen Augenblick, wo er als K?nig von Gottes Gnaden, das Zepter in der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefühl hatte er es weit von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament ihn hatte entbinden k?nnen! Diederichs Stimme bebte ergriffen. ?Dies erkennt das Volk denn auch an, indem es die Pers?nlichkeit des dahingegangenen Kaisers geradezu verg?ttert. Hat er doch Erfolg gehabt; und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter w?re Wilhelm der Gro?e heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!"

Wieder nickte der Oberpr?sident und l?ste damit wieder [pg 503]ungestüme Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte k?lter; und als sei er angeregt durch den verdüsterten Himmel, ging Diederich zu einer tiefernsten Frage über.

?Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war der Feind des gro?en Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm glücklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott, sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst seinen ewigen, überw?ltigenden Sinn!" Hier unternahm Diederich es, zu malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiosit?t versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Gesch?ftssinn gro?gezogen, Mi?achtung des Geistes schlo? ihr natürliches Bündnis mit niederer Genu?gier. Der Nerv der ?ffentlichkeit war Reklamesucht, und jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im ?u?ern nur auf das Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel, den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... ?Von all dem wissen wir nichts!" rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen dort oben. ?Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!"

An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Milit?rkordon und der Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mi?billigende Mienen, und der Oberpr?sident hatte gezuckt. Auf der [pg 504]Offizierstribüne litt selbstverst?ndlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: ?Unser alter Alliierter bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch sein, hei?t eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns h?tte je aus seiner Gesinnung ein Gesch?ft gemacht? Wo gar w?ren die bestechlichen Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens. Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede heidnische Kultur, mag sie noch so sch?n und herrlich sein, wird bei der ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die h?chste Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die h?chste Ehre im Rock des K?nigs und die h?chste Arbeit im Waffenhandwerk!"

Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es schien, durch Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man einzeln h?rte, so schwer waren sie.

?Aus dem Lande des Erbfeindes," schrie Diederich, ?w?lzt sich immer wieder die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die vaterlandslosen Feinde der g?ttlichen Weltordnung aber, die unsere staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den letzten Stumpf, damit, wenn wir [pg 505]dereinst zum himmlischen Appell berufen werden, da? dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!"

Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, da? ihm die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten lie?, benutzte die Ziviltribüne, um durch Unruhe zu bekunden, da? sie seine Rede für beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den K?pfen der Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als warnten sie, klopften immerfort diese eigro?en Regentropfen ... Diederich hatte wieder Luft.

?Wenn jetzt die Hülle f?llt," begann er mit neuem Schwung, ?wenn zum Gru? die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette im Pr?sentiergriff blitzen –" Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich, da? Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult hockte. Zum Glück kam er wieder hervor, ohne da? sein Verschwinden bemerkt worden w?re, denn allen war es ?hnlich ergangen. Kaum da? noch jemand h?rte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpr?sidenten bat, er m?ge geruhen zu befehlen, da? die Hülle falle. Immerhin trat der Oberpr?sident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach: ?Im Namen Seiner Majest?t befehle ich: die Hülle falle" – woraus sie fiel. Auch ert?nte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Gro?en, wie er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt von allen Furchtbarkeiten der Macht, st?hlte die Untertanen noch einmal gegen die [pg 506]Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpr?sidenten fand lebhaften Widerhall. Freilich, die Kl?nge von Heil dir im Siegerkranz gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, da? sie sich nun bis an den Fu? des Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Sch?pfer, der schon wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, da? der hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefühl, und siegte um so gl?nzender, als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Milit?rs. Er wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den gro?en langsamen Tropfen, und mit ihm Ulanen, Kürassiere, Husaren und Train ... Schon war die Inschrift ?Wilhelm der Gro?e" zur Kenntnis genommen worden, der Sch?pfer, durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte auch der geistige Sch?pfer He?ling vorgestellt und geschmückt werden, da platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit, die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Kn?chel, Seiner Exzellenz lief es aus ?rmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, da? die Zeltd?cher sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen Umschlingungen w?lzten links und rechts sich schreiende Massen. Die Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden Zuckungen im überschwemmten Gel?nde badete. Unter solchen Umst?nden sah der Oberpr?sident es ein, da? der weitere Verlauf [pg 507]des Festprogramms aus Zweckm??igkeitsgründen zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten Rückzug an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale, Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz sich des noch immer an ihrem Finger h?ngenden Ordens für den geistigen Sch?pfer, und pflichttreu bis zum ?u?ersten, aber bestrebt, jeden Aufenthalt zu vermeiden, h?ndigten sie ihn, laufend und wasserspritzend, dem Pr?sidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der übergabe der Allerh?chsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schlie?lich fand er ihn unter dem Rednerpult im Wasser hockend. ?Da hamse 'n Willemsorden", sagte der Schutzmann und machte, da? er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern. Diederich hatte nur geseufzt.

Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtsh?lfte auf die Erde zu sp?hen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drüben die gro?e schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus dahinter. über einen Kn?uel von Gesch?pfen in jagendem Geisterlicht, schwefelgelb und blau, b?umten sich die Pferde der Paradekutschen und nahmen Rei?aus. Glücklich das nicht privilegierte Volk, das drau?en und über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der Lage, da? sie auf ihren K?pfen schon die fliegenden Trümmer des Umsturzes fühlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umst?nde ihr Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kom[pg 508]mentm??iger Weise vom Ausgang zurückgesto?en, schlankweg übereinander rollten. Nur ihrer Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch – indes Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den überresten der Tribünen und des offiziellen Zeltes, schwarzwei?rot durch die Luft sausten, den K?mpfern um die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach der Durchbrechung des Milit?rkordons und der Weltordnung, spielte wie auf einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Aufl?sung. Ein neuer Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander – und Diederich, die Augen zugedrückt und schwindelnd des Endes von allem gew?rtig, tauchte zurück in die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfa?t, was über alle Begriffe war: das Gehege, das schwarzwei?rot behangene rund um den Volkspark, zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden, und dann dies Drunter und Drüber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufh?ufen und Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen – und dies Gefegtwerden von den Peitschen der H?he, unter Str?men Feuers, diesen Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei, vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen S?ulen, gottgesandten M?nnern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und Train!

Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie hatten nur ein Man?ver abgehalten für den Jüngsten Tag, der Ernstfall war es nicht. Unter Vor[pg 509]behalt verlie? er seine Zuflucht und stellte fest, da? es nur noch go?, und da? Kaiser Wilhelm der Gro?e noch da war, mit allem Zubeh?r der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, das Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah aus wie eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. Doch, da hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin, der das eingestürzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es hinter den Resten seiner gro?en schwarzen Brandmauer; und in der Flucht aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn st?rkte ein Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. ?Das Haus", dachte Herr von Quitzin, ?h?tten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt. Na nu kriege ich die Versicherung. Es gibt einen Gott." Und dann ging er der Feuerwehr entgegen, die zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das Gesch?ft.

Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und in der rückw?rtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschlo? er, die innere Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Stra?en fingen den Wind ab, ihm ward es w?rmer. ?Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gef?lligst keine Influenza ins Haus einschleppt!" Nach dieser Sorge erinnerte er sich seines Ordens: ?Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majest?t, wird nur verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Ver[pg 510]edelung des Volkes ... Den haben wir!" sagte Diederich laut in der leeren Gasse. ?Und wenn es Dynamit regnet!" Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein Versuch mit unzul?nglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte ?Etsch" – worauf er ihn sich ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.

In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwürdig, vor dem Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –? Diederich sp?hte in das Haus: die gl?serne Flurtür stand au?erordentlicherweise offen, so als würde jemand erwartet, der selten kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Küche vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen. ?Also ist es so weit" – und pl?tzlich ward Diederich von einem Schauer angerührt, er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. ?Dabei habe ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür zu sorgen, da? sie mir nachher nichts forttragen." Aber nicht nur dies dr?ngte ihn vorw?rts; Schwierigeres und Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und dachte: ?Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er nicht eines Tages –. Na h?ren Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine Sache ist gut oder nicht gut. Und für den Ruhm der guten Sache soll man nichts vers?umen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch zusammennehmen müssen, als er nach Wilhelmsh?he zu dem g?nzlich erledigten Napoleon ging."

[pg 511] Hier war er schon im Zwischengescho? und betrat vorsichtig den langen Gang, an dessen Ende die Tür offen, auch hier wieder offen stand. Sich gegen die Wand drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fu? hergewendet, darin lehnte an geh?uften Kissen der alte Buck und schien nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite – nun sah man die verh?ngten Fenster und davor im Halbkreis die Familie: dem Bett zun?chst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem Gesicht, das niemand erwartet h?tte; zwischen den Fenstern die zusammengedr?ngte Herde der fünf T?chter neben dem bankerotten Vater, der nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen, und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die fortführten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterlie? er als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht F?uste hatte und Geld in den F?usten!

Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer, obwohl Tr?nen aus seinen dort hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte – und die Frau des ?ltesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenh?nde. Diederich, in ent[pg 512]schlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte? Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen konnte. Ihren Widerschein in seinen überraschten Augen, ?ffnete er auf den Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend und empfangend – wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, da? es durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief in den Zügen des alten Buck?

Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte: erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch strammer, w?lbte die schwarzwei?rote Sch?rpe, streckte die Orden vor, und für alle F?lle blitzte er. Der Alte lie? auf einmal den Kopf fallen, tief vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom Entsetzen ged?mpft, rief die Frau des ?ltesten: ?Er hat etwas gesehen! Er hat den Teufel gesehen!" Judith Lauer stand langsam auf und schlo? die Tür. Diederich war schon entwichen.

* * *

Bemerkungen zur Textgestalt

Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr einzelne W?rter aus fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben, bis auf den Titel ?Dr.").

Inkonsistente Zeichensetzung, insbesondere bei w?rtlicher Rede, und Schreibweisenvariationen wurden nicht ver?ndert, bis auf folgende offensichtliche Druckfehler:

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Seite 96: Punkt erg?nzt hinter ?mehr"

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Seite 162: ?aufzuspi ?en" ge?ndert in ?aufzuspie?en"

Seite 163: Punkt erg?nzt hinter ?Haltung"

Seite 179: ?se bst" ge?ndert in ?selbst"

Seite 190: Anführungszeichen erg?nzt hinter ?m?chte."

Seite 200: Punkt erg?nzt hinter ?erlegen", ?Diederichs" ge?ndert in ?Diederich"

Seite 202: Punkt erg?nzt hinter ?Cie" und hinter ?dabei"

Seite 238: ?Wulckowin" ge?ndert in ?Wulckow in"

Seite 243: ?Offentlichkeit" ge?ndert in ??ffentlichkeit"

Seite 315: ?Pr?s denten" ge?ndert in ?Pr?sidenten"

Seite 316: Anführungszeichen erg?nzt hinter ?Fabrikantentochter."

Seite 337: Anführungszeichen entfernt vor ?Guste" und erg?nzt vor ?Er"

Seite 474: Anführungszeichen erg?nzt hinter ?gro?en G"

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