Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war bedeutend genug, da? er aufstehen und ins Kontor gehen mu?te. Ihm war sehr schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als er erkl?rte, da? er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten S?tbier vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete Diederich energisch.
Mit rauher Katerstimme setzte er den M?dchen auseinander, sie würden sich noch an ganz andere Dinge gew?hnen müssen. S?tbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik heruntergewirtschaftet. ?Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es w?re." W?hrend er dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, da? er irgend einmal sollte gezwungen werden k?nnen, die beiden am Gesch?ft zu beteiligen. Man mü?te das verhindern k?nnen, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch herausfordernd. ?Also wir k?nnen die Modistin nicht bezahlen, aber der Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark." Da ward Diederich furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und stampfte, da? die Gl?ser klirrten. Frau He?ling flehte wimmernd, die Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
[pg 171] ?Was erlaubt ihr euch? G?nse wie ihr? Was wi?t ihr, ob die hundertfünfzig Mark nicht eine gl?nzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage! Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will? Davon wi?t ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist –" Er hatte das Wort. ?Gro?zügig ist es! Gro?zügig!"
Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau He?ling ging ihm vorsichtig nach, und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und sagte: ?Mein lieber Sohn, ich bin mit dir." Dabei sah sie ihn an, als wollte sie ?aus dem Herzen beten". Diederich verlangte einen sauren Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft nicht untergraben! ?Ich habe Gro?es mit euch vor, aber das überla?t gef?lligst meiner besseren Einsicht. Einer mu? Herr sein. Unternehmungsgeist und Gro?zügigkeit geh?ren freilich dazu. S?tbier ist dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen, dann wird er ausgeschifft."
Frau He?ling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner Mutter willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen ?neuen Patent-Doppel-Holl?nder, System Maier" zu bestellen. Er lie? den Brief offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand S?tbier vor seinem Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grünen Augenschirm weinte er: es tropfte auf den Brief. ?Sie müssen ihn noch mal abschreiben lassen", sagte Diederich kühl. Da begann S?tbier:
[pg 172] ?Junger Herr, unser alter Holl?nder ist kein Patent-Holl?nder, aber er stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er angefangen, und mit ihm ist er gro? geworden ..."
?Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holl?nder gro? zu werden", sagte Diederich schneidend. S?tbier jammerte.
?Unser alter hat uns noch immer genügt."
?Mir nicht."
S?tbier schwur, er sei so leistungsf?hig wie die allerneuesten, die nur durch schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart blieb, ?ffnete der Alte die Tür und rief hinaus: ?Fischer! Kommen Sie mal her!" Diederich ward unruhig. ?Was wollen Sie von dem Menschen. Ich verbitte mir, da? er sich einmischt!" Aber S?tbier berief sich auf das Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den gr??ten Betrieben gearbeitet habe. ?Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsf?hig unser Holl?nder ist!" Diederich wollte nicht h?ren, er lief hin und her, überzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ?rgern. Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschr?nkten Anerkennung von Diederichs Sachverst?ndigkeit, und dann sagte er über den alten Holl?nder alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken lie?. Wenn man Napoleon Fischer h?rte, war er schon nahe daran gewesen, zu kündigen, nur weil ihm der alte Holl?nder nicht gefiel. Diederich schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, da? ihm die wertvolle Kraft des Herrn Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erkl?rte ihm, ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt alle Vorzüge des neuen Patent-[pg 173]Holl?nders, vor allem seine h?chst bequeme Bedienung. ?Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!" schnaubte Diederich. ?Sonst wünsch' ich mir nichts. Danke, Sie k?nnen gehen."
Als der Maschinenmeister hinaus war, besch?ftigten S?tbier und Diederich sich eine lange Weile jeder für sich. Pl?tzlich fragte S?tbier: ?Und womit sollen wir ihn bezahlen?" Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die ganze Zeit an nichts weiter gedacht. ?Ach was!" schrie er. ?Bezahlen! Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir einen so teuren Holl?nder bestelle, meinen Sie vielleicht, ich wei? nicht wozu? Nein, mein Lieber, dann mu? ich wohl bestimmte Aussichten auf baldige Ausdehnung des Gesch?ftes haben – über die ich mich heute noch nicht ?u?ern will."
Damit verlie? er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln. Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef geh?rig hineingelegt. ?Umdroht von Feinden," dachte Diederich und reckte sich noch straffer, ?da sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern." Sie sollten erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und lie? ihn warten. Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und Gegenst?nde, Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: ?Nun, Sie kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre Sekthuldigung ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten l??t von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen."
[pg 174] ?Welche Depesche?" fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm; Diederich las. ?Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum Gefreiten." Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit m?nnlicher Zurückhaltung sagte er: ?Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen gesprochen." Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem. ?Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen Beziehungen festzulegen." Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte Heuteufel. ?Nein, durchaus noch nicht." Diederich versicherte, da? er einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng nationale und kaisertreue überzeugung achte. Doktor Heuteufel erkl?rte dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als Feigling hinstellen! Das h?hnische L?cheln in seinem gelben Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine fortw?hrende Anspielung. Aber er sprach nicht, er lie? das Schwert weiterschweben über Diederichs Haupt. Der Zustand mu?te aufh?ren! ?Ich fordere Sie auf," sagte Diederich, heiser vor Erregung, ?mir meinen Brief zurückzugeben." Heuteufel tat erstaunt. ?Welchen Brief?" – ?Den ich Ihnen wegen des Milit?rs geschrieben habe, als ich dienen sollte." Darauf dachte der Arzt nach.
?Ach so: weil Sie sich drücken wollten!"
?Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen ?u?erungen in einem für mich beleidigenden Sinne aus[pg 175]legen. Ich fordere Sie nochmals zur Rückgabe des Briefes auf." Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich nicht.
?Lassen Sie mich in Ruh'. Ihren Brief hab' ich nicht mehr."
?Ich verlange Ihr Ehrenwort."
?Das gebe ich nicht auf Befehl."
?Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses vor. Dann denunziere ich Sie der ?rztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie und biete allen meinen Einflu? auf, um Sie unm?glich zu machen!" In h?chster Erregung, fast stimmlos: ?Sie sehen mich zum ?u?ersten entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!"
Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: ?Sie sind heiser."
Diederich fuhr zurück, er stammelte: ?Was geht Sie das an?"
?Gar nichts", sagte Heuteufel. ?Es interessiert mich nur von früher her, weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe."
?Was denn? Wollen Sie sich gef?lligst ?u?ern." Aber das lehnte Heuteufel ab. Diederich blitzte ihn an. ?Ich mu? Sie energisch auffordern, Ihre ?rztliche Pflicht zu tun!"
Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. ?Manchmal hab' ich ja Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, da? es schlimmer wird? Hab' ich was zu befürchten?"
[pg 176] ?Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren."
?Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie versündigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten."
?Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war es zuviel."
?Ach so." Diederich richtete sich auf. ?Sie g?nnen mir den Sekt nicht. Und dann wegen der Huldigungsadresse."
?Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu fragen."
Aber Diederich flehte schon wieder. ?Sagen Sie mir wenigstens, ob ich Krebs kriegen kann."
Heuteufel blieb streng. ?Nun, Sie waren schon immer skroful?s und rachitisch. Sie h?tten nur dienen sollen, dann w?ren Sie nicht so aufgeschwemmt."
Schlie?lich lie? er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. ?So komm' ich natürlich nicht hin." Er feixte durch die Nase. ?Sie sind noch wie früher."
Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Tr?nen in den Augen, stie? er auf den Assessor Jadassohn. ?Nanu?" sagte Jadassohn. ?Ist Ihnen die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?"
Diederich versicherte, sein Befinden sei gl?nzend. ?Aber aufgeregt hab' ich mich über den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht betrachte, eine befriedigende Erkl?rung zu verlangen für die gestrigen ?u?erungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat [pg 177]für einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich nichts Verlockendes."
Jadassohn schlug vor, in Klappsch' Bierstube einzutreten.
?Ich gehe also hin," fuhr Diederich drinnen fort, ?in der Absicht, die ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert überlegenheit. übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majest?t!"
?Nun, und?" fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fr?ulein Klappsch besch?ftigte.
?Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fürs Leben!" rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewu?tsein, da? er am Mittwoch wieder zum Pinseln mu?te. Jadassohn versetzte schneidend:
?Aber ich nicht." Und da Diederich ihn ansah: ?Es gibt n?mlich eine Beh?rde, die sich die K?nigliche Staatsanwaltschaft nennt und die für Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu untersch?tzendes Interesse hegt." Damit lie? er Fr?ulein Klappsch los und bedeutete ihr, sie m?ge verschwinden.
?Wie meinen Sie das"? fragte Diederich, unheimlich berührt.
?Ich denke Anklage wegen Majest?tsbeleidigung zu erheben."
?Sie?"
?Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und, wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt habe, war ich [pg 178]bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also keineswegs verhindert, in dem Proze? die Anklagebeh?rde zu vertreten."
?Aber wenn niemand die Sache anzeigt!"
Jadassohn l?chelte grausam. ?Das haben wir, Gott sei Dank, nicht n?tig ... übrigens erinnere ich Sie daran, da? Sie selbst gestern abend sich uns als Zeugen anboten."
?Davon wei? ich nichts", sagte Diederich schnell.
Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. ?Sie werden sich an alles wieder erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen." Da entrüstete Diederich sich. Er ward so laut, da? Klappsch diskret in das Zimmer sp?hte.
?Herr Assessor, ich mu? mich sehr wundern, da? Sie private ?u?erungen meinerseits –. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich m?chte wissen, was mich Ihre Karriere angeht."
?Na und mich die Ihre?" fragte Jadassohn.
?So. Dann sind wir Gegner?"
?Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen." Und Jadassohn setzte ihm auseinander, da? er keinen Grund habe, den Proze? zu fürchten. S?mtliche Zeugen der Vorg?nge im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen wie er selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn schlie?lich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn beruhigte ihn. ?Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen, wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit Vorsicht."
?Mit gro?er Vorsicht!" versicherte Diederich. Und an[pg 179]gesichts von Jadassohns teuflischer Miene: ?Wie komme ich dazu, einen anst?ndigen Menschen wie Lauer ins Gef?ngnis zu bringen? Jawohl, einen anst?ndigen Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine Schande!"
?Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorl?ufig noch brauchen", schlo? Jadassohn – und Diederich lie? den Kopf sinken. Dieser jüdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder einmal, da? alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst. Die gro?e Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... übrigens lenkte Jadassohn zu etwas anderem über.
?Wissen Sie schon, da? in der Regierung und bei uns im Gericht ganz sonderbare Gerüchte umgehen – über das Telegramm Seiner Majest?t an den Regimentskommandeur? Der Oberst soll n?mlich behaupten, er habe gar kein Telegramm bekommen."
Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. ?Aber es hat doch in der Zeitung gestanden!" Jadassohn grinste zweideutig. ?Da steht gar zuviel." Er lie? sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tür schob, die ?Netziger Zeitung" bringen. ?Sehen Sie, in der Nummer hier steht überhaupt nichts, was nicht auf Seine Majest?t Bezug hat. Der Leitartikel besch?ftigt sich mit dem Allerh?chsten Bekenntnis zum geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten über die kaiserliche Familie."
[pg 180] ?Es sind recht rührende Geschichten", bemerkte Klappsch und verdrehte die Augen.
?Zweifellos!" beteuerte Jadassohn; und Diederich: ?Sogar so ein freisinniges Hetzblatt mu? die Bedeutung Seiner Majest?t anerkennen!"
?Aber bei dem l?blichen Eifer w?re es schlie?lich m?glich, da? die Redaktion die Allerh?chste Depesche eine Nummer zu früh gebracht hat – noch vor ihrer Absendung." ?Ausgeschlossen!" entschied Diederich. ?Der Stil Seiner Majest?t ist unverkennbar." Auch Klappsch wollte ihn erkennen. Jadassohn gab zu: ?Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung k?nnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der Pr?sident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schlie?lich haben wir davon abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab – weil man eben nicht wissen kann."
Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu: ?Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verd?chtig vor, aber niemand will vorgehen, weil in diesem Fall – in diesem ganz besonderen Fall" – sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die Ohren sahen perfid aus, ?gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht hat, Ereignis zu werden."
Diederich war starr: nie h?tte ihm so schwarzer Verrat getr?umt. Jadassohn bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. ?Nu, der Mann hat seine Schw?chen – Ihnen gesagt." Diederich versetzte, fremd und drohend: ?Gestern abend schienen Sie davon [pg 181]noch nichts zu wissen." Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr Doktor He?ling denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst genommen habe. Einen gr??eren N?rgler als den Major Kunze gebe es überhaupt nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als finde er sich pl?tzlich in einer Verbrecherh?hle. Mit ?u?erster Energie sagte er: ?Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren hoffe ich mich ebenso verlassen zu k?nnen wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich mir auf das allerbestimmteste verbitten mü?te."
Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. ?Soll das etwa einen Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit gebührender Entrüstung zurück." Kr?hend, so da? Klappsch in die Tür sp?hte: ?Ich bin der K?nigliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf Wunsch zur Verfügung."
Darauf mu?te Diederich wohl murmeln, da? er es so nicht gemeint habe. Dann aber zahlte er. Die Verabschiedung war kühl.
Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. H?tte er sich nicht entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Für den Fall, da? Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich n?tig, in dem Proze? gegen Lauer! Auf alle F?lle war es gut, da? Diederich jetzt Bescheid wu?te über den wahren Charakter dieses Herrn! ?Seine Ohren sind mir gleich verd?chtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch nicht mit solchen Ohren."
Zu Hause nahm er sogleich den Berliner ?Lokal-Anzeiger" vor. Da waren schon die Kaiseranekdoten für die ?Netziger Zeitung" von morgen. Vielleicht kamen sie auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz. Aber [pg 182]er suchte weiter; seine H?nde zitterten ... Da! Er mu?te sich setzen. ?Ist dir was, mein Sohn?" fragte Frau He?ling. Diederich starrte die Buchstaben an, wie ein M?rchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majest?t selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, da? er es selbst kaum h?rte, murmelte Diederich: ?Mein Telegramm." Das bange Glück sprengte ihn fast. Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam mit –? Die unerh?rtesten mystischen Beziehungen überw?ltigten ihn ... Aber das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert werden in sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die Denkmalsenthüllung. Die Rede. ?Aus Netzig." Da stand von den Ehrungen, die dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, für seinen vor dem inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze, hatten ihm die Hand gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen. ?Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern telegraphisch zum Gefreiten bef?rdert." Da stand es! Kein Dementi: eine Best?tigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er führte die Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um seine Schultern lag Hermelin.
Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erh?hung, leider durfte kein Wort sie verraten, aber sein Wesen genügte, die Straffheit in Haltung und Sprache, das [pg 183]Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her. S?tbier selbst mu?te zugeben, da? ein forscherer Zug in den Betrieb gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller Diederich dastand, desto affen?hnlicher vorbei, die Arme nach vorn h?ngend, mit schiefem Blick und den fletschenden Z?hnen in seinem dünnen schwarzen Bart: als der Geist des geb?ndigten Umsturzes ... Dies war der Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.
Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und die H?nde breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor sich hin auf ihren Bauch, so da? der Gast die neuen Ringe immer vor Augen hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen sich bereitwillig darüber auslie?, da? sie und ihre Guste es nun Gott sei Dank zu allem h?tten. Sie wü?ten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch oder Louis k?s einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch; er habe es in Berlin in den feinsten H?usern gesehen. Aber Frau Daimchen war mi?trauisch. ?Wer wei?, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun mu?, als ob man was hat, und hat nichts." Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück trat Guste ein, heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil, sagte schnarrend: ?Gn?digstes Fr?ulein!" und unternahm einen Handku?. Guste lachte. ?Rei?en Sie sich nur kein Bein aus!" Aber sie tr?stete ihn gleich wieder. ?Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr Leutnant von Brietzen macht es auch so."
[pg 184] ?Ja, ja," sagte Frau Daimchen, ?bei uns verkehren alle Herren Offiziere. Gestern sag' ich noch zu Guste: Guste, sag' ich, auf jede Sitzgelegenheit k?nnen wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn überall hat sich schon einer draufgesetzt."
Guste verzog den Mund. ?Aber was die Familien betrifft und sonst überhaupt, ist Netzig doch reichlich spie?ig. Ich glaube, wir ziehen nach Berlin." Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. ?Man soll den Leuten den Gefallen nicht tun", meinte sie. ?Die alte Harnisch ist erst heute, wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt."
?So ist Mutter nun mal," sagte Guste. ?Wenn sie renommieren kann, ist alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, da? Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden." Diederich best?tigte: ?Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden." Leis h?hnisch setzte er hinzu: ?Das soll ja ganz leicht sein."
Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. ?Der Sohn vom alten Herrn Buck ist eben nicht jeder", sagte sie spitz. Aber Diederich setzte, weltm?nnisch überlegen, auseinander, da? es heute auf Dinge ankomme, die der Einflu? des alten Buck nicht verleihen k?nne: Pers?nlichkeit, gro?zügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale Gesinnung. Das junge M?dchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit Respekt auf seine kühnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewu?tsein, Eindruck zu machen, ri? ihn zu weit fort. ?Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang Buck noch nichts bemerkt", sagte er. ?Der philosophiert und n?rgelt, und im übrigen soll er sich ziemlich viel amüsieren ... Na," schlo? er, ?seine Mutter [pg 185]war ja auch eine Schauspielerin." Und er sah fort, obwohl er fühlte, da? Gustes drohender Blick ihn suchte.
?Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie. Er tat überrascht.
?Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie."
?Das wollen wir hoffen", sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die geg?hnt hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll an, ihm blieb nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu machen. Den Handku? unternahm er nicht mehr, mit Rücksicht auf die gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. ?Wollen Sie es mir jetzt vielleicht sagen," fragte sie, ?was Sie gemeint haben mit der Schauspielerin?"
Er ?ffnete den Mund, schnappte und schlo? ihn wieder, stark err?tet. Um ein Haar h?tte er verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck erz?hlt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: ?Fr?ulein Guste, weil wir doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es bergab geht. Das ist Sünde gegen sich selbst", setzte er noch hinzu. Aber Guste hatte die H?nde in die Hüften gestemmt.
?Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von Ihnen, und Sie m?chten einer hochfeinen Familie was anh?ngen. [pg 186]Bergab! Wer mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt nicht bergab. Sie sind blo? neidisch, meinen Sie, ich wei? das nicht?" – und sie sah ihn an, die Augen voll Tr?nen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er h?tte Lust gehabt, sich auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu küssen und dann die Tr?nen aus den Augen, – aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich stand mit angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefühl seiner Kleinheit.
Er bedachte, da? für ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette Gans, – und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte Diederich. Fünfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten wie die Gr?finnen? Ein M?dchen von derma?en schwindelhaftem Gebaren pa?te freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und treugesinnten Mann wie Diederich! Da war K?thchen Zillich vorzuziehen. ?u?erlich Guste ?hnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt, empfahl sie sich au?erdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes Wesen. Er kam ?fter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mu?te. Auch sprach sie mit ?u?erster Mi?billigung von Frau Lauer, die mit Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Proze? betraf, war K?thchen Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.
Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes [pg 187]Gesicht an. Jadassohn hatte erreicht, da? die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter die Zeugen jenes n?chtlichen Vorfalls vernehmen lie?; und so zurückhaltend Diederich sich vor dem Richter ge?u?ert hatte, die anderen machten ihn verantwortlich für ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so h?flicher Mann, vermied seinen Gru?; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes Privatgespr?ch ab. An dem Tage, da es bekannt ward, da? das Gericht dem Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kühnchen hatte es eilig, er mu?te im freisinnigen W?hlerverein gegen die neue Milit?rvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte entt?uscht jener sieghaften Nacht, als drau?en das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kühnchen der kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen D?mmerschoppen; da erschien Major Kunze.
?Nanu, Herr Major," sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, ?von Ihnen h?rt man gar nichts mehr."
?Von Ihnen um so mehr." Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen und sah sich um, wie in einer Schneewüste. ?Kein Mensch da!"
?Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –" wagte Diederich zu sagen, aber er kam übel an. ?Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen." Der Major bestellte Bier und sa? da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten. Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, [pg 188]sagte Diederich drauf los: ?Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich würde einmal etwas h?ren über meine Aufnahme."
Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. ?Ach so. Sie haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein, wenn Sie mich in Ihre Skandalaff?re hineinziehen?"
?Meine?" stotterte Diederich. Der Major donnerte. ?Jawohl, Herr! Ihre! Dem Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren K?nig haben zu Krüppeln schie?en lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise zu seinen unbedachten ?u?erungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie? Wei? ich, ob Sie überhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!"
Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden haben, wenn der Major es befohlen h?tte. Der Major hielt sich den Milit?rpa? weit von den Augen fort. Pl?tzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. ?Na also. Landsturm mit der Waffe. Hab' ich es nicht gesagt? Plattfü?e wahrscheinlich." Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und hielt beschw?rend die Hand vor sich hin. ?Herr Major, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da? ich gedient habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur zur Ehre gereicht, mu?te ich nach drei Monaten austreten ..."
?Solche Unglücksf?lle kennen wir ... Zahlen!"
?Sonst w?re ich ganz dabei geblieben", sagte Diederich noch, mit fliegender Stimme. ?Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine Vorgesetzten."
[pg 189] ?'n Abend." Der Major hatte schon den Mantel an. ?Ich will Ihnen blo? noch sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majest?tsbeleidigungen anderer Leute den Teufel an. Majest?t legt keinen Wert auf nicht gediente Herrschaften ... Grützmacher," sagte er zum Wirt, ?Sie sollten sich Ihr Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich mu? mit meinem steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin besch?ftigungslos, und wenn ich hier zu Ihnen komme –" er warf wieder einen Blick wie über Schneewüsten – ?ist kein Mensch da. Au?er, natürlich, der Denunziant!" schrie er noch auf der Treppe.
?Mein Ehrenwort, Herr Major –" Diederich lief hinterher, ?ich habe keine Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Mi?verst?ndnis." Der Major war schon drau?en, Diederich rief ihm nach: ?Wenigstens bitte ich um Ihre Diskretion!"
Er trocknete die Stirn. ?Herr Grützmacher, Sie müssen doch einsehen –" sagte er, mit Tr?nen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt alles ein.
Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese Fehlschl?ge begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tücke seiner Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche, sah sich z?gernd um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam er zu ihm. ?Herr Doktor He?ling," sagte er und gab ihm die Hand, ?Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt w?r." In einem gro?en Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer ?rger. Aber da er die mitfühlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. [pg 190]?Ihnen kann ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir verdammt unangenehm."
?Ihm noch mehr", sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. ?Wenn bei ihm nicht jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen w?re, h?tten wir ihn gleich heute verhaften lassen müssen." Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu: ?Was sogar uns Richtern peinlich gewesen w?re. Schlie?lich ist man Mensch und lebt unter Menschen. Aber natürlich –" Er befestigte seinen Klemmer und machte sein trockenes Gesicht. ?Das Gesetz mu? befolgt werden. Wenn Lauer an dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja schon verlassen – tats?chlich die unerh?rten Majest?tsbeleidigungen ge?u?ert hat, die von der Anklage behauptet werden, und für die Sie als Hauptzeuge aufgestellt sind –"
?Ich?" Diederich fuhr verzweifelt auf. ?Ich habe nichts geh?rt! Kein Wort!"
?Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter."
Diederich verwirrte sich. ?Im ersten Moment wei? man doch nicht, was man sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, dann scheint es mir doch, da? wir alle ziemlich stark angeheitert waren. Ich besonders."
?Sie besonders", wiederholte Fritzsche.
?Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was er mir darauf geantwortet hat, das k?nnte ich jetzt nicht mehr beschw?ren. Das Ganze war doch überhaupt nur ein Scherz."
?Ach so: ein Scherz." Fritzsche atmete auf. ?Ja, aber was hindert Sie denn, das einfach dem Richter zu sagen?" Er erhob den Finger. ?Ohne da? ich natürlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen m?chte."
[pg 191] Diederich erhob die Stimme. ?Dem Jadassohn verge? ich den Streich nicht!" Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich w?hrend der Szene vors?tzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen; der dann sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb unzurechnungsf?higen Zustand der Anwesenden mi?braucht und sie von vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. ?Herr Lauer und ich, wir halten einander für Ehrenm?nner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu verhetzen!"
Fritzsche erkl?rte ernst, da? hier nicht Jadassohns Pers?nlichkeit in Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich war zuzugeben, da? Jadassohn vielleicht zum übereifer neigte. Mit ged?mpfter Stimme setzte er hinzu: ?Sehen Sie, das ist eben der Grund, weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk machen mu?, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen Majest?tsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschm?ht sein Radikalismus."
?Sein jüdischer Radikalismus", erg?nzte Diederich.
?Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – womit ich keineswegs leugnen will, da? er auch ein amtliches und nationales Interesse wahrzunehmen glaubt."
?Wieso denn?" rief Diederich. ?Ein gemeiner Streber, der mit unseren heiligsten Gütern spekuliert!"
?Wenn man sich scharf ausdrücken will –" Fritzsche l?chelte befriedigt. Er rückte n?her. ?Nehmen wir einmal an, ich w?re Untersuchungsrichter: es gibt F?lle, in denen man gewisserma?en Grund h?tte, sein Amt niederzulegen."
?Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet", sagte Diederich und nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein [pg 192]weltm?nnisches Gesicht. ?Aber Sie begreifen, damit würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich best?tigen."
?Das geht nicht", sagte Diederich. ?Es w?re gegen den Komment."
?Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich."
?Sachlich sein hei?t deutsch sein", sagte Diederich.
?Besonders, da ich annehmen darf, da? die Herren Zeugen mir meine Aufgabe nicht unn?tig erschweren werden." Diederich legte die Hand auf die Brust. ?Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinrei?en lassen, wo es um eine gro?e Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewu?t, da? ich für alles meinem Gott Rechenschaft schulde." Er schlug die Augen nieder. Mit m?nnlicher Stimme: ?Auch ich bin der Reue zug?nglich." Dies schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren schüttelten einander ernst und verst?ndnisvoll die H?nde.
Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen und stand vor Fritzsche. ?Gott sei Dank", dachte er und machte mit treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge schien die Wahrheit zu sein. Die ?ffentliche Meinung freilich blieb bei ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen ?Volksstimme" nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu h?hnischen Auslassungen über Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige ?Netziger Zeitung" gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, da? er den Gewinn seines Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbei[pg 193]tern. In acht Jahren hatten sie au?er ihren L?hnen und Geh?ltern die Summe von 130 000 Mark unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den günstigsten Eindruck. Diederich begegnete mi?billigenden Gesichtern. Sogar der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein anzügliches L?cheln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die gesch?ftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte, blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdrücklich mit, da? er für seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, weil er mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im Bureau, um solche Briefe abzufangen, aber S?tbier war immer noch früher da, und das vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erh?hte seine Wut. ?Ich schmei? den ganzen Krempel hin!" schrie er. ?Sie und die Leute sollen dann sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab' morgen einen Direktorposten mit 40 000 Mark!" – ?Ich opfere mich für euch!" schrie er die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. ?Ich zahle drauf, nur um keinen zu entlassen."
Gegen Weihnacht mu?te er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; S?tbier rechnete ihm vor, da? die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht eingehalten werden k?nnten, ?da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung für den neuen Holl?nder aufnehmen mu?ten"; und er blieb dabei, obwohl Diederich nach dem Tintenfa? griff. In den Mienen der übriggebliebenen las er Mi?trauen und Geringsch?tzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte er das Wort ?Denunziant" zu h?ren. Napoleon Fischers [pg 194]knotige, schwarzbehaarte H?nde hingen weniger tief über dem Boden, und es sah aus, als bek?me er sogar Farbe.
Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben die Er?ffnung des Hauptverfahrens beschlossen – predigte in der Marienkirche Pastor Zillich über den Text: ?Liebet eure Feinde." Diederich erschrak beim ersten Wort. Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. ?Die Rache ist mein, spricht der Herr": Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem He?lingschen Stuhl hinüber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau He?ling schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten. ?Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!" Da wandte sich alles um, und Diederich knickte zusammen.
Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer Helferich neben Emmi gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch, und sie wu?te wohl warum. ?Weil du ihm zu alt bist", sagte Diederich. ?Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!" – ?Die fünf T?chter vom Bruder des Herrn Buck grü?en uns schon nicht mehr!" rief Magda. Und Diederich: ?Ich werd' ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!" – ?Das la? gef?lligst! An dem einen Proze? haben wir genug." Da verlor er die Geduld. ?Ihr? Was gehen euch meine politischen K?mpfe an?"
?Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen K?mpfe!"
?Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnütz im Hause umher, ich rackere mich ab für euch, und ihr wollt auch noch n?rgeln und mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gef?lligst den Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen k?nnt ihr Kinder[pg 195]m?dchen werden!" Und er schlug die Tür zu, trotz Frau He?lings gerungenen H?nden.
So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht miteinander; Frau He?ling verlie? das verschlossene Zimmer, wo sie den Baum schmückte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz allein und mit zitternder Stimme ?Stille Nacht". ?Dies schenkt Diedel seinen lieben Schwestern!" sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie nicht Lügen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, da? er die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz S?tbiers dringendem Rat, abgelehnt hatte, um die unbotm??ige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst h?tte er jetzt mit den Leuten zusammensitzen k?nnen. Hier in der Familie war es eine künstliche Sache, eine Aufw?rmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt w?re sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller h?tte er niemand gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich vernachl?ssigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter verr?terische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. ?Ich passe nicht in diese harte Zeit", dachte Diederich, a? Marzipan von seinem Teller und tr?umte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. ?Ich bin doch gewi? ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so h??liche Dinge hinein wie [pg 196]dieser Proze?, und schaden mir dadurch auch gesch?ftlich, so da? ich, ach lieber Gott! den Holl?nder, den ich bestellt habe, nicht werde bezahlen k?nnen." Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Tr?nen traten ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ?ngstlich nach seiner sorgenvollen Miene schielte, sie nicht s?he, stahl er sich in das dunkle Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die H?nde. Drau?en stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren. Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Gesch?ft und Liebe. ?Was hab' ich denn noch?" Er ?ffnete das Klavier. Ihn fr?stelte, er war so unheimlich allein, da? er Angst hatte, ein Ger?usch zu machen. Die T?ne kamen von selbst, seine H?nde wu?ten es kaum. Aus Volksliedern, Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der D?mmerung, die sich traulich davon erw?rmte, so da? einem wohlig dumpf im Kopf ward. Einmal meinte er, da? eine Hand ihm über den Scheitel streife. War es nur ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand pl?tzlich ein volles Bierglas. Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der Heimat ... Es ward still, und er wu?te es nicht – bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war vergangen! ?Das war meine Weihnacht", sagte Diederich und ging hinaus zu den anderen. Er fühlte sich getr?stet und gekr?ftigt. Da die Schwestern noch immer wegen der Handschuhe maulten, erkl?rte er sie für gemütlos und steckte die Handschuhe ein, um sie für sich umzutauschen.
Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge wegen des Holl?nders. Sechstausend Mark für einen [pg 197]neuen Patent-Holl?nder System Maier! Das Geld war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein unbegreifliches Verh?ngnis, ein sch?biger Widerstand von Menschen und Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn S?tbier nicht dabei war, schlug er mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Für den neuen Herrn, der die Zügel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte, mu?ten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Pers?nlichkeit anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen für den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit S?tbier: vielleicht konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, da? er mit der Predigt, von der alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch, mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein Versprechen bekr?ftigte. Dann lie?en die Eltern K?thchen mit Diederich allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, da? er sich fast erkl?rt hatte. K?thchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken Lippen wartete, w?re doch ein Erfolg gewesen, es h?tte ihm Bundesgenossen gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holl?nder! Er würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er müsse nun wieder ins Gesch?ft; und K?thchen kniff die Lippen zusammen, ohne da? das Jawort zur Verwendung gelangt war.
Ein Entschlu? mu?te gefa?t werden, denn die Ankunft des Holl?nders stand bevor. Diederich sagte zu S?tbier: ?Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag und Stunde zu liefern, sonst geb' ich ihn ohne Gnade zurück." Aber S?t[pg 198]bier erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. übrigens traf die Maschine pünktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte Diederich. ?Er ist zu gro?! Die Leute haben mir garantiert, da? er kleiner sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal Raum sparen soll!" Und er ging, sobald der Holl?nder aufgestellt war, mit dem Meterma? um ihn herum. ?Er ist zu gro?! Ich la? mich nicht beschwindeln! Bezeugen Sie mir, S?tbier, da? er zu gro? ist!" Aber S?tbier kl?rte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen auf. Schnaufend zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan zu ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. ?Wo ist denn der Monteur? Haben uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?" Und dann entrüstete er sich. ?Ich habe ihn doch bestellt!" log er. ?Die Leute scheinen ihr Gesch?ft zu verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl t?glich zw?lf Mark bezahlen mu?, und er gl?nzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir das Unglücksding da nun auf?"
Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies ihm pl?tzlich gro?es Wohlwollen. ?Sie k?nnen sich denken: Ihnen zahl' ich lieber die überstunden, als da? ich mein Geld für den fremden Menschen hinauswerfe. Schlie?lich sind Sie ein alter Mitarbeiter." Napoleon Fischer zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berührte seine Schulter. ?Sehen Sie mal, lieber Freund," sagte er halblaut, ?ich bin von dem Holl?nder n?mlich entt?uscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da die gr??ere Leistungsf?higkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was meinen Sie? Halten Sie [pg 199]den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt liegen." Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon mit Verst?ndnis. Man müsse es ausprobieren, meinte er z?gernd. Diederich vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte er aufmunternd: ?Also sch?n. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen."
?Es wird wohl 'ne nette Bescherung sein", sagte der Maschinenmeister mit sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wu?te, nach seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! ?Kommen Sie mal mit, mein Lieber" – seine Stimme war bewegt. Er führte Napoleon Fischer in das Wohnhaus, Frau He?ling mu?te ihm ein Glas Wein einschenken, und Diederich drückte ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. ?Ich verla? mich auf Sie, Fischer", sagte er. ?Wenn ich Sie nicht h?tte, würde die Fabrik mich wom?glich hineinlegen. Zweitausend Mark hab' ich den Leuten schon in den Rachen geworfen."
?Die müssen sie wieder hergeben", sagte der Maschinenmeister gef?llig. Diederich fragte dringend: ?Das meinen Sie doch auch?"
Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem Holl?nder benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit, da? die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mu?te mit dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holl?nder ?ltester Konstruktion. ?Also der offenbare Schwindel!" rief Diederich. Auch brauchte der Holl?nder mehr als zwanzig Pferdest?rken. ?Das ist vertragswidrig! Müssen wir uns das gefallen lassen, Fischer?"
[pg 200] ?Das müssen wir uns nicht gefallen lassen", entschied der Maschinenmeister und strich mit seiner knotigen Hand über sein schwarz behaartes Kinn. Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.
?Dann k?nnen Sie mir also bezeugen, da? der Holl?nder die bei Bestellung vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt?"
In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein dünnes L?cheln. ?Kann ich", sagte er. Diederich sah das L?cheln. Um so strammer machte er kehrt. ?Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!" Sogleich schrieb er einen energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue Patentholl?nder System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung der angezahlten 2000 Mark k?nne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsm??igen Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener als das erstemal und drohte mit einer Klage. Büschli & Cie. versuchten nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. ?Sie haben Angst", sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte, und er fletschte die Z?hne. ?Eine Klage k?nnen sie nicht brauchen, denn ihr Holl?nder ist noch nicht genügend eingeführt." ?Stimmt", sagte Diederich. ?Wir haben die Kerls in der Hand!" Und mit erbitterter Siegesgewi?heit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene Preiserm??igung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine Klage ab? Vielleicht [pg 201]strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um elf Uhr beim zweiten Frühstück sa?, brachte das M?dchen eine Karte: Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; und indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein. An der Tür blieb er stehen. ?Pardon," sagte er, ?es mu? ein Irrtum sein. Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme n?mlich gesch?ftlich."
Diederich hatte sich besonnen. ?Ich kann es mir denken, aber das macht nichts, bitte, treten Sie doch n?her. Doktor He?ling ist mein Name. Hier ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda."
Der Herr trat n?her und verbeugte sich vor den Damen. ?Friedrich Kienast", murmelte er. Er war gro?, blondb?rtig und trug einen braunen wolligen Jackettanzug. Alle drei Damen l?chelten hingebend. ?Darf ich für den Herrn ein Gedeck auflegen?" fragte Frau He?ling. Und Diederich: ?Natürlich. Herr Kienast frühstückt doch mit uns?"
?Ich sage nicht nein", erkl?rte der Vertreter von Büschli & Cie., und er rieb sich die H?nde. Magda legte ihm Bücklinge vor, die er schon lobte, w?hrend er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.
Diederich fragte ihn, harmlos lachend:
?Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Gesch?fte?" Herr Kienast lachte auch. ?Bei den Gesch?ften bin ich immer nüchtern." Diederich schmunzelte. ?Na, dann werden wir uns wohl einigen." ?Kommt darauf an, wie"; – und Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda. Sie err?tete.
Diederich schenkte dem Gast Bier ein. ?Sie haben wohl [pg 202]sonst noch was vor in Netzig?" Worauf Kienast zurückhaltend: ?Man kann nie wissen."
Versuchsweise sagte Diederich: ?Bei Klüsing in Gausenfeld werden Sie nichts machen, er hat 'ne flaue Zeit." Und da der andere schwieg, dachte Diederich: ?Sie haben ihn blo? wegen des Holl?nders hergeschickt, sie k?nnen keinen Proze? brauchen!" Da bemerkte er, da? Magda und der Vertreter von Büschli & Cie. gleichzeitig tranken und über die Gl?ser hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau He?ling sa?en starr dabei. Diederich beugte sich schnaufend über seinen Teller; – pl?tzlich aber fing er an, das Familienleben zu preisen. ?Sie haben Glück, mein lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück ist ausgerechnet unsere sch?nste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, da? man sozusagen auch Mensch ist. Na, und das braucht man."
Kienast best?tigte, da? man es brauche. Frau He?lings Frage, ob er schon verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie hatte den Kopf gesenkt.
Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. ?Herr Kienast," sagte er schnarrend, ?ich stehe zu Ihrer Verfügung."
?Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch", bat Magda. Kienast lie? sie sich von ihr anzünden und hoffte, die Damen nochmals begrü?en zu k?nnen, – wobei er Magda verhei?ungsvoll anl?chelte. Aber im Hof ?nderte auch er vollst?ndig den Ton. ?Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalit?ten", bemerkte er kalt und wegwerfend. ?Sie sollten mal unsere Anlagen sehen."
?In einem Nest wie Eschweiler," erwiderte Diederich, genau so ver?chtlich, ?da ist es kein Kunststück. Rei?en Sie [pg 203]mal hier den H?userblock nieder!" Und dann rief er im sch?rfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit er den neuen Holl?nder in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort kam, stürmte Diederich hin. ?Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?" Aber sobald er ihm gegenüberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser, fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: ?Fischer, ich hab' es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab erh?he ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark." Darauf nickte Napoleon Fischer kurz und verst?ndnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten, es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von Büschli & Cie. sagte er: ?übrigens bin ich versichert, aber Zucht mu? sein. Tadelloser Betrieb, wie?"
?Veraltetes Aggregat", entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick auf die Maschinen. Diederich versetzte h?hnisch: ?Wei? ich, mein Bester. Aber so gut wie Ihr Holl?nder allemal." Trotz Kienasts Protest fuhr er fort, die Leistungsf?higkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen. Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er gehe gro?zügig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei das Gesch?ft m?chtig im Aufschwung. ?Und es ist immer noch ausdehnungsf?hig." Er erfand. ?Jetzt hab' ich Vertr?ge mit zwanzig Kreisbl?ttern. Die Berliner Warenh?user machen mich überhaupt wahnsinnig ..." Kienast unterbrach schneidend:
?Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends fertige Ware."
Diederich emp?rte sich. ?Herr! Soll ich Ihnen was [pg 204]sagen? Erst gestern hab' ich an s?mtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur Vollendung meines Neubaus k?nne ich nichts mehr liefern."
Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholl?nder war halb gefüllt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half mit dem Rührscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. ?Na also. Sie behaupten, in Ihrem Holl?nder braucht der Stoff für einen Umgang zwanzig bis drei?ig Sekunden: ich z?hle schon fünfzig ... Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja ewig!"
Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er l?chelte gewitzigt. ?Ja, wenn die Ventile verstopft sind ..." Und mit einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: ?Was sonst noch mit dem Holl?nder angestellt ist, kann ich in der Eile nicht sehen." Diederich fuhr empor, pl?tzlich sehr rot. ?Wollen Sie mir vielleicht insinuieren, da? ich mit meinem Maschinenmeister –?"
?Ich habe nichts gesagt", stellte Kienast fest.
?Das mü?te ich mir auch energisch verbitten." Diederich blitzte. Auf Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart. Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln hinaufgebunden haben würde, er h?tte ?hnlichkeit mit Diederich bekommen! Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. ?Mein Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: da? er mir einen Gefallen tun soll, ist lachhaft. übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen Ihrer ?u?erung aufmerksam!"
Kienast trat in den Hof hinaus. ?Lassen Sie das nur, [pg 205]Herr Doktor", sagte er kühl. ?In Gesch?ften bin ich nüchtern, das hab' ich Ihnen schon beim Frühstück gesagt. Jetzt brauch' ich Ihnen nur noch zu wiederholen, da? wir den Holl?nder in tadellosem Zustand geliefert haben und an Rücknahme nicht denken." – Das werde man sehen, erkl?rte Diederich. Einen Proze? hielten Büschli & Cie. wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen Artikels? ?Ich werde Ihnen in den Fachbl?ttern noch eine besondere Empfehlung mitgeben!" Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunf?higen Knoten werfe man einfach hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda.
Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie l?chelte rosig. ?Die Herren sind noch immer nicht fertig?" fragte sie schalkhaft. ?Das Wetter ist doch so sch?n, man mu? ein bi?chen hinaus vor dem Mittagessen. A propos", sagte sie gel?ufig. ?Mama l??t fragen, ob Herr Kienast zum Abendessen kommt." Da Kienast erkl?rte, er müsse leider danken, l?chelte sie dringlicher. ?Und mir würden Sie es auch abschlagen?" Kienast lachte bitter. ?Ich würde nicht nein sagen, Fr?ulein. Aber wei? ich denn, ob Ihr Herr Bruder –?" Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. ?Herr Kienast", brachte er hervor. ?Es wird mich freuen. Vielleicht, da? wir uns auch noch verst?ndigen." Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich weltm?nnisch erbot, das Fr?ulein ein Stück zu begleiten. ?Wenn mein Bruder nichts dagegen hat", sagte sie züchtig und ironisch. Diederich erlaubte auch dies noch; – und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem Prokuristen von Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!
Wie er zum Mittagessen kam, h?rte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern mit scharfen Stimmen sprechen. [pg 206]Emmi warf Magda vor, sie benehme sich schamlos. ?So macht man es denn doch nicht." – ?Nein!" rief Magda. ?Ich werde dich um Erlaubnis bitten." – ?Das würde gar nichts schaden. überhaupt bin ich an der Reihe!" – ?Hast du sonst noch Sorgen?" – Und Magda schlug ein Hohngel?chter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau He?ling h?tte nicht n?tig gehabt, hinter ihren T?chtern die H?nde zu ringen: in den Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Würde.
Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau He?ling rühmte den soliden Eindruck, den er mache. Emmi erkl?rte: wenn so ein Kommis nicht einmal solide sein sollte. Mit einer Dame reden k?nne er überhaupt nicht. Magda behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs Entscheidung warteten, entschlo? er sich. Komment scheine der Herr freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu ersetzen. ?Aber als tüchtigen Gesch?ftsmann hab' ich ihn kennengelernt." Emmi hielt sich nicht mehr.
?Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkl?re, da? ich nicht mit euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!"
?Sie lügt!" Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er herrschte Emmi an:
?Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass' uns in Ruh'."
Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor Gesch?ftsschlu? erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock, und sein Wesen war eher gesellschaftlich als gesch?ftlich. Beide hielten, in stillem Einverst?ndnis, das Gespr?ch hin, bis der alte S?tbier [pg 207]seine Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mi?trauischen Blick, zurückgezogen hatte, sagte Diederich:
?Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen mache ich allein."
?Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?" fragte Kienast.
?Und Sie?" erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.
?Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf meine Kappe. Geben Sie den Holl?nder in Gottes Namen zurück. Ein Defekt wird sich doch wohl finden."
Diederich begriff. Er versprach: ?Sie werden ihn finden." Kienast sagte sachlich:
?Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!" bat er, da Diederich auffuhr. ?Und au?erdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine Reise mit fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen."
?Aber h?ren Sie mal, das ist Wucher!" Diederichs Gerechtigkeitssinn emp?rte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. ?Herr Doktor!..." Diederich fa?te sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die Hand auf die Schulter. ?Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten." ?Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden", meinte Kienast bes?nftigt. ?Die kleine Differenz wird sich auch noch aufkl?ren", verhie? Diederich.
Droben roch es festlich. Frau He?ling gl?nzte mit ihrem schwarzen Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren grau und allt?glich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und [pg 208]lie? sich zu seiner Rechten nieder; und als man eben erst sa? und sich noch r?usperte, sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: ?Jetzt sind die Herren aber mit den dummen Gesch?ften fertig." Diederich best?tigte, sie seien gl?nzend miteinander fertig geworden. Büschli & Cie. seien kulante Leute.
?Bei unserem Riesenbetrieb", erkl?rte der Prokurist. ?Zw?lfhundert Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel für die Kunden." Er lud Diederich ein. ?Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm und umsonst." Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rühmte er seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur H?lfte bewohnte. ?Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere H?lfte."
Diederich lachte dr?hnend. ?Dann w?re es wohl das einfachste, Sie heirateten. Na prost!"
Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem über. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen sei? ?Ihnen, Herr Doktor, hab' ich n?mlich gleich angesehen, da? mit Ihnen sp?ter noch gro?e Sachen zu machen sein werden, – wenn es hier jetzt auch noch etwas kleine Verh?ltnisse sind", setzte er nachsichtig hinzu. Diederich wollte seine Gro?zügigkeit und die Ausdehnungsf?higkeit seines Unternehmens beteuern, aber Kienast lie? sich seinen Gedankengang nicht abschneiden. Menschenkenntnis sei n?mlich seine Spezialit?t. Einen Gesch?ftsfreund müsse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. ?Wenn da alles so wohl bestellt ist wie hier –"
Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau He?ling schon mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als sei die Gans eine h?chst [pg 209]gew?hnliche Erscheinung. Herr Kienast machte trotzdem eine anerkennende Pause. Frau He?ling fragte sich, ob sein Blick wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem sü?en Qualm, auf Magdas durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt ri? er sich los und ergriff sein Glas. ?Und darum: auf die Familie He?ling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau und ihre blühenden T?chter!" Magda w?lbte die Brust, um das Blühen anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stie? Herr Kienast zuerst mit Magda an.
Diederich erwiderte seinen Toast. ?Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen auf." Er hatte Tr?nen in den Augen, indes Magda wieder einmal err?tete. ?Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu." Er lie? den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer für Bescheidenheit gewesen, ?besonders in Familien, wo junge M?dchen sind."
Frau He?ling griff ein. ?Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann den Mut nehmen –? Meine T?chter schneidern alles selbst." Dies war für Herrn Kienast das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs eingehender Würdigung.
Zum Nachtisch sch?lte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. ?Ja, ja, Herr Kienast", sagte er mit tiefer Stimme. ?Das ist der Familienfriede, den sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!" Magda schmiegte sich, ganz Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie rückw?rts einen Sto?. ?So geht es immer bei uns zu", fuhr Diederich fort. ?Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der [pg 210]Abend vereint uns dann hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da drau?en und den Klüngel unserer sogenannten Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie m?glich, wir haben an uns selbst genug."
Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man h?rte sie drau?en eine Tür zuschlagen. Ein um so z?rtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie sich am mild begl?nzten Tisch niederlie?en. Herr Kienast sah nachdenklich den Punsch kommen, den Frau He?ling in m?chtiger Bowle still l?chelnd hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas füllte, setzte Diederich auseinander, da? er dank dieser Beschr?nkung auf die stille H?uslichkeit imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. ?Denn der Aufschwung des Gesch?ftes kommt den M?dchen zugut, die Fabrik geh?rt ihnen mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner künftigen Schw?ger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –"
Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da bekam er gerührte Augen und rückte n?her. Diederich sa? dabei, trank und drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespr?ch der beiden, die sich ganz allein zu fühlen schienen. ?Na, dann haben Sie also glücklich Ihren Einj?hrigen gemacht", sagte er g?nnerhaft und wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau He?ling hinter dem Rücken der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tür schlich, begriff er, nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder und sang dr?hnend mit: ?Sie wissen den Teufel, was Freiheit hei?t." Als er fertig war, horchte er [pg 211]hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle gesch?pft h?tte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl von neuem an: ?Im tiefen Keller sitz' ich hier."
Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte, dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im Wohnzimmer. ?Nanu", sagte er, kr?ftig und bieder, ?Sie scheinen ja ernste Absichten zu haben." Das Paar l?ste sich voneinander. ?Ich sage nicht nein", erkl?rte Herr Kienast. Diederich war pl?tzlich heftig bewegt. Aug' in Auge schüttelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda herbei. ?Das ist aber eine überraschung! Herr Kienast, machen Sie mein Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen."
Und die Augen wischend, rief er hinaus: ?Mutter! Es ist was passiert." Frau He?ling stand gleich hinter der Tür, nur konnte sie, vor übergro?er Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt, wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und l?ste sich dort in Tr?nen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen war. ?Emmi, komm heraus, es ist was los!" Sie ri? endlich die Tür auf, zornrot im Gesicht. ?Wozu st?rst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon denken, was los ist. Macht eure Unanst?ndigkeiten allein!" Und sie würde wieder zugeschlagen haben, h?tte nicht Diederich den Fu? in den Spalt gesetzt. Streng bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene sie, da? sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer Matinee, mit aufgel?sten Haaren. [pg 212]Im Flur entwand sie sich ihm. ?Du machst uns l?cherlich", zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit sp?ttisch musterndem Blick. ?Mu?te das so sp?t in der Nacht sein?" fragte sie. ?Nun, dem Glücklichen schl?gt keine Stunde." Kienast sah sie an: sie war gr??er als Magda, ihr Gesicht, das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und stark war. Kienast behielt ihre Hand l?nger als n?tig; sie entzog sie ihm, da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi lie? auf ihre Schwester ein L?cheln des Triumphes fallen, machte kehrt und verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefülltes Punschglas, und verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.
Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen ab. ?Bis Mittag bez?hme gef?lligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir mal ein Wort unter M?nnern reden." In Klappsch' Bierstube setzte er ihm die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit – die Belege waren jeden Augenblick zu sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein Viertel der Fabrik. – ?Also nur ein Achtel", stellte Kienast fest; worauf Diederich: ?Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?" Ein unzufriedenes Schweigen entstand.
Diederich stellte die Stimmung wieder her. ?Prost Friedrich!" ?Prost Diederich!" sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. ?Du hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Gesch?ft zu erh?hen, wenn du Geld einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem gro?artigen Gehalt!" Kienast [pg 213]erkl?rte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber noch laufe sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr eine betr?chtliche Gehaltserh?hung zu erwarten, da w?re es ein Verbrechen gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. ?Und wenn ich euch mein Geld gebe, mu? ich selbst ins Gesch?ft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir entgegenbringe, lieber Diederich –"
Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. ?Wenn du einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf ihren Anteil am Gesch?ft verzichten." Dies stie? wieder auf Diederichs unbedingten Widerspruch. ?Es w?re gegen den letzten Willen meines seligen Vaters, der ist mir heilig. Und so gro?zügig, wie ich arbeite, kann in einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu sch?digen." Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn ehre ihn, aber mit Gro?zügigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich, merklich gereizt: er sei gottlob für seine Gesch?ftsführung au?er Gott nur sich selbst verantwortlich. ?Fünfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen." Kienast trommelte auf den Tisch. ?Ich wei? noch nicht, ob ich deine Schwester dafür übernehmen kann", erkl?rte er. ?Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor." Diederich zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde sich drücken. Glücklicherweise war Magda noch verführerischer hergerichtet als gestern, – ?wie wenn sie gewu?t h?tte, es geht ums Ganze", dachte Diederich, der sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr erw?rmt, da? er die Hochzeit in vier Wochen [pg 214]wünschte. ?Dein letztes Wort?" fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der Tasche.
Nach Tisch ging Frau He?ling auf den Fu?spitzen aus dem Zimmer, wo die Verlobten sa?en, und auch Diederich wollte sich zurückziehen, aber sie holten ihn zum Spazierengehen. ?Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und Emmi?" Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau He?ling zu Hause. ?Weil es sonst schlecht aussehen würde, wei?t du", sagte Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett h?ngengeblieben war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.
Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestra?e begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Z?hne vor dem Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den Menschen angehalten und ihm auf offener Stra?e einen Krach gemacht haben: aber konnte er? ?Es war ein schwerer Fehler, da? ich mich mit dem hinterh?ltigen Proleten auf Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es w?re auch ohne ihn gegangen! Jetzt schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, da? er mich in der Hand hat. Ich werde noch Erpressungen erleben." Aber zwischen ihm und dem Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich lie? ihn einfach einsperren. Dennoch ha?te er ihn für seine Mitwisserschaft, da? ihm bei zwanzig Grad K?lte hei? und feucht ward. Er sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?
[pg 215] In der Gerichtsstra?e fand Magda, da? der Gang sich lohne, denn bei Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und Inge Tietz, und Magda wu?te bestimmt, da? sie bei Kienasts Anblick sehr beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Stra?e war heute leider wenig los; h?chstens da? Major Kunze und Dr. Heuteufel, die in die ?Harmonie" gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der Ecke der Schweinichenstra?e aber trat etwas ein, was Diederich nicht vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte Guste sich um, und Magda konnte sagen: ?Frau Oberinspektor, hier stelle ich Ihnen meinen Br?utigam Herrn Kienast vor." Der Br?utigam ward gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei Schritte zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: ?Wo haben Sie ihn denn hergenommen?" Diederich scherzte. ?Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede den ihren. Aber dafür solider." – ?Fangen Sie schon wieder an?" rief Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und seufzte dabei leicht. ?Meiner ist ja immer Gott wei? wo. Man kommt sich vor wir die reine Witwe." Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts Arm hing. Diederich gab zu bedenken: ?Wer tot ist, kann es auch bleiben. Es gibt noch genug Lebendige." Dabei dr?ngte er Guste bis an die H?userwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes, dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gew?hrend.
Leider war Schweinichenstra?e 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn Kienast wieder um. [pg 216]Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte ermunternd zu Diederich: ?Nun, was meinst du?" – worauf er rot ward und schnaufte. ?Was ist da zu meinen", brachte er hervor, und Magda lachte.
In der leeren, stark d?mmernden Stra?e kam ihnen jemand entgegen. ?Ist das nicht –?" fragte Diederich, ohne überzeugung. Aber die Figur n?herte sich: dick, offenbar noch jung, mit einem gro?en, weichen Hut, sonst elegant, und die Fü?e setzte er einw?rts. ?Wahrhaftig, Wolfgang Buck!" Er dachte entt?uscht: ?Und Guste stellt sich, als w?re er am Ende der Welt. Das Lügen mu? ich ihr austreiben!"
?Da sind Sie ja" – der junge Buck schüttelte Diederich die Hand. ?Das freut mich." – ?Mich auch", erwiderte Diederich, trotz der Entt?uschung mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. Buck stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich hinter die beiden anderen. ?Sie wollten gewi? zu Ihrer Braut?" bemerkte Diederich. ?Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet." – ?So?" machte Buck und zuckte die Achseln. ?Nun, ich finde sie immer noch", sagte er phlegmatisch. ?Vorl?ufig bin ich froh, da? ich Ihnen mal wieder begegnet bin. Unser Gespr?ch in Berlin, unser einziges, nicht wahr – es war so anregend."
Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals nur ge?rgert hatte. Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. ?Ja, meinen Gegenbesuch bin ich Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. ?de, wie? Zu denken, da? man hier sein Leben verbringen soll" – und Diederich zeigte die kahle H?userreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich ge[pg 217]bogenen Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten, und er machte tiefsinnende Augen. ?Ein Leben in Netzig", sagte er ganz langsam. ?Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der Lage, blo? für seine Sensationen zu leben. übrigens gibt es auch hier welche." Er l?chelte verd?chtig. ?Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf Sensation gemacht."
?Ach so –" Diederich streckte den Bauch vor. ?Sie wollen schon wieder n?rgeln. Ich stelle fest, da? ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner Majest?t stehe."
Buck winkte ab. ?Lassen Sie nur. Ich kenne ihn."
?Ich noch besser", behauptete Diederich. ?Wer ihm, wie ich, ganz allein und Aug' in Auge gegenüber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar, nach dem gro?en Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies Fritzenauge, sag' ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft."
?Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat." Bucks Mund und Wangen sanken schwer melancholisch herab. Diederich stie? Luft durch die Nase. ?Ich wei? schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Pers?nlichkeit. Sonst w?ren Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden."
?Schlie?lich k?nnte ich es mir leisten. Gewi?. Geradeso gut wie er –. Wenn auch weniger begünstigt von den ?u?eren Umst?nden."
Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. ?Worauf es für jeden pers?nlich ankommt, ist nicht, da? wir in der Welt wirklich viel ver?ndern, sondern da? wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als t?ten wir es. Dazu ist nur Talent n?tig, und das hat er."
Diederich war beunruhigt, er sah sich um. ?Wir sind hier zwar unter uns, die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich wei? doch nicht –"
[pg 218] ?Da? Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich h?tte an seiner Stelle den Gefreiten Lück und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst genommen. W?re das noch eine Macht, die nicht bedroht w?re? Erst wenn es einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde aus ihm, wenn er sich sagen mü?te, da? die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern h?chstens eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird."
?Oho!" machte Diederich.
?Nicht wahr? Das würde Sie emp?ren. Und ihn auch. Neben den Ereignissen hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschr?nkt! – und dabei au?erstande, auch nur Ha? zu erregen anders als durch Worte und Gesten. Denn woran halten sich die N?rgler? Was ist Ernstliches geschehen? Auch der Fall Lück ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und nur darauf, mein lieber He?ling, kommt es uns allen heute an. Er selbst, den wir meinen, w?re am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg, den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbr?che."
?Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!" rief Diederich. ?Und dann sollen Sie sehen, da? alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem Kaiser stehen!"
?Gewi?." Buck zuckte immer h?ufiger die Achseln. ?Das ist die übliche Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte la?t ihr euch von ihm vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tat[pg 219]bereit. Um seine Erlebnisf?higkeit zu üben, mu? man vor allem leben, und die Tat ist so lebensgef?hrlich."
Diederich richtete sich auf. ?Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit vielleicht in Verbindung bringen mit –?" ?Ich habe kein moralisches Urteil ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erw?hnt, die uns alle angeht. übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den auf der Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgeführt. Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die Geschichte als den repr?sentativen Typus dieser Zeit nennen wird?"
?Den Kaiser!" sagte Diederich.
?Nein", sagte Buck. ?Den Schauspieler."
Da schlug Diederich ein Gel?chter an, da? dort vorn das Brautpaar auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es wehte eisig hinüber; sie gingen weiter.
?Na ja," brachte Diederich hervor, ?ich h?tte mir gleich sagen k?nnen, wie Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater zu tun." Er klopfte Buck auf die Schulter. ?Sind Sie am Ende schon selbst dabei?"
Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. ?Ich? Ach nein", sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstra?e unzufrieden geschwiegen hatten: ?Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig bin."
?Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen."
?Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers Lauer übernommen."
?Sie sind –? Im Proze? Lauer –?" Es nahm Diederich den Atem, er blieb stehen.
[pg 220] ?Nun ja", sagte Buck und zuckte die Achseln. ?Wundert Sie das? Seit kurzem bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein Vater Ihnen nicht davon gesprochen?"
?Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine Berufspflichten ... Diese Verlobung ..." Diederich verlor sich in Gestammel. ?Dann müssen Sie ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon ganz hier?"
?Nur vorl?ufig – glaube ich."
Diederich raffte sich zusammen. ?Ich mu? sagen: ich habe Sie schon ?fter nicht ganz verstanden – aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit mir durch halb Netzig gehen."
Buck blinzelte ihn an. ?Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen k?nnten auch umgekehrt verteilt sein."
?Bitte sehr!" Diederich entrüstete sich. ?Jeder steht auf seinem Platz. Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben –"
?Achtung? Was hei?t das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich nichts übelnehmen, es geh?rt zu meiner Wirkung."
Diederich bekam Furcht. ?Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn meine Aussage? Sie ist für Lauer durchaus nicht ungünstig."
?Das lassen Sie meine Sorge sein." Bucks Miene ward be?ngstigend ironisch.
Und damit war man in der Meisestra?e. ?Der Proze?!" dachte Diederich schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen, jetzt war es, als sollte [pg 221]man sich von heute auf morgen beide Beine abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von Buck, bevor sie beim Haus waren. Da? nur Kienast nichts merkte! Buck schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. ?Es zieht Sie wohl nicht besonders zu Ihrer Braut?" fragte Diederich. – ?Augenblicklich hab' ich mehr Lust auf einen Kognak." – Diederich lachte h?hnisch. ?Darauf scheinen Sie immer Lust zu haben." Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit Buck um. ?Sehen Sie," begann Buck unvermutet, ?meine Braut: die geh?rt auch zu meinen Fragen an das Schicksal." Und da Diederich ?wieso" fragte: ?Wenn ich n?mlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber wei? ich das? Für – andere F?lle, die in meiner Existenz eintreten k?nnten, habe ich nun drüben in Berlin noch eine zweite Verbindung ..."
?Ich habe geh?rt: eine Schauspielerin." Diederich err?tete für Buck, der das so zynisch eingestand. ?Das hei?t," stammelte er, ?ich will nichts gesagt haben."
?Also, Sie wissen", schlo? Buck. ?Jetzt ist die Sache die, da? ich vorl?ufig dort h?nge und mich um Guste nicht so viel bekümmern kann, wie ich mü?te. M?chten Sie sich da nicht des guten M?dchens ein wenig annehmen?" fragte er harmlos und gelassen.
?Ich soll –"
?Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bi?chen umrühren, worin ich Wurst und Kohl am Feuer zu stehen habe – indes ich selbst noch drau?en besch?ftigt bin. Wir haben doch Sympathie füreinander."
[pg 222] ?Danke", sagte Diederich kühl. ?So weit reicht meine Sympathie allerdings nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster über das Leben." Und er lie? Buck stehen.
Au?er der Unmoral des Menschen emp?rte ihn seine würdelose Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem man nicht klug ward! ?Was hat er morgen gegen mich vor?"
Daheim machte er sich Luft. ?Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus vor solcher alles zerfressenden überzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des Niedergangs!" Er vergewisserte sich, da? Kienast wirklich noch am Abend reisen mu?te. ?Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben", sagte er unvermittelt und lachte. ?Meinetwegen mag in der Stadt Mord und Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie."
Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau He?ling hin. ?Nun? Wo ist die Vorladung, die für mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?" Sie mu?te zugeben, da? sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. ?Er sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn." Aber Diederich lie? keine Besch?nigung gelten. ?Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, au?er wenn fremde Leute da sind; und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf. Meint ihr, ich fall' euch auf den Schwindel 'rein, da? Magda ihre Spitzenbluse selbst gemacht haben soll? Das k?nnt ihr dem Esel erz?hlen!" Magda erhob Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht. ?Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch [pg 223]halb gestohlen. Ihr steckt mit dem Dienstm?dchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke, bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ..."
Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi behauptete, er sei blo? darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief zurück: ?Ich brauche dich gottlob nicht mehr!" Sofort war Diederich hinterdrein. ?Gib bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Br?utigam hat um deine Mitgift geschachert, da? es schon nicht mehr sch?n war. Du bist überhaupt blo? Zugabe!"
Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, j?h verstummt, die Wange. Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung überwog. Die Krisis war vorüber.
In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Versp?tung bei Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit besch?ftigt, für einen kaum erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das Gericht gew?hrte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte brach in ein solches Geheul aus, da? es Diederich, angstvoll, wie er selbst gestimmt [pg 224]war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für den Herrn Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich sah, wollte er sich wieder zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuh?lter dort tue. Jadassohn erkl?rte: ?Wenn wir uns darum auch noch kümmern mü?ten!" und war schon drau?en. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn, der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem R?derwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in übergro?er Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hie? es sich besonnen verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst wieder dem Privatleben geh?rte! Diederich versprach sich, fortan ganz seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
Drau?en im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und auch das beste. Die fünf T?chter Buck, herausgeputzt, als sei der Proze? ihres Schwagers Lauer die gr??te Ehre für die Familie, schnatterten in einer Gruppe mit K?thchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Bürgermeister Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen lie? den Bürgermeister nicht los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, da? sie ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder ?u?erung. Gerade erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim [pg 225]Anblick der zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich h?tte halten k?nnen. Jetzt bereute er, da? er es den Seinen verboten hatte, herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Pl?tzlich zog er ihn zurück: Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den T?chtern Buck umringt, als eine kostbare Verst?rkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und darunter Lackschuhe, die er sehr einw?rts setzte. Er l?chelte festlich, wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut kü?te er sie. Es werde sehr sch?n werden, verhie? er; der Staatsanwalt sei gut disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen Zeugen, um mit ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man, denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie tapfer sei! ?Was ist dabei?" erwiderte sie mit tiefer, klangreicher Stimme. ?Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?" Lauer sagte: ?Gewi? nicht, Judith." Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich begrü?ten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den Augen zu lesen.
Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt worden. Buck zog ihn hervor und führte ihn zu seiner Schwester. ?Liebe Judith, ich wei? nicht, ob [pg 226]du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn Doktor He?ling. Heute wird er uns vernichten." Aber Frau Lauer lachte nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gru? nicht, sie sah ihn nur an mit rücksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten, und ward noch schwerer, weil sie so sch?n war. Diederich fühlte, wie das Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: ?Der Herr Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache mu? ein Irrtum vorliegen ..." Da zogen in dem wei?en Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Rücken.
Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tür nicht eben freigebig ge?ffnet ward, stie?en alle einander in Hast hindurch, das minder gute Publikum ward von dem besten überw?ltigt. Die Unterr?cke der fünf Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als letzter hinein und mu?te sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor Sprezius, anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erkl?rte von dort oben die Sitzung für er?ffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in Erinnerung zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte Landgerichtsrat Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht aussehen, die Schwiegermutter des Bürgermeisters wollte wissen, er werde [pg 227]sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging das viele Geld, wenn er starb? Bei den Zeugen drückte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte werde seine Millionen für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme. ?Der gibt auch nach'm Tode nischt her, der hat immer gedacht, man mu? das Seine zusammenn?hm, und wom?glich den andern ihr's auch ..." Da entlie? der Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.
Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck junior nahmen eine Fensternische ein; Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte peinvoll: ?Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wü?te ich, was er sagt. Ich m?chte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!" Vergebens versuchte er gegenüber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch die Z?hne: ?Na warte nur, mein Schibbchen, dir wer'n mer das Handwerk legen." Stumm lastete die allgemeine Mi?billigung auf Diederich. Endlich erschien der Gerichtsdiener. ?Herr Doktor He?ling!"
Diederich ri? sich zusammen, um nur in kommentm??iger Haltung an den Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links neben dem Beisitzer, der seine N?gel betrachtete, stand drohend aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte von Diederichs eine so leichenhafte Gefügigkeit, da? Diederichs Blick die Flucht [pg 228]ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er Wolfgang Buck sitzen, nachl?ssig, mit den F?usten auf den fetten Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel, und so gescheit und aufmunternd anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
?Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am Tisch sa?en auch Herren ..."
Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal r?umen lassen. ?Sonst wissen Sie nichts?" fragte er unwirsch. Diederich gab zu bedenken, infolge gesch?ftlicher und anderer Aufregungen h?tten sich ihm die Vorg?nge inzwischen etwas verwirrt. ?Dann werde ich Ihnen zur Auffrischung des Ged?chtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter vorlesen" – und der Vorsitzende lie? sich das Protokoll reichen. Daraus erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe gemacht, da? von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner Majest?t des Kaisers gefallen sei. Was er darüber zu ?u?ern habe. ?Es kann wohl sein," stammelte er; ?aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade der Angeklagte war, der das gesagt hat ..." Sprezius beugte sich über den Richtertisch. ?Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere Zeugen werden bekunden, da? Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten sind und das betreffende Gespr?ch mit ihm geführt haben." –
[pg 229] ?War ich das?" fragte Diederich, rot übergossen. Da lachte unaufhaltsam der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund ge?ffnet, um loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: ?Sie waren an dem Abend wohl stark angetrunken?" Sofort fielen Staatsanwalt und Vorsitzender über ihn her. ?Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!" rief Jadassohn schrill. ?Herr Verteidiger," kr?chzte Sprezius, ?Sie haben nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist meine Sache!" Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschlu? darüber, ob ihm gem?? der Strafproze?ordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts übrig, als mit den vier Richtern rückw?rts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die H?nde wie zum Applaus; aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mi?billigung gab. Der Angeklagte seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen. Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus, um Diederich seine weiche, wei?e Hand zu geben. [pg 230]?Ich danke Ihnen, lieber Freund", sagte er. ?Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient." Und Diederich in seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Güte des gro?en Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte, fiel es Diederich ein, da? er ihm hier ja die Gesch?fte besorgte! Und auch sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht hatte. Die politischen Gespr?che hatte er augenscheinlich nur geführt, um sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. ?Soll ich mich hier noch lange von allen Seiten an?den lassen?"
Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte Kühlemann wechselte mit dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit merklicher Selbstbeherrschung, den Beschlu?. Ob der Verteidiger das Recht der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache geh?rig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. ?Vorl?ufig nicht," sagte Jadassohn mit Geringsch?tzung, ?aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht zu entlassen." Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die Stimme. ?Au?erdem beantrage ich die sofortige Vorladung des Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen soll, wie die Gesinnung des Zeugen He?ling gegen den Angeklagten früher war." Diederich erschrak – im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um: sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam bewilligt, was er wollte.
[pg 231] Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits über die kritische Nacht berichten. Er erkl?rte, die Eindrücke h?tten sich damals überstürzt und sein christliches Gewissen schwer bedr?ngt, denn just an jenem Abend sei in den Stra?en von Netzig Blut geflossen, wenn auch zu einem patriotischen Zweck. ?Das geh?rt nicht hierher!" entschied Sprezius – und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspr?sident Herr von Wulckow, im Jagdanzug, mit gro?en, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um, der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein, Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher Hinterh?ltigkeit: ?Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam zu machen." Da knickte Zillich ein und gab zu, da? er die dem Angeklagten vorgeworfene ?u?erung allerdings geh?rt habe. Der Angeklagte sprang auf und schlug mit der Faust auf die Bank. ?Ich habe den Namen des Kaisers gar nicht genannt! Ich habe mich gehütet!" Sein Verteidiger beruhigte ihn mit einem Wink und sagte: ?Wir werden den Beweis erbringen, da? nur die provokatorische Absicht des Zeugen Dr. He?ling den Angeklagten zu seinen, hier falsch wiedergegebenen ?u?erungen veranla?t hat." Vorl?ufig bitte er den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, ob er nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich gegen die Hetzereien des Zeugen He?ling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen. ?Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings [pg 232]ein Interesse daran, sich mit dem Hauptbelastungszeugen Doktor He?ling gut zu stellen, weil n?mlich seine Tochter –." Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzul?ssig, und auf der Tribüne entstand ein mi?billigendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der Regierungspr?sident beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte deutlich: ?Ihr Sohn macht ja nette Zicken!"
Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der kleine Greis stürmte in den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tür schrie er seine Personalien herüber, und die Eidesformel sagte er gel?ufig her, ohne sie sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu bewegen, als da? an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der herrliche Brief Seiner Majest?t mit dem Bekenntnis zum positiven Christentum! ?Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren Richter, davon wee? 'ch Sie nischt. Da hab' 'ch grade ? bi?chen geschlummert." – ?Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!" verlangte der Vorsitzende. ?Ich nicht!" rief Kühnchen. ?Ich hab' eegal von unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered't. Die Franktir?hrs! hab 'ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ? Franktir?hr draufgebissen, blo? weil ich ihm mit mei'm S?bel ? kleenes bi?chen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!" Und Kühnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. ?Abtreten!" kr?chzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der R?umung des Saals.
Major Kunze trat auf: steif, wie auf R?dern, und den Eid leistete er in einem Ton, als stie?e er gegen Sprezius [pg 233]schwere Beleidigungen aus. Darauf erkl?rte er kurzweg, da? er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er sei erst sp?ter in den Ratskeller gekommen. ?Ich kann nur sagen, das Verhalten des Herrn Doktor He?ling riecht mir nach Denunziantentum."
Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wu?te, woher es kam, auf der Tribüne mi?traute man einander und rückte, das Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn schon l?ngst auf seiner Brust lag, rührte sich im Schlaf.
Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorg?nge berichtet h?tten, seien doch nationale M?nner gewesen, erwiderte der Major nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor He?ling habe er gar nicht gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer Stimme wie ein Messer sagte er: ?Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage, ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie sich darüber ?u?ern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark geliehen hat." Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte. Jadassohns Kühnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg aus und erreichte von Kunze, da? er zugab, die Entrüstung der Nationalgesinnten über Lauers ?u?erungen sei echt gewesen, auch seine eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majest?t gemeint. – Hier hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. ?Da der Herr Vorsitzende unn?tig findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen beleidigt, kann es auch uns gleich sein!" Sofort hackte Sprezius nach ihm. ?Herr Verteidiger! Das [pg 234]ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!" – ?Eben das stelle ich fest", fuhr Buck unbeirrt fort. ?Zur Sache selbst behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, da? der Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat." ?Ich habe mich gehütet!" rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: ?Sollte dies dennoch als wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen Almanachs darüber als Sachverst?ndigen zu vernehmen, welche deutsche Fürsten jüdisches Blut haben." Damit setzte er sich wieder, befriedigt von dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein dr?hnender Ba? sagte: ?Unerh?rt!" Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war davon erwacht. Der Gerichtshof steckte die K?pfe zusammen, dann verkündete der Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein Wahrheitsbeweis nicht zul?ssig sei. Kundgebung der Mi?achtung genüge zum Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des Bürgermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die ?ffentliche Meinung einlenkte und ganz leise denen n?her kam, die geschickter waren und die Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.
Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauff?llig war er pl?tzlich da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte, wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wu?te alles, belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete flie?end, als sage er einen Leitartikel her; h?chstens da? zwischen [pg 235]den Abs?tzen der Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem Musterschüler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme der ?Netziger Zeitung" für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: ?Wir sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist –." Er mu?te sich drau?en im Korridor darüber informiert haben! Buck nahm eine ironische Stimme an. ?Ich stelle fest, da? der Zeuge eine etwas sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet." Aber Nothgroschen war nicht einzuschüchtern. ?Ich bin Journalist," erkl?rte er, und er setzte hinzu: ?Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des Verteidigers zu schützen." Sprezius lie? sich nicht bitten; und er entlie? den Redakteur in Gnaden.
Es schlug zw?lf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, da? der Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfügung des Gerichts halte. Er ward aufgerufen – und kaum, da? er sich in der Tür zeigte, gingen alle Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergr??erte sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete Entschlossenheit. Diederich stellte fest, da? er von seinen zwei Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gew?hlt hatte.
Welche Eindrücke er w?hrend der Voruntersuchung von dem Zeugen He?ling gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und selbst?ndig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverl?ssigkeit des Zeugen, die Fritzsche an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte [pg 236]nachprüfen k?nnen, stand au?er allem Zweifel. Da? der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erkl?ren ... Und der Angeklagte? – Hier h?rte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte hinunter. Auch der Angeklagte hatte pers?nlich einen eher günstigen Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.
?Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm zur Last gelegten Delikts f?hig?" fragte Sprezius.
Fritzsche erwiderte: ?Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrücklich beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehütet haben."
?Das sagt der Angeklagte selbst", bemerkte der Vorsitzende streng. Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine bürgerliche Wirksamkeit gew?hnt, Autorit?t mit fortschrittlichen Neigungen zu verbinden. Er hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, da? er in gereiztem Zustand – und durch die Erschie?ung des Arbeiters von seiten des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefühlt – seinen politischen Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob ?u?erlich vielleicht auch einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern lie?.
Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die Landgerichtsr?te Harnisch und Kühlemann warfen Blicke auf das Publikum, durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt noch seine N?gel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die H?nde des Angeklagten waren krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt, und die [pg 237]Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau. Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbge?ffneten Mundes, wie abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schw?che. Die Schwiegermutter des Bürgermeisters ?u?erte deutlich: ?Und zwei Kinder hat sie zu Hause." Pl?tzlich schien Lauer das Geflüster um ihn her zu bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank zusammen, sein stark ger?tetes Gesicht entleerte sich so j?h vom Blut, da? der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rückte.
Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die Sache aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geübt? Und das protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für Diederich ... Auch Wolfgang Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit einer Miene, als mü?te er sich erbrechen.
Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des K?rpers, die nicht unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflüstert. Die Schwiegermutter des Bürgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der Frau des Angeklagten zielend: ?Eine nette Gesellschaft!" Man widersprach [pg 238]ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu überlassen. Guste Daimchen bi? sich auf die Lippe, K?thchen Zillich schickte einen raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu dem Haupt der Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte sü?: ?Ich hoffe, lieber Freund und G?nner, alles wird noch gut."
Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: ?Lassen Sie mal den Zeugen Cohn 'rein!" Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende schnupperte in die Luft. ?Hier riecht es aber schlecht", bemerkte er. ?Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!" Und er suchte mit den Augen unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedr?ngt sa?. Dagegen war auf den unteren B?nken freier Raum, und der freieste um den Regierungspr?sidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe.... Das ge?ffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren unter den ausw?rtigen Journalisten, die dort hinten verstaut sa?en. Aber Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre Rockkragen.
Jadassohn sah siegesgewi? dem Zeugen entgegen. Sprezius lie? ihn eine Weile reden, dann r?usperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der Hand. ?Zeuge Cohn," begann er, ?Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen bestehenden Warenhauses seit 1889?" Und unvermittelt: ?Geben Sie zu, da? gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren Lokalit?ten durch Erschie?en das Leben genommen hat?" Und mit d?monischer Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war au?erordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. ?Die alte Verleumdung!" kreischte er. ?Er hat es doch gar nicht meinetwegen getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit [pg 239]der Geschichte haben die Leute mich schon einmal kaputt gemacht, und nun f?ngt der Mann wieder an!" Auch der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war Cohn erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn geradeheraus: ?Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes Gesch?ft, wovon leben Sie?" Hier entstand ein solches Gemurmel, da? Sprezius schnell eingriff: ?Herr Staatsanwalt, geh?rt das wirklich zur Sache?" Aber Jadassohn war allem gewachsen. ?Herr Vorsitzender, die Anklagebeh?rde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, da? der Zeuge sich in wirtschaftlicher Abh?ngigkeit von seinen Verwandten, besonders aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist danach zu bemessen." Der lange, elegante Herr Buck stand mit gesenktem Kopf da. ?Das genügt", erkl?rte Jadassohn; und Sprezius entlie? diesen Zeugen. Seine fünf T?chter rückten unter den Blicken der Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine L?mmerherde im Unwetter. Das minder gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat wohlwollend um Ruhe und lie? sich den Zeugen Heuteufel kommen.
Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.
?Ich m?chte zun?chst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die das Delikt der Majest?tsbeleidigungen darstellenden ?u?erungen durch seine Zustimmung begünstigt und noch versch?rft zu haben." Heuteufel er[pg 240]widerte: ?Ich gebe gar nichts zu", – worauf Jadassohn ihm seine Aussage im Vorverh?r entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: ?Ich beantrage Gerichtsbeschlu? darüber, da? die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben soll, weil er der Teilnahme am Delikt verd?chtig ist." Noch schneidender: ?Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge geh?rt zu den von Seiner Majest?t dem Kaiser mit Recht so genannten vaterlandslosen Gesellen. überdies beflei?igt er sich in regelm??igen Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für freie Menschen bezeichnet, der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen gegenüber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert sind." Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, l?chelte skeptisch und meinte, die religi?sen überzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien offenbar von m?nchischer Strenge, es k?nne ihm nicht zugemutet werden, da? er einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht aber werde wohl anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verh?hnung seiner Person beantragte er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die H?nde in die Taschen und ma? mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich. Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen [pg 241]Heuteufel ward vorerst ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verh?hnung des Herrn Staatsanwalts in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.
In das weitere Verh?r Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zulie?? Er hatte schon den Mund ge?ffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch rechtzeitig, da? man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf Heuteufel den mustergültigen Zust?nden im Hause Lauer hohes Lob spendete. Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. ?Will der Zeuge sich auch darüber ?u?ern, welcher Art die Weiber sind, aus deren Bekanntschaft er pers?nlich die Kenntnis des Familienlebens sch?pft, und ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund Klein-Berlin hei?t?" Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, da? die Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte noch zu antworten: ?Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns dort wohl begegnet." Aber das diente nur dazu, da? Sprezius ihm eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. ?Der Zeuge hat im Saal zu bleiben", entschied der Vorsitzende schlie?lich. ?Das Gericht braucht ihn noch zur weiteren Aufkl?rung des Tatbestandes." Heuteufel ?u?erte: ?Ich meinerseits bin aufgekl?rt über den Betrieb hier und würde es vorziehen, das Lokal zu verlassen." Sofort wurden aus den fünfzig Mark hundert.
[pg 242] Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als ?u?erte sich die Stimmung in diesem merkwürdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnütz verbraucht; und das G?hnen der vom Hunger in die L?nge gezogenen Gesichter, die Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhie? ihm nichts Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen für die Nachmittagssitzung zu beantragen. ?Da der Herr Staatsanwalt es zum System erhebt, die Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit, den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der ersten M?nner von Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeister Dr. Scheffelweis wird dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten bezeugen. Der Herr Regierungspr?sident von Wulckow wird nicht umhin k?nnen, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu best?tigen."
?Nanu", sagte dahinten aus dem freien Raum der dr?hnende Ba?. Buck strengte seine Stimme an.
?Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine s?mtlichen Arbeiter eintreten."
Und Buck setzte sich, h?rbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: ?Der Herr Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung." Die Richter berieten flüsternd; und Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters Dr. Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister im Saal war, wurde er sogleich aufgerufen.
[pg 243] Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die einander widersprechen mu?ten, denn der Bürgermeister langte sichtlich verst?rt am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der bürgerlichen ?ffentlichkeit bet?tigte? Dr. Scheffelweis wu?te Gutes darüber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den st?dtischen Kollegien eingesetzt für die Wiederherstellung des altberühmten Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den Saalbau der ?Freien Gemeinde" hatte er unterstützt und dadurch unleugbar viel Ansto? erregt. Im Gesch?ftsleben sodann geno? der Angeklagte die allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik eingeführt hatte, wurden vielfach bewundert, – wenn freilich auch dagegen eingewendet ward, da? sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu bef?rdern geeignet waren. ?Würde der Herr Zeuge", fragte der Verteidiger, ?den Angeklagten des ihm zur Last gelegten Delikts für f?hig halten?" – ?Einerseits", erwiderte Scheffelweis, ?gewi? nicht." – ?Aber andererseits?" fragte der Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: ?Andererseits gewi?."
Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; seine zwei Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da r?usperte Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor He?ling zu vernehmen, der seine Aussage zu erg?nzen wünsche. Sprezius klappte mi?gelaunt mit den Lidern, das Publikum, [pg 244]das soeben aus den B?nken herausrutschte, murrte laut; – aber Diederich war schon vorgetreten, festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen. Nach reiflicher überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, da? er seine im Vorverh?r gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten k?nne; und er wiederholte sie, aber versch?rft und erweitert. Er fing mit der Erschie?ung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuh?rer, die das Fortgehen vergessen hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen über die blutbetropfte Kaiser-Wilhelm-Stra?e bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und den Angeklagten herausfordern auf Leben und Tod.
?Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht l?nger, ich habe ihn herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit nur meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder erfüllen, m?gen mir daraus in gesellschaftlicher und gesch?ftlicher Beziehung selbst noch mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt habe! Der uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt bet?tigen, mag ihm angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich vorhin mit meiner Aussage noch z?gerte, war es nicht nur, wie der Untersuchungsrichter mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des Ged?chtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte. Aber ich nehme ihn auf mich, [pg 245]denn kein Geringerer als Seine Majest?t unser erhabener Kaiser verlangt es von mir ..." Diederich sprach flie?end weiter, mit einem Schwung in den S?tzen, der einem den Atem nahm. Jadassohn fand, da? der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kühlemann sogar lie? die Lippe h?ngen und h?rte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl, sp?hte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll eines feindlichen Entzückens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! ?M?gen unsere Bürger", rief Diederich, ?endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange gewiegt haben, und nicht blo? dem Staat und seinen Organen die Bek?mpfung der umw?lzenden Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das ist Befehl Seiner Majest?t und, meine Herren Richter, da sollte ich z?gern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen in den Staub zu ziehen ..."
Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius freilich nicht mehr m?glich, den Zeugen zu unterbrechen.
In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig Widerhall gefunden! Hier verschlo? man Augen und Ohren vor der Gefahr, man verharrte in den veralteten Anschauungen einer spie?bürgerlichen Demo[pg 246]kratie und Humanit?t, die den vaterlandslosen Feinden der g?ttlichen Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen gro?zügigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. ?Die Aufgabe der modern gesinnten M?nner ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!" Und Diederich schlo?: ?Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt, dem Angeklagten, als er n?rgeln wollte, mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Ich habe ohne pers?nlichen Groll gehandelt, um der Sache willen. Sachlich sein hei?t deutsch sein! Und ich meinerseits" – er blitzte zu Lauer hinüber – ?bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie sind der Ausflu? eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause auf Ehre h?lt und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!"
Gro?e Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung, die er ausdrückte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd und wankend, stemmte sich am Gel?nder seiner Bank empor; er hatte rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe ihn der Schlag gerührt. ?Oh!" machten weibliche Stimmen, voll erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige rauhe Laute gegen Diederich auszusto?en: sein Verteidiger hatte ihn am Arm erfa?t und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der Vorsitzende, da? der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb bet?ubt, sah sich auf einmal bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn [pg 247]beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die Hand: die Verurteilung sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den erfolgreichen Diederich daran, da? zwischen ihnen niemals eine Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, prüfend und traurig, so traurig, da? auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig nachsah.
Pl?tzlich merkte er, da? die fünf T?chter Buck sich nicht entbl?deten, ihm Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht habe. Da ma? er diese fünf herausgeputzten G?nse, eine nach der anderen, von oben bis unten und erkl?rte ihnen, streng und abweisend, es g?be Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt lie?en sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang Buck holte sie ein, l?chelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen Blick hin, der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen Pfeiler und lie?, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorüber.
Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspr?sident, Herr von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, schlug im rich[pg 248]tigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow blieb stehen. ?Na also!" sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte Diederich auf die Schulter. ?Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare Gesinnung. Wir sprechen uns noch." Und er ging weiter auf seinen kotigen Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und hinterlie?, durchdringend wie je, diesen Geruch gewaltt?tiger M?nnlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.
Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister auf, mit Frau und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.
Zu Hause wu?ten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibül auf das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erz?hlen lassen, was vorging. Frau He?ling umarmte ihren Sohn unter stummen Tr?nen. Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie nur Geringsch?tzung gehabt für Diederichs Rolle im Proze?, die sich nun als so gl?nzend erwies. Aber Diederich, in der sch?nen Verge?lichkeit des Sieges, lie? Wein zum Essen auftragen, und er erkl?rte ihnen, der heutige Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. ?Die fünf Damen Buck werden sich hüten, auf der Stra?e wegzusehen. Sie k?nnen froh sein, wenn ihr sie zurückgrü?t!" Die Verurteilung des Lauer war, so versicherte Diederich, nur mehr eine Formalit?t. Sie war entschieden, und mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! ?Freilich –" und er nickte in sein Glas – ?trotz voller Pflichterfüllung h?tte es schief gehen k?nnen, und dann, meine Lieben, das [pg 249]wollen wir uns nur gestehen, dann w?re ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!" Da Magda erbleichte, klopfte er ihr den Arm. ?Jetzt sind wir fein heraus." Und das Glas erhoben, mit m?nnlicher Festigkeit: ?Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!" Er ordnete an, da? beide sich sch?n machten und mitk?men. Frau He?ling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren nicht dieselben. S?mtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen, Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben sich besiegt! Die Stadt wu?te es, man dr?ngte sich herbei, ihre Niederlage zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis in die vorderen B?nke. Wer von dem einstigen Klüngel sich noch hier fand, Kühnchen und Kunze trugen Sorge, da? jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung lese. Auch einige verd?chtige Gestalten freilich sa?en dazwischen: junge Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden M?dchen, die unheimlich sch?ne Farben im Gesicht hatten; und alle tauschten Grü?e mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht entbl?det, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete auf seine Frau! ?Wenn er meint, da? sie noch kommt!" dachte Diederich. Aber da kam sie: noch bleicher als heute früh, begrü?te ihren Gatten mit einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende [pg 250]er?ffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.
Jadassohn begann sofort mit ?u?erster Heftigkeit; nach einigen S?tzen fand er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des Stadttheaters l?chelten einander geringsch?tzig zu. Jadassohn bemerkte es, er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme überschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten M?dchen fielen auf die Brüstung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. ?Merkt denn Sprezius nichts?" fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. Aber das Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wu?te Wulckow, und auch Sprezius wu?te es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn selbst fühlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je ger?uschvoller er ward. Als er schlie?lich zwei Jahre Gef?ngnis beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann schrak auf, mit einem Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und dann sagte er: ?Der Herr Verteidiger hat das Wort."
Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der Tribüne murmelten beif?llig, was Buck trotz Sprezius' gesch?rftem Schnabel in Ruhe abwartete. Dann erkl?rte er leichthin, als werde er mit allem in zwei Minuten fertig werden, da? die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten durchaus günstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit Unrecht die Anschauung, da? die Aussage von Zeugen, die erst infolge [pg 251]drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt h?tten, irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, da? sie auf geradezu gl?nzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als wahrheitsliebend bekannte M?nner nur durch eine Erpressung –. Weiter kam er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, da? der Angeklagte die ihm zur Last gelegte ?u?erung wirklich getan habe, so entfalle hier doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor He?ling habe offen eingestanden, da? er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge He?ling, durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen Hilfe eines anderen und unter bewu?ter Ausnutzung seiner Erregung vollführt habe. Der Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die n?here Besch?ftigung mit dem Zeugen He?ling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm ward schwül. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn wieder.
Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglück des Zeugen He?ling, den er als das Opfer eines weit H?heren betrachte. ?Warum h?ufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen Majest?tsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorg?nge wie die Erschie?ung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die diese Vorg?nge begleiten." Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck lie? sich nicht st?ren; er machte sein Organ m?nnlich und stark.
?Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen [pg 252]Seite zeitigen Zurückweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht für mich ist, ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und Majest?tsbeleidigern."
Da hackte Sprezius zu. ?Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, da? Sie an Worten des Kaisers hier Kritik üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen."
?Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden", sagte Buck, und die Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. ?Ich werde also nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen He?ling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gew?hnlichem Verstand, abh?ngig von Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn standen, und von gro?em Selbstbewu?tsein, sobald sie sich gewendet hatten."
Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte Sprezius ihn nicht? Es w?re seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann lie? er in ?ffentlicher Sitzung ver?chtlich machen – von wem? Vom Verteidiger, dem berufsm??igen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fühlte seine herablassende Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!
?Wie er", sagte Buck, ?waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr Gesch?ft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem neuen [pg 253]Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Pers?nlichkeit, das Wirkenwollen um jeden Preis, w?re er auch von anderen zu bezahlen. Die Andersdenkenden sollen Feinde der Nation hei?en, und w?ren sie zwei Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem Untertan von seiner Macht das N?tige leihen soll, um die noch kleineren niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn noch den Untertan gibt, erh?lt das ?ffentliche Leben einen Anstrich schlechten Kom?diantentums. Die Gesinnung tr?gt Kostüm, Reden fallen, wie von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie den der Majest?t, den doch kein Mensch mehr, au?er in M?rchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majest?t ..." wiederholte Buck, das Wort durchschmeckend, und einige H?rer schmeckten es mit. Die Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beif?llig. Den anderen sprach Buck zu gew?hlt, und da? er an keinen Dialekt anklang, befremdete. Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig: ?Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen." Durch das Publikum lief eine Bewegung. Wie Buck den Mund wieder ?ffnete, versuchte jemand zu klatschen, Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden M?dchen gewesen.
?Erst der Herr Vorsitzende", sagte Buck, ?hat die Person des Monarchen genannt. Aber, da sie nun genannt [pg 254]ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das Gericht, feststellen, da? diese Person durch die Vollst?ndigkeit, mit der sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrückt und darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges bekommt. Ich will den Kaiser – und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu unterbrechen – einen gro?en Künstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle kennen nichts H?heres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, da? jeder mittelm??ige Zeitgenosse ihm nach?fft. Im Glanz des Thrones mag einer seine zweifellos einzige Pers?nlichkeit spielen lassen, mag reden, ohne da? wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den Ha? imagin?rer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergi?t ..."
Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen und gespannte Augen, als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte? Sprezius hielt den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine erbitterte Begeisterung. Pl?tzlich lie? er die Mundwinkel fallen, grau schien es um ihn her zu werden.
?Aber ein Netziger Papierfabrikant?" fragte er. Er war nicht gestürzt, er hatte wieder Boden unter den Fü?en! Nun sah alles sich nach Diederich um, und man l?chelte sogar. Auch Emmi und Magda l?chelten. Buck hatte seine Wirkung, und Diederich mu?te sich leider sagen, da? ihr gestriges Gespr?ch auf der Stra?e hierfür die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter dem offenen Hohn des Redners.
?Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzuma?en, für die sie nicht fabriziert sind. Zischen [pg 255]wir sie aus! Sie haben kein Talent! Das ?sthetische Niveau unseres ?ffentlichen Lebens, das vom Auftreten Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erh?hung erfahren hat, kann durch Kr?fte wie den Zeugen He?ling nur verlieren ... Und mit dem ?sthetischen, meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der bürgerliche."
Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis zum Pathos.
?Denn, meine Herren Richter, ich beschr?nke mich nicht auf die mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer ist. Mehr Ver?nderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das Beispiel eines gro?en Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes Beispiel war! Dann kann es geschehen, da? über das Land sich ein neuer Typus verbreitet, der in H?rte und Unterdrückung nicht den traurigen Durchgang zu menschlicheren Zust?nden sieht, sondern den Sinn des Lebens selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er sich, eisern zu scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit unberechtigter Berufung auf einen noch H?heren wird er l?rmend und unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden gesch?ftlichen Zwecken dienen. Zuerst bringt die Kom?die seiner Gesinnung einen Majest?tsbeleidiger ins Gef?ngnis. Sp?ter findet sich, was daran zu verdienen ist. Meine Herren Richter!"
Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er trug die gesammelte Miene eines Führers. Und er legte los, mit allem, was er hatte.
?Sie sind souver?n; und Ihre Souver?nit?t ist die erste und st?rkste. In Ihrer Hand ist das Schicksal des einzel[pg 256]nen. Sie k?nnen ihn in das Leben schicken oder ihn sittlich t?ten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der Individuen, die Sie guthei?en oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und so haben Sie Macht über unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unerme?liche Verantwortung, ob künftig M?nner wie der Angeklagte die Gef?ngnisse füllen und Wesen wie der Zeuge He?ling der herrschende Teil der Nation sein sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Kom?die und Wahrheit! Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem N?chsten so sehr sich selbst achtet, sollte f?hig sein, von der Person des Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?"
Die H?rer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man auf den Angeklagten, der die Stirn in die Hand stützte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah. Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen sa? er da, als h?tte Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann nickte achtungsvoll, und an Jadassohn zeigten sich unwillkürliche Zuckungen.
Aber Buck mi?brauchte seinen Erfolg, er lie? sich berauschen. ?Das Erwachen des Bürgers!" rief er aus. ?Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die stille Tat eines Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe selbst eines gekr?nten Künstlers!"
[pg 257] Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe lie? der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche. Jadassohn verneinte geringsch?tzig, und der Gerichtshof zog sich rasch zurück. ?Das Urteil wird bald gefunden sein", sagte Diederich mit Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. ?Gott sei Dank!" sagte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. ?Man sollte nicht glauben, da? vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren." Sie wies auf Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die Schauspieler beglückwünschten.
Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete das Urteil: sechs Monate Gef?ngnis – was allen die natürlichste L?sung schien. Dazu war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten ?ffentlichen ?mter erkannt worden.
Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, da? eine beleidigende Absicht zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im Gegenteil: da? der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des Angeklagten, da? er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für hinf?llig befunden. ?Den H?rern der Rede mu?te sich – nament[pg 258]lich bei ihrer Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des Angeklagten – die Ansicht aufdr?ngen, da? seine ?u?erung sich gegen den Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, da? er sich wohl gehütet habe, eine Majest?tsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen."
Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht günstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem halben Jahr, das er absitzen mu?te, aus seinem Gesch?ft werden! Infolge des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, der so dick tat, war der Denkzettel zu g?nnen. Man sah sich nach der Frau des Str?flings um; aber sie war verschwunden. ?Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette Verh?ltnisse!"
Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen Urteilen n?tigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war nach dem Süden gereist. Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort oben in der Vogtei sa?, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und – ein auffallendes Zusammentreffen!
Landgerichtsrat Fritzsche nahm pl?tzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich, um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es w?re kaum [pg 259]noch n?tig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder auszuforschen: man wu?te Bescheid! Der Skandal war so gro?, da? die ?Netziger Zeitung" eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend gerichteten Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen durch Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte Nothgroschen dar, da? man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb eingeführten, besonders zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von der Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der Arbeiter gez?hlt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren: vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, da? er im Gef?ngnis das sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, da? er durch seine leichtsinnige Majest?tsbeleidigung mehrere hundert Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gef?hrdet habe.
Die ?Netziger Zeitung" trug der ver?nderten Lage noch in anderer, sehr bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das He?lingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei gestiegen und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte sich sofort, da? dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er war beteiligt an der Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand lie?, fürchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisbl?tter! Die [pg 260]Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Da? Diederich durch seine Zeugenaussage den Pr?sidenten auf sich aufmerksam gemacht hatte, mu?te der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr in die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das über die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward unruhig. ?Er m?chte mich abspeisen mit der ?Netziger Zeitung'! Aber so billig tun wir's nicht. In dieser harten Zeit! Hat er 'ne Ahnung von meiner Gro?zügigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe ihn einfach!" sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult, so da? S?tbier emporschrak. ?Hüten Sie sich vor Aufregungen!" h?hnte Diederich. ?In Ihren Jahren, S?tbier! Ich gebe zu, früher haben Sie manches geleistet für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holl?nder war schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt h?tte ich ihn n?tig für die ?Netziger Zeitung'. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts mehr."
Zu den Folgen, die der Proze? für Diederich hatte, geh?rte auch ein Brief des Majors Kunze. Dieser wünschte ein bedauerliches Mi?verst?ndnis aufzukl?ren und teilte mit, da? der Aufnahme des hochverdienten Herrn Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerührt durch seinen Triumph, h?tte am liebsten gleich die beiden H?nde des alten Soldaten ergriffen. Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, da? der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war! Der Regierungspr?sident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und sich gewundert, den Doktor He?ling nicht dort zu finden. Da ward Diederich es inne, was für eine Macht er war. Er handelte demgem??. Er [pg 261]antwortete auf die private Er?ffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an den Verein und forderte den pers?nlichen Besuch von zwei Mitgliedern des Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. Sie kamen auch; Diederich empfing sie, zwischen Gesch?ftsbesuchen, die er absichtlich auf diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die Adresse, von deren überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags abh?ngig machte. Darin lie? er sich best?tigen, da? er, mit gl?nzender Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und kaisertreue Gesinnung bew?hrt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen, den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe beizubringen. Aus einem unter den gr??ten pers?nlichen Opfern geführten Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.
Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich, Tr?nen in der Stimme, bekannte sich unwürdig, so viel Lob entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, so sei dies, n?chst Gott, einem H?heren zu danken, dessen erhabene Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe ... Alle, auch Kunze und Kühnchen, waren bewegt. Es war ein gro?er Abend. Diederich stiftete einen Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die Schwierigkeiten berührte, denen die neue Milit?rvorlage im Reichstage begegnete. ?Einzig unser scharfes Schwert", rief Diederich aus, ?sichert unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf Seiner Majest?t des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden will, mag sich hüten, da? es sie nicht zuerst [pg 262]trifft! Mit Seiner Majest?t ist nicht zu spa?en, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen." Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wü?te er manches. Im selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. ?Neulich auf dem Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: ?Wenn die Kerls mir meine Soldaten nicht bewilligen, r?um' ich die ganze Bude aus!'" – Das Wort erregte Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen war, h?tte er nicht mehr sagen k?nnen, ob es von ihm selbst war oder nicht doch vom Kaiser. Schauer der Macht str?mten aus dem Wort auf ihn ein, als w?re es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der ?Netziger Zeitung" und schon am Abend im ?Lokal-Anzeiger". Schlechtgesinnte Bl?tter verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.
* * *
[pg 263]