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Chapter 5 No.5

Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte nur wegen des Stückes sein, das die Regierungspr?sidentin beim n?chsten Fest der ?Harmonie" aufführen lie?. Emmi und Magda sollten Rollen bekommen. Freudeger?tet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus gn?dig gewesen; eigenh?ndig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, da? sie mit ihren fünfzig Mark –.

Aber Diederich er?ffnete ihnen einen unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er sch?n genug. Das Wohnzimmer lag voll von B?ndern und künstlichen Blumen, die M?dchen verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste Daimchen.

?Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert", sagte sie und versuchte g?nnerhaft zu l?cheln; aber ihre Augen gingen besorgt über die B?nder und Blumen. ?Das ist wohl auch für das dumme Stück?" fragte sie. ?Wolfgang hat davon geh?rt, er sagt, es ist unerh?rt dumm." Magda erwiderte: ?Dir mu? er es doch sagen, weil du nicht mitspielst." Und Diederich erkl?rte: ?Damit entschuldigt er sich dafür, da? Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden." Guste lachte geringsch?tzig. ?Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen wir gerade." Diederich fragte: [pg 264]?Wollen Sie den ersten Eindruck des Prozesses nicht lieber vorübergehen lassen?" Er sah sie teilnehmend an. ?Liebes Fr?ulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl darauf hinweisen, da? Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der Gesellschaft nicht gerade nützt." – Guste zuckte mit den Augen, man sah, sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: ?Gott sei Dank, mit meinem Kienast ist es nicht so." Worauf Emmi: ?Aber Herr Buck ist interessanter. Neulich bei seiner Rede hab' ich geweint, wie im Theater." – ?Und überhaupt!" rief Guste ermutigt. ?Erst gestern hat er mir diese Tasche geschenkt." Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: ?Er hat wohl viel verdient mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit." Aber Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. ?Dann will ich auch nicht l?nger st?ren", sagte sie.

Diederich begleitete sie hinunter. ?Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie artig sind," sagte er, ?aber vorher mu? ich noch einen Blick in die Fabrik tun. Gleich wird Schicht gemacht." – ?Ich kann ja mitgehen", meinte Guste. Um ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der gro?en Papiermaschine. ?So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?" Und mit Wichtigkeit erl?uterte er ihr das System von Bassins, Walzen und Zylindern, worüber hin, durch die ganze L?nge des Saales, die Masse flo?: zuerst w?sserig, dann immer trockener – und am Ende der Maschine lief auf gro?en Rollen das fertige Papier ... Guste schüttelte den Kopf. ?Nein so was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!" Diederich, mit seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazu[pg 265]kam, war nur er schuld! Beide schrien gegen den L?rm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber Diederichs geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der Angelegenheit des Holl?nders erinnerte und die offene Verleugnung jeder Autorit?t war. Je heftiger Diederich sich geb?rdete, desto ruhiger ward der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend ?ffnete Diederich die Tür zum Packraum und lie? Guste eintreten. ?Der Mann ist Sozialdemokrat!" erkl?rte er. ?So ein Kerl w?re imstande, hier Feuer zu legen. Aber ich entlass' ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer der St?rkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!" Und da Guste ihn bewundernd ansah: ?Das h?tten Sie wohl nicht gedacht, auf was für einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen Güter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu geh?rt mehr Mut, als wenn einer vor Gericht sch?ne Reden h?lt."

Guste sah es ein, sie hatte eine and?chtige Miene. ?Hier ist es kühler," bemerkte sie, ?wenn man aus der H?lle nebenan kommt. Die Frauen hier k?nnen froh sein." – ?Die?" erwiderte Diederich. ?Die haben es wie im Paradies!" Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die Bogen, eine zweite prüfte nach, und die dritte z?hlte immerfort bis fünfhundert. Alles ging mit unerkl?rlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die arbeitenden H?nde, die im endlos über sie hingehenden Papier sich aufzul?sen schienen: H?nde und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr Gehirn, [pg 266]ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ... Guste g?hnte – indes Diederich erkl?rte, da? diese Weiber, die im Akkord arbeiteten, sich sch?ndliche Nachl?ssigkeiten zuschulden kommen lie?en. Er wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke fehlte. Aber Guste sagte pl?tzlich mit einer Art von Trotz: ?Sie brauchen sich übrigens nicht einzubilden, da? K?thchen Zillich sich für Sie besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere Leute", setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn meine, l?chelte sie blo? anzüglich. ?Ich mu? Sie doch bitten", wiederholte er. Darauf nahm Guste ihre g?nnerhafte Miene an. ?Ich sage es nur zu Ihrem Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum Beispiel? Aber K?thchen ist überhaupt so eine." Jetzt lachte Guste laut, so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. ?Mit Jadassohn?" forschte er angstvoll. Da h?rte der L?rm der Maschine auf, die Glocke ging, die den Schlu? der Arbeit anzeigte, und über den Hof entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. ?Was Fr?ulein Zillich macht, l??t mich kalt", erkl?rte er. ?H?chstens um den alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie das denn genauer?" Guste sah weg. ?überzeugen Sie sich doch selbst!" Worauf Diederich geschmeichelt lachte.

?Lassen Sie das Gas brennen!" rief er dem Maschinenmeister zu, der vorbeiging. ?Ich drehe selbst ab." Gerade ward der Lumpensaal weit ge?ffnet für die Fortgehenden. ?Oh!" rief Guste, ?dort drinnen ist es aber romantisch!" Denn sie erblickte dahinten in der D?mmerung lauter bunte Flecken aus grauen Hügeln und darüber einen Wald von ?sten. ?Ach", sagte sie im N?hertreten. [pg 267]?Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das sind ja blo? Lumpens?cke und Heizungsrohre." Und sie verzog das Gesicht. Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung sich auf den S?cken ausruhten. Mehrere, kaum, da? die Arbeit fortgelegt war, strickten schon, andere a?en. ?Das k?nnte euch passen", schnaubte er. ?W?rme schinden auf meine Kosten! Raus!" Sie standen langsam auf, ohne ein Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren M?nnerschuhen hinaus, schwerf?llig wie eine Herde und umgeben von dem Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie drau?en war. ?Fischer!" schrie er pl?tzlich. ?Was hat die Dicke da unterm Tuch?" Der Maschinenmeister erkl?rte mit seinem zweideutigen Grinsen: ?Das ist nur, weil sie was erwartet", – worauf Diederich unzufrieden den Rücken wandte. Er belehrte Guste. ?Ich glaubte, ich h?tte eine erwischt. Sie stehlen n?mlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus." Und da Guste die Nase rümpfte: ?Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!"

Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden. Pl?tzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und kü?te es gierig, im Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. ?Ach so, alle Leute sind schon fort." Sie lachte selbstsicher. ?Ich hab' mir doch gleich gedacht, was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben." Diederich machte ein herausforderndes Gesicht. ?Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen heute? Sie haben wohl gemerkt, da? ich doch nicht so ohne bin? Freilich Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor Gericht." Darauf [pg 268]sagte Guste entrüstet: ?Seien Sie nur ganz still, Sie werden doch nie so ein feiner Mann wie er." Aber ihre Augen sagten etwas anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. ?Wie der es eilig hat mit Ihnen! Wissen Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf mit Wurst und Kohl, und ich soll ihn umrühren!" – ?Jetzt lügen Sie", sagte Guste vernichtend; aber Diederich war im Zuge. ?Ihm ist n?mlich nicht genug Wurst und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht, Sie h?tten eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend Mark ist solch ein feiner Mann nicht zu haben." Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurück, so gef?hrlich sah es aus. ?Fünfzigtausend! Ihnen ist gewi? nicht wohl? Wie komme ich dazu, da? ich mir das mu? sagen lassen! Wo ich bare dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu liegen hab', in richtiggehenden Papieren! Fünfzigtausend! Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerz?hlt, den kann ich überhaupt belangen!" Sie hatte Tr?nen in den Augen; Diederich stammelte Entschuldigungen. ?Lassen Sie nur" – und Guste benutzte ihr Taschentuch. ?Wolfgang wei? genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst, Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!" rief sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine eingedrückte Nase war ganz wei? geworden. Er sammelte sich. ?Daran sehen Sie doch, da? Sie mir auch ohne Geld gefallen", gab er zu bedenken. Sie bi? sich auf die Lippen. ?Wer wei?", sagte sie mit einem Blick von unten, schmollend und unsicher. ?Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch schon Geld."

Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. ?Ich bin wirklich ganz echauffiert von Ihrem [pg 269]Betragen!" Aber sie lachte wieder. ?Haben Sie mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?" Er nickte bedeutsam. ?Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?" – ?Na, auf einem Lumpensack." – ?Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den S?cken hier hab' ich mal einen Arbeiter und ein M?dchen ertappt, wie sie gerade: Sie verstehen. Natürlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am selben Abend –" er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein Schauder h?herer Dinge – ?haben sie den Kerl totgeschossen, und das M?dchen ist verrückt geworden." Guste sprang auf. ?War das –? Ach Gott, das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den S?cken haben sie –?" Ihre Augen gingen über die S?cke, als suchte sie Blut darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflüchtet. Pl?tzlich sahen sie einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen Schauder, des Lasters oder des übersinnlichen. Sie atmeten h?rbar einander an. Guste schlo?, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch schon beide auf die S?cke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als seien sie dort unten am Ertrinken.

Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fu?, an dem er sie festhalten wollte, stie? sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, da? es krachte. Als Diederich sich glücklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie erlangte vor ihm die Sprache zurück. ?Das müssen Sie mit 'ner andern versuchen! Wie komm' ich überhaupt dazu!" Immer erbitterter: ?Ich hab' Ihnen doch gesagt, da? es dreihundertfünfzigtausend sind!" Diederich be[pg 270]wegte die Hand, um auszudrücken, da? er seinen Mi?griff zugebe. Aber Guste schrie auf: ?Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die Stadt gehen?" Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf. ?Haben Sie denn keine Bürste?" Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste rief ihm nach: ?Da? gef?lligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden morgen die Leute von mir!" Er ging nur bis an das Kontor. Wie er zurückkehrte, sa? Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den H?nden, und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Tr?nen. Diederich blieb stehen, h?rte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen. Mit tr?stender Hand bürstete er sie ab. ?Es ist doch nichts geschehen", wiederholte er. Guste stand auf. ?Das w?re auch noch sch?ner", – und sie musterte ihn mit Ironie. Da fa?te auch Diederich Mut. ?Ihr Herr Br?utigam braucht es ja nicht zu wissen", bemerkte er. Und Guste: ?Wenn schon!" – wobei sie sich auf die Lippen bi?.

Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann sich, indes Guste ihre Kleider gl?ttete. ?Nun los!" sagte sie. ?Eine Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an." Er sp?hte ihr unter den Hut. ?Wer wei?", sagte er. ?Denn da? Sie Ihren Buck lieben, das glaub' ich Ihnen seit fünf Minuten nicht mehr." Schnell rief Guste: ?O doch!" Und ohne Pause fragte sie: ?Was bedeutet denn das Zeug hier?"

Er erkl?rte: ?Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die Lumpen; Kn?pfe und so weiter bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute haben natürlich wieder nicht aufger?umt." Mit der Schirmspitze stocherte sie in dem Haufen; er setzte hinzu: ?Im Jahr behalten wir mehrere S?cke überbleibsel!" – ?Und was ist das da?" [pg 271]fragte Guste und griff rasch hin, nach etwas, das gl?nzte. Diederich ri? die Augen auf. ?Ein Brillantknopf!" Sie lie? ihn funkeln. ?Echt sogar! Wenn Sie ?fter so was finden, ist Ihr Gesch?ft nicht so übel." Diederich sagte zweifelnd: ?Den mu? ich natürlich abliefern." Sie lachte. ?An wen denn? Die Abf?lle geh?ren doch Ihnen!" Er lachte auch. ?Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch ausfindig machen, wer uns das geliefert hat." Guste sah ihn von unten an. ?Sie sind sch?n dumm", sagte sie. Er erwiderte mit überzeugung: ?Nein! Sondern ich bin ein Ehrenmann!" Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den kleinen Finger. ?Er mu? als Ring gefa?t werden!" rief sie aus, wie erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. ?Na, sollen ihn andere Leute finden!" – und unvermutet warf sie den Knopf zurück in die Lumpen. ?Sind Sie verrückt?" Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich und lie? sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles durcheinander. ?Gott sei Dank!" Er hielt ihr den Brillanten hin; aber Guste nahm ihn nicht. ?Ich g?nne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst sieht. Der steckt ihn ein, darauf k?nnen Sie sich verlassen, der ist nicht so dumm." – ?Ich auch nicht", erkl?rte Diederich. ?Denn wahrscheinlich w?re der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umst?nden brauche ich es nicht für inkorrekt zu halten –." Er legte den Brillanten wieder auf ihren Finger. ?Und wenn es auch inkorrekt w?re, er steht Ihnen so gut." Guste sagte überrascht: ?Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?" Er stammelte: ?Sie haben ihn ja gefunden, da mu? ich wohl." Da jubelte Guste. ?Das wird mein sch?nster Ring!" – ?Warum?" fragte Diederich, [pg 272]voll banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: ?überhaupt ..." Und mit einem pl?tzlichen Blick: ?Weil er nichts kostet, wissen Sie." Hierüber err?tete Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.

?Ach Herr Gott!" rief Guste pl?tzlich. ?Es mu? schrecklich sp?t sein. Schon sieben? Was sag' ich nur meiner Mutter?... Ich wei?, ich sag' ihr, ich hab' bei einem Tr?dler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er ist unecht, und hat blo? fünfzig Pfennig verlangt!" Sie ?ffnete ihren goldenen Sack und lie? den Knopf hineinfallen. ?Also adieu ... Aber Sie sehen aus! Wenigstens müssen Sie sich die Krawatte binden." Im Sprechen tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen H?nde unter seinem Kinn; ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward hei?, er hielt den Atem zurück. ?So", machte Guste und brach ernstlich auf. ?Ich drehe nur das Gas ab", rief er ihr nach. ?Warten Sie doch!" – ?Ich warte schon", antwortete sie von drau?en; – aber als er auf den Hof trat, war sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich hin. ?Nun sag' mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?" Er schüttelte sorgenvoll den Kopf über das ewige R?tsel der Weiblichkeit, das in Guste verk?rpert war.

Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorw?rts mit Guste, freilich ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Proze? gruppierten, hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch h?rte er nichts mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des Regierungspr?sidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wu?te nicht wie und was. [pg 273]Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die Schwestern Rollen bekommen im Stück der Pr?sidentin. Nur dauerte alles zu lange für Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang. Man quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Pl?nen; in jeden Tag, der anfing, h?tte man das alles auf einmal ergie?en wollen; und wenn er aus war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfa?te Diederich. Mehrmals vers?umte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den Rücken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die abendlich leere Meisestra?e zu Ende, durchma? die lange G?bbelchenstra?e, mit den vorst?dtischen Gasth?usern, bei denen Fuhrleute ein- oder ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben sa?, bewacht von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies nicht hatte tr?umen lassen. ?Hochmut kommt vor dem Fall", dachte Diederich. ?Wie man sich bettet, so liegt man." Und obwohl er den Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt hatten, nicht ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gef?ngnisses eine Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.

Hinter dem Burgtor führte die Landstra?e zu dem Hügel mit der Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau He?ling das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die Gausenfelder Stra?e ein. Er hatte [pg 274]es sich nicht vorgenommen und tat es nur z?gernd, denn es w?re ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem Wege überrascht h?tte. Aber es lie? ihn nicht: die gro?e Papierfabrik zog ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mu?te ihr auf einige Schritte nahekommen, sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines Abends ward Diederich aus dieser T?tigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum da? er noch Zeit behielt, sich in den Graben zu kauern. Und w?hrend die Leute, wahrscheinlich Angestellte der Fabrik, die sich versp?tet hatten, an seinem Versteck vorüberkamen, drückte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr begehrliches Funkeln h?tte ihn verraten k?nnen.

Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der ?Grüne Engel", eins der niedersten Gasth?user, krumm vor Alter, schmutzig und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem gew?lbten Gang eine Frauensperson. Diederich, von j?her Abenteuerlust gepackt, drang hinterdrein. Wie sie das r?tliche Licht einer Stallaterne durchschreiten mu?te, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. ?Guten Abend, Fr?ulein Zillich!" – ?Guten Abend, Herr Doktor!" Und da standen sie beide mit offenem Munde. K?thchen Zillich war die erste, die etwas hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten [pg 275]in der Schenke, und die Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, da? K?thchen in einer noch viel verd?chtigeren Lage sei. Er ersparte es sich also, seine Anwesenheit im ?Grünen Engel" zu erkl?ren, und schlug einfach vor, dann k?nne man in der Gaststube auf die Kinder warten. K?thchen weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch für sie Bier. ?Prost!" sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, da? sie bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses sich beinahe verlobt h?tten. K?thchen ward unter ihrem Schleier rot und bla? und verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke geschoben und sa? breit davor. ?Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!" sagte er gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: pl?tzlich stand er da und sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. ?Also doch!" dachte Diederich. Jadassohn schien etwas ?hnliches zu denken; keiner der Herren fand Worte. K?thchen begann wieder von Kindern und Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn h?rte ihr mit Mi?billigung zu, er lie? sogar die Bemerkung fallen, gewisse Geschichten seien ihm zu verwickelt, – und er blickte inquisitorisch auf Diederich.

?Im Grunde", versetzte Diederich, ?ist es doch einfach. Fr?ulein Zillich sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr."

?Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen", erg?nzte [pg 276]Jadassohn schneidend; da sagte K?thchen: ?Und von wem auch nicht."

Die Herren setzten die Gl?ser hin. K?thchen hatte es aufgegeben zu weinen, sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwürdig hellen Augen von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes bekommen. ?Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind", setzte sie hinzu, indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich, nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit K?thchens anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen, bis Diederich sich gegen K?thchen entrüstete. ?Heute lernt man Sie aber gründlich kennen!" rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte K?thchen ihr Damengesicht zurück. ?Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?" Jadassohn erg?nzte: ?Ich nehme an, da? Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe treten wollen!" – ?Ich meine nur," stammelte Diederich, ?so gef?llt Fr?ulein Zillich mir viel besser." Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit. ?Neulich, wie wir uns beinahe verlobt h?tten, hat sie mir nicht halb so gefallen." Da lachte K?thchen los: ein Gel?chter, ganz frei aus dem Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er lachte mit, Jadassohn auch, alle drei w?lzten sich lachend auf ihren Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.

?Nun mu? ich aber gehen," sagte K?thchen, ?sonst kommt Papa vor mir nach Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche Bilder." Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. ?Da haben Sie auch welche." Jadassohn bekam die [pg 277]Sünderin Magdalena, Diederich das Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. ?Ich will auch eine Sünderin." K?thchen suchte, fand aber keine mehr. ?Also bleibt es bei dem Schaf", entschied sie, und man zog ab, K?thchen in der Mitte eingeh?ngt. Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht beleuchtete G?bbelchenstra?e dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das K?thchen angestimmt hatte. An einer Ecke erkl?rte sie, eilen zu müssen, und verschwand in der Seitengasse. ?Adieu Schaf!" rief sie Diederich zu, der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und pl?tzlich nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu überzeugen, da? dies alles nur ein zuf?lliger Scherz sei. ?Es liegt durchaus nichts Mi?verst?ndliches vor, das m?chte ich feststellen."

?Ich denke nicht daran, hier etwas mi?zuverstehen", sagte Diederich.

?Und wenn ich", fuhr Jadassohn fort, ?den Vorzug h?tte, von der Familie Zillich für eine n?here Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser Vorfall würde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht, wenn ich dies ausspreche."

Diederich erwiderte: ?Ich wei? Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu würdigen." Darauf schlugen die Herren die Abs?tze zusammen, schüttelten einander die H?nde und trennten sich.

K?thchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht; Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich jetzt wieder im ?Grünen Engel" zusammenfinden. Er ?ffnete den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte ihn, weil er eine b?sartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentm??ig aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine [pg 278]gewisse Achtung und Sympathie für Jadassohn. Auch er selbst würde so gehandelt haben! Unter M?nnern verst?ndigte man sich. Aber so ein Weib! K?thchens anderes Gesicht, die Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen war, dies tückische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am Grunde seines eigenen Herzens wu?te: es erschütterte ihn wie ein Blick ins Bodenlose. Er kn?pfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten au?erhalb der bürgerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.

Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so bedrohlich, da? die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau He?ling nahm ihren Mut zusammen. ?Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?" Anstatt einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. ?Mit K?thchen Zillich verkehrt ihr nicht mehr!" Da sie ihn ansahen, err?tete er und stie? drohend aus: ?Sie ist eine Verworfene!" Aber sie verzogen nur den Mund; und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging, schienen sie nicht weiter aufzuregen. ?Du sprichst wohl von Jadassohn?" fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren also eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er mu?te sich die Stirn trocknen. Magda sagte: ?Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast bei K?thchen, uns hast du ja nicht gefragt", worauf Diederich, um sein Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Sto? gab, da? alle aufkreischten. Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch anst?ndige M?dchen. Frau He?ling bat zitternd: ?Du brauchst ja nur deine Schwestern anzusehen, mein lieber [pg 279]Sohn." Und Diederich sah sie wirklich an; er blinzelte, und er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit ihrem Leben angefangen hatten ... ?Ach was," entschied er und richtete sich stramm auf, ?euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine Frau habe, die soll sich wundern!" Da die M?dchen einander zul?chelten, erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht dachten auch sie mit ihrem L?cheln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah Guste vor sich, wei?blond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre fleischigen Lippen ?ffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das hatte vorhin K?thchen Zillich getan, als sie ihm ?Adieu Schaf!" zurief, und Guste, die ihr im Typus so ?hnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!

Magda sagte eben: ?K?thchen ist sch?n dumm; aber begreiflich ist es ja, wenn man so lange warten mu? und keiner kommt."

Sofort griff Emmi ein. ?Wen meinst du, bitte? Wenn K?thchen sich mit irgendeinem Kienast begnügt h?tte, würde sie wohl auch nicht mehr warten."

Magda, im Bewu?tsein, die Tatsachen für sich zu haben, bl?hte einfach ihre Bluse auf und schwieg.

?überhaupt", Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. ?Wie kannst du das gleich glauben, was die M?nner von K?thchen reden. Das ist abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?" Emp?rt lie? sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur die Schultern – indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem übergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei einer so [pg 280]langen Verlobung –? ?Es gibt Situationen," ?u?erte er, ?wo es nicht mehr Klatsch ist." Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.

?Und wenn schon! K?thchen tut, was sie will! Wir M?dchen haben ebensogut wie ihr das Recht, unsere Individualit?t auszuleben! Die M?nner sollen froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!"

Diederich stand auf. ?Das will ich in meinem Hause nicht h?ren", sagte er ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.

Frau He?ling brachte ihm die Zigarre. ?Von meinem Diedel wei? ich ganz genau, da? er so eine niemals heiraten wird;" – sie streichelte ihn tr?stend. Er versetzte mit Nachdruck: ?Ich kann mir nicht denken, Mutter, da? ein echter deutscher Mann das jemals getan hat."

Sie schmeichelte. ?O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn. Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den Kauf, worüber die Leute reden." Unter seinem gebieterischen Blick schwatzte sie angstvoll weiter. ?Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel geredet." Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. ?Na ja," erkl?rte sie schüchtern. ?Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch zu früh."

Nach diesem Ausspruch mu?te Frau He?ling sich hinter den Ofenschirm zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. ?Das ist das Neueste!" riefen Emmi und Magda. ?Also wie war die Geschichte!" Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. ?Wenn wir deinen M?nnerklatsch angeh?rt haben!" riefen die Schwestern und suchten ihn fortzudr?ngen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah h?nderingend in das Handge[pg 281]menge. ?Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift geschenkt."

?Also daher!" rief Magda. ?So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel aus! Daher die goldenen Taschen!"

Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. ?Sie kommt aus Magdeburg!"

?Und der Br?utigam?" fragte Emmi. ?Kommt der auch aus Magdeburg?"

Pl?tzlich verstummten alle und sahen einander an, wie bet?ubt. Dann kehrte Emmi ganz still auf das Sofa zurück, sie nahm sogar das Buch wieder auf. Magda fing an, den Tisch abzur?umen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau He?ling sich duckte, schritt Diederich zu. ?Siehst du nun, Mutter, wohin es führt, wenn man seine Zunge nicht hütet? Du willst doch wohl nicht behaupten, da? Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet." Wimmernd kam es aus der Tiefe: ?Ich kann doch nichts dafür, mein lieber Sohn. Ich dachte schon l?ngst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch nicht sicher. Kein lebender Mensch wei? mehr etwas." Aus ihrem Buch heraus warf Emmi dazwischen: ?Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt das Geld für seinen Sohn holt." Und in das Tischtuch hinein, das sie faltete, sagte Magda: ?Es soll manches vorkommen." Da hob Diederich die Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn übermannen wollte. ?Bin ich denn hier unter R?uber und M?rder gefallen?" fragte er sachlich und ging in strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. ?Ich kann euch natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich [pg 282]werde erkl?ren, da? ich mit euch nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!" Und er ging ab.

Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentm??igem Verhalten freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren sch?ndlichen Raub abjagen wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. ?Mit gepanzerter Faust", sagte er ernst in sein Bier hinein; und das Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an H?rte; Bedenken kamen. Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, da? die ganze Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs Komment hatte, heiratete solch ein M?dchen noch. Diederichs eigenstes Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit w?re günstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der M?nner. Was lag an einem dieser Gesch?pfe, die ihrerseits, Diederich hatte es erfahren, jedes Verrates f?hig waren. Nur noch des fünften Glases bedurfte es, und sein Entschlu? stand fest.

Beim Morgenkaffee bekundete er ein gro?es Interesse für die Toiletten der Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie n?hte jetzt bei Bucks, Tietz', Harnischs und überall. Die gro?e In[pg 283]anspruchnahme dieses M?dchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu schaffen. Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück begab er sich alsdann so ger?uschlos, da? nebenan im Wohnzimmer das Gespr?ch nicht gest?rt ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen fielen, zeigten sie sich entsetzt und ungl?ubig. Frau He?ling beklagte es am lautesten, da? Fr?ulein Gehritz so etwas auch nur denken k?nne. Die Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon. Soeben komme sie von der Bürgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter geradezu verlangt habe, da? ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte es ihr Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die W?nde tats?chlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, da? ein Gerücht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog.

Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, da? das gesunde Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umst?nden ein Faktor sei, den man billigen und sogar benutzen k?nne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon Fischer herum: da – es l?utete schon – entstand bei der Satiniermaschine ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die gleichzeitig hinstürzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von schwarzem Blut, Diederich lie? sofort nach [pg 284]dem st?dtischen Krankenhaus telephonieren. Inzwischen, so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb er selbst dabei, w?hrend der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier, das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren h?uslichen Verh?ltnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettl?gerig; das M?dchen ern?hrte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn Jahre alt. – Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. übrigens seien die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. ?Sie hat sich das Unglück selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na," sagte er milder, ?nun kommen Sie mal mit, Fischer!"

Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. ?Das kann man brauchen auf den Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, da? ich zahlen mu?? Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl für genügend?" Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: ?Sie wollen sagen, ich kann es auf einen Proze? ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich zahle gleich."

Napoleon Fischer zeigte verst?ndnislos sein gro?es gelbes Gebi?, und Diederich fuhr fort: ?Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das k?nnte blo? der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes Parteiblatt über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgekl?rt. Ich lasse mich freilich nicht wegen Majest?tsbeleidigung einsperren und mache dadurch meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine soziale Gesinnung zu bekunden." Er machte eine feierliche Pause. ?Und darum habe ich mich entschlossen, dem M?dchen die [pg 285]ganze Zeit, die es im Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?" fragte er rasch.

?Eine Mark fünfzig", sagte Napoleon Fischer.

?Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zw?lf Wochen liegen ... Ewig natürlich geht es nicht."

?Sie ist erst vierzehn", sagte Napoleon Fischer, von unten. ?Sie kann Schadenersatz verlangen." Diederich erschrak, er schnaufte.

Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche geballt war. Diederich zog sie hervor. ?Nun setzen Sie die Leute von meinem hochherzigen Entschlu? in Kenntnis! Das pa?t Ihnen wohl nicht in den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erz?hlt ihr euch natürlich lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich gro?e Reden über Herrn Buck."

Napoleon Fischer sah verst?ndnislos aus, was Diederich nicht beachtete. ?Ich finde es wohl auch nicht eben sch?n," fuhr er fort, ?wenn jemand seinen Sohn ausgerechnet das M?dchen heiraten l??t, mit dessen Mutter er selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –"

In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.

?Aber!" wiederholte Diederich stark. ?Ich w?re durchaus nicht einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die st?dtischen Beh?rden aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen kann." Seine Faust schlug entrüstet durch die Luft. ?Mir hat man schon nachgesagt, da? ich den Proze? gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten."

[pg 286] Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich n?her zu dem anderen hin. ?Na, und weil ich Ihren Einflu? kenne, Fischer ..."

Pl?tzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fl?che lagen drei gro?e Goldstücke.

Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den Teufel. ?Nein!" rief er, ?und abermals nein! Meine überzeugung kann ich nicht verraten! Für allen Mammon der Welt nicht!"

Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurück; so nahe hatte er dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. ?Die Wahrheit mu? ans Licht!" kreischte Napoleon Fischer. ?Dafür werden wir Proletarier sorgen: Das k?nnen Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden Klassen ..."

Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. ?Fischer," sagte er eindringlich, ?das Geld biete ich Ihnen dafür, da? mein Name in der Sache nicht genannt wird." Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz erschien in seiner Miene.

?Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten."

?Dann ist alles in Ordnung", sagte Diederich erleichtert. ?Ich wu?te schon, Fischer, da? Sie ein gro?er Politiker sind. Und darum, wegen des M?dchens, ich meine die verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben mit meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien einen Gefallen getan ..."

Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. ?Weil Herr Doktor sagen, da? ich ein gro?er Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht reden. Intimit?ten aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als –"

[pg 287] ?– als so ein M?dchen", erg?nzte Diederich. ?Sie denken immer als Politiker."

?Immer", best?tigte Napoleon Fischer. ?Mahlzeit, Herr Doktor."

Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, da? die proletarische Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine drei Goldstücke wieder in die Tasche.

Am Abend des n?chsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen umher, bis ihnen die H?lse schmerzten; dann lie?en sie sich nerv?s auf den Rand eines Stuhles nieder. ?Mein Gott, es ist doch Zeit!" Aber Diederich war fest entschlossen, nicht wieder zu früh zu kommen, wie beim Proze? Lauer. Die ganze Wirkung der Pers?nlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich nochmals bei Frau He?ling, da? sie ihr den Platz im Wagen wegnehme. Nochmals sagte Frau He?ling: ?Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte Frau bin zu schwach für so was Gro?es. Genie?t ihr es nur, Kinder!" Und sie umarmte unter Tr?nen ihre T?chter, die kühl abwehrten. Denn sie wu?ten, da? die Mutter blo? Angst hatte, weil jetzt überall von nichts weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der sie selbst schuld war.

Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. ?Na, Bucks und Daimchens! Gespannt bin ich blo?, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da sind." Magda sagte ruhig: ?Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, da? es wahr ist." – ?Wennschon", erkl?rte Emmi. ?Ich finde, da? das ihre Sache ist. Ich rege mich darüber nicht auf." – ?Ich [pg 288]auch nicht", setzte Diederich hinzu. ?Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen geh?rt, Fr?ulein Tietz."

Hierüber geriet Inge Tietz au?er sich. So leicht dürfe man den Skandal denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, da? sie sich das Ganze ausgedacht habe. ?Die Bucks haben schon l?ngst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: das wissen ihre eigenen Dienstboten." – ?Also Dienstbotenklatsch", sagte Diederich, w?hrend er einen kleinen Sto? erwiderte, den Magda ihm mit dem Knie gab. Dann mu?te man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen, die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Stra?e mit der tief gelegenen alten Riekestra?e verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die Ballschuhe wurden na?; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die feindselig gafften. H?tte man nicht, als der ganze Stadtteil h?her gelegt wurde, auch dieses Gerümpel niederrei?en k?nnen? Das historische Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen – als ob die Stadt nicht die Mittel gehabt h?tte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges Gesellschaftsgeb?ude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder! Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts anhatte. ?Vorsicht," sagte Diederich auf der Treppe, ?sonst brechen wir ein." Denn die beiden dünnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war bla? geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, l?chelte auf dem Gel?nder aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Bürgermeister, der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war. Diederich sah ungn?dig an ihm vorbei.

[pg 289] In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Türspalt in den Festsaal zu sp?hen – und pl?tzlich wurden die M?dchen von Entsetzen ergriffen: die Vorstellung hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie und brach in Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie l?chelte erregt und flüsterte: ?Es geht gut, mein Stück gef?llt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fr?ulein He?ling, gehen Sie nur und kleiden sich um." Ach ja! Emmi und Magda hatten erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die Nebenr?ume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Pr?sidentin vor und blieb ratlos stehen. ?Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde st?ren", sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe Lack der W?nde zeigte launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schlo? eine kleine Tür, durch die jemand einzutreten schien, eine Sch?ferin mit ihrem beb?nderten Stab. Sie schlo? die Tür ganz vorsichtig, damit nur die Vorstellung nicht gest?rt werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf, als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Sch?ferin.

?Dies Haus ist so romantisch", flüsterte Frau von Wulckow. ?Finden Sie nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man einen Reifrock anzuhaben" – worauf Diederich, immer ratloser, ihr H?ngekleid ansah. Die entbl??ten Schultern waren hohl [pg 290]und nach vorn gebogen, die Haare von slawischem Wei?blond, und Frau von Wulckow trug einen Zwicker.

?Sie passen hier gl?nzend herein, Frau Pr?sidentin ... Frau Gr?fin", verbesserte er und sah sich mit einem L?cheln belohnt für seine kühne Schmeichelei. Nicht jeder würde Frau von Wulckow so treffsicher daran erinnert haben, da? sie eine geborene Gr?fin Züsewitz war!

?Tats?chlich", bemerkte sie, ?sollte man kaum glauben, da? dies Haus seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden ist, sondern nur für die guten Netziger Bürger." Sie l?chelte nachsichtig.

?Ja, das ist komisch", best?tigte Diederich mit einem Kratzfu?. ?Aber heute k?nnen sich zweifellos nur Frau Gr?fin hier ganz zu Hause fühlen."

?Sie haben gewi? Sinn für das Sch?ne", vermutete Frau von Wulckow; und da Diederich es best?tigte, erkl?rte sie, dann dürfe er den ersten Akt doch nicht ganz vers?umen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. Sie selbst trat schon l?ngst von einem Fu? auf den anderen. Sie wies mit dem F?cher nach der Bühne. ?Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum Verst?ndnis gebracht." Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte, denn er hatte sich gar nicht ver?ndert, erl?uterte die Dichterin ihm mit fliegender Gel?ufigkeit die Vorg?nge. Das junge Bauernm?dchen, mit dem Kunze sich unterhielt, war seine natürliche Tochter, also eine Grafentochter, weshalb das Stück denn auch ?Die heimliche Gr?fin" hie?. Gerade kl?rte Kunze sie, b?rbei?ig wie immer, über diesen Umstand auf. Auch er?ffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verhei[pg 291]raten und ihr die H?lfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber herrschte, als er abgegangen war, laute Freude bei dem M?dchen und ihrer Pflegemutter, der braven P?chtersfrau.

?Wer ist denn die schreckliche Person?" fragte Diederich, bevor er es bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.

?Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand für die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr."

Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte gemeint. ?Das Fr?ulein Nichte ist ganz reizend", beteuerte er schnell und blinzelte entzückt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den Schultern sa? – und es waren Wulckows Schultern! ?Talent hat sie aber auch", setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte: ?Passen Sie nur auf" – und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn. Welch eine überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und trug in seinem imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb behandschuhten H?nde, als pl?dierte er für viele Jahre Zuchthaus; und tats?chlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow wisperte: ?Er ist ein schlechter Charakter."

?Und ob", sagte Diederich mit überzeugung.

?Kennen Sie denn mein Stück?"

?Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will."

[pg 292] N?mlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die H?lfte seiner ihm von Gott verliehenen Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte gebieterisch, da? sie augenblicklich das Feld r?ume; widrigenfalls er sie als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen lassen werde.

?Das ist eine Gemeinheit", bemerkte Diederich. ?Sie ist doch seine Schwester." Die Dichterin erkl?rte ihm:

?Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommi? aus den Gütern machen will. Er arbeitet eben für das ganze Geschlecht, mag auch der einzelne zu kurz kommen. Für die heimliche Gr?fin ist das natürlich tragisch."

?Wenn man es recht bedenkt –", Diederich war hocherfreut. Dieser aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine Neigung fühlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Gesch?ft zu beteiligen.

?Frau Gr?fin, Ihr Stück ist erstklassig", sagte er, durchdrungen. Aber da zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden Ger?usche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. ?Er übertreibt", st?hnte die Dichterin. ?Ich habe es ihm immer gesagt."

Denn Jadassohn führte sich wirklich unerh?rt auf. Die Nichte samt der komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und füllte mit den tobenden Bekundungen seiner gr?flichen Pers?nlichkeit die ganze Bühne. Je mehr das Haus ihn mi?billigte, desto herausfordernder lebte er dort oben sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tür um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es nur, weil die Tür kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, [pg 293]bis Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu tr?sten. ?Es hat nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?" Sie horchte durch die geschlossene Tür. ?Ja, Gott sei Dank", plapperte sie, und die Z?hne schlugen ihr aufeinander. ?Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem Leutnant, wissen Sie."

?Ein Leutnant spielt auch mit?" fragte Diederich achtungsvoll.

?Ja, das hei?t, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, da? er die heimliche Gr?fin in der ganzen Welt suchen wird."

?Sehr begreiflich", sagte Diederich. ?Es liegt in seinem eigenen Interesse."

?Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch."

?Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Gr?fin, den h?tten Sie nicht mitspielen lassen sollen", sagte Diederich vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. ?Schon wegen der Ohren."

Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:

?Ich dachte nicht, da? sie auf der Bühne so wirken würden. Glauben Sie nun, da? es ein Mi?erfolg wird?"

?Frau Gr?fin!" Diederich legte die Hand auf das Herz. ?Ein Stück wie die ?heimliche Gr?fin' ist nicht so leicht Umzubringen!"

?Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die künstlerische Bedeutung an."

?Gewi?. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einflu?" – und Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.

Frau von Wulckow rief flehend aus:

[pg 294] ?Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen Fabrikantenfamilie, und die heimliche Gr?fin dient dort als Stubenm?dchen. Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der T?chter hat er sogar gekü?t, und nun macht er der Gr?fin einen Heiratsantrag, den sie natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie k?nnte sie!"

Diederich best?tigte, es sei ausgeschlossen.

?Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe Leutnant, der –"

?O Gott, Frau Gr?fin!" Diederich streckte schützend die H?nde vor, ganz erregt durch so viele Verwicklungen. ?Wie kommen Sie nur auf all die Geschichten?"

Die Dichterin l?chelte leidenschaftlich.

?Ja, n?mlich das ist das Interessanteste: Nachher wei? man es nicht mehr. Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt! Manchmal denke ich mir, ich mu? es geerbt haben."

?Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?"

?Das nicht. Aber wenn nicht mein gro?er Vorfahre die Schlacht bei Kr?chenwerda gewonnen h?tte, wer wei?, ob ich die ?heimliche Gr?fin' geschrieben haben würde. Es kommt schlie?lich immer auf das Blut an!"

Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfu?, und er wagte nichts mehr zu fragen.

?Jetzt mu? gleich der Vorhang fallen", sagte Frau von Wulckow. ?H?ren Sie etwas?"

Er h?rte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür noch W?nde. ?Jetzt schw?rt der Leutnant der fernen Gr?fin die ewige Treue", flüsterte sie. ?So"; und alles [pg 295]Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf scho? es heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man klatschte. Die Tür ward von drinnen ge?ffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf, und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der Beifall lebhafter. Pl?tzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der Schwiegermutter des Bürgermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsr?tin Harnisch, die ihr Glück wünschten, erkl?rte sie: ?Herr Assessor Jadassohn ist als Staatsanwalt unm?glich. Ich werde es meinem Mann sagen."

Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit. Pl?tzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die über Jadassohns Ohren herfielen. ?Die Pr?sidentin hat recht wacker gedichtet; nur Jadassohns Ohren –." Als man h?rte, da? Jadassohn im zweiten Akt nicht mehr wiederkomme, war man doch entt?uscht. Wolfgang Buck ging mit Guste Daimchen auf Diederich zu. ?Haben Sie geh?rt?" fragte er. ?Jadassohn soll eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren." Diederich sagte mi?billigend: ?Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht." Und dabei überwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn war vergessen. Vom Ausgang trug die dünne Schreistimme des Professor Kühnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie ?Affenschande". Da die Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er sich her, und jetzt verstand man es deutlich: ?Eine ausgewachsene Affenschande ist es!"

[pg 296] Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. ?Dort sprechen sie auch davon", sagte sie geheimnisvoll.

?Wovon?" stammelte Diederich.

?Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, wei? ich auch."

Hier brach Diederich der Schwei? aus. ?Was haben Sie denn?" fragte Guste. Buck, der durch die Seitentür nach dem Büfett schielte, sagte phlegmatisch:

?He?ling ist ein vorsichtiger Politiker, er h?rt nicht gern mit an, da? der Bürgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann."

Sofort ward Diederich dunkelrot.

?Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit ausdenken!"

Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. ?Erstens scheint es Tatsache zu sein, denn die Frau Bürgermeister hat die beiden überrascht und sich einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand."

Guste brachte hervor: ?Na Sie, Herr Doktor, w?ren natürlich nie darauf gekommen." Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich blitzte. ?Aha!" sagte er stramm. ?Jetzt wei? ich freilich genug." Und er drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu über den Bürgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stie? zu der Gruppe Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterlie?. Die Schwiegermutter des Bürgermeisters schwur mit rotem Gesicht, ?diese Gesellschaft" werde ihr Haus künftig nur noch von au?en sehen, und mehrere Damen schlossen sich ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn [pg 297]Cohn, der bis auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche Entgleisung bei einem bew?hrten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz ausgeschlossen erscheine. Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, da? ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gef?hrde. Selbst Doktor Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern für freie Menschen veranstaltete, machte die Bemerkung, an Familiensinn, man k?nne auch sagen Nepotismus, habe es dem alten Buck niemals gefehlt. ?Beispiele dafür liegen Ihnen allen auf der Zunge. Und da? er jetzt, um das Geld in der Familie zu erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu verheiraten, das, meine Herrschaften, würde ich ?rztlich als greisenhafte Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren." Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich schickte ihr K?thchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.

Auf ihrem Wege kam K?thchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrü?te sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes Gesicht. Am Büfett bemerkte man es und ?u?erte Mi?billigung, vermischt mit Mitleid. Guste mu?te nun eben erfahren, was es hie?, sich über die ?ffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, da? sie vielleicht get?uscht und schlecht beeinflu?t sei: Frau Oberinspektor Daimchen aber, die wu?te doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein Gest?ndnis hervorzulocken aus der verh?rteten alten Frau, der eine legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfüllte!...

[pg 298] ?Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!" kreischte Kühnchen. Tats?chlich, wen wollte dieser Herr glauben machen, da? er über die neue Schande, die seine Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht z?gern, die schmutzige W?sche seiner Schwester und seines Schwagers ?ffentlich vor Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel, den es noch immer dr?ngte, seine eigene Haltung im Proze? nachtr?glich zu verbessern, erkl?rte: ?Das ist kein Verteidiger, das ist ein Kom?diant!" Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch anfechtbare überzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert: ?Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Da? Sie für ihn eintreten, spricht zu Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts wei?;" – worauf Diederich sich zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und alles h?rte.

Pl?tzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Bühne, erblickte man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger M?dchen. Es schien, er erkl?rte ihnen die Malereien an den W?nden, das Leben von ehemals, das verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt, wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und G?rten und den Menschen allen, l?rmend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in hinget?uschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt l?rmte ... Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die M?dchen und der Alte, den Figuren nach. Gerade über ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr in Perücke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu [pg 299]H?upten der Treppe stand. In dem lieblichen Geh?lz voller Blumen aber, das damals wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und wollten ihn damit umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein glückliches Gesicht. So glücklich l?chelte in diesem Augenblick auch der alte Buck, lie? sich von den M?dchen hin und her ziehen und war von ihnen gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem Grade abgestumpft, da? er seine natürliche Tochter –: ?Unsere T?chter sind eben doch keine natürlichen Kinder", sagte Frau Warenhausbesitzer Cohn. ?Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!"... Buck und seine jungen Freundinnen merkten gar nicht, da? sie sich am Ende eines leeren Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. ?Die Familie ist die l?ngste Zeit obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer zwei!"... ?Das ist ja der reinste Rattenf?nger!" murrte es; und drüben: ?Ich sehe es nicht noch l?nger mit an!" J?h entrangen sich zwei Damen dem allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum. Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am Ziel pünktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bem?chtigte die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine Genugtuung, als sie wieder anlangten! ?Ich war einer Ohnmacht nahe", sagte die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch K?thchen sich einfand.

Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den [pg 300]alten Sünder und verglich ihn mit dem Grafen im Stück der Pr?sidentin. Freilich, Guste war keine heimliche Gr?fin; in einer Dichtung konnte man, der Pr?sidentin zu gefallen, mit solchen Zust?nden sympathisieren. übrigens waren sie dort noch ertr?glich, denn die Gr?fin sollte nur ihren Vetter heiraten, w?hrend Guste –!

Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine künftige Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja, unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; – und Diederich sogar fragte sich, ob Frau He?lings alte Skandalgeschichte denn etwa gar wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte, hier einen K?rper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es galt dem alten Herrn Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs Kindertagen, dem gro?en Mann der Stadt, der Verk?rperung ihres Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen Herzen fühlte Diederich ein Str?uben gegen sein Unterfangen. Auch schien es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch l?ngst nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann mu?te Diederich darauf gefa?t sein, da? alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr blo? die Familie, die br?ckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem Bankerott, der Schwiegersohn im Gef?ngnis, die Tochter auf Reisen mit einem Liebhaber, und von den S?hnen einer verbauert, der andere verd?chtig durch Gesinnung und Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male, [pg 301]selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die Nebenr?ume zu besuchen.

Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stie? er mit der Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen, die es aus einem anderen Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, da? ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorit?t decke. ?Mit deiner Autorit?t als Bürgermeister, einen solchen Skandal!" Sie war heiser vor Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten Püffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht, seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stie?en einander an und wiederholten flüsternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck wu?te. Angesichts so wichtiger Vorg?nge verga? er seine Leibschmerzen, blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gru?. Der Bürgermeister gab sich Haltung, verlie? seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin. ?Mein lieber Doktor He?ling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes Fest, wie?"

Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er richtete sich auf wie das Verh?ngnis und blitzte.

?Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu lassen über gewisse Dinge, die –"

?Die?" fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.

?Die vorgehen", sagte Diederich nicht ohne H?rte. Der [pg 302]Bürgermeister bat um Erbarmen. ?Ich wei? doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem allverehrten – ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck", flüsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.

?Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht l?nger t?uschen, Herr Bürgermeister: es betrifft Sie selbst."

?Junger Mann, ich mu? doch bitten ..."

?Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!"

Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand; die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden dahinten im Gedr?nge.

?Buck und Genossen führen einen Gegenschlag", sagte Diederich sachlich. ?Sie sind entlarvt und r?chen sich."

?An mir?" Der Bürgermeister hüpfte auf.

?Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie gerichtet. Kein Mensch würde sie glauben, aber in diesen Zeiten der politischen K?mpfe –"

Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da bekam Diederich die Stimme des Gerichts.

?Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals darauf vorbereitet, da? ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national mu? man heut sein! Sie waren gewarnt!"

Doktor Scheffelweis stand Rede.

?Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr, als ich ein besonderer Verehrer [pg 303]Seiner Majest?t bin. Unser herrlicher junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ..."

?Die pers?nlichste Pers?nlichkeit", erg?nzte Diederich streng.

Der Bürgermeister sprach nach: ?Pers?nlichkeit ... Aber ich in meiner Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!"

?Und mein Proze?? Ich habe die Feinde Seiner Majest?t glatt zerschmettert!"

?Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar beglückwünscht."

?Mir nicht bekannt."

?Wenigstens im stillen."

?Heute mu? man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister. Seine Majest?t haben es selbst gesagt: wer nicht für mich ist, ist wider mich! Unsere Bürger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bek?mpfung der umw?lzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!"

Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer reckte sich Diederich.

?Wo aber bleibt der Bürgermeister?" fragte er, und seine Frage klang in einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich entschlo?, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs Erscheinung, blitzend, gestr?ubt und blond gedunsen, verschlug ihm die Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: ?Einerseits – andererseits" – und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wu?te, was sie wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!

Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er geno? einen der Augenblicke, [pg 304]in denen er mehr bedeutete als sich selbst, und im Geiste eines H?heren handelte. Der Bürgermeister war l?nger als er, aber Diederich sah auf ihn hinunter, als h?tte er gethront. ?N?chstens haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an", ?u?erte er gn?dig und knapp. ?Der Proze? Lauer hat einen Umschwung der ?ffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt –"

Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. ?Ich bin ganz Ihrer Meinung," flüsterte er beflissen, ?Freunde des Herrn Buck dürfen nicht mehr gew?hlt werden."

?Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten untergr?bt man Ihren guten Ruf, Herr Bürgermeister! K?nnten Sie es heute überleben, da? die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr widersprechen?" Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann wiederholte Diederich, ermutigend: ?Es kommt nur auf Sie an." – Der Bürgermeister murmelte: ?Ihre Energie und anst?ndige Gesinnung in Ehren –"

?Meine hochanst?ndige Gesinnung!"

?Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Hei?sporn, mein junger Freund. Die Stadt ist noch nicht reif für Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig werden?"

Statt einer Antwort trat Diederich pl?tzlich zurück und machte einen Kratzfu?. Im Eingang stand Wulckow.

Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte dr?hnend: ?Na, Bürgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten haben Sie wohl hinausgeworfen?" – worauf Doktor Scheffelweis bleich mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, [pg 305]die noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so da? der Pr?sident von drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm einige Worte zu, infolge deren der Pr?sident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er zu Diederich: ?Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen."

Diederich l?chelte geschmeichelt. ?Ihre Anerkennung, Herr Pr?sident, macht mich glücklich."

Wulckow ?u?erte gn?dig: ?Sie k?nnen gewi? auch sonst noch allerlei. Wir müssen mal drüber reden." Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten seiner Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu befriedigen. Er bürstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, und sagte: ?Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?" Und in der Mitte zwischen Diederich und dem Bürgermeister schickte er sich an, mit Wucht die Vorstellung zu st?ren: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:

?Ach Gott, Ottochen!"

?Na, da ist sie", brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen. ?Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr Reitergeist, meine beste Frieda!"

?Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst." Zu den beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie gel?ufig, wenn auch bebend. ?Ich wei? wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen."

?Besonders," sagte Diederich schlagfertig, ?wenn sie im voraus gewonnen ist." Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berührte ihn mit dem F?cher.

?Herr Doktor He?ling hat mir n?mlich schon w?hrend [pg 306]des ersten Aktes hier drau?en Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn für das Sch?ne, er gibt einem sogar nützliche Winke."

?Hab' ich gemerkt", sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und seiner Frau dankerfüllte Kratzfü?e machte, setzte der Pr?sident hinzu: ?Bleiben wir lieber gleich beim Büfett."

?Das war auch mein Schlachtplan", plauderte Frau von Wulckow. ?Um so mehr, als ich jetzt festgestellt habe, da? man hier eine kleine Tür nach dem Saal ?ffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberührten Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch au fait."

?Bürgermeisterchen," sagte Wulckow und schnalzte, ?den Hummersalat sollten Sie sich auch kaufen." Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: ?In der Sache mit dem st?dtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal wieder eine jammervolle Rolle gespielt."

Der Bürgermeister a? gehorsam und h?rte gehorsam zu – indes Diederich neben Frau von Wulckow nach der Bühne aussp?hte. Dort hatte Magda He?ling Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, kü?te sie feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. ?Kienast dürfte das nicht sehen", dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fühlte er sich gekr?nkt. Er ?u?erte:

?Finden Frau Gr?fin nicht doch, da? der Klavierlehrer zu naturalistisch spielt?"

Die Dichterin erwiderte befremdet: ?Ganz so lag es in meiner Intention."

?Ich meinte auch nur", sagte Diederich unsicher – und dann erschrak er, denn in der Tür erschien Frau He?ling oder eine Dame, die ihr ?hnlich sah. Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so lauter sprach Wulckow.

[pg 307] ?Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck k?nnen Sie sich diesmal nicht 'rausreden. Wenn er damals den st?dtischen Arbeitsnachweis durchgedrückt hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache."

Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafür sei das Dienstm?dchen gut genug. Die Dichterin bemerkte:

?Das mu? sie noch ordin?rer bringen. Es sind doch Parvenüs."

Und Diederich l?chelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese Zust?nde in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht, die erkl?rte, der Skandal müsse sogleich aus der Welt geschafft werden, und die das Dienstm?dchen hereinrief. Aber wie das M?dchen sich zeigte, verdammt, da war es die heimliche Gr?fin! In die Stille, die ihr Auftreten bewirkte, t?nte Wulckows Ba?stimme.

?Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten. Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?"

Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll: ?Ottochen, um Gottes willen!"

?Was ist denn los?" Er trat in die Tür. ?Nun sollen sie mal zischen!"

Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister zu:

?Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begütert ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei vermitteln Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach der Koalition der Landarbeiter. Sehen [pg 308]Sie wohl, Bürgermeisterchen?" Seine Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis' nachgiebige Schulter. ?Wir kommen Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!"

Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die Fabrikantenfamilie durfte nichts h?ren.

?Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, für Geld m?gen andere sich erniedrigen. Ich aber wei?, was ich meiner edlen Geburt schuldig bin!"

Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Tr?nen fortwischen, die der Edelsinn der Gr?fin ihnen hatte entquellen lassen. Aber die fortgewischten Tr?nen kamen wieder, als die Nichte sagte:

?Doch ach! Wo finde ich als Dienstm?dchen einen ebenso Hochgeborenen."

Der Bürgermeister mu?te eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow grollte: ?Dafür, da? es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. Mein Geld ist mein Geld."

Da konnte Diederich sich nicht l?nger enthalten, ihm mit einem Kratzfu? zu danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfu? auf sich.

?Ich wei?," sagte sie, selbst gerührt, ?die Stelle ist mir gelungen."

?Das ist Kunst, die zum Herzen spricht", stellte Diederich fest. Da Magda und Emmi das Klavier und die Türen zuschlugen, erg?nzte er: ?Und hochdramatisch." Hierauf nach der anderen Seite:

?N?chste Woche werden zwei Stadtverordnete gew?hlt für Lauer und Buck junior. Gut, da? der von selbst geht." Wulckow sagte: ?Dann sorgen Sie nur dafür, da? an[pg 309]st?ndige Leute 'reinkommen. Sie sollen ja mit der ?Netziger Zeitung' gut stehen."

Diederich d?mpfte vertraulich die Stimme. ?Ich halte mich vorl?ufig noch zurück, Herr Pr?sident. Für die nationale Sache ist es besser."

?Sieh mal an", sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend an. ?Sie m?chten sich wohl selbst w?hlen lassen?" fragte er.

?Ich würde das Opfer bringen. Unsere st?dtischen K?rperschaften haben zu wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverl?ssig sind."

?Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?"

?Dafür sorgen, da? der Arbeitsnachweis aufh?rt."

?Na ja," sagte Wulckow, ?als nationaler Mann."

?Ich als Offizier," sagte auf der Bühne der Leutnant, ?kann nicht dulden, liebe Magda, da? dieses M?dchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd ist, irgendwie mi?handelt wird."

Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Gr?fin h?tte heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fühlte die Zuschauer vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. ?Die Erfindung ist aber auch meine starke Seite", sagte sie zu Diederich, der tats?chlich verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen der dramatischen Dichtung zu überlassen; er sah sich gef?hrdet.

?Niemand", beteuerte er, ?würde freudiger einen Geist –" Wulckow unterbrach ihn.

?Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrü?en k?nnen Sie, wenn's nichts kostet."

Diederich setzte hinzu: ?Aber einen glatten Strich ziehen zwischen Kaisertreuen und Umsturz!"

[pg 310] Der Bürgermeister hob flehend die Arme. ?Meine Herren! Verkennen Sie mich nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen, denn bei uns hier bedeutet er blo?, da? fast alle, die nicht freisinnig w?hlen, sozialdemokratisch w?hlen."

Wulckow stie? ein wütendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom Büfett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.

?Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, müssen sie eben gemacht werden!"

?Aber womit?" sagte Wulckow.

Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:

?Er mu? doch sehen, da? ich eine Gr?fin bin, er, der demselben edlen Stamme entsprossen ist!"

?Oh! Frau Gr?fin!" sagte Diederich. ?Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob er es sieht."

?Selbstverst?ndlich", erwiderte die Dichterin. ?Sie erkennen einander doch schon an den besseren Manieren."

In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi und Magda samt Frau He?ling einen K?se mit dem Messer a?en. Diederich behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die T?chter Buck, Frau Cohn und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog sich das Fett von den Fingern und sagte:

?Frieda, du bist fein 'raus, sie lachen."

Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem Zwicker gl?nzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht l?nger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer; sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, [pg 311]und die Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief fieberhaft über die Schulter:

?Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!"

?Wenn es bei uns auch so schnell ginge", sagte ihr Gatte. ?Na, also, Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?"

?Herr Pr?sident!" Diederich drückte die Hand aufs Herz. ?Netzig wird kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!"

?Sch?n", sagte Wulckow.

?Denn", fuhr Diederich fort, ?wir haben einen Agitator, den ich als erstklassig bezeichnen m?chte: jawohl, erstklassig", wiederholte er und umfa?te mit dem Wort alles Gro?e; ?und das ist Seine Majest?t selbst!"

Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. ?Die pers?nlichste Pers?nlichkeit", brachte er hervor. ?Originell. Impulsiv."

?Na ja", sagte Wulckow. Er stemmte die F?uste auf die Knie und glotzte dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, da? er sie von unten schief ansah.

?Meine Herren" – er stockte wieder – ?na, ich will Ihnen mal was sagen. Ich glaube, der Reichstag wird aufgel?st."

Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die K?pfe vor, sie wisperten. ?Herr Pr?sident wissen –?"

?Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter Herrn von Quitzin."

Diederich machte einen Kratzfu?. Er stammelte, er wu?te selbst nicht was. Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein hatte er eine Rede Seiner Majest?t wiedergegeben, – und hatte er [pg 312]sie nur wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: ?Ich r?ume die ganze Bude aus!" Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es überlief ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:

?Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie die Milit?rvorlage nicht schlucken, ist Schlu?"; – und Wulckow strich sich mit der Faust über den Mund, als beginne das Fressen.

Diederich fa?te sich. ?Das ist – das ist gro?zügig! Das ist ganz sicher die pers?nliche Initiative Seiner Majest?t!" Doktor Scheffelweis war erbleicht. ?Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh, da? wir unseren bew?hrten Abgeordneten hatten ..." Er erschrak noch mehr. ?Das hei?t, natürlich, Kühlemann ist auch ein Freund des Herrn Richter ..."

?Ein N?rgler!" schnaubte Diederich. ?Ein vaterlandsloser Geselle!" Er rollte die Augen. ?Herr Pr?sident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr Bürgermeister!" ?Was dann?" fragte Wulckow. Diederich wu?te es nicht. Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stühle wurden gerückt, und jemand lie? sich die gro?e Tür ?ffnen: Kühlemann selbst war es. Der Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie. Am Büfett fand man, seit dem Proze? sei er noch mehr verfallen.

?Er h?tte Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn überstimmt", sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: ?Nierensteine führen wohl schlie?lich zur Aufl?sung." Worauf Wulckow humoristisch: ?Na, und im Reichstag sind wir seine Nierensteine."

Der Bürgermeister lachte gef?llig. Aber Diederich ri? [pg 313]die Augen auf. Er n?herte sich dem Ohr des Pr?sidenten und raunte:

?Sein Testament!"

?Was ist damit?"

?Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt", erkl?rte Doktor Scheffelweis wichtig. ?Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein S?uglingsheim."

?Bauen Sie?" Diederich feixte verachtungsvoll. ?Einen nationaleren Zweck k?nnen Sie sich wohl nicht denken?"

?Ach so." Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. ?Wieviel Pinke hat er denn?"

?Eine halbe Million wenigstens", sagte der Bürgermeister, und er beteuerte: ?Ich w?re glücklich, wenn es zu machen w?re, da? –"

?Es ist glatt zu machen", behauptete Diederich.

Da h?rte man drau?en im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drückte sicherlich Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das Büfett zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. ?Grundgütiger Gott!" wimmerte sie. ?Alles ist verloren." ?Nanu?" machte ihr Gatte und stellte sich drohend in die Tür. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Gr?fin gesagt: ?Spute dich, du dumme Landpomeranze, da? der Herr Leutnant den Kaffee kriegt." Eine andere Stimme verbesserte ?Tee", Magda wiederholte ?Kaffee", die andere blieb bei ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfa?t, da? ein Mi?verst?ndnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. übrigens griff der Leutnant mit Glück ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: ?Ich bitte um beides" – worauf das Lachen einen nachsichtigeren [pg 314]Charakter annahm. Aber die Dichterin war emp?rt. ?Das Publikum! Es ist und bleibt eine Bestie!" knirschte sie.

?Schiefgehen kann es immer", sagte Wulckow – und blinzelte Diederich an.

Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: ?Wenn man einander versteht, Herr Pr?sident, dann nicht."

Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu widmen. Mochte der Bürgermeister inzwischen seine Freunde verraten und sich für die Wahlen auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!

?Meine Schwester ist eine Gans", erkl?rte Diederich. ?Ich werde ihr nachher die Meinung sagen!"

Frau von Wulckow l?chelte wegwerfend. ?Das arme Ding, sie tut, was sie kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unertr?gliche Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und für das Ideale begeistert!"

Diederich sagte durchdrungen: ?Frau Gr?fin, diese bittere Erfahrung machen Sie nicht allein. So ist es überall im ?ffentlichen Leben." Denn er dachte an die allgemeinen Hochgefühle damals nach seinem Zusammensto? mit dem Majest?tsbeleidiger und an die Prüfungen, die dann gefolgt waren. ?Schlie?lich triumphiert doch die gute Sache!" stellte er fest.

?Nicht wahr?" sagte sie mit einem L?cheln, das wie aus Wolken brach. ?Das Gute, Wahre, Sch?ne."

Sie reichte ihm die schmale Rechte; ?ich glaube, mein Freund, wir verstehen uns" – und Diederich, des Augenblicks bewu?t, drückte kühn die Lippen darauf, mit einem Kratzfu?. Er legte die Hand an das Herz und brachte gepre?t aus der Tiefe: ?Glauben Sie mir, Frau Gr?fin ..."

Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein ge[pg 315]blieben, hatten sich als erniedrigte Gr?fin und armer Vetter erkannt, wu?ten nun, da? sie einander bestimmt waren, und schw?rmten gemeinsam von künftigem Glanz, wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig stolz, von der Sonne der Majest?t beschienen sein würden ... Da h?rte Diederich die Dichterin aufseufzen.

?Ihnen kann ich es sagen", seufzte sie. ?Ich entbehre hier doch sehr den Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angeh?rt –. Und nun –."

Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tr?nen perlen. Dieser Blick in die Tragik der Gro?en erschütterte ihn so sehr, da? er strammstand. ?Frau Gr?fin!" sagte er, verhalten und sto?weise. ?Die heimliche Gr?fin sind also –" Er erschrak und schwieg.

Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei, dem Pr?sidenten zu verraten, da? Kühlemann nicht wieder kandidieren werde, und da? die Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow darin einig, da? man Gegenma?regeln treffen müsse, solange noch niemand die Aufl?sung des Reichstages erwartete ...

Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:

?Frau Gr?fin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?"

Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schr?nkte die Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder ein. In leichtem Plauderton erkl?rte sie:

?Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist wohl unm?glich, da? die jungen Leute zusammen glücklich werden."

?Sie k?nnen doch prozessieren!" rief Diederich, in seinem Rechtsgefühl gekr?nkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. ?Fi donc! Das würde zur Folge haben, [pg 316]da? der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen lie?e. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant das auf sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes? In Ihren Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht m?glich."

Diederich verneigte sich. ?Dort oben herrschen natürlich Begriffe, die sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch", setzte er hinzu. Die Dichterin l?chelte milde.

?Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die heimliche Gr?fin und heiratet die Fabrikantentochter."

?Magda?"

?Jawohl. Und die heimliche Gr?fin den Klavierlehrer. So wollen es die h?heren M?chte, lieber Herr Doktor, denen wir –" ihre Stimme verdunkelte sich ein wenig – ?uns nun einmal zu beugen haben."

Diederich hatte noch einen Zweifel, ?u?erte ihn aber nicht. Der Leutnant h?tte die heimliche Gr?fin auch ohne Geld heiraten sollen, es würde Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.

Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit, dann spendete es um so w?rmeren Beifall dem Dienstm?dchen und dem Leutnant, die, es lie? sich leider voraussehen, das schwere Geschick, nicht hoff?hig zu sein, wohl noch l?nger würden tragen müssen.

?Es ist wirklich ein Elend!" seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.

[pg 317] Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem Bürgermeister:

?Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!"

Dann lie? er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. ?Na, Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?"

?Selbstverst?ndlich, und kommen Sie recht bald!" Die Pr?sidentin hielt ihm die Hand zum Ku? hin, und Diederich entfernte sich beglückt. Wulckow selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig erobern!

Indes die Pr?sidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glückwünsche entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn, Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben, wenn auch vorsichtig, zu verstehen, da? sie das Ganze für Quatsch hielten. Diederich war gen?tigt, ihnen Andeutungen über den durchaus gro?zügigen dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin wu?te, denn Nothgroschen mu?te fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. ?Wenn Sie aber Bl?dsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag' ich Ihnen Ihren Wisch um die Ohren!" – worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem Knopf und kreischte: ?Sie, mein Bester! Eens h?tten Se nu aber unserm Klatschdirektor ooch noch erz?hlen k?nnen!" Der Redakteur, der sich nennen h?rte, kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: ?N?mlich, da? die herrliche Sch?pfung unserer allverehrten Pr?sidentin schon mal ist vorausgeahnt worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe in seiner [pg 318]Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das H?chste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen l??t!"

Diederich hatte Bedenken über die Zweckm??igkeit von Kühnchens Entdeckung, fand es aber unn?tig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon, mit flatternden Haaren, durch das Gedr?nge; schon sah man, wie er vor Frau von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: ?Was Sie da bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?" fragte sie und rümpfte mi?trauisch die Nase. Kühnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.

?Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ?Das traute Heim' einen Roman von mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Sch?pfungen sind s?mtlich Originalarbeiten. Die Herren –" sie musterte den Kreis – ?wollen b?swilligen Gerüchten entgegentreten."

Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich erinnerte ihn, im Ton eines geringsch?tzigen Erbarmens, an Nothgroschen, der mit seiner gef?hrlichen Information schon von dannen war; und Kühnchen stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.

Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich ver?ndert: nicht nur die Pr?sidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, da? sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran und wollte es nicht gewesen sein. So gro? war, noch nach schweren Erschütterungen, die [pg 319]Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten! Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auff?lliger Weise hinter der Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, da? Wulckow schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte sa? eben allein in dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er lie? seine wei?e Hand merkwürdig zart über die Lehne h?ngen und blickte zu Diederich hinauf.

?Da sind Sie, mein lieber He?ling. Ich habe es oft bedauert, da? Sie nicht kamen" – ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder Tr?nen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, da? der Herr Buck sie ein wenig l?nger in der seinen behielt, und stammelte etwas von Gesch?ften, Sorgen und ?um ehrlich zu sein" – denn ein j?hes Bedürfnis nach Ehrlichkeit erfa?te ihn – von Bedenken und Hemmungen.

?Es ist sch?n von Ihnen," sagte darauf der Alte, ?da? Sie mich das nicht nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen."

Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die Verzeihung für den Proze?, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – und so viel Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:

?Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen die Meinen k?mpft." Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies m?chte zu weit führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man komme in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. ?Ich wei?: Sie suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden."

[pg 320] Er tauchte seinen wei?en Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn wieder hervorholte, begriff Diederich, da? etwas Neues kam.

?Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft", sagte der Herr Buck. ?Ihre Pl?ne haben sich wohl ge?ndert?"

Diederich dachte: ?Er wei? alles", und sah schon seine heimlichsten Berechnungen enthüllt.

Der Alte l?chelte schlau und gütig. ?Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zun?chst verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich k?nnte mir denken, da? Sie Ihr Grundstück zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit warten – die auch ich in Betracht ziehe", setzte er hinzu, und mit einem Blick: ?Die Stadt hat vor, ein S?uglingsheim zu errichten."

?Alter Hund!" dachte Diederich. ?Er spekuliert auf den Tod seines besten Freundes!" Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.

?Durchaus nicht, Herr Buck. Mein v?terliches Erbstück geb' ich nicht her!"

Da nahm der Alte nochmals seine Hand. ?Ich bin kein Versucher", sagte er. ?Ihre Piet?t ehrt Sie."

?Esel", dachte Diederich.

?So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen Gemeinsinn, lieber He?ling, lassen wir uns nicht entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher Richtung zu wirken scheint."

Er stand auf.

?Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstützung."

[pg 321] Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich verkriechen? Diederich zog es vor, die Abs?tze zusammenzuschlagen und korrekt seinen Dank abzustatten.

?Sie sehen," erwiderte der Alte, ?der Gemeinsinn schl?gt Brücken von jung und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind."

Er führte die Hand im Halbkreis über die W?nde und über das Geschlecht von einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er l?chelte den jungen M?dchen in Reifr?cken zu und zugleich auch einer seiner Nichten und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem Stadttor schritt, bemerkte Diederich die gro?e ?hnlichkeit der beiden. Der alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.

?Von dem da hab' ich viel geh?rt. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns die ?Harmonie' hinterlie?en."

?Nette Harmonie", dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen übergang gemacht von den Gesch?ften zum sentimentalen Schwatz. ?Immer kommt der Literat heraus", dachte Diederich.

Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich eingeh?ngt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt hatte. ?Unsere Angst, [pg 322]als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee." Guste behauptete: ?Das n?chste Mal schreibt Wolfgang ein viel sch?neres Stück, und ich spiele mit." Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu ablehnende Miene. ?So?" sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor pl?tzlich seinen harmlosen Eifer. ?Warum etwa nicht?" fragte sie, weinerlich emp?rt. ?Was hast du nun wieder?"

Diederich, der es ihr h?tte sagen k?nnen, wandte sich schleunig zum alten Buck zurück. Der schwatzte weiter.

?Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im Drei?igj?hrigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun nicht die Riekestra?e nach dir hie?e, wohin w?re dann selbst der letzte Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und der uns zu vertilgen dachte."

Pl?tzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei der Hand.

?Hat er nicht ?hnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?"

Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es nicht, er war nun einmal aufger?umt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei Figuren, einen jungen Sch?fer, der sehnsüchtig die Arme ?ffnete, und jenseits eines Baches eine Sch?ferin, die sich anschickte, hinüberzuspringen. Der Alte wisperte: ?Was meinen Sie, werden die beiden zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich wei? es noch." Er sah sich um, ob niemand ihn beachte, und pl?tzlich ?ff[pg 323]nete er eine kleine Tür, die man nie gefunden haben würde. Die Sch?ferin auf der Tür bewegte sich dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln mu?te sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer, das er aufgedeckt hatte. ?Es hei?t das Liebeskabinett." Laternenschein von irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er begl?nzte den Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die nach wer wei? wie langer Zeit herausstr?mte, er l?chelte verloren. Und dann schlo? er die kleine Tür.

Aber Diederich, den dies nur m??ig interessierte, sah etwas kommen, das weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden, und er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas versp?tet und wenn auch ohne Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der Vogtei sa?. Wo er mit Drehungen des K?rpers, die nicht unbefangen wirkten, hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrü?te, lugte verstohlen nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, da? er in der Sache etwas tun müsse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben ahnungslos, fand ihn pl?tzlich vor sich. Er ward vollkommen wei?; Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so steif, da? sein Rücken sich aush?hlte, und blickte kühl und unverwandt auf den Mann, der seine Tochter entführt hatte.

?Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?" sagte er laut.

Fritzsche versuchte jovial zu lachen. ?Sch?neres Wetter war dort unten, Herr Stadtrat. Na und die Kunst!"

?Davon haben wir hier nur einen Widerschein" – [pg 324]und der Alte wies, ohne den anderen aus den Augen zu lassen, über die W?nde. Seine Haltung machte Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schw?che belauerten. Er hielt stand und repr?sentierte, in einer Lage, die einige Hemmungslosigkeit immerhin erkl?rt haben würde. Er repr?sentierte das alte Ansehen, er allein für die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen, manche Sympathien ... Diederich h?rte ihn noch sagen, f?rmlich und klar: ?Ich habe es durchgesetzt, da? unser moderner Stra?enzug eine andere Richtung bekam, blo? um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen m?chte, kann hoffen, selbst zu dauern." Dann drückte Diederich sich, er sch?mte sich für Fritzsche.

Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn, was der Alte über die ?Heimliche Gr?fin" ge?u?ert habe. Diederich dachte nach, und er mu?te gestehen, er habe das Stück gar nicht erw?hnt. Beide waren entt?uscht.

Indes bemerkte er, da? K?thchen Zillich sp?ttisch hersah, und gerade sie hatte sich nichts zu erlauben. ?Nun, Fr?ulein K?thchen", sagte er recht laut. ?Was denken Sie über den grünen Engel?" Sie erwiderte noch lauter: ?Der grüne Engel? Sind Sie das?" Und sie lachte ihm ins Gesicht. ?Sie sollten wirklich vorsichtiger sein", meinte er stirnrunzelnd. ?Ich fühle mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen."

?Papa!" rief K?thchen sofort. Diederich erschrak. Glücklicherweise h?rte Pastor Zillich nicht.

?Natürlich hab' ich meinem Papa gleich neulich von [pg 325]unserem kleinen Ausflug erz?hlt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie."

Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. ?Na und für Liebhaber sch?ner Ohren war auch noch Jadassohn da." Da er sah, da? es sie traf, setzte er hinzu: ?Das n?chste Mal im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht Stimmung."

?Wenn Sie meinen, da? es auf die Ohren ankommt." Dabei drückte K?thchens Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, da? Diederich den Entschlu? fa?te, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der Pflanzengruppe. ?Was glauben Sie?" fragte er. ?Wird die Sch?ferin über den Bach springen und den Sch?fer glücklich machen?"

?Schaf", sagte sie. Diederich überh?rte es, ging hin und tastete an der Wand umher. Nun hatte er die Tür. ?Sehen Sie? Sie springt."

K?thchen kam n?her, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime Zimmer. Da hatte sie einen Sto? und war ganz drinnen. Diederich warf die Tür zu, er fiel stumm über K?thchen her, mit wildem Schnaufen.

?Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!" rief sie und wollte kreischen. Aber sie mu?te lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer n?her brachte. Der Kampf mit ihren entbl??ten Armen und Schultern versetzte ihn vollends au?er sich. ?Jawohl," keuchte er, ?jetzt kommt was." Bei jedem Strich Boden, den er gewann, wiederholte er: ?Jetzt kommt was. Bin ich noch ein Schaf? Aha, wenn man denkt, ein M?dchen ist anst?ndig, und man hat ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was." Mit einem letzten Ruck schleuderte er sie hin. ?Au", sagte sie; und vor Lachen erstickend: ?Was kommt denn jetzt?"

[pg 326] Pl?tzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen Gaslicht, den das kahle Fenster hereinlie?, beschien ihre Unordnung; und ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte entgeistert her, K?thchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an, sie ging entschlossen auf K?thchen zu.

?Du gemeines Luder!" sagte sie aus tiefem Innern.

?Selber eins!" sagte K?thchen, schnell gefa?t. Da schnappte Guste nur noch nach Luft. Von K?thchen sah sie zu Diederich, ratlos und so emp?rt, da? ihr Blick sich mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: ?Fr?ulein Guste, es handelt sich um einen Scherz"; aber er kam schlecht an, Guste brach los. ?Sie kenn' ich, von Ihnen kann ich es mir denken."

?So, du kennst ihn", bemerkte K?thchen h?hnisch. Sie stand auf, indes Guste ihr noch n?her rückte. Diederich seinerseits ergriff die Gelegenheit, gab seiner Haltung Würde und trat zurück, um die Damen unter sich die Sache erledigen zu lassen.

?Da? ich so was mu? mit ansehen!" rief Guste; und K?thchen: ?Du hast gar nichts gesehen! Wozu siehst du es dir überhaupt an?"

Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste schwieg. K?thchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurück und sagte: ?Von dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter auf dem Kopf hat wie du!"

Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. ?Ich?" fragte sie gedehnt. ?Was tu' ich denn?"

[pg 327] K?thchen zierte sich pl?tzlich – indes Diederich vom Schrecken gepackt ward.

?Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich."

?Ich wei? gar nichts", sagte Guste klagend.

?So was h?tte man gedacht, das es gar nicht gibt", sagte K?thchen und rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. ?Nun bitte ich es mir aber aus! Was habt ihr alle?"

Diederich schlug vor: ?Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal verlassen." Aber Guste stampfte auf.

?Keinen Schritt tu' ich, bis ich es wei?. Den ganzen Abend merke ich schon, da? sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt habe."

K?thchen wandte sich weg. ?Na, da siehst du es. Sei froh, da? sie dich nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang."

?Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?"

In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher. Auf einmal hatte sie begriffen. ?So eine Gemeinheit!" rief sie entsetzt. über K?thchens Mienen breitete sich ein L?cheln des Genusses aus. Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus gegen K?thchen. ?Das habt ihr M?dchen euch ausgedacht! Ihr seid mir neidisch wegen meinem Geld!"

?P?h", machte K?thchen. ?Dein Geld wollen wir überhaupt nicht, wenn so was dabei ist."

?Es ist doch nicht wahr!" Guste kreischte auf. Pl?tzlich fiel sie vornüber auf das Sofa und wimmerte. ?Ach Gott, ach Gott, was haben wir da angerichtet."

?Siehst du wohl", sagte K?thchen, frei von Mitleid.

Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre Schulter. ?Fr?ulein Guste, Sie wollen doch nicht, da? [pg 328]die Leute kommen." Er suchte nach einem Trost. ?So was kann man nie wissen. ?hnlich sehen Sie sich nicht."

Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum Angriff über. ?Du – du bist überhaupt eine feine Nummer", zischte sie K?thchen zu. ?Von dir sag' ich, was ich gesehen habe!"

?Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir wei? jeder, da? ich anst?ndig bin."

?Anst?ndig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!"

?So gemein wie du –"

?Bist blo? noch du!"

Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenüber, Ha? und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und die Büsten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorsto?. ?Ich sag' es doch!"

Da sprengte K?thchen die letzte Fessel. ?Dann mach' aber schnell, sonst komm' ich früher und erz?hl' allen, da? nicht du, sondern ich hier die Tür hab' aufgemacht und hab' euch beide ertappt."

Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte K?thchen, pl?tzlich selbst ernüchtert, hinzu: ?Nun ja, das bin ich mir doch schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an."

Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verst?ndigte sich mit ihr und glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da l?chelte Diederich ritterlich, und Guste, tief err?tet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie sich an. K?thchen schlich zur Tür. über Gustes Schul[pg 329]ter geneigt, sagte Diederich leise: ?Ihr Verlobter l??t Sie aber lange allein." – ?Ach der", erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf ihre Schulter. Sie hielt ganz still. ?Schade", sagte er und zog sich so unerwartet zurück, da? Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, da? ihre Lage sich wesentlich ver?ndert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: ?An der Stelle Ihres Verlobten würde ich allerdings anders vorgehen."

K?thchen zog mit ?u?erster Behutsamkeit die Tür wieder an, sie kehrte zurück, den Finger auf den Lippen.

?Wi?t ihr was? Das Theater hat wieder angefangen – schon lange, glaube ich."

?O Gott!" sagte Guste; und Diederich:

?Na, dann sitzen wir in der Falle."

Er suchte die W?nde ab nach einem Ausgang; er rückte sogar das Sofa fort. Da keiner zu finden war, entrüstete er sich.

?Hier ist tats?chlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der Herr Buck den ganzen Stra?enzug verlegt. Er soll es noch erleben, da? ich sie ihm einrei?e! Blo? erst Stadtverordneter sein!"

K?thchen kicherte. ?Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz gemütlich. Jetzt k?nnen wir machen, was wir wollen." Und sie sprang über das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb aber h?ngen. Diederich fing sie auf. Auch K?thchen h?ngte sich an ihn. Er zwinkerte beiden zu. ?Also was machen wir?" K?thchen sagte: ?Das müssen Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun." – ?Und zu verlieren haben wir auch nichts mehr", sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.

[pg 330] Aber K?thchen entsetzte sich. ?Kinder! In dem Spiegel seh' ich aus wie meine tote Gro?mutter."

?Er ist ganz schwarz."

?Und ganz bekritzelt."

Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar über Gr?bern. ?Auf der Urne hier unten, nein so was!" sagte K?thchen. ??Erst jetzt sollen wir leiden' ... Warum? Weil sie hier drinnen waren? Die waren wohl verrückt."

?Wir sind nicht verrückt", behauptete Diederich. ?Fr?ulein Guste, Sie haben doch einen Brillanten." Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit einer Inschrift und lie? die M?dchen das Werk entr?tseln. Da sie sich kreischend abwandten, sagte er stolz: ?Wozu hei?t dies das Liebeskabinett."

Pl?tzlich stie? Guste einen Schreckensruf aus. ?Hier sieht jemand zu!"

Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!... K?thchen war schon bei der Tür. ?Kommen Sie wieder her", rief Diederich. ?Es ist blo? gemalt."

Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand gel?st, man konnte ihn noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus.

?Es ist die Sch?ferin, die drau?en über den Bach springt!"

?Jetzt hat sie es hinter sich", sagte Diederich; denn die Sch?ferin sa? da und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels aber entfernte sich der Sch?fer.

?Und dort kommt man hinaus!" Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt, er tastete, die Tapete ?ffnete sich.

?Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat", [pg 331]bemerkte er und ging voraus. Ihm im Rücken sagte K?thchen sp?ttisch:

?Ich habe gar nichts hinter mir."

Und Guste wehmütig: ?Ich auch nicht."

Diederich überh?rte dies, er stellte fest, da? man sich in einem der kleinen Salons hinter dem Büfett befand. Eilends erreichte er die Spiegelgalerie und verlor sich unauff?llig in der Menge, die soeben aus dem Saal quoll. Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der heimlichen Gr?fin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte. Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Bürgermeisters, alle hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. ?Sie sind schuld, Herr Assessor, da? es so gekommen ist! Schlie?lich war sie doch Ihre leibliche Schwester." – ?Pardon, meine Damen!" Und Jadassohn verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gr?flichen Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:

?Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen."

Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und Jadassohn, der vergeblich kr?hte, was denn los sei, ward von Diederich unter den Arm genommen. Diederich, das sü?e Pochen der Rache im Herzen, führte ihn eben dorthin, wo die Regierungspr?sidentin unter lebhafter Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze verabschiedete. Kaum aber da? sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach den Rücken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht mehr weiter. ?Was ist denn?" fragte er heuchlerisch. ?Ach ja, die [pg 332]Pr?sidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr."

Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der Jadassohn sein Leben geweiht hatte? ?Ich sage es ja", ?u?erte er nur, ganz leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu h?ren ... Dann kam er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. ?Sie k?nnen lachen, mein Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht, nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister."

?Na, na", sagte Diederich. Er setzte hinzu: ?Das ganze Gesicht brauchen Sie nicht einmal: blo? die Ohren."

?Wollen Sie sie mir verkaufen?" fragte Jadassohn und sah ihn an, da? Diederich erschrak. ?Kann man das?" fragte er unsicher. Jadassohn ging schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. ?Sie sind doch Spezialist für Ohren, Herr Doktor ..."

Heuteufel erkl?rte ihm, da? tats?chlich, wenn auch bisher nur in Paris, Operationen ausgeführt würden, durch die man Ohren auf die H?lfte ihres Umfanges herunterbringe. ?Wozu gleich das Ganze weg?" sagte Heuteufel. ?Die H?lfte k?nnen Sie ruhig behalten." Jadassohn hatte seine Haltung zurück. ?Gro?artiger Witz! Erz?hl' ich bei Gericht. Sie Gauner!" Und er klopfte Heuteufel auf den Bauch.

Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall begrü?t und berichteten von ihren Eindrücken auf der Bühne. ?Tee – Kaffee: Gott, war das aufregend!" sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm Glückwünsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn eingeh?ngt, [pg 333]Emmis Arm dagegen mu?te er gewaltsam festhalten. Sie zischte: ?La? die Kom?die"; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Grü?en: ?Du hast zwar blo? die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt mal was vorstellst. Sieh Magda an!" Denn Magda schmiegte sich gef?llig an ihn, sie schien bereit, das Glück der einigen Familie so lange spazieren zu führen, als er es irgend wünschte. ?Kleine," sagte er mit z?rtlicher Achtung, ?du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch." Er gab ihr sogar Schmeicheleien. ?Du siehst heute sü? aus. Für Kienast bist du fast zu schade." Als dann noch die Regierungspr?sidentin, schon im Fortgehen, ihnen gn?dig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausger?umt; hinter der Palmengruppe ward eine Polon?se angestimmt. Diederich machte seine korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz, triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte. So zogen sie an Guste Daimchen vorüber, die sa?. Sie sa? neben dem verwachsenen Fr?ulein Kühnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der Vogtei.

?Die arme Guste!" sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. ?Ja ja, das kommt davon."

?Aber eigentlich" – und Magda blinzelte von unten, ?woher kommt es denn?"

?Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so."

?Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten."

?Das darf ich nicht. Man mu? wissen, was man sich selbst schuldet."

Dann verlie? er sogleich den Saal. Soeben holte der [pg 334]junge Sprezius, der jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene Fr?ulein Kühnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf ihren Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch die Seitenzimmer, wo ?ltere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase von K?thchen Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort sa? an einem Tischchen Wolfgang Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum warteten.

?Sehr talentvoll", sagte Diederich. ?Haben Sie auch schon Ihr Fr?ulein Braut portr?tiert?"

?In der Beziehung interessiert sie mich nicht," erwiderte Buck, so phlegmatisch, da? Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben würden.

?Mit Ihnen wei? man überhaupt nicht", sagte er entt?uscht.

?Mit Ihnen wei? man immer", sagte Buck. ?Damals vor Gericht, w?hrend Ihres gro?en Monologes, h?tte ich Sie zeichnen m?gen."

?Ihr Pl?doyer hat mir genügt; es war ein Versuch, wenn auch glücklicherweise ein mi?lungener, meine Person und mein Wirken vor der breitesten ?ffentlichkeit in Mi?kredit zu bringen und ver?chtlich zu machen!"

Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. ?Mir scheint, Sie sind beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt." Er bewegte den Kopf und l?chelte, grüblerisch und entzückt. ?Wollen wir nicht 'ne Flasche Sekt zusammen trinken?" fragte er.

Diederich meinte: ?Ob ich nun gerade mit Ihnen –." Aber er gab nach. ?Das Gericht hat durch sein Urteil [pg 335]festgestellt, da? Ihre Vorwürfe sich nicht allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten M?nner richteten. Damit sehe ich die Sache als erledigt an."

?Dann also Heidsieck?" fragte Buck. Er n?tigte Diederich, mit ihm anzusto?en. ?Das werden Sie doch zugeben, bester He?ling, so eingehend wie ich, hat sich mit Ihnen überhaupt noch niemand besch?ftigt ... Jetzt kann ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als meine eigene. Sp?ter, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen nachgespielt."

?Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine überzeugung. Freilich, für Sie ist der repr?sentative Typus von heute der Schauspieler."

?Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel n?her ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die Waschfrau zu verteidigen h?tte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!"

?Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine überzeugungen!"

?Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie würden mir also das Theater anraten?" fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund ge?ffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich err?tete, denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte tr?umerisch: ?Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und Kohl mir überkochen, und es ist doch ein so gutes Gericht." Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von rückw?rts die H?nde auf die Augen und fragte: ?Wer ist das?" – ?Da ist er ja," sagte Buck und gab ihr einen Klaps.

?Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?" fragte Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen [pg 336]Stuhl zu holen; aber in Wirklichkeit w?re er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete gel?ufiger als sonst.

?Ihr pa?t eigentlich gro?artig zueinander, blo? da? ihr so f?rmlich tut."

Buck sagte: ?Das ist die gegenseitige Achtung." Diederich stutzte, und dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte. ?Eigentlich – sooft ich mich von Ihrem Herrn Br?utigam trenne, hab' ich Wut auf ihn; beim n?chsten Wiedersehen aber freu' ich mich." Er richtete sich auf. ?Wenn ich n?mlich noch kein national gesinnter Mann w?re, würde er mich dazu machen."

?Und wenn ich es w?re," sagte Buck, weich l?chelnd, ?würde er es mir abgew?hnen. Das ist der Reiz."

Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte hinunter.

?Jetzt sag' ich dir was, Wolfgang. Wetten, da? du umf?llst?"

?Herr Rose, Ihren Hennessy!" rief Buck. W?hrend er Kognak mit Sekt mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade sehr laut war, flüsterte er beschw?rend: ?Sie werden doch keine Dummheiten machen?" Sie lachte wegwerfend. ?Doktor He?ling hat Angst! Er findet die Geschichte zu gemein, ich finde sie blo? ulkig." Und laut lachend: ?Was sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und infolgedessen sollen wir: du verstehst?"

Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. ?Wenn schon." Da lachte Guste nicht mehr.

?Wieso, wenn schon?"

?Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, mu? es bei ihnen wohl alle Tage vorkommen, tut also nichts."

[pg 337] ?Redensarten machen den Kohl nicht fett", entschied Guste. Diederich glaubte sich denn doch verwahren zu müssen.

?überall k?nnen Fehltritte vorkommen. Aber über die Meinung seiner Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg."

Guste bemerkte: ?Er glaubt immer, er ist zu gut für diese Welt." Und Diederich: ?Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, mu? dran glauben." Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:

?Doktor He?ling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab' den Beweis, da? ich es wei?, von Meta Harnisch, weil sie schlie?lich hat müssen den Mund auftun. Er war überhaupt der einzige, der mich hat verteidigt. Er an deiner Stelle t?te sich die Leute kaufen, die sich unterstehen und verklatschen mich!"

Diederich best?tigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und spiegelte sich darin. Pl?tzlich lie? er es los.

?Wer sagt euch denn, da? ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen würde – einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so ziemlich gleich dumm und gemein sind?" Dabei kniff er die Augen zu. Guste hob die nackten Schultern.

?So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie wollen ... Der Dümmere ist der Klügere", schlo? sie herausfordernd, und Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal wie irrsinnig waren. Die F?uste bewegte er mit krampfigem Zittern um seinen Hals her. ?Wenn ich aber –" er war pl?tzlich ganz heiser – ?wenn ich den einen am Kragen h?tte, von dem ich wü?te, er zettelt alles an, er fa?t in [pg 338]seiner Person zusammen, was an allen h??lich und schlecht ist: ihn am Kragen h?tte, der das Gesamtbild w?re alles Unmenschlichen, alles Untermenschlichen –." Diederich, wei? wie sein Frackhemd, drückte sich seitw?rts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie auf, sie stob panikartig nach der Wand. ?Es ist der Kognak!" rief Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll des gr??lichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er zwinkerte, er gl?nzte heiter.

?An die Mischung bin ich leider gew?hnt", erkl?rte er.

?Es ist nur, damit ihr seht, wir k?nnen auch das."

Diederich setzte sich polternd wieder hin. ?Sie sind doch nur ein Kom?diant", sagte er entrüstet.

?Finden Sie?" fragte Buck und gl?nzte noch heller. Guste rümpfte die Nase. ?Na dann amüsiert euch weiter", ?u?erte sie und wollte gehen. Aber der Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, da? er mit dem Fr?ulein Braut den Kotillon tanze. Er sprach ?u?erst h?flich, beschwichtigend gewisserma?en. Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon Fritzsches Arm genommen.

Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. ?Ja ja," dachte Diederich, ?erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst nichts machen, weil sonst der Skandal noch gr??er wird, weil n?mlich unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ..."

Aufschreckend sagte Buck: ?Wissen Sie, da? ich erst jetzt rechte Lust bekomme, Fr?ulein Daimchen zu ehelichen? [pg 339]Ich hielt die Sache für – nicht sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine Pikanterie daraus."

Diederich war starr über diese Wirkung. ?Wenn Sie finden", brachte er hervor.

?Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, führen doch hier die vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Stra?e."

?Wir werden ihm Sporen anlegen", verhie? Diederich.

?Prost!"

?Prost! Aber meine Sporen" – Diederich blitzte. ?Ihre Skepsis und Ihre schlappe Gesinnung sind nicht zeitgem??. Mit" – er blies durch die Nase – ?mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat" – ein Faustschlag auf den Tisch – ?hat die Zukunft!"

Buck darauf mit verzeihendem L?cheln: ?Die Zukunft? Das ist eben die Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein."

?Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als da? Sie das Heiligste in den Schmutz ziehen!"

?Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Au?erhalb der Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte. Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel und Ha? der Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus geht es nicht."

?Wir leben in einer harten Zeit", best?tigte Diederich ernst.

[pg 340] ?Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, da? die Menschen, deren Dasein in den Drei?igj?hrigen Krieg fiel, an die Unab?nderlichkeit ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt, da? die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für überwindbar gehalten worden ist, sonst h?tten sie nicht die Revolution gemacht. Wo ist, in den R?umen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten k?nnen, die Zeit, die sich in Permanenz erkl?rt und aufgetrumpft h?tte vor der Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschr?nktheit. Die jeden nicht ganz in ihr Befangenen abergl?ubisch bem?kelt h?tte. Nicht national gesinnt sein erregt bei euch noch mehr Grauen als Ha?! Aber die vaterlandslosen Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?"

Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und innig. ?Bemühen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den W?nden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!" über die Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. ?Ihr Freunde der Menschheit und jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der düsteren Selbstsucht eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter uns noch erwarten euch einige!"

Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, da? er weinte. übrigens bekam er sogleich eine schlaue Miene. ?Ihr aber, Zeitgenossen, wi?t wohl nicht, was der alte Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen und Sch?ferinnen rosig l?chelt, als Schleife über der Brust tr?gt? Die Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind [pg 341]die euren? Es ist aber die franz?sische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes, sondern der allgemeinen Morgenr?te. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!"

Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt und sp?hte umher, ob niemand h?re. ?Sie sind ja besoffen," murmelte er; und um die Situation zu retten, rief er: ?Herr Rose! Noch eine Flasche!" Darauf setzte er sich achtunggebietend zurecht.

?Sie scheinen nicht daran zu denken, da? seitdem ein Bismarck da war!"

?Nicht nur einer", sagte Buck. ?Von allen Seiten ist Europa in diesen nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr über ihn hinaus sein solltet, h?ngt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen habt, da? ein gro?er Mann da ist, hat er schon aufgeh?rt, gro? zu sein."

?Sie werden ihn kennenlernen!" verhie? Diederich. ?Blut und Eisen bleibt die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!" Der Kopf schwoll ihm rot an bei diesen Glaubenss?tzen. Aber auch Buck regte sich auf.

?Die Macht! Die Macht l??t sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie eine aufgespie?te Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede! Spielt euch die Kom?die der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde drau?en und im Innern! Taten, glücklicherweise, sind euch nicht erlaubt!"

?Nicht erlaubt?" Diederich blies, als sollte Feuer kom[pg 342]men. ?Seine Majest?t hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ..."

?Denn wo der deutsche Aar –!" rief Buck, mit j?hem Schwung; und noch wilder: ?Nicht Parlamentsbeschlüsse! Die einzige S?ule ist das Heer!"

Diederich gab ihm nichts nach. ?Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor dem ?u?eren und inneren Feind zu schützen!"

?Einer hochverr?terischen Schar zu wehren!" schrie Buck.

?Eine Rotte von Menschen –"

Diederich fiel ein: ?– nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!"

Und beide einstimmig: ?Verwandte und Brüder niederschie?en!"

T?nzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten die K?pfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die auf ihren Stühlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen Augen und entbl??ten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht schleuderten.

?Einen Feind, und der ist mein Feind!"

?Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!"

?Ich kann sehr unangenehm sein!"

Die Stimmen überschlugen sich.

?Falsche Humanit?t!"

?Vaterlandslose Feinde der g?ttlichen Weltordnung!"

?Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!"

Eine Flasche flog gegen die Wand.

?Zerschmettere ich!"

?Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!"

[pg 343] Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von rückw?rts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er machte sich steif und wiederholte drohend: ?Herrliche Tage!" Sie ri? das Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch Buck sah ein, da? es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauff?llig stützte er den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, da? Diederich in der Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu, gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.

?Zerschmettere ich!"

Dann ward er hinunter und in den Wagen bef?rdert.

Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat, war er sehr erstaunt, da? Emmi es entrüstet verlie?. Aber Magda brauchte ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wu?te er schon wieder, um was es sich handelte. ?Hab' ich das wirklich gemacht? Na ja, ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ... Natürlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und korrektesten Weise beizulegen."

Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen hatte. Indes ein zweisp?nniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete er sich mit Gehrock, wei?er Krawatte und Zylinder; dann überreichte er dem Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. überall verlangte er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne deutlich zu [pg 344]erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:

?Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und korrekteste Weise ..."

Um halb zwei war er zurück und lie? sich aufseufzend zum Essen nieder. ?Die Sache ist beigelegt."

Der Nachmittag geh?rte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich lie? Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.

?Herr Fischer," sagte er und wies ihm einen Stuhl an, ?ich empfange Sie hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn S?tbier unsere Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft n?mlich die Politik."

Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gew?hnt, auf Diederichs ersten Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein über. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschlo? er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.

?Ich will n?mlich Stadtverordneter werden," erkl?rte er, ?und dazu brauche ich Sie."

Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. ?Ich Sie auch", sagte er. ?Denn ich will auch Stadtverordneter werden."

?Nanu, na h?ren Sie mal! Ich war auf manches gefa?t ..."

?Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?" – und der Proletarier fletschte die gelben Z?hne. Er versteckte sein Grinsen gar nicht mehr. Diederich begriff, da? in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin. [pg 345]?N?mlich, Herr Doktor," begann Napoleon, ?den einen von den beiden Sitzen hat meine Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen. Wenn Sie die 'rausschmei?en wollen, brauchen Sie uns."

?So weit seh' ich es ein", sagte Diederich. ?Ich habe zwar auch den alten Buck für mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so vertrauensselig, da? sie mich w?hlen, wenn ich mich als Freisinniger aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen."

?Und ich hab' auch schon 'ne Ahnung, wieso Sie das machen k?nnen", erkl?rte Napoleon. ?Weil ich n?mlich schon l?ngst 'n Auge auf Herrn Doktor habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena 'reinsteigt."

Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der H?he!

?Ihr Proze?, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das war alles ganz sch?n, als Reklame. Aber für einen Politiker hei?t es doch immer: wie viele Stimmen krieg' ich."

Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom ?nationalen Rummel" sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon fertigte ihn schnell ab.

?Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewisserma?en allerhand Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Gesch?fte sind allemal damit zu machen als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie f?hrt bald in einer einzigen Droschke ab."

?Und die verm?beln wir ihr auch noch!" rief Diederich. Die Bundesgenossen lachten vor Vergnügen. Diederich holte eine Flasche Bier.

?A–ber", machte der Sozialdemokrat; und er rückte mit seiner Bedingung heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu unterstützen war! [pg 346]... Diederich sprang vom Stuhl. ?Und das erdreisten Sie sich von einem nationalen Mann zu verlangen?"

Der andere blieb gelassen und ironisch. ?Wenn wir dem nationalen Mann nicht helfen, da? er gew?hlt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?" – Und Diederich mochte sich emp?ren oder um Gnade flehen, er mu?te auf ein Blatt Papier schreiben, da? er für das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten werde. Darauf erkl?rte er barsch die Unterredung für beendet und nahm dem Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer zwinkerte. überhaupt dürfe der Herr Doktor froh sein, da? er mit ihm und nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für seine eigene Wahl agitiere, w?re zu dem Kompromi? nicht zu haben gewesen. Und in der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund, in der ihm nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer zu tun. ?Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür werden Sie sich wohl bedanken. Bei uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen verscharrt."

Damit ging er und überlie? Diederich seinen Gefühlen. ?Schon mehr Dreck zusammen verscharrt!" dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener Kuli, den er jeden Augenblick auf die Stra?e werfen konnte! Vielmehr, leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der Holl?nder! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet [pg 347]nicht nur im Betrieb aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten h?tte Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu fürchten, da? Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er wu?te. Diederich sah sich gen?tigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen. ?Aber" – er schüttelte die Faust gegen die Zimmerdecke – ?wir sprechen uns wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!"

Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und sein biederm?nnisches und sch?ngeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuh?ren. Dafür ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der ?Netziger Zeitung", die in einem warmen Artikel Herrn Doktor He?ling als Mensch, Bürger und Politiker den W?hlern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfügte, man mu?te es leider zugeben, über genug selbst?ndige Gewerbetreibende, sie brauchte den bürgerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem gew?hnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor He?ling im Scho?e der st?dtischen K?rperschaft seinem eigenen Maschinenmeister begegnen?

Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten volle Einmütigkeit her; sogar Rille mu?te sich für Napoleon erkl?ren, – der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn aufstellte, nur die H?lfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen. Die beiden Gew?hlten wurden gemeinsam in die Versammlung eingeführt. Bürgermeister Doktor Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis, da? einerseits der t?tige Bürger, andererseits der empor[pg 348]strebende Arbeiter –. Und schon in der n?chsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen ein.

Zur Debatte stand die Kanalisation der G?bbelchenstra?e. Eine betr?chtliche Anzahl jener alten Vorstadth?user befand sich noch heute, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von Abortgruben, deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend überschwemmten. Bei seinem Besuch im ?Grünen Engel" hatte Diederich die Wahrnehmung gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre dürfe kleinlichen Rücksichten nicht weichen. ?Deutschtum hei?t Kultur!" rief Diederich aus. ?Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine Majest?t der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majest?t das Wort gesprochen: Die Schweinerei mu? ein Ende nehmen. Wo nur immer gro?zügig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner Majest?t voran, und darum, meine Herren –"

?Hurra!" rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.

?Sehr richtig!" versetzte er schneidend. ?Ich kann nicht besser schlie?en. Seine Majest?t der Kaiser hurra, hurra, hurra!"

Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der merkwürdige Zusammenhang, in den Herr Doktor He?ling die Person des Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majest?tsbeleidigung darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch ward weiter debattiert. Die [pg 349]?Volksstimme" behauptete, Herr He?ling trage in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten Byzantinismus, wohingegen die ?Netziger Zeitung" seine Rede als die erfrischende Tat eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Da? es sich aber um einen wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im ?Berliner Lokal-Anzeiger" stand. Das Blatt Seiner Majest?t war über das mutige Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor He?ling des Lobes voll. Es stellte mit Genugtuung fest, da? der neue, entschlossen nationale Geist, für den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer, die Scheidung zwischen denen für ihn und denen wider ihn vollziehe sich. ?M?chten viele wackere Vertreter unserer St?dte dem Beispiel des Doktor He?ling folgen!"

Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Stra?e, von rückw?rts in die Bierstube von Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den ?u?ersten Winkel zurück; Fr?ulein Klappsch ward, kaum da? sie das Bier gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür horchte, h?rte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen, durch die er bei st?rkerem Besuch die Gl?ser hineinreichte; aber Rille, der damit Bescheid wu?te, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte der Wirt bemerkt, da? Doktor He?ling aufgesprungen war und im Begriff schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand bieten!... Sp?ter aber wollte Fr?ulein [pg 350]Klappsch, die zum Zahlen gerufen ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben war.

Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes schritten die Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Stra?e, Diederich lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Geb?ude der Regierung betrat. Den Wachtposten begrü?te er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der Garderobe stie? man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden Fr?ulein He?ling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über die Schulter, wie eine Gr?fin. Sodann trat sie Diederich auf den Fu?, damit er merke, auf welchen hei?en Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgen?tigt, vor der Pr?sidentin entzückte Kratzfü?e ausgeführt hatte und mit allen bekannt geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gef?hrlich, auf einem Stühlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht zu erhalten, w?hrend man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein huldigendes L?cheln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort über die so gelungene Aufführung der ?Heimlichen Gr?fin" zu liefern, ein m?nnlich anerkennendes für die gro?zügige Verwaltungst?tigkeit des Pr?sidenten, ein gewichtiges über Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch den Wulckowschen Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte [pg 351]man hier nicht denken; es hie? mit aufreibendem L?cheln in die wasserhellen Augen des Hauptmanns von K?ckeritz starren, dessen Glatze wei?, dessen Gesicht von der Mitte der Stirn abw?rts feuerrot war und der vom Exerzierplatz erz?hlte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient habe, schon der Schwei? ausbrach, erlebte man es unversehens, da? die Dame neben einem, die ihr wei?blondes Haar glatt über den Kopf hinaufk?mmte und eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ... Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fu? zu stehen schien, griff gewandt in das Pferdegespr?ch ein, gebrauchte fachm?nnische Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor zurück, von Ritten ins Gel?nde zu phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte. Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schützte sie die arme Frau He?ling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht wieder. Ihre unheimlichen Talente lie?en Magda, der es doch gelungen war, sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich, wie nach seiner Rückkehr aus dem ?grünen Engel", sich der unberechenbaren Wege bewu?t, die ein M?dchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, da? er eine Frage der Pr?sidentin überh?rt hatte, und da? man schwieg, weil er antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stie? aber nur auf den unerbittlichen Blick eines gro?en Bildnisses, bleich und steinern, in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart an den Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter hinweg kalt blitzend! Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte ihm den Rücken.

[pg 352] Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tür, zog verstohlen die Uhr, da hüstelte hinter ihm die Pr?sidentin. ?Ich wei? wohl, lieber Doktor, da? Sie nicht uns und unserer leichten, ich m?chte sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten Pflichten geh?rt. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur." Den Finger auf den Lippen ging sie voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ... Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ?ngstlich auf Diederich, dem auch nicht wohl war. ?Ottochen", versuchte sie, z?rtlich an die verschlossene Tür geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob sich drinnen die fürchterliche Ba?stimme: ?Hier ist kein Ottochen! Sag' den Schafsk?pfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!" – ?Er ist so sehr besch?ftigt", flüsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. ?Die Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider mu? ich mich jetzt meinen G?sten widmen, der Diener soll Sie anmelden." Und sie entschwebte.

Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ert?nte es drinnen: ?Schnaps! Komm herein!" – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da sie verga?, sie wieder zu schlie?en, erlaubte Diederich sich, mit hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow sa? in einer Rauchwolke am Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her.

?Guten Tag, Herr Pr?sident", sagte Diederich, mit einem Kratzfu?. ?Na nu, quatschst du auch schon, Schnaps?" fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er faltete ein Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... ?Jetzt [pg 353]kommt es", dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit über; mit gefletschten Z?hnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so ger?uschlos wie m?glich, von einem Fu? auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl wissend, ihr Herr k?nnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps' Seitensprüngen. Einmal sah er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen. Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und lie? sich streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, ma? er mit kühnen J?gerblicken Diederich, der sich den Schwei? wischte.

?Gemeines Vieh!" dachte Diederich – und pl?tzlich wallte es auf in ihm. Emp?rung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit unterdrücktem Keuchen: ?Wer bin ich, da? ich mir das bieten lassen mu?? Mein letzter Maschinenschmierer l??t sich das von mir nicht bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich n?tiger als ich ihn!" Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm den übelsten Sinn an. Man hatte ihn verh?hnt, der Bengel von Leutnant hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommi?k?pfe und adeligen Puten hatten die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm dabei sitzen lassen! ?Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!" Gesinnung und Gefühle, alles [pg 354]stürzte in Diederichs Brust auf einmal zusammen, und aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses. ?Menschenschinder! S?belra?ler! Hochn?siges Pack!... Wenn wir mal Schlu? machen mit der ganzen Bande –!" Die F?uste ballten sich ihm von selbst, in einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverb?nde und sie selbst, die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir nichts k?nnen, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches Gesicht, eisern, gestr?ubt, blitzend: Diederich aber, in wüster Selbstvergessenheit, hob die Faust.

Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Pr?sidenten hervor aber kam ein donnerndes Ger?usch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diederich erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen war. Das Geb?ude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspr?sident hatte wichtige Staatsgesch?fte. Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung und sorgte für gute Gesch?fte ...

?Na, Doktorchen?" sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum. ?Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie sich mal auf diesen Ehrenplatz."

?Ich darf mir schmeicheln", stammelte Diederich. ?Einiges habe ich schon erreicht für die nationale Sache."

Wulckow blies ihm einen m?chtigen Rauchkegel ins [pg 355]Gesicht, dann kam er ihm ganz nahe mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer Mongolenfalte. ?Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, da? Sie Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Gesch?ft soll ja 'ne ziemlich faule Karre sein." Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow dr?hnend. ?Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da geschrieben habe?" Das gro?e Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die er darauf legte. ?Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz für einen gewissen Doktor He?ling, in Anerkennung seiner Verdienste um die gute Gesinnung in Netzig ... Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht gehalten?" setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und wie mit Bl?dheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort Verbeugungen. ?Ich wei? tats?chlich nicht", brachte er hervor. ?Meine bescheidenen Verdienste –"

?Aller Anfang ist schwer", sagte Wulckow. ?Es soll auch nur eine Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Proze? Lauer war nicht übel. Na und Ihr Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse ganz aus dem H?uschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb Anklage wegen Majest?tsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen wohl erkenntlich zeigen."

Diederich rief aus: ?Mein sch?nster Lohn ist es, da? der Lokal-Anzeiger meinen schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerh?chsten Augen selbst gebracht hat!"

?Na, nu nehmen Sie sich mal 'ne Zigarre", schlo? Wulckow; und Diederich begriff, da? jetzt die Gesch?fte kamen. Schon inmitten der Hochgefühle waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem [pg 356]anderen nicht eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:

?Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag bewilligen."

Wulckow streckte den Kopf vor. ?Ihr Glück. Wir haben sonst ein billigeres Projekt, darauf wird Netzig überhaupt nicht berührt. Also sorgen Sie dafür, da? die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern."

?Das will der Magistrat auch nicht." Diederich bat mit den H?nden um Nachsicht. ?Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler Mann –"

?Das m?chte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich sonst einfach ein Elektrizit?tswerk, das hat er billig, was glauben Sie, zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier in Netzig selbst."

Diederich richtete sich auf. ?Ich bin entschlossen, Herr Pr?sident, allen Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten." Hierauf, mit ged?mpfter Stimme: ?Einen Feind k?nnen wir übrigens loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Klüsing in Gausenfeld."

?Der?" Wulckow feixte ver?chtlich. ?Der fri?t mir aus der Hand. Er liefert Papier für die Kreisbl?tter."

?Wissen Sie, ob er für schlechte Bl?tter nicht noch mehr liefert? Darüber, Herr Pr?sident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert."

?Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverl?ssiger geworden."

?Und zwar –" Diederich nickte gewichtig, ?seit dem [pg 357]Tage, an dem der alte Klüsing mir, Herr Pr?sident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten lassen. Gausenfeld sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, da? ich mich an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er auch Angst –" eine bedeutsame Pause – ?da? der Herr Pr?sident das Papier für die Kreisbl?tter lieber bei einem nationalen Werk bestellt."

?Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?"

?Niemals, Herr Pr?sident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr verleugnen, da? ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges Geld drin ist."

?Na sch?n." Wulckow stemmte die F?uste auf die Schenkel. ?Jetzt brauchen Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. Die Kreisbl?tter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die Papierlieferungen für die Regierung. Sonst noch was?"

Und Diederich, sachlich:

?Herr Pr?sident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem Umsturz mach' ich keine Gesch?fte. Wenn Sie, Herr Pr?sident, auch als Vorstand der Bibelgesellschaft mein Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die nationale Sache würde nur gewinnen."

?Na sch?n", wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen Trumpf aus.

?Herr Pr?sident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine Brutst?tte des Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der anders w?hlt als sozialdemokratisch."

?Na und bei Ihnen?"

Diederich schlug sich auf die Brust. ?Gott ist mein Zeuge, da? ich lieber noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als da? ich einen [pg 358]einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich wei?, er ist nicht kaisertreu."

?Sehr brauchbare Gesinnung", sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen Augen an. ?Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg mitgemacht. Jugendliche besch?ftige ich gar nicht mehr, seit der Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre, wie Seine Majest?t festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen –"

Wulckow winkte ab. ?Ihre Sorge, Doktorchen!"

Diederich lie? sich seinen Entwurf nicht verderben. ?Unter meinen Lumpen darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, ist es anders. Da k?nnen wir den Umsturz brauchen, damit aus den freisinnigen Lumpen wei?es, kaisertreues Papier wird." Und er machte eine tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte furchtbar.

?Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?"

Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: ?Das ist auch einer von den Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?"

Diederich schluckte, er sah, da? es keinen Umweg mehr gab. ?Herr Pr?sident", sagte er mit einem Entschlu?; und dann leise und hastig: ?Der Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gew?hlt wird, in Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich."

[pg 359] Er breitete ein Papier hin vor den Pr?sidenten. Wulckow las, dann stand er auf, warf den Stuhl mit dem Fu? fort und ging, Rauch aussto?end, durch das Zimmer. ?Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die Stadt kein S?uglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal." Er blieb stehen. ?Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen Wilhelm den Gro?en hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee aus Ihnen! Ich schlag' Sie so klein, da? Sie nicht mal mehr im S?uglingsheim Aufnahme finden!"

Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen bis an die Wand. ?Herr Pr?sident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein für diese gro?e nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ..."

?Dann gnade Ihnen Gott!"

?Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?"

?Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!" Wulckow lie? sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wütend. Als die Wolken zergingen, hatte er sich aufgeheitert. ?Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange, arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen gegen Klüsing."

?Herr Pr?sident!" Wulckows L?cheln schuf in Diederich einen überschwang von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. ?Wenn Sie es ihn unter der Hand wissen lie?en, da? Sie ihm eventuell die Auftr?ge entziehen! An die gro?e Glocke h?ngt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fürchten; aber er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er –"

[pg 360] ?Mit seinem Nachfolger", schlo? Wulckow. Da mu?te Diederich aufspringen und seinerseits durch das Zimmer laufen. ?Wenn Sie wü?ten, Herr Pr?sident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt, ich will sagen, der moderne, gro?zügige Geist!"

?Den scheinen Sie zu haben", meinte Wulckow.

?Im Dienst der nationalen Sache", beteuerte Diederich. Er kehrte zurück. ?Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glücklich sch?tzen, wenn es uns gelingen würde, da? Sie so gut sind, Herr Pr?sident, und bekunden der Sache Ihr gesch?tztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes."

?Gemacht", sagte Wulckow.

?Die aufopfernde T?tigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee entsprechend zu würdigen wissen."

?Erkl?ren Sie sich mal n?her!" In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll, aber Diederich bei seiner Angeregtheit überh?rte es.

?Die Idee hat bereits zu gewissen Er?rterungen im Scho?e des Komitees geführt. Man wünscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und mit einem Volkspark zu umgeben, damit n?mlich die unl?sbare Verbindung von Herrscher und Volk sinnf?llig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun im Zentrum der Stadt an ein gr??eres Grundstück gedacht; auch die Nachbargeb?ude w?ren zu haben; es ist in der Meisestra?e."

?Soso. Meisestra?e." Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.

?Der Gedanke ist aufgetaucht, da? wir uns, noch bevor die Stadt der Sache n?her tritt, die betreffenden Grundstücke sichern und unbefugten Spekulationen zuvorkommen [pg 361]sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender h?tte natürlich das erste Anrecht ..."

Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach los. ?Herr! Für wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Gesch?ftsagent? Das ist unerh?rt, das war noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem K?niglichen Regierungspr?sidenten zu, er soll seine schmutzigen Gesch?fte mitmachen!"

Wulckow dr?hnte übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen K?rperw?rme und mit seinem pers?nlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückw?rts bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kl?ffend zum Angriff über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und Get?se.

?Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!" schrie Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tür tastete, hatte nur Vermutungen darüber, wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund oder der Pr?sident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf vertrautem Fu? zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach über ihn herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tür hinter dem Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den schlotternden Diederich überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. ?Ich kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Beh?rde, an der obersten Beh?rde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!"

[pg 362] Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste Gericht nicht entfernt den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. übrigens drehte auch Wulckow sich pl?tzlich um; er zündete seine Zigarre wieder an, Diederich war nicht mehr da für ihn. Und auch Schnaps lie? von ihm ab, als sei er Luft. Da wagte Diederich es, die H?nde zu falten.

?Herr Pr?sident," flüsterte er wankend, ?Herr Pr?sident, erlauben Herr Pr?sident, da? ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen, tief bedauerliches Mi?verst?ndnis vor. Nie würde ich, bei meiner wohlbekannten nationalen Gesinnung –. Wie k?nnte ich!"

Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn.

?Wenn ich auf meinen Vorteil s?he," begann er wieder, um etwas vernehmlicher, ?anstatt da? ich immer nur das nationale Interesse im Auge habe, dann w?re ich heute nicht hier, dann w?re ich bei dem Herrn Buck. Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige S?uglingsheim. Aber das Ansinnen hab' ich mit Entrüstung zurückgewiesen und habe den geraden Weg gefunden zu Ihnen, Herr Pr?sident. Denn besser, hab' ich gesagt, das Denkmal Kaiser Wilhelms des Gro?en im Herzen als das S?uglingsheim in der Tasche, hab' ich gesagt und sag' es auch hier mit lauter Stimme!"

Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu. ?Sind Sie noch immer da?" fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: ?Herr Pr?sident –"

?Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen verhandelt."

?Herr Pr?sident, im nationalen Interesse –"

[pg 363] ?Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr Grundstück, und dalli; nachher k?nnen wir reden."

Diederich, erbla?t, mit dem Gefühl, als werde er an der Wand zerquetscht: ?In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an Klüsing? Der Ehrenvorsitz?"

Wulckow zog eine Grimasse. ?Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!"

Diederich rang nach Atem. ?Ich bringe das Opfer!" erkl?rte er. ?Denn das H?chste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, mu? über jedem Verdacht stehen."

?Na ja", sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, stolz auf seinen Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, da? der Pr?sident ihn als Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.

Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk bl?tternd. Die G?ste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil sie sich anziehen mu?te zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. ?Meine Unterredung mit dem Pr?sidenten ist für beide Teile durchaus befriedigend verlaufen", stellte Diederich fest; und drau?en auf der Stra?e: ?Da sieht man es, was es hei?t, wenn zwei loyale M?nner verhandeln. In dem heutigen verjudeten Gesch?ftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr."

Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erkl?rte, da? sie Reitstunden nehmen werde. ?Wenn ich dir das Geld gebe", sagte Diederich, aber nur der Ordnung wegen, denn er war stolz auf Emmi. ?Hat Leutnant von Brietzen nicht Schwestern?" bemerkte er. ?Du solltest bekannt werden [pg 364]und uns Einladungen verschaffen zur n?chsten Soiree der Frau Oberst." Gerade ging drüben der Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. ?Ich wei? wohl," sagte er, ?man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das H?chste, es zieht einen hin!"

Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergr??ert. Der handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts gegenüber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark, wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang Buck.

?Ich habe mich nun doch entschlossen", erkl?rte Buck. ?Ich gehe zur Bühne."

?Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?"

?Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort weniger Kom?die gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache. Auch sind die Weiber sch?ner."

?Das ist kein Standpunkt", erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst. ?Ich mu? zugeben, das Gerücht über Guste und mich hat mir Spa? gemacht. Andererseits: so bl?dsinnig es ist, es ist nun einmal da, das M?dchen leidet darunter, ich kann sie nicht l?nger kompromittieren."

Diederich widmete ihm einen absch?tzigen Seitenblick, denn er hatte den Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum Vorwand, um sich zu drücken. ?Sie werden wohl wissen," versetzte er streng, ?was Sie da anrichten. Ein anderer nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es geh?rt schon verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu."

Buck best?tigte dies. ?Für einen wirklich modernen, gro?zügigen Mann", sagte er bedeutungsvoll, ?mü?te [pg 365]es eine besondere Genugtuung sein, ein M?dchen unter solchen Umst?nden zu sich hinaufzuziehen und für sie einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der Edelmut zuletzt das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin."

?Wieso, Lohengrin?"

Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten, ward er unruhig. ?Kommen Sie mit hinein?" fragte er. – ?Wo denn hinein?" – ?Gleich hier, Schweinichenstra?e 77. Ich mu? es ihr doch sagen, Sie k?nnten vielleicht –." Da pfiff Diederich durch die Z?hne.

?Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erz?hlen Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie aus dem Spiel, den Br?uten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu kündigen."

?Machen Sie eine Ausnahme", bat Buck. ?Mir werden Szenen im Leben so schwer."

?Ich habe Grunds?tze", sagte Diederich. Buck lenkte ein.

?Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle als moralische Unterstützung dienen."

?Moralisch?" fragte Diederich.

?Als Vertreter sozusagen des verh?ngnisvollen Gerüchtes."

?Was wollen Sie damit sagen?"

?Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie."

Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.

Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste lie? auf sich warten. Buck ging nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. ?War nicht auch Wolfgang da?" fragte sie.

Buck war ausgerissen!

[pg 366] ?Das begreife ich nicht", sagte Diederich. ?Er hatte doch etwas ganz Dringendes bei Ihnen vor."

Hierauf err?tete Guste. Diederich wandte sich der Tür zu. ?Dann empfehle ich mich auch."

?Was wollte er denn?" forschte sie. ?Das kommt bei ihm doch nicht oft vor, da? er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?"

?Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, da? ich es entschieden mi?billige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine Schuld ist es nicht, adieu."

Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.

?Ich mu? es ablehnen," verriet er schlie?lich, ?da? ich mir mit den Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der Dritte durchgeht und entzieht sich seinen n?chstliegenden Verpflichtungen."

Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick reglos, und dann warf sie die H?nde vor das Gesicht. Sie schluchzte, man sah ihre Wangen aufquellen und die Tr?nen ihr durch die Finger rinnen. Sie hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren Schmerz. ?Schlie?lich", meinte er, ?ist ja so viel nicht an ihm verloren." Da aber emp?rte sich Guste. ?Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und haben immer gegen ihn gehetzt. Da? er ausgerechnet Sie mu? herschicken, das kommt mir mehr wie sonderbar vor."

?Wie meinen Sie das, bitte?" verlangte Diederich seinerseits. ?Sie mu?ten wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fr?ulein, was Sie von dem betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist, ist alles schlapp."

Da sie ihn h?hnisch musterte, versetzte er um so strenger:

[pg 367] ?Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt."

?Weil es Ihnen so pa?te", erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie: ?Er hat mich doch selbst angestellt, da? ich seinen Kochtopf sollte umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt gewesen w?re, h?tte er ihn schon l?ngst überkochen lassen."

Da rang es sich los aus Guste. ?Haben Sie 'ne Ahnung! Das ist es ja, das kann und kann ich ihm nicht verzeihen, da? ihm immer alles wurscht war, sogar mein Geld!"

Diederich war erschüttert. ?Mit so einem soll man sich nicht einlassen", stellte er fest. ?Die haben keinen Halt und laufen einem durch die Finger." Er nickte gewichtig. ?Wem das Geld wurscht ist, der versteht das Leben nicht."

Guste l?chelte bla?. ?Dann verstehen Sie es gl?nzend."

?Das wollen wir hoffen", sagte er. Sie kam n?her zu ihm, durch ihre letzten Tr?nen blinzelte sie ihn an.

?Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus mache?" Sie verzog den Mund. ?Ich hab' ihn doch überhaupt nicht geliebt. Blo? auf die Gelegenheit hab' ich gewartet, da? ich ihn loswerde. Nun ist er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn", setzte sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein Schnupftuch zurück, für alles andere schien er zu danken. Guste begriff, da? er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so demütiger verhielt sie sich.

?Sie spielen gewi? auf meine Lage an, wo ich nun drin bin."

Er lehnte ab. ?Ich habe nichts gesagt." Guste klagte still. ?Wenn die Leute Gemeinheiten über mich reden, dafür kann ich doch nicht!"

[pg 368] ?Ich auch nicht."

Guste senkte den Kopf. ?Na ja, ich mu? es wohl einsehen. So eine wie ich verdient nicht mehr, da? ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten vom Leben sie noch nimmt." Und dabei schielte sie von unten nach der Wirkung.

Diederich schnaufte. ?Es kann auch sein –", begann er und machte eine Pause. Guste atmete nicht. ?Nehmen wir einmal an," sagte er mit schneidender Betonung, ?jemand hat im Gegenteil die allerernstesten Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und gro?zügig, und im vollen Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den Schutz des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor."

Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handfl?chen aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien noch nicht zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gn?dig. ?So soll es sein", sagte er und blitzte.

Hier trat Frau Daimchen ein. ?Nanu," bemerkte sie, ?was ist denn los?" Und Guste, mit Geistesgegenwart: ?Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring", – worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederlie?. Diederich wollte nicht zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: ?Hat ihm schon!" Sie stand entschlossen auf.

?Da? du es nur wei?t, Mutter, ich habe mich ver?ndert."

Frau Daimchen, noch au?er Atem, begriff nicht sogleich. Guste und Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzukl?ren. Schlie?lich gestand sie, da? sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so etwas schon [pg 369]gedacht habe. ?Wolfgang war sowieso 'n bi?chen zu miesepeterig, au?er er hatte was getrunken. Blo? die Familie, dagegen kommen He?lings nicht auf."

Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte an, da? nichts abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise über Gustes Mitgift mu?ten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft – und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden! Bei jedem Widerspruch hielt er den Türgriff schon in der Hand, und jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: ?Soll denn morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?"

Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er a? zu Abend mit den Damen und wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstm?dchen nach dem Verlobungssekt schicken. Dies kr?nkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr verkehrten. ?überhaupt haben Sie mehr Glück als Verstand, denn den Herrn Leutnant von Brietzen h?tte Guste auch gekriegt." Darauf lachte Diederich wohlgemut. Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der Leutnant von Brietzen für Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche taumelte das Brautpaar auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen, ihre Fü?e waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand besch?ftigte sich unten. Drüben drehte Frau Daimchen die Daumen. Pl?tzlich verursachte Diederich ein donnerndes Ger?usch und erkl?rte sofort, er übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.

[pg 370] Welche überraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewi?. Vielleicht ziehe er nach Berlin, für gro?zügige Unternehmungen sei es das Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen. ?Die Papierindustrie macht überhaupt eine Krise durch; diese mitten in Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verh?ltnissen keinen Sinn mehr."

Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erh?htes Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rührszenen und Umarmungen, als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite schien Diederich über Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch leicht, unter Eink?ufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten anregend miteinander besch?ftigt.

Die sch?ne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte sie eines Abends in den Lohengrin. Die beiden Mütter hatten sich dazu verstehen müssen, zu Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte, war eingedrückt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste wollte wissen, da? diese Loge eigentlich den Herren Offizieren geh?rte, und da? sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!

?über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus", erkl?rte Diederich, und er lie? durchblicken, da? er allerdings [pg 371]bis vor kurzem mit einer gewissen Dame vom Theater, die er natürlich nicht nennen k?nne –. Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Pl?tze ein.

?H?hnisch ist noch wabbeliger geworden", bemerkte Guste sogleich, und sie nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen hochkünstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte Haarstr?hnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedma?en den Takt schlug, über seinem gro?en grauen Gesicht, dessen Fetts?cke mitwippten; und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war gro?er Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, da? er auf Ouvertüren keinen Wert lege. überhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll. ?Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!" Diederich hielt sich mehr an den K?nig unter der Eiche, der sichtlich die prominenteste Pers?nlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders schneidig; Wulckow brachte Ba? und Vollbart entschieden besser zur Geltung; aber was er ?u?erte, war vom nationalen Standpunkt aus zu begrü?en. ?Des Reiches Ehr' zu wahren, ob Ost, ob West." Bravo! So oft er das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik bekr?ftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was man h?ren sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er h?tte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt. Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmütig, denn er glich aufs Haar dem dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen sah Diederich die Gesichter der Mannen n?her an und [pg 372]fand überall Neuteutonen. Sie hatten gr??ere B?uche und B?rte bekommen und sich gegen die harte Zeit mit Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in günstigen Lebensumst?nden zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen noch weniger gl?nzend; aber der Verkehr mit ihnen w?re unzweifelhaft in tadellosen Formen verlaufen. überhaupt ward Diederich gewahr, da? man sich in dieser Oper sogleich wie zu Hause fühlte. Schilder und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene Banner, und die deutsche Eiche: man h?tte mitspielen m?gen.

Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der lie? freilich zu wünschen. Guste stellte sp?ttische Fragen: welche es denn nun sei, mit der er –. ?Vielleicht die Ziege in dem H?ngekleid? Oder die dicke Kuh mit dem Goldreifen zwischen den H?rnern?" Und Diederich war nicht weit davon entfernt, sich für die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, da? eben sie in der ganzen Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien zun?chst noch leidlich Komment zu haben, aber eine h?chst üble Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche Treue, selbst wo sie ein so gl?nzendes Bild darbot, bedroht von den jüdischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.

Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man Klasse voraussetzen durfte. Der biedere K?nig h?tte es nicht n?tig gehabt, die Sache derma?en objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von vornherein gewisse Garantien. Diede[pg 373]rich fa?te sie ins Auge, sie sah herauf, sie l?chelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber Guste entri? es ihm. ?Also die Merée ist es?" zischte sie; und da er vielsagend l?chelte: ?Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!" – ?Jüdin?" – ?Die Merée, selbstredend, sie hei?t doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt." – Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm h?hnisch anbot, und überzeugte sich. Na ja, die Welt des Scheins. Entt?uscht lehnte Diederich sich zurück. Dennoch konnte er nicht hindern, da? Elsas keusche Vorahnung weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr rührte wie den K?nig und die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Da? die Edlen sich auf die faule Sache nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man mu?te schon mit etwas Au?erordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre, sie machte einen geradezu auf alles gefa?t. Diederich hatte den Mund offen und so dummselige Augen, da? Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam, funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch bet?render. Mannen, Edle und der K?nig unterlagen alle derselben Verblüffung wie Diederich. Nicht umsonst gab es h?here M?chte.... Ja, die allerh?chste Macht verk?rperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder Adlerhelm: Elsa wu?te wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel. Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und h?tte überhaupt wegziehen müssen: und [pg 374]da kam der Held und Retter und machte sich aus der ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! ?So soll es sein!" sagte Diederich und nickte auf die knief?llige Elsa hinab – indes Guste, die Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.

Das weitere konnte man an den Fingern abz?hlen. Telramund machte sich einfach unm?glich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem Repr?sentanten Lohengrin verhielt sich sogar der K?nig h?chstens wie ein besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln.

Der zweite Akt – Guste a? noch immer, sanft hingegeben, Pralinees – brachte zun?chst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen dem glanzvollen, ohne Mi?ton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den vornehm erleuchteten R?umen des Palastes, und den beiden dunkeln Emp?rern, die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. ?Erhebe dich, Genossin meiner Schmach", meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen pers?nlichen Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter sich hatte. Er tr?umte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte nach Guste. ?Es gibt ein Glück, das ohne Reu", bemerkte Elsa; und Diederich zu Guste: ?Das wollen wir hoffen."

Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde [pg 375]sodann durch den dicken Delitzsch er?ffnet, da? sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund, heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich keine Meinung und schluckten jede Vorlage. ?Den Reichstag bringen wir auch noch so weit", gelobte Diederich.

Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte, emp?rte sich Guste. ?Das hat sie nun nicht n?tig, darüber ?rgere ich mich immer. Wo sie doch nichts mehr hat, und überhaupt." – ?Jüdische Frechheit", murmelte Diederich. übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt, unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen Namen verraten und dadurch das ganze Gesch?ft in Frage stellen sollte oder nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen brauchte er nicht erst zu beweisen, da? er, trotz dem N?rgler Telramund, reine H?nde und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung war durchaus unverd?chtig.

Guste verhie? ihm, im dritten Akt k?me das Allersch?nste, aber dafür müsse sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin h?tte sich besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren glücklich fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der K?nig! Er konnte nicht wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der K?nig schon immer zu konziliant gewesen war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine Nulpe.

[pg 376] Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an die ?Wonnen, die nur Gott verleiht". Zuerst umschlangen sie sich nur oben, die unteren K?rperteile sa?en nach M?glichkeit voneinander entfernt. Je mehr sie aber sangen, um so n?her rutschten sie heran, – wobei ihre Gesichter sich h?ufig auf H?hnisch richteten. H?hnisch und sein Orchester schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit erhitzten Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberkl?nge, die H?hnisch mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die H?nde folgten ihnen. Diederich lie? die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten, umspannte sie unten und murmelte bet?rt: ?Wie ich das zum erstenmal gesehen habe, gleich hab' ich gesagt, die oder keine!"

Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall, der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu besch?ftigen. Lohengrin zeigte sein J?gerhemd! Eben stimmte er an: ?Atmest du nicht mit mir die sü?en Düfte", da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging. Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugekn?pft hatte, herrschte im Hause lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stie? auf ein Bedenken. ?Wie lange tr?gt er das Hemd schon? Und überhaupt, er hat doch nichts mit, der Schwan ist mit seinem Gep?ck abgeschwommen!" Diederich verwies ihr ernstlich das Nachdenken. ?Du bist gerade so eine Gans wie Elsa", stellte er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges [pg 377]Attentat mi?lang durch Gottes Fügung; aber die Weiber, dies mu?te Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest anzog, eher noch subversiver.

Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles nationale Zubeh?r war wieder da; und ?für deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches Kraft bew?hrt": bravo! Aber Lohengrin schien nun wirklich entschlossen, sich aus dem ?ffentlichen Leben zurückzuziehen. ?überall wurde an mir gezweifelt", durfte auch er sagen. Nacheinander klagte er den toten Telramund und die ohnm?chtige Elsa an. Da keins von beiden ihm widersprach, h?tte er ohne weiteres recht behalten; dazu kam aber noch, da? er tats?chlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen Versammlung, die noch nie von ihm geh?rt hatte, eine ungeheure Bewegung hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen sie erwartet zu haben, nur nicht, da? er Lohengrin hie?. Um so dringlicher ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und unnahbar. übrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans von einer kr?ftigen Taube gezogen, hinter sich lie?. Dafür war der junge, soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfürst, dem Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.

?Das kommt davon", bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half. Alle diese Katastrophen, die Wesens?u?erungen der Macht waren, hatten ihn erhoben und tief [pg 378]befriedigt. ?Wovon kommt es denn", meinte Guste, zum Widersprechen aufgelegt. ?Blo? weil sie wissen will, wer er ist? Das kann sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anst?ndig." – ?Es hat einen h?heren Sinn", erkl?rte ihr Diederich streng. ?Die Geschichte mit dem Gral, das soll hei?en, der allerh?chste Herr ist n?chst Gott nur seinem Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner Majest?t in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage nichts, und eventuell –." Eine Handbewegung gab zu verstehen, da? auch er, in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern würde. Dies erboste Guste. ?Das ist ja Mord! Wie komm' ich dazu, da? ich mu? draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!" Und Guste rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch nichts geschehen war.

Auf dem Heimweg vers?hnten sich die Verlobten. ?Das ist die Kunst, die wir brauchen!" rief Diederich aus. ?Das ist deutsche Kunst!" Denn hier erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. Emp?rung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der h?chste Wert gelegt, und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und sympathisch, da? in dieser Sch?pfung der sch?nere und geliebtere Teil der Mann war. ?Ich fühl' das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen Mann", sangen auch die M?nner samt dem K?nig. So war denn die Musik an ihrem Teil der m?nn[pg 379]lichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war, und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Aufführungen einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war! Diederich sprach es aus: ?Das Theater ist auch eine meiner Waffen." Kaum ein Majest?tsbeleidigungsproze? konnte die Bürger so gründlich aus dem Schlummer rütteln. ?Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm' ich den Hut ab." Er schlug ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste mu?te ihn aufkl?ren, es sei nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, ?u?erte sich Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten gab es eine Rangordnung. ?Die h?chste ist die Musik, daher ist es die deutsche Kunst. Dann kommt das Drama."

?Warum?" fragte Guste.

?Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen braucht, und überhaupt."

?Und was kommt dann?"

?Die Portr?tmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder. Das übrige ist nicht so wichtig."

?Und der Roman?"

?Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt schon der Name."

Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der Leute, Diederich aus Gründen der Politik. Um mehr Eindruck zu machen, hatte man beschlossen, da? Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den Schnurrbart an den [pg 380]Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den Verhandlungen über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden Gesch?ftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu erfüllen, vertiefte sich jetzt ?fter in seine Gesch?ftsbücher ... Sogar am Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, sa? er im Kontor; da ward eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. ?Was kann der wollen, S?tbier?" Der alte Buchhalter wu?te es auch nicht. Na egal. ?Einen Offizier kann ich nicht abweisen." Und Diederich ging selbst zur Tür.

In der Tür aber erschien ein ungew?hnlich strammer Herr in einem grünlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von seinem grünen Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt, regnete es. ?Zun?chst wollen wir uns mal trocken legen", versetzte der Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er schnarrend: ?Verkaufen, was? Klemme, was?" Diederich begriff nicht sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf S?tbier. Der Alte hatte sich wieder an seinen Brief gemacht. ?Herr Premierleutnant haben sich gewi? in der Hausnummer geirrt", bemerkte Diederich schonend; aber es half nichts. ?Quatsch. Wei? Bescheid. Nur keine Fisimatenten. H?herer Befehl. Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott."

Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht l?nger übersehen, da? trotz der milit?rischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure Strammheit nicht echt war und da? seine Augen verglast waren. In dem Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein grünes Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es [pg 381]seines Wassers auf Diederichs Frackhemd. Dies veranla?te Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm ihn sehr übel. ?Ich stehe Ihnen zur Verfügung", schnarrte er. ?Die Herren von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden." Dabei zwinkerte er angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher Verdacht kam, verga? seinen Zorn, er war einzig bedacht, den Premierleutnant aus der Tür zu dr?ngen. ?Wir sprechen drau?en", raunte er ihm zu, und nach der anderen Seite zu S?tbier: ?Der Herr ist sinnlos betrunken, ich mu? sehen, wie ich ihn los werde." Aber S?tbier hatte die Lippen zusammengepre?t, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu seinem Brief zurück.

Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm. ?Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch." Erst nachdem auch er durchn??t war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: ?Glas Schnaps! Kaufe alles, Schnaps mit!" Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er ?ffnete den Verschlag, wo die Chlors?cke lagen, und bef?rderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein. Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: ?Karnauke mein Name, warum stinken Sie so?"

?Haben Sie einen Hintermann?" fragte Diederich. Der Herr nahm auch das übel. ?Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat." Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommerm?ntelchen. ?Momentane Verlegenheit", schnarrte er. ?Vermittle Kavalieren. Ehrensache."

?Was bietet Ihr Auftraggeber?"

?Hundertzwanzig die Kiste."

[pg 382] Und wie Diederich sich entsetzte oder emp?rte: zweihunderttausend sei sein Grundstück wert, der Premierleutnant blieb dabei: ?Hundertzwanzig die Kiste."

?Nicht zu machen" – Diederich vollführte eine unvorsichtige Bewegung nach dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mu?te ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. ?Stehen Sie auf," keuchte Diederich, ?hier werden wir gebleicht." Der Premierleutnant heulte auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, – und pl?tzlich hatte er seine stramme Haltung zurück. Er zwinkerte. ?Pr?sident von Wulckow eklig hinterher, da? Sie verkaufen, sonst kein Gesch?ft mit ihm zu machen. Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste." Diederich, bleicher als w?re er im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: ?Hundertfünfzig", – aber die Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte! Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste Gericht!... Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte er sich aus! H?tte man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Gesch?ft verhandeln k?nnen? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen; auf Gesch?fte verstanden sie sich noch immer nicht. ?Gehen Sie nur voran zum Notar," raunte Diederich, ?ich komme gleich." Er lie? ihn hinaus. Wie er aber selbst fort wollte, stand da der alte S?tbier, noch immer mit den gekniffenen Lippen. ?Was wünschen Sie?" Diederich war ermattet.

?Junger Herr," begann der Alte hohl, ?was Sie jetzt vorhaben, dafür kann ich nicht mehr die Verantwortung tragen."

[pg 383] ?Wird nicht verlangt." Diederich gab sich Haltung. ?Ich wei? allein, was ich tue." Der Alte hob beschw?rend die H?nde.

?Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen Vater und mir, die verteidige ich! Da? wir das Gesch?ft aufgebaut haben mit Flei? und solider Arbeit, dadurch sind Sie gro? geworden. Und wenn Sie mal teure Maschinen kaufen und mal die Auftr?ge ablehnen, das ist ein Zickzackkurs, damit bringen Sie das Gesch?ft herunter. Und jetzt verkaufen Sie das alte Haus!"

?Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne da? Sie dabei sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erk?lten Sie sich hier nur nicht." Diederich h?hnte.

?Sie dürfen es nicht verkaufen!" jammerte S?tbier. ?Ich kann nicht zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der Firma untergr?bt und treibt Gro?mannspolitik."

Diederich ma? ihn mitleidig. ?Gro?zügigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht erfunden, S?tbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Sp?ter werden Sie sehen, wozu es gut war, da? ich das Haus verkaufe."

?Ja, das werden Sie auch erst sp?ter sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Proze? anh?ngt. Sie haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte –: blo? da? ich Piet?t habe, sonst k?nnte ich Sie ins Unglück bringen!"

Der Alte war au?er sich. Er kreischte, Tr?nen der Wut in den roten Lidern. Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die Nase. ?Das ver[pg 384]suchen Sie mal! Ich beweise glatt, da? Sie die Firma bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine Vorkehrungen getroffen?"

Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; S?tbier rollte blutige Aug?pfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurück. ?Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bew?hrte Kraft so lange als m?glich zu erhalten."

?Das k?nnte Ihnen passen", sagte Diederich hart und kalt. ?Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt." Und er schritt von dannen.

Beim Notar verlangte er, da? in den Kaufvertrag als K?ufer ?Unbekannt" gesetzt werde. Karnauke feixte. ?Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn von Quitzin." Darauf l?chelte auch der Notar. ?Ich sehe," sagte er, ?Herr von Quitzin arrondiert sich. Bislang geh?rte ihm in der Meisestra?e nur die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstücke hinter dem Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen."

Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion, solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren. ?Wei? ich", sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. ?Freudentag. Frühstück Hotel Reichshof. Bin gerüstet." Er ?ffnete das grüne M?ntelchen und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder mit seinen Zeugen.

Die Braut wartete schon l?ngst, die beiden Mütter [pg 385]trockneten ihr die Tr?nen, unter dem anzüglichen L?cheln der anwesenden Damen. Auch dieser Br?utigam ging durch! Magda und Kienast waren emp?rt; und zwischen Schweinichenstra?e und Meisestra?e liefen Boten ... Endlich! Diederich war da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erkl?rungen. Am Standesamt und in der Kirche wirkte er verst?rt. Allerseits bemerkte man, auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor Zillich erw?hnte in seiner Ansprache, da? der irdische Besitz etwas Verg?ngliches sei. Man begriff seine Entt?uschung. K?thchen war gar nicht erschienen.

Beim Hochzeitsfrühstück sa? Diederich schweigend und sichtlich noch anders besch?ftigt. Selbst das Essen verga? er oft und stierte in die Luft. Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die Versammlung nach Ma?gabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene L?rm des Festes brach j?h ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein blaues Band h?ngen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ... Ah! und Tumult und Glückwünsche. Diederich reichte beide H?nde hin, eine Selig[pg 386]keit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete von selbst und bevor er wu?te was. ?Seine Majest?t ... Unerh?rte Gnade ... Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ..." Er dienerte, er legte, wie Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf das Herz, schlo? die Augen und versank: so als st?nde vor ihm ein anderer, der Geber selbst. Unter der Gnadensonne fühlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg. Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal Wilhelm des Gro?en und Gausenfeld, Gesch?ft und Ruhm!

Der Aufbruch dr?ngte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschüchtert, bekam einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen er entgegengeführt werden sollte, von gro?en Dingen, die man mit ihm und der ganzen Familie vorhabe – und fort war Diederich mit Guste.

Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorh?nge zu. Sein von Glück beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste h?tte so viel Temperament nie erwartet. ?Du bist doch nicht wie Lohengrin", bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen schlo?, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr, ordenbehangen, eisern und blitzend. ?Bevor wir zur Sache selbst schreiten," sagte er abgehackt, ?gedenken wir Seiner Majest?t unseres allergn?digsten Kaisers. Denn die Sache hat den h?heren Zweck, da? wir Seiner Majest?t Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern."

?Oh!" machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrückt in h?heren Glanz. ?Bist – du – das – Diederich?"

* * *

[pg 387]

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