twas au?erhalb der ?stlichen Mauer Kosambis liegt ein sch?ner Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist. Auf einer Lichtung steht noch das Heiligtum, freilich in sehr verfallenem Zustande. Schon l?ngst fand in diesem uralten Tempelchen kein Opferdienst mehr statt, weil dem Krishna, dem es geweiht ist, ein neuer, weit gr??erer und prachtvoller Tempel in der Stadt selber erstanden war.
In der Ruine aber hauste au?er einem Eulenpaar eine Heilige, die des Rufes geno?, mit Geistern in Verbindung zu stehen, durch deren Hilfe sie einen Einblick in die Zukunft bekam--einen Einblick, den die gute Seele Opfergabe darbietenden Mitmenschen nicht vorenthielt. Solche pilgerten denn auch in gro?er Zahl zu ihr hin, und zwar vornehmlich nach Sonnenuntergang junge verliebte Leute beiderlei Geschlechts, und es gab b?swillige Zungen, die behaupteten, die Alte sei eher eine Kupplerin, denn eine Heilige zu nennen. Wie dem nun auch sein m?ge, diese Heiligkeit war gerade das, was wir brauchten, und ihr Tempelchen wurde als St?tte unserer Zusammenkunft ausersehen.
Am n?chsten Tage zog ich mit meinen Ochsenkarren ab, und zwar zu der Stunde, da sich die Leute in den Bazar oder in die Gerichtshalle begaben. Dabei w?hlte ich geflissentlich die belebtesten Stra?en, so da? meine Abreise meinem Feinde Satagira gewi? kein Geheimnis bleiben konnte. Aber schon nach wenigen Stunden der Fahrt machte ich in einem gro?en Dorfe Halt und lie? meine Karawane dort ihr Nachtquartier beziehen, zu nicht geringer Freude meiner Leute. Ich selbst bestieg ein frisches Pferd und ritt gegen Sonnenuntergang, in den groben Mantel eines meiner Diener gehüllt, denselben Weg nach Kosambi zurück.
Es war v?llig Nacht geworden, bis ich den Sinsapawald erreichte. Als ich behutsam mein Reittier zwischen die St?mme hineinlenkte, wurde ich, wie zum Willkommen, von dem herrlichen Dufte der Nachtlotusblüten auf dem alten Krishnateiche empfangen. Bald zeichnete das zerbr?ckelnde, von G?tterbildern wimmelnde Tempeldach seine zackigen und wirren Formen gegen den sternenfunkelnden Himmel. Ich war am Ziele. Kaum hatte ich mich aus dem Sattel geschwungen, so waren auch meine Freunde schon an meiner Seite. Mit einem Aufschrei des Entzückens stürzten Vasitthi und ich einander in die Arme, halb besinnungslos vor Freude des Wiedersehens, und ich wei? nur noch von Liebkosungen, stammelnden Worten der Z?rtlichkeit und Beteuerung unserer Liebe und Treue, bis ich j?h emporschrak durch das unerwartete Gefühl eines weich f?chelnden Fittichs, der mir die Wange streifte, worauf sofort der Schrei einer Eule und der h??liche Klang einer gesprungenen Bronzeglocke mich v?llig aus der Liebesverzückung erweckten.
Medini hatte am Strange der alten Gebetglocke gezogen und dadurch die Eule aus der Nische, in der sie hauste, verscheucht. Dies tat das gute M?dchen nicht so sehr, um die Heilige zu rufen, als vielmehr, weil sie sah, da? diese schon zum Tempelchen herauskam, offenbar ungehalten, weil sie Stimmen im heiligen Bezirk vernommen hatte, ohne da? gel?utet oder angepocht worden w?re.
Medini erkl?rte der Alten, der gro?e Ruf ihrer Heiligkeit und ihrer erstaunlichen Kenntnisse habe sie und diesen jungen Mann--wobei sie auf Somadatta zeigte--bewogen, sie aufzusuchen, um Auskunft über das zu erhalten, was von der Zeit noch verborgen sei. Die Heilige erhob prüfend den Blick zum Himmel und meinte, da das Siebengestirn gerade eine ungemein günstige Stellung zum Polarstern einn?hme, dürfte sie wohl hoffen, da? die Geister ihre Hilfe nicht versagen würden; worauf sie Somadatta und Medini einlud, in das Haus Krishnas, des sechzehntausendeinhundertfachen Br?utigams[1], einzutreten, der einem liebenden Paar gern seine Herzenswünsche gew?hre. Vasitthi und ich blieben aber, als vermeintliche Dienerschaft, drau?en zurück.
[1] Die sich an diesen seltsamen Namen knüpfende Legende wird im Kapitel "Buddha und Krishna" erz?hlt--s.S. 242 ff.
Wie wir uns nun zuschwuren, da? nur der Alles hinraffende Tod uns sollte trennen k?nnen, wie wir von meiner baldigen Rückkehr, sobald die Regenzeit vorüber w?re, sprachen und Mittel und Wege er?rterten, um ihre sehr reichen Eltern dahin zu bringen, da? sie in unsere Verbindung einwilligten, und wie dies von unz?hligen Küssen, Tr?nen und Umarmungen unterbrochen wurde: das w?re ich nicht einmal mehr imstande, dir genau zu erz?hlen, denn es ist in meinem Ged?chtnis nur wie die Erinnerung an einen wirren Traum zurückgeblieben. Noch weniger aber kann ich, wenn du selbst nicht ?hnliches erlebt hast, dir eine Vorstellung davon geben, wie sich in jeder Umarmung wonniges Entzücken und herzzerrei?ende Verzweiflung umschlangen; denn eine jede gemahnte daran, da? die letzte für diesmal bald folgen würde; und wer stand dafür ein, da? diese dann nicht die letzte überhaupt war?
Nur gar zu bald traten Somadatta und Medini wieder aus dem Tempel heraus. Die Heilige wollte nun auch uns die Zukunft offenbaren, aber Vasitthi entsetzte sich ob dieses Gedankens.
"Wie sollte ich es denn ertragen, wenn eine unheildrohende Zukunft sich entschleierte?" rief sie aus.
"Warum denn auch gerade unheildrohend?" meinte die wohlwollende Alte, die wohl wegen ihrer Heiligkeit freundliche Lebenserfahrungen gemacht haben mochte. "Auch dem Diener blüht das Glück," fügte sie verhei?ungsvoll hinzu.
Aber Vasitthi lie? sich durch ihre Worte nicht locken; schluchzend umklammerte sie meinen Hals.
"Ach, mein einzig Geliebter," rief sie, "mir ist es, als ob die Zukunft mit unerbittlichem Gesicht dreinschaute. O, ich fühle es,--ich werde dich nie mehr wiedersehen!"
Obwohl mich diese Worte mit eisigem Schauer durchrieselten, versuchte ich ihr doch diese grundlose Angst auszureden; aber eben, weil sie grundlos war, vermochten meine beredtesten Worte wenig oder gar nichts. Die Tr?nen rollten unaufhaltsam über Vasitthis Wangen; mit einem Blick überirdischer Liebe ergriff sie meine Hand und drückte sie an ihre Brust.
"Aber wenn wir uns hier nicht mehr sehen sollten, so wollen wir uns doch treu bleiben, und wenn dies kurze und leidenvolle Erdenleben vorüber ist, wollen wir uns im Paradiese wiederfinden und dort vereinigt auf immer himmlische Wonne genie?en.... O, Kamanita! Versprich mir das--wie viel st?rker wird das mich aufrichten als alle tr?stenden Worte! Denn diese sind ja doch gegen den unvermeidlichen, schon heranbrausenden Schicksalsstrom so ohnm?chtig wie das Schilf gegen die Wasserflut. Aber allm?chtig, neues Leben geb?rend, ist der heilige, feste Entschlu?."
"Wenn es nur darauf ankommt, geliebte Vasitthi--wie sollte ich dich dann nicht überall finden?" sagte ich, "aber hoffen wir, da? es in dieser Welt geschehen wird!"
"Hier ist Alles unsicher, und schon der Augenblick, in dem wir sprechen, geh?rt uns nicht an--aber nicht so im Paradiese."
"Ach, Vasitthi," seufzte ich, "gibt es ein Paradies--und wo liegt es?"
"Wo die Sonne untergeht," sagte sie mit voller überzeugung, "liegt das Paradies des grenzenlosen Lichtes, und Allen, die den Mut haben, das Irdische zu verachten und ihr Denken auf jenen Ort der Seligkeit zu richten, steht dort eine reine Geburt bevor, aus dem Scho?e einer Lotusblume. Die erste Sehnsucht nach jenem Paradiese bringt dort im heiligen, kristallklaren See eine Knospe hervor, jeder reine Gedanke, jede gute Tat l??t sie anschwellen, w?hrend alles B?se, was in Gedanken, Wort und Tat vollbracht wird, wie ein Wurm in ihr nagt und sie dem Verwelken nahe bringt."
Ihre Augen leuchteten gleich Tempelkerzen, als sie so sprach mit einer Stimme, die wie die lieblichste Musik klang.
Dann erhob sie ihre Hand und zeigte hinauf, wo über den schwarzen Wipfeln der Sinsapab?ume die Milchstra?e sich in sanft strahlendem Alabasterglanz durch die mit funkelnden Sternen übers?te, purpurdunkle Himmelsebene streckte.--
"Sieh dort, Kamanita," rief sie--"die himmlische Ganga! Schw?ren wir bei ihren silbernen Wellen, die die Lotusseen jener seligen Gefilde speisen,--unsere ganze Seele darauf zu richten, dort unserer Liebe eine ewige Heimat zu bereiten."
Seltsam bewegt, hingerissen und in meinem Innersten tief erschüttert, erhob ich meine Hand zu der ihren, und unsere Herzen bebten gemeinsam bei dem g?ttlichen Gedanken, da? in diesem Augenblick in unabsehbaren Weltenfernen hoch über den Stürmen dieses irdischen Daseins eine Doppelknospe ewigen Liebeslebens sich bildete.
Als ob hiermit ihre Kr?fte ersch?pft w?ren, sank Vasitthi in meine Arme, wo sie wie leblos liegen blieb, nachdem sie noch einen hinsterbenden Abschiedsku? auf meine Lippen gedrückt hatte.
Ich legte sie sanft in die Arme Medinis, bestieg mein Pferd und ritt davon, ohne da? ich mich noch einmal umzusehen wagte.